Stadtplanung für Menschen mit wenig Zeit – Alltagstauglichkeit als Zielgröße

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Eine moderne blau-weiße Straßenbahn unterwegs während des Tages in einer Schweizer Stadt, fotografiert von Eirik Skarstein

Stadtplanung, die den Alltag erleichtert? In einer Welt, in der alle permanent unter Zeitdruck stehen, ist dies kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Wer heute Städte gestaltet, muss die Herausforderungen des modernen Lebens ernst nehmen: Mobilität, Erreichbarkeit, Flexibilität – und zwar sofort. Zeit ist die neue Währung urbaner Lebensqualität. Doch wie gelingt es, Städte für Menschen mit wenig Zeit zu planen? Dieser Artikel zeigt, warum Alltagstauglichkeit zur entscheidenden Zielgröße wird – und wie Stadtplanung jenseits schöner Pläne und großer Visionen wirklich alltagstauglich werden kann.

  • Warum Alltagstauglichkeit in der Stadtplanung immer wichtiger wird
  • Wie Zeitknappheit das Leben in der Stadt prägt und welche Konsequenzen das für die Planung hat
  • Welche Rolle Mobilität, Infrastruktur und digitale Tools für den schnellen Alltag spielen
  • Wie Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf den Zeitdruck ihrer Bewohner reagieren
  • Welche innovativen Konzepte und Best Practices es bereits gibt
  • Wie die Integration von Arbeit, Wohnen und Freizeit neue Planungsansätze inspiriert
  • Warum Beteiligung und Kommunikation alltagstauglich gestaltet werden müssen
  • Welche Fehler und Sackgassen die Stadtplanung vermeiden sollte
  • Welche Chancen sich aus dem Fokus auf Alltagstauglichkeit ergeben – für Planer, Kommunen und die Stadtgesellschaft

Alltagstauglichkeit – warum Zeit zur neuen Leitwährung der Stadtplanung wird

Im urbanen Alltag zählt oft jede Minute. Viele Menschen jonglieren zwischen Beruf, Familie, Freizeit und Verpflichtungen – und verlieren dabei viel Zeit mit Wegen, Warten und Umwegen. Die Stadt als Lebensraum steht daher vor einer gewaltigen Herausforderung: Sie muss Strukturen bieten, die das Leben einfacher, effizienter und stressfreier machen. Wer Stadtplanung heute ernst nimmt, kommt an der Frage der Zeitnutzung nicht vorbei. Denn Zeit ist längst nicht mehr nur eine Ressource, sondern ein entscheidender Faktor für Lebensqualität. Eine Stadt, die unnötige Wartezeiten provoziert, komplizierte Wege verlangt oder wichtige Angebote nur schwer erreichbar macht, verliert im Wettbewerb um Talente, Investitionen und gesellschaftliche Attraktivität.

Alltagstauglichkeit ist dabei weit mehr als ein modisches Schlagwort. Sie beschreibt die Fähigkeit einer Stadt, auf die realen Bedürfnisse ihrer Bewohner zu reagieren. Dazu gehören kurze Wege, effiziente Mobilitätsangebote, flexible Infrastrukturen und die intelligente Verzahnung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Wer morgens mit dem Fahrrad schnell zur Kita und dann zur Arbeit kommt, wer abends ohne Umwege einkaufen kann und zwischendurch einen Park in der Nähe findet, erlebt die Stadt als Lebensqualität. Das Gegenteil: Täglicher Stau, endlose Parkplatzsuche, überfüllte Verkehrsmittel oder fehlende Nahversorgung. Hier wird die Stadt zur Zeitfalle.

