Data-Driven Design in Toronto – KI als Entscheidungsinstanz in der Planung

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Luftbild einer deutschen Stadt mit Fluss von Carrie Borden, das nachhaltige urbane Architektur und naturnahe Stadtplanung zeigt.

Toronto gilt als Vorreiter in Sachen datengetriebener Stadtentwicklung – doch was passiert, wenn Künstliche Intelligenz plötzlich zur Entscheidungsinstanz in der Planung wird? Willkommen im Zeitalter der Data-Driven Cities, wo Algorithmen nicht nur analysieren, sondern mitbestimmen. Ein Blick auf Kanadas Boomstadt zeigt: Planung in Echtzeit ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern urbaner Alltag. Doch was können deutsche Städte daraus lernen – und wo lauern die Fallstricke dieser neuen digitalen Souveränität?

  • Definition und Entwicklung: Was bedeutet Data-Driven Design in der Stadtplanung und wie funktioniert KI-basierte Entscheidungsfindung?
  • Toronto als Labor: Praxisbeispiele, Projekte und die Rolle von Künstlicher Intelligenz in der urbanen Transformation.
  • Chancen und Herausforderungen: Effizienz, Transparenz, Bürgerbeteiligung versus algorithmische Intransparenz und Bias.
  • Vergleich: Wie weit sind deutsche, österreichische und schweizerische Städte im internationalen Kontext?
  • Governance und Datensouveränität: Wem gehören urbane Daten – und wer kontrolliert die KI?
  • Technische Grundlagen: Von Urban Digital Twins über Sensorik bis zu Open-Source-Frameworks.
  • Risiken: Kommerzialisierung, technokratische Entscheidungskultur und gesellschaftliche Akzeptanz.
  • Perspektiven: Wie könnte datengetriebene Planung eine demokratische, resiliente und lebenswerte Stadt fördern?
  • Fazit: Warum Planer, Architekten und Verwaltungen jetzt handeln müssen – und was Toronto als Blaupause (nicht als Dogma) taugt.

Data-Driven Design: Die neue DNA urbaner Planung

Data-Driven Design ist mehr als ein modischer Anglizismus für IT-affine Stadtplaner. Es beschreibt einen Paradigmenwechsel, der das Wesen urbaner Planung fundamental verändert. Wo früher Bauchgefühl, Tradition und politische Kompromisse dominierten, steuern heute zunehmend Algorithmen, Sensoren und Datenströme die Entscheidungsfindung. Der Schlüsselbegriff ist Künstliche Intelligenz, kurz KI: Sie aggregiert, analysiert und prognostiziert komplexe urbane Systeme auf einer bislang unerreichten Ebene. In Toronto ist diese Entwicklung besonders sichtbar, weil sich die Stadt schon früh als Testfeld für Innovationen ausgerufen hat – mit allen Chancen und Risiken, die dazu gehören.

Im Kern basiert Data-Driven Design darauf, dass große Mengen urbaner Daten in Echtzeit gesammelt und ausgewertet werden. Das reicht von klassischen Geodaten über Verkehrsaufkommen und Klimaindikatoren bis hin zu anonymisierten Bewegungsprofilen, sozialen Medien und Energieverbrauch. Diese Daten werden in urbanen Digital Twins, also digitalen Abbildern der Stadt, zusammengeführt. Doch während herkömmliche Modelle vor allem visualisieren, nutzen datengetriebene Systeme maschinelles Lernen, um Szenarien zu simulieren, Handlungsempfehlungen zu geben – und teils sogar Entscheidungen zu automatisieren. Das verändert nicht nur das Zeitmanagement im Planungsalltag, sondern auch die Machtbalance zwischen Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.

Toronto hat diese Entwicklung besonders konsequent vorangetrieben. Die Stadt setzt auf ein Netzwerk aus Open Data, Sensorik, KI-gestützter Auswertung und Bürgerbeteiligung. Projekte wie das Smart City Lab im Stadtteil Quayside, die Einführung von Urban Digital Twins zur Verkehrssteuerung oder der Einsatz von KI für Grünflächenmanagement zeigen, wie Data-Driven Design im Alltag funktioniert. Dabei werden nicht nur technische, sondern auch ethische und gesellschaftliche Fragen aufgeworfen: Wer kontrolliert die Algorithmen? Wie transparent sind die Entscheidungen? Und wie bleibt die Stadt trotz Automatisierung ein demokratischer Raum?

