Digitale Schattenplaner für temporäre Märkte und Events

eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Das urbane Leben und die morgendliche Rushhour festgehalten von Bin White – eine Straßenszene mit lebendigem Verkehr und beeindruckender Skyline.

Temporäre Märkte, Food-Festivals oder Pop-up-Events bringen Leben in die Stadt. Doch mit der Sonne kommt nicht nur gute Stimmung – sondern auch die Schattenseite: Überhitzung, fehlende Aufenthaltsqualität, ungleiche Flächennutzung. Digitale Schattenplaner versprechen, genau hier Abhilfe zu schaffen. Sie nutzen modernste Simulationen, um bereits im Vorfeld zu zeigen, wie und wo sich Schatten auf temporären Veranstaltungsflächen optimal erzeugen und steuern lässt. Aber wie funktioniert das eigentlich? Wer setzt diese Tools gezielt ein? Und was bedeutet das für die Zukunft urbaner Freiräume?

  • Definition und Funktionsweise digitaler Schattenplaner für urbane Veranstaltungen
  • Technische Grundlagen: 3D-Modelle, Geodaten, Sensorik und Simulationen
  • Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum: temporäre Märkte, Stadtfeste und Events
  • Klimaanpassung, Aufenthaltsqualität und Gesundheitsschutz als zentrale Ziele
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Stadtplanern, Architekten, Veranstaltern und IT-Spezialisten
  • Datenschutz, Governance und Herausforderungen bei der Implementierung
  • Chancen für Bürgerbeteiligung und transparente Entscheidungsprozesse
  • Risiken: technologische Abhängigkeit, Kommerzialisierung, städtische Gerechtigkeit
  • Ausblick: Von der temporären Intervention zum dauerhaften Wandel urbaner Räume

Was sind digitale Schattenplaner? Definition, Technik und urbane Relevanz

Digitale Schattenplaner sind spezialisierte Softwaretools, die auf Basis von 3D-Stadtmodellen, aktuellen Geodaten und meteorologischen Informationen simulieren, wie sich Sonne und Schatten im urbanen Raum über den Tages- und Jahresverlauf hinweg bewegen. Ursprünglich aus dem klassischen Städtebau und der Architektur stammend – denken wir an die gute alte Schattenscheibe auf dem Zeichenbrett – haben sich diese Werkzeuge zu leistungsstarken Digital Twins entwickelt. Sie erlauben es, komplexe Szenarien für temporäre Märkte, Open-Air-Events oder Sommerfeste nicht nur im Büro durchzuspielen, sondern direkt auf dem Tablet vor Ort zu verändern und zu optimieren.

Die technische Grundlage bilden detaillierte 3D-Modelle der betreffenden Stadt- oder Quartiersbereiche. Hier werden nicht nur Gebäude, sondern auch Bäume, temporäre Bauwerke, Marktstände, Zelte und sogar mobile Schirme als digitale Objekte mit ihren jeweiligen Höhen, Materialien und Reflexionseigenschaften modelliert. Sensorik und aktuelle Wetterdaten fließen ein, um die Sonneneinstrahlung je nach Tageszeit, Jahreszeit und Bewölkung realistisch abzubilden. Die Software berechnet dann, wie sich Schattenflächen verschieben, wo Hitzespots entstehen und welche Flächen besonders geschützt sind – und das alles in Echtzeit oder für beliebige Zeitpunkte simuliert.

Im Unterschied zu klassischen, statischen Schattenwurfbildern ermöglichen digitale Schattenplaner die schnelle Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen: Zum Beispiel kann ein Eventplaner simulieren, was passiert, wenn ein zusätzlicher Foodtruck aufgebaut wird, ein Baum gefällt werden muss oder neue Sonnensegel installiert werden. Die Auswirkungen auf die Aufenthaltsqualität, den Wärmekomfort und die Barrierefreiheit werden sofort sichtbar. Damit erhalten Planer, Veranstalter und auch Behörden eine nie dagewesene Planungsflexibilität und können den urbanen Raum dynamisch und klimagerecht gestalten – von der kleinen Marktfläche bis zum Großevent im Stadtpark.

