Digitale Leerstandserkennung für Transformationsstrategien

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Hochwinkelaufnahme einer urbanen Stadtlandschaft mit nachhaltiger Architektur und Mobilitätslösungen, fotografiert von Markus Spiske.

Leerstand in der Stadt – das klingt nach toten Schaufenstern, verstaubten Büros und geplatzten Wohnträumen. Doch was wäre, wenn wir den Stadtbrachen digital auf die Schliche kommen könnten, noch bevor sie zu Problemzonen werden? Willkommen in der Ära der digitalen Leerstandserkennung. Sie gibt Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und Immobilienentwicklern ein Werkzeug an die Hand, das mehr ist als ein cleveres Statistiktool: Es ist ein Schlüssel für nachhaltige Transformation und zukunftsfähige Stadtentwicklung.

  • Definition und Bedeutung digitaler Leerstandserkennung für urbane Transformationsstrategien.
  • Technische Grundlagen: Sensorik, Geodaten, Algorithmen und Datenintegration.
  • Praxisbeispiele aus deutschsprachigen Städten und Lessons Learned.
  • Bedeutung für nachhaltige Stadtentwicklung und Quartierserneuerung.
  • Rechtliche, ethische und technische Herausforderungen.
  • Potenziale für Klimaschutz, Ressourceneffizienz und soziale Innovation.
  • Wechselwirkungen mit Governance, Partizipation und Stadtökonomie.
  • Risiken durch Kommerzialisierung und algorithmische Verzerrung.
  • Empfehlungen für den professionellen Einsatz im deutschsprachigen Raum.

Digitale Leerstandserkennung – Was steckt dahinter?

Leerstand ist ein uraltes Thema der Stadtplanung. Schon im 19. Jahrhundert sorgten verlassene Gewerbehöfe und leergezogene Mietskasernen für Kopfzerbrechen bei Magistraten und Bauträgern. Doch der Unterschied zu heute ist fundamental: Während damals Leerstände meist nur durch aufmerksame Spaziergänge und nachbarschaftliche Hinweise entdeckt wurden, steht Planern heute eine ganze Palette digitaler Werkzeuge zur Verfügung, die Leerstände quasi in Echtzeit detektieren können. Aber was bedeutet das konkret?

Digitale Leerstandserkennung beschreibt den Einsatz moderner Technologien zur systematischen Erfassung, Analyse und Visualisierung leerstehender Immobilien und Flächen in Städten. Das Spektrum reicht von einfachen Datenbankabgleichen mit Grundbuch- und Einwohnermeldedaten bis hin zu hochentwickelten Systemen, die mit Hilfe von Sensorik, Satellitenbildern, IoT-Geräten und künstlicher Intelligenz Muster erkennen, die auf eine Nichtnutzung hindeuten. Dabei werden verschiedene Datenquellen kombiniert: Energieverbrauchsdaten, Bewegungsprofile, Wasserzählerstände, Mobilfunkdaten und vieles mehr. Das Ziel: Möglichst genau und aktuell zu erfassen, wo Potenziale für Nachnutzung, Umwidmung oder Revitalisierung schlummern.

Diese Technologien sind heute keine Science-Fiction mehr. In Metropolen wie Hamburg, München oder Zürich laufen bereits erste Pilotprojekte, bei denen digitale Leerstandserkennung zum Einsatz kommt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Statt auf veraltete Statistiken oder Bauchgefühl zu setzen, erhalten Entscheidungsträger ein objektives, datengestütztes Bild der tatsächlichen Raumnutzung in der Stadt. Das ermöglicht nicht nur frühzeitiges Gegensteuern bei sich abzeichnenden Problemquartieren, sondern auch eine gezieltere und nachhaltigere Flächenentwicklung.

