„Das Prinzip des Aufhörens ist mir fremd“

Martin Rein-Cano bei der Weltpremiere des Films "The World in a Square". Foto: Eva Luise Hoppe

Berlin, 1996 gründet Martin Rein-Cano Topotek 1. Lorenz Dexler kommt 1999 als gleichberechtigter Partner dazu und gemeinsam mit Dan Budik gründen die drei Herren 2017 Topotek 1 Architektur. Carsten Schmidt ist seit 2021 assoziierter Partner bei Topotek 1. Heute, Berlin 2026, feiert Topotek 1 30-jähriges Bestehen. Und das Topotek 1-like mit einem „eigenen“ Film. Mit „THE WORLD IN A SQUARE – Intrinsically Topotek 1“ von den Filmemachern Bêka & Lemoine. Die Weltpremiere fand am 23. April statt. Wir haben mit Martin Rein-Cano gesprochen.

 

Fragen: Theresa Ramisch

 

 

Martin Rein-Cano, 30 Jahre Topotek 1. Herzlichen Glückwunsch. Sie haben das Büro im Alter von 29 Jahren gegründet. Wahnsinn oder beste Entscheidung überhaupt?

Weder noch – oder beides. Die Situation in Berlin 1996 war sehr besonders. Die Stadt befand sich zu dieser Zeit noch in dieser Art Schwebezustand nach der Wende – Räume und Möglichkeiten waren offen, die Hürden niedrigschwellig: Berlin war ein bisschen wie eine große Spielwiese. Ohne viel Geld konnten wir ein Büro gründen, und ohne, dass ein mögliches Scheitern gravierende Konsequenzen gehabt hätte. Es hat sich eher nach Büro-„Spielen“ angefühlt als nach einer ernsthaften Gründungsentscheidung. Vielleicht war genau das die Voraussetzung dafür, dass es funktioniert hat. Ein entscheidender Faktor war auch der richtige Partner: Lorenz Dexler und ich haben unterschiedliche Energien mitgebracht, die sich in einer Stadt und einem Moment gefunden haben, der das Ausprobieren geradezu herausgefordert hat.

Was waren in 30 Jahren die größten Herausforderungen Ihres Büros?

Die eigentliche Herausforderung ist der andauernde Kampf gegen die Banalität. Wie gelingt es, immer wieder das wirklich Besondere, das spezifisch Zugeschnittene zu finden ohne Repetitives zu reproduzieren? Diese Herausforderung stellt sich immer wieder. Dazu kommt der Anspruch, konstant gute Leistungen zu erbringen – persönlich und im Team – trotz aller Unzulänglichkeiten, die man mitbringt – und trotz all dem, was einem die Realität in den Weg stellt. Und nicht zuletzt die Herausforderung des Umgangs mit Ernüchterung und Frustrationen. Die Ideen für neun von zehn Wettbewerben, in die wir uns hineinbegeben und in die wir Herzblut fließen lassen, werden nicht weitergeführt.

Und: Was waren die größten Highlights?

Die bekanntesten Projekte sprechen da für sich, denke ich. Über die drei Jahrzehnte betrachtet konnte ich feststellen: Pro Jahrzehnt gelingen vielleicht zwei, drei wirklich herausragende Projekte. Der Rest ist gut, manches sehr gut – aber das besonders Herausragende und Außergewöhnliche ist selten. Daran wird deutlich, wie komplex und schwierig es ist, etwas wirklich Besonderes durch den langen Prozess – vom Wettbewerb über die Planung bis zur abgeschlossenen Realisation – umzusetzen. Einige potenzielle Highlights liegen sicher auch unter den verlorenen Wettbewerben.

Das 30-jährige Bürojubiläum feiern Sie mit dem Film „The World in A Square“. Wir wissen ja, dass bei Topotek 1 und Ihnen persönlich permanent die künstlerische Ader pulsiert. Wieso aber genau ein Film?

