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Vogelperspektive auf nachhaltige urbane Strukturen in Deutschland, fotografiert von Markus Spiske.

Die 1-Minute-City ist das neue Mantra für ultraschnelle Erreichbarkeit und hyperlokale Stadtqualität – und kaum irgendwo wird dieses Konzept radikaler und raffinierter erprobt als in Stockholm. Warum die skandinavische Metropole zum Innovationslabor einer neuen urbanen Nähe avanciert, welche Prinzipien dahinterstecken, was das für Planung, Beteiligung und Freiräume bedeutet – und was deutsche Städte (nicht) kopieren sollten, erfahren Sie exklusiv bei G+L.

  • Einführung in das Konzept der 1-Minute-City und seine Ursprünge in Stockholm
  • Vergleich mit der 15-Minuten-Stadt und anderen internationalen Stadtmodellen
  • Praktische Umsetzungen in Stockholms Stadtteilen: Straßenraum, Mikroquartiere, Grünflächen, Mobilität
  • Die Rolle von Digitalisierung, Partizipation und temporären Experimenten
  • Herausforderungen und Grenzen: Gentrifizierung, Governance, Skalierbarkeit
  • Übertragbarkeit auf deutsche, österreichische und schweizer Städte
  • Planerische, soziale und ökologische Auswirkungen der 1-Minute-City
  • Ausblick: Was kommt nach der 1-Minute-City? Visionen für die ultranahbare Stadt

Stockholm und die Geburt der 1-Minute-City: Was steckt hinter dem Hype?

Wer hätte gedacht, dass Stockholm zum Sehnsuchtsort für Planer avanciert, die nach neuen Antworten auf urbane Dichte, Lebensqualität und Resilienz suchen? Die schwedische Hauptstadt setzt seit einigen Jahren Maßstäbe in Sachen Stadtentwicklung – nicht nur mit ihren berühmten Wasserlagen, ihren grünen Achsen oder der legendären Sozialwohnungsarchitektur. Vielmehr macht Stockholm mit einem Konzept Schlagzeilen, das auf den ersten Blick fast absurd klingt: die 1-Minute-City. Während die 15-Minuten-Stadt von Paris, Barcelona oder Portland inzwischen in aller Munde ist, geht Stockholm einen radikaleren Schritt. Hier lautet das Ziel, die wichtigsten Funktionen des Alltags in einer Gehminute zu erreichen – also maximal 80 Meter von der Haustür entfernt. Was wie ein Marketingtrick klingt, ist tatsächlich Ergebnis einer klugen Strategie für eine Stadt, in der Nähe nicht nur ein Versprechen, sondern ein planerisches Dogma ist.

Die Idee der 1-Minute-City hat ihren Ursprung im pandemiegeprägten Jahr 2020. Während Lockdowns öffentliche Räume in Geisterzonen verwandelten und Mobilität zum Risiko wurde, fragte die Stockholmer Stadtverwaltung: Wie kann der öffentliche Raum so umgestaltet werden, dass Alltagsbedürfnisse lokal, sicher und attraktiv befriedigt werden? Das Resultat war kein Masterplan aus dem Elfenbeinturm, sondern eine Serie von temporären, partizipativ entwickelten Interventionen. Straßen wurden zu Begegnungszonen, Parkplätze zu Nachbarschaftsplätzen, Baulücken zu Pocket Parks umfunktioniert. Immer ging es darum, die Schwelle zwischen privatem und öffentlichem Raum zu senken und spontane Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen.

Was die 1-Minute-City von anderen Stadtmodellen unterscheidet, ist ihre radikale Kleinteiligkeit. Während die 15-Minuten-Stadt auf Quartiersebene denkt, zoomt Stockholm in die Mikroebene: den Häuserblock, die Straßenecke, das Treppenhaus, den Hauseingang. Der Fokus liegt nicht auf großen Infrastrukturprojekten, sondern auf der Umnutzung und Programmierung bestehender Flächen. Das Ziel: Möglichst viele Aufenthaltsqualitäten, Begegnungsräume und Funktionen auf engstem Raum stapeln. Spielplätze, Hochbeete, Fahrradreparaturstationen, mobile Bibliotheken, temporäre Marktplätze und Kulturorte entstehen quasi aus dem Nichts – oft über Nacht und mit einfachsten Mitteln.

