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Data Governance in der städtischen Mobilität

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Roter Bus auf der Straße in Bern bei Tageslicht, fotografiert von Alin Andersen.
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Urbanes Mobilitätsmanagement ohne Daten? Undenkbar. Doch der größte Schatz – zahllose Datenquellen aus Verkehr, Infrastruktur und Bürgerverhalten – birgt eine riskante Nebenwirkung: Wer steuert, wer schützt, wer profitiert? Data Governance ist das Rückgrat einer zukunftsfähigen, fairen und transparenten Mobilitätswende. Wer das unterschätzt, verliert nicht nur Kontrolle, sondern auch Vertrauen und Innovationskraft. Höchste Zeit, den Mythos von der „neutralen Mobilitätsdatenwelt“ zu entzaubern und aufzuzeigen, wie Data Governance der Schlüssel zu resilienter, urbaner Mobilität wird.

  • Definition und Relevanz von Data Governance im Kontext städtischer Mobilität
  • Die wichtigsten Datenquellen: Sensorik, Mobilitätsplattformen, Sharing-Anbieter und Bürgerdaten
  • Chancen und Risiken datengetriebener Mobilitätssteuerung für Planung, Betrieb und Partizipation
  • Rechtliche und ethische Herausforderungen: Datenschutz, Transparenz, Datensouveränität
  • Technische Grundlagen: Datenarchitekturen, Interoperabilität, Open Urban Platforms
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Governance-Modelle: Wer setzt Standards, kontrolliert Zugriffe, entscheidet über Nutzung?
  • Data Governance als Innovationstreiber – und als Schutz vor technokratischer Stadtentwicklung
  • Ausblick: Wie gelingt die Balance zwischen Smart City, Bürgerbeteiligung und Gemeinwohl?

Was ist Data Governance – und warum ist sie das Herzstück urbaner Mobilität?

Spätestens seit sich Städte von analogen Verkehrsmodellen verabschieden, ist klar: Daten sind der neue Asphalt. Doch während Straßen genormt, instandgehalten und demokratisch verwaltet werden, herrscht beim Umgang mit Mobilitätsdaten oft Wildwuchs. Genau hier setzt Data Governance an. Im Kern bezeichnet der Begriff die Gesamtheit aller Regeln, Prozesse und Rollen, die den Umgang mit Daten im urbanen Kontext steuern. Von der Erhebung über die Speicherung bis hin zur Weitergabe und Nutzung – Data Governance ist das Betriebssystem moderner Mobilitätsplanung.

Doch wozu braucht es diese vermeintlich bürokratische Klammer? Die Antwort: Weil urbane Mobilität heute ohne Daten weder verstanden noch gestaltet werden kann. Sensoren an Ampeln, GPS-Tracker in Bussen, Buchungsdaten von Carsharing-Flotten, Parkraumsensorik, Verkehrsflussanalysen, Fahrgastzählungen im ÖPNV – sie alle produzieren einen wahren Datentsunami. Wer diese Flut nicht strukturiert managt, riskiert nicht nur Ineffizienz, sondern auch Kontrollverlust, Missbrauch und gesellschaftliches Unbehagen.

Professionelle Data Governance schafft hier einen Ordnungsrahmen und formuliert Antworten auf zentrale Fragen: Wer darf welche Daten einsehen? Wer entscheidet über ihre Nutzung? Wo werden sie gespeichert und wie lange? Wie werden sie vor unbefugten Zugriffen geschützt? Und vor allem: Wie wird sichergestellt, dass der Einsatz von Daten dem Gemeinwohl dient und nicht bloß kommerziellen oder machtpolitischen Interessen?

Für Stadtplaner, Verkehrsingenieure und Kommunalpolitiker ist Data Governance deshalb kein Randthema, sondern eine Kernkompetenz. Sie steht für die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen zu gestalten, Missbrauch zu verhindern und die Stadtgesellschaft aktiv in datengetriebene Innovationen einzubinden. Ohne Data Governance bleibt die Smart City eine Black Box, deren Steuerung und Kontrolle dem Zufall oder Partikularinteressen überlassen bleibt.