Anlässlich der Jubiläen der ersten beiden Dekaden haben wir jeweils eine Monografie veröffentlicht – nach zehn Jahren erschien Paradise Remix, herausgegeben von Kristin Freireiss und nach zwanzig Jahren Creative Infidelities, herausgegeben von Barbara Steiner. Beide Publikationen fassen die wesentlichen Projekte des jeweiligen Jahrzehnts zusammen und setzen sie ins Verhältnis zueinander. Für das dreißigste Jahr haben wir uns eine andere Form gewünscht: keine Werkschau, sondern eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit wenigen, ausgewählten Projekten. Worin liegen die tatsächlichen, bestehenden Qualitäten der Orte – nicht in ihrer medialen, sondern in ihrer realen Entwicklung? Was ist aus den Räumen geworden, welche Nutzungen konnten wir initiieren, welche haben die Nutzer selbst eingebracht – und welchen Bezug haben die Menschen zu diesen Orten? Mit Bêka & Lemoine haben wir ein großartiges Filmemacher-Duo gefunden, das außerordentlich sensibel ist für die Realitäten von Orten, das Zustände und lebendige Situationen präzise einfängt und ein beeindruckendes filmisches Werk geschaffen hat.

Superkilen ist einer der zentralen Schauplätze im Film und für viele das bekannteste Projekt Ihres Büros. Denken wir an all die anderen Topotek 1 Projekte – was war Ihrer Meinung nach das beste Projekt – unabhängig vom „öffentlichen“ Erfolg?

Unsere Arbeit entsteht für und im öffentlichen Raum – und die Resonanz der Öffentlichkeit ist ein inhärenter Teil der Projekte. Wenn ein Projekt Aufmerksamkeit bekommt, ist das meistens gerechtfertigt, weil Qualität und Tiefe eben mehr Widerhall erzeugen. Was mich mehr interessiert als Ranglisten, ist die Poesie des Prozesses selbst – und wie sehr die eigentliche Qualität eines Projekts sich über die Zeit und Nutzung entfaltet und wirklich sichtbar wird.

Sie werden kommendes Jahr 60. Denken Sie bereits übers Aufhören nach?

Wir leben in einer Zeit zunehmender Durchlässigkeit: zwischen Generationen, Lebenswelten, Orten und Berufen, zwischen Arbeit und Freizeit. Das Prinzip des Aufhörens ist mir fremd, ein definierter Anfang und ein definiertes Ende des Schaffens lässt sich schwer ausmachen. Das Ende des Arbeitslebens ist kein Thema, das mich beschäftigt.

Worauf dürfen wir uns bei Topotek 1 in den kommenden Jahren freuen? Welche Ziele verfolgen Sie, Ihre Partner und Ihr Team? Was treibt Sie zusammen aktuell an?

Ganz im Sinne der gerade erwähnten fließenden Grenzen bewegen wir uns auch als Büro seit einigen Jahren über die Grenzen der Landschaftsarchitektur hinaus und arbeiten inzwischen auch an Hochbauprojekten. Zwei größere Projekte, die aus Wettbewerbserfolgen hervorgegangen sind, sind bereits in fortgeschrittener Planung: der Neubau der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und ein Schulneubau in Biel in der Schweiz – ein Holzbau, der sich bereits in der Realisierung befindet. Gleichzeitig bearbeiten wir in Manosque, in Frankreich – aktuell ein komplexes, vielschichtiges Projekt, das ebenfalls aus einem gewonnenen Wettbewerb hervorgegangen ist und das unser Büro in allen drei Disziplinen – des Städtebaus, der Architektur und der Landschaftsarchitektur – verantwortet; ein Projekt, über das wir uns sehr freuen. Ob die Aufweitung unseres Aufgabenfeldes gelingen wird oder eher zu einer Unschärfe führt, wird sich in den Projekten zeigen. Die Bereitschaft, das eigene Feld zu erweitern und immer wieder neu zu denken, ist in jedem Fall ein stetiger Antrieb in unserer Arbeit.

Volles Haus im Kino International

Berlin, 23. April 2026: Die Feier zum 30-jährigen Bestehen von TOPOTEK 1 begann mit der Vorpremiere des Films „The World in a Square – Intrinsically TOPOTEK 1“ im Kino International in Berlin. Der Film von Ila Bêka und Louise Lemoine nutzt den Park Superkilen in Nørrebro als zentralen Schauplatz und zeigt darüber hinaus weitere Projekte, um einen Einblick in die Arbeit von TOPOTEK 1 über drei Jahrzehnte zu geben.

Im Mittelpunkt des Filmes steht die Frage, wie öffentlicher Raum und Gesellschaft zusammenwirken. Anhand von fünf sehr unterschiedlichen Personen wird deutlich, wie Themen wie Migration, Religion und Politik das Leben im Park prägen. So entsteht das Bild eines vielfältigen Ortes, an dem Begegnungen, aber auch Spannungen entstehen – ähnlich wie auf einem Dorfplatz, an dem die Welt zusammenkommt.

