Digitale Umfrageplattform für mikrogeografische Beteiligung

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Stimmungsvolle Ansicht roter Dächer in urbaner Umgebung, fotografiert von Yevheniia

Stellen Sie sich vor, Beteiligungsverfahren wären so kleinteilig, dass sie einzelne Straßenecken, Parks und Hinterhöfe digital abbilden, auswerten und punktgenau für die Bürgerbeteiligung öffnen – und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt. Digitale Umfrageplattformen für mikrogeografische Beteiligung machen genau das möglich. Sie katapultieren die Partizipation aus staubigen Sitzungssälen direkt auf den Bildschirm – mit Präzision, Transparenz und Geschwindigkeit. Aber wie funktioniert das, wer profitiert wirklich und warum ist diese Technologie für die Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum so vielversprechend? Willkommen in der Ära der digitalen Echtzeit-Beteiligung bis auf den Quadratmeter genau.

  • Einführung in digitale Umfrageplattformen als Werkzeuge der mikrogeografischen Beteiligung
  • Präzise Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung auf Quartiers-, Straßen- und Objektebene
  • Technische Grundlagen: GIS, Geofencing, Datenvisualisierung und Schnittstellen
  • Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Anwendungsfälle, Herausforderungen, Erfolge
  • Vorteile für Planer, Verwaltungen und die Stadtgesellschaft: Effizienz, Inklusion, Transparenz
  • Herausforderungen: Datenschutz, digitale Spaltung, Repräsentativität, Qualitätssicherung
  • Strategien für eine erfolgreiche Implementierung in der kommunalen Praxis
  • Potenziale für die Zukunft: Integration in Smart-City-Infrastrukturen und Stadtentwicklung 4.0
  • Kritische Reflexion: Vom Partizipations-Feigenblatt zur demokratischen Innovation
  • Konkrete Handlungsempfehlungen für professionelle Akteure in Planung und Verwaltung

Was ist mikrogeografische Beteiligung – und warum braucht es digitale Umfrageplattformen?

Die klassische Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung gleicht oft einer Mischung aus Ritual und Zufallsprinzip. Wer Zeit und Muße hat, besucht abendliche Foren, gibt Stellungnahmen ab oder kritzelt Anmerkungen auf Plänen im Rathaus. Die Folge: Die Beteiligung bleibt häufig oberflächlich, die Rückmeldungen sind unscharf, die Zielgruppen einseitig. Schon lange fordern Stadtplaner und Landschaftsarchitekten Formate, die den lokalen Kontext besser einfangen – und zwar nicht auf der Metaebene, sondern im Maßstab 1:1. Hier setzt die mikrogeografische Beteiligung an. Sie verspricht Beteiligung, die bis auf den Bordstein, den Spielplatz oder die Bushaltestelle präzise erfasst, was Menschen bewegt.

Digitale Umfrageplattformen sind dabei weit mehr als Online-Fragebögen. Sie kombinieren moderne Geoinformationssysteme (GIS) mit intuitiven User-Interfaces und dynamischer Datenvisualisierung. Bürger können auf digitalen Karten gezielt Orte markieren, Kommentare verorten, Verbesserungsvorschläge einreichen und sogar priorisieren. Die Plattformen werten diese Rückmeldungen in Echtzeit aus, clustern sie nach Themenfeldern und machen sie für Planer, Verwaltung und Politik unmittelbar sichtbar – nicht als anonyme Masse, sondern fein granuliert nach Standorten, Nutzungssituationen und Zielgruppen.

Warum ist das für die Stadtentwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz so relevant? Ganz einfach: Die Herausforderungen urbaner Transformation werden immer lokaler. Es geht nicht mehr nur um große Masterpläne, sondern um die Qualität einzelner Räume, Wege und Plätze. Mikrogeografische Beteiligungsplattformen liefern das fehlende Bindeglied zwischen Top-down-Strategien und Bottom-up-Erfahrungen. Sie eröffnen die Chance, lokale Expertise systematisch in die Planung einzubinden – und zwar ohne Zeitverzug, ohne Filter und ohne Umwege.

