Crowdsourced Heat Mapping – wenn Bürger:innen Hitze vermessen

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Hochwinkel-Fotografie einer deutschen Stadt mit markanter Dach- und Fassadenstruktur, aufgenommen von Markus Spiske.

Hitze war früher einfach nur heiß. Heute ist sie ein urbanes Risiko – und ihre Messung ein Gemeinschaftsprojekt. Crowdsourced Heat Mapping revolutioniert die Art und Weise, wie Städte mit sommerlicher Überwärmung umgehen. Statt einsamer Messstationen gibt es jetzt Datenfluten aus der Bevölkerung – in Echtzeit, im Quartier, auf der Straße. Was steckt hinter dem Hype um diese digitalen Hitzekarten? Und wie wird aus Bürgerengagement konkrete Planung? Willkommen in der Ära, in der jeder zum Hitzeforscher werden kann.

  • Definition und Einordnung von Crowdsourced Heat Mapping im Kontext städtischer Klimaanpassung
  • Technische Grundlagen: Sensorik, Datenplattformen, Partizipation und Datenvalidierung
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Erfolgsfaktoren und Herausforderungen
  • Potenziale für Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Klimaschutz – und ihre Grenzen
  • Rechtliche und ethische Fragen rund um Datenschutz, Datenhoheit und Governance
  • Ausblick: Die Rolle von Heat Mapping im Kontext smarter und klimaresilienter Städte
  • Chancen für eine neue, datenbasierte Bürgerbeteiligung und demokratische Stadtgestaltung
  • Risiken von Datenverzerrungen, Kommerzialisierung und Technikgläubigkeit
  • Praktische Empfehlungen für Kommunen, Planungsbüros und Initiativen
  • Fazit: Warum Crowdsourced Heat Mapping mehr ist als ein technischer Trend

Crowdsourced Heat Mapping: Definition, Relevanz und Aufbruch in die partizipative Klimadatenerhebung

Crowdsourced Heat Mapping klingt, als hätte ein Marketingprofi einen neuen Hype ausgerufen. Doch der Begriff beschreibt eine der spannendsten Entwicklungen in der urbanen Klimaforschung seit der Erfindung des Thermometers. Es geht um die gemeinschaftliche Erhebung und Visualisierung von Hitzedaten im städtischen Raum – nicht durch ein paar verstreute Messstationen, sondern durch Hunderte oder Tausende von Bürgern, die sich als „Klima-Detektive“ betätigen. Im Kern steht die Idee, dass Hitze nicht nur ein abstraktes Wetterphänomen ist, sondern ein sehr konkretes, lokales und individuell erlebbares Problem. Wer einmal an einem Hochsommertag im Schatten einer Allee im Vergleich zur Asphaltwüste einer Kreuzung gestanden hat, weiß: Hitze ist nicht gleich Hitze, und Stadt ist nicht gleich Stadt.

Die klassische Stadtklimatologie arbeitet seit Jahrzehnten mit festen Messnetzen, meteorologischen Modellen und aufwändigen Simulationen. Doch diese Modelle sind oft nur so gut wie ihre Eingabedaten – und die sind im urbanen Kontext erschreckend dünn. Denn Hitzeinseln entstehen auf kleinstem Raum, oft in wenigen Metern Entfernung, abhängig von Versiegelung, Begrünung, Bebauung, Windverhältnissen und Menschendichte. Genau hier setzt Crowdsourced Heat Mapping an: Mit Hilfe von Sensoren, Apps oder sogar einfachen Thermometern liefern Bürger Daten, wo sie leben, arbeiten, sich bewegen. Diese Schwarmintelligenz ermöglicht eine bisher unerreichte räumliche und zeitliche Auflösung von Hitzekarten.

Der Charme dieser Methode liegt nicht nur in der Datenmenge, sondern auch in der Demokratisierung von Stadtklimawissen. Plötzlich sind es nicht mehr nur Experten, die über Hitze reden – sondern die Stadtgesellschaft selbst, die ihre Erfahrungen, Beobachtungen und Messungen einbringt. Das hat Auswirkungen auf die Stadtplanung, die Landschaftsarchitektur und die politische Debatte. Denn wenn Daten zeigen, dass sich bestimmte Plätze regelmäßig in Hitzefallen verwandeln, lassen sich gezielt Maßnahmen ergreifen: mehr Bäume, weniger Versiegelung, klügere Bauformen. Der Weg von der Messung zur Maßnahme wird kürzer – und transparenter.