Doch was unterscheidet diese Systeme von klassischen Erhebungsmethoden? Der Clou liegt in der Kontinuität und Präzision der Daten. Während traditionelle Leerstandserhebungen oft nur alle paar Jahre durchgeführt werden und dabei auf Selbstauskünfte oder stichprobenartige Besichtigungen angewiesen sind, analysieren digitale Systeme große Datenmengen permanent im Hintergrund. Sie erkennen Veränderungen im Energieverbrauch, können Lichtmuster auswerten, detektieren ungewöhnliche Lücken in Mobilitätsdaten und gleichen dies mit Melderegistern ab. So entsteht ein dynamisches, fast lebendiges Bild der Stadt, das weit über die Möglichkeiten manueller Erhebungen hinausgeht.

Natürlich ist digitale Leerstandserkennung kein Allheilmittel. Sie ist ein Werkzeug, das richtig eingesetzt werden muss – und dessen Ergebnisse in den städtischen Kontext eingebettet gehören. Wer glaubt, dass ein Algorithmus alleine die Ursachen von Leerständen versteht oder gar löst, der irrt. Doch als Grundlage für fundierte Transformationsstrategien bietet die Technologie ein enormes Potenzial, das bisher in der deutschsprachigen Stadtplanung oft unterschätzt wird.

Technische Grundlagen: Wie Algorithmen dem Leerstand auf die Spur kommen

Die technische Architektur hinter moderner digitaler Leerstandserkennung ist komplex, aber faszinierend. Im Zentrum stehen Algorithmen, die aus einer Vielzahl von Datenquellen Muster extrahieren, die auf eine Nichtnutzung von Immobilien oder Flächen hindeuten. Doch wie funktioniert das im Detail?

Ein zentrales Element sind sogenannte „Urban Data Lakes“ – große, strukturierte Datenspeicher, in denen Informationen aus verschiedensten Quellen gebündelt werden. Hier fließen beispielsweise Grundbuchdaten, Energienutzungsprofile, Wasser- und Heizungszählerstände, Geoinformationen, Mobilitätsdaten, Sensorwerte aus dem Internet der Dinge (IoT) und sogar anonymisierte Mobilfunkdaten zusammen. Durch die Kombination dieser Daten entstehen belastbare Indikatoren: Wird in einem Gebäude über Wochen hinweg kein Strom oder Wasser verbraucht? Bleibt der Bewegungsfluss an bestimmten Adressen aus? Werden Parkplätze dauerhaft nicht genutzt?

Die eigentliche Magie passiert in der Datenanalyse. Mittels maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz werden Muster erkannt, die für menschliche Beobachter kaum sichtbar wären. Die Algorithmen lernen, zwischen „normalen“ Schwankungen – etwa saisonalen Leerständen oder Betriebsferien – und echten, langfristigen Leerständen zu unterscheiden. Sie können Vorhersagen treffen, wo sich Leerstand anbahnt, und Muster identifizieren, die auf eine drohende Verödung ganzer Quartiere hindeuten. Ein Beispiel: Wenn in einem Büroviertel der Stromverbrauch nach Feierabend nicht wie üblich absinkt, sondern dauerhaft niedrig bleibt, kann das ein Indiz für eine fortschreitende Flächenleere sein.

Sensorik spielt dabei eine immer größere Rolle. Intelligente Messsysteme in Gebäuden – sogenannte „Smart Meter“ – liefern Echtzeitdaten zum Energieverbrauch und ermöglichen so eine sehr genaue Analyse der Nutzung. Auch Licht- und Bewegungssensoren, die etwa in gemeinschaftlich genutzten Fluren installiert sind, bieten wertvolle Hinweise. Nicht zuletzt kommen auch Kameras und Satellitenbilder zum Einsatz, etwa um Veränderungen in der Nachtaussenbeleuchtung oder typische Anzeichen von Leerstand (wie verdreckte Fenster oder überquellende Briefkästen) automatisiert zu erkennen. Natürlich sind hier Datenschutz und Privatsphäre zu beachten – dazu später mehr.