Das verändert das Rollenverständnis aller Akteure. Planer erhalten nicht mehr nur aggregierte Meinungsbilder, sondern konkrete Hinweise zu Engpässen, Konflikten oder Potenzialen in einzelnen Quartieren. Verwaltungen gewinnen einen direkten Draht zu den Anliegen der Bevölkerung – und können Entscheidungen nachvollziehbar kommunizieren. Und für Bürger wird Beteiligung endlich alltagstauglich: Von zu Hause, unterwegs oder direkt vor Ort, mit Smartphone, Tablet oder PC. Kurz: Die Schwelle zur Mitgestaltung sinkt dramatisch.

Doch wie funktionieren diese Plattformen technisch, wie werden Daten erhoben und gesichert – und wie lässt sich verhindern, dass aus digitaler Beteiligung bloßes Clicktivism wird? Diese Fragen sind zentral, wenn die mikrogeografische Beteiligung nicht zur Spielwiese digitalaffiner Minderheiten, sondern zum echten Demokratie-Update werden soll.

Technische Grundlagen: So funktionieren digitale Umfrageplattformen für mikrogeografische Beteiligung

Im Zentrum jeder digitalen Umfrageplattform steht eine leistungsfähige Geodaten-Infrastruktur. Sie bildet die räumliche Basis, auf der sämtliche Beteiligungsprozesse ablaufen. Moderne Plattformen verwenden dabei zumeist offene Kartenlösungen wie OpenStreetMap, kombinieren diese mit amtlichen Kataster- und Luftbilddaten und ermöglichen so die exakte Verortung von Rückmeldungen. Über Geofencing-Technologien können bestimmte Areale gezielt freigeschaltet werden – etwa ein geplantes Neubaugebiet, ein Park oder eine Straßenachse. Nutzer erhalten dann die Möglichkeit, innerhalb dieser Flächen Verbesserungsvorschläge, Probleme oder Ideen punktgenau zu platzieren.

Ein zweiter technischer Baustein ist die intelligente Datenvisualisierung. Statt einer anonymen Kommentarflut entstehen Heatmaps, Cluster und Themenkarten, die Planern und Verwaltung sofort zeigen, wo es Häufungen gibt, welche Themen dominieren und wo es möglicherweise Handlungsbedarf gibt. Fortschrittliche Plattformen integrieren sogar Künstliche Intelligenz, die Stimmungsbilder analysiert, Dopplungen erkennt und Rückmeldungen thematisch zusammenfasst. Das Ergebnis ist eine neue Qualität der Auswertung, die klassische Excel-Listen und Papierstapel weit hinter sich lässt.

Eine besondere Stärke mikrogeografischer Plattformen liegt in der Schnittstellenoffenheit. Über sogenannte APIs (Application Programming Interfaces) lassen sich Rückmeldungen nahtlos in bestehende Planungstools, GIS-Anwendungen und Verwaltungsprozesse einbinden. So werden aus digitalen Beteiligungsdaten keine Insel-Lösungen, sondern Bausteine einer integrierten Stadtentwicklung. Durch die Verknüpfung mit Open Data, 3D-Stadtmodellen und Sensorik entsteht ein lebendiges, datengetriebenes Abbild des urbanen Raums – das jederzeit aktualisiert, erweitert und analysiert werden kann.

Datensicherheit und Datenschutz sind dabei keine Nebensache, sondern Grundvoraussetzung für das Gelingen. Moderne Plattformen setzen auf Verschlüsselung, Anonymisierung und DSGVO-konforme Prozesse. Nutzer behalten die Kontrolle über ihre Angaben, Rückmeldungen werden pseudonymisiert und sind nur für autorisierte Akteure in Planung und Verwaltung einsehbar. Viele Anbieter ermöglichen zudem Transparenzberichte, in denen nachvollzogen werden kann, wie die Daten genutzt und ausgewertet wurden.

Auch Barrierefreiheit spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Gute Plattformen sind responsiv, mehrsprachig und für Menschen mit Einschränkungen konzipiert. Sie bieten Hilfestellungen, leicht verständliche Erklärtexte und oft sogar Unterstützung durch Chatbots oder Service-Hotlines. Kurzum: Technische Exzellenz ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass digitale Beteiligung tatsächlich inklusiv und wirkungsvoll wird.

