Taipei nutzt Augmented Reality für Bürgerbeteiligung

Taipei bei Nacht: Augmented Reality revolutioniert Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung.
Immersives Erlebnis mit digitalen Ebenen über der realen Stadt.

Einwohner erleben Stadtplanung hautnah – und das nicht in fernen Zukunftsvisionen, sondern im Hier und Jetzt: In Taipeh revolutioniert Augmented Reality die Bürgerbeteiligung. Mit digitalen Ebenen über der realen Stadt wird Mitbestimmung zum immersiven Erlebnis und gibt Planern, Politikern und Bewohnern völlig neue Werkzeuge an die Hand. Was steckt hinter diesem urbanen Technikwunder? Und kann Taipeh mit dieser Strategie zum Vorbild für den deutschsprachigen Raum werden?

  • Wie Taipeh Augmented Reality (AR) für Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung nutzt.
  • Technische Grundlagen: Was AR von klassischen Visualisierungen unterscheidet.
  • Prozessinnovation: Von analogen Workshops zu digitalen, interaktiven Beteiligungsformaten.
  • Erfahrungen und Erfolge aus Taipeh – und was davon auf Deutschland, Österreich und die Schweiz übertragbar ist.
  • Chancen für Partizipation, Transparenz und Akzeptanz in der Stadtentwicklung.
  • Herausforderungen: Datenschutz, digitale Kluft, Governance-Fragen.
  • Wie AR die Rolle von Planern, Politik und Bewohnern neu definiert.
  • Strategische Empfehlungen für deutschsprachige Städte.

Von der Leinwand ins Leben: Wie Augmented Reality Bürgerbeteiligung in Taipeh verändert

Bislang war Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung oft ein zähes Unterfangen. Wer schon einmal an einem klassischen Beteiligungsworkshop teilgenommen hat, kennt das Ritual: Pläne an der Wand, Post-Its, hitzige Debatten, manchmal ein Modell aus Pappe – und das alles in einem Sitzungssaal, weit entfernt von der tatsächlichen Stadt. In Taipeh jedoch wird dieses Szenario radikal umgekrempelt. Hier treffen sich Bürger nicht mehr bloß vor Papier, sondern bewegen sich mit Smartphones, Tablets oder AR-Brillen direkt im geplanten Stadtraum. Sie sehen, was geplant ist, eingebettet in die reale Umgebung. Häuser, Parks, Straßen und sogar Vegetation erscheinen als digitale Überlagerung vor den eigenen Augen.

Die städtische Verwaltung Taipehs hat dafür eine eigene Plattform entwickelt, die mit gängigen AR-Geräten kompatibel ist. Über diese Plattform können Anwohner vor Ort erleben, wie sich ein Hochhaus auf das Straßenbild auswirkt, wie neue Radwege verlaufen oder wie ein künftiger Park Schatten spendet. Die Technologie nutzt präzise Geodaten, dreidimensionale Modelle und Echtzeit-Rendering, um geplante Veränderungen virtuell sichtbar und begehbar zu machen. Wer sich mit dem Tablet auf den geplanten Marktplatz stellt, sieht die geplanten Gebäude als transparente Strukturen, kann sich frei bewegen und bekommt Zusatzinformationen eingeblendet – von geplanten Materialien bis zu erwarteten Lärmemissionen.

Das Resultat: Bürgerfeedback ist nicht mehr abstrakt, sondern höchst konkret. Fragen wie „Wie wirkt sich das neue Gebäude auf meinen Alltag aus?“ oder „Welche Auswirkungen hat die Umgestaltung für das Mikroklima?“ lassen sich vor Ort und im Echtzeitkontext beantworten. Die Hemmschwelle zur Beteiligung sinkt, weil die Planungen greifbar werden. Kritische Stimmen können sich direkt einbringen, indem sie Problemstellen markieren oder Verbesserungsvorschläge digital hinterlassen. Die Verwaltung wiederum erhält Feedback, das nicht nur qualitativ, sondern auch räumlich und kontextuell präzise ist.