Die Erkenntnis, dass Zeitknappheit ein zentrales Planungsproblem ist, beginnt sich langsam durchzusetzen. Immer mehr Kommunen fragen sich: Wie können wir Strukturen schaffen, die den Rhythmus des modernen Lebens unterstützen? Welche Rolle spielen digitale Tools, smarte Services und neue Mobilitätsformen? Und wie lassen sich die Wünsche nach Flexibilität, Teilhabe und Individualität mit den Anforderungen einer nachhaltigen und gerechten Stadtentwicklung verbinden? Die Antworten darauf sind vielschichtig – und verlangen ein Umdenken auf vielen Ebenen.

Ein weiteres zentrales Thema: Die soziale Dimension. Denn nicht alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten, ihre Zeit frei zu gestalten. Wer auf den Bus angewiesen ist, für den wird jeder Fahrtausfall zum Problem. Wer zwei Jobs hat, kann sich lange Wege nicht leisten. Wer Angehörige pflegt, braucht flexible Angebote. Alltagstaugliche Stadtplanung muss deshalb immer auch soziale Gerechtigkeit im Blick behalten. Die Stadt der kurzen Wege ist nicht nur ein ökologisches oder ökonomisches Ziel, sondern auch ein sozialer Imperativ.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Rolle der Planer. Sie müssen sich zunehmend als Dienstleister des urbanen Alltags begreifen – nicht als Erfinder genialer, aber lebensferner Utopien. Es geht darum, die reale Nutzung, die echten Bedürfnisse und die alltäglichen Herausforderungen in den Mittelpunkt zu stellen. Wer den Alltag versteht, kann Städte bauen, die wirklich funktionieren. Und genau das ist heute gefragter denn je.

Die Dynamik des urbanen Alltags: Zeitdruck, Mobilität und die Kunst der schnellen Wege

Der tägliche Kampf gegen den Zeitverlust prägt das Leben vieler Stadtbewohner. Pendeln, Kinderbetreuung, Arbeit, Einkauf, Freizeit – oft reiht sich Termin an Termin. Die zentrale Frage: Wie lässt sich diese Taktung in die Planung übersetzen? Ein Schlüsselthema ist die Mobilität. Effiziente, flexible und multimodale Angebote sind keine Kür mehr, sondern Pflicht. Menschen wollen und müssen heute zwischen Fahrrad, Bus, Bahn, Carsharing und zu Fuß nahtlos wechseln können. Die klassische Trennung von Verkehrsarten wirkt antiquiert. Gefragt sind intelligente Schnittstellen, digitale Fahrplanauskünfte in Echtzeit, vernetzte Sharing-Systeme und Infrastruktur, die mitdenkt.

Doch Mobilität ist nur die halbe Miete. Mindestens ebenso entscheidend ist die räumliche Nähe von Funktionen. Die Idee der „Stadt der kurzen Wege“ erlebt eine Renaissance. Quartiere, in denen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Lernen und Erholen nah beieinander liegen, sparen Zeit und reduzieren Stress. Mixed-Use-Ansätze, also die gezielte Mischung verschiedener Nutzungen in einem Stadtteil, gewinnen an Bedeutung. Sie erlauben es, Erledigungen auf dem Heimweg zu integrieren, flexible Arbeitsmodelle zu leben und spontane Freizeitaktivitäten zu ermöglichen. Wer alles, was er braucht, in 10 bis 15 Minuten erreichen kann, empfindet die Stadt als Unterstützung – nicht als Belastung.

Digitale Tools spielen dabei eine immer größere Rolle. Navigation-Apps, Buchungsplattformen für Sharing-Angebote, digitale Stadtpläne, Service-Apps für die Quartiersversorgung – sie alle helfen, Zeitverluste zu minimieren und Wege optimal zu planen. Gleichzeitig eröffnen sie neue Möglichkeiten für die Steuerung von Verkehrsflüssen, die Optimierung von Infrastrukturen und die Beteiligung der Bewohner. Die Herausforderung: Diese digitalen Instrumente müssen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch intuitiv bedienbar und für alle zugänglich sein. Sonst werden sie zu neuen Barrieren statt zu Erleichterungen.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Gestaltung des öffentlichen Raums. Wer im Alltag wenig Zeit hat, ist dankbar für attraktive, sichere und gut erreichbare Orte zum Verweilen, Arbeiten oder Treffen. Die Qualität von Wegen, Plätzen, Grünflächen und Aufenthaltsbereichen entscheidet mit darüber, wie leicht und angenehm der Alltag bewältigt werden kann. Gleichzeitig sind kurze, direkte und barrierefreie Wege entscheidend – nicht nur für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, sondern für alle, die keine Zeit verlieren wollen.

