Planungsalgorithmen auf dem Prüfstand – wer kontrolliert die KI?

Luftaufnahme einer mehrspurigen Straße mit reger Verkehrsdichte, begleitet von begrünten Flächen und großen Bäumen.
Transparenz und Steuerung im digitalen Stadtmanagement.

Künstliche Intelligenz trifft auf Stadtplanung – klingt nach Futurismus, ist aber längst urbane Realität. Doch wer kontrolliert, was Algorithmen über Quartiere, Freiräume und Mobilität entscheiden? Planungsalgorithmen versprechen Effizienz, Innovation und Objektivität. Aber wie transparent, nachvollziehbar und demokratisch ist der digitale Stadtmacher wirklich? Und wer stellt sicher, dass aus smarten Tools keine Black Boxes werden? Willkommen beim Faktencheck der algorithmischen Stadtplanung!

  • Definition: Was sind Planungsalgorithmen und wie prägen sie die urbane Praxis?
  • Reale Anwendungsfelder: Von Verkehrsmodellen bis zur Freiraumgestaltung – wo Algorithmen heute schon entscheiden
  • Kontrollmechanismen: Wer prüft die KI? Governance, Transparenz und regulatorische Ansätze
  • Risiken und Potenziale: Bias, Diskriminierung, Kommerzialisierung und die Suche nach dem „guten“ Algorithmus
  • Deutsche, österreichische und schweizerische Praxis: Wo stehen die Städte im Umgang mit KI-gesteuerter Planung?
  • Die Rolle von Open Data, Partizipation und Fachwissen – wie bleibt die Planung gestaltbar?
  • Das neue Selbstverständnis von Planern: Zwischen Kontrolle, Kooperation und kritischer Reflexion
  • Fazit: Warum algorithmisches Denken nicht nur Technik, sondern Haltung braucht

Planungsalgorithmen – der unsichtbare Stadtmacher?

Der Begriff Planungsalgorithmus klingt nach Silicon Valley, nach digitalen Hexenmeistern und nach einer Art urbanem Zauberstab. Tatsächlich handelt es sich dabei um strukturierte Rechenvorschriften, die aus großen Datenmengen Muster, Prognosen und Empfehlungen ableiten – und damit die Stadtplanung tiefgreifend verändern. Algorithmen sind kein Selbstzweck. Sie sind der Versuch, aus Komplexität Handlungswissen für die Praxis zu gewinnen. In der Verkehrsplanung etwa simulieren sie stündlich, wie sich ein neuer Radweg auf den Autoverkehr auswirkt. In der Landschaftsarchitektur berechnen sie, wie viel Schatten unterschiedliche Baumarten spenden oder wie sich Oberflächenwasser nach Starkregen verteilt. Und im Bereich der Klimaanpassung analysieren sie in Echtzeit die Effekte von Entsiegelungsmaßnahmen, Fassadenbegrünung oder neuen Platzgestaltungen.

Doch Algorithmen sind keine neutralen Werkzeuge. Sie sind so objektiv wie ihre Datenbasis, so fair wie ihre Annahmen und so unabhängig wie ihre Programmierer. Das berühmte „Garbage in, garbage out“ gilt nirgendwo so sehr wie bei urbanen Modellen. Wer etwa historische Verkehrsdaten als Basis nimmt, wird das Mobilitätsverhalten der Zukunft nur bedingt abbilden können. Und wer algorithmische Freiraumplanung auf Basis von Luftbildern betreibt, übersieht schnell soziale Dynamiken vor Ort. Die Versuchung ist groß, die scheinbare Präzision der Algorithmen für absolute Wahrheiten zu halten. Doch Fachleute wissen: Ein Planungsalgorithmus ist immer ein Werkzeug für Szenarien – und nie ein Ersatz für den städtischen Diskurs.

