Planung lehren im 21. Jahrhundert – neue Anforderungen an die Ausbildung

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Eine dynamische Ansicht einer stark befahrenen Straße mit modernen Hochhäusern in einer deutschen Großstadt, aufgenommen von Bin White.

Planung ist längst kein analoges Tüfteln am Reißbrett mehr. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fordern von Ausbildungen in Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Urbanismus eine radikale Neuausrichtung – hin zu digitaler Kompetenz, interdisziplinärer Offenheit und kritischer Reflexion. Wer heute noch wie vor zwanzig Jahren lehrt, plant an der Realität vorbei. Zeit für ein Update, das sich gewaschen hat!

  • Überblick über den Paradigmenwechsel in der Planungsausbildung des 21. Jahrhunderts
  • Analyse neuer Kompetenzprofile für Planer: Digitale Tools, partizipative Methoden und Nachhaltigkeitsstrategien
  • Bedeutung von Urban Digital Twins, Simulationen und Big Data für die Planungsausbildung
  • Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung für Lehrende, Studierende und Berufseinsteiger
  • Reflexion über gesellschaftliche Verantwortung, Ethik und Governance in der neuen Planungspraxis
  • Best-Practice-Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum, die zeigen, wie innovative Ausbildung gelingt
  • Kritische Auseinandersetzung mit Risiken: Technikgläubigkeit, Kommerzialisierung und soziale Schieflagen
  • Ausblick, warum der Beruf der Planer gerade jetzt wichtiger denn je ist – und wie Ausbildung darauf reagieren muss

Der Umbruch: Planungsausbildung zwischen Tradition und digitaler Disruption

Das 21. Jahrhundert hält für die Planungsausbildung ein ganzes Arsenal an Zumutungen bereit – und das ist keineswegs negativ gemeint. Während die klassische Lehre in Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Urban Design jahrzehntelang auf gestalterische Exzellenz, rechtliche Grundlagen und technische Zeichentechniken setzte, ist heute ein Paradigmenwechsel in vollem Gange. Die Gründe sind offensichtlich: Urbanisierung, Klimawandel, Digitalisierung, gesellschaftliche Diversität und rapide technologische Entwicklung setzen das Bildungssystem unter Druck. Die Zeiten, in denen ein Planer nach dem Studium mit Lineal und Rotring aufmarschierte und damit als modern galt, sind endgültig vorbei.

Die Digitalisierung hat die Planungspraxis nicht nur beschleunigt, sondern auch demokratisiert und komplexer gemacht. Tools wie Urban Digital Twins, GIS-basierte Analysen, parametrische Entwurfsverfahren und Echtzeitsimulationen gehören heute genauso zur Ausbildung wie die Auseinandersetzung mit nachhaltigen Stoffkreisläufen und partizipativen Beteiligungsformaten. Wer heute plant, agiert im Spannungsfeld zwischen Big Data und Bürgerdialog, zwischen Renderporn und Resilienzstrategie. Der Beruf ist bunter, vielschichtiger und vor allem: digitaler geworden.

Doch wie reagieren die deutschen, österreichischen und schweizerischen Hochschulen auf diese Transformation? Ein Blick in die Hörsäle zeigt: Viele Institute haben erkannt, dass sie die Ausbildung grundlegend umbauen müssen. Interdisziplinäre Studios, projektbasierte Module und digitale Labore ersetzen vielerorts die Vorlesungen aus der Mottenkiste. Kooperationen mit Informatik, Soziologie, Klimawissenschaften und Data Science gehören mittlerweile zum guten Ton. Dennoch gibt es zwischen den Hochschulen enorme Unterschiede – sowohl in der Geschwindigkeit des Wandels als auch im Mut zur radikalen Innovation.

Die Ausbildungslandschaft ist also gespalten. Einerseits entstehen Leuchtturmprojekte, in denen Studierende mit Echtzeitdaten, Sensorik und Simulationen arbeiten und damit das Handwerkszeug für die Städte von morgen erwerben. Andererseits klammern sich manche Fachbereiche noch immer an analoge Routinen und ein Planungsverständnis, das der Realität von Großstadt, Klimakrise und digitaler Gesellschaft nicht mehr gerecht wird. Für Studierende heißt das: Wer heute plant, muss selbst wählen, wie sehr er oder sie sich auf die neuen Anforderungen einlässt. Die Zeit der Wohlfühlzone ist vorbei.