Im internationalen Kontext ist Crowdsourced Heat Mapping längst keine exotische Spielerei mehr. Projekte wie „Urban Heat Watch“ in London, „Smart Citizen“ in Barcelona oder das US-amerikanische „HeatWatch“ der National Oceanic and Atmospheric Administration setzen Maßstäbe. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Entwicklung dynamisch, aber noch von Pilotcharakter geprägt. Städte wie Wien, Zürich, Freiburg oder München testen verschiedene Ansätze, kooperieren mit Forschungseinrichtungen und laden die Bevölkerung zum Mitmessen ein.

Dass Crowdsourced Heat Mapping mehr ist als ein nettes Partizipationsprojekt, zeigt sich an den politischen und gesellschaftlichen Debatten um Klimaanpassung. Hitzewellen gelten inzwischen als eine der größten Herausforderungen für Städte in Mitteleuropa. Die Frage, wie Hitze erlebt, gemessen und gemanagt wird, entscheidet über Lebensqualität, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit. Und sie verlangt nach neuen, offenen Wegen der Datenerhebung – am besten gemeinsam, statt gegeneinander.

Technik, Daten, Teilhabe: Wie funktioniert Crowdsourced Heat Mapping in der Praxis?

Die technische Basis von Crowdsourced Heat Mapping ist erstaunlich niedrigschwellig. Im Prinzip kann jeder mitmachen, der ein Smartphone, ein günstiges Sensorset oder sogar ein analoges Thermometer besitzt. Herzstück vieler Projekte sind kleine, batteriebetriebene Temperatursensoren, die an Fahrrädern, Kinderwagen oder Rucksäcken befestigt werden. Andere Initiativen setzen auf stationäre Messboxen an Balkonbrüstungen oder Laternenmasten. Die Messdaten werden in regelmäßigen Intervallen über Apps oder Funkmodule an zentrale Plattformen übertragen. Dort werden sie gesammelt, validiert, mit anderen Umwelt- und Geodaten verknüpft und schließlich in interaktiven Karten visualisiert.

Die Herausforderung liegt weniger in der Technik, sondern in der Datenqualität und -integration. Denn Bürger messen nicht standardisiert, sie bewegen sich unterschiedlich, Sensoren sind mal in der Sonne, mal im Schatten, mal über Asphalt, mal über Wiese. Daraus entstehen „schmutzige“ Datensätze, die nachträglich gefiltert, kalibriert und plausibilisiert werden müssen. Hier kommen Algorithmen, statistische Methoden und Expertenwissen zum Einsatz. Ziel ist es, aus Tausenden Einzelmessungen belastbare, vergleichbare und aussagekräftige Hitzekarten zu generieren, die den professionellen Ansprüchen von Stadtplanern und Wissenschaftlern genügen.

Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die Motivation und Einbindung der Bevölkerung. Projekte wie „Wien misst Hitze“, „Klimafit Freiburg“ oder „Zürich misst“ setzen auf niederschwellige Mitmachangebote, Workshops und direkte Rückmeldungen an die Teilnehmer. Oft gibt es Visualisierungen in Echtzeit: Wer misst, sieht sofort, wie sein Beitrag ins große Ganze einfließt. Das schafft Identifikation und Vertrauen. Gleichzeitig sind Datenschutz und Transparenz zentrale Themen: Welche Daten werden erhoben? Wie lange werden sie gespeichert? Wer entscheidet über die Nutzung?

Die Integration der Daten in die Stadtplanung erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst werden die Hotspots, also besonders hitzegefährdete Orte, identifiziert. Dann erfolgt die Analyse im Zusammenspiel mit Flächennutzungsplänen, Vegetationskartierungen und Mobilitätsdaten. Die Ergebnisse fließen in Planungsprozesse ein: von der kurzfristigen Öffnung von Parks über die Umgestaltung von Schulhöfen bis hin zu langfristigen Strategien für klimaangepasste Stadtquartiere. Besonders spannend ist der Dialog zwischen Experten- und Bürgerwissen: Die Schwarmdaten liefern Hinweise, wo klassische Modelle versagen oder überraschende Muster auftauchen.

