02. November 2011 / Robert Schäfer

Snøhetta: Holz in der Hütte

Wer sein kleines Architekturbüro hoch über der berüchtigten Kneipe Dovrehallen in Oslo gründet, Paolo Conte als Inspiration für einen wichtigen Wettbewerbsentwurf nimmt, am Ground Zero baut und mit der Oper von Oslo Utzorns Oper von Sydney vergessen ließ, der darf diesem Büro auch den Namen Snøhetta geben. So heißt der höchste Berg des Dovregebirges, das den Norwegern beinahe heilig ist. Es ist in der norwegischen Verfassung als Beständigkeitsgarant genannt (Norwegen hat daher auch den Euro abgelehnt) und kommt in Ibsens Peer Gynt vor. Nach dieser zwielichtigen Gestalt wiederum ist Norwegens bedeutendster Kulturpreis benannt, den 2008 Snøhetta als erstes Architekturbüro abräumte.
Klar also, dass Snøhetta den Auftrag bekam, als es darum ging, zwei Hütten auf das Tverfjell zu setzen. Unprosaisch handelt es sich um eine geräumige Holzkiste mit einem kommunikationsfördernden zweitöpfigen Plumpsklo und einer Beobachtungshütte, die dem Wildrentierforschungszentrum Hjerkinn zugeordnet ist.

Dazu muss man wissen, dass das Tverfjellgebiet (fjell bedeutet Gebirge) etwa 100 Jahre als Testgebiet für Bomben und andere Munition herhalten musste und zugleich ein wichtiges Erzbergwerk beheimatete. Als das Militär einen besseren Platz als den Dovre-Nationalpark fand, begann die Renaturierung: Munitionsbergung, Neubepflanzung mit Pioniergehölzen und ein Forschungszentrum, das sich um die Hege der knapp 10 000 Tiere umfassenden wilden Rentierpopulation des Dovre sowie um die wiedereingebürgerten Moschusochsen kümmern soll.
Da die eine Hälfte der Norweger gerne superschnell und kraftstrotzend Berge hochrennt und die wilde Natur als Sportgelände nutzt und die andere Hälfte gerne bequem mit dem Auto schöne Landschaften ansteuert, spendierte man dem geschundenen Tverfjell eine Hütte, für die man noch einen attraktiven Namen sucht. Nur eine halbe Stunde Fußweg führt vom Parkplatz zu einer klassischen Box aus Betonplattform, Cortenstahlwänden und Glas. Die Panoramascheibe bietet einen Blick auf den Snøhetta, der für sich schon atemberaubend ist. Architektonische Konkurrenz bietet allerdings die Rückwand des Gebäudes. Sie ist aus Kiefernholz fabriziert nach allen Regeln der Handwerkskunst. Eine Holzskulptur, die so nur durch computergestützte Modellierung möglich ist. Sitzlandschaft, Wand und Blickfang innen wie außen – kontrastiert von einem eleganten französischen Kamin, der ein wenig Wärme verströmen kann, aber ganz profan auch zum Würstelgrillen taugt.
Nur wer wirklich Glück hat, sieht in der Ferne gelegentlich Rentiere weiden. Eher noch tauchen schwarze Wollknäuel im Blickfeld auf, die Moschusochsen.

Im Juni wurde das Gebäude eingeweiht, und jetzt wird es im Novemberheft von Garten + Landschaft vorgestellt, zusammen mit weiteren Glanzlichtern norwegischer landschaftsbezogener Baukunst.

Fotos: Snøhetta (2), Robert Schäfer (10)

 
 
 
 
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