„Ein aktiver und dauerhafter Beitrag zum Schutz unseres Klimas“

Ein Mann im weißen Hemd blickt lächelnd in die Kamera, die Arme hat er verschränkt, im Hintergrund hängt ein grünes bild an der Wand. Um Hitzeinseln im städtischen Raum zu reduzieren, ist es Oliver Runge zufolge entscheidend, den öffentlichen Raum zu entsiegeln, zu begrünen und für Schatten zu sorgen. Foto: Runge GmbH & Co. KG
Um Hitzeinseln im städtischen Raum zu reduzieren, ist es Oliver Runge zufolge entscheidend, den öffentlichen Raum zu entsiegeln, zu begrünen und für Schatten zu sorgen. Foto: Runge GmbH & Co. KG

Verschattung und Wasserspeicherung im Stadtraum gewinnen im Zuge des Klimawandels zunehmend an Bedeutung. Dessen ist sich auch Oliver Runge, Geschäftsführender Gesellschafter der Runge GmbH & Co. KG, bewusst. Wie der Stadtmobiliarhersteller auf diese Bedürfnisse in Zeiten des Klimawandels reagiert, mit welchem nachhaltigen Material das Unternehmen in der Herstellung seiner Stadtmöbel arbeitet und damit zu CO2-Reduzierung sowie Klimaschutz beitragen möchte und wie der Radverkehr durch passende Parker gefördert werden kann, erklärt Oliver Runge im Interview.

Ein dauerhafter CO2-Speicher

Oliver Runge, wie kaum ein anderer Stadtmobiliar-Hersteller steht Ihr Unternehmen im Markt für den Einsatz von Accoya-Holz im öffentlichen Freiraum. Wie kann es zur Reduzierung von Hitzeinseln in urbanen Gebieten beitragen?

Entscheidend für die Reduzierung von Hitzeinseln in urbanen Gebieten ist es, den öffentlichen Raum zu entsiegeln, zu begrünen und ausreichend Schatten zu schaffen. Accoya-Holz trägt dazu auf vielfältige Weise bei. Durch seine helle Oberfläche heizt es sich weniger stark auf, was es zu einem angenehmen Material für Sitzgelegenheiten macht, selbst an heißen Tagen. Zudem ist Accoya aufgrund seines geringen Eigengewichts ideal für die Begrünung von Dachterrassen geeignet. Es ermöglicht, dass Möbel und Bodenbeläge leichter als bei anderen Materialien sind, wodurch mehr Spielraum für zusätzliche Begrünung bleibt, ohne die Traglast der Dächer zu überschreiten.

Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Rolle von Accoya als dauerhafter CO2-Speicher. Grundsätzlich entzieht jeder Baum, und damit jedes Holz, der Atmosphäre CO2. Doch im Außenbereich kommt es darauf an, wie lange das Holz hält und wie schnell es nachwächst. Nur wenn das Holz schneller nachwächst und erneut CO2 bindet, als es ersetzt werden muss, entsteht ein nachhaltiger CO2-Speicher. Während herkömmlich verwendete Hölzer wie Lärche nur begrenzt haltbar sind und das CO2, das sie speichern, nicht langfristig gebunden bleibt, kann Accoya über Jahrzehnte hinweg CO2 speichern. Dies schafft nicht nur langlebige Lösungen im öffentlichen Raum, sondern ermöglicht es auch, dass an gleicher Stelle nachwachsende Bäume erneut CO2 der Atmosphäre entziehen können. So leistet die Verwendung von Accoya-Holz einen aktiven und dauerhaften Beitrag zur Reduzierung von CO2 und zum Schutz unseres Klimas.

Kombination aus Langlebigkeit und schnellem Wachstum

Inwiefern ermöglicht die Nutzung von Accoya-Holz eine nachhaltige und langfristige Lösung für städtische Klimaherausforderungen?

