Autonome Fähren in Flussstädten – Steuerung, Genehmigung, Governance

ein-zug-der-uber-eine-brucke-uber-einen-fluss-fahrt-aW3XXymDPPg
Fotografie eines Zuges auf einer Brücke über den Fluss in Yverdon, Schweiz. Bild von Kingsley Mgbachi

Die Zukunft der urbanen Mobilität schippert heran – und sie kommt ganz ohne Kapitän aus: Autonome Fähren in Flussstädten versprechen nicht weniger als einen Paradigmenwechsel für Stadtentwicklung, Verkehrsplanung und Lebensqualität am Wasser. Doch wie steuert man ein schwimmendes Roboterfahrzeug sicher durch dichten Schiffsverkehr, welche regulatorischen Stromschnellen müssen überwunden werden, und wer hält am Ende das digitale Ruder? Willkommen auf einer Reise durch Technik, Genehmigung und Governance eines der spannendsten Mobilitätsexperimente unserer Zeit.

  • Überblick über den Stand autonomer Fähren in europäischen Flussstädten – von Oslo bis Hamburg
  • Technische Grundlagen: Sensorsysteme, Steuerungssoftware und KI-basierte Navigation auf dem Wasser
  • Genehmigungsprozesse und regulatorische Besonderheiten für autonome Schifffahrt in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Governance-Fragen: Datenhoheit, Haftung und Verantwortlichkeiten zwischen Betreibern, Kommunen und Behörden
  • Chancen und Risiken für nachhaltige Mobilität, Stadtentwicklung und die Integration ins urbane Gefüge
  • Beteiligung der Öffentlichkeit und Wege zur transparenten Akzeptanzförderung
  • Fallstudien und Praxiserfahrungen aus Pilotprojekten in Skandinavien und im deutschsprachigen Raum
  • Perspektiven: Wie autonome Fähren smarte Flussstädte prägen könnten – und was noch zu tun bleibt

Technik unter Deck – Wie autonome Fähren Flüsse neu navigieren

Wer an autonome Mobilität denkt, hat meist Straßen, Drohnen oder Züge vor Augen. Doch die jüngsten Innovationen im Bereich der urbanen Schifffahrt setzen auf ein Terrain, das jahrhundertelang den Rhythmus urbaner Entwicklung bestimmte: den Fluss. Autonome Fähren sind keine Science-Fiction mehr, sondern bereits Realität auf Wasserläufen von Oslo bis Rotterdam und immer stärker auch im deutschsprachigen Raum. Was diese schwimmenden Roboter von ihren automobilen Verwandten unterscheidet, liegt nicht nur im Medium Wasser, sondern vor allem in der Vielschichtigkeit der technischen Herausforderungen.

Das Steuern einer Fähre über einen urbanen Fluss bedeutet, sich mit komplexen Umweltbedingungen auseinanderzusetzen. Strömungen, wechselnde Wasserstände, dichte Schifffahrtswege, Freizeitboote, Brücken und Uferbauwerke – all das verlangt nach hochentwickelten Sensoriksystemen. Moderne autonome Fähren verlassen sich auf ein Ensemble aus Radar, LIDAR, Kameras und Sonartechnik. Diese Sensoren liefern ein dreidimensionales, dynamisches Bild der Umgebung, das in Echtzeit von leistungsfähigen Algorithmen verarbeitet wird. Hinzu kommen GPS- und GNSS-Systeme zur präzisen Ortung, ergänzt durch Inertialsensoren, die auch bei kurzfristigem Signalverlust für Lagebestimmung sorgen.

Die Steuerungssoftware bildet das Herzstück der Autonomie. Sie kombiniert Sensordaten mit digitalen Karten, Wetterinformationen und Verkehrsprognosen. Dabei kommen zunehmend KI-basierte Navigationssysteme zum Einsatz, die nicht nur auf festgelegte Routen reagieren, sondern situativ Ausweichmanöver, Anlegemanöver und sogar Notfallprozeduren ausführen können. Eine besondere Rolle spielen dabei Machine-Learning-Modelle, die aus Millionen von Fahrstunden lernen, das Verhalten anderer Wasserfahrzeuge antizipieren und so Sicherheit wie Effizienz steigern.

Kommunikation ist auf dem Wasser eine eigene Disziplin. Autonome Fähren sind in ein Netzwerk aus Funk, Mobilfunk und – zunehmend – 5G-Kommunikation eingebettet. Sie tauschen Daten mit Landstationen, anderen Fahrzeugen und Verkehrsleitzentralen aus. Das ermöglicht nicht nur die Fernüberwachung und -steuerung, sondern auch die Integration in multimodale Verkehrsströme der Stadt.

