Design Fiction in der Planung – Visionäre Werkzeuge zwischen Utopie und Realität

Digitale Grafik von Treppenstufen, die eine futuristische, virtuelle Architektur repräsentieren, inspiriert von Design Fiction.
Innovative Werkzeuge zur Simulation zukünftiger urbaner Räume. Foto von remapstudio auf Unsplash.

Stadtplanung mit Science-Fiction-Charakter? Design Fiction ist längst kein Spinnkram für Zukunftsforscher mehr, sondern ein ernstzunehmendes Werkzeug in der professionellen Planung. Wer heute innovative urbane Räume schaffen will, muss nicht nur das Machbare denken, sondern das Mögliche visionieren – und das Unmögliche zumindest simulieren. Noch nie war es so relevant, mit Design Fiction neue Perspektiven für Städte, Landschaften und das urbane Leben zu entwickeln. Höchste Zeit, diese Methode genauer zu betrachten – und ihre Chancen wie Risiken für die Planungspraxis in Deutschland, Österreich und der Schweiz auszuloten.

  • Definition und Herkunft des Begriffs Design Fiction und seine Bedeutung für die Planungspraxis
  • Design Fiction als Werkzeug für Vision und Innovation in der Stadt- und Landschaftsplanung
  • Konkrete Methoden, Techniken und Best-Practice-Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum
  • Der Balanceakt zwischen Utopie und Realität – Chancen und Stolperfallen
  • Design Fiction im Spannungsfeld von Governance, Partizipation und digitaler Transformation
  • Kritische Reflexion: Risiken von Technokratie, Fehldeutungen und gesellschaftlicher Akzeptanz
  • Praktische Anwendungsfelder: Klimaresilienz, Mobilitätswende, urbane Gemeingüter
  • Empfehlungen für Planer, wie Design Fiction Prozesse in der eigenen Praxis produktiv werden können
  • Ausblick: Wie Design Fiction die Strategien und Instrumente der Stadtentwicklung revolutioniert

Design Fiction: Definition, Herkunft und Bedeutung für die Planung

Design Fiction klingt erst einmal wie ein Widerspruch in sich – ist Design nicht immer an das Reale gebunden, an das, was gebaut, gepflanzt oder gestaltet werden kann? Die Antwort ist eindeutig: nein. Design Fiction ist die bewusste Erweiterung des Planungsdenkens um das Spekulative, das Visionäre, das noch nicht Machbare. Der Begriff wurde maßgeblich von Julian Bleecker geprägt, einem amerikanischen Forscher und Designer, der Design Fiction als die „Erfindung, Prototypisierung und Erzählung von möglichen Zukünften“ beschreibt. Es geht dabei nicht um Science-Fiction zum Selbstzweck, sondern um die methodische Entwicklung von Zukunftsszenarien, die als Diskussionsgrundlage, Innovationsmotor und Reflexionsfläche für reale Planungsentscheidungen dienen.

Im Unterschied zur klassischen Utopie ist Design Fiction immer an Gestaltung gebunden. Es werden keine idealisierten Endzustände beschrieben, sondern konkrete Prototypen, Artefakte, Stadtmodelle oder Alltagsgegenstände aus einer möglichen Zukunft entworfen. Diese „Zukunft in der Gegenwart“ wird dann genutzt, um aktuelle Planungsprozesse zu irritieren, zu inspirieren oder kritisch zu hinterfragen. Das ist hochrelevant für Disziplinen wie Urbanistik, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, die sich stets in der Spannung zwischen dem, was heute realistisch ist, und dem, was morgen wünschenswert oder notwendig wird, bewegen.