Die Relevanz dieser Tools wächst angesichts des Klimawandels und der zunehmenden Verdichtung urbaner Räume enorm. Temporäre Märkte und Events sind beliebte Instrumente zur Belebung von Innenstädten, doch sie geraten immer häufiger an ihre klimatischen Grenzen. Überhitzte Plätze, fehlende Verschattung und gesundheitliche Risiken für Besucher und Standbetreiber werden zu echten Problemen. Digitale Schattenplaner schaffen hier Abhilfe, indem sie nicht nur Probleme aufdecken, sondern konkrete Lösungen simulieren: Wo lohnt sich die Investition in mobile Verschattungsanlagen? Welche Standanordnung sorgt für Durchlüftung? Und welche Flächen bleiben auch bei 35 Grad nutzbar?

Darüber hinaus leisten digitale Schattenplaner einen Beitrag zur städtischen Gerechtigkeit. Denn sie machen sichtbar, welche Gruppen von temporären Interventionen profitieren – und welche womöglich ausgeschlossen werden. Wer sich einmal auf einem Markt zwischen heißen Asphaltflächen und brütender Sonne wiedergefunden hat, weiß: Schatten ist nicht nur Luxus, sondern Voraussetzung für Teilhabe, Gesundheit und Aufenthaltsqualität. Digitale Werkzeuge helfen, diese Fragen datenbasiert und nachvollziehbar zu beantworten – und eröffnen neue Wege für kreative, resiliente und sozial gerechte Stadtgestaltung.

Schließlich sind digitale Schattenplaner auch aus Sicht der urbanen Governance relevant. Sie ermöglichen transparente und partizipative Entscheidungsprozesse: Bürger können die Auswirkungen verschiedener Marktgestaltungen direkt nachvollziehen, Verwaltung und Politik erhalten belastbare Entscheidungsgrundlagen, und Veranstalter können ihre Flächen optimal nutzen. Die Digitalisierung wird so zum Treiber für smarte, klimaresiliente und lebenswerte Städte – vorausgesetzt, sie wird verantwortungsvoll und offen eingesetzt.

So funktionieren digitale Schattenplaner in der Praxis: Von der Simulation zum temporären Stadtlabor

In der Praxis beginnt der Einsatz digitaler Schattenplaner meist mit einer Bestandsaufnahme: Das Planungsgebiet – beispielsweise ein Marktplatz, ein Festivalareal oder ein temporär umgestalteter Parkplatz – wird präzise vermessen und als 3D-Modell digitalisiert. Moderne Drohnenvermessung, Laserscanning und offene Geodatenportale liefern hierfür die Basis. Ergänzend werden bestehende Bäume, Laternen, Fassaden, aber auch mögliche temporäre Einbauten wie Bühnen oder Marktstände digital erfasst und parametrisiert. Entscheidend ist dabei, dass nicht nur die statische Geometrie, sondern auch dynamische Elemente – etwa mobile Sonnensegel, Pavillons oder aufblasbare Schirme – flexibel angelegt werden, um verschiedene Szenarien durchspielen zu können.

Sobald das Modell steht, kommt die eigentliche Magie ins Spiel: Die Software importiert aktuelle Wetter- und Solardaten, berechnet Sonnenstand und Verschattung für beliebige Tages- und Jahreszeiten und visualisiert die resultierenden Schattenflächen in Echtzeit. In der Anwendung können Planer oder Veranstalter mit wenigen Klicks Stände verschieben, neue Verschattungselemente platzieren oder Bäume virtuell „pflanzen“ – und sofort sehen, wie sich die Schattenlage verändert. Dabei lassen sich auch komplexe Fragestellungen simulieren, etwa: Welche Flächen bleiben auch am heißesten Sommertag unter 30 Grad? Wo entstehen gefährliche Hitzespots? Wie wirkt sich ein plötzlicher Wetterumschwung auf Aufenthaltsqualität und Fluchtwege aus?

Ein konkretes Beispiel liefert die Stadt Wien, die für temporäre Märkte auf dem Naschmarkt seit 2022 digitale Schattenplanungstools einsetzt. Hier werden verschiedene Standanordnungen, temporäre Verschattungssysteme und Begrünungen getestet, um auch bei steigender Hitze attraktive, sichere und gesunde Marktflächen zu gewährleisten. Die Planungsprozesse wurden dabei interdisziplinär aufgestellt: Stadtklimatologen, Landschaftsarchitekten, Veranstalter und IT-Spezialisten arbeiteten Hand in Hand. Das Ergebnis: Datenbasierte Entscheidungen, die nachvollziehbar und flexibel anpassbar sind – und die Aufenthaltsqualität spürbar verbessern.

