23.07.2025

Gesellschaft

Dialogische Planung: Energielandschaften gestalten

In einem reifen Weizenfeld steht ein Windrad, im Vordergrund führt eine Straße vorbei, im Hintergrund erstreckt sich ein Wald, der Himmel ist blau mit wenigen, kleinen Wolken; Wie können Anlagen für Erneuerbare Energie geplant und gestaltet werden, dass sie nicht nur funktional sind – sondern sich mit der Landschaft vertragen und die Gesellschaft sie akzeptiert? Dieser Frage ging ein Webinar des vhw zu dialogischer Planung von Energielandschaften nach. Foto: Bernd Dittrich auf Unsplash
Wie können Anlagen für Erneuerbare Energie geplant und gestaltet werden, dass sie nicht nur funktional sind – sondern sich mit der Landschaft vertragen und die Gesellschaft sie akzeptiert? Dieser Frage ging ein Webinar des vhw zu dialogischer Planung von Energielandschaften nach. Foto: Bernd Dittrich auf Unsplash

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist ein zentrales Projekt im Kampf gegen die Klimakrise – und sorgt dennoch vielerorts für Kontroversen. Während bundesweit an Wind- und Solarparks geplant wird, regt sich in betroffenen Regionen häufig Widerstand. In den hitzigen Debatten bleibt eine wichtige Stimme oft ungehört: die der Landschaft selbst. Wie eine Dialogische Planung mit Bürger*innen vor Ort und in Auseinandersetzung mit der Landschaft anders gelingen kann, diskutierten Sören Schöbel und Claus Herrmann am 16. Juli 2025 in einem gut besuchten Webinar des vhw Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, moderiert von der Autorin dieses Nachberichtes.


Windenergieausbau: nicht nur technisch eine Herausforderung

Die Energiewende zählt zu den zentralen Vorhaben im deutschen Klimaschutz. Bis 2030 soll laut Bundesregierung der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix auf 80 Prozent steigen. Konkrete Ausbauziele sind im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sowie im Windenergie-an-Land-Gesetz festgelegt.

Doch der Fortschritt ist regional höchst unterschiedlich. Knapp 40 Prozent der deutschen Windkraftleistung entfallen auf die norddeutschen Bundesländer – obwohl sie nur rund ein Fünftel der Landesfläche ausmachen. Neben den günstigen Windverhältnissen spielen hier auch politische Rahmenbedingungen eine Rolle. In Bayern etwa gilt ein besonders großer Mindestabstand von Windrädern zu Wohnsiedlungen – bekannt als 10H-Regel. Obwohl diese 2022 gelockert wurde, bleibt die Flächenbereitstellung ein umstrittenes Thema.

Nicht nur im Süden, sondern bundesweit stößt der Ausbau von Windenergie zwar grundsätzlich auf Zustimmung – aber im konkreten Fall fast genauso grundsätzlich auf Vorbehalte. In vielen Regionen regt sich Widerstand gegen neue Anlagen – ein Zeichen dafür, dass die Umsetzung der Energiewende nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich eine Herausforderung bleibt.


Unmut in betroffenen Regionen wächst

Wie Flächen für Windkraft ausgewiesen werden, ist entscheidend für den Erfolg der Energiewende – und für ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Bislang erfolgt die Auswahl meist nach dem Prinzip des sogenannten abschichtenden Planungsverfahrens: Zunächst werden Ausschlussflächen – etwa Siedlungen, Naturschutzgebiete oder sensible Bereiche – identifiziert und überlagert. Die übrigbleibenden Flächen gelten als Potenzialräume, in denen später Eignungs- und Vorranggebiete definiert werden.

Neben Abstandsvorgaben und Mindestgrößen fließen auch ästhetische Bewertungen des Landschaftsbilds ein. Letzteres wird in Wertstufen eingeteilt – mit der Folge, dass Windkraftanlagen häufig in sogenannten „ästhetisch minderwertigen“ oder bereits technisch vorgeprägten Landschaften konzentriert werden.