Ein unterschätztes Potenzial liegt in der Dynamik der Datenerhebung. Hitze ist kein statisches Phänomen, sondern verändert sich mit Wetter, Tageszeit, Nutzung und Jahreslauf. Crowdsourced Heat Mapping ermöglicht erstmals, diese Prozesse in hoher zeitlicher Auflösung zu dokumentieren: Wo entstehen morgens, mittags, abends neue Hitzespitzen? Wie wirken sich temporäre Maßnahmen wie mobile Grüninseln oder Wasserspiele aus? Solche Erkenntnisse waren früher reine Spekulation – heute sind sie messbar, sichtbar und planbar.

Praxisbeispiele: Was funktioniert, was bremst – und was bleibt zu tun?

Der Blick in die Praxis zeigt: Crowdsourced Heat Mapping ist machbar, aber kein Selbstläufer. Erfolgreiche Projekte zeichnen sich durch eine enge Verzahnung von Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft aus. In Wien etwa wurden im Rahmen des Projekts „Wien misst Hitze“ über 500 mobile Sensoren an Bürger verteilt. Innerhalb weniger Wochen entstand eine hochauflösende Hitzekarte der Innenstadt, die erhebliche Unterschiede zwischen begrünten Innenhöfen und versiegelten Plätzen sichtbar machte. Die Stadt nutzte die Ergebnisse, um kurzfristig Wasserstellen aufzustellen und mittelfristig Baumpflanzungen zu priorisieren.

In Freiburg arbeitet die Stadt gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut und lokalen Initiativen an einer permanenten Messinfrastruktur. Hier werden nicht nur Temperaturen, sondern auch Luftfeuchtigkeit und Feinstaub erfasst. Die Daten fließen direkt in die Planung neuer Quartiere ein. Besonders wertvoll sind die Rückmeldungen aus der Bevölkerung: Wo werden Hitzespitzen subjektiv als besonders belastend empfunden? Wie passen diese Einschätzungen zu den objektiven Messwerten? Daraus entstehen neue Bewertungsmaßstäbe für die Stadtgestaltung.

Zürich hat sich für einen Mix aus stationären und mobilen Messungen entschieden. Die Daten werden öffentlich in einem Heat Map Portal bereitgestellt, das Planer, Architekten und Bürger gleichermaßen nutzen können. Die offene Plattform fördert den Austausch zwischen Verwaltung, Forschung und Praxis. Gleichzeitig wird deutlich: Ohne kontinuierliche Pflege, Wartung und Kommunikation droht das Interesse schnell zu erlahmen. Crowdsourced Heat Mapping ist kein Sprint, sondern ein Marathon.

Herausforderungen gibt es reichlich. Die technische Standardisierung ist noch ausbaufähig: Unterschiedliche Sensoren liefern unterschiedliche Werte, die Vergleichbarkeit ist oft begrenzt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind komplex, insbesondere beim Datenschutz. Und nicht zuletzt gibt es kulturelle Hürden: Manche Kommunen fürchten Kontrollverlust über „ihre“ Klimadaten, andere tun sich schwer mit offener Bürgerbeteiligung. Gerade in Deutschland ist die Skepsis gegenüber neuen, partizipativen Technologien ausgeprägt. Hier braucht es Vorbilder, Pilotprojekte und vor allem: den Mut, Fehler als Lernchancen zu begreifen.

Dennoch zeigt sich: Der Nutzen überwiegt die Risiken, wenn Projekte transparent, offen und dialogorientiert gestaltet werden. Crowdsourced Heat Mapping ist keine Konkurrenz zur etablierten Stadtklimatologie, sondern eine Ergänzung und Erweiterung. Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo professionelles Know-how, lokale Erfahrung und technische Innovation Hand in Hand gehen. Städte, die diesen Weg konsequent beschreiten, gewinnen nicht nur bessere Daten – sondern auch neues Vertrauen und Identifikation in der Stadtgesellschaft.

Chancen und Risiken: Warum Crowdsourced Heat Mapping die Stadtplanung herausfordert

Crowdsourced Heat Mapping eröffnet Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und Entscheidern neue Horizonte. Die hohe räumliche und zeitliche Auflösung der Daten ermöglicht Maßnahmen, die früher undenkbar waren. Statt pauschaler Hitzeschutzkonzepte lassen sich gezielte Interventionen entwickeln: Verschattung genau dort, wo die Belastung am höchsten ist, Entsiegelung an neuralgischen Punkten, flexible Nutzung von Flächen je nach Tageszeit und Wetterlage. Die Daten machen Hitze sichtbar – und damit verhandelbar.

