Digitale Leerstandskarten für urbane Resilienz

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Straßenverkehr und urbane Architektur in einer modernen Großstadt, fotografiert von Bin White

Digitale Leerstandskarten sind der Joker für urbane Resilienz: Sie machen leerstehende Immobilien sichtbar, liefern wertvolle Echtzeitdaten und öffnen neue Wege für nachhaltige Stadtentwicklung. Wer wissen will, wie Städte Leerstände intelligent managen, Prozesse modernisieren und Beteiligung neu denken – der kommt an digitalen Leerstandskarten nicht vorbei.

  • Definition und Funktionsweise digitaler Leerstandskarten in urbanen Kontexten
  • Wie digitale Leerstandsdaten urbane Resilienz fördern und Stadtplanung transformieren
  • Technische Grundlagen: Von Datenerfassung bis Visualisierung in Echtzeit
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Herausforderungen: Datenschutz, Datensouveränität und Governance
  • Beteiligung, Transparenz und Chancen für demokratischere Stadtentwicklung
  • Leerstand als Ressource: Impulse für Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Nutzung
  • Zukunftsausblick: Integration in Smart-City-Strategien und digitale Zwillinge
  • Risiken: Kommerzialisierung, technische Hürden und gesellschaftliche Akzeptanz
  • Fazit: Digitale Leerstandskarten als Katalysator für resilientere, bessere Städte

Von der Leerstandsmeldung zum digitalen Steuerungsinstrument: Was sind digitale Leerstandskarten?

Leerstand ist mehr als ein Ärgernis für die Nachbarschaft oder ein Makel im Stadtbild – er ist ein komplexes, dynamisches Phänomen mit erheblichem Einfluss auf Stadtentwicklung, Flächenverbrauch und soziale Strukturen. Digitale Leerstandskarten sind deshalb weit mehr als hübsche Visualisierungen: Sie sind präzise, datenbasierte Abbildungen aller un- oder untergenutzten Immobilien, Gewerbeflächen und Grundstücke innerhalb einer Stadt oder Region. Im Gegensatz zu klassischen, oft veralteten Listen oder punktuellen Erhebungen bieten digitale Leerstandskarten die Möglichkeit, Leerstände in Echtzeit zu erfassen, zu analysieren und zu steuern. Die technische Basis reicht von Geoinformationssystemen (GIS) über Sensorik, Crowd-Sourcing und automatisierte Datenextraktion bis hin zu urbanen Datenplattformen, auf denen sämtliche Leerstandsdaten aggregiert und visuell aufbereitet werden.

Die Anwendungsfelder sind so breit wie die Herausforderungen, die Leerstände mit sich bringen. Ob Innenstädte mit sinkender Einzelhandelsnachfrage, Wohnquartiere mit demografischem Wandel oder Industrieareale im Umbruch: Digitale Leerstandskarten liefern die nötige Transparenz, um Potenziale sichtbar zu machen, frühzeitig gegenzusteuern und Leerstände als Ressource statt als Problem zu begreifen. Die Karten sind nicht statisch – sie aktualisieren sich dynamisch, etwa durch Schnittstellen zu Meldesystemen, Satellitendaten oder Energieverbrauchsanalysen. Damit werden sie zum Rückgrat einer dateninformierten, resilienten Stadtplanung, die nicht mehr auf Vermutungen, sondern auf belastbaren Fakten basiert.

Die Funktionsweise digitaler Leerstandskarten ist denkbar logisch, aber technisch anspruchsvoll: Zunächst müssen Datenquellen identifiziert werden, zum Beispiel Melderegister, Energieversorger, Bauämter, Maklerportale oder sogar Bürgerhinweise. Diese Daten werden strukturiert, verifiziert und georeferenziert, also mit präzisen Standortinformationen versehen. Im nächsten Schritt erfolgt die Visualisierung – meist in Form interaktiver Karten, die unterschiedliche Leerstandstypen, Zeiträume und Nutzungsarten differenzieren. Moderne Systeme setzen dabei auf offene Schnittstellen (APIs), sodass verschiedene Akteure – Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – die Karte nicht nur einsehen, sondern auch mitgestalten können.

