Beteiligung digital gedacht – was Tools leisten können (und was nicht)

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Ein lebendiges Stadtbild mit Verkehr und hohen Gebäuden, fotografiert von Bin White.

Beteiligung digital gedacht – eine Vision, die viele Kommunen elektrisiert und zugleich verunsichert. Können digitale Tools Beteiligungsprozesse wirklich revolutionieren – oder entpuppen sie sich als digitale Placebos, die mehr versprechen als sie halten? Wer heute Beteiligung plant, steht vor einer Flut an Plattformen, Apps und Visualisierungswerkzeugen, zwischen Partizipationshype und technischer Ernüchterung. Was können digitale Tools tatsächlich leisten – und wo stoßen sie unweigerlich an Grenzen? Willkommen im Dschungel der digitalen Beteiligung, wo zwischen Faszination und Frust alles möglich scheint.

  • Digitale Beteiligungstools sind weit mehr als Online-Umfragen – sie eröffnen neue Wege für Partizipation, Transparenz und demokratische Stadtentwicklung.
  • Von Visualisierung über Moderation bis hin zur Auswertung: Moderne Tools begleiten den gesamten Beteiligungsprozess und verändern die Rollen von Planern, Verwaltung und Öffentlichkeit.
  • Technische Möglichkeiten und Limitationen: Was können Plattformen, Apps und Simulationen wirklich leisten – und wo sind sie überfordert?
  • Rechtliche, soziale und kulturelle Herausforderungen: Datenschutz, digitale Exklusion und Vertrauen bleiben zentrale Stolpersteine.
  • Best Practices aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – und was wir von internationalen Vorreitern lernen können.
  • Die Zukunft digitaler Beteiligung: Von hybriden Formaten bis zu KI-gestützter Dialogmoderation – was kommt als Nächstes?
  • Fazit: Ohne Strategie und Haltung bleibt das beste Tool ein leeres Versprechen – digitale Beteiligung braucht Mut zur Transparenz und Lust auf Dialog.

Vom Bürgerforum zur App – Wie digitale Tools die Beteiligung neu denken

Vor nicht allzu langer Zeit war Beteiligung in der Stadtplanung eine Sache für das Gemeindehaus, das Foyer der Stadtverwaltung oder – für besonders Mutige – die Bürgerversammlung mit Beamer und Kaffeekanne. Doch die Pandemie hat den Turbo gezündet: Plötzlich wurden Beteiligungsprozesse ins Netz verlagert, mit Tools, die von einfachen Abstimmungsplattformen bis zu komplexen 3D-Visualisierungen reichen. Was zunächst als Notlösung begann, hat sich vielerorts als Chance entpuppt – digitale Tools versprechen niedrigschwelligen Zugang, größere Reichweite und neue Formen der Interaktion.

Doch was bedeuten diese Versprechen konkret? Ein digitales Beteiligungstool ist kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, analoge Formate einfach zu digitalisieren, sondern um das Potenzial, Beteiligung grundlegend neu zu denken. Die Bandbreite ist beeindruckend: Von kartenbasierten Online-Plattformen, die es Nutzern ermöglichen, Ideen direkt im Stadtraum zu verorten, über moderierte Diskussionsforen bis hin zu KI-gestützten Visualisierungen, die Planungsszenarien in Echtzeit simulieren. Die Digitalisierung eröffnet damit nicht nur neue Kanäle, sondern auch neue Inhalte – und verlangt von allen Beteiligten das Lernen neuer Kompetenzen.

Planer werden zu Moderatoren, Verwaltungsmitarbeiter zu Community-Managern, und Bürger übernehmen Rollen, die weit über das bloße Abstimmen hinausgehen. Die klassische Expertenbeteiligung verschiebt sich hin zu einer dialogorientierten, oft iterativen Zusammenarbeit, bei der Planung und Beteiligung Hand in Hand gehen. Besonders spannend ist dabei der Moment, in dem digitale Tools nicht nur Meinungen einsammeln, sondern im besten Fall zur Ko-Produktion einladen: Wenn Bürger nicht nur Vorschläge machen, sondern digitale Modelle mitgestalten, Varianten simulieren und so aktiv an der Zukunft ihrer Stadt mitarbeiten können.