Die Nutzung von Accoya-Holz bietet eine nachhaltige und langfristige Lösung für städtische Klimaherausforderungen, indem es Eigenschaften vereint, die sonst nur bei Tropenhölzern zu finden sind. Accoya ist extrem langlebig und widerstandsfähig gegenüber Witterungseinflüssen. Durch die Behandlung der schnell wachsenden Radiata Pine mit natürlicher Essigsäure soll das Holz bei Verwendung ohne Erdkontakt eine Lebensdauer von über 50 Jahren erreichen können. Unsere ältesten Referenzprojekte, die mittlerweile über zehn Jahre alt sind, bestätigen dies eindrucksvoll mit einem tadellosen Holzzustand. Innerhalb dieser zehn Jahre ist der für das Projekt verwendete Querschnitt des Accoya-Holzes bereits nachgewachsen und hat erneut CO2 gebunden. Dies unterscheidet Accoya von vielen anderen insbesondere heimischen Holzarten.

Heimische Alternativen wie Lärche oder Douglasie können in ihrer Dauerhaftigkeit nicht mit acetyliertem Kiefernholz (Accoya) mithalten. Selbst unter optimalen Bedingungen hält Lärchenholz etwa 15 Jahre, bevor es ausgetauscht werden muss. Um diese Lebensdauer zu erreichen, benötigte die Lärche jedoch bereits 80 Jahre zum Wachsen. Während dieser Zeit speichert das Holz zwar CO2, doch das nötige Holz für den Ersatz wächst erst nach weiteren 60 Jahren nach. Das bedeutet, dass Lärche zwar kurzfristig CO2 puffert, es jedoch schneller wieder freisetzt, als es durch Nachwachsen gebunden werden kann.

Accoya hingegen wächst um ein Vielfaches schneller nach, als es ersetzt werden muss. Dieser Vorteil ist so groß, dass selbst der Transport und die Behandlung des Holzes mit natürlicher Essigsäure die positive CO2-Bilanz nicht trüben können. Nicht umsonst ist Accoya cradle to cradle gold bzw. platin zertifiziert.

Ob Accoya-Produkte tatsächlich über 50 Jahre halten – wie vom Hersteller angegeben – oder vielleicht etwas weniger, ist letztlich nicht entscheidend. Die Kombination aus Langlebigkeit und schnellem Wachstum übertrifft alles, was wir bisher kennen. Durch die Wahl von Accoya-Holz können Städte aktiv zur Verbesserung ihres CO2-Fußabdrucks beitragen und gleichzeitig langfristige, nachhaltige Lösungen für ihre Klimaherausforderungen schaffen.

Passende Parker als Schlüssel zum Erfolg

Ebenso ein Runge-Steckenpferd: Ihr Fokus auf Mobilität. Sie haben unter anderem einen Fahrradständer für Lastenräder im Sortiment. Wie weit sind deutsche Städte im Umgang mit den allseits so beliebten Lastenrädern Ihrer Meinung nach? Reicht das Engagement aus?

Schon früh haben wir den Fokus auf Mobilität und die Entwicklung von städtischer Infrastruktur für Lastenräder gelegt. Während in Deutschland noch kaum über den Mobilitätswandel in der Stadt gesprochen wurde, waren wir bereits in London aktiv und begleiteten das Projekt der Cycle Superhighways. Seit 2010 entstehen dort schnelle Fernradwege, die es Radfahrer:innen ermöglichen, sicher und komfortabel längere Strecken durch die Stadt zurückzulegen. Obwohl unsere Beiträge hauptsächlich aus Bänken und Abfallbehältern bestanden, haben wir so das Thema frühzeitig beobachtet und erkannt, welche neuen Anforderungen an die Infrastruktur durch den Mobilitätswandel hin zu einer ausgeprägten Fahrradkultur und damit ganz besonders auch Lastenräder entstehen.

Lastenräder stellen aus Sicht der Stadtmöblierung besondere Anforderungen, insbesondere wenn es um sichere und verfügbare Abstellmöglichkeiten geht:

  1. Platzbedarf: Lastenräder sind mit bis zu 2,80 Metern Länge und 1 Meter Breite deutlich größer als herkömmliche Fahrräder. Auch der Rangierraum und die Bewegung des Rads beim Ein- und Ausklappen des Doppelständers müssen berücksichtigt werden.
  2. Doppelständer: Lastenräder haben immer einen Doppelständer, weshalb keine Anlehnlösung benötigt wird. Es geht vor allem um eine effektive Diebstahlsicherung.
  3. Kuckuckseier: Da Abstellplätze für Lastenräder auch von normalen Fahrrädern genutzt werden können, stellt die Vermeidung solcher Kuckuckseier eine Herausforderung dar. Die Verfügbarkeit für ihre eigentliche Lastenradbestimmung wird dann ungewollte reduziert.