Ein entscheidender Vorteil digitaler Leerstandskarten ist ihre Fähigkeit zur Integration in andere urbane Systeme. Sie können mit digitalen Zwillingen, Mobilitätsdaten, Energieverbrauchsmodellen oder sozialen Indikatoren gekoppelt werden und so ein umfassendes Bild urbaner Dynamiken liefern. Diese Interoperabilität macht sie zu einem zentralen Baustein in der Entwicklung smarter, resilienter Städte, die flexibel auf Herausforderungen wie Klimawandel, Migration oder wirtschaftliche Disruption reagieren können.

Die Entwicklung digitaler Leerstandskarten ist kein Selbstzweck, sondern eine Antwort auf drängende Fragen: Wie können Flächen besser genutzt, Nachverdichtung gefördert und Ressourcen geschont werden? Wie lassen sich Leerstände vermeiden, bevor sie entstehen? Und wie kann Stadtplanung schneller, transparenter und demokratischer werden? Wer diese Fragen ernsthaft beantworten will, muss den Sprung von der analogen Leerstandserfassung zur digitalen Steuerung wagen.

Digitale Leerstandskarten und urbane Resilienz: Von der Krisenprävention zur nachhaltigen Transformation

Urbane Resilienz ist das neue Schlagwort in der Stadtplanung – und Leerstandskarten sind ihr unterschätzter Hebel. Während Flutkatastrophen, Pandemien oder Energieengpässe die Verwundbarkeit von Städten offengelegt haben, bieten digitale Leerstandskarten die Chance, urbane Systeme nicht nur zu stabilisieren, sondern aktiv zu transformieren. Sie ermöglichen es, auf Notlagen wie plötzlich steigende Wohnungsnachfrage, veränderte Arbeitswelten oder geschlossene Handelsflächen flexibel zu reagieren. In Kombination mit Szenarioanalysen und prädiktiven Modellen lassen sich Leerstände als temporäre Unterkünfte, neue Arbeitsorte oder soziale Treffpunkte nutzen – und das mit beispielloser Geschwindigkeit.

Im Katastrophenfall sind digitale Leerstandskarten ein unverzichtbares Instrument, um verfügbare Flächen für Evakuierungen, Notunterkünfte oder medizinische Einrichtungen zu identifizieren. Jenseits von Krisensituationen helfen sie, die Widerstandsfähigkeit ganzer Quartiere zu stärken. Sie machen sichtbar, wo Flächen brachliegen, bevor sie zum Problem werden, und sie zeigen auf, wo gezielt investiert oder nachgesteuert werden muss. Damit unterstützen sie nicht nur die Verwaltung, sondern auch Zivilgesellschaft, Initiativen und Unternehmen, die Leerstände als Chance begreifen und neu beleben wollen.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Förderung nachhaltiger Stadtentwicklung. Durch die gezielte Nachnutzung leerstehender Gebäude werden Flächenverbrauch und Versiegelung reduziert, Ressourcen geschont und der ökologische Fußabdruck der Stadt verringert. Leerstand wird zum Motor der Kreislaufwirtschaft: Statt Neubauten zu forcieren, rückt die Umnutzung und Aufwertung bestehender Substanz in den Fokus. Digitale Leerstandskarten liefern dafür die entscheidenden Daten, um Potenziale zu erkennen, Planungsprozesse zu beschleunigen und Förderprogramme zielgerichtet auszurichten.

Auch die soziale Dimension urbaner Resilienz profitiert von digitalen Leerstandskarten. Sie ermöglichen eine gerechtere Verteilung von Raum, indem sie Teilhabe und Mitgestaltung fördern. Bewohner können eigene Leerstandsmeldungen einbringen, Ideen für Zwischennutzungen vorschlagen oder sich an Entscheidungsprozessen beteiligen. Die Karten werden so zu Plattformen kollektiver Intelligenz, die lokale Expertise mit datengetriebenem Management verbinden. Das Ergebnis: Städte, die nicht nur stabil, sondern auch lebendig und inklusiv sind.