Der Paradigmenwechsel ist deutlich: Während klassische Verkehrsplanung mit statischen Modellen, aufwendigen Zählungen und langwierigen Prognosen arbeitete, ermöglicht Data Governance die Nutzung hochaktueller, granularer und vielseitiger Datensätze. Doch diese neue Freiheit bringt Verantwortung mit sich – und die Notwendigkeit, Regeln nicht als Innovationsbremse, sondern als Enabler einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und partizipativen Mobilitätswende zu verstehen.

Das spannende an Data Governance ist also: Sie funktioniert wie ein unsichtbares Regelwerk, das erst dann zum Problem wird, wenn es fehlt. Ist sie jedoch gut gemacht, sorgt sie für Fairness, Transparenz und Innovationskraft – und wird so zum Herzstück einer urbanen Mobilität, die den Menschen und das Gemeinwohl ins Zentrum rückt.

Die Datenströme der Stadt: Quellen, Akteure und Herausforderungen

Um die Bedeutung von Data Governance wirklich zu erfassen, lohnt sich ein Blick auf die komplexe Datenlandschaft urbaner Mobilität. Die Vielfalt der Datenquellen ist enorm – und wächst täglich. Öffentliche Verkehrsbetriebe sammeln Fahrgastzahlen, Bewegungsprofile und Störungsdaten. Sensoren in Straßen, Ampeln und Parkhäusern erfassen Verkehrsflüsse, Auslastungen und Umweltbelastungen. Private Sharing-Anbieter tracken Positionen, Nutzungsdauern und Nutzerpräferenzen ihrer Fahrzeuge. Und nicht zuletzt liefern Bürger selbst, bewusst oder unbewusst, wertvolle Informationen: durch Mobilitäts-Apps, Feedbackplattformen oder partizipative Sensorik.

Jede dieser Datenquellen folgt eigenen Logiken, Technologien und Geschäftsmodellen. Während öffentliche Verkehrsdaten oft im Sinne von Open Data bereitgestellt werden, wahren private Mobilitätsdienste ihre Datensätze meist als Geschäftsgeheimnisse. Hinzu kommen rechtliche Grauzonen: Wer darf Echtzeitdaten von E-Scootern oder Carsharing-Flotten weitergeben? Wie lassen sich sensible personenbezogene Informationen anonymisieren, ohne ihren Wert für die Planung zu verlieren?

Ein weiteres Problemfeld ist die Interoperabilität. Unterschiedliche Datenformate, Schnittstellen und Systeme erschweren die Vernetzung. Die Folge: Dateninseln statt Datenflüsse, Flickenteppiche statt integrierte Mobilitätsplattformen. Hier sind technische Standards und offene Schnittstellen gefragt, wie sie etwa von Initiativen wie der Mobilithek oder dem Mobility Data Space in Deutschland vorangetrieben werden. Doch auch die beste Technik nutzt wenig, wenn Governance-Strukturen fehlen, die den Zugang zu Daten regeln, Verantwortlichkeiten klären und Nutzungskonflikte moderieren.

Besonders spannend – und heikel – sind Bürgerdaten. Sie sind für die Planung von unschätzbarem Wert, etwa bei der Erhebung von Fußgängerströmen oder der Analyse multimodaler Wegeketten. Gleichzeitig erfordern sie höchste Sensibilität im Umgang mit Datenschutz, Transparenz und freiwilliger Teilnahme. Hier wird Data Governance zur Gratwanderung zwischen Innovationspotenzial und individueller Freiheit – ein Balanceakt, der politische, technische und ethische Kompetenz erfordert.

Schließlich sind auch internationale Akteure im Spiel. Globale Plattformen wie Google Maps, Waze oder Uber haben längst eigene Datenökosysteme geschaffen, die städtische Mobilitätsplanung beeinflussen. Wer als Kommune keine eigenen Governance-Strukturen aufbaut, läuft Gefahr, zum reinen Datenlieferanten für multinationale Konzerne zu werden – und die Kontrolle über die eigene Mobilitätsentwicklung zu verlieren.

Die Herausforderung ist klar: Urbane Mobilitätsdaten sind Gold wert, aber ohne gutes Data Governance-Management gleichen sie eher einer tickenden Zeitbombe als einer Ressource für nachhaltige Stadtentwicklung.