Unsere Cargo Parker Modelle sind speziell für diese Anforderungen entwickelt worden: Über Piktogramme signalisieren sie eindeutig, dass es sich um Stellplätze für Lastenräder handelt. Die niedrige Anschlusshöhe ist auf Lastenräder abgestimmt, während sie für herkömmliche Fahrräder eher unpraktisch ist. Wenn dann noch den klassischen Fahrrädern in Sichtweite ausreichend eigene Parkmöglichkeiten angeboten werden, dann lassen sich die Cargo Plätze auch tatsächlich freihalten.

Bisher wird noch oft versucht, klassische Fahrradständer – wie sie in der Stadt schon immer bekannt waren – durch Schilder oder Bodenmarkierungen für Lastenräder auszuweisen. Oft mit mäßigem Erfolg – sie werden weiter von den alten Drahteseln genutzt. Erkennbar andere und für Lastenräder passende Parker sind der Schlüssel zum Erfolg. Ein guter Ansatz liegt auch in der Umwandlung von Autoparkplätzen zu Abstellmöglichkeiten für mehrere Lastenräder, was gleichzeitig eindrucksvoll zeigt, wie viel Platz ein einziges Auto in Anspruch nimmt. Grundsätzlich gilt: Je besser die Radinfrastruktur, desto mehr Menschen nutzen sie. Im Bestand kann der dafür notwendige Platz nur aus der Infrastruktur für den Kraftfahrzeugverkehr kommen. In Neubaugebieten plant man den Platz entsprechend mit. Wichtig ist eine konsequente Planung, die keine Flaschenhälse für die angenehme und sichere Radnutzung lässt.

Auch wenn die Umverteilung von Flächen im Bestand oft zu kontroversen Diskussionen führt, sehen wir sowohl uns als auch viele Städte bereits auf einem guten Weg, den Mobilitätswandel aktiv zu gestalten und Rädern und Lastenrädern den Raum zu geben, den sie verdienen, um das Angebot zu schaffen, das den Wandel verselbständigt.

Bedeutung einer guten Radverkehrsinfrastruktur betonen

Was können Sie als Stadtmobiliar-Hersteller tun, um das kommunale Engagement zu fördern? Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Möglichkeiten der Planerschaft? Können wir mehr tun bzw. müssten wir mehr tun?

Wir sind große Freunde von attraktiven Angeboten statt von Regulierung und Verboten. Wenn wir die Fortbewegung auf dem Rad angenehm, sicher und effizient gestalten, dann wird die Nutzung und Akzeptanz automatisch weiter steigen. Untersuchungen in London zeigen bereits, dass zu Stoßzeiten auf bestimmten Strecken der Fahrradverkehr mittlerweile 70 Prozent des gesamten Straßenverkehrs ausmacht. Als Stadtmobiliar-Hersteller möchten und können wir durchdachte Lösungen bieten, die diese Entwicklung unterstützen. Unsere Erfahrungen im In- und Ausland fließen direkt in die Produktentwicklung ein, und wir teilen unsere Anregungen gerne.

Die Planerschaft kann eine entscheidende Rolle spielen, indem sie kontinuierlich – selbst bei kleineren Projekten – die Bedeutung einer guten Radverkehrsinfrastruktur betont. Am Ende liegt der Schlüssel in einer umfassenden und übergreifenden stadtweiten Masterplanung. Nur durch eine ganzheitliche und langfristige Planung können Städte die notwendigen konsistenten Rahmenbedingungen schaffen, um für den Radverkehr zu begeistern und diesen nachhaltig zu fördern und zu integrieren.