Ein weiteres technisches Schlüsselelement ist die Integration der Daten in Geoinformationssysteme (GIS). Erst durch die räumliche Verortung werden die Leerstandsdaten wirklich wertvoll. Sie erlauben die Visualisierung leerer Flächen auf Karten, die Verknüpfung mit sozioökonomischen Daten, die Analyse von Hotspots und die Simulation möglicher Nachnutzungsszenarien. Moderne GIS-Anwendungen ermöglichen es sogar, verschiedene Transformationstrategien durchzuspielen und deren Auswirkungen auf Quartiere, Mobilität oder Klimaresilienz zu simulieren.

Die technische Herausforderung liegt darin, die Datenquellen zu harmonisieren, Schnittstellen zu schaffen und die Analysemodelle kontinuierlich zu verbessern. Denn so mächtig die Algorithmen auch sind – sie sind immer nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert werden. Professionelle Stadtplaner, IT-Architekten und Datenanalysten müssen deshalb eng zusammenarbeiten, um aus der Vielzahl an Informationen belastbare Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Nur so kann digitale Leerstandserkennung ihr volles Potenzial für nachhaltige Transformationsstrategien entfalten.

Digitale Leerstandserkennung in der Praxis: Chancen und Stolperfallen

Wie sieht der Einsatz digitaler Leerstandserkennung im Alltag aus? Werfen wir einen Blick auf einige Projekte im deutschsprachigen Raum – und die Erfahrungen, die dort gesammelt wurden. Ein Paradebeispiel ist die Stadt Zürich. Hier wurde im Rahmen eines Smart-City-Programms ein System zur automatisierten Erkennung von Leerständen in Gewerbeimmobilien eingeführt. Die Datenbasis: Energieverbrauch, Bewegungsmuster und regelmäßige Abgleiche mit Melderegistern. Das Resultat: Innerhalb weniger Monate konnten mehrere bislang unbekannte Leerstände identifiziert und gezielt für Zwischennutzungen aktiviert werden. Gleichzeitig zeigte sich aber auch: Ohne die Einbindung von Eigentümern und lokalen Akteuren stößt die Technik an ihre Grenzen. Daten alleine schaffen keine Transformation, sie müssen in konkrete Maßnahmen übersetzt werden.

Ein weiteres Beispiel liefert Hamburg. Hier wurden im Rahmen des Programms „StadtRaumMonitor“ erstmals flächendeckend Energieverbrauchsdaten anonymisiert ausgewertet, um potenziellen Leerstand in Wohn- und Bürogebäuden sichtbar zu machen. Die Stadt setzte dabei auf eine enge Kooperation mit Energieversorgern und Datenschutzbeauftragten. Das Ergebnis: Die Leerstandserfassung wurde deutlich präziser, zugleich mussten aber auch zahlreiche rechtliche und technische Hürden gemeistert werden. Ein Learning: Transparente Kommunikation und rechtssichere Prozesse sind entscheidend, um Akzeptanz bei Eigentümern und Bevölkerung zu schaffen.

Auch in Wien wurde mit digitaler Leerstandserkennung experimentiert. Im Fokus standen dabei vor allem die großen Gründerzeitquartiere, in denen der Wandel von Wohn- zu Büroflächen und zurück ein Dauerthema ist. Hier zeigte sich, dass digitale Methoden besonders dann erfolgreich sind, wenn sie mit klassischen Erhebungen und lokalen Ortskenntnissen kombiniert werden. Die Technik liefert Hinweise, die durch Vor-Ort-Kontrollen und Gespräche mit Eigentümern validiert werden müssen. Die Erfahrung: Digitale Leerstandserkennung ist kein Ersatz, sondern eine notwendige Ergänzung zum planerischen Werkzeugkasten.

