Berlin, 1996 gründet Martin Rein-Cano Topotek 1. Lorenz Dexler kommt 1999 als gleichberechtigter Partner dazu und gemeinsam mit Dan Budik gründen die drei Herren 2017 Topotek 1 Architektur. Carsten Schmidt ist seit 2021 assoziierter Partner bei Topotek 1. Heute, Berlin 2026, feiert Topotek 1 30-jähriges Bestehen. Und das Topotek 1-like mit einem „eigenen“ Film. Mit „THE WORLD IN A SQUARE – Intrinsically Topotek 1“ von den Filmemachern Bêka & Lemoine. Die Weltpremiere fand am 23. April statt. Wir haben mit Martin Rein-Cano gesprochen.
Fragen: Theresa Ramisch
Martin Rein-Cano, 30 Jahre Topotek 1. Herzlichen Glückwunsch. Sie haben das Büro im Alter von 29 Jahren gegründet. Wahnsinn oder beste Entscheidung überhaupt?
Weder noch – oder beides. Die Situation in Berlin 1996 war sehr besonders. Die Stadt befand sich zu dieser Zeit noch in dieser Art Schwebezustand nach der Wende – Räume und Möglichkeiten waren offen, die Hürden niedrigschwellig: Berlin war ein bisschen wie eine große Spielwiese. Ohne viel Geld konnten wir ein Büro gründen, und ohne, dass ein mögliches Scheitern gravierende Konsequenzen gehabt hätte. Es hat sich eher nach Büro-„Spielen“ angefühlt als nach einer ernsthaften Gründungsentscheidung. Vielleicht war genau das die Voraussetzung dafür, dass es funktioniert hat. Ein entscheidender Faktor war auch der richtige Partner: Lorenz Dexler und ich haben unterschiedliche Energien mitgebracht, die sich in einer Stadt und einem Moment gefunden haben, der das Ausprobieren geradezu herausgefordert hat.
Was waren in 30 Jahren die größten Herausforderungen Ihres Büros?
Die eigentliche Herausforderung ist der andauernde Kampf gegen die Banalität. Wie gelingt es, immer wieder das wirklich Besondere, das spezifisch Zugeschnittene zu finden ohne Repetitives zu reproduzieren? Diese Herausforderung stellt sich immer wieder. Dazu kommt der Anspruch, konstant gute Leistungen zu erbringen – persönlich und im Team – trotz aller Unzulänglichkeiten, die man mitbringt – und trotz all dem, was einem die Realität in den Weg stellt. Und nicht zuletzt die Herausforderung des Umgangs mit Ernüchterung und Frustrationen. Die Ideen für neun von zehn Wettbewerben, in die wir uns hineinbegeben und in die wir Herzblut fließen lassen, werden nicht weitergeführt.
Und: Was waren die größten Highlights?
Die bekanntesten Projekte sprechen da für sich, denke ich. Über die drei Jahrzehnte betrachtet konnte ich feststellen: Pro Jahrzehnt gelingen vielleicht zwei, drei wirklich herausragende Projekte. Der Rest ist gut, manches sehr gut – aber das besonders Herausragende und Außergewöhnliche ist selten. Daran wird deutlich, wie komplex und schwierig es ist, etwas wirklich Besonderes durch den langen Prozess – vom Wettbewerb über die Planung bis zur abgeschlossenen Realisation – umzusetzen. Einige potenzielle Highlights liegen sicher auch unter den verlorenen Wettbewerben.
Das 30-jährige Bürojubiläum feiern Sie mit dem Film „The World in A Square“. Wir wissen ja, dass bei Topotek 1 und Ihnen persönlich permanent die künstlerische Ader pulsiert. Wieso aber genau ein Film?
Anlässlich der Jubiläen der ersten beiden Dekaden haben wir jeweils eine Monografie veröffentlicht – nach zehn Jahren erschien Paradise Remix, herausgegeben von Kristin Freireiss und nach zwanzig Jahren Creative Infidelities, herausgegeben von Barbara Steiner. Beide Publikationen fassen die wesentlichen Projekte des jeweiligen Jahrzehnts zusammen und setzen sie ins Verhältnis zueinander. Für das dreißigste Jahr haben wir uns eine andere Form gewünscht: keine Werkschau, sondern eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit wenigen, ausgewählten Projekten. Worin liegen die tatsächlichen, bestehenden Qualitäten der Orte – nicht in ihrer medialen, sondern in ihrer realen Entwicklung? Was ist aus den Räumen geworden, welche Nutzungen konnten wir initiieren, welche haben die Nutzer selbst eingebracht – und welchen Bezug haben die Menschen zu diesen Orten? Mit Bêka & Lemoine haben wir ein großartiges Filmemacher-Duo gefunden, das außerordentlich sensibel ist für die Realitäten von Orten, das Zustände und lebendige Situationen präzise einfängt und ein beeindruckendes filmisches Werk geschaffen hat.
Superkilen ist einer der zentralen Schauplätze im Film und für viele das bekannteste Projekt Ihres Büros. Denken wir an all die anderen Topotek 1 Projekte – was war Ihrer Meinung nach das beste Projekt – unabhängig vom „öffentlichen“ Erfolg?