Der Film reflektiert, wie Gestaltung das Zusammenleben beeinflussen kann. Er zeigt, dass öffentlicher Raum nicht nur gestaltet wird, sondern auch soziale Beziehungen formt und Austausch, Veränderung und Zugehörigkeit ermöglicht.

Der Abend selbst bestand aus Begrüßungen, einer Filmvorführung und einem anschließenden Gespräch mit den Filmemacher*innen und Beteiligten, gefolgt von einem Empfang. Insgesamt setzte die Veranstaltung den Auftakt für ein Jubiläumsjahr, das die Arbeit und Ideen von TOPOTEK 1 in den letzten 30 Jahren reflektiert.

Der Film wird an zwei weiteren Standorten ausgestrahlt, und zwar:

Copenhagen Architecture Forum, 02.09.2026, 17–19:00 Uhr, begleitet wird das Screening von einer Podiumsdiskussion mit Ila Bêka, Louise Lemoine, Martin Rein-Cano, Bjarke Ingels und der Künstlergruppe Superflex. Mehr Informationen finden Sie unter diesem Link.

Architekturforum Zürich, 04.09.2026, ab 18:00 Uhr, anschließende Podiumsdiskussion mit Christian Inderbitzin (EMI Architekt*innen), Martin Rein-Cano und Dan Budik (Topotek 1). Mehr Informationen finden Sie unter diesem Link.

 

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Was bedeutet ‚Zero-Shot Learning‘ – kann KI ohne Training Städte analysieren?

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Stark befahrene Straße im urbanen Zentrum mit modernen Hochhäusern, aufgenommen von Bin White

Kann künstliche Intelligenz wirklich ohne Training komplexe Städte analysieren? Zero-Shot Learning verspricht genau das – und stellt damit nicht weniger als die Spielregeln der urbanen Planung, Analyse und Prognose infrage. Wer glaubt, dass Maschinen erst monatelang mit Daten gefüttert werden müssen, um den urbanen Dschungel zu verstehen, wird von den neuesten Entwicklungen in der KI-Forschung eines Besseren belehrt. Zeit also, den Mythos zu entzaubern – und zu fragen: Was kann Zero-Shot Learning, was bedeutet es für Stadtplaner, und wie realistisch ist der Traum von der trainierungsfreien KI im Stadtraum?

  • Definition und Grundlagen: Was Zero-Shot Learning auszeichnet und wie es sich von klassischen KI-Ansätzen unterscheidet.
  • Anwendungsfelder: Wo und wie Zero-Shot Learning bereits heute in der Stadtanalyse eingesetzt wird – von Bilderkennung bis Mobilitätsprognose.
  • Technische Mechanismen: Wie Zero-Shot Learning funktioniert, welche Modelle führend sind und wie urbane Daten integriert werden.
  • Chancen und Herausforderungen: Welche Potenziale Zero-Shot Learning für nachhaltige Stadtentwicklung und Planung bietet – und wo die Grenzen liegen.
  • Praxisbeispiele: Wie Städte und Forschungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Zero-Shot-Ansätzen experimentieren.
  • Risiken: Warum algorithmische Verzerrungen, mangelnde Nachvollziehbarkeit und Datenqualität eine besondere Rolle spielen.
  • Ausblick: Wie Zero-Shot Learning klassische Planungsinstrumente erweitern könnte – und was es für die künftige Rolle von Planern bedeutet.

Zero-Shot Learning – KI ohne Training: Definition, Hintergründe und Relevanz für die Stadtplanung

Zero-Shot Learning klingt wie ein Versprechen aus der Science-Fiction: Eine künstliche Intelligenz, die komplexe Aufgaben löst, ohne jemals ein Beispiel aus genau diesem Bereich gesehen zu haben. Während klassische maschinelle Lernverfahren auf riesige Mengen annotierter Trainingsdaten angewiesen sind, verlässt sich Zero-Shot Learning auf allgemeines Wissen, semantische Beziehungen und Kontextverständnis. Das Prinzip: Die KI wird mit Grundwissen ausgestattet, etwa über Objekte, Konzepte oder Prozesse, und kann daraus auf völlig neue Fragestellungen schließen – ganz ohne spezifisches Training auf die jeweilige Aufgabe.