Doch so verheißungsvoll diese neuen Möglichkeiten auch wirken, sie sind kein Allheilmittel. Viele Kommunen berichten von ernüchternden Erfahrungen: Geringe Beteiligungsquoten, technische Hürden, fehlende Moderation – und nicht zuletzt die Frage, wie die gesammelten Beiträge tatsächlich in die Planung einfließen. Digitale Tools können Beteiligung demokratisieren, aber sie bergen auch die Gefahr, bestehende Ungleichheiten zu verstärken. Wer nicht über die nötigen Geräte, Kenntnisse oder Sprachkompetenzen verfügt, bleibt außen vor. Die Digitalisierung der Beteiligung ist also kein Selbstläufer, sondern eine Aufgabe, die Strategie, Ressourcen und Haltung erfordert.

Gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt sich ein breites Spektrum an Ansätzen: Von ambitionierten Smart-City-Projekten über lokale Beteiligungsplattformen bis hin zu experimentellen Formaten, die analoge und digitale Methoden klug kombinieren. Entscheidend ist dabei nicht die Technologie selbst, sondern die Frage, wie sie in den lokalen Kontext eingebettet wird – und ob sie als Einladung zum Dialog verstanden wird oder als weiteres Instrument zur Legitimation bereits getroffener Entscheidungen.

Werkzeuge, Wunderwaffen, Wirklichkeit – Was digitale Tools wirklich leisten können

Wer heute einen Blick auf das digitale Beteiligungsangebot wirft, könnte leicht den Überblick verlieren: Es gibt Plattformen für Online-Beteiligung, Apps zur Bürgerinformation, Tools zur digitalen Visualisierung, KI-basierte Auswertungssysteme und vieles mehr. Fast jede Woche scheint ein neues Produkt auf den Markt zu kommen, das verspricht, die Beteiligung nachhaltiger, inklusiver und effizienter zu machen. Doch was steckt hinter diesen Versprechen?

Im Kern lassen sich digitale Beteiligungstools in mehrere Funktionsbereiche gliedern. Erstens gibt es die klassischen Plattformen, auf denen Bürger ihre Ideen einreichen, Vorschläge kommentieren und über Maßnahmen abstimmen können. Diese Tools leben von ihrer Nutzerfreundlichkeit und ihrer Fähigkeit, viele Stimmen zu bündeln – sie sind das digitale Pendant zum Wunschkasten, allerdings mit deutlich mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Zweitens gibt es spezialisierte Visualisierungswerkzeuge: Sie ermöglichen es, Planungen in dreidimensionalen Modellen darzustellen, Varianten zu simulieren und so abstrakte Konzepte greifbar zu machen. Gerade hier liegt ein großes Potenzial für die Verständlichkeit von Planungsprozessen, denn viele Beteiligte können sich mit klassischen Plänen oder Texten nur schwer identifizieren.

Drittens sind Moderations- und Kommunikationswerkzeuge entscheidend: Digitale Beteiligung ist kein Selbstläufer, sondern erfordert gezielte Steuerung, um Dialoge zu ermöglichen und Konflikte zu moderieren. Chatfunktionen, Foren, virtuelle Sprechstunden – all das trägt dazu bei, dass digitale Beteiligung nicht zu einer reinen Einbahnstraße verkommt. Viertens schließlich gibt es zunehmend Systeme, die Beiträge automatisiert auswerten, Stimmungen analysieren und so Planern helfen, die Flut an Rückmeldungen zu strukturieren.

Allerdings gilt: Kein Tool ersetzt den menschlichen Faktor. Die besten Plattformen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht klug moderiert, gepflegt und vor allem glaubwürdig in den Planungsprozess eingebettet werden. Ein häufiges Problem ist die sogenannte Beteiligungserschöpfung – wenn Bürger den Eindruck gewinnen, dass ihre Rückmeldungen zwar gesammelt, aber letztlich ignoriert werden. Hier sind Transparenz und Rückkopplung entscheidend: Digitale Tools müssen nicht nur Informationen einsammeln, sondern auch vermitteln, was mit diesen Informationen geschieht. Die Möglichkeit, Ergebnisse zurückzuspielen, den weiteren Verlauf transparent zu machen und Entscheidungen zu erklären, ist essenziell für Vertrauen und Akzeptanz.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Frage nach der Reichweite. Digitale Beteiligung kann theoretisch neue Zielgruppen erschließen – insbesondere jüngere Menschen und solche, die sich im analogen Verfahren selten einbringen. Die Praxis zeigt jedoch, dass digitale Beteiligung oft von einer relativ homogenen, digitalaffinen Gruppe dominiert wird. Ohne ergänzende Maßnahmen bleibt die Gefahr, bestehende Ungleichheiten zu verstärken, statt sie zu überwinden. Erfolgreiche Beteiligung braucht daher immer auch hybride Formate, die digitale und analoge Wege kombinieren.