Die Begriffswelt rund um Data-Driven Design ist vielschichtig: Von Big Data und Edge Computing über Predictive Analytics bis hin zu Digital Governance und Citizen Science. Für Planer bedeutet das eine neue Komplexität, aber auch eine Chance, urbane Herausforderungen wie Klimaresilienz, Mobilitätswende oder Flächenkonkurrenz mit bislang ungekannter Präzision anzugehen. Gleichzeitig ist die Technik nie Selbstzweck: Sie muss in bestehende Prozesse integriert und an lokale Bedürfnisse angepasst werden. Toronto hat gezeigt, dass dies möglich ist – aber nicht ohne Konflikte, Widerstände und Lernprozesse.

Ebenso wichtig: Data-Driven Design ist kein Allheilmittel, sondern ein Werkzeug. Es kann helfen, die Folgen städtebaulicher Maßnahmen frühzeitig zu erkennen, verschiedene Szenarien zu vergleichen und Ressourcen effizienter zu nutzen. Aber es ersetzt nicht das menschliche Urteil, die politische Debatte oder die lokale Expertise. Vielmehr sollte Data-Driven Design als Einladung verstanden werden, Planung neu zu denken – datenbasiert, aber nicht datendiktatorisch.

Toronto als Testfeld: KI-gestützte Planung in der Praxis

Toronto ist nicht nur Kanadas größte Stadt, sondern auch ein Epizentrum für urbane Innovation. Das Smart City-Projekt Quayside am Ufer des Ontariosees sorgte weltweit für Schlagzeilen, weil es erstmals einen ganzen Stadtteil unter der Prämisse datengetriebener Planung neu dachte. Zwar ist das Projekt nach massiver Kritik an Datenschutz und Kommerzialisierung gestoppt worden, doch die Debatte hat weitreichende Folgen hinterlassen. Toronto setzt weiterhin auf eine ambitionierte Datenstrategie, bei der Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle spielt – allerdings mit geschärftem Bewusstsein für Governance, Transparenz und Bürgerrechte.

Im Verkehrsbereich etwa zeigen Projekte wie das „TOcore Mobility Network“, wie KI-Lösungen Daten aus Sensoren, Kameras und öffentlichen Verkehrsmitteln nutzen, um Verkehrsflüsse in Echtzeit zu analysieren und adaptive Ampelschaltungen zu implementieren. Das Ziel: Staus vermeiden, Emissionen senken, Straßen sicherer machen. Dabei lernt das System kontinuierlich dazu, erkennt Muster und kann Prognosen für unterschiedliche Szenarien abgeben – ein bedeutender Fortschritt gegenüber klassischen Verkehrsmodellen. Die Planer profitieren von einem digitalen Zwilling der Stadt, der nicht nur Ist-Zustände abbildet, sondern „Was-wäre-wenn“-Szenarien simuliert.

Im Bereich Klimaresilienz arbeitet Toronto mit KI-basierten Tools zur Erfassung von Hitzeinseln, Hochwasserrisiken und der Optimierung von Grünflächen. Über Sensorik und Satellitendaten werden Mikroklimadaten gesammelt, die in die Planung neuer Quartiere einfließen. So können bereits in der Entwurfsphase Alternativen getestet und Anpassungsmaßnahmen bewertet werden – ganz im Sinne einer vorausschauenden, resilienten Stadtentwicklung. Auch bei der Bewirtschaftung öffentlicher Parks und der Pflege von Bäumen kommt KI zum Einsatz: Sie prognostiziert Pflegebedarfe, optimiert Bewässerungszyklen und unterstützt das Management von Biodiversität.

Ein weiteres Feld ist die Bürgerbeteiligung. Toronto experimentiert mit digitalen Plattformen, auf denen Bürger eigene Daten, Beobachtungen oder Ideen einbringen können. KI hilft dabei, diese Informationen auszuwerten, Schwerpunkte zu identifizieren und Beteiligungsprozesse zielgerichteter zu gestalten. Damit entsteht eine neue Form der Interaktion zwischen Stadt, Verwaltung und Öffentlichkeit – datenbasiert, aber nicht entmenschlicht. Zugleich bleibt die Frage, wie inklusiv und repräsentativ diese Prozesse tatsächlich sind, eine zentrale Herausforderung.