Gerade im deutschsprachigen Raum, wo Planungsgremien, Verwaltung und Öffentlichkeit eng miteinander verwoben sind, eröffnet Design Fiction einen neuen Möglichkeitsraum. Es zwingt dazu, bestehende Routinen und Paradigmen zu verlassen, ohne ins Beliebige abzurutschen. Stattdessen werden zukünftige Herausforderungen – Klimawandel, Digitalisierung, Ressourcenknappheit, soziale Fragmentierung – vorweggenommen und mit konkreten Entwürfen „durchgespielt“. Die Methode ist dabei offen, kann als Rollenspiel, als Prototyping, als szenisches Storytelling oder als digitale Simulation ausgeführt werden.

Für die Praxis bedeutet das: Design Fiction ist kein netter Nebenschauplatz, sondern ein Instrument, um Unsicherheiten produktiv zu machen. Wer heute ernsthaft innovative und resiliente Strukturen planen will, muss sich mit den Zukünften – im Plural – auseinandersetzen. Die klassischen Instrumente der Stadtentwicklung reichen hierfür selten aus. Design Fiction ergänzt sie um eine Ebene der Vorstellungskraft, die nicht an die Zwänge des Hier und Jetzt gebunden ist, sondern das Morgen bereits sichtbar macht.

Die Bedeutung für die professionelle Planung liegt auf der Hand. In Zeiten multipler Krisen und disruptiver Umbrüche braucht es Methoden, die nicht nur Risiken minimieren, sondern Chancen antizipieren. Design Fiction ist solch ein Werkzeug – intelligent, provokant und immer einen Schritt voraus. Wer es beherrscht, gestaltet nicht nur die Stadt von heute, sondern auch die von übermorgen.

Methoden und Techniken: Wie Design Fiction in der Planungspraxis funktioniert

Design Fiction ist kein festes Verfahren, sondern ein methodischer Werkzeugkasten, der je nach Projektziel, Teilnehmerkreis und Fragestellung unterschiedlich gefüllt werden kann. Im Zentrum steht stets die Erzeugung von Zukunftsbildern, die so konkret und greifbar sind, dass sie als Prototypen oder Artefakte in die Gegenwart geholt werden. In der Praxis bedeutet das oft: Ein Team aus Planern, Architekten, Technikern und manchmal auch Künstlern entwickelt gemeinsam „fiktive Artefakte“ – etwa Visualisierungen, Mock-ups, Objekte, Apps oder sogar fiktive Gesetzestexte. Diese werden dann genutzt, um Diskussionen zu führen, Handlungsoptionen zu testen oder Stakeholder zu irritieren – und damit zum Umdenken zu bewegen.

Ein besonders wirkungsvolles Instrument ist das sogenannte „Speculative Prototyping“. Hier entstehen nicht nur Renderings oder Storyboards, sondern physische Modelle, digitale Zwillinge oder interaktive Installationen, die eine mögliche Zukunft erlebbar machen. In der Landschaftsarchitektur sind dies beispielsweise maßstabsgetreue Modelle von Parks, die auf den Klimawandel reagieren, oder Konzeptstudien für adaptive Infrastrukturen, die auf veränderte Mobilitätsmuster eingehen. In der Stadtplanung wiederum werden mit Hilfe von Design Fiction alternative Quartiersmodelle entworfen, die etwa die Auswirkungen radikaler Sharing-Konzepte oder dezentraler Energieversorgung simulieren.

Eine weitere Technik ist das szenische Rollenspiel, das häufig als „Future Workshop“ organisiert wird. Hier nehmen unterschiedliche Akteure – Planer, Verwaltung, Bürger, Investoren – die Rollen von Zukunftsakteuren ein und verhandeln gemeinsam die Herausforderungen und Chancen eines fiktiven, aber plausiblen Szenarios. Diese Methode ist besonders wertvoll, um versteckte Annahmen, blinde Flecken oder systemische Widersprüche in bestehenden Planungsprozessen offenzulegen. Sie fördert zudem die Interdisziplinarität und bringt Perspektiven zusammen, die sonst selten aufeinandertreffen.