Für die urbane Planung und Analyse ist dieser Ansatz revolutionär. Städte sind unglaublich vielgestaltig, ihre Datenbasis oft fragmentiert, heterogen und dynamisch. Kein Wunder, dass klassische KI-Modelle wie Convolutional Neural Networks (CNNs) oder Recurrent Neural Networks (RNNs) schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn es darum geht, neue Phänomene zu erkennen, für die keine historischen Trainingsdaten existieren. Zero-Shot Learning verspricht hier Abhilfe: Es erlaubt, beispielsweise aus allgemeinen Beschreibungen von Gebäudetypen, Verkehrsmustern oder Klimazonen auf bislang unbekannte städtische Situationen zu schließen.

Doch was bedeutet das konkret? Im Kern geht es um die Fähigkeit von KI-Modellen, Kontext zu verstehen. Ein Beispiel: Während ein klassischer Algorithmus nur „rote Ampeln“ erkennt, wenn er sie vorher hunderttausendfach gesehen hat, kann ein Zero-Shot-Modell aus der Beschreibung „eine leuchtende Lichtquelle an einer Straßenkreuzung, die Verkehr anhält“ auch in bislang unbekannten Städten rote Ampeln identifizieren – selbst, wenn sie anders aussehen als in den Trainingsdaten. Übertragen auf die Stadtplanung bedeutet das: KI kann etwa neue Gebäudetypologien, innovative Mobilitätslösungen oder untypische Nutzungsmuster erkennen und bewerten, ohne spezifisch darauf trainiert worden zu sein.

Die Relevanz für die Praxis kann kaum überschätzt werden. Zero-Shot Learning senkt die Hürden für den KI-Einsatz dramatisch, weil nicht mehr für jede Aufgabe riesige, oft teure und fehleranfällige Datensätze aufgebaut werden müssen. Gerade für Kommunen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die häufig mit Datenschutzauflagen, knappen Ressourcen und zersplitterten Datenlandschaften kämpfen, eröffnet das völlig neue Möglichkeiten. Statt aufwendiger Trainingsphasen könnten Verfahren direkt eingesetzt werden – agil, flexibel und adaptiv.

Allerdings ist Vorsicht geboten: Zero-Shot Learning ist kein Allheilmittel. Die Modelle sind nur so gut wie ihr Grundverständnis von urbanen Systemen und Konzepten. Wer etwa ein Modell mit unscharfen oder unvollständigen Beschreibungen füttert, riskiert grobe Fehlinterpretationen. Die Kunst besteht darin, Wissen sauber zu kodieren, semantische Beziehungen präzise zu definieren und die Grenzen der Generalisierung zu erkennen. Nur so wird Zero-Shot Learning zu einem Werkzeug, das Planer, Architekten und Entscheider wirklich unterstützt – und nicht in die Irre führt.

Technische Mechanismen: So funktioniert Zero-Shot Learning mit urbanen Daten

Das Herzstück des Zero-Shot Learning sind sogenannte Embeddings und semantische Räume. Mittels Techniken wie Word Embeddings (zum Beispiel Word2Vec, GloVe) oder neueren Modellen wie BERT und GPT werden Begriffe, Beschreibungen und Objekte in hochdimensionale Vektoren übersetzt. Diese Vektoren repräsentieren die semantische Ähnlichkeit zwischen Konzepten – beispielsweise zwischen „Fahrradstraße“, „Shared Space“ und „verkehrsberuhigte Zone“. Der Trick: Auch für bisher unbekannte Begriffe kann das Modell aus dem Kontext und den Beziehungen zu bekannten Begriffen schließen, was gemeint ist.

Im urbanen Kontext bedeutet das, dass eine KI, die nie zuvor einen „Pocket Park“ in einer deutschen Stadt gesehen hat, aus der Beschreibung „eine kleine öffentliche Grünfläche zwischen bestehenden Gebäuden“ erkennen kann, was gemeint ist – und diesen Typus in Luftbildern, Plänen oder Sensordaten identifizieren kann. Für Bild- und Objekterkennung werden dabei oft sogenannte Transformer-Modelle eingesetzt, die Kontextinformationen besonders effektiv verarbeiten können. Ein prominentes Beispiel ist das CLIP-Modell von OpenAI, das Bilder und Textbeschreibungen in einen gemeinsamen semantischen Raum abbildet und so Zero-Shot-Klassifikation ermöglicht.