Für die Stadtplanung bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Nicht mehr das große Wurf, sondern das feine Nachjustieren, das Experimentieren und das temporäre Testen stehen im Vordergrund. Die Stadt wird zum Labor, der öffentliche Raum zum Spielfeld für kollektive Aneignung. Es geht um Geschwindigkeit, Flexibilität und die Fähigkeit, auf Bedürfnisse in Echtzeit zu reagieren. Man könnte sagen: Die 1-Minute-City ist Stadtplanung im Modus der Beta-Version – und damit so aktuell wie nie zuvor.

Doch ist das wirklich mehr als ein pandemischer Ausnahmezustand? Die Antwort lautet: Ja. Denn Stockholm hat aus der Krise eine Tugend gemacht und die temporären Interventionen inzwischen in dauerhafte Strategien verwandelt. Die 1-Minute-City ist längst fester Bestandteil der städtischen Entwicklungsplanung, eingebettet in Mobilitätskonzepte, Freiraumprogramme und Vergabekriterien für neue Quartiere. Was als Notlösung begann, ist heute ein Leitbild für die Gestaltung der resilienten, sozialen und nachhaltigen Stadt der Zukunft.

Von der 15-Minuten-Stadt zur 1-Minute-City: Eine neue Logik urbaner Nähe

Um das Potenzial der 1-Minute-City zu verstehen, lohnt ein Blick auf ihre älteren Geschwister. Die 15-Minuten-Stadt, populär gemacht von Carlos Moreno und Anne Hidalgo in Paris, propagiert die Idee, dass alle wesentlichen Funktionen des Lebens – Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Erholung, Gesundheit – in maximal einer Viertelstunde zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sein sollten. Der Ansatz hat weltweit Furore gemacht und Städte dazu inspiriert, Quartierszentren zu stärken, Nahversorgung auszubauen und Mobilität neu zu denken.

Doch das Prinzip hat auch Grenzen. Wer in suburbanen Lagen oder in autozentrierten Stadtteilen lebt, weiß: Die 15-Minuten-Stadt bleibt oft Wunschdenken. Hinzu kommt, dass große Quartiere oder Stadtteile sozial und funktional sehr heterogen sind. Was für die einen ein lebendiges Zentrum ist, kann für andere eine anonyme Durchgangszone bleiben. Die 1-Minute-City setzt deshalb radikal früher an – sie will den Alltag auf der Mikroebene verbessern, den berühmten „Raum vor der Haustür“ neu definieren. Hier geht es nicht mehr um Versorgung im klassischen Sinn, sondern um Aufenthaltsqualität, Nachbarschaft, soziale Interaktion und die Möglichkeit, das eigene Umfeld aktiv mitzugestalten.

In Stockholm wird das Konzept als Ergänzung zur 15-Minuten-Stadt gedacht, nicht als Ersatz. Die Stadt setzt weiterhin auf funktionale Mischung, kurze Wege und attraktive Mobilitätsangebote. Aber sie fragt auch: Wie können wir die Schwelle zum öffentlichen Raum so niedrig wie möglich halten? Wie schaffen wir Orte, an denen sich Menschen spontan begegnen, aufhalten, spielen, arbeiten oder einfach nur verweilen können – ohne lange Wege, ohne Schwellenangst, ohne Konsumzwang? Die Antwort liegt im konsequenten Umbau des Straßenraums, der Öffnung von Erdgeschosszonen, der temporären Nutzung von Parkplätzen und der programmatischen Verdichtung von Mikroquartieren.

Das klingt nach Gentrifizierung im hippen Skandi-Style? Nicht unbedingt. Denn Stockholm verbindet die 1-Minute-City mit einer starken sozialräumlichen Komponente. Besonders in benachteiligten Stadtteilen werden Interventionen gezielt mit Bewohnern entwickelt, um echte Teilhabe und Identifikation zu ermöglichen. Bürgerbeteiligung ist hier kein Feigenblatt, sondern zentrales Element der Strategie. Digitale Tools, offene Werkstätten und partizipative Budgetverfahren sorgen dafür, dass die 1-Minute-City nicht zur Spielwiese für Kreative verkommt, sondern zum Motor für soziale Integration und Nachbarschaftsbildung.

Der Vergleich mit anderen Städten zeigt: Während in Paris oder Melbourne vor allem große Infrastrukturprojekte im Fokus stehen, setzt Stockholm auf Mikrointerventionen mit maximaler Wirkung. Die Stadt wird zur Bühne für Experimente, zum Schaufenster für innovative Nutzungskonzepte – und zum Vorbild für Kommunen, die in Zeiten knapper Kassen und wachsender Unsicherheiten nach schlanken, agilen und wirksamen Lösungen suchen.