Praxisbeispiele und Erfahrungen: Wie Städte im deutschsprachigen Raum mikrogeografische Beteiligung umsetzen

Werfen wir einen Blick auf die Praxis: In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es mittlerweile eine wachsende Zahl an Kommunen, die mit digitalen Umfrageplattformen experimentieren – mit ganz unterschiedlichen Motiven und Ergebnissen. In Hamburg etwa wurde im Rahmen des Projekts „Beteiligung.Nord“ eine Plattform entwickelt, die Bürger an der Umgestaltung ganzer Straßenzüge teilhaben ließ. Die Besonderheit: Rückmeldungen waren nicht nur allgemein möglich, sondern konnten auf einzelne Kreuzungen, Bushaltestellen oder Grüninseln verortet werden. Das Resultat: Planer erhielten ein ungewöhnlich detailliertes Bild von Nutzungskonflikten, Mobilitätsbedürfnissen und Aufenthaltsqualitäten – und konnten die Planung entsprechend nachjustieren.

In Zürich setzt die Stadtverwaltung auf eine Plattform, die speziell für die Beteiligung in Parkanlagen konzipiert wurde. Nutzer markieren Lieblingsplätze, melden Missstände oder schlagen neue Nutzungen vor. Besonders spannend: Die Plattform ist mit dem städtischen Beschwerdemanagement verknüpft. So werden aus Beschwerden direkt Handlungsschritte abgeleitet – und die Bürger erhalten Feedback, was mit ihren Hinweisen passiert. Das schafft Transparenz und Vertrauen in die Planung.

Wien wiederum hat im Rahmen des Smart-City-Programms eine mikrogeografische Umfrageplattform für die Entwicklung des Sonnwendviertels genutzt. Hier wurden nicht nur Anwohner, sondern auch Gewerbetreibende und temporäre Nutzer wie Schüler oder Senioren gezielt einbezogen. Die Plattform ermöglichte es, Rückmeldungen nach Tageszeit, Wochentag und Nutzungsschwerpunkt auszuwerten – etwa zur Sicherheit auf dem Schulweg oder zur Aufenthaltsqualität am Abend. Das Ergebnis: Die Planung konnte flexibel auf differenzierte Nutzergruppen reagieren und gezielte Maßnahmen entwickeln.

Auch kleinere Städte und Gemeinden profitieren von digitaler Mikro-Beteiligung. In der Schweiz etwa nutzte die Gemeinde Uster eine Plattform, um die Neugestaltung eines zentralen Platzes dialogisch zu begleiten. Bürger konnten nicht nur Vorschläge einreichen, sondern diese auch bewerten und priorisieren. Die Plattform generierte daraus Handlungsempfehlungen, die direkt in den politischen Prozess einflossen. Das Resultat: Eine ungewöhnlich hohe Akzeptanz der Planung und deutlich weniger Widerstände im weiteren Verfahren.

Doch bei aller Begeisterung zeigen die Beispiele auch Grenzen: Die digitale Spaltung bleibt eine Herausforderung, ältere Menschen und technikferne Gruppen sind weiterhin schwer erreichbar. Auch die Frage der Repräsentativität ist ungelöst: Wer nutzt die Plattformen wirklich, und wie werden stille Gruppen sichtbar gemacht? Erfolgreiche Projekte setzen daher zunehmend auf hybride Beteiligungsformate – digitale und analoge Angebote, die sich gegenseitig ergänzen und so die Reichweite und Wirkung maximieren.

Chancen, Risiken und Erfolgsfaktoren: Wie gelingt die digitale Transformation der Beteiligung?

Die Potenziale mikrogeografischer Umfrageplattformen sind enorm – und sie reichen weit über das klassische Beteiligungsspektrum hinaus. Sie ermöglichen eine nie dagewesene Präzision, Geschwindigkeit und Transparenz in der Kommunikation zwischen Stadtgesellschaft und Verwaltung. Planer erhalten belastbare Daten direkt aus dem Alltag der Nutzer, können Konflikte frühzeitig erkennen und Maßnahmen gezielt steuern. Verwaltungen gewinnen ein Werkzeug, das nicht nur Partizipation dokumentiert, sondern auch als Frühwarnsystem für Probleme dient. Und die Stadtgesellschaft wird zum aktiven Mitgestalter, der nicht nur kritisiert, sondern auch Verantwortung übernimmt.

