27. Juli 2012 / Daniel Elsea

London schaut nach Osten

Dabei sein ist alles! Die Olympischen Spiele in London beginnen und Garten + Landschaft ist dabei. Die Augustausgabe, die am 6. August erscheint, widmet sich dem Londoner Osten rund um den Olympiapark im Lower Lea Valley. Einen ersten Einblick in die städtebaulichen Visionen gibt Daniel Elsea vom Büro AECOM, die den Masterplan entwickelten.

Der Masterplan für die Entwicklung des Lower Lea Valley sieht die Olympischen Spiele nur als Zwischenschritt. Der Olympiapark dient als Katalysator für eine umfassende Sanierung des Londoner Ostens. Als Vorbild dient die Geschichte der großen Londoner Parks.

Der Olympiapark, entworfen von Hargreaves Associates, soll Katalysator für die Entwicklung des Londoner Ostens sein. Bild: ODA

London möchte mit den Olympischen Spielen die Entwicklung von London entscheidend beeinflussen. Um diese internationale Veranstaltung als einen Katalysator für positive und langanhaltende Veränderungen zu nutzen, war der Prozess, einen Schauplatz für die Olympischen Spiele in London zu erschaffen, langfristig orientiert. Vor allem gilt dies für die Regeneration des riesigen Geländes im Osten Londons. Damit das Ziel erreicht werden konnte, musste ein Masterplan entwickelt werden, der den  Olympiapark der Zukunft als Teil eines attraktiven und geschäftigen neuer Stadtteils vorsieht, wobei die Olympischen Spiele nur ein kurzes Intermezzo im  Regenerationsprozess sind. Sie fungieren nur als Zwischenschritt.
In der Geschichte Londons spielten die großen Parks immer eine wichtige Rolle in der Stadtentwicklung: Im 15. Jahrhundert entstand mit dem Greenwich Park der erste bedeutende Park der Handelsstadt, direkt am Ufer der Themse. Mit dem St. James Park, dem Hyde Park, dem Green Park und dem Richmond Park orientierte sich London im 17. Jahrhundert nach Westen und das viktorianische London erweiterte die Stadtgrenze in Richtung des mittelständischen Norden und des industriellen Osten – der Regent’s und der Victoria Park entstanden. Mit dem Queen Elizabeth Olympic Park schaut London nach Osten: Ein neuer Park rückt den multikulturellen und gut angebundenen Osten ins Zentrum der Stadt.
Wegen seiner unzähligen Kanäle, Straßen und Eisenbahnlinien, Wasserleitungen, Abwasserkanäle und Strommasten galt das Lower Lea Valley schon seit jeher als Londons Bediensteteneingang. Eine oft zitierte Statistik besagt, dass mit jeder U-Bahnstation in Richtung Osten die durchschnittliche Lebenserwartung um ein Jahr abnimmt. Der Olympiapark befindet sich an der Central Line, neun Stationen vom Zentrum in Oxford Circus entfernt. Trotzdem: die Gastgeberstadtteile Hackney, Tower Hamlets und Newham beheimaten eine der wahrscheinlich dynamischsten Künstlerszenen der Welt mit einer vielsprachigen und verhältnismäßig jungen Bevölkerung.

Um den Park mit der Umgebung zu vernetzen, wurde das Büro AECOM mit einem Masterplan beauftragt. Karte: AECOM, Allies and Morrison, KCAP

Die Gestaltung der Kulisse für die 30. Olympischen Spiele ist nur ein kleiner Schritt auf dem langen Weg diese Stadtquartiere zu sanieren. Dabei agiert der Olympiapark als Katalysator. In Anlehnung an Londons Parktradition sollte der Park am Stadtrand ein Magnet für Investitionen und Bauprojekte sein. Das von der AECOM entwickelte Konzept sieht nicht nur vor, das städtische Gefüge wiederherzustellen, sondern vermeidet auch, einen typischen Freizeitpark zu bauen. Somit wird ein Areal geschaffen, das sich in das benachbarte Gefüge der Stadt integriert. Dies soll nicht linear, sondern  eher tentakelhaft geschehen – vergleichbar mit den Fingern einer Hand.

