BUGA Oberes Mittelrheintal 2029: Wasser im Mittelpunkt

Die BUGA Oberes Mittelrheintal 2029 stellt das Thema Wasser in den Mittelpunkt. Drei dezentrale freiraumplanerische Wettbewerbe haben bereits stattgefunden.Credit: wikicommons

Die Bundesgartenschau 2029 wird im Oberen Mittelrheintal stattfinden. Schon seit 2002 ist die Region als UNESCO-Welterbe ausgezeichnet, da sie eine Kulturlandschaft von großer Vielfalt und Schönheit darstellt. Nun erhoffen sich die Veranstalter*innen, dass das Projekt als Konjunkturprogramm für die ganze Region Wirkung zeigt.

Die Welterbestätte Oberes Mittelrheintal reicht vom Rheinkilometer 526 in Bingen und Rüdesheim bis zum Rheinkilometer 593 in Koblenz. Sie deckt somit rund fünf Prozent des Flussverlaufes ab. Es gab bereits drei erfolgreiche Gartenschauen am Rhein, nämlich in Bonn (1979), Bingen (2008) und Koblenz (2011), die das Potenzial von großen Umbauprojekten in Stadt und Region bewiesen haben. Im Jahr 2029 soll das Wasser im Mittelpunkt stehen.

Die BUGA Oberes Mittelrheintal 2029 sieht eine Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur mit Sanierung des Loreley-Plateaus, Burggärten und schwimmenden Blumenhallen vor. Außerdem plant die BUGA gGmbH Breitbandanschlüsse und stärkeres mobiles Internet, um die Bundesgartenschau zur ersten komplett digital erlebbaren Gartenschau zu machen. Das Konzept sieht vier Kernzonen vor, nämlich die Gemeinden Bacharach, Rüdesheim, Lahnstein und St. Goarshausen / St. Goar.

Den Rhein besser erlebbar machen

Fünf Jahre sind es noch, bis die BUGA Oberes Mittelrheintal 2029 eröffnet. Das Gesamtbudget beträgt voraussichtlich 108 Millionen Euro, wovon die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen knapp 55 Millionen Euro übernehmen werden. Die BUGA 2029 gGmbH soll 38,7 Millionen Euro selbst erwirtschaften, und die Welterbe-Kommunen tragen die restlichen 14,4 Millionen Euro bei. Im Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal sind alle 59 Gebietskörperschaften des Welterbes vertreten. Gemeinsam mit der BUGA 2029 gGmbH wird der Zweckverband die Veranstaltung organisieren.

Geplant ist eine stark dezentralisierte Bundesgartenschau entlang einer Strecke von 67 Kilometern am Rhein zwischen Koblenz im Norden und Bingen sowie Rüdesheim im Süden. Seit 2018 steht fest, dass die BUGA im Jahr 2029 ausgerichtet wird. Dafür gab es eine ausführliche Machbarkeitsstudie, die sich auf die Erneuerung der touristisch nutzbaren öffentlichen Infrastruktur am Oberen Mittelrhein konzentrierte. Größere Baumaßnahmen sind in Lahnstein geplant, etwa mit dem Bau einer zusätzlichen Brücke über die Lahnmündung.

Alle bisher eingereichten Vorschläge für die BUGA Oberes Mittelrheintal 2029 stellen das Wasser in den Mittelpunkt, um die Region am Rhein touristisch noch attraktiver zu machen. Außerdem soll der Fluss für die Einheimischen besser erlebbar werden.

„Quellen der Inspiration“ in Rüdesheim

Aufgrund der dezentralen Ausrichtung der BUGA Oberes Mittelrheintal 2029 gibt es kleinere Wettbewerbe zu einzelnen Standorten mit dem Leitthema „Willkommen am Wasser“. Landschaftsarchitekt Thomas Wirth aus Kitzingen hat bisher drei Wettbewerbe mit seinem Büro arc.grün betreut.

So ist etwa ein Rüdesheim geplant, begleitend zur Bundesgartenschau den Hafenpark behutsam weiterzuentwickeln. Unter dem Arbeitstitel „Ensemble“ entsteht ein facettenreicher Park, der die lokale Geschichte erlebbar macht und den Baumbestand schützt. Das Preisgericht hatte sich nach einem nicht offenen landschaftsplanerischen Wettbewerb für den Entwurf des Büros Franz Reschke Landschaftsarchitekten aus Berlin entschieden.