Frequenz von Sitzmöglichkeiten zu erhöhen

Welche Designansätze verfolgt Runge, um Stadtmobiliar zu entwickeln, das sowohl den Komfort der Bürger*innen als auch den Klimaschutz fördert?

Seit weit über 100 Jahren liegt unser Fokus auf der Entwicklung von Stadtmobiliar, das den öffentlichen Raum zu einem angenehmen und lebenswerten Ort macht. Dabei setzen wir schon immer vor allem auf nachwachsende und recycelbare Rohstoffe. Unsere Produkte zeichnen sich durch Langlebigkeit und gute Reparierbarkeit aus – Aspekte, die uns besonders am Herzen liegen.

Angesichts des Klimawandels gewinnen auch in Mittel- und Nordeuropa Verschattung und Wasserspeicherung zunehmend an Bedeutung. Wir reagieren darauf mit der Entwicklung von Produkten, die Begrünung mit Großpflanzen ermöglichen – sowohl in Standardlösungen als auch in individuellen Projektentwürfen. Große Hochbeetanlagen sind ideal, wenn der Platz vorhanden ist, aber der Untergrund aufgrund von Leitungen keine ausreichende Wurzeltiefe erlaubt. Ebenso bieten große Pflanzbehälter die Möglichkeit, mobiles Grün auf geschlossenen Oberflächen zu schaffen.

Dass Bänke im Schatten großer Bäume stehen sollen, versteht sich von selbst. Wir wünschen uns zudem Sitzgruppen unter Bäumen nach mediterranem Vorbild, die den sozialen Austausch fördern und Bürger:innen zu längerem Verweilen im kühlen Schatten im Sommer einladen. In Zeiten zunehmender klimatischer Belastungen und einer alternden Bevölkerung ist es zudem wichtiger denn je, die Frequenz von Sitzmöglichkeiten zu erhöhen, um Menschen häufiger Verschnaufpausen zu ermöglichen. Unsere Anlehnsitze, wie der Binga Steh, schaffen Rastpunkte auch dort, wo der Platz für eine herkömmliche Bank nicht ausreicht.

Kurzvita

Oliver Runge ist seit 2001 Geschäftsführender Gesellschafter der Runge GmbH & Co. KG. Zuvor war er als Unternehmensberater bei Roland Berger und als Vorstandsassistent bei der Pixelpark AG tätig. Er studierte internationale Betriebswirtschaftslehre an der European Business School, mit Stationen in Spanien, USA und Namibia. Seit Kindesbeinen an entwickelt Runge gern auch selbst neue Lösungsideen für den öffentlichen Außenraum.

Runge. Seit 116 Jahren. Durch die Bank gut.

Seit 116 Jahren baut Runge Mobiliar für den öffentlichen Außenraum. Die Bänke stehen, oft um passende Abfallbehälter und Fahrradständer ergänzt, in Parks und Gärten, an Straßen und Wegen und auf Plätzen; manche sind heute zu Klassikern der Stadtmöblierung geworden. Man findet sie überall dort, wo Menschen sich setzen wollen, um einen Moment zu verweilen. Mit großen Pflanzbehältern hilft Runge, öffentliche Räume grüner und das urbane Klima angenehmer zu machen. Als „echter“ Hersteller passt Runge Produkte den Wünschen der Planer:innen an oder setzt freie Entwürfe als individuelle Sonderkonstruktion um. Dazu verfügt Runge an seinem Sitz im Landkreis Osnabrück über alle Fertigungsschritte von der Kundenberatung vor Ort, dem Design, der Konstruktion über die Holz- und Metallverarbeitung bis zur Oberflächenbeschichtung.

www.runge-bank.de

Dieses Interview ist Teil der Beat the Heat Inititative, die Runge supportet. Mehr zu Beat the Heat erfahren Sie hier.

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UnternehmenRunge
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Intersektionale Stadtplanung – Gender, Herkunft und Barrierefreiheit zusammen denken

Autobahnkreuzung aus der Vogelperspektive – Symbol für vielfältige Wege, Barrierefreiheit und intersektionale Stadtplanung.
Intersektional denken: Gender, Herkunft und Zugang neu verbinden. Foto von Denys Nevozhai auf Unsplash.