Was bleibt, ist die Frage, wie viel 1-Minute-City in unseren Städten steckt – und wie viel davon übertragbar ist. Klar ist: Die Logik urbaner Nähe verändert sich. Die Zukunft gehört nicht den großen Masterplänen, sondern der Kunst des feinen Nachjustierens. Wer das versteht, wird die Stadt neu erfinden – Schritt für Schritt, Block für Block, Minute für Minute.

Stockholms 1-Minute-City in der Praxis: Mikroquartiere, Freiräume, Mobilität und Beteiligung

Wie aber sieht die 1-Minute-City im Alltag aus? Ein Spaziergang durch Stockholms Stadtteile gibt Antworten. In Vasastan und Södermalm, aber auch in Vorstadtsiedlungen wie Rinkeby oder Skärholmen, sind die Spuren der neuen Planungskultur unübersehbar. Parkplätze werden mit Holzbänken und Pflanzkübeln bespielt, Asphaltflächen verwandeln sich temporär in bunte Spielzonen, Garagenhöfe werden zu Nachbarschaftsgärten. Die Stadt setzt gezielt auf temporäre, reversible und oft niedrigschwellige Maßnahmen – nicht als Ersatz für klassische Grünflächen, sondern als Ergänzung und Verdichtung der bestehenden Infrastruktur.

Ein Schlüssel zum Erfolg ist die konsequente Digitalisierung des öffentlichen Raums. Über interaktive Karten und Apps können die Bewohner Vorschläge machen, Flächen reservieren oder Feedback geben. Die Stadtverwaltung stellt Open-Data-Plattformen bereit, die Nutzungsmuster, Aufenthaltszeiten und Mobilitätsströme in Echtzeit abbilden. Daraus entstehen datenbasierte Prioritäten für Interventionen – und ein kontinuierlicher Lernprozess, der Planung, Betrieb und Nutzung miteinander verschränkt.

Auch die Mobilität wird neu gedacht. Die 1-Minute-City ist keine Absage an den öffentlichen Verkehr oder das Fahrrad, sondern eine Einladung, den Fußverkehr und die Aufenthaltsqualität an erster Stelle zu setzen. Breite Gehwege, gesicherte Querungen, Aufenthaltsinseln und Sitzgelegenheiten schaffen ein dichtes Netz von Mikroräumen, das selbst in dicht bebauten Quartieren neue Freiräume eröffnet. In einigen Pilotprojekten wurde sogar das Konzept der „Shared Streets“ eingeführt, bei dem Autos nur noch als Gäste im Straßenraum geduldet werden – mit klaren Prioritäten für Fußgänger und spielende Kinder.

Bemerkenswert ist auch die Vielfalt der Programme, mit denen Stockholm die 1-Minute-City fördert. Pop-up-Kioske, temporäre Kulturpavillons, mobile Werkstätten und Nachbarschaftscafés sorgen für eine lebendige Nutzungsmischung. Die Stadt setzt auf eine kluge Verzahnung von öffentlichen, halböffentlichen und privaten Flächen – etwa durch die Öffnung von Innenhöfen, die Zwischennutzung leerstehender Läden oder die Integration von Urban Gardening in den Straßenraum. Dabei gilt stets das Prinzip: Möglichst niedrigschwellige Zugänge, gemeinschaftliche Nutzung und flexible Anpassbarkeit.

Die Beteiligung der Bewohner ist fester Bestandteil aller Maßnahmen. In sogenannten „Co-Design-Workshops“ werden Ideen gesammelt, Prototypen gebaut und Zwischenergebnisse getestet. Digitale Beteiligungstools ergänzen klassische Formate wie Stadtteilversammlungen oder Planungswerkstätten. Die Stadtverwaltung versteht sich als Moderatorin, nicht als alleinige Entscheiderin. Ziel ist eine Kultur der geteilten Verantwortung, in der die Nutzer zu Mitgestaltern werden und die Stadt zum kollektiven Projekt avanciert.

Auch die Verwaltung selbst hat dazugelernt. Neue Koordinierungsstellen sorgen dafür, dass temporäre Interventionen nicht an Zuständigkeitsgrenzen oder bürokratischen Hürden scheitern. Genehmigungsverfahren wurden vereinfacht, Förderprogramme für Mikromaßnahmen aufgelegt und ein Rahmenwerk für Evaluierung und Verstetigung geschaffen. Die 1-Minute-City ist damit kein kreatives Strohfeuer, sondern ein strategisches Dauerprojekt – getragen von einer lernenden Verwaltungskultur und einem breiten gesellschaftlichen Konsens.