Ein weiteres technisches Element ist die Nutzung von Ontologien und Wissensgraphen. Hierbei werden Beziehungen zwischen urbanen Objekten, Nutzungen, Prozessen und Akteuren explizit modelliert. Ein Wissensgraph kann etwa beschreiben, dass „Bushaltestellen“ typischerweise an „Straßenkreuzungen“ liegen und mit „Fahrplänen“ assoziiert sind. Wird ein neues, bislang unbekanntes Element entdeckt, kann die KI über die semantische Nachbarschaft erschließen, wie es einzuordnen ist. Das ist besonders wertvoll für die Analyse von Stadtdaten, bei denen klassische Kategorien häufig nicht ausreichen.

Praktisch funktioniert Zero-Shot Learning in der Stadtanalyse zum Beispiel so: Ein Planungsamt möchte wissen, wo in der Stadt informelle Treffpunkte entstehen. Statt monatelang Daten zu annotieren, beschreibt man der KI, was einen solchen Treffpunkt ausmacht – etwa Sitzgelegenheiten, Schatten, Nähe zu Gastronomie, hohe Fußgängerfrequenz. Die KI durchsucht dann verschiedene Datensätze, identifiziert Muster und schlägt potenzielle Orte vor – auch wenn sie diese nie zuvor explizit gesehen hat. Ein ähnliches Vorgehen ist auch bei der Erkennung von Nutzungskonflikten, der Prognose neuer Mobilitätsrouten oder der Identifikation von Mikroklimazonen denkbar.

Die Integration in bestehende urbane Datenplattformen ist technisch anspruchsvoll, aber machbar. Zero-Shot-Modelle können als Analysewerkzeuge in Urban Data Hubs, Geoinformationssysteme oder Digital Twins eingebunden werden. Wichtig ist, dass sie mit gut gepflegten Metadaten, offenen Schnittstellen und klaren semantischen Standards arbeiten. Nur dann entfalten sie ihr volles Potenzial – und werden zu intelligenten, adaptiven Analyseinstrumenten, die auch in heterogenen Datenlandschaften zuverlässige Ergebnisse liefern.

Anwendungsfelder und Praxisbeispiele: Wo Zero-Shot Learning heute schon die Stadtanalyse verändert

Die Liste der potenziellen Anwendungsfelder für Zero-Shot Learning in der Stadtplanung und Stadtforschung ist lang – und wächst rasant. Besonders dynamisch entwickelt sich der Bereich der Bild- und Satellitendatenauswertung. Forscher an der Technischen Universität München experimentieren mit Zero-Shot-Modellen, um aus Luftbildern unterschiedliche Gebäudetypen, Grünflächen oder Verkehrsführungen zu erkennen, ohne dass für jede Kategorie ein eigener Trainingsdatensatz aufgebaut werden muss. Das beschleunigt die Kartierung neuer Stadtteile und erlaubt schnelle Analysen bei Veränderungen durch Bauprojekte oder Katastrophen.

Auch in der Mobilitätsforschung eröffnen sich neue Horizonte. So arbeitet das DLR in Braunschweig an Zero-Shot-Ansätzen, um bislang unbekannte Verkehrsströme in Echtzeit zu analysieren. Die Modelle verstehen semantisch, was etwa eine „Verkehrsberuhigung“ oder ein „Shared-Mobility-Hub“ ist, und können daraus auf neue Mobilitätsmuster schließen. Kommunen in Österreich nutzen ähnliche Verfahren, um ad hoc auf ungewöhnliche Ereignisse wie Großveranstaltungen, Unfälle oder kurzfristige Baustellen zu reagieren – und Verkehrsströme ohne explizites Training neu zu steuern.

Im Bereich des Umweltmonitorings sind Zero-Shot-Technologien besonders wertvoll, wenn es um die Erkennung neuer Phänomene geht. Ein Beispiel: Die Stadt Zürich setzt im Rahmen ihres Smart City Programms auf KI-gestützte Analysen von Hitzeinseln. Zero-Shot-Modelle helfen dabei, neue, bislang unbekannte Mikroklimazonen zu identifizieren und zu bewerten, wie sich kleine Veränderungen – etwa die Anlage von Pocket Parks oder das Aufstellen temporärer Schattenspender – auswirken könnten. Auch für die Detektion von Starkregenereignissen oder Luftverschmutzung in bisher nicht überwachten Stadtbereichen sind solche Ansätze im Pilotbetrieb.

