Stadtplanung unter planetaren Grenzen – was es heißt, in CO₂ zu rechnen

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Stimmungsvolle Luftaufnahme einer österreichischen Stadtlandschaft mit Flusslauf, fotografiert von Carrie Borden.

Stadtplanung unter planetaren Grenzen – das klingt nach einem Paradoxon: Wie plant man Wachstum, wenn die Belastungsgrenzen des Planeten längst überschritten sind? Die Antwort: Wer heute Stadt plant, muss in CO₂ rechnen. Nicht als lästige Fußnote, sondern als zentrales Paradigma. Willkommen in einer Ära, in der der ökologische Fußabdruck nicht mehr nur gemessen, sondern mitgeplant wird – und in der die Stadt von morgen sich schon heute an den planetaren Grenzen messen lassen muss.

  • Einführung in das Konzept der planetaren Grenzen als Fundament nachhaltiger Stadtplanung
  • Warum CO₂-Bilanzen zum neuen Maßstab in der Stadtentwicklung werden
  • Methoden und Werkzeuge zur Integration von CO₂-Berechnungen in den Planungsprozess
  • Fallbeispiele und Pioniere aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Herausforderungen: Datenverfügbarkeit, Planungskultur und politische Steuerung
  • Der Paradigmenwechsel: Von der Flächenplanung zur Emissionsplanung
  • Risiken und Zielkonflikte, etwa zwischen sozialem Wohnungsbau und Klimaschutz
  • Innovative Ansätze: CO₂-Budgets, digitale Tools und partizipative Klimaplanung
  • Rechtliche, technische und kommunikative Hürden auf dem Weg zur emissionsarmen Stadt
  • Ausblick: Wie sich die Rolle von Planern im Zeitalter der planetaren Leitplanken verändert

Planetare Grenzen: Der neue Rahmen für die Stadtplanung

Die Idee der planetaren Grenzen hat die Nachhaltigkeitsdebatte in den letzten Jahren fundamental verändert. Nicht mehr der technologische Fortschritt oder das ökonomische Wachstum geben den Takt vor, sondern die biophysikalischen Limits unseres Planeten. Der Begriff selbst stammt aus der Forschung der Stockholmer Resilienzforscher rund um Johan Rockström. Sie definierten neun planetare Leitplanken – von der Biodiversität über den Süßwasserverbrauch bis zum Klimawandel –, deren Überschreitung existentielle Risiken für die Menschheit birgt. Für die Stadtplanung bedeutet das: Raum, Infrastruktur und Nutzung müssen so gestaltet werden, dass sie diese Grenzen respektieren, nicht ausreizen.

Besonders relevant ist in Mitteleuropa die planetare Grenze des Klimawandels, gemessen vor allem an der Konzentration von Treibhausgasen, allen voran Kohlendioxid. Die Städte sind hier nicht unschuldig: Sie verursachen rund 70 Prozent aller energiebedingten CO₂-Emissionen weltweit. Damit sind sie Hotspots der Probleme – aber eben auch der Lösungen. Die Herausforderung ist klar: Wenn die globalen Emissionen drastisch sinken müssen, dann ist der urbane Raum das entscheidende Schlachtfeld. Wer hier weiter plant, als gäbe es kein Morgen, riskiert, dass es tatsächlich keins gibt.

Doch wie übersetzt sich dieses abstrakte Konzept in die tägliche Planungspraxis? Die Antwort: Indem CO₂ nicht nur bilanziert, sondern zur Leitwährung gemacht wird. Jede Flächenausweisung, jede Verkehrsplanung, jedes Quartierskonzept muss sich an seinem Beitrag zur Überschreitung – oder Einhaltung – der planetaren Grenzen messen lassen. Das klingt radikal, ist aber konsequent. Denn die Zeit, in der der Klimaschutz ein Add-on war, ist vorbei. Heute ist er das Betriebssystem, auf dem alle anderen Planungsziele laufen müssen.

Hinzu kommt: Planetare Grenzen sind nicht verhandelbar. Sie lassen sich weder durch politische Deals noch durch kreative Buchführung verschieben. Sie sind das, was sie sind: harte Leitplanken. Wer das ignoriert, riskiert nicht nur ökologische, sondern auch rechtliche und ökonomische Rückschläge. Denn die gesellschaftliche Akzeptanz für planungsbedingte Emissionen sinkt rapide – und klimapolitische Klagen gegen Planungsverfahren sind längst Realität.