Die Arbeiten im Lower Lea Valley sind schon in vollem Gange. Die Fotos zeigen ein Industrieareal in Holburn im Jahr 2005 und im Jahr 2011. Bild: AECOM, Fotos David Lloyd

Ganz am Anfang der Arbeiten an diesem vernetzten Projekt stand die Begutachtung eines 1 500 Hektar großen Geländes mitten im Lea Valley. Die Vision für das Gebiet beruht auf seiner reichen Vergangenheit sowie seinem herausragendsten Merkmal – dem Wasser. Der Masterplan für das Olympiagelände sieht eine zweigeteilte Landschaft vor – inspiriert von dem Fluss Lea und dem Kanalsystem, das durch das Gelände führt. Die unteren Bereiche wurden schon erneuert, sie bilden das grüne Herzstück des Parks während der Olympischen Spiele.  Die Sportveranstaltungen werden auf einem Plateau stattfinden, das später in eine Parklandschaft umgewandelt werden wird, die das nachhaltige Erbe der Sommerspiele sichern soll.
Das Gelände, auf dem sich der Queen Elizabeth Olympic Park befindet (mehr als 230 Hektar groß), erstreckt sich über ungefähr ein Fünftel des gesamten Regenerationszone des Lower Lea Valley und grenzt über eine Strecke von zwei Kilometer direkt an den Fluss Lea. Im Herzen des Geländes befindet sich nicht nur dieser besagte Fluss, sondern auch ein Kanalsystem und ein Gewirr an Infrastruktur, wie zum Beispiel Strommasten, Straßen, Abflusskanäle und Eisenbahnschienen. Dies alles musste saniert werden. Das Gelände war durch heruntergekommene Gebäude und Verfall gezeichnet. Ein Großteil des Erdreichs war durch Schadstoffe verschmutzt  – ein Erbe der Billigindustrie und Mülldeponien. Außerdem wurden dort nach den Angriffen der deutschen Luftwaffe in den 1940er Jahren tausende Tonnen Schutt abgeladen. Für den Olympiapark musste Land angekauft, geräumt und saniert werden. Unter anderem wurde etwa 1,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ausgegraben, behandelt und gesäubert, während gleichzeitig der Befall von Neophyten eingeschränkt werden musste. 90 Prozent der Abrissmaterialien wurden wiederverwertet. Außerdem wurden 50 Strommasten abgerissen und mehr als sechs Kilometer Stromkabel in zwei Tunneln unterirdisch verlegt. Zusätzlich wurden Wasserstraßen auf einer Länge von acht Kilometer gesäubert und der Lebensraum vieler Wildtiere verbessert, indem einheimische Pflanzen wie zum Beispiel Eiche, Weide, Birke, Haselnussbäume, Stechpalmen, Schwarzdorn und Weißdorn angesiedelt wurden.
Lange wurde über Möglichkeiten nachgedacht wie  das Gelände am besten mit dem Rest der Stadt zu verknüpfen ist. Deshalb wurde das Design + Planning Studio der AECOM von Trägern öffentlicher Belange und Kommunalbehörden beauftragt, Strategien für eine bessere Raumstruktur des Olympischen Parks, dem Lea Valley Regional Park (der jetzige und das Gebiet nördlich des Olympiageländes) und dem südlichen Rand des Lower Lea Valleys zu entwickeln. Im Tal entstand ein Netz kleinerer, urbaner Projekte, die die Regeneration des Geländes vorantreiben sollen. Sie sind über das gesamte Tal und dem East End  verstreut, vor allem in den Stadtteilen Hackney Wick, Stratford und auf der gesamten Strecke bis nach Canning Town. Dies erweitert den Radius des Geländes, in dem Regenerationsprozesse stattfinden, sogar noch.

Die Olympischen Spiele sind nur ein kleiner Schritt auf dem langen Weg, die Stadtquartiere im Lower Lea Valley zu sanieren. Grafik: Smoothe

Was gibt es besseres für eine Stadt, die mit ihren grünen Parks groß wurde, als positive Stadtentwicklung im Stil des 21. Jahrhunderts? Einen neuen Park bauen, um Investitionen anzukurbeln, die Lebensgrundlage verbessern, neue Räume für Bürgerbeteiligung schaffen, während gleichzeitig gutgemeinte, aber übertriebene Bauobjekte eingeschränkt werden. Genau das ist es, was London seit Jahrhunderten getan hat.
Der Masterplan der AECOM für das Lea Valley und das Olympiagelände fasst diese Vision am besten zusammen: Der Report fordert „keine neuen Freizeitparks, keine hygienischen, viel zu kosmetischen Olympischen Dörfer mehr.“ Er appelliert and Leiter und Mitglieder von Interessengruppen, sich stattdessen für ein anderes Konzept zu entscheiden: Nichts Geringeres als „die Korrektur  des freimütigen, skurrilen und  kühnen Haltungsmangels Londons.“

Aus dem Englischen von Julia Schäfer

 
 
 
 
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