Toronto zeigt: Künstliche Intelligenz ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das Planung effizienter, flexibler und transparenter machen kann – sofern technische, rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen stimmen. Die Stadt versteht sich als lernendes System, das bereit ist, Fehler zu machen, aus ihnen zu lernen und die Rolle der KI immer wieder neu zu definieren. Für deutsche Städte kann Toronto daher weniger als Vorbild, sondern vielmehr als Labor für eigene Experimente dienen.

Chancen und Risiken: Zwischen Effizienz und algorithmischer Macht

Die datengetriebene Planung verspricht eine ganze Reihe von Vorteilen: Effizienzsteigerung, Ressourcenschonung, bessere Prognosen und eine höhere Transparenz urbaner Prozesse. Gerade in Zeiten des Klimawandels, des demografischen Wandels und wachsender Flächenknappheit erscheinen diese Versprechen verlockend. Doch die Kehrseite lässt sich nicht wegdiskutieren: Data-Driven Design birgt auch erhebliche Risiken, die vor allem mit der Rolle der KI als Entscheidungsinstanz zusammenhängen.

Ein zentrales Thema ist die algorithmische Intransparenz. Während Künstliche Intelligenz in der Lage ist, Zusammenhänge zu erkennen und Handlungsempfehlungen zu geben, bleibt für viele Beteiligte unklar, wie diese Vorschläge zustande kommen. Das sogenannte Black-Box-Problem erschwert die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und kann zu einem Vertrauensverlust gegenüber Verwaltung und Planung führen. Gerade im öffentlichen Raum ist jedoch Transparenz ein hohes Gut – nicht zuletzt, weil es um die Legitimität urbaner Eingriffe geht.

Ein weiteres Risiko ist der sogenannte algorithmische Bias. KI-Systeme lernen aus Daten – und diese Daten sind oft nicht neutral, sondern spiegeln bestehende Ungleichheiten, Vorurteile oder blinde Flecken wider. Werden diese Verzerrungen nicht erkannt und korrigiert, drohen sie sich in der Planung zu manifestieren oder gar zu verstärken. Toronto hat das schmerzlich erfahren: Kritiker warnten davor, dass datenbasierte Systeme zum Beispiel bestehende Segregationsmuster zementieren oder bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen könnten. Die Antwort darauf kann nur eine bewusste, reflektierte Daten- und KI-Strategie sein, die Vielfalt und Inklusion zur Leitlinie macht.

Auch die Kommerzialisierung urbaner Daten ist ein kontroverses Thema. Viele Smart City-Projekte, auch in Toronto, arbeiten mit großen Technologiekonzernen zusammen. Diese bringen Know-how und Ressourcen, verlangen aber oft exklusive Nutzungsrechte oder Zugriff auf sensible Daten. Hier stellt sich die Frage nach der Souveränität der Städte: Wer besitzt die Daten? Wer entscheidet über ihre Nutzung? Und wie kann gewährleistet werden, dass urbane Daten als öffentliches Gut erhalten bleiben?

Nicht zuletzt droht eine technokratische Entscheidungskultur. Je mehr Prozesse automatisiert und KI-basiert gestaltet werden, desto größer ist die Gefahr, dass menschliche Erfahrung, lokale Expertise und gesellschaftliche Debatte an den Rand gedrängt werden. Die Stadt wird dann nicht mehr gestaltet, sondern optimiert – nach Kriterien, die nicht immer den Bedürfnissen aller entsprechen. Toronto hat darauf mit einer Stärkung der Governance-Strukturen reagiert: KI-Systeme werden regelmäßig überprüft, ethische Leitlinien entwickelt und die Bürgerbeteiligung ausgebaut. Doch der Balanceakt bleibt schwierig.

Governance, Beteiligung, Perspektiven: Was Toronto lehrt – und was Deutschland wissen muss

Toronto beweist, dass datengetriebene Planung keine technische Spielerei ist, sondern ein gesellschaftliches Projekt. Governance – also die Steuerung, Kontrolle und Legitimation datenbasierter Systeme – ist der Schlüssel zum Erfolg. Das beginnt bei der Definition klarer Zuständigkeiten: Wer betreibt den Urban Digital Twin? Wer überprüft die Algorithmen? Wer darf bei der Entwicklung neuer KI-Systeme mitreden? Toronto setzt hier auf eine Mischung aus städtischer Eigenverantwortung, unabhängigen Kontrollinstanzen und breit angelegten Beteiligungsformaten. Diese Strukturen sind kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, um das Vertrauen in datenbasierte Planung zu sichern.