Auch in Deutschland setzen Städte wie München, Hamburg oder Freiburg zunehmend auf digitale Schattenplanung für temporäre Events. Besonders spannend sind Kooperationen mit Technologieunternehmen, die Echtzeitdaten von mobilen Sensoren – etwa zur Oberflächentemperatur, Luftqualität oder Besucherzahl – direkt in die Simulation einspeisen. Die Planung wird so zum fortlaufenden Experiment: Während des Events werden Daten gesammelt, die wiederum in die Optimierung künftiger Veranstaltungen einfließen. Der temporäre Markt wird zum urbanen Labor für Klimaanpassung und innovative Aufenthaltsgestaltung.

Doch die Tools sind nicht nur für Großstädte interessant. Auch in kleineren Kommunen, etwa beim jährlichen Stadtfest oder dem Wochenmarkt auf dem Land, können digitale Schattenplaner einen echten Unterschied machen. Oft genügt schon ein einfaches 3D-Modell, ergänzt durch lokale Wetterdaten, um die grundlegenden Schattenprobleme zu erkennen und pragmatische Lösungen zu entwickeln. Entscheidend ist dabei, dass die Werkzeuge intuitiv bedienbar sind und den Dialog zwischen Planern, Veranstaltern und Bürgern fördern – denn die beste Simulation bleibt wertlos, wenn sie nicht in der Praxis ankommt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Integration in bestehende Planungs- und Genehmigungsprozesse. Digitale Schattenplaner lassen sich heute in viele gängige GIS-Systeme und Stadtmodellplattformen einbinden, sodass sie nahtlos mit anderen Tools für Mobilitätsplanung, Sicherheit oder Infrastrukturmanagement zusammenarbeiten. So entsteht ein ganzheitlicher Blick auf temporäre Märkte und Events – und die Möglichkeit, Schattenplanung als festen Bestandteil der urbanen Transformation zu etablieren.

Klimaanpassung, Gesundheitsschutz und soziale Gerechtigkeit: Warum digitale Schattenplanung mehr als ein technisches Gimmick ist

Die Bedeutung digitaler Schattenplaner erschöpft sich keineswegs in der Optimierung von Marktständen oder der ästhetischen Verschattung von Eventflächen. Vielmehr stehen sie im Zentrum der großen Herausforderungen moderner Stadtentwicklung: Klimaanpassung, Gesundheitsschutz und soziale Teilhabe. In Zeiten zunehmender Hitzewellen, urbaner Wärmeinseln und ausgedörrter Plätze wird die Frage nach ausreichend Schatten zur Überlebensfrage für die Aufenthaltsqualität in der Stadt – und damit zur Kernaufgabe für Planer, Architekten, Veranstalter und Verwaltungen gleichermaßen.

Gerade temporäre Märkte und Events sind hiervon besonders betroffen. Sie finden oft auf versiegelten Flächen statt, die im Hochsommer zu regelrechten Hitzefallen werden. Besucher und Standbetreiber sind der Witterung schutzlos ausgeliefert, gesundheitliche Risiken wie Hitzschlag, Kreislaufprobleme oder Sonnenbrand nehmen zu – vor allem für vulnerable Gruppen wie Kinder, Senioren oder Menschen mit Vorerkrankungen. Digitale Schattenplaner bieten hier mehr als nur Komfort: Sie ermöglichen es, diese Risiken präzise zu identifizieren und gezielt zu minimieren. Wo klassische Erfahrung und Bauchgefühl an ihre Grenzen stoßen, liefern datengetriebene Simulationen belastbare Aussagen über Temperaturverläufe, UV-Belastung und Aufenthaltsqualität.

Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt ist die soziale Gerechtigkeit. Nicht alle Besucher eines Marktes oder Events haben die gleichen Möglichkeiten, sich vor Hitze zu schützen. Wer sich den teuren Platz unter dem einzigen Baum sichern kann, hat Glück – alle anderen müssen schwitzen. Digitale Schattenplanung macht diese Verteilungsfragen sichtbar und eröffnet neue Wege, Schattenflächen gerecht zu verteilen. Beispielsweise können Standorte für Sitzgelegenheiten, Spielflächen oder Gastronomie gezielt dort platziert werden, wo die Verschattung am besten ist – oder mobile Schattenspender werden so positioniert, dass sie möglichst vielen Menschen zugutekommen.