Zusammengefasst ist die Planungsausbildung im deutschsprachigen Raum im Umbruch – und das mit Hochdruck. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell und wie umfassend sich die Disziplinen anpassen. Dabei geht es nicht nur um neue Tools, sondern um ein neues Verständnis von Planung als Prozess, als soziale Praxis und als dynamisches Zusammenspiel von Mensch, Technik und Umwelt. Wer das verschläft, wird von den Entwicklungen überrollt.

Kompetenzen für die Zukunft: Was Planer heute wirklich können müssen

Die Anforderungen an angehende Planer sind heute so breit gefächert wie nie zuvor. Neben klassischer Entwurfskompetenz und rechtlicher Sattelfestigkeit sind vor allem digitale und soziale Skills gefragt. Die Arbeit mit Urban Digital Twins etwa verlangt ein tiefes Verständnis für Datenmodellierung, Simulationslogiken und Schnittstellenmanagement. Wer ein städtisches Quartier im Jahr 2030 plant, muss nicht nur wissen, wie man Räume gestaltet, sondern auch, wie man Verkehrsflüsse in Echtzeit analysiert, Klimadaten interpretiert und Beteiligungsprozesse digital orchestriert.

Digitale Tools wie GIS, BIM, parametrische Entwurfssoftware oder kollaborative Plattformen sind längst Standard. Doch die Technik allein macht noch keinen guten Planer. Genauso wichtig sind Kompetenzen im Bereich Kommunikation, Mediation und Moderation. Die Stadt der Zukunft entsteht im Dialog – mit Bürgern, Verwaltung, Politik und Wirtschaft. Wer diese Sprache nicht spricht, bleibt außen vor. Partizipative Methoden, Visualisierungstechniken und Storytelling sind daher nicht länger nur nette Extras, sondern zentrale Bestandteile einer zukunftsfähigen Ausbildung.

Auch das Verständnis für nachhaltige Stadtentwicklung hat sich gewandelt. Heute reicht es nicht mehr, einen Grünraum in die Planung zu pinseln und damit das Öko-Gewissen zu beruhigen. Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft, Klimaanpassung und soziale Gerechtigkeit sind harte Kriterien, die sich nicht wegmoderieren lassen. Hier zeigt sich, wie wichtig eine fundierte Ausbildung in Umweltplanung, Energiemanagement und sozialer Stadtentwicklung ist. Wer die Zusammenhänge nicht versteht, kann keine resilienten Städte bauen.

Ein weiteres Feld, das in der Ausbildung immer wichtiger wird, ist die kritische Reflexion von Technologie und Governance. Urban Digital Twins, Big Data und algorithmische Entscheidungsfindung bieten enorme Chancen – aber auch Risiken. Wer die Funktionsweise von Algorithmen nicht versteht, läuft Gefahr, sich von intransparenten Systemen steuern zu lassen und dabei ethische Grundsätze aus den Augen zu verlieren. Deshalb gehören Fragen nach Datenschutz, Digital Divide und demokratischer Kontrolle zwingend in jede Planungsausbildung.

Schließlich verlangt die neue Planungspraxis ein hohes Maß an Flexibilität und Lernbereitschaft. Die Halbwertszeit von Tools und Methoden sinkt, neues Wissen entsteht im Monatsrhythmus. Wer heute erfolgreich sein will, muss bereit sein, sich ständig weiterzubilden, interdisziplinär zu denken und auch mal mutig zu experimentieren. Die Zukunft gehört denen, die sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben.

Digitale Zwillinge, Simulationen und Big Data: Gamechanger in der Ausbildung

Urban Digital Twins sind in aller Munde – und das mit gutem Grund. Sie sind der Inbegriff für den Sprung von der analogen zur datengetriebenen Planung. In der Ausbildung bieten sie die Möglichkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und die Auswirkungen von Planungsentscheidungen hautnah zu erleben. Statt monatelang Pläne zu zeichnen und auf eine statische Präsentation hinzuarbeiten, können Studierende mit wenigen Klicks verschiedene Szenarien durchspielen: Was passiert, wenn ein neues Quartier entsteht? Wie verändern sich Verkehrsströme, Mikroklima und soziale Dynamiken? Welche Auswirkungen hat eine neue Tramlinie auf die CO₂-Bilanz des Stadtteils?