Die neuen Möglichkeiten bringen allerdings auch neue Verantwortung. Wer mit offenen, dynamischen Klimadaten arbeitet, muss sich der Risiken bewusst sein. Daten können verzerrt sein, wenn bestimmte Gruppen besonders aktiv messen, während andere Quartiere unterrepräsentiert bleiben. Technische Fehler, Manipulation oder Fehlinterpretation sind reale Gefahren. Hier braucht es Qualitätskontrolle, Transparenz und – ganz wichtig – die Fähigkeit, auch mit Unsicherheiten professionell umzugehen. Stadtplanung war noch nie eine exakte Wissenschaft, aber sie wird mit Crowdsourced Heat Mapping noch ein Stück komplexer.

Die Frage nach der Datenhoheit wird zum Politikum. Wem gehören die gesammelten Informationen? Wer entscheidet über ihre Nutzung – die Kommune, die Bürger, private Plattformbetreiber? Der Trend zur Kommerzialisierung von Klimadaten ist längst Realität: Immer mehr Unternehmen wittern Geschäftschancen, von Versicherungskonzernen bis zu PropTech-Start-ups. Damit droht die Gefahr, dass Daten zur Ware werden und der öffentliche Nutzen in den Hintergrund gerät. Kommunen, die auf Crowdsourcing setzen, sollten deshalb auf offene, gemeinwohlorientierte Plattformen achten – und die Governance der Daten aktiv gestalten.

Ein weiteres Risiko ist die Überschätzung der Technik. Crowdsourced Heat Mapping liefert faszinierende Karten und Diagramme – aber keine fertigen Lösungen. Daten müssen interpretiert, diskutiert und in lokale Kontexte übersetzt werden. Technikgläubigkeit ist fehl am Platz. Die besten Projekte setzen auf Dialog, Wissensaustausch und iterative Entwicklung. Die Digitalisierung kann den Planungsprozess beschleunigen und bereichern, sie ersetzt aber nicht die Erfahrung, Intuition und Kreativität menschlicher Akteure.

Am Ende steht die Chance, Stadtplanung neu zu denken – als partizipativen, datenbasierten und lernenden Prozess. Crowdsourced Heat Mapping ist kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug für eine klimaangepasste, lebenswerte Stadt. Wer es klug einsetzt, profitiert doppelt: von besseren Daten und einer lebendigeren Stadtgesellschaft. Die Grenzen sind nicht technischer, sondern kultureller Natur – und damit gestaltbar.

Ausblick und Empfehlungen: Crowdsourced Heat Mapping als Baustein der klimaresilienten Stadt

Die Entwicklung von Crowdsourced Heat Mapping steht erst am Anfang. In den nächsten Jahren werden Sensoren günstiger, Plattformen leistungsfähiger und die Integration in städtische Entscheidungsprozesse selbstverständlicher werden. Für Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Kommunen eröffnen sich damit neue Gestaltungsspielräume. Wer heute Erfahrungen sammelt, schafft die Grundlagen für die Stadt der Zukunft – resilient, intelligent und partizipativ.

Empfehlenswert ist ein schrittweises Vorgehen: Pilotprojekte in überschaubaren Quartieren, Kooperation mit Wissenschaft und lokalen Initiativen, Investitionen in offene Datenplattformen und transparente Kommunikation. Die Einbindung der Bevölkerung sollte frühzeitig und ernsthaft erfolgen – nicht als Alibi, sondern als zentraler Bestandteil des Projekts. Schulungen, Workshops und regelmäßige Feedbackschleifen helfen, die Qualität der Daten zu sichern und das Interesse langfristig zu erhalten.

Wichtig ist auch die Vernetzung mit anderen Städten und Regionen. Der Austausch von Erfahrungen, Methoden und Technologien beschleunigt die Entwicklung und erhöht die Schlagkraft. Nationale und internationale Förderprogramme bieten wertvolle Unterstützung, sollten aber auf lokale Besonderheiten Rücksicht nehmen. Die besten Lösungen entstehen immer vor Ort – im Dialog zwischen Experten, Bürgern und Verwaltung.