Auch für Veranstalter und Betreiber bieten digitale Schattenplaner Vorteile. Sie können die Effizienz ihrer Flächennutzung steigern, die Aufenthaltsdauer der Besucher erhöhen und das Unfallrisiko minimieren. Gleichzeitig erleichtern sie die Kommunikation mit Behörden, etwa im Rahmen von Genehmigungsverfahren oder Sicherheitskonzepten. Nicht zuletzt verbessern sie die Außenwirkung von Märkten und Events, denn ein klimagerechtes, attraktives und gesundes Angebot ist längst ein Wettbewerbsfaktor – gerade in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und Aufenthaltsqualität zunehmend im Fokus stehen.

Allerdings gilt auch hier: Technik ist kein Selbstzweck. Nur wenn digitale Schattenplaner offen, transparent und partizipativ eingesetzt werden, entfalten sie ihr volles Potenzial. Die Einbindung von Bürgern, lokalen Initiativen und Experten ist entscheidend, um Akzeptanz zu schaffen und die besten Lösungen zu finden. Gleichzeitig müssen Datenschutz, Datensouveränität und technologische Unabhängigkeit gewährleistet sein – denn niemand möchte, dass die Kontrolle über den Schatten auf dem Marktplatz plötzlich bei einem US-Cloudanbieter liegt.

Schlussendlich stellen digitale Schattenplaner auch das klassische Planungsverständnis auf den Kopf. Planung wird nicht mehr als einmalige, abgeschlossene Leistung verstanden, sondern als fortlaufender, dynamischer Prozess – ein ständiges Ausprobieren, Anpassen und Verbessern. Die Stadt wird zum Experimentierfeld, Märkte und Events zu temporären Laboren für die Stadt von morgen. Wer sich darauf einlässt, gewinnt nicht nur an Flexibilität, sondern auch an Resilienz und Innovationskraft.

Herausforderungen, Governance und Ausblick: Von der temporären Intervention zum dauerhaften Wandel

So überzeugend die Vorteile digitaler Schattenplaner auch sind – ihr Einsatz ist kein Selbstläufer. Technische, rechtliche und organisatorische Hürden stehen einer flächendeckenden Nutzung derzeit noch im Weg. Viele Kommunen verfügen nicht über die nötigen 3D-Modelle oder Geodaten, die Integration in bestehende IT-Infrastrukturen ist komplex, und nicht selten fehlt es an Know-how und Ressourcen für die datengestützte Schattenplanung. Hinzu kommen Fragen der Datenhoheit, des Datenschutzes und der Governance: Wer betreibt und pflegt die Modelle? Wer entscheidet über die Nutzung? Und wie lassen sich offene Standards und Interoperabilität gewährleisten?

Gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die kommunale Landschaft stark fragmentiert. Während einige Städte und Gemeinden Vorreiter sind und innovative Tools einsetzen, zögern andere aus Angst vor technischer Überforderung oder Kontrollverlust. Hinzu kommt die Unsicherheit über rechtliche Rahmenbedingungen, etwa hinsichtlich der öffentlichen Zugänglichkeit von Simulationen oder der Haftung bei fehlerhaften Prognosen. Wer darf auf die Modelle zugreifen? Wie werden Bürger in die Planung eingebunden? Und wie lassen sich kommerzielle Interessen mit dem Gemeinwohl in Einklang bringen?

Ein weiteres Risiko besteht in der potenziellen Kommerzialisierung und Technologisierung der Stadtplanung. Wenn digitale Schattenplaner ausschließlich von großen Softwareanbietern entwickelt und betrieben werden, droht eine Abhängigkeit, die langfristig die Gestaltungsfreiheit der Städte einschränken könnte. Auch algorithmische Verzerrungen und technokratischer Bias sind reale Gefahren: Wenn Simulationsmodelle auf unvollständigen Daten oder einseitigen Annahmen beruhen, werden bestimmte Gruppen benachteiligt – etwa, wenn Verschattungsmaßnahmen dort priorisiert werden, wo die meisten zahlenden Besucher erwartet werden, nicht aber dort, wo besonders vulnerable Gruppen Schutz benötigen.