Die Arbeit mit digitalen Zwillingen erfordert allerdings eine neue Didaktik. Lehrende müssen in der Lage sein, technische Grundlagen zu vermitteln, ohne den Blick fürs große Ganze zu verlieren. Es reicht nicht, die Bedienung von Software zu erklären. Entscheidend ist, dass Studierende lernen, Daten kritisch zu hinterfragen, Modelle zu interpretieren und eigene Hypothesen zu testen. Nur so entsteht ein tiefes Verständnis für die Potenziale und Grenzen digitaler Werkzeuge.

Simulationen und Big Data eröffnen zudem neue Möglichkeiten für Forschung und Innovation. An vielen Hochschulen entstehen Reallabore, in denen Studierende mit Open Data, Sensornetzwerken und Echtzeitplattformen arbeiten. Sie entwickeln eigene Apps für Bürgerbeteiligung, programmieren Algorithmen für Verkehrslenkung oder erstellen Klimaresilienzanalysen für Modellquartiere. Dabei lernen sie, wie aus Daten Wissen wird – und wie dieses Wissen bessere Planung ermöglicht.

Doch die Arbeit mit Urban Digital Twins ist kein Selbstzweck. Sie muss immer eingebettet sein in eine kritische Reflexion über gesellschaftliche Auswirkungen, ökonomische Interessen und ethische Fragen. Wer denkt, ein digitaler Zwilling löse alle Probleme, hat das Wesen der Stadt nicht verstanden. Städte sind keine Rechenaufgaben, sondern lebendige Systeme mit Widersprüchen, Eigenlogiken und Überraschungen. Die Ausbildung muss deshalb immer auch das Unplanbare, das Unerwartete und das Menschliche im Blick behalten.

Dennoch steht fest: Wer heute keine Erfahrung mit digitalen Zwillingen, Simulationen und datenbasierter Stadtplanung sammelt, wird in der Praxis schnell an Grenzen stoßen. Die besten Jobs, die spannendsten Projekte und die innovativsten Büros setzen digitale Kompetenz voraus. Es lohnt sich also, schon im Studium die Ärmel hochzukrempeln und sich auf die neuen Werkzeuge einzulassen.

Risiken, Nebenwirkungen und blinde Flecken: Wo Ausbildung kritisch bleiben muss

So verlockend die neuen Technologien auch sind – sie bringen ihre eigenen Fallstricke mit. Der wohl größte blinde Fleck in der Ausbildung ist die Gefahr der Technikgläubigkeit. Wer sich zu sehr auf digitale Zwillinge, Simulationen und Algorithmen verlässt, läuft Gefahr, die Komplexität sozialer Prozesse zu unterschätzen. Städte sind nicht nur Datenpunkte, sondern Lebensräume mit Geschichte, Emotionen und Machtverhältnissen. Die besten Modelle nützen nichts, wenn sie die Lebensrealität der Menschen ausblenden. Deshalb muss die Ausbildung immer auch Raum für kritische Reflexion, Empathie und gesellschaftspolitische Debatte bieten.

Ein weiteres Risiko ist die Kommerzialisierung der Planung. Viele digitale Tools stammen von internationalen Konzernen, deren Geschäftsmodell nicht unbedingt mit dem Gemeinwohlgedanken der Stadtplanung vereinbar ist. Wer die Ausbildung auf proprietäre Plattformen ausrichtet, macht sich abhängig und läuft Gefahr, die Kontrolle über Daten und Prozesse zu verlieren. Hier sind Hochschulen und Berufsverbände gefordert, offene Systeme, Open Source und unabhängige Standards zu fördern.

Auch Fragen der Governance und Ethik dürfen nicht zu kurz kommen. Wer entscheidet, welche Daten in den Digital Twin einfließen? Wer kontrolliert die Algorithmen? Wie werden Bürger beteiligt? Und wie können Diskriminierung und technokratischer Bias verhindert werden? Die Antworten auf diese Fragen sind komplex – und sie gehören zwingend in jede Ausbildung, die sich als zukunftsfähig versteht. Es reicht nicht, Technik zu vermitteln. Man muss auch lehren, wie man Technik gestaltet, steuert und kritisch hinterfragt.

Nicht zuletzt gibt es auch soziale Risiken. Die Digitalisierung der Planung kann zu neuen Ausschlüssen führen, wenn nur noch diejenigen mitreden können, die über digitale Kompetenzen verfügen. Planer müssen lernen, wie man digitale Beteiligung inklusiv gestaltet, wie man analoge und digitale Formate kombiniert und wie man auch die Stimmen derjenigen hört, die keinen Zugang zu Hightech haben. Nur so bleibt die Planung sozial gerecht und demokratisch legitimiert.