Dieser Entwurf schlägt vor, die Kastanienallee in Rüdesheim aufzulösen, die bisher eine Zäsur zwischen Hafenpark und Freizeitpark darstellt. Damit soll ein harmonisches Ganzes entstehen, das auch dem farbenfrohen Sommerfest der BUGA viel Raum gibt. Unter dem Motto „Quellen der Inspiration“ hat die Stadt Rüdesheim vor, ihre Attraktivität für den Tourismus zu gestalten, zusätzlich aber auch bessere Lebensbedingungen für ihre Bürgerschaft zu schaffen.

Der neue Park am Rhein soll laut Entwurf ein harmonisches Ganzes darstellen, da die Kastanienallee ihn nicht mehr durchtrennt. Bildquelle: Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH und Architektur & Zeichnung Wolfram Gothe
Der neue Park am Rhein soll laut Entwurf ein harmonisches Ganzes darstellen, da die Kastanienallee ihn nicht mehr durchtrennt. Bildquelle: Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH und Architektur & Zeichnung Wolfram Gothe

Dauerhafte Entwicklung von Parkanlagen am Lahnufer

Auch das Lahnsteiner Ufer ist ein wichtiger Austragungsort der BUGA Oberes Mittelrheintal 2029. Vom Schloss Martinsburg über die Rheinanlagen in Oberlahnstein und die Hafenmole bis hin zum Park am Lahnufer in Niederlahnstein sollen die Uferbereiche in neuem Glanz erstrahlen. Das Preisgericht hat sich einstimmig für den Entwurf des Büros Geskes.Hack Landschaftsarchitekten aus Berlin entschieden. Dieser Entwurf schlägt eine Mischung aus Aufenthaltsqualität, Veranstaltungsmöglichkeiten, Spiel und Sport entlang des Lahnsteiner Ufers vor, wobei die Hafenmole zu einem neuen Anziehungspunkt wird.

Die Landschaftsarchitekt*innen aus Berlin konnten sich gegen zehn andere Büros in einem freiraumplanerischen Gestaltungswettbewerb durchsetzen. Sie schlagen Pläne für die dauerhafte Entwicklung der Parkanlagen vor. Auch das temporäre Ausstellungskonzept der BUGA 2029 wird darauf aufbauen. Dies unterstreicht, dass Bundesgartenschauen integrierte Stadt- und Regionalentwicklungsprojekte sind, die farbenfrohe Erlebnisse für Gäste bieten und zugleich die Region jahrzehntelang beeinflussen können.

Neue Rheinanlagen für Bacharach

Ein weiterer Wettbewerb für die BUGA Oberes Mittelrheintal 2029, ebenfalls von arc.grün betreut, drehte sich um die neuen Rheinanlagen für Bacharach. Das Büro für Landschaftsarchitektur urbanegestalt aus Köln und das Büro Hille und Tesch, Architekten und Stadtplaner aus Ingelheim, konnten mit ihrem Entwurf überzeugen. Zehn Büros hatten sich für diesen freiraumplanerischen Gestaltungswettbewerb beworben. Der Siegerentwurf kombiniert Altstadt, Uferlandschaft, Spiel, Strand und Camping.

Am Mittelrhein soll im Rahmen der BUGA 2029 eine Attraktion für Gäste und Einheimische zugleich entstehen. Ab 2029 soll der Fluss besser erlebbar sein, was auch für die Folgejahre wichtige Auswirkungen auf die Stadt hat. Ein Landschaftspark, ein Strandbad, Campinganlagen sowie Sport- und Freizeitangebote sollen die Rheinanlagen aufwerten. In Kombination mit der mittelalterlichen Innenstadt soll Bacharach künftig noch attraktiver werden. Dafür erhält die Stadt Unterstützung von der Landesregierung, trägt aber als Welterbe-Kommune auch selbst zum Budget bei.

Mehr zum Wettbewerb in Bacharach lesen Sie hier.