Gerade deshalb ist die Rolle von Planern, Landschaftsarchitekten und Stadtgestaltern heute wichtiger denn je. Sie müssen die Logik hinter den Algorithmen verstehen, ihre Stärken und Schwächen kennen – und die Ergebnisse interpretieren können. Algorithmen können Vorschläge machen, Prioritäten setzen, Risiken visualisieren. Aber sie können nicht die Werte, die Ziele und das Gemeinwohl der Stadtgesellschaft festlegen. Die algorithmische Stadt ist keine technokratische Utopie, sondern ein hochkomplexes Aushandlungsfeld. Wer das ignoriert, läuft Gefahr, die Kontrolle an Black Boxes zu verlieren.

Auch die Qualität der Daten ist entscheidend. Fehlerhafte, lückenhafte oder einseitige Datensätze führen zu Verzerrungen – dem berüchtigten „Algorithmic Bias“. Wird etwa die Erreichbarkeit von Grünflächen nur auf Basis von Luftlinien gemessen, bleiben Barrieren wie Bahngleise, stark befahrene Straßen oder soziale Schwellen unsichtbar. In der Praxis bedeutet das: Nur wer Daten kritisch prüft, Algorithmen hinterfragt und Ergebnisse plausibilisiert, kann wirklich innovative Stadtentwicklung betreiben.

Die Entwicklung von Planungsalgorithmen ist daher nicht nur ein IT-Thema, sondern eine Frage der Governance, der Ethik und der Verantwortung. Es braucht interdisziplinäre Teams: Informatiker, Stadtplaner, Soziologen, Juristen – alle müssen an den Tisch. Denn die algorithmisch gesteuerte Stadt ist ein Gemeinschaftswerk. Wer glaubt, die Kontrolle an eine KI abgeben zu können, irrt gewaltig. Wer sie aber als Unterstützung begreift, kann neue Horizonte für nachhaltige, resiliente und lebenswerte Städte eröffnen.

Von Verkehrsmodellen bis Klimaresilienz – wo Algorithmen heute schon Stadt machen

Spätestens seit den ersten Echtzeit-Verkehrsmodellen ist klar: Algorithmen sind längst keine Zukunftsmusik mehr. In Hamburg etwa steuern sie Lichtsignalanlagen, indem sie Verkehrsflüsse, Wetterdaten und Großereignisse auswerten und in Millisekunden neue Schaltungen vorschlagen. München simuliert mit KI-gestützten Modellen die Auswirkungen neuer Buslinien oder Fahrradtrassen – und testet im digitalen Zwilling, welche Variante die größten Effekte für Klimaschutz und Lebensqualität bringt. Die Ergebnisse fließen direkt in die politischen Entscheidungsprozesse ein.

Auch in der Landschaftsarchitektur sind Planungsalgorithmen auf dem Vormarsch. Sie unterstützen bei der Pflanzenauswahl für klimaangepasste Freiräume, optimieren Bewässerungspläne und simulieren, wie sich Mikroklimata durch unterschiedliche Begrünungskonzepte verändern. In Zürich werden mit KI-gestützten Hydrologiemodellen Flutrisiken analysiert – und die Ergebnisse direkt in die Quartiersentwicklung integriert. Die Planung wird so nicht nur präziser, sondern auch dynamischer und resilienter gegenüber Unsicherheiten.

Im Bereich der Stadtentwicklung ermöglichen Algorithmen die Bewertung von Standorten für neue Wohnquartiere, Schulen oder Parks – und berücksichtigen dabei eine Vielzahl von Faktoren: Verkehrsanbindung, Lärmbelastung, soziale Infrastruktur, Bodenpreise, Klimarisiken und vieles mehr. In Wien etwa analysiert eine KI, wo Hitzeschwerpunkte entstehen – und schlägt gezielte Entsiegelungsmaßnahmen oder neue Baumpflanzungen vor. Der große Vorteil: Die Szenarien sind transparent, nachvollziehbar und können von Stadtverwaltung, Politik und Fachöffentlichkeit gemeinsam diskutiert werden.