Das Fazit ist klar: Die Ausbildung im 21. Jahrhundert muss mehr sein als eine Tech-Schmiede. Sie muss die nächste Generation von Planern befähigen, kritisch, kreativ und verantwortungsvoll mit neuen Werkzeugen umzugehen. Das bedeutet: Technik ja, aber nie ohne Kontext, Reflexion und soziale Verantwortung.

Best Practices und Ausblick: Wie Ausbildung zum Sprungbrett für die Zukunft wird

Glücklicherweise gibt es bereits viele inspirierende Beispiele, wie innovative Planungsausbildung im deutschsprachigen Raum gelingen kann. Einige Hochschulen setzen auf Reallabore, in denen Studierende gemeinsam mit Kommunen, Unternehmen und Bürgern an echten Projekten arbeiten. Sie entwickeln digitale Zwillinge für Stadtquartiere, modellieren Szenarien für Klimaanpassung und testen neue Beteiligungsformate. Dabei lernen sie nicht nur die Tools, sondern auch die Herausforderungen und Konflikte der Praxis kennen.

Andere Institute bieten spezialisierte Vertiefungen in Data Science, Urban Informatics oder nachhaltiger Entwicklung an. Hier können Studierende eigene Forschungsideen verfolgen, internationale Netzwerke aufbauen und sich frühzeitig spezialisieren. Besonders erfolgreich sind Programme, die interdisziplinäres Arbeiten fördern – etwa durch gemeinsame Studios mit Architekten, Informatikern, Sozialwissenschaftlern und Verkehrsplanern. Hier entstehen neue Lösungsansätze, die klassischen Silodenken weit überlegen sind.

Auch die Kooperation mit der Praxis wird immer wichtiger. Viele Hochschulen arbeiten eng mit Städten, Verwaltungen und Unternehmen zusammen. Studierende erhalten die Möglichkeit, an Wettbewerben teilzunehmen, Praktika zu absolvieren und an Innovationsprojekten mitzuwirken. So entsteht ein nahtloser Übergang zwischen Ausbildung und Beruf – und die Absolventen sind bestens gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft.

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die Förderung kritischer Reflexion. Gute Ausbildung lehrt nicht nur Tools und Methoden, sondern auch die Fähigkeit, Bestehendes zu hinterfragen, Alternativen zu entwickeln und mutig neue Wege zu gehen. Das bedeutet auch, Fehler zuzulassen, Risiken einzugehen und aus Rückschlägen zu lernen. Zukunftsfähige Planer sind keine Technokraten, sondern kreative Problemlöser mit Haltung.

Der Ausblick ist eindeutig: Die Planungsausbildung des 21. Jahrhunderts ist ein Sprungbrett für alle, die die Stadt von morgen gestalten wollen. Sie ist anspruchsvoll, vielfältig und voller Herausforderungen – aber sie bietet auch die einmalige Chance, echten Wandel zu bewirken. Wer jetzt einsteigt, gestaltet nicht nur Räume, sondern die Regeln, nach denen wir in Zukunft zusammenleben. Kurz: Es war nie spannender, Planer zu werden!

Zusammenfassung: Die Planungsausbildung im 21. Jahrhundert steht vor einem fundamentalen Wandel, der weit über neue Tools und Technologien hinausgeht. Sie muss digitale, soziale und nachhaltige Kompetenzen gleichermaßen vermitteln, kritisch reflektieren und immer wieder neu erfinden. Urban Digital Twins, Simulationen und Big Data sind dabei Wegbereiter – aber nur, wenn sie eingebettet werden in ein ganzheitliches Verständnis von Stadt, Gesellschaft und Verantwortung. Die besten Ausbildungsstätten setzen auf Interdisziplinarität, Praxisnähe und kritische Reflexion. Wer heute plant, gestaltet nicht nur Städte, sondern auch die Zukunft – und trägt eine Verantwortung, die schwerer wiegt als je zuvor. Wer mutig ist, neugierig bleibt und bereit ist, immer wieder neu zu lernen, hat die besten Chancen, diese Zukunft erfolgreich mitzugestalten. Willkommen im neuen Zeitalter der Planung!