Schließlich darf der Aufwand für die Verwaltung nicht unterschätzt werden. Digitale Tools sind keine Selbstläufer, sondern erfordern Ressourcen für Betreuung, Moderation, Datenschutz und Evaluation. Viele Kommunen unterschätzen den Aufwand, der mit der Einführung, Pflege und Weiterentwicklung digitaler Beteiligungslösungen verbunden ist. Wer hier sparen will, spart am falschen Ende – und riskiert, dass gut gemeinte Initiativen im Sande verlaufen.

Grenzen der digitalen Beteiligung – wo Tools an ihre Limits stoßen

So groß das Potenzial digitaler Beteiligung auch ist, so klar müssen ihre Grenzen benannt werden. Erstens bleibt die digitale Beteiligung trotz aller Fortschritte ein exklusives Angebot: Wer keinen Zugang zu Internet, Endgeräten oder digitalen Kompetenzen hat, bleibt außen vor. Gerade ältere Menschen, sozial Benachteiligte oder Menschen mit Sprachbarrieren werden durch rein digitale Formate häufig ausgeschlossen. Der vielbeschworene digitale Graben ist real – und digitale Beteiligung muss sich daran messen lassen, wie sie darauf reagiert.

Zweitens ist die Frage des Datenschutzes und der Datensicherheit von zentraler Bedeutung. Beteiligung lebt von Vertrauen – und wer persönliche Daten preisgibt, muss sicher sein, dass diese nicht missbraucht werden. Die europäische Datenschutzgrundverordnung setzt hohe Hürden, die viele internationale Plattformanbieter nur schwer erfüllen. Für Kommunen bedeutet das: Sie müssen sich nicht nur mit technischen, sondern auch mit rechtlichen und ethischen Fragen auseinandersetzen – und im Zweifel auf Eigenentwicklungen oder datenschutzkonforme Anbieter setzen.

Drittens dürfen die hohen Erwartungen an digitale Tools nicht überfordern. Beteiligung ist kein Algorithmus, sondern ein sozialer Prozess. Digitale Plattformen können Dialoge unterstützen, aber sie können keine Konflikte lösen, keine Kompromisse aushandeln und schon gar nicht politische Verantwortung ersetzen. Wer glaubt, mit einer App komplexe Interessenskonflikte zwischen Anwohnern, Investoren und Verwaltung lösen zu können, wird zwangsläufig enttäuscht. Digitale Tools sind Werkzeuge, keine Wunderwaffen.

Viertens besteht die Gefahr der „Filterblase“: Digitale Beteiligungstools neigen dazu, bestimmte Meinungen zu verstärken und andere auszublenden. Algorithmen, die Inhalte priorisieren oder Beiträge auswerten, können ungewollt Verzerrungen erzeugen. Wer die Kontrolle über die Plattformen hat, entscheidet letztlich auch, welche Beiträge sichtbar sind und welche nicht. Hier ist Transparenz über Funktionsweise und Moderation unabdingbar.

Last but not least ist die Frage der Legitimation zentral. Digitale Beteiligung kann die Demokratie stärken – aber nur, wenn sie in echte Entscheidungsprozesse eingebunden ist. Symbolische Beteiligung, bei der die wichtigsten Weichen längst gestellt sind, untergräbt Vertrauen und Akzeptanz. Kommunen und Planer stehen in der Verantwortung, digitale Tools nicht als Feigenblatt zu missbrauchen, sondern als echte Plattformen für Dialog und Mitgestaltung zu begreifen.

Best Practice und Innovation – was erfolgreiche Beteiligung auszeichnet

Wer nach gelungenen Beispielen für digitale Beteiligung sucht, wird inzwischen auch im deutschsprachigen Raum fündig. In Hamburg etwa setzt die Stadt auf eine kombinierte Plattform, die Online-Beteiligung mit analogen Werkstätten verbindet. Bürger können ihre Ideen online einreichen, diskutieren und anschließend in moderierten Präsenzformaten weiterentwickeln. Die Ergebnisse werden transparent dokumentiert, Rückmeldungen zu den Vorschlägen sind obligatorisch – ein Musterbeispiel für die Verknüpfung von digitaler und analoger Beteiligung.