Transparenz, Kontrolle, Gemeinwohl: Die Governance-Dimensionen im Detail

Im Zentrum jeder Data-Governance-Strategie stehen drei miteinander verflochtene Dimensionen: Transparenz, Kontrolle und Gemeinwohlorientierung. Transparenz bedeutet, dass alle Beteiligten – von Planern über Betreiber bis zu Bürgern – nachvollziehen können, welche Daten wie und wozu genutzt werden. Das schließt nicht nur technische Dokumentation und Datenschutzmaßnahmen ein, sondern auch verständliche Kommunikation und die Möglichkeit zur Mitbestimmung.

Kontrolle wiederum beschreibt die Fähigkeit, Zugriff, Nutzung und Weitergabe von Daten zu steuern. Hier geht es um Rollenmodelle, Zugriffsrechte, Auditlogik und die Definition klarer Verantwortlichkeiten. Ein modernes Governance-Modell unterscheidet dabei zwischen verschiedenen Akteursgruppen: Verwaltung, öffentliche und private Mobilitätsanbieter, Wissenschaft, Zivilgesellschaft. Jeder bekommt, abhängig von Funktion und Mandat, eigene Rechte und Pflichten im Datenökosystem.

Die dritte Dimension – Gemeinwohl – ist das vielleicht anspruchsvollste Ziel. Data Governance muss sicherstellen, dass Datennutzung nicht zu Diskriminierung, Ausschluss oder Überwachung führt, sondern zur Lösung realer urbaner Probleme beiträgt. Das kann bedeuten, Mobilitätsdaten gezielt für die Verbesserung des ÖPNV zu nutzen, Verkehrsflüsse zu optimieren, Umweltbelastungen zu reduzieren oder neue Beteiligungsformate zu ermöglichen. Es bedeutet aber auch, auf algorithmische Verzerrungen, technokratischen Bias und ungleiche Machtverhältnisse zu achten – etwa wenn Daten primär für zahlungskräftige Zielgruppen oder kommerzielle Interessen ausgewertet werden.

Wie ambitioniert diese Governance-Ziele in der Praxis umgesetzt werden, hängt von politischen Rahmenbedingungen, technischer Infrastruktur und gesellschaftlichem Engagement ab. Städte wie Berlin, Wien oder Zürich setzen zunehmend auf Open Urban Platforms: Sie bündeln verschiedene Datenquellen, schaffen standardisierte Zugriffsmöglichkeiten und erlauben sowohl Verwaltung als auch Bürgern, auf Basis transparenter Regeln gemeinsam an Mobilitätslösungen zu arbeiten. Solche Plattformen sind der Gegenentwurf zur Black Box und machen Data Governance zum sichtbaren, gestaltbaren Element der Stadtentwicklung.

Doch der Weg dahin ist steinig. Oft fehlt es an Ressourcen, Know-how oder schlicht am politischen Willen. Die Gefahr: Data Governance wird zur reinen Compliance-Übung, zum Abhaken von Datenschutz und IT-Sicherheit. Wirklich transformative Wirkung entfaltet sie aber nur dort, wo sie als strategische Führungsaufgabe verstanden wird – als Motor für Innovation, Beteiligung und urbane Resilienz.

Ein kluger Spruch aus der Datenwelt bringt es auf den Punkt: Wer nicht selbst steuert, wird gesteuert. Für Kommunen gilt das mehr denn je. Nur mit ambitionierter, professioneller Data Governance bleibt urbane Mobilität ein Feld demokratischer Gestaltung – und wird nicht zum Spielball externer Player.

Praxisbeispiele, Standards und neue Rollen: Wie Data Governance in D-A-CH gelingt

Die Theorie ist das eine, die Praxis das andere. Wie lässt sich Data Governance in der städtischen Mobilität tatsächlich umsetzen? Ein Blick nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz zeigt: Es gibt spannende Ansätze und Projekte, die zeigen, wie Governance zum Innovationsmotor werden kann.

Hamburg etwa hat mit der Urban Data Platform einen Meilenstein gesetzt. Sie integriert Mobilitäts-, Infrastruktur- und Umweltdaten aus unterschiedlichsten Quellen, macht diese für Verwaltung, Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich und regelt dabei granular, wer was sehen, analysieren oder weiterverarbeiten darf. Die Plattform ist kein Selbstläufer, sondern Ergebnis intensiver Abstimmung zwischen Datenschutz, IT, Verwaltung und externen Partnern – und setzt Maßstäbe für andere Städte.

