Automatisierte Drohnen-Inspektionen für Infrastrukturmonitoring

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Ein kleines Flugzeug über einer grünen Hügellandschaft nahe einer nachhaltigen Stadt, fotografiert von Marvin Himmelsbach.

Automatisierte Drohnen-Inspektionen revolutionieren das Infrastrukturmonitoring: Sie liefern präzise Daten, sparen Zeit, entlasten Fachkräfte und ermöglichen eine völlig neue Dimension der vorausschauenden Instandhaltung. Wer heute noch manuell Brücken, Stromtrassen oder Kanäle inspiziert, läuft Gefahr, im digitalen Wandel abgehängt zu werden. Wie weit ist die Technik wirklich? Wer profitiert? Und was muss die urbane Planung wissen, um diese Innovation sinnvoll einzusetzen?

  • Definition und Grundlagen automatisierter Drohnen-Inspektionen im urbanen Infrastrukturmonitoring
  • Technologische Entwicklung, Sensorik und Datenverarbeitung: Was können moderne Drohnen?
  • Praktische Einsatzfelder: Von Brücken über Gleisanlagen bis hin zu Energie- und Wasserinfrastruktur
  • Vorteile für Planung, Betrieb und Wartung städtischer Infrastruktur
  • Rechtliche, organisatorische und sicherheitstechnische Herausforderungen
  • Integration von Drohnendaten in digitale Planungstools und Urban Digital Twins
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Potenziale, Risiken und Grenzen automatisierter Drohnen-Inspektionen
  • Ausblick: Die Rolle von Drohnen im zukünftigen Smart City-Kontext

Automatisierte Drohnen-Inspektionen: Definition, Technik und Status quo

Automatisierte Drohnen-Inspektionen sind längst mehr als ein Spielzeug für technikaffine Ingenieure. Sie stehen für einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie urbane Infrastrukturen überwacht, bewertet und gewartet werden. Im Kern geht es darum, unbemannte Fluggeräte – ausgestattet mit hochauflösenden Kameras, LiDAR-Scannern, Multispektralsensoren oder gar Infrarotoptiken – vollkommen autonom Inspektionsflüge durchführen zu lassen. Das bedeutet: Die Drohne folgt vordefinierten Routen, sammelt systematisch Daten und überträgt diese in Echtzeit oder nach Missionsende an zentrale Auswertungsplattformen. Für die urbane Planung und das Infrastrukturmanagement öffnet dies neue Horizonte: Inspektionen werden nicht nur schneller und günstiger, sondern auch objektiver, wiederholbarer und extrem datenreich.

Die technologische Entwicklung in diesem Bereich ist rasant. Moderne Drohnen verfügen über präzise Navigationssysteme auf Basis von GPS, RTK (Real-Time Kinematic) und Visual-SLAM (Simultaneous Localization and Mapping), was ihnen auch in komplexen urbanen Umgebungen eine sichere Flugbahn ermöglicht. Besonders spannend ist dabei die Integration von Künstlicher Intelligenz: Algorithmen erkennen Schäden, Korrosionsstellen oder Anomalien bereits während des Flugs und markieren sie für die spätere Analyse. Die Automatisierung geht so weit, dass der Mensch als Operator fast nur noch überwachend eingreift – ein klarer Effizienzgewinn, gerade bei großflächigen oder schwer zugänglichen Anlagen.

Doch wie steht es um die rechtliche Zulässigkeit? In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Einsatz von Drohnen stark reguliert – insbesondere im urbanen Raum. Automatisierte Flüge, insbesondere außerhalb der Sichtweite (BVLOS – Beyond Visual Line of Sight), erfordern spezielle Genehmigungen, ein durchdachtes Sicherheitskonzept und in den meisten Fällen auch eine enge Abstimmung mit den Luftfahrtbehörden. Die Hersteller und Betreiber setzen daher zunehmend auf zertifizierte Systeme, automatisierte Notfallprotokolle und eigens entwickelte Flugmanagementplattformen, die das Risiko für Mensch und Umwelt minimieren.

