Was passiert, wenn die Stadt nicht mehr das alleinige Versprechen auf Freiheit und Selbstverwirklichung ist? Die Gruppenausstellung „After the City / Nach der Stadt“ untersucht die Wechselwirkungen von urbanem und ländlichem Raum – und macht Gut Kerkow in der Uckermark zum Schauplatz einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Landsehnsucht, Großstadtmüdigkeit und neuen Bewegungen zwischen Stadt und Provinz.
Auf einen Blick:
- Ausstellung: After the City / Nach der Stadt
- Kurator: Philipp Lange
- Ort: Gut Kerkow, Uckermark, einschließlich Gutshaus, ehemaligem Kornspeicher und neu angelegtem Garten
- Satelliten: Ausgewählte Gut-Kerkow-Filialen in Berlin
- Laufzeit: 13. Juli bis 4. Oktober 2026
- Umfang: Mehr als 50 Arbeiten
- Beteiligte Künstler*innen: Adam Fearon, Aline Bouvy, Anna Bergold, Elmgreen & Dragset, Daniel Gustav Cramer, Dorian Sari, Felix Becker, Gianni Motti, Lukas Heerich, Jana Schulz, Judith Hopf, Louisa Clement, Maria Loboda, Monika Grabuschnigg, Özgür Kar, Paul Hutchinson, Spyros Rennt und Zuzanna Czebatul
- Medien: Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Video
- Thematischer Fokus: Identität, Macht, Raum und Natur im Spannungsfeld von Stadt und Land
- Ausgangspunkt: Stadt und Land werden als Orte der Sehnsucht, Projektion und Zuflucht verstanden
- Räumlicher Ansatz: Die Ausstellung erstreckt sich über unterschiedliche Bereiche des Gutshofs und verbindet den ländlichen Ausstellungsort mit urbanen Satelliten in Berlin
Zwischen Großstadtversprechen und Landsehnsucht
Die Großstadt steht insbesondere für jüngere Menschen häufig für Möglichkeiten, Selbstbestimmung und die Chance, sich jenseits vertrauter sozialer Strukturen neu zu erfinden. In queeren Lebensrealitäten kann der Aufbruch in die Stadt sogar eine existenzielle Dimension annehmen. Bronski Beats Smalltown Boy von 1984 wurde zur queeren Pop-Hymne für diesen Abschied von der Provinz und die Suche nach einem selbstbestimmteren Leben in der Großstadt. Auch der französische Schriftsteller Édouard Louis beschreibt Paris als einen Ort, an dem er ein „anderes Ich“ fernab seiner sozialen und provinziellen Herkunft entwickeln konnte.
Doch die Bewegungsrichtung zwischen Stadt und Land ist längst nicht mehr eindeutig. Ländliche Regionen gewinnen laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung wieder an Attraktivität. Ruhe und Entspannung, die Nähe zur Natur und bezahlbarer Wohnraum stehen dabei einer als übersättigt wahrgenommenen urbanen Lebenswirklichkeit gegenüber. Mobile Arbeitsformen verstärken diese Entwicklung und begünstigen insbesondere bei jungen Familien eine Binnenmigration aufs Land. Gleichzeitig schreitet die Verstädterung durch anhaltenden Bevölkerungszuwachs weiter voran.


Stadt und Land als durchlässige Systeme
Hier setzt After the City / Nach der Stadt an. Die von Philipp Lange kuratierte Gruppenausstellung betrachtet Stadt und Land nicht als gegensätzliche Räume, sondern als miteinander verflochtene Systeme. Mit mehr als 50 Arbeiten von 18 Künstler*innen fragt sie danach, wie sich Identität, Macht, Raum und Natur verändern, wenn Menschen, Vorstellungen und Lebensentwürfe zwischen urbanen und ländlichen Räumen zirkulieren.
Gut Kerkow in der Uckermark wird dabei selbst zum Teil der inhaltlichen Auseinandersetzung. Landwirtschaft und Tourismus veranschaulichen die vielfältigen Abhängigkeiten zwischen Stadt und Land: Urbane Zentren sind auf ländliche Räume angewiesen, während ländliche Regionen zugleich von urbanen Besucherinnen, Konsumentinnen und Lebensentwürfen geprägt werden.
Die künstlerischen Arbeiten verteilen sich über das Gutshaus, den ehemaligen Kornspeicher und den neu angelegten Garten. Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Video bespielen damit nicht nur klassische Innenräume, sondern treten in Beziehung zu einem konkreten ländlichen Ort. Die Ausstellung macht den Ortswechsel selbst zum Bestandteil ihrer Fragestellung: Was bedeutet es, wenn Kunst den urbanen Ausstellungsraum verlässt und sich in einem von Landwirtschaft, Landschaft und regionalen Strukturen geprägten Umfeld verortet?
Satelliten zwischen Uckermark und Berlin
Die Verbindung von Metropole und Provinz wird auch räumlich manifestiert. Ausgewählte Gut-Kerkow-Filialen in Berlin fungieren als satellitenartige Erweiterungen der Ausstellung. Damit entsteht ein Netz zwischen dem ländlichen Hauptstandort und der Großstadt – und zugleich eine konkrete räumliche Entsprechung für die Bewegungen, von denen die Ausstellung erzählt.
After the City / Nach der Stadt interessiert sich dabei nicht allein für die romantische Vorstellung des Landlebens oder für die Erschöpfung angesichts urbaner Verdichtung. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Übergänge und Wechselwirkungen: zwischen Großstadtmüdigkeit und Landsehnsucht, zwischen Flucht und Rückkehr, zwischen realen Bewegungen und imaginierten Orten.
Vor dem Hintergrund einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung richtet die Ausstellung den Blick auf das Verbindende. Stadt und Land erscheinen als unterschiedliche Lebensräume, die gleichermaßen Bestandteil einer offenen und inklusiven Gesellschaft sein können. Der Ausstellungstitel verweist dabei zugleich auf räumliche und zeitliche Verschiebungen – und auf die Frage, was nach der Stadt kommt, wenn urbane Lebensmodelle ihre vermeintliche Alternativlosigkeit verlieren.
After the City / Nach der Stadt ist noch bis zum 4. Oktober 2026 auf Gut Kerkow in der Uckermark zu sehen.





