Doch die Risiken sind nicht zu unterschätzen. Datenschutz bleibt ein Dauerthema: Wer garantiert, dass sensible Standortdaten nicht in falsche Hände geraten? Wie wird verhindert, dass Rückmeldungen manipuliert oder missbräuchlich verwendet werden? Hier braucht es klare Regeln, technische Standards und unabhängige Kontrolle. Auch die Gefahr der digitalen Exklusion ist real: Wer keinen Internetzugang hat oder digitale Plattformen nicht nutzen kann, bleibt außen vor. Professionelle Akteure müssen daher gezielt niedrigschwellige Angebote schaffen und analoge Formate mitdenken.

Ein weiteres Risiko ist die Überforderung der Beteiligten. Wenn Plattformen zu komplex sind, zu viele Optionen bieten oder Rückmeldungen nicht nachvollziehbar ausgewertet werden, droht Frust statt Motivation. Hier gilt: Weniger ist oft mehr. Eine klare, intuitive Nutzerführung, transparente Kommunikation und echtes Feedback an die Teilnehmenden sind entscheidend für den Erfolg. Plattformen dürfen nicht als Black Box wahrgenommen werden, sondern müssen nachvollziehbar machen, was mit den Daten passiert und welche Wirkung die Beteiligung tatsächlich entfaltet.

Repräsentativität ist und bleibt ein Knackpunkt. Digitale Umfragen neigen dazu, bestimmte Gruppen zu bevorzugen – etwa jüngere, technikaffine oder gut vernetzte Bürger. Um diesem Bias entgegenzuwirken, sind gezielte Outreach-Strategien nötig: Kooperationen mit Schulen, Vereinen oder Sozialträgern, mobile Beteiligungsstationen im öffentlichen Raum oder gezielte Ansprache bisher unterrepräsentierter Gruppen. Nur so entsteht ein vollständiges Bild der städtischen Bedürfnisse und Potenziale.

Schließlich braucht es eine neue Beteiligungskultur in Verwaltung und Politik. Digitale Umfrageplattformen sind kein Selbstläufer – sie entfalten ihre Wirkung nur, wenn die Ergebnisse ernst genommen, transparent kommuniziert und in konkrete Maßnahmen überführt werden. Das erfordert Mut, Offenheit und die Bereitschaft, klassische Entscheidungswege zu hinterfragen. Wer Beteiligung als Feigenblatt missversteht, verspielt das Potenzial der Technologie. Wer hingegen auf echte Koproduktion setzt, kann die digitale Transformation der Stadtentwicklung zum Gewinn für alle machen.

Ausblick und Handlungsempfehlungen: Mikrogeografische Beteiligung als Schlüssel zur Stadtentwicklung 4.0

Die Zukunft der Stadtentwicklung ist digital – und sie ist lokal. Mikrogeografische Umfrageplattformen eröffnen die Chance, urbane Transformationsprozesse so präzise, inklusiv und adaptiv zu gestalten wie nie zuvor. Sie sind das fehlende Bindeglied zwischen Big Data und Alltagswissen, zwischen strategischer Planung und konkreter Lebenswelt. Wer heute investiert, legt das Fundament für eine neue Ära der Bürgerbeteiligung – und positioniert sich als Innovationstreiber im Wettbewerb der Städte.

Für professionelle Akteure in Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Verwaltung ergeben sich daraus klare Handlungsempfehlungen. Erstens: Plattformen nur dann einsetzen, wenn sie technisch ausgereift, barrierefrei und datenschutzkonform sind. Zweitens: Beteiligungsprozesse hybrid gestalten – digitale und analoge Formate verzahnen, um alle Zielgruppen zu erreichen. Drittens: Ergebnisse ernst nehmen, transparent kommunizieren und in konkrete Maßnahmen übersetzen. Viertens: Kooperationen mit lokalen Akteuren suchen, um Reichweite und Akzeptanz zu erhöhen. Fünftens: Beteiligung als kontinuierlichen Prozess verstehen, nicht als einmalige Aktion.