Unsere Arbeit entsteht für und im öffentlichen Raum – und die Resonanz der Öffentlichkeit ist ein inhärenter Teil der Projekte. Wenn ein Projekt Aufmerksamkeit bekommt, ist das meistens gerechtfertigt, weil Qualität und Tiefe eben mehr Widerhall erzeugen. Was mich mehr interessiert als Ranglisten, ist die Poesie des Prozesses selbst – und wie sehr die eigentliche Qualität eines Projekts sich über die Zeit und Nutzung entfaltet und wirklich sichtbar wird.
Sie werden kommendes Jahr 60. Denken Sie bereits übers Aufhören nach?
Wir leben in einer Zeit zunehmender Durchlässigkeit: zwischen Generationen, Lebenswelten, Orten und Berufen, zwischen Arbeit und Freizeit. Das Prinzip des Aufhörens ist mir fremd, ein definierter Anfang und ein definiertes Ende des Schaffens lässt sich schwer ausmachen. Das Ende des Arbeitslebens ist kein Thema, das mich beschäftigt.
Worauf dürfen wir uns bei Topotek 1 in den kommenden Jahren freuen? Welche Ziele verfolgen Sie, Ihre Partner und Ihr Team? Was treibt Sie zusammen aktuell an?
Ganz im Sinne der gerade erwähnten fließenden Grenzen bewegen wir uns auch als Büro seit einigen Jahren über die Grenzen der Landschaftsarchitektur hinaus und arbeiten inzwischen auch an Hochbauprojekten. Zwei größere Projekte, die aus Wettbewerbserfolgen hervorgegangen sind, sind bereits in fortgeschrittener Planung: der Neubau der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und ein Schulneubau in Biel in der Schweiz – ein Holzbau, der sich bereits in der Realisierung befindet. Gleichzeitig bearbeiten wir in Manosque, in Frankreich – aktuell ein komplexes, vielschichtiges Projekt, das ebenfalls aus einem gewonnenen Wettbewerb hervorgegangen ist und das unser Büro in allen drei Disziplinen – des Städtebaus, der Architektur und der Landschaftsarchitektur – verantwortet; ein Projekt, über das wir uns sehr freuen. Ob die Aufweitung unseres Aufgabenfeldes gelingen wird oder eher zu einer Unschärfe führt, wird sich in den Projekten zeigen. Die Bereitschaft, das eigene Feld zu erweitern und immer wieder neu zu denken, ist in jedem Fall ein stetiger Antrieb in unserer Arbeit.






Volles Haus im Kino International
Berlin, 23. April 2026: Die Feier zum 30-jährigen Bestehen von TOPOTEK 1 begann mit der Vorpremiere des Films „The World in a Square – Intrinsically TOPOTEK 1“ im Kino International in Berlin. Der Film von Ila Bêka und Louise Lemoine nutzt den Park Superkilen in Nørrebro als zentralen Schauplatz und zeigt darüber hinaus weitere Projekte, um einen Einblick in die Arbeit von TOPOTEK 1 über drei Jahrzehnte zu geben.
Im Mittelpunkt des Filmes steht die Frage, wie öffentlicher Raum und Gesellschaft zusammenwirken. Anhand von fünf sehr unterschiedlichen Personen wird deutlich, wie Themen wie Migration, Religion und Politik das Leben im Park prägen. So entsteht das Bild eines vielfältigen Ortes, an dem Begegnungen, aber auch Spannungen entstehen – ähnlich wie auf einem Dorfplatz, an dem die Welt zusammenkommt.
Der Film reflektiert, wie Gestaltung das Zusammenleben beeinflussen kann. Er zeigt, dass öffentlicher Raum nicht nur gestaltet wird, sondern auch soziale Beziehungen formt und Austausch, Veränderung und Zugehörigkeit ermöglicht.
Der Abend selbst bestand aus Begrüßungen, einer Filmvorführung und einem anschließenden Gespräch mit den Filmemacher*innen und Beteiligten, gefolgt von einem Empfang. Insgesamt setzte die Veranstaltung den Auftakt für ein Jubiläumsjahr, das die Arbeit und Ideen von TOPOTEK 1 in den letzten 30 Jahren reflektiert.
Der Film wird an zwei weiteren Standorten ausgestrahlt, und zwar:
Copenhagen Architecture Forum, 02.09.2026, 17–19:00 Uhr, begleitet wird das Screening von einer Podiumsdiskussion mit Ila Bêka, Louise Lemoine, Martin Rein-Cano, Bjarke Ingels und der Künstlergruppe Superflex. Mehr Informationen finden Sie unter diesem Link.
Architekturforum Zürich, 04.09.2026, ab 18:00 Uhr, anschließende Podiumsdiskussion mit Christian Inderbitzin (EMI Architekt*innen), Martin Rein-Cano und Dan Budik (Topotek 1). Mehr Informationen finden Sie unter diesem Link.




















