Warum Helsinki ein Vorbild für digitale Raumplanung ist – Open Data und Urban Twin im Einsatz

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Auto in urbaner Kulisse zwischen Hochhäusern in der Stadt. Foto von Marek Lumi.

Stadtplanung in Echtzeit? Was gestern noch nach Science-Fiction klang, ist in Helsinki längst gelebter Alltag: Digitale Zwillinge und offene Datenplattformen machen die Stadtentwicklung transparent, dynamisch und partizipativ. Während viele deutsche Kommunen noch über Pilotprojekte diskutieren, demonstriert Finnlands Hauptstadt, wie Urban Digital Twins urbane Intelligenz freisetzen und das Planen revolutionieren. Ein Blick nach Norden zeigt, wie aus Vision Realität wird – und warum Helsinki zum Vorbild für die digitale Raumplanung avanciert.

  • Einführung in das Konzept der Urban Digital Twins und ihre Bedeutung für die digitale Stadtplanung
  • Warum Helsinki bei der Nutzung von Open Data und Urban Twins international führend ist
  • Detaillierte Einblicke in Helsinkis digitale Strategie, Projekte und Governance-Strukturen
  • Konkrete Anwendungsbeispiele: Mobilität, Klimaresilienz, Bürgerbeteiligung und Infrastrukturmanagement
  • Vergleich mit Deutschland, Österreich und der Schweiz: Chancen, Hürden und kulturelle Unterschiede
  • Diskussion um Datenhoheit, Transparenz und den Schutz vor technokratischer Übersteuerung
  • Schlüsselkompetenzen für Planer und Entscheider im digitalen Wandel
  • Fazit: Was die DACH-Region von Helsinki lernen kann – und warum Offenheit der Schlüssel ist

Helsinki als digitale Avantgarde: Wie Urban Digital Twins Stadtentwicklung neu denken

Wer Helsinki besucht, erlebt eine Stadt, die Innovation nicht als PR-Strategie, sondern als gelebte Praxis versteht. Schon seit Jahren verfolgt die finnische Hauptstadt eine konsequente Digitalisierungsstrategie, die weit über smarte Straßenlaternen oder hübsche Bürger-Apps hinausgeht. Im Zentrum steht ein umfassender Urban Digital Twin – ein digitales Abbild der gesamten Stadt, das in Echtzeit mit Daten gefüttert wird und damit eine bislang unerreichte Transparenz und Präzision in der Raumplanung ermöglicht. Die Idee: Stadtplanung wird nicht länger in abgeschotteten Amtsstuben betrieben, sondern als dialogischer, datengetriebener Prozess gestaltet, an dem Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Bürgerschaft gleichermaßen teilhaben.

Der Urban Digital Twin Helsinkis ist dabei nicht bloß ein hübsches 3D-Modell für Architekturfans, sondern ein hochfunktionales Tool, das unterschiedlichste Datenströme integriert. Von Verkehrsflüssen über Energieverbrauch, Luftqualität, Baustellenaktivitäten bis hin zu Klimadaten – alle relevanten Informationen laufen im digitalen Zwilling zusammen. Was das bringt? Entscheidungen können auf Basis von Echtzeitanalysen getroffen werden, etwa wenn es um Verkehrssteuerung, die Planung neuer Quartiere oder das Management von Extremwettereignissen geht. Helsinki zeigt damit, dass Digitalisierung in der Stadtentwicklung weit mehr ist als die digitale Verwaltung von Bauanträgen.

Besonders spannend ist, wie breit der Digital Twin in Helsinki verankert ist. Er wird nicht nur von der Stadtverwaltung genutzt, sondern steht über offene Schnittstellen auch Unternehmen, Forschern und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. Diese Offenheit befeuert Innovation: Start-ups entwickeln neue Services auf Basis der städtischen Daten, Universitäten forschen an KI-gestützten Simulationen, und Bürger erhalten die Möglichkeit, sich fundiert an Planungsprozessen zu beteiligen. Die Stadt agiert dabei als Plattformbetreiberin im besten Sinne – sie orchestriert, vernetzt und moderiert, statt alles bis ins letzte Detail zu kontrollieren.