Digitalisierung und Virtual Reality haben das Spektrum der Design Fiction in den letzten Jahren massiv erweitert. Virtuelle Stadtmodelle, interaktive Umgebungen, Augmented-Reality-Anwendungen: All diese Tools ermöglichen es, Zukunftsszenarien immersiv und kollaborativ zu erleben. Insbesondere Urban Digital Twins bieten hier eine spannende Brücke zwischen spekulativem Design und datenbasierter Planung. Sie machen es möglich, alternative Zukünfte nicht nur zu entwerfen, sondern auch unmittelbar auf ihre Plausibilität und Auswirkungen zu testen.

Doch Design Fiction ist mehr als eine Sammlung von Techniken. Entscheidend ist der Mindset: Es geht darum, sich von der Dominanz des Machbaren zu lösen und das Denkbare in den Mittelpunkt zu stellen. Das erfordert Mut, Offenheit und die Bereitschaft, vermeintlich „unrealistische“ Ideen als wertvolle Impulse zu begreifen. Denn oft sind es gerade die zunächst abwegigen Visionen, die den Horizont verschieben und echte Innovation möglich machen.

Zwischen Utopie und Realität: Chancen und Herausforderungen in der Anwendung

Design Fiction bewegt sich stets auf dem schmalen Grat zwischen inspirierender Utopie und pragmatischer Planung. Genau darin liegt ihre produktive Kraft – aber auch ihr Risiko. Einerseits ermöglichen Design-Fiction-Prozesse, radikale Alternativen zu entwickeln und bislang Undenkbares in die Diskussion einzubringen. Das kann gerade bei Themen wie Klimaresilienz, Mobilitätswende oder dem Umgang mit neuen Technologien enorm wertvoll sein. Wer etwa heute schon die Auswirkungen von autonomen Fahrzeugen, smarten Infrastrukturen oder veränderten Arbeitswelten simuliert, kann Strategien entwickeln, die langfristig tragfähig sind.

Andererseits droht die Gefahr, dass Design Fiction zur reinen Spielerei verkommt – oder, noch schlimmer, zur technokratischen Legitimation von ohnehin geplanten Maßnahmen. Besonders problematisch wird es, wenn spekulative Szenarien ohne Einbindung der relevanten Akteure entwickelt werden. Dann entstehen schnell „Black Box“-Futures, die von der Lebenswirklichkeit der Stadtbewohner entkoppelt sind. Die Folge: Misstrauen, Ablehnung und eine sinkende Akzeptanz für Innovationen.

Ein weiteres Dilemma ist die berühmte „Realisierbarkeitsfalle“. Viele Planer sind es gewohnt, nur das zu denken, was im Rahmen von Gesetzen, Budgets und politischen Mehrheiten umsetzbar erscheint. Design Fiction durchbricht diese Schranken – riskiert dabei aber, als realitätsfern abgetan zu werden. Hier braucht es eine neue Fehlerkultur und das Vertrauen darauf, dass auch gescheiterte oder verworfene Zukünfte wertvolle Erkenntnisse liefern.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle der Governance: Wer entscheidet, welche Zukunftsvisionen entwickelt und verfolgt werden? Wie werden Machtasymmetrien, Interessenkonflikte und gesellschaftliche Vielfalt abgebildet? Design Fiction kann nur dann zur Demokratisierung der Planung beitragen, wenn sie transparent, inklusiv und offen angelegt ist. Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo unterschiedliche Disziplinen und Akteure gemeinsam an den Zukünften arbeiten – und nicht, wenn Design Fiction zur Spielwiese für Eliten oder Tech-Konzerne wird.

Schließlich gibt es noch die Herausforderung der Kommunikation. Design Fiction lebt davon, dass fiktive Artefakte und Szenarien so glaubwürdig und anschaulich sind, dass sie Diskussionen anstoßen. Das erfordert eine neue Sprache in der Planung – eine, die nicht nur Experten, sondern auch Laien mitnimmt. Die Kunst besteht darin, Komplexität zu reduzieren, ohne zu vereinfachen. Nur so wird Design Fiction zum produktiven Teil der Stadt- und Landschaftsentwicklung.