Schließlich darf die Bedeutung der Flexibilität nicht unterschätzt werden. Starre Infrastrukturen, festgefügte Nutzungen oder unflexible Dienstleistungszeiten passen nicht mehr in eine Welt, in der Arbeitszeiten, Familienmodelle und Lebensentwürfe immer vielfältiger werden. Stadtplanung muss daher Offenheit für Veränderungen mitdenken. Temporäre Nutzungen, adaptive Gebäude, variable Flächen und multifunktionale Räume sind der Schlüssel zu einer urbanen Umgebung, die sich an den Alltag ihrer Nutzer anpasst – und nicht umgekehrt.

Innovative Konzepte und Best Practices: Wie Städte Alltagstauglichkeit neu denken

International und auch im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche Beispiele für gelungene, alltagstaugliche Stadtplanung. Paris etwa setzt mit der „15-Minuten-Stadt“ neue Maßstäbe: Ziel ist es, dass alle wichtigen Lebensbereiche in maximal einer Viertelstunde erreichbar sind. Das Konzept inspiriert mittlerweile Stadtplaner weltweit – von Barcelona bis Melbourne. Auch in Wien werden seit Jahren gezielt Nahversorgungszentren in den Stadtteilen gestärkt, um die Wege zu verkürzen und die Lebensqualität zu steigern. Die Stadt Zürich wiederum investiert massiv in multimodale Mobilitätsknoten und digitale Informationssysteme, die den Alltag der Pendler enorm erleichtern.

In Deutschland setzen Städte wie Freiburg auf autofreie Quartiere, die bewusst auf kurze Wege und ein enges Netz von Rad- und Fußwegen setzen. Die Hamburger HafenCity zeigt, wie durchmischt genutzte Stadtteile flexible Lebensentwürfe unterstützen und den Alltag erleichtern können. München wiederum experimentiert mit Mikro-Depots für den Lieferverkehr, die Online-Bestellungen bündeln und so die Zahl der Lieferfahrzeuge im Quartier reduzieren – ein echter Zeitgewinn für alle Bewohner.

Ein spannender Trend sind neue Wohn- und Arbeitsformen. Co-Working-Spaces, flexible Bürokonzepte, Homeoffice-Angebote und Quartiersarbeitsplätze ermöglichen es, Arbeit und Privatleben besser zu verbinden. Gleichzeitig entstehen immer mehr hybride Gebäude, die Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Nahversorgung unter einem Dach vereinen. Diese neuen Typologien reduzieren nicht nur Wege, sondern schaffen auch Raum für Begegnung und Gemeinschaft – zwei Faktoren, die den Alltag deutlich bereichern können.

Auch die Digitalisierung der Verwaltung trägt zur Alltagstauglichkeit bei. Online-Terminvergaben, digitale Bauanträge, smarte Bürgerportale und Chatbots sparen Zeit und Nerven – für die Bürger wie für die Städte selbst. Besonders wichtig: Die Angebote müssen niederschwellig, verständlich und zuverlässig funktionieren. Komplizierte Formulare, lange Wartezeiten oder unklare Zuständigkeiten sind die Antithese zu einer alltagstauglichen Stadtverwaltung.