Natürlich gibt es auch Stolpersteine. Viele Städte berichten von Schwierigkeiten bei der Datenintegration – etwa weil unterschiedliche Systeme nicht miteinander kommunizieren oder relevante Informationen gar nicht erst digital vorliegen. Auch die Angst vor Datenmissbrauch und die Sorge um die Privatsphäre der Bewohner sind allgegenwärtig. Nicht zuletzt fehlt es oft an personellen Ressourcen und digitaler Kompetenz in den Verwaltungen, um die neuen Werkzeuge zielgerichtet einzusetzen. Hier ist Qualifizierung gefragt: Nur wer die Technologie versteht, kann sie sinnvoll nutzen.

Am Ende steht fest: Digitale Leerstandserkennung funktioniert, wenn sie als Teil einer umfassenden Transformationsstrategie begriffen wird. Sie kann Impulse für innovative Nachnutzungen, nachhaltige Quartiersentwicklung und klimagerechte Stadtgestaltung liefern – vorausgesetzt, die Akteure vor Ort sind bereit, die neuen Möglichkeiten zu nutzen und die Technik kritisch zu reflektieren.

Leerstand als Transformationsmotor: Nachhaltigkeit, Governance und soziale Innovation

Leerstand ist nicht nur ein städtebauliches Problem, sondern auch eine Chance. Richtig erkannt und genutzt, können brachliegende Flächen und ungenutzte Immobilien zum Motor nachhaltiger Stadtentwicklung werden. Digitale Leerstandserkennung ist dabei ein Schlüsselwerkzeug, um diese Potenziale systematisch zu heben – und damit weit mehr als ein reines Monitoring-Tool.

Für die Nachhaltigkeit bietet die Technologie enorme Chancen. Indem sie versteckte Ressourcen sichtbar macht, hilft sie, Flächenverbrauch und Versiegelung zu minimieren. Statt immer neue Baugebiete auszuweisen, können Städte bestehende Strukturen umnutzen, sanieren oder für neue Zwecke aktivieren. Das schont nicht nur Böden und Klima, sondern macht auch die Stadt als Ganzes resilienter gegenüber demografischen und ökonomischen Veränderungen. Leerstehende Büros werden zu Wohnungen, alte Kaufhäuser zu Kulturzentren, vergessene Gewerbehöfe zu grünen Oasen – solche Transformationen gelingen nur, wenn der Leerstand rechtzeitig erkannt und in den Planungsprozess integriert wird.

Auch für die Governance eröffnet die digitale Leerstandserkennung neue Perspektiven. Sie ermöglicht eine datenbasierte, transparente Steuerung der Stadtentwicklung. Entscheidungen können besser begründet, Maßnahmen gezielter evaluiert und die Wirkung von Strategien kontinuierlich überprüft werden. Gleichzeitig schafft die Technologie neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung: Wenn Leerstände sichtbar und ihre Entwicklung nachvollziehbar wird, können lokale Initiativen, Nachbarschaften und Investoren gezielter eingebunden werden. Die offene Zugänglichkeit der Daten – etwa über Urban Data Platforms – kann so die demokratische Qualität der Stadtplanung stärken.

Soziale Innovation ist ein weiterer Aspekt. Leerstandserkennung kann helfen, Raum für neue, gemeinwohlorientierte Nutzungen zu schaffen – von sozialen Wohnprojekten über urbane Landwirtschaft bis hin zu Start-up-Hubs oder Nachbarschaftszentren. Die gezielte Aktivierung von Leerständen trägt dazu bei, soziale Spaltungen zu überwinden, Stadtteile zu beleben und die Vielfalt urbaner Lebensstile zu fördern. Gerade in Zeiten von Wohnraummangel, Klimakrise und gesellschaftlichem Wandel sind solche flexiblen Lösungen unverzichtbar.

Natürlich gibt es auch Risiken. Die Kommerzialisierung der Leerstandsdaten, etwa durch private Plattformbetreiber, kann zu einer Konzentration von Entscheidungsgewalt und einer Verzerrung der Stadtentwicklung führen. Auch algorithmische Verzerrungen – etwa durch fehlerhafte Modelle oder unvollständige Daten – können zu Fehlsteuerungen führen. Deshalb ist es entscheidend, dass die digitale Leerstandserkennung transparent, nachvollziehbar und gemeinwohlorientiert gestaltet wird. Nur so kann sie ihr volles Potenzial für nachhaltige Transformation entfalten.