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Floriade Expo 2022
Foto: Floriade Expo 2022, Almere

Schon der Veranstaltungsort ist besonders. Die Floriade 2022 findet in Almere statt. Wo früher Wasser war, präsentieren die Niederlande in diesem Jahr Ideen für wachsende grüne Städte. Die Floriade Expo ist mehr als eine bunte Schau von Gärten. Hier wird thematisiert: Wie können unsere Städte trotz des Klimawandels lebenswerter, grüner und nachhaltiger werden? Alles was Sie zur Floriade wissen müssen lesen Sie hier. Mehr zum Konzept des Deutschen Pavillons vom studio grüngrau gibt es übrigens hier.

Auf sechzig Hektar Land bringt die Floriade 2022 vierzig inspirierende Länderpräsentationen, einen spektakulären Gewächshauskomplex und eine Seilbahn quer zusammen. Schon das macht die Veranstaltung zu einer der wichtigsten Gartenbauausstellungen der Welt. Seit den 1960er Jahren laden die Niederlande alle zehn Jahre zu einer Floriade ein. Jedes Mal an einem anderen Ort. In diesem Jahr ist die Stadt Almere an der Reihe. Sie bildet die Kulisse für eine zukunftsweisende, grüne Veranstaltung. Denn auf der Floriade Expo 2022 lautet das Motto: Growing Green Cities.

Growing Green Cities

Zum siebten Mal findet 2022 eine Floriade Expo in den Niederlanden statt. Dabei geht es nicht nur um Grün in und um Städte herum. Unter dem Motto Growing Green Cities präsentieren die Niederländer*innen ein Stück ihrer Auseinandersetzung mit klimaneutralen, grünen, gesunden, urbanen Strukturen. Die Floriade 2022 präsentiert dementsprechend neue Technologien, zukünftige Produkte und Lösungen für die globale Urbanisierung, für unsere Lebensmittelversorgung, Gesundheit und Energiegewinnung. In all diesen Bereichen sind Innovationen erforderlich, um unser Leben sicherer, gesünder und attraktiver zu machen. Von diesen innovativen Ideen präsentiert die Floriade 2022 zahlreiche. Sie alle fügen sich zu einer Entdeckungsreise zusammen, die die Besucher*innen herausfordert und dazu inspiriert, ein grüneres und bewussteres Leben zu führen.

Das breite Themenspektrum der Floriade Expo 2022 ist in folgende, vier Themenfeldern aufgeteilt: Greening the City, Feeding the City, Healthying the City und Energizing the City. Alle vier Themen tauchen nicht nur in den zahlreichen Pavillons und dem riesigen Gewächshauskomplex auf dem Gelände immer auf. Auf der Floriade Expo 2022 sind sie auch im Arboretum und dem reichen Kunst- und Kulturprogramm der Weltausstellung zu finden.

Almere als Kulisse der Floriade

Das Nachdenken über dicht bebaute Städte und deren Ausstattung mit Grün steht im Mittelpunkt der Floriade 2022. Wie diese urbanen Orte grüner, lebenswerter und nachhaltiger werden können, das sind Fragen, die die Niederländer*innen in Almere thematisieren. Dabei könnte kaum eine Stadt besser für die Auseinandersetzung mit nachhaltiger Grünflächenentwicklung taugen. Denn Almere ist auch ohne die Floriade 2022 bereits eine Art Living Lab, ein Ort der Experimente und des Neuentwickelns. Von April bis Oktober 2022 wird die Stadt nun zum Schauplatz für Innovationen aus dem Bereich Nachhaltigkeit und Lebensmittelproduktion. Als Weltausstellung wird sie Akteur*innen aus der ganzen Welt zusammenbringen.

Floriade mit Nachhall

Die siebte Floriade in den Niederlanden ist anders als ihre Vorgängerinnen. Denn zum ersten ist sie nicht nur als Messe organisiert, die nach einem halben Jahr wieder abgebaut wird. Vielmehr wächst aus den Grundsteinen der Floriade 2022 ein neuer Stadtteil. Die gesamte Infrastruktur der Schau bleibt erhalten und wird auch langfristig ein Beispiel für Nachhaltigkeit sein. So sind die breiten Gehwege so angelegt, dass Regenwasser gut ablaufen kann. Auch das Arboretum, eine Art Pflanzen-Bibliothek voller Gerüche und Farben, ist von Nachhaltigkeit geprägt. Alle Bäume und Pflanzen stammen von einheimischen Züchtern. Darüber hinaus wurden sie ausgewählt, weil sie die Luftqualität verbessern, helfen, die Temperatur zu senken, Biodiversität fördern oder als Nahrungsquelle dienen.