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Hans-Hollein-Kunstpreis – erstmals für Landschaft und Städtebau

Der Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur ging dieses Jahr an Auböck + Kárász Landscape Architects. Das Büro war unter anderem auch an der Rekonstruktion und Gestaltung der Belvedere-Gärten in Wien beteiligt. Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons
Der Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur ging dieses Jahr an Auböck + Kárász Landscape Architects. Das Büro war unter anderem auch an der Rekonstruktion und Gestaltung der Belvedere-Gärten in Wien beteiligt. Foto: Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons

Jedes Jahr vergibt das österreichische Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS) den Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur. 2023 können sich Auböck + Kárász Landscape Architects über den mit 15.000 Euro dotierten Staatspreis freuen. 

Hochwertige Räume für Mensch und Natur

Ihre Arbeiten reicherten den Städtebau mit ökologischen Fragestellungen an und sorgten so für eine Erweiterung des Gestaltungs- und Handlungshorizonts der Architektur, betont die Jury in der Begründung. Erstmals öffnet sich der Preis in Richtung Gestaltung der Landschaft und Städtebau. Immer wichtiger werde es, gerade im Hinblick auf die Klimakrise, auf die wir zusteuern, qualitativ hochwertige Räume sowohl für den Mensch als auch die Natur zu schaffen und neue Formen des Dialogs zwischen beiden zu ermöglichen. 

Eine umfassende Perspektive

Mehr denn je sei es wichtig, eine umfassende Perspektive einzunehmen, wie Auböck und Kárász es in ihren Arbeiten umsetzen. Bestehende und zukünftige urbane Strukturen profitierten vom projektiven Umgang des Studios mit dem tiefgreifenden historischen Wissen seiner Gründer*innen. Kontinuierlich, so die Jury, engagierten sich Auböck und Kárász für den Umgang mit dem architektonischen und landschaftsarchitektonischen Erbe und trügen gleichzeitig wichtige Impulse zu aktuellen Diskursen in der Lehre oder im Rahmen der ZV – Zentralvereinigung für Architekt:innen bei. 

Hans-Hollein-Kunstpreis: Anerkennung und Wertschätzung

Andrea Mayer, Kunst- und Kulturstaatssekretärin im BMKÖS zeigt sich zufrieden: „Die österreichische Kunst und Kultur ist essentielles Element unserer Gesellschaft. Sie bereichert, regt an und auf und bietet uns einen Spiegel zur eigenen Reflexion. Ohne diese schöpferische Kraft wäre Österreich nicht die Kunstnation, für die unser Land international wahrgenommen wird. Der Österreichische Kunstpreis ist Anerkennung und Wertschätzung der außerordentlichen Leistungen unserer Künstlerinnen und Künstler. Ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich.“ 

Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur für Projekte von internationaler Bedeutung

Der österreichische Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur wird seit 2016 jährlich an umfangreiche Projekte von internationaler Bedeutung vergeben. Die Auswahl der Preisträger erfolgt ausschließlich durch eine Expertenjury; es ist nicht möglich, sich für den Preis zu bewerben. 

Das Büro Auböck + Kárász Landscape Architects mit Sitz in Wien wurde von der Landschaftsarchitektin und Hochschulprofessorin Maria Auböck und dem Architekten und Sozialwissenschaftler János Kárász gegründet. Mehr können Sie auf der Webseite des Büros erfahren.

Schon gewusst? Wir haben ein ganzen Heft über Österreich gemacht, denn wenig andere Länder machten in den letzten Jahren mit so vielen, scheinbar sehr guten und mutigen planerischen Impulsen auf sich aufmerksam. Die Städte Graz, Innsbruck, Linz und Wien haben wir hierfür genauer unter die Lupe genommen. Mehr über die Februarausgabe 2022 erfahren Sie im Editorial. 

Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com
Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com

Mit dem Xiaoxita Forest Park ist in der chinesischen Millionenstadt Yichang ein herausragendes Beispiel für zukunftsweisende Landschaftsarchitektur entstanden. Das vom Planungsbüro HID Landscape Architecture entwickelte Projekt zeigt eindrucksvoll, wie sich ein bestehender Stadtwald durch behutsame Eingriffe ökologisch aufwerten und zugleich als hochwertiger öffentlicher Freiraum neu erschließen lässt. Statt einer umfassenden Neugestaltung stand der respektvolle Umgang mit der vorhandenen Natur im Mittelpunkt – ein Ansatz, der international zunehmend als Vorbild für resiliente Stadtlandschaften gilt.

Stadtwald wird zum nachhaltigen Erholungsraum

Der rund 89 Hektar große Xiaoxita Forest Park liegt im Zentrum des Stadtteils Yiling in Yichang, entlang des Huangbai-Flusses. Über Jahre hinweg litt das Waldgebiet unter unübersichtlichen Wegen, veralteter Infrastruktur und einer zunehmenden Zerschneidung der Landschaft. Ziel der Neugestaltung war es daher, den Wald als wichtige ökologische Grünfläche zu erhalten und gleichzeitig seine Aufenthaltsqualität deutlich zu steigern.