Intersektionale Stadtplanung? Klingt nach Soziologenseminar, ist aber längst die Königsdisziplin urbaner Entwicklung. Wer Stadt für alle will, muss Barrieren erkennen, Vielfalt ernst nehmen und die Perspektiven von Geschlecht, Herkunft und körperlicher Verfasstheit gleichberechtigt mitdenken. Was bedeutet das konkret für Planung, Design und Umsetzung? Und wie sieht eine wirklich inklusive, zukunftsfähige Stadt aus?

  • Definition und Ursprung des intersektionalen Ansatzes in der Stadtplanung
  • Warum Gender, Herkunft und Barrierefreiheit nicht einzeln, sondern gemeinsam gedacht werden müssen
  • Praktische Auswirkungen intersektionaler Planung auf Quartiere, Freiräume und Mobilität
  • Aktuelle Herausforderungen und typische blinde Flecken im deutschsprachigen Raum
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Innovative Beteiligungsformate und Methoden zur Erfassung vielfältiger Perspektiven
  • Relevanz von Daten, Governance und neuen Technologien für inklusive Planung
  • Chancen und Risiken intersektionaler Planung im Kontext von Klimawandel und Digitalisierung
  • Zukunftsausblick: Warum intersektionale Stadtentwicklung kein Add-on, sondern Grundvoraussetzung ist

Intersektionalität: Von der Theorie zur Praxis in der Stadtplanung

Der Begriff „Intersektionalität“ hat in der Stadtplanung längst mehr zu bieten als ein akademisches Modewort. Ursprünglich aus der kritischen Gesellschaftstheorie und den Gender Studies stammend, beschreibt Intersektionalität das Zusammenwirken unterschiedlicher Diskriminierungs- und Benachteiligungsformen. In der Stadtplanung bedeutet das: Menschen erleben Räume nicht isoliert aufgrund eines Merkmals, sondern entlang mehrerer Achsen – etwa Geschlecht, Herkunft und Behinderung – und diese überschneiden sich auf komplexe Weise. Was für den einen ein kleiner Stolperstein, ist für die andere eine unüberwindbare Barriere. Die Frage lautet daher nicht länger: Ist unsere Planung geschlechtergerecht? Sondern: Wem nützt und wem schadet unser Entwurf – und warum?

Diese Perspektive ist alles andere als Luxus. Gerade in urbanen Räumen, wo Vielfalt Alltag ist, führt ein einseitiger Planungsansatz zwangsläufig zu Ausschlüssen. Stadtplanung, die nur auf den „Durchschnittsbürger“ zielt – männlich, erwerbstätig, ohne Beeinträchtigung, mit deutschsprachigem Hintergrund – übersieht einen Großteil der tatsächlichen Nutzer. Intersektionale Planung erkennt an, dass Stadt für viele Menschen unterschiedlich funktioniert. Frauen meiden nachts schlecht beleuchtete Parks, Rollstuhlfahrer stoßen an Kopfsteinpflaster und fehlende Aufzüge, Menschen mit Migrationsgeschichte erleben Diskriminierung in öffentlichen Räumen. Die Summe dieser Faktoren entscheidet über Teilhabe – oder Ausschluss.

Doch wie kommt diese Theorie in die Praxis? Viele Planer kennen die berühmten Checklisten: Gibt es Sitzbänke für Ältere? Sind Wege barrierefrei? Gibt es Orte, an denen sich verschiedene Gruppen sicher fühlen? Intersektionale Stadtplanung geht weiter. Sie fragt nach Wechselwirkungen: Wie beeinflusst die Gestaltung eines Platzes das Sicherheitsgefühl von Frauen mit Migrationsgeschichte am Abend? Wie nutzen Kinder mit und ohne Behinderung einen Spielplatz? Wer bleibt unsichtbar, wenn wir nur nach „der“ Nutzergruppe fragen?

Anspruchsvoll? Sicher. Aber auch lohnend. Denn gute, intersektionale Planung schafft nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Qualität. Räume, die für die „verletzlichsten“ Gruppen funktionieren, funktionieren in der Regel für alle. Gleichzeitig werden Fehler aus der Vergangenheit vermieden: Zu eng gedachte Mobilitätsachsen, isolierte Quartiere, monotone Freiräume, die am tatsächlichen Bedarf vorbeigeplant sind.