In Wien arbeitet die Stadt mit interaktiven 3D-Modellen, die es Bürgern ermöglichen, verschiedene Planungsszenarien zu erleben und zu kommentieren. Die Visualisierung macht abstrakte Konzepte greifbar und senkt die Schwelle für Beteiligung. Besonders innovativ ist die Möglichkeit, eigene Vorschläge direkt im Modell zu platzieren – aus dem Betrachter wird ein Mitgestalter. In Zürich wiederum setzt die Stadt auf eine offene Beteiligungsplattform, die nicht nur Informationen sammelt, sondern durch gezielte Moderation den Dialog zwischen Verwaltung, Fachleuten und Öffentlichkeit fördert. Die Plattform ist barrierefrei gestaltet, mehrsprachig und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

Auch kleinere Kommunen zeigen, dass digitale Beteiligung keine Frage des Budgets, sondern der Haltung ist. Im bayrischen Wunsiedel etwa wurde die Entwicklung eines neuen Quartiers vollständig digital begleitet: Online-Befragungen, interaktive Karten, Videokonferenzen und ein Bürgerblog bildeten ein Ökosystem, das Beteiligung für unterschiedlichste Zielgruppen ermöglichte. Die Verwaltung investierte gezielt in Moderation und Rückmeldung – mit dem Ergebnis, dass die Beteiligung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ überzeugte.

Entscheidend für den Erfolg ist immer die Einbettung in einen klaren Beteiligungsprozess, das Zusammenspiel von digitalen und analogen Formaten und die Bereitschaft, Ergebnisse tatsächlich umzusetzen. Digitale Tools sind dabei keine Konkurrenz, sondern Ergänzung zur klassischen Beteiligung. Sie eröffnen neue Räume für Mitgestaltung, erhöhen die Transparenz und erleichtern die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Gleichzeitig fordern sie Verwaltung und Planer heraus, sich auf neue Rollen einzulassen, Kompetenzen zu erweitern und Beteiligung als kontinuierlichen Dialog zu verstehen.

Der Blick ins internationale Ausland zeigt, wohin die Reise gehen kann: In Helsinki, Amsterdam oder Barcelona werden digitale Tools gezielt eingesetzt, um Beteiligung niedrigschwellig, transparent und iterativ zu gestalten. Offenheit, Experimentierfreude und die Bereitschaft, Fehler zuzulassen, sind zentrale Erfolgsfaktoren. Wer Beteiligung digital denkt, muss bereit sein, Kontrolle abzugeben – und Vertrauen in den Dialog zu setzen.

Ausblick: Digitale Beteiligung als neue Kultur der Stadtentwicklung

Die Zukunft der Beteiligung ist digital – aber nicht ausschließlich. Die nächsten Jahre werden geprägt sein von hybriden Formaten, in denen digitale und analoge Methoden Hand in Hand gehen. Künstliche Intelligenz wird dabei helfen, große Mengen an Beiträgen zu strukturieren, Stimmungen zu erkennen und Beteiligungsprozesse zu personalisieren. Gleichzeitig wird die Bedeutung von Moderation, Kommunikation und Transparenz weiter zunehmen. Die Werkzeuge werden immer vielfältiger, die Anforderungen an Verwaltung und Planer steigen.

Entscheidend bleibt die Haltung: Beteiligung ist kein Punkt auf der To-do-Liste, sondern ein Prozess, der Offenheit, Lernbereitschaft und Mut zur Unvollkommenheit erfordert. Digitale Tools können diesen Prozess unterstützen, erleichtern und beschleunigen – sie können ihn aber nicht ersetzen. Wer Beteiligung ernst nimmt, muss sie als Teil einer neuen Planungskultur begreifen, in der Bürger, Verwaltung und Fachleute auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das bedeutet auch, Fehler zuzulassen, aus Rückmeldungen zu lernen und Prozesse kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Die größte Herausforderung bleibt die Überwindung des digitalen Grabens. Hier sind innovative Ansätze gefragt: Mobile Beteiligungslabore, digitale Sprechstunden, mehrsprachige Angebote und die gezielte Ansprache von Gruppen, die bisher kaum erreicht wurden. Nur wenn Beteiligung wirklich alle einlädt, wird sie ihrem demokratischen Anspruch gerecht.

Für Planer und Verwaltung bedeutet das: Sie müssen sich auf neue Rollen einlassen, Kompetenzen im Bereich Moderation, Kommunikation und Technik aufbauen und bereit sein, Verantwortung zu teilen. Beteiligung ist kein Selbstläufer, sondern verlangt Engagement, Ressourcen und die Bereitschaft, Macht zu teilen.