Ein wichtiger Aspekt ist die Datenverarbeitung. Rohdaten aus der Drohne sind oft wenig wert, solange sie nicht in ein nutzbares Format gebracht werden. Hier kommen spezialisierte Softwarelösungen ins Spiel, die aus den Bild- und Sensordaten 3D-Modelle, Punktwolken oder thermografische Karten erzeugen. Diese Daten können direkt in bestehende GIS-Systeme, Building Information Models (BIM) oder sogar in Urban Digital Twins eingespeist werden, was eine nahtlose Integration in den Planungsprozess ermöglicht. Die Zukunft der Drohnen-Inspektion liegt also nicht nur im Fluggerät selbst, sondern im Ökosystem aus Sensorik, Software, Datenanalyse und Schnittstellen zu anderen digitalen Tools.

Der Status quo in der DACH-Region zeigt: Während Großprojekte wie Bahntrassen, Autobahnbrücken oder große Kläranlagen bereits regelmäßig von Drohnen inspiziert werden, steckt der breite Einsatz im kommunalen Bereich oft noch in den Kinderschuhen. Es fehlt an personellen Ressourcen, an Erfahrung und nicht zuletzt an Mut, neue Wege zu gehen. Doch die Pioniere zeigen: Wer heute investiert, kann morgen schneller, sicherer und nachhaltiger planen und betreiben.

Einsatzfelder und Mehrwert für die urbane Infrastrukturplanung

Die Palette der Einsatzmöglichkeiten automatisierter Drohnen-Inspektionen im urbanen Kontext ist beeindruckend breit. Brücken, Tunnel, Hochhäuser, Gleisanlagen, Stromtrassen, Windenergieanlagen, Fernwärmeleitungen, Abwasserkanäle oder auch Straßenbeläge – überall dort, wo der Zugang schwierig, die Gefährdung hoch oder die Fläche groß ist, spielen Drohnen ihre Stärken aus. Besonders hervorzuheben ist dabei die Inspektion von Brückenbauwerken. Klassischerweise wurden diese von begehbaren Trupps, Industriekletterern oder aufwändigen Gerüstkonstruktionen untersucht – ein teures, zeitraubendes und nicht ungefährliches Unterfangen. Drohnen hingegen erreichen auch schwer zugängliche Zonen, erfassen Schäden aus nächster Nähe und liefern hochauflösende, georeferenzierte Bilder, die als objektive Grundlage für die Instandhaltungsplanung dienen.

In der Energieinfrastruktur sind automatisierte Drohnenflüge inzwischen fast Standard. Stromnetzbetreiber lassen kilometerlange Hochspannungsleitungen regelmäßig abfliegen, um Isolatoren, Masten oder Vegetation zu prüfen. Die Drohnen erkennen mit Wärmebildkameras Hotspots, entdecken mechanische Beschädigungen oder warnen frühzeitig vor potenziellen Ausfällen. Die Daten werden automatisiert ausgewertet und in Instandhaltungsmaßnahmen überführt – ein Paradebeispiel für proaktive Wartung.

Auch im Bereich der Wasserwirtschaft eröffnen sich neue Perspektiven. Kanäle, Stauanlagen oder Dämme können mit speziellen Tauchdrohnen oder fliegenden Drohnen systematisch inspiziert werden. Insbesondere nach Extremwetterereignissen bieten sie eine schnelle, umfassende Schadensaufnahme, die als Grundlage für Sanierungsmaßnahmen oder Versicherungsleistungen dient. Urbanistische Planer profitieren hier doppelt: Zum einen schaffen die Daten eine belastbare Entscheidungsbasis, zum anderen können sie in Digital Twins oder GIS-Systeme integriert werden, um langfristige Entwicklungen zu analysieren.

Ein weiteres, oft unterschätztes Feld sind Baustellen und Großprojekte. Automatisierte Drohnenflüge dokumentieren Baufortschritte, erfassen Soll-Ist-Abweichungen zwischen Planung und Ausführung und liefern einen tagesaktuellen Überblick für Bauleiter, Investoren und Behörden. Die erzeugten 3D-Modelle und Orthofotos erleichtern die Kommunikation zwischen den Beteiligten, verhindern Missverständnisse und ermöglichen eine transparente Projektsteuerung.