Die Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine weitere zentrale Säule. Data-Driven Design kann Prozesse transparenter machen, indem Simulationen, Szenarien und Entscheidungsgrundlagen für alle nachvollziehbar werden. Digitale Plattformen, Visualisierungen und partizipative Tools helfen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und neue Formen der Mitsprache zu ermöglichen. Toronto hat mit interaktiven Stadtmodellen, offenen Datenportalen und partizipativen Hackathons experimentiert – mit Erfolg, aber auch mit der Erkenntnis, dass digitale Beteiligung klassische Formate nicht ersetzen, sondern ergänzen sollte.

Für deutsche, österreichische und schweizerische Städte ergeben sich daraus klare Handlungsfelder. Erstens: Die technische Infrastruktur muss geschaffen und in bestehende Verwaltungsprozesse integriert werden. Zweitens: Datenschutz, Datensouveränität und ethische Leitlinien sollten von Anfang an mitgedacht werden – nicht als nachträgliches Feigenblatt, sondern als integraler Bestandteil der Planung. Drittens: Die Akzeptanz in Politik und Gesellschaft ist kein Selbstläufer, sondern muss aktiv erarbeitet werden, etwa durch Pilotprojekte, transparente Kommunikation und kontinuierliche Evaluation.

Toronto zeigt auch, dass Data-Driven Design kein All-in-One-Paket ist, sondern ein Baukasten, der lokal angepasst werden muss. Was in der kanadischen Metropole funktioniert, lässt sich nicht eins zu eins auf deutsche Städte übertragen. Unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen, kulturelle Prägungen und Verwaltungsstrukturen verlangen individuelle Lösungen. Der internationale Vergleich kann jedoch Anregungen liefern, wie datengetriebene Planung als Werkzeug für mehr Nachhaltigkeit, Resilienz und Lebensqualität genutzt werden kann – ohne demokratische Grundprinzipien auszuhebeln.

Der wichtigste Lerneffekt aus Toronto: Die Zukunft der Stadtplanung ist datenbasiert, aber nicht datengetrieben im Sinne einer blinden Technikeuphorie. KI kann helfen, bessere Entscheidungen zu treffen – aber sie muss eingebettet werden in einen demokratisch legitimierten, transparenten und inklusiven Prozess. Nur so kann die Stadt von morgen wirklich smarter, gerechter und lebenswerter werden.

Fazit: Vom Datenhype zur echten Entscheidungsintelligenz

Data-Driven Design und KI als Entscheidungsinstanz sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Toronto zeigt eindrucksvoll, wie datengetriebene Planung urbane Systeme effizienter, flexibler und transparenter machen kann – wenn Technik, Governance und Beteiligung Hand in Hand gehen. Die Stadt ist zum Labor geworden, in dem Chancen, aber auch Risiken digitaler Souveränität sichtbar werden. Für Planer, Architekten und Verwaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt: Jetzt ist der Moment, sich mit der neuen urbanen DNA auseinanderzusetzen – nicht als technisches Add-on, sondern als integralen Bestandteil einer zukunftsfähigen, demokratischen Stadtplanung.

Die Reise von Toronto ist dabei kein Patentrezept, sondern eine Einladung zum Experiment. Erfolgreiche datengetriebene Planung erfordert Mut zur Innovation, Bereitschaft zur Reflexion und einen klaren Kompass für Transparenz, Ethik und Teilhabe. Wer den digitalen Zwilling als Chance begreift, kann urbane Herausforderungen besser meistern und die Stadt von morgen im Sinne aller gestalten. Wer sich jedoch auf Algorithmen allein verlässt, riskiert technokratische Sackgassen und gesellschaftlichen Vertrauensverlust.

Am Ende steht eine Erkenntnis: Die Stadt der Zukunft entsteht nicht durch Datenberge oder KI-Magie, sondern durch das Zusammenspiel von Technik, Mensch und Gemeinschaft. Data-Driven Design ist ein mächtiges Werkzeug – aber nur dann, wenn es von kompetenten, kreativen und kritisch denkenden Planern geführt wird. Toronto macht vor, wie es gehen kann. Jetzt sind wir gefragt, unsere eigenen Wege zu finden – mutig, professionell und mit einem Augenzwinkern gegenüber allzu viel Digitalpathos.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.