Diese Verknüpfung von Planung, Technik und Bürgerwissen ist in Taipeh längst keine Spielerei mehr, sondern integraler Bestandteil der Stadtentwicklung. Die Stadtregierung setzt AR gezielt bei Großprojekten ein, etwa bei der Umgestaltung ganzer Quartiere oder der Entwicklung neuer Parks. Die Resonanz ist überwältigend: Die Beteiligungsraten sind sprunghaft gestiegen, das Vertrauen in Planungsprozesse wächst, und selbst kritische Gruppen fühlen sich erstmals wirklich gehört.

Doch nicht nur die Quantität, sondern vor allem die Qualität des Austauschs hat sich verändert. Wo früher Missverständnisse durch abstrakte Darstellungen entstanden, sorgt die immersive Technologie für gemeinsame Bezugsrahmen. Die Diskussionen verlaufen sachlicher, die Vorschläge sind fundierter und kreativer. In Taipeh zeigt sich: AR ist kein technischer Selbstzweck, sondern ein Werkzeug für mehr demokratische Stadtplanung – und damit ein echter Gamechanger.

Technologische Grundlagen: Was kann Augmented Reality, was klassische Visualisierung nicht kann?

Augmented Reality ist weit mehr als das bloße Überblenden von Grafiken auf ein Kamerabild. Im Unterschied zu klassischen 3D-Visualisierungen oder Virtual-Reality-Erlebnissen verbindet AR digitale Informationen mit der physischen Welt in Echtzeit und Kontext. Das bedeutet: Die digitale und die reale Ebene interagieren miteinander, reagieren aufeinander und passen sich dynamisch an. Für die Stadtplanung heißt das, dass geplante Veränderungen direkt vor Ort erlebbar werden – mit allen räumlichen, klimatischen und sozialen Bezügen, die der reale Stadtraum bietet.

Die Basis dafür bilden hochpräzise Geodaten, die mit Building Information Modeling (BIM), GIS-Systemen und Echtzeit-Sensorik verknüpft werden. Kameras und Bewegungssensoren erfassen die Position des Nutzers und richten das digitale Modell millimetergenau auf die Umgebung aus. Moderne AR-Engines wie ARKit (Apple) oder ARCore (Google) ermöglichen dabei nicht nur statische Überlagerungen, sondern komplexe Interaktionen: Ein Nutzer kann etwa ein geplantes Gebäude virtuell umrunden, in unterschiedliche Höhen gehen oder die Tageszeit verändern, um Licht- und Schatteneffekte zu simulieren.

Ein entscheidender Unterschied zu klassischen Visualisierungen liegt im Grad der Partizipation. Während früher Visualisierungen statisch vorgegeben wurden, wird in der AR der Nutzer selbst zum aktiven Akteur. In Taipeh können Bürger eigene Kommentare und Anmerkungen direkt in die AR-Modelle eintragen. Sie markieren Problemstellen, schlagen alternative Gestaltungselemente vor oder dokumentieren eigene Nutzungsgewohnheiten. Diese Interaktionen werden automatisch erfasst, georeferenziert und fließen direkt in das Planungssystem zurück.

Zudem ermöglicht AR eine einfache Integration weiterer Datenebenen: Lärmwerte, Windströmungen, Verkehrsdaten, Luftqualität oder Vegetationsdichte können als zusätzliche Layer eingeblendet werden. Dadurch entstehen ganzheitliche, multisensorische Planungserlebnisse, die weit über die Möglichkeiten klassischer Planskizzen hinausgehen. Besonders relevant wird dies bei komplexen Fragestellungen wie Klimaresilienz, Mobilitätswende oder sozialer Integration, da hier viele Faktoren gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.