Der eigentliche Mehrwert der Drohnen-Inspektionen liegt jedoch in ihrer Skalierbarkeit und Reproduzierbarkeit. Regelmäßige, automatisierte Flüge erzeugen Zeitreihen, mit denen Veränderungen oder Schadensprogressionen objektiv gemessen werden können. Für die nachhaltige Stadtentwicklung ist das Gold wert: Infrastruktur wird nicht mehr nur reaktiv, sondern vorausschauend und datenbasiert gewartet. Das spart Kosten, reduziert Ausfallzeiten und erhöht die Sicherheit im urbanen Raum.

Rechtliche, organisatorische und gesellschaftliche Herausforderungen

So vielversprechend die Technik auch ist, sie wirft zwangsläufig eine ganze Reihe rechtlicher, organisatorischer und gesellschaftlicher Fragen auf. Zunächst einmal gilt: Der Luftraum ist kein rechtsfreier Raum. Stadtverwaltungen und Infrastrukturbetreiber müssen sich mit einer Vielzahl von Vorschriften auseinandersetzen, die von der europäischen Luftfahrtregulierung (EASA), nationalen Gesetzen und lokalen Auflagen geprägt sind. Automatisierte Flüge, insbesondere außerhalb der Sichtweite, sind genehmigungspflichtig und erfordern umfangreiche Sicherheitskonzepte, Risikobewertungen und oft auch Rücksprachen mit Polizei, Feuerwehr oder Katastrophenschutz.

Datenschutz ist ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Thema. Hochauflösende Drohnenkameras erfassen zwangsläufig auch Bereiche, die nicht unmittelbar zum Inspektionsobjekt gehören – etwa private Grundstücke, Fahrzeuge oder Passanten. Hier ist Sensibilität gefragt: Es gilt, die Prinzipien der Datensparsamkeit einzuhalten, Aufnahmen pseudonymisiert zu verarbeiten und klare Löschfristen zu definieren. Nur so lassen sich Akzeptanz und Rechtssicherheit dauerhaft gewährleisten.

Auf organisatorischer Ebene stellt sich die Frage: Wer betreibt die Drohnenflotte? Viele Kommunen und Versorger scheuen vor dem Aufbau eigener Kapazitäten zurück und setzen stattdessen auf spezialisierte Dienstleister. Das hat Vorteile – etwa bei der Flexibilität und dem Zugang zu Expertise. Andererseits entstehen Abhängigkeiten, die im Hinblick auf die Datensouveränität kritisch hinterfragt werden sollten. Wer die Daten kontrolliert, kontrolliert letztlich auch den Zustand der kritischen Infrastruktur.

Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die Qualifikation des Personals. Zwar läuft ein Großteil der Inspektionsflüge heute bereits automatisiert, doch braucht es weiterhin Fachleute, die die Systeme konfigurieren, die Ergebnisse bewerten und die richtigen Schlüsse für Wartung und Planung ziehen. Hier sind gezielte Fortbildungen, neue Berufsbilder und klare Kompetenzprofile gefragt – eine Herausforderung für Hochschulen, Ausbildungsbetriebe und kommunale Arbeitgeber gleichermaßen.

Und nicht zuletzt steht die gesellschaftliche Akzeptanz auf dem Prüfstand. Drohnen im urbanen Raum sind sicht- und hörbar, sie stoßen nicht überall auf Begeisterung. Es gilt, die Bevölkerung frühzeitig einzubinden, Transparenz zu schaffen und zu kommunizieren, welchen Mehrwert die Technologie für Sicherheit, Nachhaltigkeit und Lebensqualität bietet. Nur so gelingt es, automatisierte Drohneninspektionen als festen Bestandteil moderner Stadtentwicklung zu etablieren.

Drohnen, Daten und Planung: Integration in Urban Digital Twins und Smart Cities

Die Schnittstelle zwischen Drohneninspektionen und digitaler Stadtplanung ist vielversprechend und komplex zugleich. Moderne Urban Digital Twins – digitale, dynamische Abbilder realer Städte – leben von aktuellen, hochauflösenden Daten. Automatisierte Drohnenflüge sind geradezu prädestiniert, diese Datenlücken zu schließen. Sie liefern nicht nur geometrische Modelle, sondern auch Informationen über Materialzustand, Vegetationsentwicklung, Energieflüsse oder thermische Auffälligkeiten. Damit werden sie zum unverzichtbaren Baustein für jede Smart City, die den Anspruch erhebt, Infrastruktur vorausschauend, effizient und nutzerorientiert zu betreiben.