Schließlich eröffnen digitale Leerstandskarten neue Perspektiven für Stadtentwicklung jenseits des Wachstumsparadigmas. In schrumpfenden Regionen helfen sie, Rückbauprozesse zu steuern und Ressourcen effizient einzusetzen. In wachstumsstarken Städten verhindern sie spekulativen Leerstand, indem sie Transparenz schaffen und Handlungsdruck erzeugen. Kurz: Sie machen Städte resilienter, flexibler und nachhaltiger – wenn sie klug eingesetzt werden.

Technik, Transparenz und Teilhabe: Wie funktionieren digitale Leerstandskarten in der Praxis?

Die technische Umsetzung digitaler Leerstandskarten ist anspruchsvoll und verlangt Know-how aus Stadtplanung, Datenmanagement und IT. Im Zentrum steht die Frage: Woher kommen die Daten – und wie werden sie verlässlich erhoben? In der Praxis greifen Kommunen und Projektpartner auf einen Mix aus amtlichen Registern, Energieverbrauchsdaten, Satellitenbildern, Meldeportalen und Crowdsourcing zurück. Wichtig ist dabei, verschiedene Quellen miteinander zu verknüpfen, um Leerstände eindeutig zu identifizieren und Dubletten zu vermeiden. Moderne Systeme setzen auf automatisierte Algorithmen, die etwa ungewöhnlich niedrigen Energieverbrauch als Indikator für Leerstand werten und mit anderen Hinweisen abgleichen.

Die Visualisierung erfolgt in interaktiven Karten, die verschiedene Filter und Analysefunktionen bieten. Nutzer können nach Zeitraum, Gebäudetyp, Nutzungsart oder geplanten Maßnahmen differenzieren und so gezielt nach Flächen suchen, die für bestimmte Zwecke geeignet sind. Die Einbindung von Echtzeitdaten – etwa über Schnittstellen zu Energieversorgern oder IoT-Sensoren – ermöglicht es, Veränderungen unmittelbar zu erkennen und darauf zu reagieren. Damit werden Leerstandskarten zu lebendigen Steuerungsinstrumenten, die weit über die klassische Bestandsaufnahme hinausgehen.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die Offenheit der Systeme. Nur wenn Daten nachvollziehbar, zugänglich und erklärbar sind, können sie ihr volles Potenzial entfalten. Viele Städte setzen daher auf offene Datenplattformen und Schnittstellen, die nicht nur der Verwaltung, sondern auch Initiativen, Unternehmen und Bürgern zur Verfügung stehen. So entstehen neue Formen der Zusammenarbeit – von der Zwischennutzung leerstehender Ladenlokale bis zur Entwicklung innovativer Wohnkonzepte. Digitale Leerstandskarten werden zum Katalysator partizipativer Stadtentwicklung und schaffen Transparenz, wo früher Intransparenz herrschte.

Die Integration digitaler Leerstandskarten in andere urbane Systeme ist der nächste logische Schritt. Sie können mit digitalen Stadtzwillingen, Klimaanalysen oder Mobilitätsdaten verknüpft werden, um komplexe Wechselwirkungen sichtbar zu machen. So lassen sich etwa die Auswirkungen von Nachverdichtungsmaßnahmen auf Verkehrsströme, Mikroklima oder soziale Strukturen simulieren und fundiert bewerten. Diese Interoperabilität schafft neue Möglichkeiten für datenbasierte Entscheidungsprozesse und eröffnet Perspektiven für eine ganzheitliche, resiliente Stadtentwicklung.

Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten sind. In Wien liefert die Leerstandskarte einen Überblick über ungenutzte Wohn- und Gewerbeflächen und informiert über Zwischennutzungsmöglichkeiten. In Leipzig werden Leerstände systematisch erfasst und als Grundlage für Förderprogramme genutzt. Zürich setzt auf eine offene Datenplattform, die verschiedene Leerstandsarten abbildet und mit anderen urbanen Datenquellen verknüpft. Trotz aller Erfolge bleiben technologische, organisatorische und rechtliche Herausforderungen – doch der Trend ist klar: Die Zukunft der Leerstandserfassung ist digital, offen und vernetzt.

Governance, Datenschutz und gesellschaftliche Akzeptanz: Herausforderungen und Chancen digitaler Leerstandskarten

So verheißungsvoll digitale Leerstandskarten auch sind, so groß sind die Herausforderungen bei ihrer Einführung. Im Zentrum steht die Frage nach Governance: Wer ist für die Erhebung, Pflege und Nutzung der Daten verantwortlich? Wie wird sichergestellt, dass Daten aktuell, korrekt und missbrauchssicher sind? In vielen Kommunen fehlt es an klaren Zuständigkeiten und Prozessen, was die flächendeckende Implementierung erschwert. Hinzu kommt die Herausforderung, verschiedene Akteure – von Ämtern über Eigentümer bis zu zivilgesellschaftlichen Gruppen – sinnvoll einzubinden und ihre Interessen auszubalancieren.

Datenschutz ist ein weiterer kritischer Punkt. Die Erfassung und Veröffentlichung von Leerstandsdaten berührt Persönlichkeitsrechte, insbesondere bei Wohnimmobilien. Hier gilt es, datenschutzkonforme Lösungen zu entwickeln, die Transparenz schaffen, ohne sensible Informationen preiszugeben. Anonymisierung, Aggregierung und differenzierte Zugriffsrechte sind bewährte Mittel, um diesen Spagat zu meistern. Dennoch bleibt die gesellschaftliche Akzeptanz digitaler Leerstandskarten eine Herausforderung – insbesondere wenn Eigentümer Sorge vor Stigmatisierung oder wirtschaftlichen Nachteilen haben.

Die Gefahr der Kommerzialisierung ist real. Je wertvoller Leerstandsdaten werden, desto größer ist das Interesse privater Akteure, sie exklusiv zu nutzen oder zu vermarkten. Städte müssen daher klare Regeln für die Nutzung und Weitergabe der Daten definieren, um Gemeinwohlorientierung zu sichern und Monopolbildungen zu verhindern. Open-Data-Ansätze und transparente Lizenzmodelle sind hier der richtige Weg, um Innovation und Teilhabe zu fördern.

Gleichzeitig bieten digitale Leerstandskarten enorme Chancen für eine demokratischere Stadtentwicklung. Sie machen Planung nachvollziehbar, schaffen Zugang zu Informationen und ermöglichen neue Formen bürgerschaftlicher Beteiligung. Entscheidend ist, dass die Systeme erklärbar und partizipativ gestaltet werden. Nur dann können sie Vertrauen schaffen und Akzeptanz gewinnen. Städte wie Zürich, Wien oder Leipzig zeigen, wie es gehen kann – mit offenen Plattformen, klaren Governance-Strukturen und gezielten Beteiligungsformaten.

Am Ende ist die Einführung digitaler Leerstandskarten ein Balanceakt zwischen Innovation und Verantwortung. Wer mutig vorangeht, kann Leerstände als Ressource mobilisieren, urbane Resilienz stärken und Stadtentwicklung neu denken. Wer zögert, läuft Gefahr, Chancen zu verpassen und sich von den Möglichkeiten datengetriebener Planung abschneiden zu lassen. Sicher ist: Der Wandel ist unausweichlich – die Frage ist nur, wie aktiv Städte ihn gestalten.