Planungsbüros und Landschaftsarchitekten sollten sich frühzeitig mit den neuen Möglichkeiten vertraut machen. Crowdsourced Heat Mapping kann die klassische Standortanalyse, die Entwurfsplanung und das Monitoring von Maßnahmen erheblich bereichern. Es lohnt sich, eigene Kompetenzen in Datenanalyse, Visualisierung und partizipativer Prozessgestaltung aufzubauen. Die Schnittstelle zwischen Technik, Planung und Gesellschaft wird zum neuen Spielfeld der Profession.

Abschließend bleibt festzuhalten: Crowdsourced Heat Mapping ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein Meilenstein auf dem Weg zur klimaresilienten Stadt. Die Verbindung von Bürgerbeteiligung, Technik und Planung eröffnet Chancen, die weit über das Thema Hitze hinausgehen. Wer die Potenziale erkennt und die Herausforderungen aktiv adressiert, gestaltet nicht nur bessere Hitzekarten – sondern eine zukunftsfähige, lebendige Stadt.

Fazit: Crowdsourced Heat Mapping ist der Lackmustest für die Innovationsfähigkeit moderner Stadtplanung. Es zeigt, wie Technik, Teilhabe und Fachwissen zusammenwirken können, um urbane Räume klimaresilient und lebenswert zu gestalten. Die größte Hürde ist nicht die Sensorik, sondern der Wille zur Kooperation und Offenheit. Städte, die sich auf den Weg machen, gewinnen nicht nur neue Daten, sondern auch neue Verbündete. Die Zukunft der Stadt ist heiß – aber sie kann gemeinsam gemessen, gestaltet und gekühlt werden. G+L bleibt am Puls der Zeit: Wo Bürger und Planer gemeinsam Hitze vermessen, entsteht die Stadt von morgen.

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Schmalkalder Bürger als Bodenbelag-Experte

Die Gestaltung der Innenstadt Schmalkaldens von terra.nova war eins der wichtigsten Naturstein-Projekte der letzten Jahre. In der Fachwerkstadt im Süden Thüringens wurden in den vergangenen zehn Jahren rund 21 000 Quadratmeter Naturstein verlegt. Das Projekt kommt nun zum Abschluss und dank eines übergreifenden Konzepts fügt sich alles zusammen. 


Schmalkalden hat eine bewegte Geschichte. Das sieht Stadtplaner Peter Wich schon, als er sich das erste Mal das Luftbild anschaut: Der historische Stadtkern ist im Mittelalter wild gewachsen. Straßen, Gassen und Gebäude entstanden einfach als Antwort auf den jeweiligen Bedarf. Als die Stadt 2002 über ein Wettbewerbsverfahren die Gestaltung des öffentlichen Raums in der Altstadt ausschreibt, ist dem Gründer von terra.nova Landschaftsarchitektur deshalb schnell klar: Dieses Projekt wird für sein Büro ein besonderes, wenn er es gewinnt.

Und tatsächlich überzeugt sein Ansatz die Wettbewerbs-Jury. Wich greift darin die städtebauliche Entwicklung auf, die er schon auf dem Luftbild gesehen hat. Diese teilt sich in zwei wesentliche Phasen: die Entstehung der Alt- und der Neustadt. Er sieht als Bodenbelag überall Natursteinpflaster vor. Das soll auch Stadtgeschichte sichtbar machen: Das eingesetzte Pflaster in Alt- und Neustadt unterscheidet sich in Farbe und Verbandgestaltung und definiert so die beiden Stadtbereiche. Generell, so Wich, galt es „diese geschichtsträchtige Stadt, die durch ihr Fachwerk schon wahnsinnig reich an Elementen ist, nicht zu überformen, sondern ein ruhiges und zugleich differenziertes Erscheinungsbild zu gestalten.“