Ein oft unterschätzter Vorteil: AR kann auch bestehende Stadtstrukturen sichtbar machen, die sonst verborgen bleiben – etwa unterirdische Leitungen, geplante Infrastruktur oder historische Schichten. Dadurch wird nicht nur die Planung transparenter, sondern auch das Verständnis für urbane Zusammenhänge in der Bevölkerung gestärkt. In Taipeh berichten Planer, dass die Diskussionen mit Bürgern seit Einführung von AR deutlich fundierter und lösungsorientierter verlaufen – und das liegt nicht zuletzt an der neuen, gemeinsamen Wirklichkeit, die AR schafft.

Prozessinnovation: Vom analogen Workshop zur digitalen Teilhabe

Die Einführung von Augmented Reality in Taipeh ist weit mehr als ein technisches Upgrade. Sie stellt die traditionellen Beteiligungsprozesse grundsätzlich infrage – und eröffnet neue Wege, wie Bürger, Politik und Verwaltung zusammenarbeiten. An die Stelle von statischen Informationsveranstaltungen treten interaktive, offene Prozesse, die sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Beteiligten orientieren. Das klassische Modell, bei dem Planer Lösungen entwickeln und Bürger sie absegnen, wird aufgebrochen. Stattdessen entsteht ein kontinuierlicher Dialog, der sich über den gesamten Planungszyklus erstreckt.

Ein zentrales Element dabei ist die Demokratisierung des Zugangs: In Taipeh werden AR-Beteiligungsformate nicht nur im Rathaus oder in speziell eingerichteten Beteiligungszentren angeboten, sondern auch dezentral im Stadtraum selbst. Mobile Teams verteilen Tablets, organisieren geführte AR-Spaziergänge oder bieten Sprechstunden direkt vor Ort an. Die Schwelle zur Beteiligung sinkt, weil Bürger spontan und ohne Vorwissen einsteigen können. Auch für Menschen, die sich bislang wenig mit Stadtplanung beschäftigt haben, wird das Thema begreifbar – im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Prozess ist dabei bewusst offen gestaltet: Bürger können jederzeit Feedback geben, Vorschläge machen oder Fragen stellen – und zwar genau dort, wo sie betroffen sind. Die Verwaltung nutzt die digitalen Rückmeldungen, um Planungen flexibel anzupassen und auf lokale Besonderheiten einzugehen. So entsteht ein Planungsprozess, der nicht mehr linear, sondern zyklisch verläuft: Vorschläge werden visualisiert, diskutiert, angepasst und erneut überprüft. Dieser iterative Ansatz fördert nicht nur die Qualität der Ergebnisse, sondern auch die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Ein weiterer Vorteil: Die Dokumentation und Auswertung der Beiträge erfolgt automatisch und strukturiert. Jeder Kommentar, jede Markierung und jede Anregung wird digital erfasst, georeferenziert und mit Metadaten versehen. Dadurch lassen sich Trends erkennen, Konfliktpunkte identifizieren und besonders innovative Vorschläge gezielt weiterverfolgen. Die Verwaltung gewinnt so wertvolle Einblicke in die Bedürfnisse und Wünsche der Bevölkerung – und kann diese systematisch in die Planung integrieren.

In Taipeh zeigt sich zudem, dass die Digitalisierung der Beteiligung neue Zielgruppen erschließt: Jüngere Menschen, technikaffine Gruppen und bislang wenig engagierte Anwohner beteiligen sich deutlich häufiger. Gleichzeitig bleibt das analoge Angebot bestehen, etwa für ältere Menschen oder Menschen ohne digitalen Zugang. Die Kombination aus digitaler Innovation und sozialer Inklusion macht den Prozess zum Vorbild für andere Städte – auch im deutschsprachigen Raum.

Chancen, Risiken und Übertragbarkeit: Was können deutschsprachige Städte aus Taipeh lernen?