Eine weitere Herausforderung ist die Energieversorgung. Viele Pilotprojekte setzen auf batterieelektrische Antriebe, um emissionsfreien Betrieb zu gewährleisten. Das bringt eigene Anforderungen an Ladeinfrastruktur und Energiemanagement mit sich. Hier zeigt sich: Autonome Fähren sind nicht nur ein Mobilitätsprojekt, sondern auch ein Baustein für nachhaltige Stadtentwicklung und urbane Klimapolitik.

Genehmigung auf hoher See – Regulatorische Hürden und Zulassungsprozesse

Die Technik mag reif sein, doch bevor autonome Fähren den Betrieb aufnehmen, müssen sie eine bürokratische Odyssee absolvieren. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Zulassung autonomer Wasserfahrzeuge noch Neuland – mit allen Unsicherheiten, die Pioniere kennen. Anders als bei autonomen Autos, für die zumindest experimentelle Rechtsrahmen existieren, fehlt es für die Schifffahrt oft an spezifischen Regelungen. Der Gesetzgeber sieht traditionell einen Kapitän an Bord vor, der im Zweifel Verantwortung trägt. Autonome Fähren sprengen diese Vorstellung fundamental.

Der zentrale regulatorische Rahmen für die Schifffahrt ist in Deutschland die Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung (BinSchStrO), ergänzt durch internationale Regelwerke wie die ZKR-Rheinregeln oder die EU-Richtlinie zur technischen Harmonisierung. Für autonome Fähren sind hier massive Anpassungen nötig. Die zentrale Frage: Wer oder was gilt als verantwortlicher Schiffsführer, wenn kein Mensch an Bord ist? In der Praxis werden oft ferngesteuerte Betriebsmodi als Übergangslösung genehmigt – eine Art digitaler Kapitän im Kontrollzentrum.

Genehmigungsverfahren involvieren eine Vielzahl von Akteuren: Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter, Hafenbehörden, Umweltbehörden, kommunale Planungsstellen, manchmal sogar Denkmalschutz- und Naturschutzbehörden. Jeder trägt eigene Anforderungen an Sicherheit, Umweltschutz, Verkehrsfluss und Infrastruktur bei – und alle verlangen Nachweise, die für autonome Systeme neu entwickelt werden müssen. Sicherheitsnachweise umfassen nicht nur technische Redundanzen und Notfallsysteme, sondern auch Cybersecurity-Checks, um Manipulation und Fernzugriffe auszuschließen.

Ein weiteres Novum sind die Anforderungen an Fernüberwachung und Eingriffsmöglichkeiten. Viele Behörden verlangen, dass autonome Fähren jederzeit von Menschen überwacht und im Notfall fernbedient werden können. Das führt zu Hybridlösungen, bei denen ein Operator mehrere Schiffe gleichzeitig im Blick behält. Rechtlich ist aber ungeklärt, wie viele Fahrzeuge ein Operator verantworten darf – und wie sich Haftungsfragen im Schadensfall verteilen.

Das Genehmigungsverfahren ist daher oft ein iterativer Prozess. Pilotprojekte wie die autonome Fähre in Hamburg oder das „Zeabuz“-Projekt in Trondheim zeigen, wie Regulierung und Technik gemeinsam reifen müssen. Entscheidendes Hindernis bleibt die Trägheit der Gesetzgebung: Bis verbindliche Standards entwickelt sind, bleibt der Einsatz autonomer Fähren auf Einzelfallentscheidungen und Sondergenehmigungen angewiesen.

Governance in Bewegung – Wer steuert den Wandel?

Autonome Fähren sind mehr als ein technisches Upgrade. Sie stellen grundlegende Fragen an die Governance urbaner Mobilität. Wer kontrolliert den Betrieb? Wer besitzt die Daten, die beim Betrieb anfallen? Wie werden Sicherheit, Datenschutz und die Interessen der Stadtgesellschaft gewahrt? Antworten darauf sind so fließend wie der Fluss selbst – und sie bestimmen, ob autonome Fähren zum Erfolgsmodell oder zum Governance-GAU werden.

Im Zentrum steht die Frage der Verantwortungsteilung. Während klassische Fährbetriebe klar zwischen Betreiber, Behörde und Kapitän trennen, verschiebt sich bei autonomen Systemen die Verantwortung auf neue Akteure: Softwareentwickler, Betreiberfirmen, Infrastrukturbetreiber, Kontrollzentren und natürlich die Kommune selbst. Die Governance muss sicherstellen, dass Verantwortlichkeiten nicht verwässern. Das erfordert klare Verträge, technische und organisatorische Schnittstellen sowie Transparenz über Entscheidungsprozesse.