Best-Practice-Beispiele: Design Fiction in der deutschsprachigen Stadt- und Landschaftsplanung

Auch wenn Design Fiction im deutschsprachigen Raum noch als Nische gilt, gibt es bereits zahlreiche Projekte, die zeigen, welches Potenzial in der Methode steckt. Ein herausragendes Beispiel ist das Projekt „FutureCity_Lab“ in München, bei dem ein interdisziplinäres Team alternative Szenarien für die Mobilität der Zukunft entwickelt hat. Hier wurden nicht nur technische Lösungen, sondern auch soziale, ökologische und ökonomische Aspekte in spekulativen Stadtmodellen zusammengeführt. Das Ergebnis: Ein Mix aus realisierbaren und visionären Maßnahmen, die Politik und Verwaltung als Entscheidungsgrundlage dienen.

In Wien wurde im Rahmen des „Urban Innovation Vienna“-Programms ein Design-Fiction-Prozess gestartet, der neue Wohnformen für das Jahr 2040 entwarf. Hier wurden unter anderem Prototypen für adaptive Fassaden, dezentrale Energieversorgung und flexible Grünräume entwickelt – und mit Hilfe von Virtual Reality erlebbar gemacht. Der Clou: Bürger konnten sich in den simulierten Stadtteilen bewegen und Feedback geben, was wiederum in die reale Planung einfloss. Ein Paradebeispiel für die Verbindung von Design Fiction, Partizipation und digitaler Innovation.

Die Landschaftsarchitektur hat Design Fiction vor allem im Kontext von Klimaresilienz und Biodiversität eingesetzt. Ein Beispiel ist das Projekt „Rhein2050“ im Raum Basel, bei dem alternative Flusslandschaften entworfen wurden, um auf verschiedene Klimaszenarien zu reagieren. Hier entstanden nicht nur Planzeichnungen, sondern auch erzählerische Kurzfilme, die den Alltag am Fluss im Jahr 2050 aus verschiedenen Perspektiven zeigten. Durch diese narrative Herangehensweise wurden neue Allianzen zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Stadtentwicklung möglich.

Bemerkenswert sind auch die Experimente mit Urban Digital Twins, wie sie in Hamburg und Zürich laufen. Hier werden Design-Fiction-Szenarien direkt in digitale Zwillinge eingespeist: Wie verändert sich ein Stadtviertel, wenn der Individualverkehr stark zurückgeht? Was passiert, wenn plötzlich Schwammstadt-Prinzipien flächendeckend umgesetzt werden? Solche Simulationen liefern nicht nur Daten, sondern öffnen neue Horizonte für die strategische Stadtentwicklung.

Diese Beispiele zeigen: Design Fiction ist kein Luxus für akademische Debatten, sondern ein handfestes Werkzeug für die Praxis. Wer sich traut, mit fiktiven Zukünften zu arbeiten, gewinnt neue Handlungsoptionen, bessere Entscheidungsgrundlagen und oft auch mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft, eingetretene Pfade zu verlassen – und das Unbekannte als Chance zu begreifen.

Fazit: Design Fiction als Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Planungskultur

Design Fiction ist weit mehr als ein modischer Hype aus der Innovationsszene. Es ist eine methodische Haltung, die die Professionen der Stadt-, Landschafts- und Raumplanung dringend brauchen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen. In einer Zeit, in der Unsicherheiten, Zielkonflikte und komplexe Wechselwirkungen die Stadtentwicklung prägen, bietet Design Fiction die Möglichkeit, neue Wege zu denken – und sie auch zu testen, bevor teure Fehlentscheidungen getroffen werden.