Um diese Herausforderungen zu meistern, braucht es eine neue Governance für digitale Planungstools. Offene Standards, transparente Algorithmen und partizipative Prozesse sind ebenso wichtig wie die Sicherung der Datensouveränität auf kommunaler Ebene. Erfolgreiche Beispiele, etwa aus Wien oder Zürich, zeigen, dass es möglich ist, digitale Schattenplanung als gemeinschaftliches Projekt von Stadt, Veranstaltern, Bürgern und Technikpartnern zu gestalten – und dabei von der temporären Intervention zum dauerhaften Wandel urbaner Räume zu gelangen.

Die Zukunft der digitalen Schattenplanung liegt in der Verbindung von temporären und dauerhaften Maßnahmen. Was auf dem Pop-up-Markt oder dem Sommerfestival getestet wird, kann Impulse für die langfristige Gestaltung von Plätzen, Straßen und Parks geben. Die Erkenntnisse aus Simulation und Praxis fließen zurück in die Stadtentwicklung, neue Verschattungsstrategien, Begrünungen oder bauliche Anpassungen werden dauerhaft umgesetzt. So entsteht aus digitaler Innovation ein nachhaltiger, klimaresilienter und sozial gerechter Stadtumbau – von der temporären Intervention zum dauerhaften Fortschritt.

Am Ende steht die Erkenntnis: Digitale Schattenplaner sind weit mehr als ein technisches Add-on für sommerliche Märkte. Sie sind Motor und Katalysator für eine neue, datenbasierte und partizipative Stadtplanung, die temporäre Events nicht als Ausnahme, sondern als Experimentierfeld für die Stadt von morgen versteht. Wer jetzt investiert, legt den Grundstein für lebenswerte, klimaresiliente und gerechte Städte – in denen Schatten kein Zufall, sondern das Ergebnis intelligenter Planung ist.

Fazit: Digitale Schattenplaner als Schlüssel zu urbaner Resilienz und smarter Stadtgestaltung

Digitale Schattenplaner revolutionieren die Planung temporärer Märkte und Events in deutschen, österreichischen und schweizer Städten. Sie ermöglichen eine datenbasierte, flexible und partizipative Gestaltung von Aufenthaltsqualität, Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit – und machen aus temporären Interventionen echte Innovationslabore für den urbanen Wandel. Die Technik ist inzwischen reif, die Anwendungsbeispiele überzeugend, die Herausforderungen lösbar – vorausgesetzt, Kommunen, Planer und Veranstalter gehen den Weg gemeinsam, setzen auf offene Standards und verstehen digitale Werkzeuge als Chance für Transparenz, Teilhabe und nachhaltige Stadtentwicklung. Wer jetzt mutig vorangeht, macht die Stadt nicht nur schattiger, sondern auch smarter und gerechter. So wird aus der digitalen Simulation gelebte Realität – und aus der temporären Eventfläche ein Modell für die resiliente Stadt von morgen.

Das könnte Sie auch interessieren
Ausstellung The Gift: Großzügigkeit und Gewalt in der Architektur
eine-gruppe-von-menschen-die-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlang-gehen-6Ooq3GMvYIc
Supervised Learning vs. Unsupervised Learning – Methoden im Stadtanalyse-Einsatz
bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Wie Planetare Gesundheit zum Leitbild der Planung wird
ein-schwarz-weiss-foto-eines-gebaudes-mit-balkon-A7xJWw8Ahhc
Kühlleistung von Stadtgewässern – Simulation flacher vs. tiefer Systeme
Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Dachbegrünung Satteldach
Dachbegrünung Satteldach: Funktion, Vorteile und Umsetzung
Panorama von Bogotá mit urbanen Quartieren, Symbol für Wandel durch partizipative Planung.
Wie Bogotá mit partizipativer Infrastrukturplanung neue Sozialräume schafft
Piet Oudolf privat
Bundespreis Stadtgrün 2022
Bundespreis Stadtgrün 2022
Publikumsvoting gestartet: Bayerischer Landschaftsarchitektur-Preis 2026
Im Hintergrund Bergpanorama, davor ein See und grüne Wiesen. Im Vordergrund blüht eine lilafarbene Blume. Der schöne Schein trügt? Das Landesentwicklungsprogramm Bayern braucht einen Neustart. Foto: Mario Dobelmann via Unsplash
Neustart für Landesentwicklungsprogramm Bayern

Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.