Dass Helsinki hier eine Vorreiterrolle einnimmt, ist kein Zufall. Die Stadt profitiert von einer ausgeprägten Verwaltungsmodernisierung, einer hohen Digitalaffinität der Bevölkerung und einer politischen Kultur, die Transparenz und Teilhabe als Grundpfeiler versteht. Die Entscheidung, alle städtischen Daten offen bereitzustellen – Open Data by default – hat einen digitalen Nährboden geschaffen, auf dem Innovation sprießt. Statt sich über Datenschutzängste zu lähmen, setzt Helsinki auf klare Regeln, technische Standards und ein robustes Governance-Modell, das Vertrauen schafft und Missbrauch verhindert.

Der Erfolg der digitalen Stadtentwicklung in Helsinki basiert somit nicht allein auf technischem Fortschritt, sondern auf einer neuen Haltung: Planung wird als lernender, iterativer Prozess verstanden, der auf Feedback, Daten und Beteiligung setzt. Wer sich fragt, wie die Zukunft der Raumplanung aussieht, findet hier die Blaupause – und erkennt schnell, dass der Urban Digital Twin mehr ist als ein Hype. Er ist ein Paradigmenwechsel in der Art, wie Städte gedacht, gestaltet und gesteuert werden.

Open Data als Motor: Wie Helsinki Datenkultur und Stadtplanung verbindet

Herzstück der digitalen Transformation Helsinkis ist eine kompromisslose Open-Data-Strategie. Bereits seit 2009 verfolgt die Stadt den Ansatz, sämtliche nicht-personenbezogenen Daten öffentlich, maschinenlesbar und kostenfrei bereitzustellen. Das Resultat ist ein gewaltiges Datenökosystem, das weit über klassische Geoinformationen hinausgeht: Von Echtzeitdaten zu öffentlichen Verkehrsmitteln über Wetter- und Umweltdaten bis hin zu 3D-Gebäudemodellen und Energieverbrauchsstatistiken findet sich alles auf einer zentralen Plattform. Für Planer und Architekten bedeutet das: Analysen, Simulationen und Entwürfe können auf einer enorm breiten und aktuellen Datenbasis erstellt werden – ohne wochenlange Antragsverfahren oder Insellösungen.

Die offene Datenkultur hat die Planungspraxis in Helsinki radikal verändert. Wo früher Informationen mühsam aus unterschiedlichen Ämtern zusammengesucht werden mussten, sind heute interaktive Karten, APIs und Datendienste rund um die Uhr verfügbar. Das beschleunigt nicht nur Prozesse, sondern sorgt auch für eine neue Qualität und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Wer etwa nachvollziehen möchte, warum eine neue Verkehrslösung gerade an einem bestimmten Ort umgesetzt wird, kann die zugrundeliegenden Daten frei einsehen und sogar eigene Analysen durchführen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der Helsinki 3D+ Digital Twin. Dieses digitale Stadtmodell integriert nicht nur Geometrien und Visualisierungen, sondern verknüpft sie mit dynamischen Datenströmen: Luftverschmutzung, Lärmbelastung, Verkehrsintensität, Energieverbrauch und viele weitere Parameter werden in Echtzeit gemessen und im Modell visualisiert. Das eröffnet Planern neue Möglichkeiten der Szenarienentwicklung: Wie verändert sich die Luftqualität, wenn eine Hauptstraße zur Fahrradstraße umgewandelt wird? Wie wirkt sich eine neue Hochhausbebauung auf Mikroklima und Windverhältnisse aus? Antworten liefert der digitale Zwilling – direkt und nachvollziehbar.

Auch die Bürger profitieren von der offenen Datenstrategie. In Helsinki können sie sich nicht nur über laufende Projekte informieren, sondern aktiv mitgestalten. Die Stadt stellt Beteiligungsplattformen bereit, auf denen Planungsvorhaben visualisiert und diskutiert werden können. Simulationen von Auswirkungen geplanter Maßnahmen sind Teil der öffentlichen Debatte – und erhöhen damit die Akzeptanz und Legitimität von Entscheidungen. Das Verständnis für komplexe Wechselwirkungen zwischen Verkehr, Klima und Bebauung wächst – und mit ihm die Bereitschaft, innovative Lösungen zu akzeptieren und mitzutragen.