Die gute Nachricht: Wer sich auf diesen Weg macht, wird mit einer lebendigen, kreativen und resilienten Stadtgesellschaft belohnt. Digitale Tools sind dabei die Brücke – der Mut zum Dialog ist das Ziel.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Digitale Beteiligungstools eröffnen faszinierende neue Möglichkeiten für die Stadtentwicklung – sie demokratisieren, visualisieren und beschleunigen Prozesse, machen Planungen verständlicher und Beteiligung zugänglicher. Doch sie sind kein Wundermittel: Ohne kluge Strategie, transparente Moderation und die Bereitschaft, echte Mitgestaltung zuzulassen, bleibt das beste Tool wirkungslos. Die Zukunft der Beteiligung ist hybrid, partizipativ und offen für Fehler – und sie verlangt von allen Akteuren den Mut, Beteiligung als kontinuierlichen, manchmal auch unbequemen, aber immer lohnenden Dialog zu begreifen. Wer diese Herausforderung annimmt, gestaltet nicht nur Städte, sondern auch eine neue Kultur der Zusammenarbeit. Genau dafür steht Garten und Landschaft – Expertise, Haltung und Inspiration für die Stadt von morgen.

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Eine Seilbahn schwebt über die Gärten der Welt in Berlin. (Foto: Thomas Rosenthal)

Eine Seilbahn schwebt über die Gärten der Welt in Berlin. (Foto: Thomas Rosenthal)

Auf kleinstem Raum lassen sich in Berlin-Marzahn die unterschiedlichsten Ansätze der Landschafts- und Gartenarchitektur studieren. Denn die Anlage Gärten der Welt vereint neben klassischen Tourist*innenattraktionen wie eine Seilbahn, Aussichtspunkte und einer Arena für Veranstaltungen noch mehr – nämlich Gartenkunst. Und zwar aus allen Herren Ländern und Kulturen. In verschiedenen Themengärten und Gartenkabinetten können Besucher*innen entsprechend Ansätze und Gestaltungen aus aller Welt betrachten. Hier erfahren Sie, welche Gärten der Welt Ihnen geboten werden.

Gärten der Welt präsentieren internationale Gartenkunst

Früher noch als “Erholungspark Marzahn” bekannt, wurde das Areal an der Ecke Eisenacher Straße und Blumberger Damm anlässlich der IGA 2017 erweitert und umgebaut. Insgesamt 43 Hektar Fläche belegt das Gelände, das heute den Namen “Gärten der Welt” trägt, seitdem.

Die Gärten der Welt bestechen mit vielen Attraktionen für Groß und Klein. Dabei kommen Gartenkunstenthusiast*innen genauso auf ihre Kosten wie Familien mit Kindern und Tourist*innen. So bietet der Park seit dem Umbau zur IGA 2017 inzwischen neun internationale Gartenkabinette, die traditionelle Techniken der Gartengestaltung präsentieren, elf Themengärten, und eine Arena für Veranstaltungen. Dazu kommen Spielplätze, ein Irrgarten und eine Seilbahn, die die Bezirke Marzahn und Hellersdorf miteinander verbinden.

Der Fokus  des Parks liegt aber – wie der Name schon verrät – auf den “Gärten der Welt”. Die Gartenkabinette und Themengärten erlauben es den Besucher*innen dementsprechend, Einblicke in die Gartenkunst verschiedener Kontinente, Epochen und Kulturkreisen zu erhalten. Welche internationalen Gärten im Park zu besichtigen sind, haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Die Gärten der Welt – Übersicht

Chinesischer Garten

Als erster Garten der Welt entstand in den 1990er-Jahren der Chinesische Garten. Mit dem “Garten des wiedergewonnenen Mondes” wurde 1994 der größte Chinesische Garten Europas in Berlin erschaffen. Seine Planung begann 1994 im Rahmen einer Städtepartnerschaft zwischen Peking und Berlin als klassischer chinesischer Gelehrtengarten. Die Idee dahinter war auch, die Jahrtausende alte chinesische Gartenkunst in die Gegenwart zu übersetzen. 

Im Zentrum des Gartens sitzt der “Spiegel des Himmels”, ein 4 500 Quadratmeter großer See, an dessen Ufer sich ein Teehaus chinesischer Architektur mit der typisch geschwungenen und spektakulär auskragenden Dachkonstruktion befindet. Als charakteristische Bepflanzung kommen im Garten des wiedergewonnenen Mondes beispielsweise Magnolien, Chrysanthemen oder Bambus zum Einsatz. Übrigens: Der Mond im Namen steht sinnbildlich für die Wiedervereinigung des einst geteilten Berlins.