Doch damit nicht genug: Auch die Bürgerbeteiligung profitiert von algorithmischen Tools. Mit digitalen Beteiligungsplattformen lassen sich Vorschläge, Wünsche und Bedenken automatisiert clustern, visualisieren und auswerten. Das reduziert nicht nur den Aufwand für die Verwaltung, sondern macht den Beteiligungsprozess auch transparenter und zugänglicher. Allerdings lauert hier auch die Gefahr einer „Filterblase“: Wenn Algorithmen nur die lautesten Stimmen verstärken, droht die Vielfalt der Perspektiven verloren zu gehen. Deshalb ist es essenziell, die Funktionsweise der Systeme offen zu legen und regelmäßig zu evaluieren.

Die Beispiele zeigen: Planungsalgorithmen sind längst Teil des urbanen Alltags. Sie bieten enorme Potenziale – von der Effizienzsteigerung bis zur besseren Berücksichtigung des Klimawandels. Aber sie werfen auch neue Fragen auf: Wer kontrolliert die Algorithmen? Wer definiert die Ziele? Und wie bleibt die Planung anschlussfähig an gesellschaftliche Werte, statt sich in technokratischen Optimierungen zu verlieren?

Transparenz, Kontrolle, Governance – wie KI in der Stadtplanung gezähmt wird

Schon der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist irreführend. Denn die meisten aktuell eingesetzten Algorithmen in der Stadtplanung sind keine eigenständig denkenden Systeme, sondern ausgefeilte Rechenmodelle mit klar definierten Eingaben und Ausgaben. Doch mit dem zunehmenden Einsatz von Machine Learning und Deep Learning wächst die Komplexität – und damit die Intransparenz der Modelle. Das führt zu einer neuen Schlüsselfrage: Wer versteht, was die KI entscheidet? Und wer kann im Zweifel eingreifen?

In der Praxis ist die Kontrolle von Planungsalgorithmen eine multidimensionale Herausforderung. Technisch braucht es nachvollziehbare Modelle, die auf offenen Standards und klar dokumentierten Daten basieren. Politisch ist ein Rahmenwerk notwendig, das Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Rechenschaftspflicht garantiert. Und gesellschaftlich muss sichergestellt werden, dass die Ergebnisse verständlich kommuniziert und gemeinsam reflektiert werden. Eine zentrale Rolle spielen dabei sogenannte „Explainable AI“-Ansätze: Sie machen die Entscheidungswege der Algorithmen sichtbar und ermöglichen eine kritische Überprüfung durch Experten und Öffentlichkeit.

Governance-Strukturen sind dabei von entscheidender Bedeutung. Wer entscheidet, welche Daten in ein Modell einfließen? Wer prüft, ob die Annahmen stimmen? Und wer ist verantwortlich, wenn ein Algorithmus diskriminiert oder Fehler macht? Viele Städte setzen deshalb auf interdisziplinäre Gremien, die die Entwicklung und den Einsatz von Planungsalgorithmen begleiten. In der Schweiz etwa gibt es Leitlinien, die den sorgsamen Umgang mit algorithmischen Entscheidungsprozessen in der Verwaltung regeln. In Deutschland arbeitet das Bundesministerium des Innern an Standards für den ethischen Einsatz von KI im öffentlichen Sektor.

Auch Open Data und Open Source spielen eine Schlüsselrolle. Nur wenn die Modelle, Daten und Quellcodes offen zugänglich sind, können sie von unabhängigen Dritten geprüft, weiterentwickelt und verbessert werden. So entsteht ein Ökosystem der Kontrolle und Innovation – statt einer Abhängigkeit von proprietären Systemen und einzelnen Software-Anbietern. Gleichzeitig sorgt die Offenheit für mehr Vertrauen in die Ergebnisse und fördert die kritische Debatte über Zielkonflikte, Prioritäten und Werte in der Stadtplanung.

Nicht zuletzt braucht es eine neue Fehlerkultur. Algorithmen sind nicht unfehlbar – und sie müssen es auch nicht sein. Entscheidend ist, wie mit Fehlern umgegangen wird: Werden sie transparent gemacht, analysiert und behoben? Oder werden sie unter den digitalen Teppich gekehrt? Nur eine offene, lernende und partizipative Stadtverwaltung kann das Potenzial von KI voll ausschöpfen – und gleichzeitig die Risiken minimieren. Die Kontrolle der Algorithmen ist damit keine technische, sondern eine zutiefst politische und gesellschaftliche Aufgabe.