Diese datengetriebene Transparenz ist kein Selbstzweck, sondern ein zentraler Baustein für nachhaltige, resiliente Stadtentwicklung. Sie sorgt dafür, dass Planung nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern immer auf die realen Bedürfnisse und Herausforderungen der Stadtgesellschaft reagiert. Wer Helsinki verstehen will, muss die Kultur des Teilens begreifen – und erkennen, dass Offenheit der wahre Katalysator für Innovation ist.

Vom Experiment zur Exzellenz: Wo Helsinki Maßstäbe setzt – und was DACH-Städte bremst

Während Helsinki längst zur internationalen Referenz für digitale Raumplanung avanciert ist, tun sich Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz schwer, ähnliche Projekte in vergleichbarer Tiefe und Offenheit umzusetzen. Zwar gibt es auch hierzulande ambitionierte Pilotvorhaben – etwa das Urban Digital Twin-Projekt in Hamburg oder die Smart City-Initiativen in Wien und Zürich – doch sie bleiben oft fragmentiert, technisch limitiert oder politisch eingehegt. Der Unterschied liegt in der Konsequenz: Helsinki hat den Sprung von Insellösungen zur stadtweiten, offenen Plattform geschafft und damit einen echten Kulturwandel in der Planung eingeläutet.

Ein zentraler Hemmschuh in der DACH-Region ist der Umgang mit Daten. Während Helsinki auf maximale Offenheit setzt, dominieren hierzulande Datenschutzbedenken, föderale Zersplitterung und proprietäre Systeme. Oft werden Daten als Machtressource betrachtet, die es zu schützen, nicht zu teilen gilt. Das führt zu intransparenten Prozessen, Innovationshemmnissen und einer geringen Skalierbarkeit digitaler Lösungen. Zudem fehlt es häufig an verbindlichen Standards, interoperablen Schnittstellen und einer klaren Governance-Struktur – all das sind Faktoren, die Helsinki konsequent adressiert hat.

Auch die politische und administrative Kultur unterscheidet sich deutlich. In Helsinki ist die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen und Innovationen auszuprobieren, Teil des Selbstverständnisses. Fehler werden als Lernchance betrachtet, Beteiligung als strategischer Vorteil. In Deutschland dagegen herrscht vielerorts eine ausgeprägte Risikovermeidung, die sich in langwierigen Abstimmungsprozessen und einer „Warten wir erst mal ab“-Mentalität manifestiert. Digitale Zwillinge werden oft als technisches Add-on verstanden, nicht als zentraler Hebel für zukunftsfähige Stadtentwicklung.

Das bedeutet nicht, dass es an Know-how oder Innovationskraft fehlt. Viele Planer, Architekten und Stadtverwaltungen in der DACH-Region sind hochkompetent und engagiert. Doch ihnen fehlt häufig das Mandat, die Ressourcen oder die politische Rückendeckung, um Projekte im Stil Helsinkis umzusetzen. Hinzu kommt eine gewisse Skepsis gegenüber „Big Data“ und algorithmischen Entscheidungsprozessen, die nicht selten durch mangelnde Transparenz und technokratische Überhöhung befeuert wird.

Die Lehre aus Helsinki ist klar: Digitale Exzellenz entsteht nicht durch Einzelprojekte, sondern durch eine offene, lernende Kultur, die Fehler zulässt, Beteiligung fördert und Innovation als Gemeinschaftsaufgabe begreift. Wer die digitale Stadt der Zukunft gestalten will, muss bereit sein, traditionelle Silos einzureißen und neue Allianzen zu schmieden – zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Nur so wird aus dem Experiment Exzellenz.

Urban Digital Twin als demokratische Arena: Chancen, Risiken und der Weg nach vorn

Der digitale Zwilling ist kein neutraler Spiegel der Stadt, sondern ein machtvolles Werkzeug, das Planungsprozesse radikal verändern kann – zum Guten wie zum Schlechten. Einerseits eröffnet er die Chance, Planung nachvollziehbar, partizipativ und evidenzbasiert zu gestalten. Bürger können simulierte Szenarien erleben, Fachleute komplexe Wechselwirkungen analysieren, Politik und Verwaltung fundierte Entscheidungen treffen. Andererseits besteht das Risiko, dass Digital Twins zu intransparenten Black Boxes werden, in denen algorithmische Entscheidungen ohne gesellschaftliche Kontrolle getroffen werden. Wer kontrolliert die Daten, wer bestimmt die Modelle, wer trägt die Verantwortung für Fehleinschätzungen?