Größe: 27 000 Quadratmeter, inklusive 5 000 Quadratmetern Teichfläche
Eröffnung: 15. Oktober 2000
Planung: Klassisches Institut für Gartenarchitektur, Peking

Japanischer Garten

Der “Garten des zusammenfließenden Wassers” entsprang der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Tokio. Basierend darauf soll der Garten die Idee eines harmonischen Miteinanders verkörpern. Darum bestimmt diesen Bereich der Gärten der Welt das Leitmotiv Wasser – es symbolisiert das Zusammenfließen von Kulturen und den Verlauf der Geschichte. 

Im Japanischen Garten findet sich demzufolge ein Wassergarten, aber auch ein Zengarten und ein Garten aus Rasenflächen, in denen insgesamt 300 Augengneissteine verteilt sind. Dazu kommt ein Pavillon – der Chaya – in seiner Mitte. 

Entsprechend der Japanischen Kultur, in der Stille eine besondere Bedeutung zukommt, ist auch der Japanische Garten im Park Die Gärten der Welt ein Ort, an dem Besucher*innen zur Ruhe kommen können. Fun Fact: Die Baustelle für den Japanischen Garten gilt als eine der leisesten in der Geschichte der Gärten der Welt.

Größe: 2 700 Quadratmeter
Eröffnung: 30. April 2003
Planung: Prof. Shunmyo Masuno

Balinesischer Garten

Der “Garten der drei Harmonien” entstand im Rahmen einer Städtepartnerschaft zwischen Jakarta und Berlin. Sein Name bezieht sich auf das balinesische Streben, im Einklang mit sich selbst, dem Umfeld und dem Universum zu leben. Auf diese dreifaltige Harmonie ist der Balinesische Garten ausgerichtet.

Dabei handelt es sich auch um den einzigen Garten in den Gärten der Welt, der gänzlich in einer Tropenhalle untergebracht ist. Eine Wohn- und Tempelanlage, in der auch die Berliner Bali-Gemeinde ihre Religion aktiv ausübt, bildet das zentrale Element des Gartens. Dahinter erstreckt sich zudem ein an einen balinesischen Tropenwald angelehnter Garten mit Reisterrassen und Pflanzen wie Schraubenbäumen, Hibiskus, Gardenien, Farnen, Orchideen und den duftgewaltigen Frangipani.

Größe: 2000 Quadratmeter in Leichtbauhalle
Eröffnung: 18. Dezember 2003
Planung: Putu Edy Semara

Orientalischer Garten

Der “Garten der vier Ströme” wurde nach den Gestaltungsprinzipien der traditionellen orientalisch-islamischen Gartenkultur entworfen. Daher verbirgt er sich einer vier Meter hohen Mauer. Damit spielt er mit dem Mythos des Gartens als verborgene Oase. Außerdem hilft die Abgrenzung dabei, das spezielle Klima im Garten aufrecht erhalten zu können.

In der Gartenanlage finden sich typisch orientalische Arkadengänge mit Ornamenten und Mosaiken. Dazu kommt ein viergeteilter Gartenhof mit einem Brunnen in der Mitte. Im Garten befinden sich Zier- und Nutzpflanzen: Granatäpfel, Oliven und Palmen, aber auch Flieder, Oleander und Magnolien.

Größe: 6 100 Quadratmeter
Eröffnung: 7. Juli 2005
Planung: Kamel Louafi, Prof. Mohammed El Faiz

Hier finden Sie weitere Projekte des Garten- und Landschaftsarchitekten Kamel Louafi.

Koreanischer Garten

Der “Seouler Garten” war ein Geschenk der Südkoreanischen Hauptstadt an Berlin. Er entstand nach einem Berlin-Besuch des Oberbürgermeisters von Seoul und war dafür gedacht, die Beziehungen zwischen den Städten zu vertiefen. 

Die Gestaltung des Koreanischen Gartens ist geprägt von Buddhismus, den Lehren von Konfuzius und dem volkstümlichen schamanischen Glauben. Dazu gehört auch das Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kräften in der Natur. Beide werden im Garten mehrfach repräsentiert.

Im Koreanischen Garten finden sich zahlreiche Totempfähle und abstrakte Holzfiguren, die der schamanischen Kulturgeschichte Koreas entspringen. Geplant wurde er von koreanischen Gartenarchitek*innen, die eine koreanische Felslandschaft mit den typischen Kiefern, Fächerahornen, Eichen und Bambussen erschufen. Zentrales Bauwerk ist der “Kye Zeong” (Pavillon am Wasser), in dem sich typisch koreanische Wohnräume besichtigen lassen.