Zukunftsperspektiven: Digitale Leerstandskarten als integraler Bestandteil smarter Städte

Der Blick in die Zukunft zeigt: Digitale Leerstandskarten werden zum unverzichtbaren Bestandteil urbaner Dateninfrastrukturen. Sie sind prädestiniert für die Integration in Smart-City-Strategien, urbane Datenplattformen und digitale Stadtzwillinge. Ihre offene, dynamische Architektur ermöglicht es, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren – von der Energiewende über Mobilitätswandel bis zum demografischen Umbruch. Die Verbindung von Leerstandsdaten mit weiteren urbanen Indikatoren eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für Szenarioanalysen, Prognosen und Echtzeitsteuerung.

Die nächste Stufe der Entwicklung sind vollständig integrierte Systeme, die Leerstände nicht nur erfassen, sondern automatisch bewerten, priorisieren und Empfehlungen für Maßnahmen geben. Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Predictive Analytics werden eingesetzt, um Leerstandsmuster zu erkennen, Ursachen zu analysieren und gezielt gegenzusteuern. Städte können so proaktiv agieren, statt nur zu reagieren – ein Paradigmenwechsel, der Planung, Verwaltung und Politik gleichermaßen fordert und fördert.

Auch die Kopplung mit Bürgerbeteiligung wird weiter an Bedeutung gewinnen. Digitale Leerstandskarten werden zu Plattformen, auf denen Ideen aus der Bevölkerung direkt in Planungsprozesse einfließen. Initiativen können Leerstände melden, Nutzungsvorschläge einreichen oder eigene Projekte verwirklichen. Die Stadt wird zum Co-Produkt urbaner Akteure – und Leerstandskarten sind das Betriebssystem dieser neuen Urbanität.

Allerdings bleiben Herausforderungen: Die technische Komplexität steigt, Datenschutz und Datensicherheit müssen laufend weiterentwickelt werden, und nicht zuletzt braucht es eine Kultur der Offenheit, um die Potenziale digitaler Leerstandskarten voll auszuschöpfen. Besonders in Deutschland, wo Innovationsfreude oft von rechtlichen Unsicherheiten und föderalen Strukturen gebremst wird, sind mutige Pilotprojekte, klare Leitlinien und offene Diskurse gefragt.

Fest steht: Wer auf digitale Leerstandskarten setzt, investiert nicht nur in eine bessere Leerstandserfassung, sondern in resilientere, flexiblere und lebenswertere Städte. Sie sind der Schlüssel, um urbane Herausforderungen gemeinsam, datenbasiert und innovativ zu lösen – und damit die Stadt von morgen aktiv zu gestalten, statt nur zu verwalten.

Fazit: Leerstand sichtbar machen, Resilienz stärken – Mit digitalen Leerstandskarten in die urbane Zukunft

Digitale Leerstandskarten markieren einen Wendepunkt in der Stadtentwicklung: Sie holen ein lange stiefmütterlich behandeltes Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit, machen Leerstände sichtbar und nutzbar und eröffnen neue Wege für nachhaltige, resiliente Städte. Ihr Wert liegt nicht nur in der technischen Innovation, sondern in der Transformation von Prozessen, Kulturen und Beteiligungsmodellen. Sie sind Werkzeug, Medium und Plattform zugleich und verbinden die Präzision datenbasierter Analyse mit der Kreativität bürgerschaftlicher Mitgestaltung.

Wer heute auf digitale Leerstandskarten setzt, schafft die Grundlage für eine Stadtplanung, die Leerstände als Ressource und nicht als Makel begreift. Sie ermöglichen flexible, schnelle und transparente Entscheidungsprozesse, fördern Nachnutzung und Kreislaufwirtschaft und stärken die Widerstandsfähigkeit urbaner Räume gegenüber Krisen und Veränderungen. Die Herausforderungen sind real – von Governance über Datenschutz bis gesellschaftliche Akzeptanz – doch die Chancen überwiegen. Der Weg zur resilienten Stadt führt über offene Daten, partizipative Prozesse und den Mut, neue Technologien aktiv zu gestalten. Digitale Leerstandskarten sind dabei kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug für alle, die Stadtentwicklung neu denken wollen. Wer zögert, riskiert den Anschluss – wer gestaltet, bestimmt die Zukunft der urbanen Resilienz.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.