Die Herausforderung bleibt: Intersektionalität ist kein Häkchen auf der To-do-Liste, sondern ein kontinuierlicher Reflexionsprozess. Sie verlangt, gewohnte Routinen zu hinterfragen, neue Datenquellen zu nutzen und mutig neue Beteiligungsformen zu erproben. Wer das ernst nimmt, kann Stadtplanung neu denken – als Werkzeug für echte Teilhabe und innovative Urbanität.

Gender, Herkunft und Barrierefreiheit – drei Perspektiven, ein Ziel

Warum reicht es nicht, Gender Mainstreaming, Integrationskonzepte und Barrierefreiheit einfach nebeneinander laufen zu lassen? Weil die Realität komplexer ist als das schönste Organigramm. Jede einzelne Dimension ist für sich schon herausfordernd: Gendergerechte Planung will Geschlechterrollen und ihre Auswirkungen auf Raumnutzung sichtbar machen. Integrationsorientierte Planung sucht Wege, wie migrantische Communities Stadt aktiv mitgestalten können. Barrierefreiheit sorgt dafür, dass Mobilität und Teilhabe für alle möglich werden – unabhängig von Alter, körperlicher Verfassung oder Sinneseinschränkungen.

Doch erst im Zusammenspiel entfaltet sich das volle Potenzial – und die eigentliche Herausforderung. Wer beispielsweise nur die Barrierefreiheit im Blick hat, übersieht, dass Frauen mit Behinderung besonders häufig von Übergriffen betroffen sind, wenn öffentliche Räume schlecht einsehbar oder unzureichend beleuchtet sind. Wer nur auf Gender achtet, vernachlässigt vielleicht, dass viele migrantische Frauen besondere Einschränkungen im Zugang zu Bildung oder Freizeitangeboten erleben. Und wer nur auf Herkunft schaut, verliert schnell die Bedürfnisse älterer Menschen aus dem Blick.

Deshalb ist intersektionale Stadtplanung nicht die Summe vieler Einzelmaßnahmen, sondern ein umfassender Perspektivwechsel. Sie verlangt, dass Planungsprozesse von Anfang an mit vielfältigen Stimmen und Erfahrungen gefüllt werden. In der Praxis bedeutet das, verschiedene Gruppen gezielt einzubeziehen, Daten differenziert zu erheben und Planungsentscheidungen systematisch auf Wechselwirkungen zu überprüfen. Es geht um die berühmte „dritte Ebene“: Zwischen Gender, Herkunft und Barrierefreiheit entstehen Überschneidungen, die neue Anforderungen und Potenziale offenbaren.

Diese Herangehensweise verlangt Mut zum Dialog, Offenheit für Irritationen und die Bereitschaft, eigene blinde Flecken zu erkennen. Es reicht nicht, stereotype Nutzerprofile zu bestätigen. Vielmehr müssen Räume geschaffen werden, in denen sich Unterschiedlichkeit ausdrücken kann – und in denen auch Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können. Für Planer heißt das: Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, sind mindestens so wichtig wie normgerechte Entwürfe.

Das Ziel ist klar: Eine Stadt, in der Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource verstanden wird. Wo Barrierefreiheit, Gendergerechtigkeit und Integration nicht gegeneinander ausgespielt, sondern gemeinsam gedacht und gestaltet werden. Nur so entsteht Urbanität, die ihren Namen verdient – und Räume, die alle einladen, sich einzubringen.

Intersektionale Planung konkret: Herausforderungen, Instrumente und Best Practices

Intersektionale Stadtplanung klingt nach hehrer Theorie – wird aber längst vielerorts konkret gelebt. Die Herausforderungen sind allerdings beträchtlich. Noch immer dominieren in vielen Städten standardisierte Beteiligungsverfahren, die bestimmte Gruppen systematisch ausschließen. Wer etwa nicht ausreichend Deutsch spricht oder sich in klassischen Gremien nicht wohlfühlt, bleibt außen vor. Auch Datenlagen sind oft lückenhaft: Statistiken zu Mobilität, Nutzung von Grünflächen oder gefühlter Sicherheit werden selten nach Geschlecht, Herkunft und Behinderung differenziert erhoben. Die Folge: Viele Bedarfe bleiben unsichtbar.