Risiken, Nebenwirkungen und das Plädoyer für einen reflektierten KI-Einsatz

Algorithmen sind keine Allheilmittel – auch wenn die Marketingabteilungen der Tech-Konzerne das gerne anders darstellen. Sie können bestehende Ungleichheiten verstärken, systemische Fehler replizieren und neue Formen der Diskriminierung schaffen. Das berühmte Beispiel: Ein Algorithmus zur Standortwahl für neue Schulen bevorzugt automatisch wohlhabende Viertel, weil die zugrunde liegenden Daten soziale Benachteiligung nicht ausreichend abbilden. Oder ein Verkehrsmodell empfiehlt den Rückbau von Straßen in Quartieren mit schwacher Lobby, weil dort weniger Beschwerden eingehen.

Auch die Frage der Kommerzialisierung ist nicht zu unterschätzen. Viele Planungsalgorithmen werden von privaten Anbietern entwickelt – mit eigenen Interessen, Geschäftsmodellen und Kontrollmechanismen. Das birgt die Gefahr, dass öffentliche Planung zunehmend von externen Akteuren gesteuert wird. Der Zugriff auf Daten, die Ausgestaltung der Modelle und die Kontrolle über die Ergebnisse liegen dann nicht mehr bei den Städten, sondern bei internationalen Großkonzernen. Deshalb ist es essenziell, auf offene Schnittstellen, Transparenz und Unabhängigkeit zu achten.

Ein weiteres Risiko ist der sogenannte „Technokratische Bias“. Wenn Algorithmen die Entscheidungsfindung dominieren, droht der Verlust des kreativen, experimentellen und diskursiven Moments in der Planung. Die Stadt wird zum Rechenexempel, die Vielfalt der Perspektiven gerät aus dem Blick. Dabei lebt die Stadt vom Ungeplanten, vom Zufall, von der Aushandlung zwischen unterschiedlichen Interessen. Algorithmen können diese Prozesse unterstützen – aber sie dürfen sie niemals ersetzen.

Auch der Datenschutz spielt eine zentrale Rolle. Gerade im Kontext von Urban Digital Twins und vernetzten Stadtmodellen werden immer mehr personenbezogene und sensible Daten verarbeitet. Wer schützt die Privatsphäre der Bürger? Wer verhindert den Missbrauch der Daten durch Dritte? Und wie wird sichergestellt, dass die Datennutzung dem Gemeinwohl dient – und nicht nur kommerziellen oder politischen Interessen? Hier sind klare rechtliche Rahmenbedingungen, technische Sicherheitsmaßnahmen und eine breite gesellschaftliche Debatte gefragt.

Dennoch: Die Chancen überwiegen, wenn Algorithmen bewusst, reflektiert und partizipativ eingesetzt werden. Sie ermöglichen eine neue Qualität der Planung, machen komplexe Zusammenhänge sichtbar und eröffnen innovative Lösungswege für urbane Herausforderungen. Entscheidend ist, dass die Kontrolle stets beim Menschen bleibt – und dass Fachwissen, Erfahrung und gesellschaftliche Werte den Takt angeben. Der Planer der Zukunft ist nicht Erfüllungsgehilfe der Maschine, sondern kritischer Partner, Moderator und Gestalter im digitalen Zeitalter.

Die neue Rolle der Planer – und das algorithmische Selbstbewusstsein der Städte

Die algorithmische Stadt verlangt nach einem neuen Selbstverständnis der Planer. Sie sind nicht mehr die alleinigen Herrscher über B-Plan, Parzelle und Pflaster, sondern werden zu Kuratoren, Moderatoren und Übersetzern zwischen den Welten von Technik, Politik und Gesellschaft. Ihr Fachwissen bleibt unverzichtbar – gerade weil Algorithmen keine eigenen Werte, keine Empathie und keine Vision haben. Es braucht kluge Köpfe, die die Ergebnisse kritisch hinterfragen, sie in den städtischen Kontext einordnen und für alle Beteiligten verständlich machen.