Der Blick nach Taipeh inspiriert – und konfrontiert Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit der Frage: Wie viel Mut zur Innovation steckt in unseren Planungsprozessen? Klar ist: Die technischen Voraussetzungen für AR-Beteiligung sind auch hier längst gegeben. Moderne GIS-Systeme, 3D-Stadtmodelle und mobile Endgeräte sind in vielen Kommunen vorhanden. Was oft fehlt, ist der Wille, diese Technologien in die Breite zu tragen und bestehende Prozesse konsequent zu öffnen.

Ein zentraler Erfolgsfaktor aus Taipeh ist die klare Governance: Die Stadtverwaltung steuert die Plattform, stellt die Daten bereit und sorgt für Transparenz. Gleichzeitig werden Datenschutz und Datensouveränität großgeschrieben. Bürger entscheiden selbst, welche Daten sie teilen, und haben jederzeit Einblick in die Verwendung ihrer Beiträge. Dieses Vertrauen in den Prozess ist elementar – und muss auch in deutschsprachigen Städten Priorität haben. Andernfalls droht die Gefahr, dass digitale Beteiligung zur Black Box wird und Widerstände schürt.

Eine weitere Herausforderung ist die digitale Kluft. Nicht alle Bürger verfügen über die nötige Hardware oder die digitalen Kompetenzen, um AR-Angebote zu nutzen. In Taipeh wird diesem Problem mit Leihgeräten, Schulungen und hybriden Formaten begegnet. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz sollten Städte darauf achten, niemanden auszuschließen. Digitale Innovation darf nicht zur sozialen Spaltung führen, sondern muss inklusiv gestaltet werden.

Ein Risiko ist zudem die Kommerzialisierung von Beteiligungsplattformen. In Taipeh wurde bewusst auf offene, städtische Lösungen gesetzt, um den Einfluss privater Anbieter zu begrenzen und die Kontrolle über Daten und Prozesse zu behalten. Für den deutschsprachigen Raum empfiehlt sich ein ähnlicher Ansatz: Offene Standards, kommunale Steuerung und Transparenz sollten Leitprinzipien sein – nicht nur aus Datenschutzgründen, sondern auch zur Wahrung der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Letztlich ist die wichtigste Lektion aus Taipeh aber eine kulturelle: Stadtplanung muss als gemeinschaftlicher, offener Prozess verstanden werden. Augmented Reality ist dabei kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug, um Beteiligung greifbar, wirksam und attraktiv zu machen. Wer sich in Deutschland, Österreich oder der Schweiz darauf einlässt, kann nicht nur die Akzeptanz für Projekte erhöhen, sondern auch die Qualität urbaner Räume nachhaltig verbessern. Es braucht Mut, Offenheit und ein Quäntchen Experimentierfreude – dann kann Taipehs Ansatz auch hier zum Vorbild werden.

Fazit: Augmented Reality als Sprungbrett in die Stadtplanung von morgen

Die Erfahrungen aus Taipeh zeigen eindrucksvoll, dass Augmented Reality weit mehr ist als ein technisches Gimmick. Sie ist ein Katalysator für echte, wirksame Bürgerbeteiligung – und damit für bessere, demokratischere Städte. Durch die Verschmelzung von digitaler Innovation und partizipativem Geist wird Stadtplanung zum Gemeinschaftswerk, bei dem alle Akteure auf Augenhöhe agieren. Die Technologie schafft Transparenz, fördert Kreativität und stärkt das Vertrauen in politische Prozesse. Gleichzeitig fordert sie Städte heraus, alte Muster zu verlassen, neue Wege zu gehen und Beteiligung radikal neu zu denken.