Auch die Integration in bestehende Smart-City- und Digitalisierungsstrategien ist entscheidend. Plattformen sollten nicht als Insellösungen betrieben werden, sondern in Dateninfrastrukturen, Urban Data Platforms und digitale Zwillinge eingebettet werden. So entsteht ein ganzheitliches, lernendes System, das Planen, Bauen, Betreiben und Mitgestalten miteinander verbindet – in Echtzeit, auf Augenhöhe und mit maximaler Wirkung.

Der Weg dahin ist anspruchsvoll, aber lohnend. Die Technik ist vorhanden, die Beispiele machen Mut – jetzt braucht es den Willen zur Umsetzung, die Bereitschaft zum Lernen und den Mut zur offenen Kommunikation. Stadtentwicklung 4.0 ist keine Science-Fiction, sondern eine Frage des professionellen Anspruchs. Wer die Chancen mikrogeografischer Beteiligung nutzt, gestaltet nicht nur bessere Städte, sondern auch eine intelligentere, demokratischere und resilientere Gesellschaft.

Am Ende gilt: Digitale Umfrageplattformen sind kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug. Sie können Beteiligung revolutionieren – wenn sie klug, verantwortungsvoll und mit Blick für das Lokale eingesetzt werden. Die Zukunft der Partizipation liegt im Quadratmeter – und sie beginnt genau jetzt.

Zusammengefasst: Mikrogeografische Umfrageplattformen sind der Gamechanger für die Beteiligungskultur in der Stadtentwicklung. Sie verbinden technologische Innovation mit demokratischem Anspruch und ermöglichen Beteiligung auf Augenhöhe, in Echtzeit und mit nie dagewesener Präzision. Die technische Basis ist solide, die Einsatzmöglichkeiten vielfältig, die Erfolge sichtbar – aber auch die Herausforderungen sind real. Wer das Potenzial dieser Plattformen erkennt und professionell nutzt, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung im Rennen um die Stadt von morgen. Nicht irgendwann, sondern heute.

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Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
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Für Roth bei Nürnberg schreitet das größte Städtebauprojekt der letzten Jahrzehnte voran. Es handelt sich hierbei um die Konversion des stillgelegten Leoni-Fabrikgeländes in das sogenannte Rother Neuland. Dafür lobte die Stadt dieses Jahr einen städtebaulichen und freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb aus. Jetzt stehen der Siegerentwurf fest.

KlimaQuartier statt Fabrikgelände

Her mit der Transformation vom brachen Industriestandort zum lebendigen Zukunftsquartier Rother Neuland! Für dieses Vorhaben wird Roth seit 2022 durch das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr innerhalb „Landstadt Bayern“ gefördert. Des Weiteren gab es Anfang diesen Jahres eine enthusiastisch aufgenommene Büger*innenbeteiligung. Dabei kristallisierten sich die wichtigsten Themen heraus, zum Beispiel Mobilität und Ökologie. Darüber hinaus hat das Gelände eine besondere Lage. Es befindet sich im Stadtzentrum. Mit sieben Hektar liegt es außerdem zwischen Bahnhof und Marktplatz sowie an zwei Fließgewässern. Jetzt ging das Team um SCHIRMER Architekten + Stadtplaner, planetz Architektenpartnerschaft und deBuhr LA Landschaftsarchitektur als Sieger hervor. Wie überzeugte also der Entwurf „klimaPARKquartier“? 

Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Städtebauliche Struktur und Flexibilität 

Die Gebietsentwicklung des Rother Neulands wird über einen langen Zeitraum erfolgen. Deshalb ist die Grundstruktur robust. Aber es wird ausreichend flexiblen Entwicklungsspielraum geben. Die Jury lobte dabei die angemessen dichte, bauliche Struktur. Richtung Innenstadt präsentiert sich das Viertel mit urbaner Atmosphäre aus gefassten Räumen und Blockstrukturen. Die angrenzenden Wohnhöfe haben dagegen einen Gartenstadt-Charakter. Im Nordosten liegt ein großzügiges, freiräumliches Entree. 