Instrumente für intersektionale Planung setzen daher an mehreren Stellen an. Partizipative Formate wie „Stadtspaziergänge“ mit unterschiedlichen Gruppen, Befragungen in leichter Sprache oder digitale Beteiligungsplattformen ermöglichen vielfältige Perspektiven. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen, Sozialverbänden und Community-Organisationen, die Zugang zu schwer erreichbaren Gruppen haben und Vertrauen schaffen können. Auch Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen gewinnen an Bedeutung, um neue Daten zu erheben und innovative Methoden zu entwickeln.

Ein Blick auf Best-Practice-Beispiele zeigt, dass intersektionale Planung keine Utopie bleiben muss. In Wien etwa wurden bei der Gestaltung neuer Parks gezielt Frauen mit Migrationsgeschichte und Menschen mit Behinderung beteiligt – mit dem Ergebnis, dass Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Nutzungsvielfalt spürbar gestiegen sind. In Zürich experimentiert die Stadt mit gender- und barrierebewusster Verkehrsplanung, indem sie Wegebeziehungen, Beleuchtung und Sitzgelegenheiten gezielt aus Sicht verschiedener Nutzergruppen analysiert. In Berlin setzen Quartiersmanagements auf partizipative Mapping-Projekte, bei denen Jugendliche, Seniorinnen und Migranten gemeinsam ihre Räume kartieren und Verbesserungsvorschläge einbringen.

Allerdings gibt es auch Stolpersteine. Intersektionale Planung braucht Zeit, Ressourcen und einen langen Atem. Sie erfordert die Bereitschaft, Planungsprozesse zu öffnen und auch unbequeme Erkenntnisse zuzulassen. Nicht jede Beteiligung führt zu sofort umsetzbaren Ergebnissen – manchmal sind Anpassungen im Verwaltungshandeln, in der Vergabe von Planungsaufträgen oder in der Kommunikation nötig. Doch der Aufwand lohnt sich: Die so entstehenden Räume sind widerstandsfähiger, anpassungsfähiger und werden von mehr Menschen als „ihre“ Stadt wahrgenommen.

Das Fazit aus der Praxis: Intersektionale Stadtplanung ist ein Lernprozess. Sie verlangt neue Kompetenzen, flexible Instrumente und einen langen Atem – aber sie liefert die Grundlagen für eine wirklich inklusive, zukunftsfähige Stadtentwicklung. Wer sich darauf einlässt, kann nicht nur Fehler vermeiden, sondern echte Innovationskraft entfalten.

Digitale Werkzeuge, Governance und der Weg in die inklusive Zukunft

Die Digitalisierung eröffnet auch für intersektionale Stadtplanung neue Horizonte – wenn sie klug genutzt wird. Digitale Beteiligungsplattformen ermöglichen es, Menschen unabhängig von Zeit und Ort einzubinden. Tools wie Online-Befragungen, partizipative Karten oder Virtual-Reality-Simulationen machen es leichter, auch komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln und barrierearm zu gestalten. Besonders hilfreich sind digitale Zwillinge urbaner Räume, die es ermöglichen, unterschiedliche Nutzungsszenarien für verschiedene Gruppen durchzuspielen – etwa: Wie wirkt sich ein neues Quartier auf die Wege von Rollstuhlfahrern, älteren Menschen oder Eltern mit Kinderwagen aus?

Doch die Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Es drohen neue Ausschlüsse: Wer keinen Internetzugang hat, wem digitale Kompetenzen fehlen oder wer sich in digitalen Formaten nicht wohlfühlt, bleibt außen vor. Deshalb müssen digitale Werkzeuge immer mit analogen Formaten kombiniert werden. Hybride Beteiligung ist das Gebot der Stunde: Stadtspaziergänge, Werkstätten und persönliche Gespräche bleiben unverzichtbar – sie müssen jedoch durch digitale Angebote ergänzt werden, um wirklich alle zu erreichen.