Herausforderungen, Kritik und Übertragbarkeit: Was deutsche Städte lernen können – und was nicht

Natürlich ist auch in Stockholm nicht alles Gold, was glänzt. Die 1-Minute-City steht vor Herausforderungen, die vielen Planern und Stadtverwaltungen bekannt vorkommen dürften. Da ist zum einen die Gefahr der Gentrifizierung: Temporäre Aufwertungen können Mietpreise steigen lassen und einkommensschwache Gruppen verdrängen. Die Stadt versucht gegenzusteuern, indem sie gezielt in benachteiligten Quartieren investiert und soziale Träger in die Planung einbindet. Ob das auf Dauer gelingt, bleibt abzuwarten.

Ein zweites Problem ist die Governance. Die Vielzahl an Akteuren, Eigentümern und Zuständigkeiten erschwert eine koordinierte Planung. Gerade bei der Umnutzung privater Flächen oder der Öffnung von Innenhöfen stößt das Konzept an rechtliche und kulturelle Grenzen. In Stockholm hilft die hohe Bereitschaft zu Kooperation und die Tradition der kommunalen Bodenpolitik – beides ist in vielen deutschen Städten keine Selbstverständlichkeit.

Auch die Frage nach der Skalierbarkeit ist offen. Die 1-Minute-City funktioniert besonders gut in dichten, gemischten Quartieren mit aktiven Nachbarschaften. In suburbanen Einfamilienhausgebieten oder in monofunktionalen Gewerbeparks stößt das Konzept an seine Grenzen. Hier braucht es andere Instrumente, um Aufenthaltsqualität und soziale Nähe zu fördern.

Für deutsche, österreichische und schweizer Städte stellt sich damit die Frage: Was lässt sich übertragen? Sicherlich das Prinzip der Mikrointerventionen, der schnellen Prototypen und der aktiven Beteiligung. Auch die Öffnung des Straßenraums für neue Nutzungen, die Integration digitaler Tools und die Stärkung informeller Freiräume bieten große Chancen. Doch ohne eine leistungsfähige Verwaltung, eine kluge Bodenpolitik und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz bleiben viele Ansätze Stückwerk.

Es braucht Mut, alte Routinen zu hinterfragen, Zuständigkeiten neu zu sortieren und echte Verantwortung zu teilen. Die 1-Minute-City ist keine Blaupause, sondern eine Einladung zum Experiment. Wer sich darauf einlässt, wird nicht alles richtig machen – aber garantiert viel lernen. Die Zukunft der Stadt entsteht aus dem Zusammenspiel von top-down und bottom-up, von Planung und Aneignung, von Strategie und Spontaneität. Und genau das macht Stockholm so spannend: Die Stadt hat verstanden, dass Nähe nicht vom Reißbrett, sondern aus dem Alltag wächst.

Fazit: Die 1-Minute-City als Labor der Stadt von morgen

Stockholm zeigt mit der 1-Minute-City, wie eine konsequent auf Nähe, Flexibilität und Teilhabe ausgerichtete Stadtentwicklung aussehen kann. Das Konzept ist mehr als ein pandemischer Reflex oder ein skandinavisches Lifestyle-Phänomen – es ist ein radikaler Perspektivwechsel, der Planung, Betrieb und Nutzung des öffentlichen Raums neu denkt. Die 1-Minute-City steht für eine Stadt, in der Mikrointerventionen, digitale Tools und partizipative Prozesse Hand in Hand gehen. Sie setzt auf das Prinzip des schnellen Ausprobierens, der reversiblen Umgestaltung und der kollektiven Aneignung. Dabei ist sie weder Allheilmittel noch Exportprodukt, sondern ein dynamisches Labor für die Stadt der Zukunft.