Wien wiederum verfolgt mit der Open Government Data-Strategie einen besonders partizipativen Weg. Mobilitätsdaten wie Radverkehrszählungen, Störungsinformationen im ÖPNV oder Verkehrslagedaten werden proaktiv veröffentlicht, visualisiert und für Dritte nutzbar gemacht. Gleichzeitig etabliert die Stadt klare Governance-Prinzipien: Von der Qualitätssicherung über die Lizenzierung bis hin zur regelmäßigen Evaluation und Bürgerbeteiligung. Der Effekt: Start-ups, Wissenschaft und engagierte Bürger entwickeln eigene Anwendungen – zum Nutzen aller.

Auch Zürich setzt auf offene Datenstrukturen und Multi-Stakeholder-Governance. Das Projekt „Smart City Zürich“ etwa bringt Verwaltung, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft an einen Tisch, um gemeinsam Datenstandards, Zugriffsmodelle und Nutzungsszenarien zu entwickeln. Die Governance-Struktur ist bewusst vielschichtig angelegt und ermöglicht es, neue Rollen zu definieren – etwa Data Stewards, die als Brückenbauer zwischen Technik, Recht und Gesellschaft agieren und so das Datenmanagement professionalisieren.

Ein weiteres zentrales Element erfolgreicher Data Governance sind verbindliche technische Standards und Schnittstellen. Initiativen wie die Mobilithek des Bundes in Deutschland oder der Swiss Data Space schaffen gemeinsame Grundlagen, um Daten sicher, nachvollziehbar und interoperabel auszutauschen. Nur auf dieser Basis können datengetriebene Mobilitätslösungen wirklich skalieren und zum Rückgrat nachhaltiger Stadtentwicklung werden.

Abgerundet wird die Praxis durch neue Formen der Bürgerbeteiligung. Digitale Beteiligungsplattformen, partizipative Sensorikprojekte und offene Evaluationsformate sorgen dafür, dass Data Governance nicht im Elfenbeinturm bleibt, sondern zur gelebten, transparenten und inklusiven Stadtentwicklung beiträgt. Die Erfahrung zeigt: Wo Governance ernst genommen wird, steigen Akzeptanz, Innovationskraft und die Qualität urbaner Mobilitätslösungen gleichermaßen.

Ausblick: Data Governance als Schlüssel zur Mobilitätswende – und zur lebenswerten Stadt

Die Zukunft urbaner Mobilität wird nicht nur auf der Straße entschieden, sondern im Datenraum. Data Governance ist dabei weit mehr als ein technisches Regelwerk oder juristischer Feigenblatt. Sie ist der Schlüssel, um die Potenziale datengetriebener Innovationen zu erschließen – und zugleich Risiken wie Kontrollverlust, Diskriminierung und Technokratisierung zu bannen.

Die Herausforderungen sind gewaltig. Städte müssen in Know-how, Infrastruktur und neue Rollen investieren. Sie müssen lernen, Daten nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Lösung realer Probleme zu sehen. Sie müssen Governance als laufenden Aushandlungsprozess begreifen, der Technik, Recht, Politik und Gesellschaft miteinander verzahnt. Und sie müssen ihren Bürgern erklären, wie und warum Daten genutzt werden – und sie echten Mitgestaltern machen.

Wer diese Aufgaben meistert, wird belohnt: mit resilienteren, flexibleren und lebenswerteren Städten, in denen Mobilität nicht nur effizient, sondern auch gerecht und nachhaltig organisiert ist. Wer sich hingegen hinter Datenschutzparagrafen oder Technikfeindlichkeit verschanzt, verspielt Chancen und überlässt die Stadt von morgen externen Akteuren und Black-Box-Systemen.