Die Integration der Drohnendaten erfolgt dabei meist über spezialisierte Plattformen, die Bild-, LiDAR- und Sensordaten automatisch in GIS-Systeme oder BIM-Modelle einspeisen. Mittels KI-gestützter Analyse werden Auffälligkeiten markiert, Sanierungsbedarfe priorisiert und sogar automatisierte Instandhaltungsempfehlungen generiert. Für die städtische Planung eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten: Schäden werden nicht mehr erst dann erkannt, wenn sie offensichtlich sind, sondern bereits im Frühstadium. Investitionen können gezielt gesteuert, Ressourcen optimal eingesetzt und Wartungszyklen dynamisch angepasst werden.

Ein spannendes Feld ist die Verknüpfung von Drohnendaten mit anderen urbanen Datenquellen – etwa Verkehrs- und Klimadaten, Informationen aus IoT-Sensorik oder Bürgerfeedback. So entsteht ein ganzheitliches Bild der städtischen Infrastruktur, das Entscheidungen auf eine neue, datenbasierte Grundlage stellt. Die Urbanisten profitieren doppelt: Sie erhalten nicht nur bessere Informationen, sondern können diese auch für Szenarioanalysen, Simulationen und Beteiligungsprozesse nutzen.

Best-Practice-Beispiele zeigen, wie es gehen kann. In Wien etwa werden Brücken und große Bauwerke regelmäßig per Drohne vermessen und die Daten in den städtischen Digital Twin integriert. In Zürich nutzt die Verkehrsbetriebe AG Drohnen, um Gleisanlagen zu inspizieren und Wartungspläne zu optimieren. In Deutschland setzen Städte wie Hamburg und München auf Pilotprojekte, um die Integration von Drohneninspektionen in die kommunalen Datenplattformen zu testen. Die Erfahrungen sind durchweg positiv – vorausgesetzt, die Technik wird mit klaren Prozessen, guten Schnittstellen und einer offenen Kommunikation kombiniert.

Die größte Herausforderung bleibt die Interoperabilität. Drohnendaten sind nur dann wirklich wertvoll, wenn sie nahtlos in bestehende digitale Ökosysteme eingebunden werden können. Hier sind Standards, offene Schnittstellen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Technikern, Planern und Behörden gefragt. Wer diese Hürden überwindet, macht einen entscheidenden Schritt in Richtung smarter, resilienter und nachhaltiger Stadt.

Potenziale, Grenzen und Ausblick: Was kommt nach der Drohne?

Automatisierte Drohneninspektionen sind kein Allheilmittel – aber sie sind ein mächtiges Werkzeug im Werkzeugkasten moderner Stadtentwicklung. Ihr größtes Potenzial liegt in der Fähigkeit, die Lücke zwischen Planung und Betrieb zu schließen. Sie liefern die Daten, die urbane Systeme dynamisch, effizient und nachhaltig machen. Doch wie jede Technologie haben auch Drohnen ihre Grenzen. Wetterabhängigkeit, begrenzte Flugzeiten, regulatorische Beschränkungen und nicht zuletzt die Notwendigkeit einer klugen Auswertung der Daten setzen dem Einsatz natürliche Schranken.

Die nächsten Entwicklungsschritte sind bereits absehbar. Drohnen werden noch autonomer, vernetzter und intelligenter. Flottenmanagement, Schwarmintelligenz und die Integration von Bodenrobotern erweitern das Spektrum der Inspektionsaufgaben. Gleichzeitig werden die Sensoren kleiner, leistungsfähiger und spezialisierter. Micro-Drohnen für Innenräume, Tauchdrohnen für Wasseranlagen oder Hybridmodelle für kombinierte Aufgaben sind längst mehr als Zukunftsmusik.