Datenhoheit ist ein weiteres heißes Eisen. Autonome Fähren generieren riesige Mengen an Betriebs-, Bewegungs- und Umweltinformationen. Wer darf diese Daten nutzen, speichern, auswerten? Kommunen stehen vor der Herausforderung, einerseits Innovation zu ermöglichen, andererseits aber Datenschutz, Wettbewerbsneutralität und öffentliche Kontrolle zu gewährleisten. Offene urbane Datenplattformen bieten einen Ausweg, indem sie Zugriffsrechte und Schnittstellen standardisieren. Doch auch hier braucht es verbindliche Governance-Regeln, damit die Daten nicht in privaten Silos verschwinden.

Haftung und Versicherung sind ein spannendes Feld für Juristen und Praktiker gleichermaßen. Wer haftet bei einem Unfall – der Betreiber, der Softwarelieferant, der Hersteller der Sensorik? Bisherige Modelle aus der Automobilindustrie lassen sich nur bedingt übertragen, da Wasserstraßen eigene Risiken und Schadensszenarien bergen. Innovative Versicherungslösungen und rechtliche Klarstellungen sind gefragt, um Investitionssicherheit zu schaffen.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Einbindung der Öffentlichkeit. Governance endet nicht am Ufer der Technik, sondern muss die Stadtgesellschaft mitnehmen. Transparente Kommunikation, klare Regeln für Bürgerbeteiligung und die Möglichkeit, Anliegen oder Bedenken einzubringen, stärken das Vertrauen – und verhindern die Entwicklung autonomer Fähren zur Black Box im urbanen Raum.

Chancen, Risiken und die Zukunft autonomer Fähren in Flussstädten

Autonome Fähren sind nicht nur ein Showcase für smarte Mobilität, sondern potenziell ein Gamechanger für das urbane Gefüge. Sie können Lücken im ÖPNV schließen, neue Querverbindungen zwischen Flussufern schaffen, Verkehrsachsen entlasten und damit Lebensqualität und Erreichbarkeit in Wasserstädten grundlegend verbessern. Besonders spannend ist das Potenzial für nachhaltige Stadtentwicklung: Autonome Fähren können emissionsfrei betrieben werden, sind leise, flexibel skalierbar und benötigen minimalen Infrastrukturaufwand im Vergleich zu Brücken oder Tunneln.

Für Planer und Stadtentwickler eröffnen sich neue Möglichkeiten, Flussräume als attraktive Mobilitäts- und Aufenthaltsräume zurückzugewinnen. Wo bisherige Fährverbindungen an Personalkosten und Unwirtschaftlichkeit scheiterten, können autonome Systeme auf Abruf, rund um die Uhr und je nach Bedarf verkehren. Gleichzeitig verbinden sie verschiedene Verkehrsmittel zu einer nahtlosen Mobilitätskette – Stichwort multimodaler Knotenpunkt am Wasser.

Doch der Weg zur breiten Umsetzung ist steinig. Technische Risiken – von Cyberangriffen bis zu Systemausfällen – treffen auf gesellschaftliche Vorbehalte. Die Angst vor Kontrollverlust, Arbeitsplatzverlust und technokratischer Überformung ist real und muss ernst genommen werden. Nur durch partizipative Prozesse, Pilotversuche mit begleitender Evaluation und offene Kommunikation können diese Bedenken adressiert werden.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko ist die Kommerzialisierung urbaner Wasserwege. Wenn autonome Fährdienste von privaten Plattformanbietern dominiert werden, droht die öffentliche Steuerbarkeit verloren zu gehen. Daher ist es entscheidend, dass Kommunen frühzeitig Leitplanken setzen, die Gemeinwohlorientierung, Zugänglichkeit und nachhaltige Governance garantieren.

Die Zukunft autonomer Fähren hängt letztlich davon ab, ob es gelingt, Technik, Recht und Stadtgesellschaft in einen produktiven Dialog zu bringen. Pilotprojekte wie in Hamburg, Trondheim und Amsterdam zeigen, dass der Sprung ins Wasser gewagt werden kann – vorausgesetzt, alle Akteure rudern in dieselbe Richtung.