Die Quartiersentwicklung profitiert ebenfalls. In Wien unterstützen Zero-Shot-Algorithmen die Szenarioentwicklung für neue Stadtteile, indem sie aus Beschreibungen innovativer Gebäudetypologien oder Mobilitätskonzepte Prognosen ableiten – ohne dass reale Vergleichsdaten vorliegen. Das beschleunigt die Planung und erlaubt es, Visionen und Experimente frühzeitig auf ihre Machbarkeit und Auswirkungen zu prüfen. Selbst in der Bürgerbeteiligung zeigen sich erste Anwendungen: KI-Systeme, die aus offenen Kommentaren und Vorschlägen semantische Muster erkennen und daraus neue Anforderungen oder Konflikte ableiten, können die Qualität der Partizipation deutlich steigern.

Freilich bleibt vieles noch im experimentellen Stadium. Die meisten deutschen Kommunen stehen erst am Anfang, wenn es um den produktiven Einsatz von Zero-Shot Learning geht. Doch die Zahl der Pilotprojekte steigt – und die Erfahrungen zeigen: Gerade dort, wo klassische Datenlücken klaffen, sind die neuen KI-Verfahren besonders hilfreich. Sie machen die Stadtanalyse adaptiver, schneller und oft auch gerechter, weil sie weniger auf bestehende Vorurteile oder historische Verzerrungen angewiesen sind. Wer jetzt investiert, verschafft sich einen Vorsprung – nicht nur technologisch, sondern auch methodisch und kulturell.

Chancen, Grenzen und Risiken: Was Zero-Shot Learning für die Zukunft der Stadtplanung bedeutet

Die Potenziale von Zero-Shot Learning in der Stadtplanung sind enorm. Die Verfahren ermöglichen es, neue Phänomene zu erkennen, schnelle Analysen bei unvorhergesehenen Ereignissen durchzuführen und auch mit fragmentierten oder unvollständigen Datensätzen zu arbeiten. Gerade für die nachhaltige Stadtentwicklung kann das ein Gamechanger sein: Wer etwa neue Grünflächen, Mobilitätskonzepte oder Nutzungsmischungen schnell und zuverlässig bewerten will, muss nicht mehr jahrelang auf Datenaufbau und Modelltraining warten. Zero-Shot Learning bringt Agilität, Flexibilität und Innovationskraft in die Planungslandschaft.

Doch die Technik hat auch ihre Schattenseiten. Die semantische Generalisierung ist nur so gut wie die zugrunde liegenden Beschreibungen. Wo Begriffe unscharf, missverständlich oder kulturell unterschiedlich geprägt sind, entstehen schnell Fehler und Verzerrungen. Ein scheinbar neutraler Begriff wie „öffentlicher Raum“ kann in München, Zürich und Wien völlig unterschiedlich konnotiert sein. Zero-Shot-Modelle riskieren, solche Unterschiede zu nivellieren – und damit relevante Unterschiede in der Planungspraxis zu übersehen.

Ein weiteres Risiko ist die Transparenz. Zero-Shot Learning arbeitet oft mit hochkomplexen, schwer nachvollziehbaren Modellen. Für Planer, Entscheider und die Öffentlichkeit ist es nicht immer ersichtlich, wie eine bestimmte Empfehlung zustande kommt. Das erschwert die Nachvollziehbarkeit und kann das Vertrauen in KI-basierte Planungsinstrumente untergraben. Hier sind klare Dokumentation, nachvollziehbare Entscheidungswege und offene Schnittstellen gefragt – sonst droht die Black Box.

Datenschutz und Datensouveränität bleiben zentrale Herausforderungen. Zero-Shot Learning benötigt zwar weniger spezifische Trainingsdaten, ist aber auf gut strukturierte, sauber annotierte Metadaten angewiesen. In der Praxis sind urbane Daten jedoch oft brüchig, uneinheitlich und verteilt. Wer sicherstellen will, dass Zero-Shot-Modelle wirklich zum Wohle der Stadtgesellschaft arbeiten, muss in Datenqualität, Governance und offene Standards investieren. Sonst besteht die Gefahr, dass KI-Systeme von wenigen Anbietern dominiert und zum Spielball privater Interessen werden.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Rolle des Menschen. Zero-Shot Learning ist kein Ersatz für planerische Erfahrung, Kontextwissen und kreatives Denken – sondern ein Werkzeug, das diese Fähigkeiten ergänzen und erweitern kann. Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo KI und Mensch im Dialog stehen: Die Maschine liefert Hypothesen, der Planer prüft, interpretiert und entscheidet. Wer KI als Partner auf Augenhöhe begreift, kann von Zero-Shot Learning enorm profitieren – wer sich blind auf Algorithmen verlässt, riskiert böse Überraschungen.