Die Methode hilft, blinde Flecken im eigenen Denken zu erkennen, neue Allianzen zu schmieden und gesellschaftliche Debatten zu versachlichen. Sie zwingt dazu, über den Tellerrand bestehender Routinen hinauszublicken und Zukunft nicht als Bedrohung, sondern als Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Sicher: Design Fiction ist kein Ersatz für klassische Planung, keine Garantie für Erfolg, keine Wunderwaffe gegen Unsicherheit. Aber sie ist ein Werkzeug, das Mut macht, das Machbare immer wieder neu zu definieren und den Möglichkeitsraum der Planung konsequent zu erweitern.

Für Planer, Kommunen und Politik bedeutet das: Wer Design Fiction klug einsetzt, wird nicht nur resilienter, sondern auch innovativer. Die Stadt von morgen entsteht nicht allein am Reißbrett oder im Stadtrat, sondern im Zusammenspiel von Vision, Beteiligung und Reflexion. Design Fiction bietet dafür den nötigen Rahmen – und die Freiheit, auch das Undenkbare zu denken. Das ist nicht nur intelligent, sondern auch dringend nötig.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Design Fiction ist gekommen, um zu bleiben. Sie ist die Brücke zwischen Utopie und Realität, zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und sie ist das Werkzeug, das die Planung der Zukunft verdient hat. Wer sie ignoriert, bleibt im Gestern. Wer sie nutzt, gestaltet das Morgen – und zwar mit Stil, Verstand und einer ordentlichen Portion Neugier.

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Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
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Für Roth bei Nürnberg schreitet das größte Städtebauprojekt der letzten Jahrzehnte voran. Es handelt sich hierbei um die Konversion des stillgelegten Leoni-Fabrikgeländes in das sogenannte Rother Neuland. Dafür lobte die Stadt dieses Jahr einen städtebaulichen und freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb aus. Jetzt stehen der Siegerentwurf fest.

KlimaQuartier statt Fabrikgelände

Her mit der Transformation vom brachen Industriestandort zum lebendigen Zukunftsquartier Rother Neuland! Für dieses Vorhaben wird Roth seit 2022 durch das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr innerhalb „Landstadt Bayern“ gefördert. Des Weiteren gab es Anfang diesen Jahres eine enthusiastisch aufgenommene Büger*innenbeteiligung. Dabei kristallisierten sich die wichtigsten Themen heraus, zum Beispiel Mobilität und Ökologie. Darüber hinaus hat das Gelände eine besondere Lage. Es befindet sich im Stadtzentrum. Mit sieben Hektar liegt es außerdem zwischen Bahnhof und Marktplatz sowie an zwei Fließgewässern. Jetzt ging das Team um SCHIRMER Architekten + Stadtplaner, planetz Architektenpartnerschaft und deBuhr LA Landschaftsarchitektur als Sieger hervor. Wie überzeugte also der Entwurf „klimaPARKquartier“? 

Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Städtebauliche Struktur und Flexibilität 

Die Gebietsentwicklung des Rother Neulands wird über einen langen Zeitraum erfolgen. Deshalb ist die Grundstruktur robust. Aber es wird ausreichend flexiblen Entwicklungsspielraum geben. Die Jury lobte dabei die angemessen dichte, bauliche Struktur. Richtung Innenstadt präsentiert sich das Viertel mit urbaner Atmosphäre aus gefassten Räumen und Blockstrukturen. Die angrenzenden Wohnhöfe haben dagegen einen Gartenstadt-Charakter. Im Nordosten liegt ein großzügiges, freiräumliches Entree. 