Für den deutschsprachigen Raum bietet Taipeh daher ein wertvolles Labor, dessen Erfahrungen, Fehler und Erfolge als Blaupause dienen können. Klar ist: Ohne digitalen Wandel wird Partizipation künftig schwer vermittelbar sein – und wer die Möglichkeiten von AR nicht nutzt, verschenkt Potenziale. Aber: Technik allein reicht nicht. Es braucht den Mut zur Offenheit, die Bereitschaft, Macht zu teilen, und die Fähigkeit, Prozesse inklusiv zu gestalten. Nur so wird Augmented Reality zum echten Sprungbrett in die Stadtplanung von morgen. Der erste Schritt ist gemacht – es liegt an uns, den Weg konsequent weiterzugehen.

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Pontevedra in Spanien gilt als Vorreiter für autofreie Städte. Wie sich die Stadt gewandelt hat, welche Vorteile heute messbar sind und welche Kritik es anfangs gab lesen Sie hier.

Pontevedra geht seinen eigenen Weg

Über die Zukunft der Mobilität wird allerorts viel diskutiert. Fahrverbote und Tempolimits stoßen dabei besonders oft auf Widerstand. Wie ein resolutes Konzept die innerstädtische Qualität jedoch nachhaltig verbessern kann, zeigt ein Projekt in Spanien. Die Stadt Pontevedra im Nordwesten des Landes geht bereits seit den 1999er Jahren ihren eigenen Weg. Als Provinzhauptstadt von Rías Baixas in Galicien gelegen, bietet der Ort mit kleinen Plätzen, wappengeschmückten Häusern mit Arkaden und alten Kirchen im mittelalterlichen Stadtkern zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Große Bekanntheit erlangte die Stadt jedoch vor allem aufgrund ihrer nachhaltigen Verkehrspolitik. Denn seit nurmehr über 20 Jahren ist die Innenstadt weitgehend autofrei gestaltet.

Pontevedras "schmutzige" Vergangenheit 

Die Umgestaltung erfolgte als drastische Reaktion auf die untragbaren Zustände. Auf 80 000 Einwohner*innen kamen beinahe genauso viele Autos. Allein in der Altstadt verkehrten täglich 14 000 Autos, berichtet der Bürgermeister von Pontevedra, Miguel Anxo Fernández Lores. Es sei ein einziges Chaos gewesen. Hinzu kamen die schlechte Luftqualität und zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch Xosé Cesareo Mosquera, der Leiter der städtischen Infrastrukturen, erinnert sich an den damaligen Status quo:It was a sad and stressed city, people felt like they had to escape to live on the outskirts.“ Die Stadt reagierte. Unter dem damals neu ins Amt gewählten Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores begann eine umfassende urbane Transformation.

Drastische Maßnahmen

Nach nur einem Monat im Amt gelang es Lores, insgesamt 300 000 Quadratmeter im Stadtzentrum zu Fußgänger*innenzonen umzuwidmen. In der Altstadt ist seitdem nur noch Lieferverkehr geduldet. Ehemalige Parkplätze wurden zu Flaniermeilen umgestaltet. Wer sein Auto parken möchte, sucht dazu nun einen der rund 15 000 Parkplätze außerhalb der Innenstadt auf. Die meisten davon sind kostenlos. Unterirdische Parkhäuser ergänzen das Angebot. Für Autos gilt außerdem ein Tempolimit von 30 km/h. Straßenbarrieren in Form von erhöhten Überwegen für Fußgänger*innen, geringe Fahrbahnbreiten und Kreisverkehre fördern dabei einen steten aber langsameren Verkehrsfluss. Den schmalen Straßen stehen breite Gehwege gegenüber. Sie zeigen ganz deutlich: In Pontevedra haben Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr. Über zusätzliche Stadtpläne mit Entfernungen und Zeitangaben zu Fuß können sich diese im Stadtraum informieren und orientieren.