Die Gärten der Welt

Das gesamte 60 Hektar große Gelände der Floriade 2022 ist in Quadrate aufgeteilt, die alphabetisch nach den botanischen Namen der dort angesiedelten Pflanzen benannt sind. Wie kann es in den Niederlanden anders sein, als dass das T für die Tulpe reserviert ist? Durch diese Strukturierung und Bepflanzung entsteht eine Patchworkdecke aus Gärten, die von Kanälen mit Brücken aus recycelten Materialien durchzogen ist. Das ist sozusagen die Basis für den neuen Stadtteil, der nach der Floriade Expo 2022 hier wachsen wird.

Neben den Vorbereitungen für das Entstehen einer neuen, zukunftsfähigen Stadt hat Almere die Welt eingeladen, sich zu präsentieren. Gut 30 Länder errichteten deshalb einen eigenen Pavillon, in dem sie ihre Ideen für die grüne Stadt der Zukunft vorstellen. In diesem Kontext zeigen zum Beispiel die Niederlande wie mit biologischen Produkten nachhaltig und klimaschonend gebaut werden kann. China hingegen lädt zu einem Rundgang durch einen wachsenden Bambusgarten ein. Im Pavillon von Indien gehen die Besucher*innen auf eine spirituelle Reise. Der Staat Katar zeigt auf der Floriade 2022, wie durch traditionelle Bauformen und moderne Technologien Wüsten ergrünen.

Deutschlands Ausstellungsbereich mit studio grüngrau

Gemeinsam mit gtp2 architekten und insglück hat studio grüngrau Landschaftsarchitektur 2021 den 1. Preis für die Gestaltung des deutschen Ausstellungsbereichs gewonnen. Ihr Konzept auf der Floriade Expo 2022 heißt BIOTOPIA – Growing Community. Schon von Weitem ist die Konstruktion des Pavillons aus hölzernen Kuben zu erkennen. Das zweistöckige Gebäude ist auch Teil eines Gartens. Dazu tragen insbesondere seine bepflanzten Fassaden bei, die sich wie ein lebendiges Ökosystem ständig verändern. Die Ideen für BIOTOPIA stammen von gtp2 architekten und insglück, die mit studio grüngrau Landschaftsarchitektur den Deutschen Garten in Almere gestalteten.

Wo einst Meer war, ist heute Almere

Neben den zahlreichen Pavillons bringt eine spektakuläre, 850 Meter lange Seilbahn die Besucher*innen zum Staunen. Ihre Höhe garantiert einen atemberaubenden Blick auf das Gelände der Floriade 2022 und reicht bis zur Skyline der Stadt Almere. Aber auch das Arboretum ist besonderer Natur. Es zieht sich wie ein grüner Faden durch das gesamte Gelände der Weltausstellung.

Nicht nur die Exponate der Floriade Expo 2022 sind innovativ. Schon der Veranstaltungsort, die Stadt Almere, ist besonderer Natur. Sie hat etwa 220 000 Einwohner*innen und gilt als die jüngste Stadt der Niederlande. Denn vor kaum 50 Jahren dominierte hier noch das Meer. Der Untergrund für die Stadt wurde dem Wasser regelrecht abgerungen. Damit ist Almere noch heute ein Symbol für den Kampf gegen die Naturgewalten oder vielmehr ein Zeichen für den geschickten Umgang mit der Natur.

Klassische niederländische Idylle hat Almere allerdings nicht zu bieten. Die Stadt wurde vielmehr auf dem Reißbrett entworfen und dann mit spektakulären Architekturen bestückt. Das geht weiter, denn Almere wächst. Vom City-Strand sind bereits Konturen des neuesten Stadtviertels zu erkennen. Hier entsteht ein verlockender, grüner Dschungel namens Hortus. Doch bevor hier die neuen Bewohner*innen das Viertel beziehen, kommen wahrscheinlich noch zwei Millionen Besucher*innen der Floriade 2022 vorbei.