Bevor er und sein Team anfangen, ein detailliertes Gestaltungskonzept zu entwickeln, nimmt er sich gemeinsam mit dem Weimarer Planungsbüro PAD Zeit für eine detaillierte Analyse des bestehenden Stadtbodens. Es geht darum, wo in früherer Zeit welche Materialien verlegt wurden – und das verwendete Material möglichst wieder aufzugreifen. Nicht überall ist das leicht zu erkennen. In Schmalkaldens Straßen wurden in der DDR-Zeit teilweise großformatig Kunststeinplatten über bestehendes Pflaster verlegt. Später, der Überfahrbarkeit und besseren Begehbarkeit wegen, asphaltierte man Verkehrsstraßen noch mit Schwarzdecke. Besonders das Wissen eines Schmalkalder Bürgers ist neben den Archiv-Unterlagen wertvoll, erinnert sich Wich: „Der Geologe hatte sich intensiv mit dem Thema Natursteine in der Schmalkalder Altstadt befasst und kannte die petrographische Zuordnung. Er konnte auch sagen, aus welchen Steinbrüchen der Region diese Pflastersteine kamen. Die meisten davon waren leider längst stillgelegt.“

90 Prozent skandinavischer Naturstein

Ausgehend von den historischen Belägen entwickelt terra.nova ein Gesamtbodenkonzept für Schmalkalden. Das Konzept berücksichtigt auch die städtebaulichen Entwicklungsstufen. Abgestimmt mit der Denkmalbehörde und dem Landesverwaltungsamt in Weimar grenzt es mögliche Belags-Materialien farbig und in Sachen Oberflächenbearbeitung ein. „Die Herausforderung bestand darin, Naturstein in passender Farbigkeit zu finden. Der Naturstein muss allerdings den heutigen Anforderungen an Witterungsbeständigkeit und Überfahrbarkeit entsprechen“, so Wich. Diese Anforderung sowie finanzielle Aspekte begründen, dass in der Umsetzung der ersten drei Bauabschnitte zu 90 Prozent skandinavischer Naturstein verbaut wurde, zu geringem Anteil auch chinesischer.

Das Material ähnelt petrographisch und farblich sehr den damals verwendeten, heimischen Basalt-, Diabas-, Sandstein- und Konglomeratgesteinsarten. Ein rötliches Material, bestehend aus ortstypischem Fambacher Buntsandstein, ist beispielsweise sehr witterungsanfällig. Es wurde deshalb durch ein nahezu gleichfarbiges Quarzit-Material aus Skandinavien ersetzt. Die Planer haben aber, betont Wich, wo immer es möglich war, vorhandenes oder von der Stadt eingelagertes Material wiederverwendet. Das machte schon aus ökologischen Gründen Sinn.

Wilder Verband in der Altstadt, geordneter Reihenverband in der Neustadt

Schmalkaldens Altstadtkern, willkürlich entstanden, unregelmäßig und verwinkelt gewachsen, gruppiert sich um die Stadtkirche. Straßen und Plätze mit unterschiedlichen Raumprofilen wechseln sich ab. Dort lässt terra.nova einen Teppich aus einer Mischung braun-rotbrauner Granite und Granodiorite mit gesägt-geflammter Oberfläche in wildem Verband verlegen. Den trapezförmigen Altmarkt hebt Wich dabei als zentralen Ort des öffentlichen Lebens mit einem Rahmen aus feinkörnigen Granit-Natursteinplatten hervor. Rund um die Stadtkirche macht der Belag ein Stück Geschichte Schmalkaldens sichtbar. „Dort liegt heute ein wiedereingebautes Lesepflaster, das wir sortieren und nachbehauen ließen und das bei archäologischen Grabungen entdeckt wurde“, so Wich.

Die Neustadt dagegen, bereits angelegt im regelmäßigem Stadtgrundriss, in geraden Straßen und orthogonaler Gestaltung, bekommt als Belag anthrazitfarbenen Granit und Granodiorit. Die Steine werden in geordnetem Reihenverband verlegt und haben ebenfalls eine gesägt-geflammte Oberfläche. Wich erklärt zum Konzept der Umgestaltung: „Durch die Materialentscheidung und die unterschiedliche Verlegeart in Alt- und Neustadt zeigen wir die unterschiedlichen Epochen, ohne dass Schmalkalden ‚auseinanderfällt‘. Wir wollen nicht eine Epoche in den Vordergrund stellen, sondern eben gerade die heutige Gesamterscheinung einer gewachsenen Stadt zeigen.“ Das Ergebnis wirkt stimmig und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis.