Für Planer bedeutet das eine fundamentale Veränderung der eigenen Rolle. Sie sind nicht mehr nur Gestalter von Stadträumen, sondern Manager planetarer Risiken. Sie müssen lernen, mit Unsicherheit und Komplexität zu arbeiten – und in Szenarien zu denken, bei denen der CO₂-Ausstoß nicht das Ergebnis, sondern die Ausgangsgröße ist. Wer das nicht versteht, plant an der Zukunft vorbei.

CO₂-Bilanzen als Maßstab – Methoden, Tools und Herausforderungen

CO₂-Bilanzierung in der Stadtplanung ist kein nice-to-have mehr, sondern ein Muss. Doch wie geht das eigentlich? Zunächst einmal braucht es eine solide Datenbasis. Die wichtigsten Quellen: Flächennutzungspläne, Gebäudebestand, Mobilitätsdaten, Energieverbräuche, aber auch soziodemografische Informationen. Wer hier lückenhaft arbeitet, bekommt keine belastbaren Ergebnisse. Die Kunst liegt darin, diese heterogenen Daten zu einem konsistenten Emissionsbild zu verdichten – und das über den gesamten Lebenszyklus der Stadt hinweg, von der Planung bis zum Betrieb.

Die Methoden zur CO₂-Bilanzierung sind vielfältig. Am gebräuchlichsten sind die sogenannten Lebenszyklusanalysen (LCA), die nicht nur den Betrieb, sondern auch Bau, Abriss und Materialtransporte einbeziehen. Für Gebäude gibt es längst etablierte Standards wie die DIN EN 15978 oder die Ökobilanzierung nach DGNB. Schwieriger wird es bei Quartieren oder gar ganzen Stadtteilen, weil hier die Datenlage oft fragmentiert ist. Dennoch gibt es erste Tools, etwa das Klimabilanzierungs-Tool der Stadt Zürich oder die „Stadtraum-CO₂-Bilanz“ des Deutschen Instituts für Urbanistik.

Bemerkenswert ist, dass CO₂-Bilanzen inzwischen auch auf der Ebene von Bebauungsplänen oder Rahmenplänen eingesetzt werden. Städte wie München oder Hamburg prüfen neue Quartiersentwicklungen konsequent auf ihre Emissionswirkung – und fordern Nachbesserungen ein, wenn die Bilanz zu schlecht ausfällt. Dabei werden nicht nur Gebäudedämmungen und Energiequellen betrachtet, sondern auch Mobilitätskonzepte, Freiraumgestaltung und Materialwahl. Die CO₂-Bilanz wird so zum echten Steuerungsinstrument.

Natürlich gibt es Herausforderungen. Zum einen die Datenverfügbarkeit: Nicht jede Kommune hat Zugriff auf aktuelle Verbrauchsdaten, genaue Materialmengen oder realitätsnahe Verkehrsströme. Zum anderen die Modellierung: Wer zu grob rechnet, verfehlt die Steuerungswirkung; wer zu detailliert plant, verliert sich im Aufwand. Hinzu kommen Unsicherheiten etwa bei der Entwicklung der Strommixes, der Nutzerverhalten oder der künftigen Gesetzgebung. Hier braucht es pragmatische, aber belastbare Annahmen – und vor allem Ehrlichkeit in der Kommunikation.

Ein weiteres Problemfeld sind die sogenannten grauen Emissionen, also jene CO₂-Mengen, die bei der Herstellung, dem Transport und dem Rückbau von Baumaterialien anfallen. Sie machen oft mehr als die Hälfte der Gesamtbilanz aus, werden aber in klassischen Planungsprozessen gerne ignoriert. Wer also wirklich im Sinne der planetaren Grenzen plant, muss auch diese Emissionen systematisch erfassen und minimieren – etwa durch zirkuläres Bauen, Materialpässe oder den Einsatz von Recyclingbaustoffen. Das klingt technisch, ist aber politisch: Denn jede eingesparte Tonne CO₂ ist ein Beitrag zur Einhaltung der planetaren Leitplanken.