Herausforderungen, ethische Fragen und Ausblick für die deutschsprachige Stadtplanung

So verheißungsvoll die digitale Leerstandserkennung auch ist – sie wirft zahlreiche Fragen auf, die Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Verwaltungsexperten klug beantworten müssen. Da ist zum einen der Datenschutz. Die Erhebung und Auswertung von Energie- oder Mobilitätsdaten, so anonymisiert sie auch sein mögen, berührt immer die Privatsphäre von Menschen. Wer darf auf die Daten zugreifen? Wie werden sie geschützt? Und wie verhindert man, dass sie zweckentfremdet oder gar missbraucht werden? Hier sind klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine transparente Kommunikation unverzichtbar.

Auch die technische Integration bleibt eine Herausforderung. Viele Kommunen arbeiten mit veralteten IT-Systemen, die kaum kompatibel sind mit modernen Datenplattformen. Die Harmonisierung der Datenquellen, die Schaffung offener Schnittstellen und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Algorithmen erfordern erhebliche Investitionen – sowohl in Technik als auch in Personal. Gleichzeitig gilt: Die besten Daten nützen nichts, wenn sie nicht in die Planungsprozesse integriert werden. Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit zwischen IT, Planung, Immobilienwirtschaft und Zivilgesellschaft.

Ein weiteres Feld sind die ethischen Implikationen. Wer entscheidet, was als „Leerstand“ gilt? Welche Interessen stehen im Vordergrund – die der Investoren, der Verwaltung, der Nachbarschaft? Und wie stellt man sicher, dass die Technologie nicht dazu führt, bestimmte Gruppen zu benachteiligen oder soziale Segregation zu verstärken? Hier sind Sensibilität, Diskurs und eine kontinuierliche Reflexion der eigenen Praxis gefragt.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der Akzeptanz. Viele Eigentümer und Bewohner stehen der digitalen Leerstandserkennung skeptisch gegenüber. Sie fürchten Überwachung, Wertverluste oder eine Stigmatisierung ihrer Immobilie. Erfolgreiche Projekte zeigen: Nur wenn die Akteure frühzeitig einbezogen, die Vorteile klar kommuniziert und die Ergebnisse transparent gemacht werden, lassen sich diese Vorbehalte abbauen. Partizipation ist der Schlüssel – Technik allein schafft keine Akzeptanz.

Der Ausblick für die deutschsprachige Stadtplanung ist dennoch vielversprechend. Mit der richtigen Mischung aus technischer Innovation, rechtlicher Klarheit, ethischer Verantwortung und partizipativer Governance kann digitale Leerstandserkennung zum Game Changer für nachhaltige Transformation werden. Die Städte, die heute mutig vorangehen, schaffen die Grundlage für eine resiliente, lebenswerte und zukunftsfähige Urbanität. Am Ende geht es nicht um Technikfetischismus, sondern um die intelligente Nutzung neuer Werkzeuge im Dienst des Gemeinwohls.

Zusammenfassend zeigt sich: Digitale Leerstandserkennung ist weit mehr als ein cleveres Analysewerkzeug. Sie ist ein strategischer Hebel für nachhaltige Transformation, ein Katalysator für soziale Innovation und ein Prüfstein für die Governance der Stadt von morgen. Wer die Technologie versteht, kritisch reflektiert und mutig einsetzt, kann Leerstand vom städtebaulichen Problem zur Ressource machen – und so den Weg für eine neue Ära urbaner Entwicklung ebnen. Garten und Landschaft bleibt Ihr Kompass in diesem dynamischen Feld – mit Fachwissen, Weitblick und einem Augenzwinkern, das den Ernst der Lage nie vergisst.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.