Fazit: Zero-Shot Learning als Werkzeug für die urbane Zukunft – Chancen nutzen, Risiken meistern

Zero-Shot Learning markiert einen Wendepunkt für die urbane Analyse und Planung. Die Fähigkeit, ohne aufwendiges Training neue Phänomene zu erkennen, macht KI flexibler, adaptiver und zugänglicher – gerade für Städte, die mit fragmentierten Daten und knappen Ressourcen arbeiten. Ob in der Verkehrssteuerung, der Quartiersentwicklung, dem Umweltmonitoring oder der Bürgerbeteiligung: Zero-Shot Learning eröffnet neue Horizonte, beschleunigt Prozesse und ermöglicht Innovationen, die mit klassischen Methoden kaum denkbar wären.

Doch wie bei allen technologischen Umbrüchen gilt: Die Chancen sind nur so groß wie die Bereitschaft, Risiken aktiv zu gestalten. Semantische Präzision, Transparenz, Datenqualität und eine enge Verzahnung von KI und menschlicher Expertise sind entscheidend, damit Zero-Shot Learning nicht zur Black Box wird, sondern zum demokratischen Werkzeug für bessere Städte. Die Zukunft gehört denen, die Technologie kritisch, kreativ und mutig einsetzen – und dabei nie vergessen, dass Städte mehr sind als Daten und Modelle. Sie sind Lebensräume, Möglichkeitsräume und Orte des Austauschs. Zero-Shot Learning ist ein mächtiges Werkzeug, um diese Räume zu verstehen und zu gestalten. Doch der beste Algorithmus bleibt am Ende nur so klug wie die Menschen, die ihn verantwortungsvoll nutzen.

Das Eisfjordzentrum bietet Schutz vor der arktischen Wildnis.

Das Eisfjordzentrum bietet Schutz vor der arktischen Wildnis. Foto: Adam Mørk

In der Stadt Ilulissat in Grönland hat seit Kurzem ein Eisfjord-Informationszentrum seine Tore geöffnet. Entworfen hat es die dänische Architektin Dorte Mandrup. Ganz am Rand der Unesco-geschützten arktischen Wildnis zelebriert die Architektur den weiten Blick über den Fjord mit einem transparenten, geschwungenen Baukörper. Doch muss man ein Gebäude am Rande der „unberührten Natur“ bauen, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels hinzuweisen?

 

 

Der spektakuläre Ilulissat-Eisfjord liegt direkt vor der Stadt gleichen Namens an der Westküste Grönlands, etwa 250 Kilometer nördlich des Polarkreises. Nun hat dort, ganz am Rand der Unesco-geschützten arktischen Wildnis ein Informations- und Gemeindezentrum eröffnet. Die Architektur zelebriert den weiten Blick über den Fjord mit einem transparenten, geschwungenen Baukörper.

Der Eisfjord gehört zu den „Big Arctic Five“, den touristisch vermarkteten Höhepunkten eines jeden Grönlandsurlaubs. Das sind neben der Kultur der Inuit, neben Hundeschlitten, Nordlichtern und Walen eben Schnee und Eis. Einerseits soll das Informationszentrum Tourist*innen anlocken und mit Ausstellungen über den Klimawandel informieren. Andererseits soll den Einheimischen als Veranstaltungsort dienen. Außerdem soll es Klimaforscher*innen rund um das Jahr offenstehen.

 

 

Grönland hat die Einnahmen aus dem Tourismus bitter nötig. Denn es herrscht viel Armut – Alkoholsucht und Depressionen sind häufig, hohe Suizidraten eine der größten Sorgen des Landes. Gründe dafür gibt es viele, darunter Schlafstörungen, ausgelöst durch den ununterbrochenen Sonnenschein, vor allem aber das Aufeinanderprallen der traditionellen Kultur mit der modernen westlichen Lebensweise. 88 Prozent der grönländischen Bevölkerung sind heute Inuit oder dänisch-inuit-gemischter Herkunft, man spricht grönländisch und dänisch. Zudem ist es mühsam, von einer Stadt in die andere zu gelangen. Landstraßen gibt es nicht, man reist per Flugzeug, Hubschrauber, Schneemobil oder Hundeschlitten. Bis heute gilt das Boot immer noch als populärstes Transportmittel.