Das Planungsteam folgte dabei konsequent der Leitidee Touching the Earth Lightly“ – die Landschaft sollte möglichst schonend weiterentwickelt werden, ohne ihre natürlichen Strukturen zu beeinträchtigen.

100 Prozent Baumerhalt als Planungsgrundsatz

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist der vollständige Erhalt des vorhandenen Baumbestands. Sämtliche heimischen Bäume blieben während der Bauarbeiten erhalten. Neue Wege und Aufenthaltsbereiche wurden ausschließlich in bereits vorhandene Lichtungen integriert, wodurch umfangreiche Erdarbeiten vermieden werden konnten.

Auch bei den verwendeten Materialien setzte das Büro konsequent auf Nachhaltigkeit. Wasserdurchlässige Beläge aus regional gewonnenem Naturstein sowie begrünte Pflasterflächen ermöglichen die natürliche Versickerung von Regenwasser und unterstützen den lokalen Wasserkreislauf.

Renaturierung statt versiegelter Flächen

Ein wesentlicher Bestandteil der Umgestaltung war die ökologische Wiederherstellung zuvor technisch geprägter Bereiche. In enger Abstimmung mit den beteiligten Akteuren wurden ein stillgelegtes Pumpenhaus sowie kaum genutzte Parkplatzflächen zurückgebaut.

Dadurch konnten mehr als 1.200 Quadratmeter versiegelte Fläche wieder in durchlässige Grünflächen umgewandelt werden. Gleichzeitig entstand ein neuer Lebensraumkorridor für Tiere, während sich die Sichtbeziehungen zwischen Stadt und Wald deutlich verbesserten.

Architektur schont Wurzeln und Lebensräume

Auch die neu geschaffenen Bauwerke folgen dem Prinzip minimaler Eingriffe. Besonders markant ist die Mid-Hill Rest Stop, eine erhöhte Aussichtsplattform, die auf schlanken Punktfundamenten ruht. Dadurch werden Bodenverdichtungen vermieden und die empfindlichen Wurzelbereiche der Bäume dauerhaft geschützt.

Von der Plattform eröffnet sich den Besucherinnen und Besuchern ein weiter Blick über die bewaldete Tallandschaft. Selbst die Beleuchtung übernimmt mehrere Funktionen: Die Leuchten wurden zugleich als Nisthilfen für heimische Vogelarten gestaltet und fördern so die Artenvielfalt im Park.

Regionale Natursteine prägen darüber hinaus Wege, Sitzmauern und weitere Gestaltungselemente und stärken die Identität des Ortes.

Ein Park für Natur, Bildung und Gemeinschaft

Heute präsentiert sich der Xiaoxita Forest Park als vielschichtiger Landschaftsraum mit Uferpromenaden, Waldlichtungen und erhöhten Aussichtspunkten. Über 95 Prozent der Vegetation bestehen aus heimischen Pflanzenarten, wodurch die ökologische Qualität des Stadtwaldes langfristig gesichert wird.

Mit mehr als 2.000 Besucherinnen und Besuchern pro Tag erfüllt der Park zugleich wichtige soziale Funktionen. Spaziergänge, Freizeitaktivitäten und Naturerlebnisse finden hier ebenso Platz wie Umweltbildung. Informationstafeln wurden dezent in Natursteinmauern integriert und vermitteln Wissen über Flora, Fauna und ökologische Zusammenhänge, ohne das Landschaftsbild zu beeinträchtigen.

Modellprojekt für resiliente Stadtlandschaften

Der Xiaoxita Forest Park verdeutlicht, dass hochwertige Landschaftsarchitektur nicht zwangsläufig durch spektakuläre Neubauten entsteht. Vielmehr zeigt das Projekt, wie sich vorhandene Naturräume durch sensible Planung, minimale Eingriffe und konsequenten Ressourcenschutz nachhaltig weiterentwickeln lassen.

Mit seinem ganzheitlichen Ansatz verbindet der Park Biodiversität, Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität auf beispielhafte Weise. Damit liefert HID Landscape Architecture ein überzeugendes Modell für die Zukunft urbaner Grünräume – eine Landschaft, in der menschliche Nutzung und ökologische Prozesse nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig stärken.