Die große Kunst der Data Governance liegt darin, Komplexität zu beherrschen, Dynamik zuzulassen und trotzdem Orientierung zu bieten. Sie verlangt Mut, Kreativität und Führungsstärke – und versteht sich als kollektive Aufgabe, die alle Akteure einbindet. Von der Verkehrsplanung über die IT bis zur Stadtgesellschaft. Nur so wird die Mobilitätswende mehr als ein technisches Update, sondern zur sozialen, kulturellen und demokratischen Erneuerung.

Und ganz nebenbei: Wer heute in Data Governance investiert, legt das Fundament für die nächste Generation urbaner Innovationen – von Echtzeitplanung über autonome Mobilität bis hin zu klimaresilienten Infrastrukturen. Die Zukunft gehört den Städten, die das Datenmanagement nicht dem Zufall überlassen, sondern es mit klugen Regeln, offenen Strukturen und echtem Gemeinwohlanspruch gestalten.

Fazit: Data Governance ist kein Verwaltungsakt, sondern die Meisterdisziplin der urbanen Mobilität im 21. Jahrhundert. Wer sie beherrscht, gestaltet die Stadt der Zukunft. Wer sie ignoriert, verliert den Anschluss – und am Ende vielleicht mehr als nur seine Daten.

Zusammengefasst zeigt sich: Data Governance ist das unsichtbare Rückgrat der urbanen Mobilitätswende. Sie verbindet Technik, Recht, Ethik und Beteiligung zu einem dynamischen Ordnungsrahmen, der Innovation ermöglicht und Risiken minimiert. Nur mit professioneller Governance werden Mobilitätsdaten zum Gemeingut, zur Ressource für lebenswerte, resiliente und demokratische Städte. G+L bleibt am Puls dieses Wandels – und liefert die Expertise, die Planer, Entscheider und Gestalter jetzt brauchen.

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Die Mitte von Berlin bleibt grün

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Die Perspektive zeigt die geplanten Stufen am Ufer der Spree.

1. Preis an Büro RMP Lenzen: Stufen am Ufer der Spree mit Blick auf Dom (Visualisierung: RMP Lenzen)

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Es geht um eine prominente Fläche in Berlins historischer Mitte: Eingespannt zwischen dem neuen Humboldt-Forum und dem Fernsehturm bekommen das Rathaus- und Marx-Engels-Forum eine neue Gestaltung. Das Büro RMP Stephan Lenzen hat den Wettbewerb für die grüne Mitte von Berlin gewonnen.

Dort wo die Wurzeln der Stadt Berlin liegen, wird demnächst nicht wieder gebaut. Die Freifläche von Rathaus- und Marx-Engels-Forum bleiben Grün. Allerdings erhält das Areal eine neue Gestaltung, die in einer Freitreppe zur angrenzenden Spree mündet. Die Berliner Senatsverwaltung hat im Frühjahr zu einem Wettbewerb eingeladen. Nach einer ersten Phase durften die Bürger*innen mitreden. Daraufhin entwickelten insgesamt 21 Landschaftsarchitekturbüros ihre Ideen in der zweiten Phase des Wettbewerbs weiter. Die Landschaftsarchitek*innen vom Büro RMP Stephan Lenzen überzeugten schließlich die Jury. Sie schlugen ein zentrales Band vor, das denkmalgeschützte Bereiche des Rathausforums mit dem Marx-Engels-Forum verbindet. Dieses grüne Band endet in einer großen Treppe am Ufer der Spree. Gegenüber, auf der anderen Seite des Wasser, strahlt die Ostfassade des neuen Humboldt-Forums.

 

Viel Geschichte inmitten von Berlin

 

Früher hiess die Freifläche inmitten des alten Berlins „Park an der Spree“. Als eine der zentralsten Grünflächen im Ortsteil Mitte geht sie auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Der hatte das dortige Heilig-Geist-Viertel beschädigt, was schließlich die DDR-Führung veranlasst hat, es abzureißen. Seitdem ist die Fläche zwischen Karl-Liebknecht-Straße im Norden, dem Park am Fernsehturm im Osten, der Rathausstraße im Süden und der Spree im Westen unbebaut. Mittendrin stand lange ein Denkmalensemble, das jedoch beim Bau der U-Bahn an den nordwestlichen Rand rücken musste. Bereits seit den 1990er-Jahren wird über die Zukunft des Marx-Engels-Forums diskutiert. Die Ideen waren vielfältig. Sie reichten vom Wiederaufbau des Heilig-Geist-Viertels bis zur Gestaltung eines Parks am Marx-Engels-Forum. Letztere hat sich schließlich durchgesetzt. 