Die Rolle der Planung verändert sich grundlegend. Statt in starren Zyklen zu warten, werden Infrastruktur und Stadtentwicklung zu permanenten, datengetriebenen Prozessen. Die klassische Trennung zwischen Planung, Bau und Betrieb verschwimmt – zugunsten eines kontinuierlichen Monitorings, das Risiken früh erkennt und Ressourcen optimal steuert. Für Planer bedeutet das: Sie müssen sich mit neuen Tools, neuen Daten und neuen Denkweisen auseinandersetzen. Die Stadt wird zum digitalen Ökosystem, das nur funktioniert, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen.

Doch mit der Technik wächst auch die Verantwortung. Algorithmen und Drohnensysteme dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Sie müssen nachvollziehbar, kontrollierbar und demokratisch legitimiert sein. Nur so gelingt der Spagat zwischen Effizienz, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz. Die urbane Planung ist gefordert, Leitplanken zu setzen, Kompetenzen aufzubauen und die Menschen mitzunehmen.

Fazit: Automatisierte Drohnen-Inspektionen sind gekommen, um zu bleiben – als Teil eines umfassenden, digitalen Infrastrukturmonitorings, das die Stadt von morgen resilient, nachhaltig und lebenswert macht. Wer sich jetzt mit den Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen dieser Technologie auseinandersetzt, legt das Fundament für eine Stadt, die nicht nur gebaut, sondern verstanden und gestaltet wird.

Zusammengefasst sind automatisierte Drohnen-Inspektionen weit mehr als ein kurzlebiger Techniktrend. Sie sind ein Gamechanger für das urbane Infrastrukturmonitoring im deutschsprachigen Raum – mit enormem Potenzial für Effizienz, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Ihr Einsatz erfordert Mut, Know-how und eine kluge Integration in bestehende Prozesse und digitale Stadtmodelle. Die Herausforderungen sind real, aber lösbar – vorausgesetzt, Planung, Betrieb, Politik und Gesellschaft arbeiten Hand in Hand. Nur so gelingt der Sprung von der analogen Inspektion zur digitalen Exzellenz, von der reaktiven Wartung zur vorausschauenden Stadtentwicklung. Wer jetzt die richtigen Weichen stellt, profitiert doppelt: von sicheren, leistungsfähigen Infrastrukturen und von einer Stadt, die den digitalen Wandel souverän meistert.

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Ungenutzte Brückenkonstruktionen können im urbanen Umfeld ungeahnte Möglichkeiten bieten. Berühmtestes Vorbild für eine aufgeständerte Nachnutzung ist wohl der New Yorker High Line Park, gelegen auf einer stillgelegten Hochbahntrasse. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Stadtverwaltung von Seoul: ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprogramm soll die Stadt grüner und für Fußgänger attraktiver gestalten. Herzstück der Planung ist dabei der kürzlich eröffnete Seoullo 7017 Skygarden von MVRDV.

Transformation einer Hochstraße zum Park

Freiräume sind in Seoul ein seltenes Gut. Die Bevölkerungsdichte ist rund viermal so hoch wie in Berlin und das Zentrum ist von versiegelten Verkehrsflächen geprägt. Nach der Umsetzung des städtischen Programms, wurde eine rund einen Kilometer lange Hochstraße vom Verkehr befreit. Die Architekten des niederländischen Büros MVRDV gewannen die Ausschreibung im Jahr 2015 und verwandelten die ehemalige Stadtautobahn in einen attraktiven städtischen Park. Das verästelte, geschwungene Brückenbauwerk stellt damit eine wichtige Fußgängerverbindung im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs dar.

Pflanzenbibliothek aus 24 000 Pflanzen

Der Seoullo 7017 Skygarden zieht seine Besucher in erster Linie durch seine einzigartigen Blickbeziehungen aus 16 Metern Höhe an. 228 verschiedenen Pflanzenarten sind nach dem südkoreanischen Alphabet sortiert und verdeutlichen die Vielfalt heimischer Gewächse. Die insgesamt 24 000 Pflanzen sind in mehreren kleinen Gärten zusammengefasst, welche jeweils einen eigenen Charakter haben. Die Zahlenkombination „7017“ bezieht sich auf die Eröffnungsjahre der Stadtautobahn 1970 und des Parks 2017.