Für Planer, Kommunen und Landschaftsarchitekten in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet die 1-Minute-City reichlich Inspiration – aber auch Anlass zur Selbstreflexion. Nicht jede Maßnahme lässt sich eins zu eins übertragen, nicht jede Stadt hat die Voraussetzungen für radikale Nähe. Aber das Prinzip, den Alltag auf der Mikroebene zu verbessern, die Schwelle zum öffentlichen Raum zu senken und neue Formen der Beteiligung zu erproben, ist universell. Die 1-Minute-City ist ein Plädoyer für die Kunst des feinen Nachjustierens, für die Freude am Experiment und für den Mut, Stadtentwicklung als offenen Prozess zu begreifen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Stadt der Zukunft entsteht nicht durch große Würfe, sondern durch viele kleine Schritte – schnell, flexibel, gemeinschaftlich. Stockholm hat vorgemacht, wie das gehen kann. Wer nach Antworten auf die Herausforderungen von Dichte, Resilienz und Lebensqualität sucht, sollte genauer hinschauen. Die 1-Minute-City ist vielleicht kein Modell für alle, aber die perfekte Einladung, Stadt neu zu denken – eine Minute nach der anderen.

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Eine crossmediale Ausstellung im Besucherzentrum der IGA Berlin ergänzt den Gartenschau-Tag mit kurzweiligen Informationen.

“Please think!” Diese sehr deutliche Botschaft des Landschaftsarchitekten Tom Stuart-Smith (Großbritannien) macht sich auch die Ausstellung im Besucherzentrum der IGA zu eigen, in der die Dokumentation über dessen „Landscape out of nothing“ zu sehen ist. Im Video spricht der Gestalter eines der Gartenkabinette der IGA über seine Ansprüche und die Rolle der Besucher.

Eine crossmediale Ausstellungsskulptur ermöglicht es jedem IGA-Besucher, einen individuellen Parcours zu den historischen und kreativen Entstehungsprozessen der Gärten – von der 1987 eröffneten Berliner Gartenschau bis zur IGA 2017 – zu gestalten. Organisiert auf drei Ebenen, ergänzt diese Skulptur für Groß und Klein das, was man beim IGA-Besuch gesehen hat.

Videos, Fotos, Memotafeln und Originalobjekte dokumentieren den gestalterischen Ansatz, die Entwicklung der gesamten Anlage und auch die Kunst auf der IGA. Gelungen ist die Mischung unterschiedlicher Ausstellungsformen wie zum Beispiel das Video zum chinesischen Mondfest (wieder am 23. September 2017 auf der IGA), die japanischen Bauarbeiterschuhe, das Modell zum „Los Angeles Garden“ des deutschen Künstlers Martin Kaltwasser oder die Künstler- und Planerprofile. Erläuterungen zu religiös und kulturell bedingten Symbolen, die in den Gärten zu finden sind, ergänzen alles gekonnt.

Aus dieser Interaktion ist eine Ausstellung entstanden, die es schafft, Landschaftsarchitektur auf einfache, verständliche Weise und zugleich feinsinnig zu vermitteln. Sie wurde sehr kurzweilig sowohl graphisch als auch inhaltlich von der Berliner Agentur Moniteurs in Zusammenarbeit mit der Berliner Landschaftsarchitektin und Filmemacherin Susanne Isabel Yacoub aufbereitet. Diese Form der Präsentation ist nachahmenswert, bedenkt man die langjährigen Anstrengungen, eine breite Öffentlichkeit für die Profession zu erreichen.

Bedauerlich ist, dass diese kleine, sehr gelungene Ausstellung im Besucherzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft zu den kommerziellen Angeboten der IGA ihre Wirkung nicht angemessen entfalten kann, trotz Frontverglasung, die zeitgleich den Ausblick in den Park ermöglicht.

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt sind die Gründerinnen und Leiterinnen der Akademie für Raum und Wandel. © Frédéric Henry, 2024

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt streben einen Wandel in der Planungspraxis an. Um diesen voranzutreiben, haben die beiden Frauen Anfang des Jahres die Akademie für Raum und Wandel gegründet. Mehr zu den Hintergründen und ihren Visionen für die Zukunft, lesen Sie hier. 