Helsinki begegnet diesen Herausforderungen mit einer robusten Governance-Struktur. Der offene Zugang zu Daten, die konsequente Dokumentation von Modellannahmen und die Einbindung unterschiedlichster Akteure sorgen dafür, dass der Digital Twin keine elitäre Spielwiese bleibt. Beteiligung wird nicht als lästige Pflicht, sondern als strategische Chance verstanden. Das schützt vor technokratischer Übersteuerung und garantiert, dass digitale Planung immer auch ein gesellschaftliches Projekt bleibt. Die Stadt setzt auf „Algorithmic Transparency“ – also die Offenlegung von Simulationsmodellen und Entscheidungswegen – und auf kontinuierliche Evaluation durch unabhängige Experten.

Für die DACH-Region ist das eine wichtige Lektion. Die Digitalisierung der Stadtplanung darf nicht zur Privatisierung von Wissen oder zur Kommerzialisierung öffentlicher Infrastrukturen führen. Offenheit, Nachvollziehbarkeit und demokratische Kontrolle müssen die Leitplanken sein, an denen sich digitale Innovation orientiert. Das bedeutet auch, sich aktiv mit Fragen der Datenethik, des Datenschutzes und der algorithmischen Gerechtigkeit auseinanderzusetzen – und entsprechende Kompetenzen in Verwaltung und Planung gezielt aufzubauen.

Gleichzeitig eröffnet der Urban Digital Twin neue Möglichkeiten für die Integration von Wissen, das bislang kaum Eingang in Planungsprozesse gefunden hat. Erfahrungswissen von Bürgern, lokale Initiativen oder zivilgesellschaftliche Organisationen können ihre Perspektiven in die Entwicklung und Nutzung digitaler Stadtmodelle einbringen. So entstehen Lösungen, die nicht nur technisch clever, sondern auch sozial tragfähig und ökologisch nachhaltig sind.

Der Weg nach vorn liegt also in einer bewussten Gestaltung der digitalen Transformation: Offen, partizipativ, kritisch und experimentierfreudig. Wer Helsinki als Vorbild nimmt, erkennt, dass der Urban Digital Twin keine technologische Spielerei ist, sondern ein gesellschaftliches Versprechen – auf eine Stadt, die nicht nur effizienter, sondern auch gerechter, transparenter und lebenswerter wird.

Fazit: Helsinki zeigt, wie digitale Raumplanung gelingt – und was wir daraus lernen können

Helsinki beweist eindrucksvoll, dass digitale Raumplanung weit mehr sein kann als ein Schlagwort. Die konsequente Nutzung von Urban Digital Twins und offenen Daten hat die Stadt zu einem Labor für zukunftsfähige Stadtentwicklung gemacht – und zum Vorbild für Metropolen in aller Welt. Zentraler Erfolgsfaktor ist nicht allein die technologische Exzellenz, sondern eine offene, lernende Kultur, die Beteiligung und Transparenz ins Zentrum rückt.

Für die DACH-Region gilt: Wer die Chancen der Digitalisierung ergreifen will, muss über Pilotprojekte und Insellösungen hinausdenken. Es braucht Mut zur Offenheit, klare Governance-Strukturen und die Bereitschaft, Planungsprozesse als dynamische, datengetriebene Systeme zu verstehen. Der Urban Digital Twin ist dabei kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug, um Komplexität zu meistern, Innovation zu fördern und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken.

Die Herausforderungen sind beträchtlich: Datenschutz, technische Standards, politische Kultur und die Angst vor Kontrollverlust bremsen vielerorts den Fortschritt. Doch der Blick nach Helsinki zeigt, dass diese Hürden überwindbar sind – wenn Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam neue Wege gehen. Die Zukunft der Stadtplanung ist digital, offen und partizipativ – und sie beginnt jetzt.

Am Ende steht eine Erkenntnis, die sowohl Planer als auch Entscheider und Bürger betrifft: Die Stadt von morgen entsteht nicht hinter verschlossenen Türen, sondern im offenen Dialog zwischen Daten, Menschen und Ideen. Wer sich darauf einlässt, wird von Helsinki nicht nur lernen, sondern profitieren. Denn der wahre Wert des Urban Digital Twin liegt nicht in der Technik, sondern in der Art, wie er die Stadt als gemeinsames Projekt neu erfindet.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.