Ausblick: Autonome Fähren als Schlüssel zu urbaner Transformation

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Autonome Fähren könnten das Bild europäischer Flussstädte radikal verändern. Sie machen aus dem Wasserweg eine flexible, emissionsfreie und niedrigschwellige Mobilitätsachse, die nicht nur Pendler, sondern auch Touristen, Güter und sogar Logistikflüsse trägt. Städte, die frühzeitig investieren und regulatorische wie technische Herausforderungen kooperativ angehen, verschaffen sich einen echten Standortvorteil.

Der Weg dorthin ist kein Selbstläufer. Er erfordert Mut, Innovationsgeist und eine Governance, die weder Technikgläubigkeit noch Blockadehaltung verfällt. Stattdessen braucht es eine proaktive Verzahnung von Stadtplanung, Verkehrsmanagement, Infrastrukturentwicklung und Digitalisierung. Autonome Fähren bieten genau dafür die perfekte Projektionsfläche: Hier kann getestet werden, wie smarte Technologien im Zusammenspiel mit öffentlichem Interesse, rechtlichen Rahmenbedingungen und ökologischen Zielen funktionieren.

Für Planer, Verwaltungsprofis und Stadtentwickler ergibt sich eine doppelte Chance: Einerseits können sie mitgestalten, wie urbane Wasserwege in die Mobilitätslandschaft integriert werden. Andererseits eröffnet sich ein Labor für neue Governance-Modelle, die auch für andere Bereiche der Stadtentwicklung Maßstäbe setzen könnten. Die Lektionen, die hier gelernt werden – von Datenmanagement bis Bürgerbeteiligung – sind Gold wert für die gesamte smarte Stadt.

Der Fluss als Lebensader der Stadt erlebt eine Renaissance. Autonome Fähren sind das sichtbarste Zeichen dafür, dass Innovation nicht an Land enden muss. Sie fordern uns heraus, Stadtplanung nicht nur als Entwurfsdisziplin, sondern als dynamischen, lernenden Prozess zu verstehen. Wer sich dieser Herausforderung stellt, steuert die urbane Transformation mit sicherer Hand – und vielleicht schon bald mit einem digitalen Kapitän an Bord.

Die Zeit der Experimente ist vorbei. Nun entscheidet sich, ob Flussstädte im deutschsprachigen Raum den Sprung wagen – oder zusehen, wie andere das Steuer übernehmen.

Fazit: Zwischen Aufbruch und Ankerplatz – Autonome Fähren als Prüfstein für die smarte Flussstadt

Autonome Fähren stehen wie kaum ein anderes Projekt an der Schnittstelle von Technik, Recht und Stadtgesellschaft. Sie zeigen, welche Innovationskraft im urbanen Raum schlummert – aber auch, wie viel Mut, Kooperation und Governance-Intelligenz nötig sind, um sie zu entfalten. Der Weg vom Pilotprojekt zur flächendeckenden Einführung ist lang und voller Untiefen. Doch wer jetzt die Weichen stellt, legt das Fundament für eine Stadt, in der Mobilität nicht nur schneller, sondern auch smarter, nachhaltiger und lebenswerter wird. Der Fluss ist bereit – jetzt liegt es an uns, das Ruder zu übernehmen.

Das könnte Sie auch interessieren
Ausstellung The Gift: Großzügigkeit und Gewalt in der Architektur
eine-gruppe-von-menschen-die-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlang-gehen-6Ooq3GMvYIc
Supervised Learning vs. Unsupervised Learning – Methoden im Stadtanalyse-Einsatz
bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Wie Planetare Gesundheit zum Leitbild der Planung wird
ein-schwarz-weiss-foto-eines-gebaudes-mit-balkon-A7xJWw8Ahhc
Kühlleistung von Stadtgewässern – Simulation flacher vs. tiefer Systeme
Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Dachbegrünung Satteldach
Dachbegrünung Satteldach: Funktion, Vorteile und Umsetzung
Panorama von Bogotá mit urbanen Quartieren, Symbol für Wandel durch partizipative Planung.
Wie Bogotá mit partizipativer Infrastrukturplanung neue Sozialräume schafft
Piet Oudolf privat
Bundespreis Stadtgrün 2022
Bundespreis Stadtgrün 2022
Publikumsvoting gestartet: Bayerischer Landschaftsarchitektur-Preis 2026
Im Hintergrund Bergpanorama, davor ein See und grüne Wiesen. Im Vordergrund blüht eine lilafarbene Blume. Der schöne Schein trügt? Das Landesentwicklungsprogramm Bayern braucht einen Neustart. Foto: Mario Dobelmann via Unsplash
Neustart für Landesentwicklungsprogramm Bayern

Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.