Folgen der Transformation

Die Transformation betrifft jedoch nicht nur die städtischen Infrastrukturen. Auch die Einstellung der Menschen zur Stellung des Autos hat sich über die Jahre geändert. Für Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores gilt schon seit Beginn an: „Owning a car does not give you the right to take up public space.“ Selbst lokale Geschäftsleute, die sich zuerst vehement gegen die Maßnahmen ausgesprochen hatten, sind heute von den Vorzügen der Stadt- und Verkehrsplanung zugunsten von Fußgänger*innen überzeugt. Der prophezeite Einbruch an Kund*innen- und Umsatz trat nicht ein. Vielmehr erledigen die Bürger*innen Pontevedras heute vieles zu Fuß. Um Widerstand entgegen zu wirken, wählte die Stadt einen inklusive Planungsprozess. Vor der Umgestaltung der jeweiligen Straße organisierte sie Versammlungen mit den betroffenen Anwohner*innen. So seien Zweifel oder Sorgen zerstreut worden.

Insgesamt hat sich das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt um 97 Prozent verringert. Auch die Luftwerte konnte deutlich verbessert werden. So verzeichnet die Stadt seit Einführung der Änderungen einen Rückgang der CO2-Emissionen um über 70 Prozent verzeichnet. Schließlich ist auch die Zahl der Verkehrsunfälle und der Verkehrstoten zurückgegangen.

Pontevedra als Vorbild?

Das Modell dient vielen anderen Städten weltweit als Vorbild. Pontevedra wurde für das Konzept außerdem mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der UN-Habitat Award 2014, der Intermodes Award 2013 und der Active Design Award 2015. Die Übertragbarkeit auf andere Städte wird immer wieder diskutiert. Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores selbst sagt, jede Stadt müsse ihr eigenes passendes Modell finden. Es gebe jedoch mit Sicherheit Ansätze aus Pontevedra, die andernorts als Inspiration dienen könnten. Laut Bürgermeister Lores könne eine ähnliche Umgestaltungen in Städten mit bis zu 180 000 Einwohner*innen funktionieren. Bei größeren Metropolen könne es helfen, in Stadtvierteln zu denken. Also beispielsweise den Verkehr in einigen großen Straßen des Stadtgebiets zu konzentrieren, um angrenzende Bereiche verkehrsfrei auszugestalten.

Klare Kommunikation und Planung 

Wesentlich sei vor allem ein klarer Plan. So verfolgt Pontevedras Stadtplanung ein Konzept der kompakten Zentren. Statt einer Zersiedelung und Orientierung ins Umland, fördert die Stadt die Innenentwicklung. Kurze Wege zu Fuß werden so realisierbar. Ebenso wichtig sei die Kommunikation mit den Betroffenen. Nur durch sinnhafte und nachvollziehbare Eingriffe, die eine tatsächliche Besserung brächten, könne die Bevölkerung die anstehenden Veränderungen mitgehen. „When you simply remove parking without putting out street furniture or terraces or improving the space at all, then the person who cannot park their car there will be frustrated because it simply appears that nothing is being done with an area that could otherwise be used for parking.“, sagt Lores.

Pontevedra hat geschafft, wonach viele Städte sich sehnen. Durch eine kluge Hierarchiesierung von Verkehrsmitteln und entsprechende Gestaltung von Stadträumen entwickelte sich ein attraktiver Ort. Und setzt für andere Kommunen weltweit ein Signal: Die Transformation hin zu alternativen Fortbewegungsmitteln ist möglich. 

In Deutschland wird währenddessen immer noch über Tempo 30 Zonen gestritten. Ein Beispiel aus Berlin.

 

Foto: Bundesstiftung Baukultur

 

Die dritte Baukulturwerkstatt in diesem Jahr in Frankfurt am Main befasste sich mit Planungskultur und Prozessqualität.