Schließlich lohnt sich der Blick auf temporäre und experimentelle Formate. Pop-up-Bike-Lanes, mobile Stadtmöbel, temporäre Spielstraßen oder saisonale Märkte zeigen, wie flexibel Städte auf sich verändernde Bedürfnisse reagieren können. Sie bieten die Chance, neue Ideen schnell zu testen, Erfahrungen zu sammeln und auf Veränderungen zu reagieren. Gerade für Menschen mit wenig Zeit sind solche Angebote oft der entscheidende Unterschied zwischen Stress und Lebensfreude.

Beteiligung, Kommunikation und Governance: Wie Alltagstauglichkeit in die Planung kommt

Stadtplanung für Menschen mit wenig Zeit ist nicht nur eine Frage von Infrastruktur und Technik, sondern auch von Prozessen und Kommunikation. Bürgerbeteiligung wird oft als langwierig und kompliziert wahrgenommen – das schreckt gerade jene ab, die ohnehin kaum Zeit haben. Hier braucht es neue, alltagstaugliche Formate: Online-Beteiligungen, mobile Stadtlabore, kurze Feedbackschleifen oder Beteiligung per Smartphone-App. Entscheidend ist, dass Partizipation nicht zum Zeitfresser, sondern zur echten Chance für Einfluss und Mitsprache wird.

Transparenz ist ein weiterer Schlüssel. Wer schnell verstehen will, wie und warum Planungen ablaufen, braucht verständliche Informationen, klare Visualisierungen und offene Daten. Digitale Zwillinge, wie sie in fortschrittlichen Städten eingesetzt werden, können Entscheidungsprozesse nachvollziehbar machen und ermöglichen es, Planungsvarianten in Echtzeit zu simulieren. Das senkt die Hürden für Beteiligung und erhöht die Akzeptanz – gerade bei denen, die sich nicht stundenlang in Sitzungen verlieren wollen.

Auch auf Verwaltungsebene muss Alltagstauglichkeit zur Leitlinie werden. Das beginnt bei der internen Abstimmung zwischen Ämtern und endet bei der Zusammenarbeit mit externen Partnern. Agilität, kurze Entscheidungswege und eine Kultur des Ermöglichens sind gefragt. Städte, die sich in bürokratischen Prozessen verlieren, vergeuden nicht nur Zeit, sondern auch Chancen. Wer hingegen Verwaltung als Service versteht und die Bedürfnisse der Bürger konsequent in den Mittelpunkt stellt, gewinnt an Effizienz und Attraktivität.

Ein oft unterschätzter Bereich ist die Governance von Daten und digitalen Infrastrukturen. Wer Echtzeitinformationen, Sharing-Angebote oder smarte Steuerungen nutzen will, braucht offene, interoperable Plattformen und klare Regelungen für Datenschutz und Datensouveränität. Nur so können digitale Tools wirklich helfen, den Alltag zu erleichtern – statt neue Unsicherheiten zu schaffen. Auch die Frage, wer die Kontrolle über digitale Stadtmodelle und Simulationen hat, ist zentral: Sie darf nicht allein in den Händen von Softwareanbietern oder einzelnen Ämtern liegen, sondern muss demokratisch legitimiert und transparent gestaltet werden.

Schließlich ist die Kommunikation zwischen allen Beteiligten entscheidend. Planer müssen lernen, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären und auf die Alltagssprache ihrer Zielgruppen zu übersetzen. Nur so können sie verhindern, dass innovative Ideen an der Realität vorbei geplant werden. Gleichzeitig braucht es eine Feedbackkultur, die schnell auf Kritik und Anregungen reagiert – und so zeigt, dass die Zeit der Bürger ernst genommen wird. Alltagstauglichkeit beginnt mit Respekt gegenüber der Lebensrealität der Menschen – und endet mit Strukturen, die wirklich funktionieren.