Größe: 4 000 Quadratmeter
Eröffnung: 31. März 2006
Planung: Samsung Everland Inc., Seoul

Irrgarten und Pflasterlabyrinth

Zur Gartenkultur gehören selbstverständlich auch Irrgärten, die ihren Ursprung in der Renaissance haben. Die Irrgartenanlage des britischen Königsschlosses Hampton Court war Vorbild für die Anlage in den Gärten der Welt. Diese wurde mit einer zwei Meter hohen Eibenhecke, bestehend aus über 1 200 Pflanzen, angelegt. Der Weg in das Zentrum des Pflasterlabyrinths dauert etwa zehn Minuten. Dort findet sich auch ein Aussichtsturm, der einen Überblick über das Labyrinth erlaubt.

Zusätzlich zum 3D-Irrgarten gibt es in den Gärten der Welt auch ein zweidimensionales Labyrinth aus Pflastersteinen. Hellgraue Steine markieren den Weg zur Mitte. Insgesamt 11 Umgänge, 28 Kehre und ebenfalls zehn Minuten führen zu dessen Mitte.

Größe: Heckenirrgarten: 2 000 Quadratmeter, Pflasterlabyrinth: 340 Quadratmeter
Eröffnung: 22. Juni 2007
Planung: gruppe F Landschaftsarchitekten, Berlin

Karl-Foerster-Staudengarten

Das 1957 erschienene Buch “Einzug der Gräser und Farne in die Gärten” von Karl Foerster war Inspirationsquelle für diesen Teil der Gärten der Welt.  Der Gärtner, Züchter und Gartenphilosoph prägte die deutsche und die internationale Gartenkultur nachhaltig – einerseits mit seinen Schriften, aber andererseits auch mit der Einführung von Wild- und Kulturstauden.

Stauden sind es deshalb auch, die den Karl-Foerster-Staudengarten dominieren. Zwischen streng geschnittenen Buchsbaumhecken finden sich geometrisch formal angelegte Beete mit Prachtstauden, die von landschaftlich geprägten Teilen des Gartens kontrastiert werden. So spielen anspruchsvolle Pflanzungen und frei gestaltete Naturgärten zusammen.

Abgesehen von einer Pergola befindet sich im Karl-Foerster-Staudengarten im Gegensatz zu den anderen Bereichen in den Gärten der Welt keinen architektonischen Strukturen. Die Farbe der Pergola – blau – geht übrigens auf eine Erwähnung in einem von Foersters Büchern zurück. Dort beschreibt er einen Blauton, den die Gartengestalter*innen in mühseliger Arbeit zu reproduzieren versuchten.

Größe: 3 600 Quadratmeter
Eröffnung: 9. Mai 1987, Neueröffnung am 9. März 2008
Planung: Dr. Johannes Schwarzkopf, Christian Meyer

Italienischer Renaissancegarten

Der “Giardino della Bobolina” ist ein Renaissancegarten, der sich stilistisch an der toskanischen Villengärten des 16. Jahrhunderts orientiert. Er ist der einzige Garten im Ensemble, der eine Epoche widerspiegelt und keine Stilrichtung.

Er basiert auf einer Vierteilung, die sich durch die gesamte Gestaltung zieht. Eine Loggia im ersten, in sich geschlossenen Gartenraum, ist Konzertveranstaltungsort. Von der Loggia aus, gelangen Besucher*innen in den viertgeteilten Hauptgarten mit einem Brunnen in der Mitte.

Eine originale Bobolina-Statue aus dem 16. Jahrhundert befindet sich ebenfalls, eingebettet in Hecken aus Buchs und Eibe, im Zentrum des Gartens. Gestalterische Elemente des Gartens, wie Säulen oder Treppen sind aus hellgrauem Sandstein. Eine Besonderheit ist zudem der “Giardino segreto”, der geheime Garten, den man über eine schmale Natursteintreppe betritt.

Größe: 3 000 Quadratmeter
Eröffnung: 31. Mai 2008
Planung: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin

Christlicher Garten

Der Christliche Garten ergänzt die Gärten der Welt seit 2011. Er ist dem Kreuzgang eines typischen mittelalterlichen Klostergartens nachempfunden. Den Namen “Raum der Sprache und des Wortes” ist aber vor allem maßgeblich geprägt von einer speziellen Installation. Sie zeigt modern gestaltete Texte aus der Bibel sowie Zitate aus Philosophie und Kultur. Die Texte reflektieren die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Außerdem unterstreichen sie den Garten als Sinnbild des christlichen Lebens.