„Aktuell stehen wir vor großen globalen Herausforderungen: Themen der Bauwende sowie gesellschaftliche Veränderungen stellen drängende Fragen für unsere Zukunft und fordern ein verändertes Welt- und Selbstverständnis“, sind sich Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt einig. Zintl ist studierte Landschaftsarchitektin und Architektin, promovierte zu ‚Vertikalen Freiräumen‘ und arbeitet heute als Nachhaltigkeitsexpertin für strategische Stadt- und Freiraumentwicklung und als Mentorin. Voigt ist Architektin, Choreografin für zeitgenössischen Tanz und beschäftigte sich in ihrer Promotion mit dem Thema ‚Impulse und Dialoge zwischen Architektur und Körper’. Aus dem Bedürfnis, Wandel in der Planungsbranche aktiv zu gestalten, gründeten sie Anfang 2024 die Akademie für Raum und Wandel, die mit dem Herbstprogramm ab September in ihre erste Saison startet. Dabei kollaborieren sie mit einer Vielzahl an Dozent*innen, die in diesem neuen Kontext des Lernens und der Veränderung ihre Expertise teilen.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Trotz ihres starken akademischen Hintergrunds siedeln Zintl und Voigt ihre Plattform jenseits des klassischen Hochschulkontextes an. Dies resultiert laut Voigt aus der Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen auch in späteren Lebensphasen essenziell, die Angebote zur Weiterbildung jedoch oft begrenzt und stark getrennt zwischen persönlicher, gesellschaftlicher und beruflicher Entwicklung seien. Im Bewusstsein dieses Defizits machen sich Voigt und Zintl für neue Lehr- und Lernformen, Möglichkeiten der Vernetzung, Austausch auf Augenhöhe und das Eröffnen neuer Themenfelder für die Planungsdisziplinen stark. Die Vision der Akademie für Raum und Wandel ist dabei klar: „Es geht uns um nicht weniger, als um einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Planungspraxis, der Auffassung von Raum und Wandel und dem Gestalten einer wirklich nachhaltigen gebauten Lebenswelt.“

Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner
Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner

Nachhaltigkeit in allen Bereichen

Für Zintl resultiert dieser ganzheitliche Ansatz auch aus ihrer jahrelangen Erfahrung als Mutter und Frau in der Baubranche: „Aus meiner Sicht, kann die notwenige »Bauwende« nicht heißen weniger abzureißen und zu betonieren, es geht auch darum zu erkennen, wie wir als Planer:innen arbeiten und leben. Denn wirkliche Nachhaltigkeit betrachtet alle Bereiche, denn auch die eigene Arbeitskraft sollte nachhaltig eingesetzt werden.“ Es sei zu beobachten, dass viele Menschen – vor allem Frauen und Mütter – wegen der Unvereinbarkeit von Privatleben und Beruf die Planungspraxis verließen. Zu viel Stress, Burnout, schlechte Bezahlung oder veraltete Machtstrukturen in den Büros seien einerseits Gründe, aus dem Beruf auszuscheiden. Doch auch moralische Fragen nach der Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit beschäftigten heute vermehrt Arbeitnehmer*innen.

Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.  © Dr. Isabel Zintl
Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. © Dr. Isabel Zintl

Akademie für Raum und Wandel im digitalen und physischen Raum

In der Aushandlung dieser Herausforderungen und Widersprüche setzt das Angebot der Akademie an. Dabei stehen drei Felder im Mittelpunkt, in denen Zintl und Voigt einen Paradigmenwechsel anstreben: Systeme ganzheitlich statt als Einzellösungen zu betrachten, das Verständnis von Raum und Wandel zu erneuern und das Selbstverständnis von Planer*innen zu hinterfragen. Denn Person und berufliches Wirken sind für Zintl und Voigt eng verzahnt: „Wie kann man menschliche, lebenswerte und nachhaltige Räume planen, wenn diese Absicht und Regel für einen selbst nicht gilt?“

Die Akademie für Raum und Wandel will deshalb vieles anders machen und neu denken. Derzeit passierten der Austausch und die Vermittlung vor allem in Form von Workshops, Seminaren und Ausbildungen als niederschwellige Online-Angebote. Eingeladen sind alle Altersgruppen und Berufssparten der Planungspraxis, entscheidend seien Interesse, nicht eine bestimmte Vorbildung. Auch die Hintergründe der Dozent:innen sind divers. Neben dem digitalen Programm, liegt ein weiterer Fokus auf Summerschools an der Fonte della Luna in der Nähe von Genua.

Die Resonanz auf das Projekt sei schon jetzt groß. Für die Zukunft wünschen sich die Gründerinnen „dass immer mehr Teilnehmer:innen die Einladung annehmen, die Akademie für Raum und Wandel als einen neuartigen Ort  des Lernens und der Veränderung für sich nutzen und nachhaltig Neues schaffen – in der Welt und im eigenen Leben.“

Alle Informationen zur Akademie für Raum und Wandel, zum aktuellen Programm und zur Mitwirkung finden Sie hier.

Weiterlesen: Latz + Partner gestaltete die Freianlagen des Dombergs in Freising neu. Was das Projekt auszeichnet, erklären Iris Dupper und Tilman Latz im Interview.