Wettbewerbsaufgabe Marx-Engels-Forum

Die Gestaltung eines Parks auf dem Marx-Engels-Forum galt es nun, im Rahmen des Ideen- und Realisierungswettbewerb zu konkretisieren. Die Teilnehmer*innen waren gefragt, sich mit dem Gründungsort Berlins, mit den im Boden verborgenen historischen Schichten und der Umgebung auseinanderzusetzen. Am Ende der langen Debatte um die Zukunft dieses Ortes entstanden Bürgerleitlinien zur künftigen Entwicklung des Rathaus- und des Marx-Engels-Forums. Darin heißt es, dass ein Freiraum zu entwerfen ist, der den Dimensionen und der Bedeutung des Standortes gerecht wird und die Identität des Ortes stärkt. Darüber hinaus soll er die bewegte Geschichte erlebbar machen und gleichzeitig vielfältige und intensive Nutzungen ermöglichen. 

In der ersten Phase fragte der Wettbewerb zunächst nach einer Vision und einer Idee für das gesamte Marx-Engels-Forum. Erst die Teilnehmer*innen der zweiten Phase mussten ihre Vision herleiten. Darüber hinaus skizzierten sie im Ideenteil des Wettbewerbs einen Zwischenzustand für das Jahr 2030. In einem dritten Realisierungsteil war dann die konkrete Umsetzung für 2024 aufzuzeigen. Diese stufenweise Herangehensweise geht auf die angestrebte, schrittweise Realisierung des Projekts zurück. Die wird einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen. Entsprechend müssen die Ideen auf einer klaren Haltung basieren und viel Flexibilität für die prozesshafte Umsetzung bieten. 

 

Marx-Engels-Forum: überzeugender Entwurf von RMP Lenzen

 

Die Landschaftsarchitekt*innen vom Büro RMP Lenzen lieferten die überzeugendste Lösung für die neue Gestaltung von Rathaus- und Marx-Engels-Forum. Sie entwarfen einen Freiraum, der von einer markanten Figur geprägt ist. Er sieht vor, das Rathaus- und das Marx-Engels-Forum von Bebauung freizuhalten. Der grüne Raum verspricht eine hohe Aufenthaltsqualität mit Flächen zum Flanieren, zum Ausruhen, zum Genießen von spektakulären Aussichten auf Dom, Humboldt-Forum und Fernsehturm. RMP Lenzen bestückt den neuen Raum mit viel Grün und mit vielen schattenspendenden Bäumen. Aber auch Wasser gehört dazu, das zur Kühlung beiträgt sowie Versickerungsflächen, die zu einem künftigen Regenwassermanagement passen. Insgesamt sieht der Beitrag zum Wettbewerb Marx-Engels-Forum einen modernen, klimaresilienten Stadtraum vor, der vielfältige Nutzungen ermöglicht. 

Gut Ding braucht Weile

Mit der Idee, zunächst einen Grünraum im Herzen des alten Berlin anzulegen, bleiben Chancen für nächste Generationen erhalten. Für die nahe Gegenwart hat das Preisgericht empfohlen, die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Arbeit von RMP Lenzen zu realisieren. Damit geht eine kontroverse Debatte zu Ende. Wohl kaum ein Ort in Berlin hat mehr Planungen und Diskussionen erlebt als das Marx-Engels-Forum. Aber für den Bausenator steht fest, dass die Stadt Berlin richtig gehandelt hat. Sie hat hier nach dem Fall der Mauer keine überstürzte Planung realisiert. Nun kann vor dem Hintergrund aktueller Planungen für den Alexanderplatz und den Molkenmarkt und unter dem Vorzeichen von Klimaanpassung und Mobilitätswende in Ruhe gestaltet werden.

Sie möchten mehr über Projekte der Hauptstadt erfahren? Wir haben die nächsten Planungsschritte auf dem ehemaligen Flughafenareal Berlin Tegel für Sie zusammengefasst.

