07.01.2022

Projekte

David Chipperfield erntet Kritik in Düsseldorf

von Julia Treichel

Die Signa-Gruppe will gemeinsam mit David Chipperfield Architects den Heinrich-Heine-Platz in Düsseldorf neugestalten. Ein großer Konfliktpunkt in der Düsseldorfer Stadtgesellschaft ist dabei ein Lichthof, den die Stadt nun mehrfach – insbesondere die SPD-Fraktion – als „Loch“ bezeichnet. Alles zum Entwurf und der Kritik.

Zwischen Königsallee und Altstadt liegt in Düsseldorf der Heinrich-Heine-Platz. Er ist ein zentraler Ankunftsort für Besucher*innen der Altstadt. Östlich liegen die Einkaufsstraßen mit zahlreichen Geschäften. Im Westen fließt der Rhein. Der Platz ist als fußläufige Verbindung zum Fluss wichtiger Querungspunkt. Doch nicht nur als Durchgangspassage spielt er eine Rolle. Am historischen Prachtboulevard und der Hauptverkehrsstraße Heinrich-Heine-Allee gelegen, dient er bereits heute als Treffpunkt. Die Stadt Düsseldorf selbst spricht von einer großen Bedeutung, die der Platz im Stadtgefüge einnehme. Qualitätsvoller Aufenthalt ist trotz der prominenten Lage jedoch kaum möglich. Darin sind sich Anwohner*innen und die Politik einig. Bereits im Dezember 2020 hatte der Stadtrat deshalb ein Planungskonzept zur Platzgestaltung des Heinrich-Heine-Platzes beschlossen. Darin waren Konzepte zu Verkehr, Begrünung, Aufenthaltsqualität und Sicherheit festgehalten. Die Signa-Gruppe stieß die Umgestaltung maßgeblich an. Das Immobilienunternehmen ist Eigentümerin des Carsch-Hauses am Heinrich-Heine-Platz 1. David Chipperfield Architects soll das Projekt umsetzen.

Neugestaltung des Heinrich-Heine-Platzes (Visualisierung: SIGNA Real Estate)
Neuer Platz für Fußgänger*innen und Radfahrende (Visualisierung: SIGNA Real Estate)

Neugestaltung in Düsseldorf durch David Chipperfield Architects

 

Planungsdezernentin Cornelia Zuschke beschreibt den Platz laut RP online mit den Worten: „Er steckt tief in der Seele der Düsseldorfer und weckt Emotionen.“ Damit hat sie Recht. Nicht nur der Platz an sich hat einen Platz im Herzen der Bevölkerung. Auch dessen Umgestaltung erhitzt aktuell die Gemüter. Eine rege Bürgerbeteiligung führte zu Änderungen an den ersten Plänen. Nun präsentierten die Beteiligten die überarbeiteten Entwürfe. David Chipperfield forderte eine Rückeroberung des Raumes in Düsseldorf. Der Entwurf sieht einen Eingriff in die Verkehrsflächen vor, wodurch die Platzfläche von 1200 auf 2500 Quadratmeter verdoppelt wird. Wesentliche Elemente der Gestaltung sind die Verlängerung der Heinrich-Heine-Allee bis zum Wilhelm-Marx-Haus. Weiterhin geplant ist eine Baumreihe auf dem Platz. Wegen des Unterbaus können hier nur zwei Solitäre gepflanzt werden – ursprünglich geplant waren vier. Insgesamt werden neun Bäume neu gesetzt. Eine Grünoase sei eine zu euphorische Formulierung, sagte Verkehrsdezernent Jochen Kral. Er spricht von einem gut begrünten Stadtplatz.

Ein „Loch“ als Platzgestaltung?