Fehler, Sackgassen und Chancen: Was Stadtplanung von der Zielgröße Alltagstauglichkeit lernen kann

Trotz vieler guter Ansätze gibt es in der Praxis noch zahlreiche Stolpersteine. Zu oft werden neue Quartiere mit langen Wegen, unzureichender Nahversorgung oder unflexiblen Nutzungen geplant. Verkehrsprojekte setzen immer noch zu sehr auf das Auto und ignorieren die Bedürfnisse von Fußgängern und Radfahrern. Digitale Angebote sind häufig zu kompliziert, zu exklusiv oder schlicht nicht funktional. Und Beteiligungsprozesse bleiben für viele ein Buch mit sieben Siegeln – oder ein Zeitfresser ohne echten Einfluss. Die Folge: Die Stadt bleibt für viele ein Ort des Zeitverlusts statt der Lebensqualität.

Ein häufiger Fehler ist die Trennung von Planungsdisziplinen. Wer Verkehr, Wohnen, Arbeiten, Grünflächen und Nahversorgung zu isoliert denkt, produziert unnötige Schnittstellenprobleme – und bürdet den Bewohnern zusätzliche Wege und Wartezeiten auf. Die Lösung: interdisziplinäre Planungsteams, die von Anfang an alle relevanten Aspekte zusammendenken und auf Alltagstauglichkeit prüfen. Auch die frühzeitige Einbindung der späteren Nutzer hilft, typische Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Eine weitere Sackgasse ist der Glaube an Patentrezepte. Was in einer Stadt funktioniert, muss nicht überall passen. Alltagstauglichkeit ist immer auch eine Frage des lokalen Kontexts, der vorhandenen Infrastrukturen, der sozialen Strukturen und der kulturellen Prägungen. Erfolgreiche Konzepte sind flexibel, anpassungsfähig und offen für Weiterentwicklung. Sie setzen auf Pilotprojekte, Experimentierfreude und eine Fehlerkultur, die aus Rückschlägen lernt statt Innovation zu verhindern.

Doch die Chancen sind enorm. Wer Alltagstauglichkeit zur Zielgröße macht, baut Städte, in denen Menschen gerne leben – trotz oder gerade wegen ihrer knappen Zeit. Solche Städte sind resilienter, sozial gerechter, wirtschaftlich attraktiver und ökologisch nachhaltiger. Sie ziehen Talente an, fördern Innovation und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und sie zeigen: Stadtplanung ist keine Kunst für Eliten, sondern eine Dienstleistung für alle, die Tag für Tag das urbane Leben gestalten.

Die wichtigste Lehre: Alltagstauglichkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Arbeit. Sie erfordert Mut zur Veränderung, Offenheit für neue Ideen und den Willen, die Lebensrealität der Menschen zum Maßstab zu machen. Wer sich darauf einlässt, wird mit Städten belohnt, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern auch funktionieren – Tag für Tag, Minute für Minute.

Fazit: Alltagstaugliche Stadtplanung ist die Kunst des Machbaren – und der Schlüssel zur urbanen Lebensqualität

Stadtplanung für Menschen mit wenig Zeit ist weit mehr als ein aktueller Trend. Sie ist Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels im Verständnis von urbaner Lebensqualität. Im Zentrum steht der Alltag der Menschen – ihre Wege, Bedürfnisse, Wünsche und Zwänge. Wer Städte heute plant, muss diese Realität ernst nehmen und Strukturen schaffen, die Flexibilität, Effizienz und Teilhabe ermöglichen. Das erfordert interdisziplinäres Denken, die Integration digitaler Tools, neue Formen der Beteiligung und den Mut, alte Routinen zu hinterfragen. Zahlreiche Städte zeigen, dass Alltagstauglichkeit eine erreichbare Zielgröße ist – wenn der Wille zur Veränderung da ist. Die Zukunft gehört den Städten, die nicht nur glänzen, sondern funktionieren. Denn am Ende zählt, wie viel Zeit wir mit dem verbringen, was uns wirklich wichtig ist – und wie sehr die Stadt dabei hilft, dieses Ziel zu erreichen.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.