 

Eingriff in Grönlands Natur?

 

Doch muss man ein Gebäude am Rande der Wildnis bauen, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels hinzuweisen? Warum gerade hier, am Rand der „unberührten Natur“ von Grönland bauen? Mit den Mehreinnahmen für die Stadt Ilulissat ist die Frage schnell beantwortet. Dorte Mandrup selbst sagt, ihr Entwurf sollte vor allem leicht wirken – wie der „Flügel einer Schnee-Eule“. Das Gebäude ruht auf Stützen, es wirkt wie vorübergehend abgestellt und scheint über dem zerklüfteten Terrain fast zu schweben. Die Flügelform rahmt einerseits den Ausblick auf den Fjord, schirmt aber andererseits auch Schnee und den eisigen Wind ab. „Das Eisfjordzentrum bietet Schutz in dieser dramatischen Landschaft und soll einen natürlichen Anlaufpunkt bilden, von dem aus man die endlosen, menschenfeindlichen Dimensionen der arktischen Wildnis, die Mitternachtssonne und das Nordlicht erleben kann“, erklärt Dorte Mandrup. Das Tragwerk besteht aus einer geschwungenen Reihe von 52 dreieckigen Stahlrahmen, die Verwendung von Beton hat sie minimiert.

 

 

Hauptattraktion des Gebäudes aber ist sein Dach, denn es ist begehbar, ist direkt an einen Wanderweg auf dem Terrain angeschlossen und führt diesen weiter. Von hier aus lassen sich nicht nur die beeindruckenden Eisberge in der Bucht, sondern auch die Stadt zu überblicken. So bildet diese öffentliche Institution eine Art Schwelle zwischen Zivilisation und Wildnis.

Die Räume des Zentrums sollen Bewohner*innen und Besucher*innen das ganze Jahr offenstehen, sie können aber auch von Unternehmen und Politiker*innen für Veranstaltungen genutzt werden. Hauptanziehungspunkt hier ist die Ausstellung mit drei zentralen Themen: „Der Lebenszyklus des Eises“, „Das Leben am Eisfjord“ und „Klimaveränderungen“. Sie wird gefördert von der dänischen philantropischen Gesellschaft Realdania sowie der Regierung von Grönland und zeigt, wie die verschiedenen Inuitkulturen unter diesen harschen Bedingungen gelebt haben und wie sich der Klimawandel vor Ort in der arktischen Landschaft auswirkt. So sind zum Beispiel Eisbohrkerne zu besichtigen, von denen sich das Klima von 124 000 Jahren vor Christus bis heute ablesen lässt.

 

Einblicke in die grönländische Kultur

 

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Kulturgeschichte der Einwohner*innen. Wie Historiker*innen nachweisen konnten, kamen die ersten Menschen um etwa 2 500 v. Chr. nach Grönland. So gibt es im Kinosaal Filme über die lange Kulturgeschichte zu sehen, dazu auch Interviews mit den Bewohner*innen Ilulissats, die über ihr alltägliches Leben sprechen und wie sie mit den Klimaveränderungen umgehen. Das Gebäude verfügt darüber hinaus über ein Café, einen Laden sowie Forschungs- und Seminarräume. In den Ausstellungsräumen kann man sich übrigens rundum auch auf Bänken ausruhen und mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen eine Reise zur grönländischen Forschungsstation EGRIP unternehmen.

 

 

Nicht zuletzt soll dieser Ort der Gemeinde als Festsaal dienen. So wird zum Beispiel traditionell gefeiert, wenn im Januar nach sechs Wochen Dunkelheit die Sonne auf- und dann 40 Minuten später auch gleich wieder untergeht. Dieser Anblick lässt sich auch von den Sitzplätzen auf einer der offenen Terrassen jeweils am Ende des Gebäudes genießen. Und auch sonst spüren Besucher den Einfluss lokaler Gepflogenheiten; so sollten sie nicht überrascht sein, wenn sie am Eingang gebeten werden, die Schuhe auszuziehen. Auch das basiert auf einer alten Tradition in Grönland und stärkt angeblich auch das sinnliche Erlebnis der Ausstellung.

Das Eisfjord-Center wurde im Juli 2021 eröffnet.

Im Hafen von Rotterdam entsteht eine neue architektonische Ikone. Erfahren Sie hier mehr über das de Wheel Projekt!