Grünstruktur

Das Privatgelände wird zum öffentlichen Landschaftspark. Das Konzept des Rother Neulands sieht eine Bebauung in der Grundstücksmitte vor. Dafür wird es in ein breites, durchgehendes Landschaftsband eingebettet. Durch räumliche und visuelle Bezüge erhalten das Schloss, die Kulturfabrik und Fließgewässer so neue Wertigkeit im Stadtgefüge. Anstelle einer Zäsur gibt es nun eine Verbindung zwischen der Stadt, der Rednitzinsel und den umgebenden Landschaftsräumen. Der Entwurf führt dabei die bestehenden ökologisch und erholungstechnisch wertvollen Landschaftsstrukturen fort. „Mit den großzügigen Grünräumen und zusätzlichen Baumpflanzungen wird ein sehr guter Beitrag zur klimatischen Verbesserung der umliegenden Stadtquartiere geschaffen“ sagte das Preisgericht. Auch der Luftaustausch wird berücksichtigt. Die Wiesen sind gleichzeitig Überschwemmungszonen und die Belagsflächen dränfähig. Künftig interessant wird der detailliertere Umgang mit dem oberflächennahen Grundwasser. Auch das Thema Altlasten bereitet allen Beteiligten Sorgen.

Identität und Ressourcenschutz

Neben den Naturräumen bleibt auch die bauliche Geschichte des Ortes ablesbar. Zur Identitätsstiftung des Rother Neulands werden dafür Teile der Bausubstanz erhalten (zum Beispiel Drei-Bogenhalle, Pförtnerhaus). Deren Integration erhält aber nicht nur den Charakter des Ortes. So lässt sich auch die graue Energie nutzen.

Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Nutzungsmischung

Ein lebendiges Stadtquartier braucht Nutzungsmix. Um Arbeiten und Wohnen näher zu bringen plant das Siegerteam zum einen emissionsarme Produktionsprozesse und digitalisierte Arbeitsformen. Zum anderen schaffen sie soziale und kulturelle Angebote im Rother Neuland.

Mobilität

Einen weiteren vorbildlichen Umgang mit Ressourcen sieht man im nachhaltigen Erschließungskonzept. Die Infrastruktur baut nämlich auf dem Bestand auf. Dazu wird ein autofreies bzw. autoarmes Stadtquartier geschaffen. Hierfür plant man am Quartierseingang eine Großgarage als Mobilitätszentrale. Dagegen werden im Quartiersinneren der ÖPNV, Mobilitätsstationen und Sharing-Angebote ausgebaut. Außerdem schafft der Entwurf eine große innere Durchwegung und Verknüpfung mit der Umgebung.

Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Weiteres Vorgehen

Die sieben Wettbewerbsergebnisse sind bis zum 28. Juli 2023 in der Kulturfabrik Roths ausgestellt. Der Stadtrat beauftragte bereits das Planungsteam mit der Fortschreibung des Entwurfs. Die Ergebnisse aus einer Online-Umfrage im Rahmen von „Landstadt Bayern“ müssen dabei im weiteren Planungsprozess berücksichtigt werden.

Auch in einem ehemaligen Industriegebiet findet das „Quartier der tanzenden Paare“ in der Schweiz auf dem Erni-Areal Platz. Das Besondere: Studio Vulkan gestalten zusammen mit KCAP einen Raum in der Siedlung nach dem Schwammstadt-Prinzip.

Parc des Ateliers

Der spektakuläre Neubau der Stiftung Luma Arles ist ein Kunstwerk für die Kunst: Frank Gehrys Turm ist Museum und Atelierbau zugleich. Er bildet den Höhepunkt eines Kunst- und Kulturareals, das die Luma-Gründerin Maja Hoffmann im Verlauf von 15 Jahren verwirklicht hat.

Luma Arles eröffnet „Parc des Ateliers“

Arles und Kunst – da ist natürlich der erste Gedanke van Gogh, der hier seinen Traum vom Atelier des Südens im Künstlergemeinschaft mit Gauguin zu verwirklichen suchte. Doch der Aufenthalt in Arles wurde für van Gogh zum Debakel. Nicht nur, dass die Zusammenarbeit mit Gauguin im Zerwürfnis endete – in Arles begann er auch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden, bis er sich schließlich in die Nervenheilanstalt im nahegelegenen Saint-Rémy begeben musste.