Grünstruktur

Das Privatgelände wird zum öffentlichen Landschaftspark. Das Konzept des Rother Neulands sieht eine Bebauung in der Grundstücksmitte vor. Dafür wird es in ein breites, durchgehendes Landschaftsband eingebettet. Durch räumliche und visuelle Bezüge erhalten das Schloss, die Kulturfabrik und Fließgewässer so neue Wertigkeit im Stadtgefüge. Anstelle einer Zäsur gibt es nun eine Verbindung zwischen der Stadt, der Rednitzinsel und den umgebenden Landschaftsräumen. Der Entwurf führt dabei die bestehenden ökologisch und erholungstechnisch wertvollen Landschaftsstrukturen fort. „Mit den großzügigen Grünräumen und zusätzlichen Baumpflanzungen wird ein sehr guter Beitrag zur klimatischen Verbesserung der umliegenden Stadtquartiere geschaffen“ sagte das Preisgericht. Auch der Luftaustausch wird berücksichtigt. Die Wiesen sind gleichzeitig Überschwemmungszonen und die Belagsflächen dränfähig. Künftig interessant wird der detailliertere Umgang mit dem oberflächennahen Grundwasser. Auch das Thema Altlasten bereitet allen Beteiligten Sorgen.

Identität und Ressourcenschutz

Neben den Naturräumen bleibt auch die bauliche Geschichte des Ortes ablesbar. Zur Identitätsstiftung des Rother Neulands werden dafür Teile der Bausubstanz erhalten (zum Beispiel Drei-Bogenhalle, Pförtnerhaus). Deren Integration erhält aber nicht nur den Charakter des Ortes. So lässt sich auch die graue Energie nutzen.

Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Nutzungsmischung

Ein lebendiges Stadtquartier braucht Nutzungsmix. Um Arbeiten und Wohnen näher zu bringen plant das Siegerteam zum einen emissionsarme Produktionsprozesse und digitalisierte Arbeitsformen. Zum anderen schaffen sie soziale und kulturelle Angebote im Rother Neuland.

Mobilität

Einen weiteren vorbildlichen Umgang mit Ressourcen sieht man im nachhaltigen Erschließungskonzept. Die Infrastruktur baut nämlich auf dem Bestand auf. Dazu wird ein autofreies bzw. autoarmes Stadtquartier geschaffen. Hierfür plant man am Quartierseingang eine Großgarage als Mobilitätszentrale. Dagegen werden im Quartiersinneren der ÖPNV, Mobilitätsstationen und Sharing-Angebote ausgebaut. Außerdem schafft der Entwurf eine große innere Durchwegung und Verknüpfung mit der Umgebung.

Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Weiteres Vorgehen

Die sieben Wettbewerbsergebnisse sind bis zum 28. Juli 2023 in der Kulturfabrik Roths ausgestellt. Der Stadtrat beauftragte bereits das Planungsteam mit der Fortschreibung des Entwurfs. Die Ergebnisse aus einer Online-Umfrage im Rahmen von „Landstadt Bayern“ müssen dabei im weiteren Planungsprozess berücksichtigt werden.

Auch in einem ehemaligen Industriegebiet findet das „Quartier der tanzenden Paare“ in der Schweiz auf dem Erni-Areal Platz. Das Besondere: Studio Vulkan gestalten zusammen mit KCAP einen Raum in der Siedlung nach dem Schwammstadt-Prinzip.

Parc des Ateliers

Der spektakuläre Neubau der Stiftung Luma Arles ist ein Kunstwerk für die Kunst: Frank Gehrys Turm ist Museum und Atelierbau zugleich. Er bildet den Höhepunkt eines Kunst- und Kulturareals, das die Luma-Gründerin Maja Hoffmann im Verlauf von 15 Jahren verwirklicht hat.

Luma Arles eröffnet „Parc des Ateliers“

Arles und Kunst – da ist natürlich der erste Gedanke van Gogh, der hier seinen Traum vom Atelier des Südens im Künstlergemeinschaft mit Gauguin zu verwirklichen suchte. Doch der Aufenthalt in Arles wurde für van Gogh zum Debakel. Nicht nur, dass die Zusammenarbeit mit Gauguin im Zerwürfnis endete – in Arles begann er auch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden, bis er sich schließlich in die Nervenheilanstalt im nahegelegenen Saint-Rémy begeben musste.