Ein weiterer Gestaltungsaspekt von David Chipperfield fällt zudem auf. Durch den Umbau des Carsch-Hauses entsteht mehr Freiraum. Der Entwurf sieht vor den Pavillon vor dem 1915 erbauten Kaufhaus mit neoklassizistischer Sandsteinfassade abzubauen. An seiner statt entsteht eine ausladende Wendeltreppe ins Untergeschoss. Der schneckenförmig eingegrabene Tiefhof soll das Untergeschoss mit Tageslicht erhellen. Im abgeänderten Entwurf ist die Freifläche unter Geländeniveau mit 220 Quadratmetern etwa 20 Quadratmeter kleiner als im ersten Entwurf. Ob das die Kritiker*innen besänftigt, ist ungewiss. Der abgesenkte Bereich sei mit zahlreichen Risiken verbunden. Das Untergeschoss könne mit Müll und Fäkalien verdreckt werden, so die Stadt Düsseldorf und Signa. In Diskussionen im Ordnungs- und Verkehrsausschuss fiel die abfällige Bezeichnung „Loch“. Auch berge der schwer einsehbare Bereich ein hohes Sicherheitsrisiko. Außerhalb der Geschäftszeiten könne ein Brennpunkt entstehen, sagte Manfred Neuenhaus (FDP). Kritisiert wurde weiterhin, der Zugang zum Kaufhaus als prägnantestes Gestaltungselement käme dem Investor, aber nicht der Stadt zugute.

Blick auf den tiefergelegenen Platz (Visualisierung: SIGNA Real Estate)
David Chipperfields Entwurf sieht einen großzügigen Eingangsbereich im Untergeschoss des Carschhauses vor. (Visualisierung: SIGNA Real Estate)

Rückeroberung des Straßenraumes

 

Grundsätzlich hält man derzeit am Entwurf von David Chipperfield fest. Soziale Kontrolle und ein passendes Lichtkonzept sollen Negativentwicklungen im Hof entgegenwirken. Doch eine Sperrung bei Nacht will man unbedingt vermeiden. Diese würde sicherlich auch der von Chipperfield geforderten Rückeroberung des Stadtraumes widersprechen. Eine eindeutige Zurückeroberung zu Gunsten der Fußgänger*innen und Radfahrer*innen ist hinsichtlich der Verkehrsflächen daher vorgesehen. Der Pkw-Verkehr wird zukünftig nicht mehr um das Carsch-Haus herum zur Kasernenstraße geführt. Er soll mit einer Spur pro Fahrtrichtung durch die Breite Straße abgewickelt werden. Dadurch verdoppelt sich die Platzfläche. Weiterhin entsteht auf der Heinrich-Heine-Allee ein breiter Radweg in zwei Richtungen. Der Verkehrsumbau in Höhe von 10,5 Millionen Euro trägt die Stadt. Die Platzgestaltung finanziert die Signa Gruppe. Wie hoch die Baukosten dafür sind, ist noch unklar.

Düsseldorf arbeitet gemeinsam an der Stadtgestaltung der Zukunft

Unklar ist auch, ob der aktuelle Entwurfsstand in seiner jetzigen Form in die nächste Phase gehen kann. Der Planungsprozess begann 2019. Das Dezernat für Planen, Bauen, Mobilität und Grundstückswesen hatte diverse Workshops organisiert. Die Eigentümerin des Carsch-Hauses und Verteter*innen aus der Politik und Bevölkerung hatten gemeinsam mit Planungsbüros das städtebauliche Konzept folglich erarbeitet. Der Planungsbeschluss errang 2020 schließlich die Mehrheit.

Am 6. Dezember diesen Jahres steht inzwischen die Sitzung im Stadtrat an. Dabei soll über die Weiterentwicklung des Projekts beraten werden. Dann kann gegebenenfalls eine Genehmigung erfolgen. Die Stadt Düsseldorf weiß, dass die Entwicklungen am Heinrich-Heine-Platz für die gesamte Stadt von Interesse sind. Bis 31. Oktober 2021 lief im – noch stehenden – Pavillon am Carsch-Haus eine Ausstellung zum Projekt. Online können die Inhalte zur Geschichte und Zukunftsvision des Stadtplatzes noch abgerufen werden. Falls Entwurfs- und Genehmigungsplanung wie geplant voranschreiten, könnten die Bauarbeiten 2023 starten. Und bereits 2024 könnte der Heinrich-Heine-Platz fertiggestellt werden.

Auch das Metro-Großmarkt-Gelände in Düsseldorf soll umgestaltet werden. Mehr dazu lesen Sie bei uns.

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