 

Mit sicherem Gespür für angesagte Orte hat die Bundesstiftung Baukultur zum abendlichen Empfang im Rahmen der 3. Baukulturwerkstatt in Frankfurt am Main zum ehemaligen Osthafen eingeladen. Im Schatten des EZB-Towers (coop Himmelblau), der im Juni diesen Jahres eröffnet wurde, hatten sich die ortskundigen Scouts die Gewölbe unter der Honsellbrücke ausgesucht. Hier im Entwicklungsgebiet Osthafen, wo die Jogger und Biker mit dem Hafenpark das vorläufige Ende ihrer Mainufer-Renn- und Flanierstrecke vorfinden (sinai Landschaftarchitekten), hat die Stadt dem Kunstverein Familie Montez, der bisher einen Altbau in der Innenstadt bespielte, die eindrucksvollen Räume gegeben und sich damit gegen eine lukrative Eventlocation entschieden. Damit war das Thema „Planungskultur und Prozessqualität“ en passant schon einmal beispielhaft eingeführt. Eine Führung zur Architektur- und Stadtentwicklung der „guiding architects“ Frankfurt stellte am Ende der Werkstatt das spannenden Quartier noch einmal ausführlicher vor. Wegen der EZB und der weiträumig und klug gebauten Sport-, Skate- und Freizeitflächen hat das ehemalige Hafengebiet im historisch unattraktiven Osten eine spürbare Aufwertung erfahren, dessen Prozess noch lange nicht zu Ende ist.

Die eigentliche Werkstatt fand dann in einem Gebäude statt, dass keinen krasseren Gegensatz zum ruppig-schicken Hafenquartier bilden könnte: Der Commerzbank-Tower von Norman Foster, mit 300 Metern Höhe einst höchster und erster „ökologischer“ Wolkenkratzer in Europa. 8 Kurzvorträge zeigten Best-practice-Beispiele aus ländlichen Räumen, deren Inhalte von vorbildlichen Planungsprozessen, erfolgreichen Bürgerbeteiligungsverfahren und der zunehmenden Einrichtung von Gestaltungsbeiräten reichte. Die Bürgermeister und Planungsdezernenten von Weyarn (Oberbayern), Arnsberg im Sauerland und der Fachwerkstatt Eschwege in Nordhessen stellten erfolgreiche Entwicklungskonzepte vor, die mit Partizipation, kostenloser Bauberatung, gestoppter Ausweisung von neuen Wohnbauflächen und gut vorbereiteten Planungsverfahren hochgradig qualitätvolle Ergebnisse erzeugten. Für die Ingenieurszunft stellte Prof. Steffen Marx das jahrelange funktionierende Erfolgsmodell des Brückenbaurates vor, der der Deutschen Bahn zahlreiche Brückenbaupreise bescherte und dem Land einfallslose Standardkonstruktionen ersparte. Dass unter der neuen Bahnleitung die Arbeit nicht weitergeführt wurde, gehört zu den traurigen Erkenntnisse der Tagung. Einen weiteren Schwerpunkt bildete das ungezügelte Wachstum von Einfamilienhausgebieten bei gleichzeitigem Werteverlust des Eigenheimbestandes älterer Bewohner. Am Beispiel Dorsten-Barkenberg im Münsterland wurde im Rahmen der Regionale 2016 die Werkstattreihe „HausAufgaben“ durchgeführt, in der mit den Hauseigentümern und Bewohnern den anstehenden Strukturwandel und das Zusammenleben von morgen thematisiert wurde.

Einen erwartet launigen Schlusspunkt setzte dann der Impulsvortrag von Stephan Petermann von AMO, dem Thinktank von OMA, der das heutige Landleben kräftig entromantisierte. Längst ist der ländliche Raum nicht mehr die rückständige Provinz, sondern ein dynamischer Zukunftsraum, in dem sich computergesteurte Landwirtschaften mit von Robotern gemolkenen Kühen entwickeln und sich die kreative Intelligenz ansiedelt.

In diesem Jahr fand die Baukulturwerkstatt bereits in Kassel (siehe Garten + Landschaft 06/2015) und Regensburg (siehe Garten + Landschaft 08/2015) statt. Zentrales Thema 2015 ist das Leben auf dem Land.