Am 18. September hat der Berliner Senat beschlossen, die Tempelhofer Parklandschaft nicht wie ursprünglich geplant zu verwirklichen. Eine fragwürdige Entscheidung, meint Nicole Uhrig. Ende September wurden die Pläne der schottischen Landschaftsarchitekten Gross.Max für die Tempelhofer Parklandschaft gekippt. Was war passiert? Durch das Berliner Flughafendesaster war die auf 61,5 Millionen Euro bezifferte Finanzierung für den Park nicht mehr möglich. Schon im Vorfeld war das Geld knapp. Es war eine politische Entscheidung, die bisherige Parkplanung zugunsten punktuell implantierter Sitzbänke, Bäume und Kinderspielflächen aufzugeben.

 

Die vordergründige Argumentation zu dieser Entscheidung beruft sich auf den Volkswillen und lautet, „der Park sei in dieser Form nicht erwünscht (ernsthaft strittig war jedoch nur der Kletterfelsen) und man reagiere auf die „Ergebnisse einer Umfrage unter den Besuchern der Grünfläche“ (siehe Artikel “Bäume und Bänke – kein Kletterfelsen” in der Berliner Morgenpost). Dabei war der Entwurf aus jahrelangen umfassenden Bürgerbefragungen hervorgegangen. Diese methodisch gesammelten Erkenntnisse einer einzelnen Umfrage unter Besuchern gegenüberzustellen, ist ohne Frage unzulässig.

Die Argumentation einer einzelnen Interessengruppe für sich zu instrumentalisieren zeugt zudem von einem deutlichen Missbrauch des Instruments „Bürgerbeteiligung“. Neben der zusätzlichen Diskreditierung eines ganzen Berufsstandes durch den amtierenden Bürgermeister, der sich klar gegen den Park ausspricht „’für den Landschaftsarchitekten Preise gewinnen’, der aber nicht das ’Wohlfühl-Gefühl’ der Menschen verbessere“, werden vor allem die großen und international verfolgten Bemühungen um ein umfassendes partizipatives, demokratisches Planungsmodell bei lebendigem Leibe erstickt und vor aller Augen ad absurdum geführt. Das ist ein Imageverlust für Berlin sondergleichen.

 

Ohne das finanzielle Desaster am neuen Berliner Flughafen hätte man die Planung einfach weiterentwickelt, wenn auch bei knapp bemessener Kasse. Der Rahmen war gesetzt und die Entwicklungsstrategie hatte Raum für Kursänderungen vorgesehen. Möglicherweise hätte die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ noch Änderungen herbeiführen können, doch zu einem „fast Erhalt“ des Status quo wäre es nicht gekommen, denn der Bedarf an breiter gefächerten Nutzungsmöglichkeiten besteht nach wie vor.

 

Jetzt wird der Verwertungsdruck auf die Freifläche wieder zunehmen. Insbesondere angesichts des innerstädtischen Wohnraummangels, der die Wohnungsmieten in Berlin derzeit um bis zu elf Prozent ansteigen lässt. Hier muss die Lobby des Freiraums unbedingt aktiv werden und neue, bessere politische Allianzen schmieden, um den Wert und das große Image- und Marketingpotenzial der Grünflächen herauszustellen und um einen gesunden Interessenausgleich zu finden. Oder um die Prioritäten in der Stadtentwicklung neu zu verhandeln – der Wiederaufbau Stadtschlosses soll vergleichsweise 590 Millionen Euro kosten.

Vor allem darf jedoch die Chance auf eine große Idee nicht verspielt werden. Sie ist unentbehrlich und immer noch möglich, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Um die Tempelhofer Freiheit erhalten zu können, wird es zwar Zugeständnisse geben müssen, doch bleibt zu hoffen, dass zumindest eine mittelgroße Freiheit realisiert werden kann, die gleichsam überzeugend ist. Die einen Konsens innerhalb eines starken gestalterischen Leitrahmens repräsentiert, der in demokratischer Manier die Träume und Visionen möglichst vieler Wirklichkeit werden lässt.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrags “Tempelhofer Freiheit oder Marketingobjekt: Aktuelle Parkpolitik in Berlin“ aus:
Stefanie Hennecke, Regine Keller, Juliane Schneegans (Hg.): “Demokratisches Grün – Olympiapark München”, 224 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-86859-230-6.