Fast erscheint es ein wenig, als habe sich Maja Hoffmann vorgenommen, van Goghs erlittenes Schicksal in Arles im Nachhinein zu heilen. Hoffmann, die der gleichnamigen Basler Großindustriellendynastie entstammt, ist eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen und -förderinnen weltweit. Seit beinahe 20 Jahren wirkt sie als Kulturinitiatorin und Mäzenin in Arles. Im Jahr 2004 gründete sie dort die Luma-Stiftung, die zeitgenössische Kunst fördert und beauftragt.

 

Drei Jahre später begann Maja Hoffmann gemeinsam mit dem Architekten Frank Gehry, dem Kurator Hans-Ulrich Obrist und einer Reihe bedeutender zeitgenössischer Künstler einen Arbeitsprozess. Die Beteiligten entwickelten gemeinsam Ideen für ein neuartiges Kunst- und Kulturzentrum für das 21. Jahrhundert. Als Standort für dieses Projekt wählte Hoffmann den „Parc des Ateliers“. Ein Gelände des seit den Achtzigerjahren aufgelassenen Bahnbetriebswerk der SNCF an Rande der historischen Altstadt von Arles. Die historischen Werkstattgebäude wurden in Verlauf der letzten Jahre von der Architektin Annabelle Selldorf renoviert. Nun beherbergt das Gebäude Ausstellungsräume, Künstlerateliers und -wohnungen sowie ein Restaurant.

Galerie, Atelier und eine öffentliche Aussichtsterrasse

Den krönenden Abschluss fand die Neugestaltung des „Parc des Ateliers“ nun mit der Eröffnung des „Towers“, eines 56 Meter hohen Ausstellungs- und Ateliergebäudes nach dem Entwurf von Frank Gehry. Die ersten Vorarbeiten zu dem Projekt begannen bereits 2009. 2013 begannen die Bauarbeiten. Das Ergebnis ist unübersehbar ein Werk Gehrys – der hier jedoch die für sein Werk so charakteristischen freien Formen mit gewaltigen geometrischen Volumina verbindet. So gestaltete der Architekt eine drei Stockwerke hohe Sockelzone als gewaltigen gläsernen Zylinder. Ein Verweis auf das römische Amphitheater von Arles.

Nachhaltige Baumaterialien entwickelt von Atelier Luma

 

Aus dem Zylinder empor wächst der eigentliche Turm. Dessen auf die Innenstadt ausgerichtete Seite präsentiert sich als glänzende und wild bewegte Metallhaut mit rechteckigen Fenstererkern. Auf der stadtabgewandten Seite scheint der Turm dagegen aus zwei kubischen Körpern zusammengesetzt, die leicht angewinkelt nebeneinanderstehen. Im Innern des Glaszylinders sind scheinbar frei im Raum verteilt die Volumina der unterschiedlichen Galerien untergebracht. Eine Organisationsform, die sich ähnlich auch in Gehrys Fondation Louis Vuitton in Paris findet. Auch mehrere Atelierräume für Künstler finden sich hier. Im Turm dagegen sind hauptsächlich die Verwaltungsräume der Stiftung untergebracht. Eine öffentliche Aussichtsterrasse bildet den oberen Abschluss.

Zahlreiche Kunstwerke, unter anderem von Philippe Parreno und Olafur Eliasson, sind wichtiger Bestandteil des Towers. Sie wurden speziell für diesen Ort geschaffen. Ebenfalls Teil der Arbeit der Luma-Stiftung ist übrigens das Atelier Luma. Diese Werkstätte hat verschiedene nachhaltige Bau- sowie Einrichtungsteile aus heimischen Materialien für das Projekt entwickelt: So finden sich im Gebäude unter anderem textile Wandverkleidungen aus Bioplastik, mit Algen gefärbte Fliesen und Akustikelemente aus Sonnenblumen.

Ein weiteres Museum geschmückt mit gelungenen architektonischen Details sehen Sie hier.