Von der Flächenplanung zur Emissionsplanung – Paradigmenwechsel und Zielkonflikte

Der vielleicht größte Wandel, den die Integration von CO₂-Bilanzen in die Stadtplanung auslöst, ist ein Paradigmenwechsel: Weg von der klassischen Flächenplanung, hin zur Emissionsplanung. Das klassische Denken in Parzellen, Nutzungen und Dichten wird ergänzt – oder sogar überlagert – durch die Frage: Wie viel CO₂ darf hier eigentlich noch emittiert werden? Die Stadt wird zu einer Art Emissionshaushalt, in dem jede Maßnahme auf ihre Klimawirkung geprüft wird.

In der Praxis heißt das: Neue Baugebiete werden nicht mehr nur nach Lage, Erschließung und Marktchancen bewertet, sondern nach ihrem Beitrag zur CO₂-Reduktion. Sanierung und Nachverdichtung werden attraktiver, weil sie weniger Emissionen verursachen als Neubau auf der grünen Wiese. Mobilitätskonzepte werden nicht länger nach Fahrgastzahlen oder Reisezeiten optimiert, sondern nach ihrem Einfluss auf den CO₂-Ausstoß. Selbst die Gestaltung von Freiräumen – etwa die Frage, ob ein Platz entsiegelt oder eine Grünfläche geschaffen wird – erhält eine neue Relevanz, weil sie Emissionen binden oder vermeiden helfen können.

Natürlich bringt das Zielkonflikte mit sich. Ein klassisches Beispiel: sozialer Wohnungsbau versus Klimaschutz. Wer möglichst günstig bauen will, greift oft zu konventionellen Materialien und Standards – mit entsprechend hoher CO₂-Belastung. Wer dagegen auf Passivhausniveau, Holzbau und nachhaltige Materialien setzt, erhöht die Baukosten und riskiert Nutzungshürden. Hier braucht es kreative Lösungen: etwa Förderprogramme, CO₂-Boni oder innovative Ausschreibungen, die beide Ziele miteinander verbinden.

Ein anderes Problemfeld ist die Verkehrsplanung. Wer autofreie Quartiere mit viel Grün schaffen will, muss auch den Pendlerverkehr im Blick behalten. Werden die Bewohner an den Stadtrand verbannt, steigen die Emissionen durch längere Wege. Umgekehrt kann eine dichte, gemischte Bebauung im Zentrum Emissionen senken – wenn sie durch nachhaltige Mobilitätsangebote flankiert wird. Die Kunst liegt darin, die Zielkonflikte offen zu benennen und Kompromisse transparent zu machen.

Spannend ist, dass immer mehr Städte mit sogenannten CO₂-Budgets arbeiten. Das Prinzip: Jeder Stadtteil, jedes Projekt erhält ein Emissionskontingent, das nicht überschritten werden darf. Wer darunter bleibt, kann Emissionsrechte „verkaufen“; wer darüber liegt, muss kompensieren oder nachbessern. Das klingt nach Emissionshandel – und ist es im Grunde auch. Die Vorteile: Planungsentscheidungen werden messbar, vergleichbar und steuerbar. Die Risiken: Bürokratie, Rechenaufwand und die Gefahr, dass CO₂-Budgets zu Feigenblättern werden. Hier ist Transparenz gefragt.

Digitale Tools und partizipative Klimaplanung – Innovationen für die emissionsarme Stadt

Die Integration von CO₂-Bilanzen in die Stadtplanung wäre ohne digitale Tools undenkbar. Moderne Planungssoftware kann heute innerhalb von Minuten den CO₂-Fußabdruck eines gesamten Quartiers simulieren – angepasst an unterschiedliche Szenarien, Bauweisen oder Energiequellen. Besonders spannend: die Kopplung von Geoinformationssystemen (GIS) mit Emissionsdaten und Lebenszyklusanalysen. So lassen sich die Hotspots der Emissionen in der Stadt nicht nur visualisieren, sondern auch gezielt steuern.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wien setzt seit 2021 ein digitales CO₂-Monitoring für alle neuen Stadtentwicklungsgebiete ein. Planer können verschiedene Entwurfsvarianten durchspielen und sehen in Echtzeit, wie sich Materialwahl, Gebäudedichte oder Mobilitätskonzepte auf die Emissionsbilanz auswirken. In Zürich wurde ein Emissionsrechner entwickelt, der die gesamte Stadt auf Knopfdruck bilanziert – und so politische Steuerungsimpulse liefert. Auch in deutschen Städten wie Freiburg, Hamburg oder München laufen Pilotprojekte, die CO₂-Bilanzen in die Bauleitplanung integrieren.