 

terra.nova weitestgehend zufrieden

Aktuell wird in Schmalkalden der fünfte Bauabschnitt umgesetzt: der Schlossberg. „Auch hier verwenden wir das wilde Pflaster, das wir vorgefunden haben, wieder. Es besteht aus Lesepflaster in rötlich bis rotbrauner bis basaltähnlicher Färbung. Verlegt in den Seitenbereichen wurde die historische Schlossauffahrt als Fahr- und Lauffläche mit einem Quarz-Porphyr im Netzverband hergestellt. Die Oberfläche ist eine Mischung aus geflammt und bruchrau um die historische Haptik zu erreichen und gleichzeitig gute Begehbarkeit zu gewährleisten“, erklärt Wich. Der sechste und letzte Bauabschnitt des Wettbewerbs wird sich drei Gassen widmen, die Richtung Neumarkt führen. 
terra.nova ist mit kleineren Einschränkungen zufrieden mit der bisherigen Entwicklung der umgestalteten Areale.

In Schmalkalden hat man jedoch nach der Umgestaltung teilweise ausschließliche Fußgängerbereiche in Verkehrsflächen umgewidmet und Fußgängerzonen aufgelöst. Deshalb kommt es zu lokalen Schäden des Pflasters, das wesentlich intensiver befahren wird als vorgesehen. Es handelt sich um ungebundenes Pflaster – zweimal jährlich wäre deshalb eine Fugenpflege durch Nachsplitten notwendig. Besonders in den Bereichen, die mit Straßenkehrmaschinen gereinigt werden, die nicht quer, sondern nach oben saugen. Um die dort fast bis zur Hälfte geleerten Fugen nicht zusätzlich zu destabilisieren, ist regelmäßige Pflege entscheidend. Leider sei diese ausdrückliche Empfehlung der Planer nicht berücksichtigt worden. „Solch punktuelle Schäden können sich ausweiten. Im Hinblick auf die Langlebigkeit der Bodenbeläge ist es essenziell, Pflegehinweise zu beachten“, so Wich.

Projekt Glücksfall für die Stadt

Mit der enormen Großflächigkeit des Projekts und der etappenweisen Umsetzung nach einem übergeordneten Gestaltungsprinzip ist Schmalkalden ein Glücksfall für die Stadtplanung. Wich wünscht sich derartige Gesamtbodenkonzepte auch für andere Städte. Meist hätten es die Planer mit kleineren Projekten und bereits begonnenen Umgestaltungsmaßnahmen zu tun. Im besten Fall ergäben aber auch viele kleine Flächen ein stimmiges Gesamtbild. Und: „Für ein Stadtbild sind gestalterische Vorgaben sehr gut, die über mehrere Politikperioden gelten.“ In Schmalkalden fügen sich die verwendeten Materialien auch in das Gesamterscheinungsbild der Altstadt ein. Sie orientieren sich am Material der historischen Treppen, Fenster- und Türgewände und Mauern.

In alten Städten ist es oft das Beste, die Historie als Ansatz zu nutzen, findet Wich: „So entsteht ein harmonischer Eindruck, der die Historie respektiert und nicht überformt.“ 
Naturstein als Belag sei dabei erste Wahl, weil sich Herstellung und Bearbeitungsweise 
stark verbessert hätten. Somit sei eine lange Nutzbarkeit gegeben. Auch die umfassenden technischen Richtlinien und die daraus resultierenden, notwendigen Belagsformate und Steindicken tragen dazu laut Wich bei. Vorbei sind die Zeiten, in denen Innenstädte mit Kleinpflaster verlegt und so zu dauernden Wackelkandidaten im Wortsinn wurden. „In Sachen Belag wünschen sich Städte ja eigentlich alle das gleiche: etwas Langlebiges ohne massiven Pflegeaufwand.“

Alle Fotos: Boris Storz

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Monatsthemas „Textur“ der Märzausgabe 2019 von Garten + Landschaft.

Der Superkilen in Kopenhagen ist gescheitert. Die Bürger in der Gesamtheit nutzen den Platz eher als Durchgangsraum statt zu verweilen, und das obwohl sie in den Planungsprozess durch Partizipation integriert waren – das ergibt eine langjährige Analyse von Studenten der Danish Institute for Study Abroad. Die Planer des Superkilen haben im Laufe des Entwurfs- und Entwicklungsprozesses die Bürger unter anderem gebeten, Artefakte aus ihren Herkunftsländern für den neuen Stadtplatz vorzuschlagen. Eine ganzheitliche Planung mit Co-Creation und Prototypen wäre ein Mittel gewesen, um die Akzeptanz für den Platz zu erhöhen.