Etwa 50 Prozent des Quartiers Baumkirchen Mitte bleiben als öffentliche Grünflächen erhalten, die nicht nur Erholung bieten, sondern auch eine ökologische Vernetzung fördern, die für die Tierwelt von großer Bedeutung ist. Foto: Marcus Hassler

Wo Lokomotiven einfuhren, wächst seit 2013 das visionäre Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“ in Berg am Laim heran. Hier verschmelzen städtische Lebensräume und Natur zu einem harmonischen Ensemble, das nicht nur Wohnraum und Arbeitsplätze, sondern auch großzügige Grünflächen und ökologische Oasen bietet. Durch die organischen Bauformen und die Liebe zum Detail hat das Areal eine unverwechselbare Identität erhalten – ein Ort, der Vergangenheit und Moderne in spannender Symbiose vereint. Im Folgenden stellt das Büro mahl gebhard konzepte sein Projekt selbst vor. 

Ein neues Stadtquartier mit historischer Prägung

Auf dem 15 Hektar großen Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes München 4 in Berg am Laim entsteht seit 2013 das Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“. Fast 70 Jahre lang wurden hier Lokomotiven und Güterwaggons rangiert und repariert. Nun bietet das Areal Raum für etwa 1 300 Einwohner*innen, Arbeitsplätze, Einzelhandel und öffentliche Grünflächen. Grundlage für das Bebauungsplanverfahren war ein 2010 von der Landeshauptstadt und CA Immo durchgeführter städtebaulicher und landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb, aus dem der Entwurf von Peter Ebner & Friends und von Mahl Gebhard Konzepte siegreich hervor ging. Der Entwurf überzeuge die Jury im besonderen Maße durch eine für das Gebiet neuartige Struktur. Es entstünde eine einheitliche Bebauung, die von ausgedehnten Grünflächen umschlossen wird. Dieser Entwurf, der sich durch mutig, geschwungene Baukörper auszeichnet, die fließende Räume erzeugen war Grundlage für das sich anschließende Bauleitplanverfahren. Die Freiflächen mit ihren integrierten Spielflächen sollen die Anwohner sowie Besucher zum Verweilen und Erholen einladen.

Freiflächengestaltung und ökologische Balance

Die Landschaftsarchitekt*innen von mahl gebhard konzepte (München) achteten bei der Entwicklung des Quartiers auf eine doppelte Innenentwicklung: So ist für das Quartier Baumkirchen Mitte neben den unverwechselbaren, organisch anmutenden Gebäudekörpern, der sehr hohe Grünanteil prägend. Etwa 50 Prozent des Gesamtareals sind bebaut, die restliche Fläche bleibt im Hinblick auf urbanes Grün als öffentliche Grünfläche und ökologische Vorrangfläche erhalten und wird als Landschaftspark gestaltet. Durch den Erhalt der ökologischen Vorrangfläche bleibt, die für München so relevante Kaltluftschneise erhalten und dennoch kann die geforderte städtische Dichte eingehalten werden. Einen weiteren Mehrwert stellen die neu entstandenen Wohnhöfe bzw. Quartiersmitten wie der Mattoneplatz dar. Sie sprechen grundsätzlich die Sprache des Gesamtareals und verstärken die geschwungenen Strukturen.

Integration von Natur und Stadtplanung

Durch sie wurde eine qualitativ wie quantitativ gute Versorgung der Wohngebiete mit öffentlichen Grün- und Freiflächen für die Erholung verwirklicht – insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt der Verringerung des Nutzungsdruckes auf die ökologische Vorrangfläche. Bei der Lage der öffentlichen Grünflächen wurde auf gute räumliche Zuordnung und weitere mögliche Aneignungs- und Verknüpfungsmöglichkeiten besonders auch in Richtung des Rosenheimer Bahndamms geachtet. An der übergeordneten Grünstruktur orientierten sich daraufhin die Baukörper. Im Entwurf soll ein Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungsräume entstehen, die sich verschränken und überlagern. Die Privatheit der Wohnhöfe soll davon unberührt bleiben.