Diese Planungspraxis hat unbeabsichtigte Folgen: Sie fördert das Bild, dass Erneuerbare-Energien-Anlagen „unschön“ und störend seien – und ausschließlich in weniger attraktiven Regionen ihren Platz hätten. Damit widerspricht sie nicht nur dem breiten Rückhalt der Bevölkerung für die Energiewende, sondern auch dem Anspruch der Raumordnung, Landschaften und Ortsbilder ausgleichend und gestaltend zu entwickeln. In betroffenen Regionen wächst der Unmut – denn wo alles Störende konzentriert wird, steigt auch der Widerstand.


Experten für zukunftsweisende Landschaftsgestaltung

Wie kann die Planung von Energieinfrastrukturen so gestaltet werden, dass sie nicht nur funktional, sondern auch landschaftsverträglich und gesellschaftlich akzeptiert ist? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Webinar „Dialogische Planung von landschaftsbildgerechten Energielandschaften“, das der vhw am 16. Juli veranstaltete. Im Zentrum standen die Impulse zweier Experten, die sich für eine positiv-gestaltende, dialogorientierte Planungskultur starkmachen: die Landschaftsarchitekten Claus Herrmann und Sören Schöbel.

Beide Referenten bringen langjährige Erfahrung im Umgang mit Energielandschaften mit – aus unterschiedlichen Perspektiven. Prof. Dr. Sören Schöbel studierte Landschaftsplanung an der TU Berlin. Nach freiberuflicher Tätigkeit promovierte er dort über städtische Freiräume. Seit 2005 lehrt und forscht er als Professor für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume an der TU München mit Fokus auf Kulturlandschaft, erneuerbare Energien und Freiraumstrukturen. Auch als Sachverständiger im Denkmalschutz bringt er sich insbesondere bei Wind- und Solarprojekten ein.


Fruchtbarer Austausch zwischen Theorie und Praxis

Claus Herrmann, Geschäftsführer des Berliner Büros hochC, setzt sich seit über zwei Jahrzehnten mit der landschaftsverträglichen Integration erneuerbarer Energien auseinander. Nach dem Studium der Landespflege an der TFH Berlin gründete er im Jahr 2000 mit Gleichgesinnten verschiedener Fachdisziplinen den Verein ENERGIEGARTEN e. V. mit dem Ziel, Gestaltungsstandards für durch erneuerbare Energien geprägte Landschaften zu entwickeln. Seit 2006 leitet er hochC mit Schwerpunkten in der nachhaltigen Objektplanung und Wiederherstellung historischer Parks sowie der Integration erneuerbarer Energien in Kulturlandschaften. Zudem betreibt das Büro den podcast Let’s Talk Landscape.

Das Webinar bot so einen fruchtbaren Austausch zwischen Theorie und Praxis. Neben einer Einordnung bestehender Rahmenbedingungen präsentierten die Referenten vor allem innovative Konzepte und konkrete Beispiele für eine neue Kultur der Energielandschaftsgestaltung – mit dem Ziel, die Energiewende nicht nur technisch zu ermöglichen, sondern auch gestalterisch und gesellschaftlich mitzutragen.


Noch nicht unterzeichnet: die Europäische Landschaftskonvention

Landschaft ist mehr als nur Kulisse – sie ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Lebensqualität. Darauf verweist auch die Europäische Landschaftskonvention, die betont, dass alle Landschaften – ob städtisch oder ländlich, beschädigt oder hochwertig – gleichermaßen von Bedeutung sind. Landschaftsgestaltung bedeutet in diesem Sinne nicht nur Erhalt, sondern auch gezielte Verbesserung, Wiederherstellung und Neuschaffung. Ein Ansatz, der im deutschen Planungsverständnis bislang kaum verankert ist – auch weil Deutschland die Konvention bislang nicht unterzeichnet hat.

Doch auch im nationalen Recht finden sich Anknüpfungspunkte: Das Bundesnaturschutzgesetz (§ 1.1.3) verpflichtet dazu, die Vielfalt, Eigenart, Schönheit und den Erholungswert von Natur und Landschaft dauerhaft zu sichern. Der Schutz umfasst neben ihrer Pflege und – wenn erforderlich – Wiederherstellung aber auch explizit deren Entwicklung! Diese Formulierung lässt Raum für eine aktivere, gestalterische Auseinandersetzung mit dem Landschaftswandel.