In vielen deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten wird diese Rolle bereits neu gedacht. Ulm etwa setzt auf interdisziplinäre Teams, in denen Stadtplaner, Informatiker, Sozialwissenschaftler und Juristen gemeinsam an KI-gestützten Modellen arbeiten. Zürich hat eine eigene Leitstelle für digitale Stadtentwicklung eingerichtet, die den gezielten und verantwortungsvollen Einsatz von Algorithmen überwacht. Wien investiert in die Weiterbildung von Fachkräften – damit sie die Chancen und Risiken der KI souverän einschätzen können.

Auch die Bürger spielen eine immer wichtigere Rolle. Sie werden nicht mehr nur informiert, sondern sind aktive Akteure im digitalen Planungsprozess. Über Open-Data-Portale, digitale Zwillinge und Beteiligungsplattformen können sie Daten einsehen, Szenarien durchspielen und eigene Vorschläge einbringen. Das schafft Transparenz, Vertrauen und neue Formen der urbanen Demokratie. Der Planer wird zum Vermittler – zwischen Algorithmus und Alltagsrealität, zwischen Modell und Lebenswelt.

Nicht zuletzt braucht es eine Kultur der Offenheit und des Lernens. Fehler sind kein Makel, sondern Teil des Fortschritts. Algorithmen müssen regelmäßig überprüft, angepasst und weiterentwickelt werden – im Dialog mit Fachleuten, Politik und Zivilgesellschaft. Nur so bleibt die Stadtplanung flexibel, innovationsfähig und anschlussfähig an die Herausforderungen der Zeit. Wer sich diesem Prozess verweigert, riskiert den Anschluss – und überlässt die Gestaltung der Stadt den Black Boxes der Tech-Industrie.

Die Zukunft der Stadt ist algorithmisch – aber sie bleibt menschengemacht. Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen: kritisch, kreativ und mit dem Mut, neue Wege zu gehen. Dann wird aus dem Planungsalgorithmus kein Kontrollverlust, sondern ein Werkzeug für bessere, gerechtere und nachhaltigere Städte.

Fazit: Algorithmische Stadtplanung – zwischen Hype, Kontrolle und Verantwortung

Planungsalgorithmen sind aus der urbanen Praxis nicht mehr wegzudenken. Sie bieten enorme Potenziale für Effizienz, Präzision und Innovation – von der Verkehrssteuerung über die Freiraumgestaltung bis zur klimaresilienten Quartiersentwicklung. Aber sie werfen auch fundamentale Fragen auf: Wer kontrolliert die KI? Wer entscheidet über Daten, Annahmen und Ziele? Und wie bleibt die Stadtplanung anschlussfähig an gesellschaftliche Werte, statt sich in technokratischen Optimierungen zu verlieren?

Die Antwort liegt in einer neuen Kultur der Transparenz, der Beteiligung und des kritischen Dialogs. Algorithmen sind keine Black Boxes, wenn sie offen, nachvollziehbar und reflektiert eingesetzt werden. Sie sind Werkzeuge – und keine Ersatzreligion für die urbane Zukunft. Die Kontrolle bleibt beim Menschen: bei den Planern, den Experten, der Stadtgesellschaft. Nur so kann die digitale Transformation der Stadtplanung gelingen – und aus der algorithmischen Hypothek ein Gewinn für alle werden.

Wer heute den Mut hat, Planungsalgorithmen kritisch zu prüfen, sie partizipativ zu gestalten und ihre Ergebnisse transparent zu kommunizieren, schafft die Grundlagen für lebenswerte Städte von morgen. Die Zukunft der Stadt ist weder technokratisch noch nostalgisch – sie ist offen, lernend und menschengemacht. Und damit bleibt die zentrale Frage: Wer kontrolliert die KI? Im besten Fall: wir alle – gemeinsam, reflektiert und mit einem Augenzwinkern für die Überraschungen, die selbst der beste Algorithmus nicht vorhersehen kann.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.