Bäume als Leitbild

Wiederkehrendes Gestaltungselement ist die waggonartige Reihung von drei bis fünf zu pflanzenden Bäumen, die den genius loci der ehemaligen Nutzung in der neu gebauten Fläche anschaulich machen sollen. Um den jeweiligen Räumen eine eindeutig wahrnehmbare Gestalt zu geben, bestehen die Baumgruppen aus jeweils einer Gattung und Art. Die öffentlichen und privaten Freiflächen erhalten durch die unterschiedliche Pflanzenverwendung (Leitbaumarten, Wuchsklassen) eine jeweils eigenständige Identität. Dabei wurden je 200 Quadratmeter nicht überbaute Grundstücksfläche ein Baum gepflanzt. Auf die entsprechende Mindestüberdeckung der Substratstärke über Tiefgarage ist zu achten. Die Pflanzauswahl in den Höfen enthält mindestens 50 Prozent Bäume zweiter Ordnung.

Der Bestand als „Hot Spot“ der Biodiversität

Pflanzenwuchs auf aktiven Bahnflächen unterliegt permanenter Störungen. Fallen Bahnflächen aus der Nutzung, so regiert die Vegetation relativ rasch darauf. Deshalb sind die stillgelegten Gleisanlagen heute von mosaikartiger Vegetation geprägt und erhalten ihren eigenen Charme durch die offenen Ruderalflächen, die sich mit aufkommenden Birken und rahmenbildenden, älteren Gehölzen abwechseln.

Kurzum: Das Bahnbetriebswerk entwickelte sich durch die Stilllegung zu einer naturnahen Bahnbrache. Humusarme Substrate (z.B. Gleisschotter) speichern kaum Wasser und begünstigen dadurch schüttere Magerrasen. So ist hier ein „Hot Spot“ der Biodiversität entstanden, das dem Areal in Kombination mit der belassenen Gleisanlage eine besondere Identität verleiht. Mehrere geschützte Tier- und Pflanzenarten (48 Rote-Liste-Arten) haben aufgrund der für sie idealen, trockenen und heißen Standortbedingungen und der Mischung aus lückiger, niedriger Vegetation und besonnten Säumen und Gebüschen einen Vorkommensschwerpunkt. Die angrenzenden noch aktiven Bahnanlagen sind darüber hinaus als Ausbreitungsachse und somit für den Biotopverbund bedeutend. Von den in mehreren Kartierungsdurchgängen in den Jahren 2008 und 2009 nachgewiesenen Arten sind die streng geschützte Zauneidechse sowie die besonders geschützte Blauflügelige Ödlandschrecke und die Blauflügelige Sandschrecke von hoher naturschutzfachlicher Bedeutung und daher wertbestimmend. Aber auch kleine Wirbeltiere wie die Zauneidechse können auf der Vorrangfläche beobachtet werden – sie sind streng geschützt (§7 (2) 14, ‎BNatSchG).

Pflege- und Schutzkonzept für die Biodiversität

Die Habitate der Bahnanlagen sind charakteristische Bestandteile der Natur in der Stadt und spielen eine wichtige Rolle für den Artenschutz. Um diesen naturnahen Trockenstandort mit seiner hohen Artenvielfalt zu erhalten, wurde ein Pflege- und Entwicklungskonzept aufgestellt. Die Sukzession führt ohne weitere Pflege zu waldartigen Beständen, weshalb die immer wiederkehrende Zurücknahme des

Gehölzaufwuchses und die Freihaltung geeigneter, besonnter Standorte wichtige Maßnahmen darstellen. Im Bereich der Sukzessionsflächen wird das Totholz belassen, um Insekten und kleinen Wirbeltieren Unterschlupf zu bieten. Die Rohbodenrotation bietet nicht nur Reptilien wie der Zauneidechse einen idealen Standort, um ihre Eier in die sandigen Böden zu legen.