Ansätze aus dem Ausland: Landschaft aktiv gestalten

Wie eine solche Gestaltung aussehen kann, zeigen Beispiele aus dem europäischen Ausland. In Frankreich arbeiten Planerinnen und Planer mit detaillierten Landschaftsstruktur-, Sichtachsen- und Szenarienanalysen, um Landschaftsräume behutsam weiterzuentwickeln.

In Spanien wurde empfohlen, Windkraftanlagen bewusst als identitätsstiftende Elemente in Regionen einzufügen, denen landschaftliche Kohärenz fehlt. Und in Belgien soll sich ein Windpark an den „Kraftlinien“ der Landschaft orientieren, so dass die Anlagen die Landschaft betonten, statt mit ihr zu konkurrieren. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich klingt, zeigt ein neues Selbstverständnis: Landschaft wird nicht nur geschützt, sondern aktiv gestaltet – als Teil einer Energiewende, die sowohl technisch als auch kulturell verankert ist.


Dialogische Planung mit der Landschaft

Für eine zukunftsfähige Energiewende braucht es auch eine neue Planungskultur. Davon sind Claus Herrmann und Sören Schöbel überzeugt. In ihrem Webinar plädierten sie für einen dialogischen Planungsansatz, der auf Kommunikation, Partizipation und gestalterischem Anspruch basiert. Ihr Vorbild: der behutsame Stadtumbau der Internationalen Bauausstellung Berlin (1984 bis 1987). Damals vollzog sich ein Paradigmenwechsel – weg vom rein rationalen Planungsmodell, hin zu einer Planung, die soziale, räumliche und kulturelle Kontexte ernst nimmt. Ein Modell, das sich laut den Dozenten auch auf heutige Herausforderungen in der Energielandschaft übertragen lässt.

Denn wenn es um die Gestaltung des Landschaftsraums geht, dürften nicht nur Politik und Verwaltung das Sagen haben. Auch Bürgerinnen und Bürger – und die Landschaft selbst – müssten „mit am Tisch sitzen“, so die Forderung.


Projekt in München: dialogische Planung funktioniert

Diesen Anspruch verfolgen die beiden Experten seit Jahren in Theorie und Praxis. Schöbel etwa interpretiert die Morphologie von Naturlandschaften und bringt diese mit der Formensprache von Windkraftanlagen in Einklang. Parabeln, Alleen, Stern- oder Rasterformationen – was wie eine Tanzchoreografie klingt, kann eine sinnliche Betrachtung eröffnen, wo sonst quantitative Faktoren im Vordergrund stehen.

Seine Vision: sinnstiftende Anlagen, die sinnfällig (gut wahrnehmbar und verständlich), sinnhaft (mit Bedeutung verbunden) und sinnvoll (als intelligente Veränderung) sind. Unter anderem in einem Projekt im Landkreis München hat er diese Prinzipien bereits gemeinsam mit Kommunen in konkrete Gestaltungsregeln übersetzt – ein Praxisbeweis dafür, dass dialogische Planung funktionieren kann.


Übersetzung in Gestaltung

Landschaftsarchitekt Claus Herrmann wartet mit zahlreichen Fallbeispielen aus der Praxis auf, wie erneuerbare Energien nicht nur funktional integriert, sondern gestalterisch wertvoll in die Landschaft eingebettet werden könnten. In Visionen für noch offene Tagebauflächen entwickelte Herrmann beispielsweise ortsspezifische Lösungen, bei denen Windkraftanlagen in Größe, Anordnung und Bauweise auf die Topografie reagieren. Auch das Projekt „Energiegarten“ zur IBA Fürst Pückler in der Lausitz zeigt, wie durch die Überlagerung verschiedener Energieformen zugleich Aufenthaltsräume für Menschen mit hoher gestalterischer Qualität entstehen können.