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Wettbewerbsübersicht Dezember 2018 (2/2)

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Bewegung und Begegnung. © KCAP GmbH mit Ramboll Studio Dreiseitl

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Kulturquartier Lagarde-Campus, Bamberg – 1. Preis hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin, mit Sauerzapfe Architekten, Berlin

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse im Dezember.

Straßenräume in Wiehl – 1. Preis Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten, Bockhorn

Die Konversion der Lagarde-Kaserne soll in Bambergs Osten einen lebendigen, nutzungsgemischten Stadtteil schaffen – mit dem „Kulturquartier Lagarde“ als attraktive Quartiersmitte. Zwei Stadtplätze prägen zukünftig die neue Mitte und sollen mit ihrer frühzeitigen Schaffung einen wichtigen Baustein zur Entwicklung des Quartiers bilden. Der Siegerentwurf sieht zwei Baumhaine vor, welche die beiden Plätze verbinden, aber jedem einzelnen einen eigenen Charakter zugestehen. Der Lagarde-Platz südlich der Reithalle gestaltet sich als grüner Quartiersplatz, der stellvertretend für das gesamte Quartier, seine Transformation, sowie die nachhaltige Neuausrichtung steht. Der Platz ist Endpunkt der Grünverbindung Richtung Ostpark und zugleich urbanes Entrée des Quartiers. Als belebter Gegenpol dazu präsentiert sich der Kulturhof zwischen Reit- und Posthalle: Er ist unprätentiös und flexibel bespielbar, so die Jury. Außerdem bildet der Stadtplatz einen wichtigen Ankerpunkt für die Stadtverbindung zur Innenstadt.

Planungsdialog Hafner in Konstanz – 1. Preis KCAP, Zürich, mit Ramboll Studio Dreiseitl, Überlingen

Ein Transitraum wird zum Aufenthaltsraum, so die Entwurfsintention von Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten für das Zentrum von Wiehl. Ihr Siegerentwurf überwindet die starke Trennung des zergliederten Stadtraums und definiert Rathaus- und Hem-Platz als zentralen Platz am Kreuzungspunkt der Stadtachsen. Zukünftig prägt Naturstein das Zentrum – Farbnuancen und Materialwechsel berücksichtigen dabei die historische Differenzierung von Fahrbahn, Fußgängerbereich und Platzfläche. Der durchgehende Belag ermöglicht es, die angrenzenden Flächen anzubinden. Zusätzlich integriert eine breite winkelförmige Freitreppe die Kirche in den Stadtraum. Ein neuer Weg zwischen Rathaus und Kirche verbindet barrierefrei zur südlich gelegenen Wiehlaue. Um den Blick in die Flussaue zu ermöglichen, stellt der Entwurf die Wiehlbrücke frei. Zusätzliche Treppen und Bastionen vergrößern die Kontaktzone zum Fluss. Die neuen Stadtbäume bilden mit auffälliger Blüte und Herbstfärbung einen spannenden Kontrast zur Aue. Prägende Möblierungselemente wie die Baumbänke entwickeln die Planer in Anlehnung an regionaltypische Gestaltungselemente und Materialien.

In Konstanz soll mit rund 2800 Wohneinheiten der neue Stadtteil Hafner entstehen. Das Planungsteam aus KCAP und Ramboll Studio Dreiseitl überzeugte die Jury mit einer prägnanten Entwurfsidee, dem sogenannten „Hafner-Ring“. Zusätzlich zur großen grünen Mitte bildet das grüne Infrastrukturband eine freiraum- und städtebaulich relevante Struktur für den Stadtteil mit seinen zukünftig rund 8000 Bewohnern. Das grüne Band zieht sich mit robusten und multifunktional nutzbaren Erholungs- und Erlebnisräumen im Bogen durch das neue Stadtquartier und verbindet es mit dem historischen Kern Wollmatingen. Das Siegerteam sieht für das rund 60 Hektar große Areal keine strikte Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe vor. Stattdessen mischen die Planer die Nutzungen. Das Quartier ist weitgehend autofrei konzipiert und stellt die Lebensqualität in den Vordergrund. Die Jury sieht in dem Entwurf das größte Innovationspotential, um den Stadtteil zukunftsfähig zu gestalten, sowie an Veränderungen der nächsten Jahre anzupassen.

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