Nachhaltige Stadtentwicklung

Die naturschutzfachlichen Entwicklungsziele für das Untersuchungsgebiet umfassen den Erhalt und die Pflege von Flächen, die als bevorzugte Lebensräume für die Zauneidechse gelten. Ebenso wird der größtmögliche Erhalt von Flächen mit hoher und mittlerer Bedeutung für die Wert bestimmenden Tierarten angestrebt. Weiterhin soll der räumliche Verbund der Flächen zu angrenzenden Lebensräumen gesichert und die Standorte als Teil einer linearen Vernetzungsachse erhalten und optimiert werden. Ein weiteres Ziel ist die Sicherung und Förderung der Populationen der geschützten Arten durch gezielte Pflegemaßnahmen im Bereich der ökologischen Vorrangfläche. Diese Maßnahmen sollen durch ein dynamisches, dreistufiges Pflegekonzept erreicht und langfristig gesichert werden, das sowohl den fachlichen Ansprüchen als auch der pragmatischen Umsetzbarkeit in Bezug auf die Topografie gerecht wird.

Minimaler Eingriff – Monitoring und Erlebnispfad

Die geplante Umsetzung des gesamten Bauvorhabens wurde in 10 Bauabschnitte unterteilt, deren Abfolge sich von Osten (Baumkirchner Straße) nach Westen erstreckt, und somit eine sinnvolle logistische bauliche und nutzungsbezogene Abwicklung in mehreren Schritten mit geringerer Baustellenbelastung bedeutet. Eine besondere Herausforderung stellte die Zugänglichkeit der ökologischen Vorrangfläche dar: Mittels aufwändigen Monitorings und eigens entwickelter Stege konnten naturschutzfachliche Belange eingehalten werden und dennoch von Anwohnern als naturnaher Erholungsraum barrierefrei erschlossen werden. Der enorme Höhenunterschied zwischen Wohnbebauung und ökologischer Vorrangfläche konnte mit Rampen ausgeglichen werden. Der Erlebnispfad im tieferliegende Gleisbereich ist auf der Westseite über Treppen und an der Ostseite durch eine barrierefreie Rampe erreichbar. Der aufgeständerte Weg führt vorbei an der historischen Eisenbahn-Drehscheibe, mit der früher Waggons und Lokomotiven bewegt wurden. Hier ist eine Tribüne entstanden, sodass die Lokdrehscheibe als Freilufttheater dienen kann.

mahl gebhard konzepte

Das Büro mahl·gebhard·konzepte mit Sitz in München wurde 1986 gegründet und 2009 in eine Partnerschaftsgesellschaft mit Andrea Gebhard und Johannes Mahl-Gebhard als Geschäftsführer umfirmiert. 2022 wurden Markus Anzengruber, Johannes Kruck, Annette Pfundheller und Katrin Rismont PartnerInnen des Büros. Seither steht Johannes Mahl-Gebhard als Berater zur Verfügung. mahl·gebhard·konzepte beschäftigt 40 Mitarbeiter*innen aus den Disziplinen der Landschaftsarchitektur, Landschaftsplanung, Umweltökologie, Stadtplanung, Architektur und Urban Design.

In der Nutzung von Ansätzen, Denkweisen oder Methoden verschiedener Fachrichtungen sehen wir nicht nur die Möglichkeit, Planungen an den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Zeit zu orientieren, sondern auch die Chance Ökologie und Ästhetik zukunftsweisend zu verbinden. Langjährige Erfahrung, erworbene Vielseitigkeit, effiziente Arbeitsabläufe, eine klare gestalterische Sprache und realisierbare Visionen helfen uns dabei, das besondere Gesamte zu schaffen.

Landschaftsarchitektur sucht im Spannungsfeld der Planungen von Architektur, Städtebau und Infrastruktur nach neuen räumlichen Aussagen, kulturellen Eigenarten und gestalterischen Perspektiven. Hierbei ist die Rückkopplung von Landschaftsarchitektur mit den gesellschaftlichen Strukturen und zeitgenössischen Kontexten nicht nur notwendig, sondern unerlässlich.

Weiterlesen: In der G+L 09/24 stellen wir 54 Stadtoasen aus fünf Ländern vor. Das Heft ist im Shop erhältlich. Weiter grüne Oasen sind hier zu entdecken.

 Übrigens: Die Internationale Bauausstellung (IBA) der Metropolregion München 2034 sucht nach Ideen für die Mobilität der Zukunft.