Besonders eindrucksvoll ist das langjährige Projekt Heeresversuchsstelle Kummersdorf – ein ehemaliges Militärgelände, das heute als größtes technisches Denkmal Brandenburgs unter Schutz steht. Zwischen Denkmalschutz, Naturschutz und Energienutzung prallen hier verschiedenste Interessen aufeinander. Gemeinsam mit seinem Büro hochC entwickelte Herrmann ein Konzept, das historische Strukturen bewahrt und zugleich für die Energiewende nutzbar macht: Solaranlagen und Windräder ordnen sich entlang ehemaliger Schießbahnen und verleihen der Landschaft eine neue Bedeutungsebene.


Ungenutztes Potenzial in Gestaltungswettbewerben

Auch im Naturpark Nuthe-Nieplitz beweist das Projekt Glauer Felder, wie sich Konversion, Umweltbildung und Energieproduktion verbinden lassen. Ehemalige Militärflächen wurden zu ökologisch wertvollen Räumen entwickelt, historische Relikte bewusst integriert. Ein Solarpark steht hier nicht im Widerspruch zur Natur, sondern wird Teil einer sich wandelnden Kulturlandschaft. Für Herrmann ist klar: Nur wenn erneuerbare Energien mit sinnstiftenden landschaftlichen Kompensationen vor Ort verknüpft werden, entstehen dauerhafte, identitätsstiftende Räume.

Als erfahrener Planer sieht er zudem ungenutztes Potenzial in Gestaltungswettbewerben – auch für Energielandschaften. Wettbewerbe könnten innovative Ideen hervorbringen, konkrete gestalterische Leitlinien für Bebauungspläne liefern und helfen, neue Perspektiven auf Energieräume zu eröffnen.


Landschaft neu verhandeln

Nicht nur die Landschaft selbst braucht mehr Aufmerksamkeit – auch der gesellschaftliche Dialog über Landschaft muss neu geführt werden. Was in der Europäischen Landschaftskonvention als selbstverständlich gilt, ist im deutschen Planungsalltag noch längst nicht etabliert.

Sören Schöbel zeigt, wie es anders gehen kann: In mehreren Beteiligungsverfahren – etwa in der bayerischen Gemeinde Roding – begleitete er Bürgerinnen und Bürger dabei, ihre Perspektiven auf die eigene Umgebung einzubringen. Ein eigens gegründeter, bewusst vielfältig besetzter Beirat befasste sich dort mit der Struktur der Landschaft und der Frage, wie erneuerbare Energien sinnvoll integriert werden können. Aus dem Wissen und der Erfahrung vor Ort entstanden konkrete Gestaltungsregeln, die in ein Wind- und Solarflächenkonzept übersetzt wurden. Das Ergebnis: höhere Akzeptanz, konkretere Planung – und ein Dialog auf Augenhöhe.


Die Spielräume sind gegeben

Auch das Webinar „Dialogische Planung von landschaftsbildgerechten Energielandschaften“, das vom Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung (vhw) veranstaltet wurde, verstand sich als Raum für Austausch. Anders als viele klassische Fachveranstaltungen setzte es bewusst auf Interaktion. Teilnehmende teilten eigene Erfahrungen aus der Praxis, diskutierten Konzepte und stellten kritische Nachfragen. Besonders das Beispiel aus Roding stieß auf breite Zustimmung – es zeigte, dass Partizipation nicht nur möglich, sondern auch wirkungsvoll ist.

Kritischer wurden einige der gestalterischen Ansätze zur Windenergie aufgenommen – vor allem dort, wo Planungen bereits weit fortgeschritten sind. Dennoch war der zentrale Impuls des Webinars deutlich: Es gibt Spielräume. Und es lohnt sich, diese zu nutzen. „Wollen wir den Kulturlandschaftswandel aktiv mitgestalten oder Tabuzonen und Eignungsgebiete passiv verwalten?“, fragte Claus Herrmann zu Beginn seines Vortrags. Die Antwort, die das Webinar liefert, ist klar: Nur wer gestaltet, schafft Akzeptanz – und damit die Grundlage für eine zukunftsfähige Energiewende.

Weitere Webinare zu ähnlichen Themen – zu Photovoltaikanlagen, umweltrechtlichen Anforderungen beim Energieausbau oder Umweltbelange im Netzausbau – finden sich auch der Webseite des vhw.

Auch interessant: Beiträge aus dem Themenfeld Mobilität und Verkehrswende finden Sie hier.

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