Doch digitale Tools sind nur so gut wie die Menschen, die sie nutzen. Hier kommt die partizipative Klimaplanung ins Spiel. Immer mehr Städte setzen auf offene Datenplattformen, Bürgerdialoge und digitale Beteiligungsverfahren, um die Emissionsplanung transparent und nachvollziehbar zu machen. Bürger können eigene Szenarien einbringen, Emissionen vergleichen und Prioritäten setzen. Das erhöht nicht nur die Akzeptanz, sondern auch die Qualität der Planung. Denn niemand kennt die lokalen Emissionsquellen besser als die Menschen vor Ort.

Innovativ sind auch neue Beteiligungsformate wie Klimaräte, CO₂-Foren oder digitale Quartierslabore. Hier werden Planer, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an einen Tisch gebracht – und gemeinsam Lösungen für die Einhaltung der planetaren Grenzen entwickelt. Das ist oft mühsam und konfliktreich, aber unverzichtbar. Denn nur wenn die Emissionsplanung demokratisch legitimiert ist, hat sie eine Chance auf Umsetzung.

Der Blick in die Zukunft zeigt: Die Rolle der Planer wird sich weiter wandeln. Sie werden immer mehr zu Moderatoren komplexer Aushandlungsprozesse, zu Übersetzern zwischen Technik, Politik und Gesellschaft. Wer hier mit digitalen Tools, Datenkompetenz und Kommunikationsgeschick arbeitet, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung. Und macht deutlich: Die emissionsarme Stadt ist kein technokratischer Traum, sondern eine Frage von Haltung, Kreativität und Kollaboration.

Fazit: CO₂ als Planungswährung – ein neues Selbstverständnis für die Stadt der Zukunft

Stadtplanung unter planetaren Grenzen ist kein Wunschdenken, sondern eine Notwendigkeit. Die Integration von CO₂-Bilanzen in den Planungsprozess ist dabei mehr als ein technischer Schritt – sie ist ein Paradigmenwechsel. Wer heute noch Flächen plant, ohne die planetaren Leitplanken zu beachten, handelt fahrlässig. Die Städte von Deutschland, Österreich und der Schweiz sind gefordert, ihre Planungsinstrumente, ihre Prozesse und ihre Haltung zu überdenken. Emissionsplanung wird zum neuen Standard, CO₂ zur neuen Leitwährung der urbanen Entwicklung.

Der Weg dorthin ist nicht leicht. Es gibt Zielkonflikte, Unsicherheiten, bürokratische Hürden und kulturelle Widerstände. Aber es gibt auch Pioniere, Innovationen und eine wachsende gesellschaftliche Akzeptanz für die Notwendigkeit eines radikalen Umdenkens. Digitale Tools, partizipative Verfahren und CO₂-Budgets sind dabei nur einige der Werkzeuge, mit denen sich die planetaren Grenzen in die tägliche Planungspraxis übersetzen lassen. Entscheidend ist der Wille, die eigene Rolle neu zu verstehen – und den Mut, überkommene Routinen hinter sich zu lassen.

Die Stadt von morgen wird nicht nur gebaut, sondern bilanziert, simuliert und demokratisch ausgehandelt. Sie wird zum Labor für das gute Leben unter den Bedingungen eines endlichen Planeten. Gelingt dieser Wandel, dann werden Städte zu Vorreitern des Klimaschutzes – und zu Garanten für eine lebenswerte Zukunft. Wer in CO₂ rechnet, plant nicht weniger, sondern besser. Und vielleicht, ja vielleicht, ist das die schönste Revolution, die unsere Disziplin je erlebt hat.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.