Fast erscheint es ein wenig, als habe sich Maja Hoffmann vorgenommen, van Goghs erlittenes Schicksal in Arles im Nachhinein zu heilen. Hoffmann, die der gleichnamigen Basler Großindustriellendynastie entstammt, ist eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen und -förderinnen weltweit. Seit beinahe 20 Jahren wirkt sie als Kulturinitiatorin und Mäzenin in Arles. Im Jahr 2004 gründete sie dort die Luma-Stiftung, die zeitgenössische Kunst fördert und beauftragt.

 

Drei Jahre später begann Maja Hoffmann gemeinsam mit dem Architekten Frank Gehry, dem Kurator Hans-Ulrich Obrist und einer Reihe bedeutender zeitgenössischer Künstler einen Arbeitsprozess. Die Beteiligten entwickelten gemeinsam Ideen für ein neuartiges Kunst- und Kulturzentrum für das 21. Jahrhundert. Als Standort für dieses Projekt wählte Hoffmann den „Parc des Ateliers“. Ein Gelände des seit den Achtzigerjahren aufgelassenen Bahnbetriebswerk der SNCF an Rande der historischen Altstadt von Arles. Die historischen Werkstattgebäude wurden in Verlauf der letzten Jahre von der Architektin Annabelle Selldorf renoviert. Nun beherbergt das Gebäude Ausstellungsräume, Künstlerateliers und -wohnungen sowie ein Restaurant.

Galerie, Atelier und eine öffentliche Aussichtsterrasse

Den krönenden Abschluss fand die Neugestaltung des „Parc des Ateliers“ nun mit der Eröffnung des „Towers“, eines 56 Meter hohen Ausstellungs- und Ateliergebäudes nach dem Entwurf von Frank Gehry. Die ersten Vorarbeiten zu dem Projekt begannen bereits 2009. 2013 begannen die Bauarbeiten. Das Ergebnis ist unübersehbar ein Werk Gehrys – der hier jedoch die für sein Werk so charakteristischen freien Formen mit gewaltigen geometrischen Volumina verbindet. So gestaltete der Architekt eine drei Stockwerke hohe Sockelzone als gewaltigen gläsernen Zylinder. Ein Verweis auf das römische Amphitheater von Arles.

Nachhaltige Baumaterialien entwickelt von Atelier Luma

 

Aus dem Zylinder empor wächst der eigentliche Turm. Dessen auf die Innenstadt ausgerichtete Seite präsentiert sich als glänzende und wild bewegte Metallhaut mit rechteckigen Fenstererkern. Auf der stadtabgewandten Seite scheint der Turm dagegen aus zwei kubischen Körpern zusammengesetzt, die leicht angewinkelt nebeneinanderstehen. Im Innern des Glaszylinders sind scheinbar frei im Raum verteilt die Volumina der unterschiedlichen Galerien untergebracht. Eine Organisationsform, die sich ähnlich auch in Gehrys Fondation Louis Vuitton in Paris findet. Auch mehrere Atelierräume für Künstler finden sich hier. Im Turm dagegen sind hauptsächlich die Verwaltungsräume der Stiftung untergebracht. Eine öffentliche Aussichtsterrasse bildet den oberen Abschluss.

Zahlreiche Kunstwerke, unter anderem von Philippe Parreno und Olafur Eliasson, sind wichtiger Bestandteil des Towers. Sie wurden speziell für diesen Ort geschaffen. Ebenfalls Teil der Arbeit der Luma-Stiftung ist übrigens das Atelier Luma. Diese Werkstätte hat verschiedene nachhaltige Bau- sowie Einrichtungsteile aus heimischen Materialien für das Projekt entwickelt: So finden sich im Gebäude unter anderem textile Wandverkleidungen aus Bioplastik, mit Algen gefärbte Fliesen und Akustikelemente aus Sonnenblumen.

Ein weiteres Museum geschmückt mit gelungenen architektonischen Details sehen Sie hier.