Governance ist der zweite zentrale Baustein. Intersektionale Planung braucht klare Verantwortlichkeiten, verbindliche Standards und eine Steuerung, die Vielfalt nicht dem Zufall überlässt. Das beginnt mit politischen Beschlüssen, die Vielfalt zur Leitlinie machen, und endet bei konkreten Vorgaben für Wettbewerbe, Bebauungspläne und Ausschreibungen. Wichtig ist auch, dass Planungsämter und externe Büros entsprechende Kompetenzen aufbauen – etwa durch Fortbildungen, neue Rollen (wie Diversity-Beauftragte) oder interdisziplinäre Teams.

Schließlich braucht intersektionale Stadtplanung eine neue Fehlerkultur. Nicht jeder Versuch wird von Anfang an gelingen. Entscheidend ist, dass Planungsprozesse transparent gemacht werden, dass Kritik willkommen ist und dass aus Rückschlägen gelernt wird. Monitoring und Evaluation sind keine bürokratischen Pflichtübungen, sondern Motoren für Innovation: Welche Gruppen haben teilgenommen? Wer wurde erreicht – und wer nicht? Welche Maßnahmen waren erfolgreich, welche nicht?

Der Weg in die inklusive Zukunft ist anspruchsvoll – aber machbar. Wer digitale Technologien intelligent nutzt, Governance weiterdenkt und eine offene Fehlerkultur pflegt, kann intersektionale Stadtplanung vom Ausnahmefall zur neuen Normalität machen. Die Stadt von morgen ist nicht nur smart, sondern auch gerecht, vielfältig und barrierefrei – wenn wir heute die richtigen Weichen stellen.

Fazit: Intersektionale Stadtplanung ist kein Trend, sondern Pflichtprogramm

Intersektionale Stadtplanung ist weit mehr als ein wohlklingendes Schlagwort. Sie ist die logische Antwort auf die wachsende Vielfalt urbaner Gesellschaften – und der Schlüssel zu einer Stadt, die allen gehört. Wer Gender, Herkunft und Barrierefreiheit zusammendenkt, schafft nicht nur gerechtere, sondern auch resilientere, lebenswertere und innovativere Räume. Die Herausforderungen sind beträchtlich, doch die Chancen sind größer: Beteiligung wird breiter, Planung wird präziser, und die Stadt gewinnt an Qualität und Attraktivität für alle. In einer Zeit, in der Klimawandel, Digitalisierung und gesellschaftliche Spaltung die Städte fordern, ist intersektionale Planung kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung. Wer jetzt mutig vorangeht, gestaltet nicht nur den öffentlichen Raum, sondern auch das Miteinander von morgen – vielfältig, inklusiv und zukunftsfähig. Und das ist urbane Exzellenz, wie sie nur bei Garten und Landschaft zu lesen ist.

New York; PRESENT Architecture
New York; PRESENT Architecture

Das Hamburg Museum präsentiert Projekte zu Gegenwart und Zukunft von grünen Städten. Die These: In der Rückgewinnung und Neuerschließung von Grünflächen bieten sich im nachindustriellen Zeitalter, in dem man kaum noch innerstädtische Landschaftsflächen zur Verfügung hat, grundlegend neue Möglichkeiten. Veränderte urbane Strukturen, Lebenspraxen und Wertvorstellungen haben zu bahnbrechenden Ideen und Technologien für die Entwicklung grüner Städte geführt. Die neuen Perspektiven reichen von ausgeklügelten Begrünungssystemen auf Dächern und Fassaden über künstliche Inseln und aufgeständerte Parks bis zu Gemeinschaftsgärten auf vormaligen Stadtbrachen.

Um dies zu zeigen konzipierte das Museum Hamburg in Zusammenarbeit mit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt die Ausstellung „Stadtgrün 3.0 – Ideen, Projekte und Visionen für die Begrünung von Metropolen”: 26 Entwürfe und Projekte, davon sieben aus Hamburg und zehn aus internationalen Metropolen.
Die Ausstellung ist bis 19. April zu sehen.
www.hamburgmuseum.de