Co-Creation

Co-Creation stammt ursprünglich aus der Wirtschaft, die in den 1990er Jahren begann, Konsumenten in den Entwicklungsprozess von Produkten einzubinden. Die Forschungsgruppe Leading Cities definiert Co-Creation in der Stadtentwicklung als „den aktiven Ideens- und Informationsfluss zwischen fünf Sektoren: Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft, Non-Profit-Organisationen und Bürgern, die Teilhabe, Engagement und Entwicklung fördert.“

Was ist der Unterschied zu Bürgerbeteiligung? Bürgerbeteiligung ist für Planer ein Mittel um mehr über die Haltungen und Meinungen der Anwohner zu erfahren und neue Ideen zu entwickeln. Sie erhöhen die Akzeptanz für ein Projekt. Die Co-Creation bezieht hingegen von Anfang an die wichtigsten Sektoren der Gesellschaft gleichberechtigt ein.

Sie bietet daher für Bürger und Bürgerorganisationen eine bessere Möglichkeit, wirklich gehört zu werden und mehr Einfluss in Planungsprozesse zu gewinnen. Die Co-Creation betrachtet die Nutzer stärker als proaktive Bürger, denn als Konsumenten, und hat eher die langfristigen kulturellen Veränderungen und die gesamte Gemeinschaft, statt einzelner Benutzergruppen im Blick. Wo die Bürgerbeteiligung die Meinung der Bürger in ein bereits vorgeschriebenes Programm integrieren wollen, hilft Co-Creation den zukünftigen Nutzern, ihre eigenen Entscheidungen zu formen und durchzusetzen. Co-Creation ist im besten Sinne ein endloser Prozess, der Austausch zwischen den Beteiligten findet regelmäßig statt.

Von Co-Creation bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich. Die Öffentlichkeit liefert Input und fühlt sich gleichberechtigt, die Bürger fühlen sich ernst genommen. Sie werden ihre Lebensumgebung sehr viel aufmerksamer wahrnehmen. Die Regierung muss im Gegenzug sehr viel stärker auf die Bürger und die anderen Sektoren eingehen und reagieren. Sie spart im Gegenzug allerdings Kosten, denn es wird nur umgesetzt, was tatsächlich gebraucht und genutzt wird, das Risiko eines neuen Projekts ist dementsprechend gering.

Prototypen

In großen Design-Projekten wie dem Superkilen ist es enorm wichtig, die Ideen vorab zu testen, bevor sie ein fester Teil der Landschaft oder Stadt werden. Es ist ein langer Weg von der abstrakten Idee, Analyse und Bürgerbeteiligung bis hin zur konkreten Installation. Der Prototyp sollte als Lernwerkzeug verstanden werden, das im nächsten Schritt optimiert und verändert werden kann. Prototype sind ein demokratischer Weg, mit öffentlichem Raum umzugehen, sie verringern außerdem das Risiko eines gescheiterten Projekts und unnötigen Ausgaben.

Der ganzheitliche Ansatz

Vereint man die Co-Creation mit der Vorgehensweise der Prototypen, wird es leichter, die Potentiale eines Platzes auszuloten. Dieser ganzheitliche Ansatz führt zu nachhaltigeren und lebendigeren Plätzen in der Stadt. Der Superkilen jedoch mit einer Annahme gestartet, Co-Creation und Prototype hätten zu einem anderen Design geführt. Die Nutzer würden den Platz besser annehmen und ihn sich besser zu eigen machen. Vielleicht wäre auch eine kritischere Auseinandersetzung mit der Anfangsidee erreicht worden.

Die aktuelle Analyse des Platzes von Bianca Hermannsen lesen Sie hier.
Robert Schäfer besuchte den Superkilen 2012, direkt nach der Eröffnung. Seine Kritik zum neuen Stadtplatz in Kopenhagen lesen Sie hier.
Wie BIG zusammen mit den Anwohnern in deren Herkunftsländer reist, um Artefakte für den Superkilen auszuwählen, sehen Sie hier im Video.