Die Installation besteht aus goldlackierte Metallbuchstaben, die Passagen aus dem Alten und Neuen Testament zitieren. Die daraus entstehenden transparenten Wände bilden den Wandelgang eines Klosters nach. In der Mitte des quadratischen Gartens befindet sich zudem ein Wasserspiel. Dieses steht einerseits für die Quelle des Lebens und andererseits für die verschiedenen Bedeutungen von Wasser im Christentum.

Größe: 1 000 Quadratmeter
Eröffnung: 29. April 2011
Planung: relais Landschaftsarchitekten, Berlin

Englischer Landschaftsgarten

Der Englische Landschaftsgarten darf in den Gärten der Welt natürlich nicht fehlen. Die ersten Parks, die diese Stilrichtung prägten, entstanden schließlich bereits im 18. Jahrhundert. Sie basierten auf der idyllischen Wildnis der Landschaftsmalerei und wichen von den bis anhin verbreiterten strengen Geometrischen Formen ab.

Gärten der Welt – weitere Attraktionen

Im Englischen Garten befindet sich ein typisches englisches Landhaus mit Reeteindeckung, dass von einem Gemüsegarten, Wiesen, Staudenbeeten, einem Rosengarten und Obstbäumen umgeben ist. Er entstand im Rahmen einer Stadtpartnerschaft mit dem englischen Halton und wurde im Rahmen der IGA Berlin 20217 eröffnet.

Das Englische Cottage in der Mitte der Anlage serviert übrigens selbstverständlich eine klassisch Englische Tea Time mit Earl Grey Tee, Gurkensandwiches und Scones.

Größe: 6 000 Quadratmeter
Eröffnung: 19. April 2017
Planung: Austin-Smith:Lord, Manchester

Jüdischer Garten

Der neuste Zugang zu den Gärten der Welt ist der Jüdische Garten, der erst 2021 Eröffnung feierte. In Blickweite zum christlichen Garten entstand seit Ende 2019 ein Themengarten rund um die jüdische Interpretation von Landschaftsarchitektur. Obwohl er als landschaftsarchitektonischer und künstlerischer Beitrag die Darstellung einer Weltreligion bezweckt, verzichtet er bewusst auf die Zurschaustellung von religiösen Schriften und Symbolen.

Stattdessen fokussiert der Jüdische Garten auf Pflanzen und Gewächse mit engem Bezug zur jüdischen Kultur, wie etwa Feigen, Mandeln, Kastanien oder Ulmen. Diese sind bekannt aus Schriften jüdischer und dem Judentum nahestehenden Autor*innen. Das Wegenetz, das durch die Anlage führt, gliedert den Garten, symbolisiert aber auch die Jüdische Diaspora, die über die Welt verstreut ist. Im Garten finden sich zudem gleich zwei skulpturale Pavillons, die einerseits Ruhe, andererseits aber auch Austausch fördern wollen. Darin sind etwa auch Veranstaltungen zur jüdischen Kultur geplant.

Die Allianz Umweltsstiftung, die bereits den Orientalischen Garten und den Christlichen Garten unterstützte, hatte den Jüdischen Garten initiiert. Mehr zu diesem Garten in den Gärten der Welt lesen Sie außerdem hier: Jüdischer Garten.

Fläche: etwa 2 000 Quadratmeter
Eröffnung: 2021
Planung: Manfred Pernice (Bildhauer), Wilfried Kuehn (Architekt) und atelier le balto Landschaftsarchitekten, Berlin

Zusätzlich zu den elf Themengärten gibt es in den Gärten der Welt zahlreiche weitere Attraktionen. Dazu gehört etwa ein Tagungszentrum mit biodiversem Gründach (mehr zum Thema Dachbegrünung finden Sie hier). Außerdem eine Arena, die insgesamt 5 000 Besucher*innen Platz bietet und einem Amphitheater nachempfunden ist. Mit der Seilbahn kann man zudem vom Kienberg über das Wuhletal direkt in die Gärten der Welt schweben und einen spektakulären Ausblick geniessen. Des Weiteren entstand im Rahmen der IGA 2017 im Übrigen auch der Wolkenhain, ein Aussichtsturm, der wie organisch gewachsen aussieht – selbstverständlich barrierefrei zugänglich.

Mehr Informationen zu den Gärten der Welt finden Sie hier.

Für Sie vielleicht auch interessant: Welche Bedeutung hat der Garten im 21. Jahrhundert?

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