Digitale Planung von Schattenläufen – Tools für die Praxis

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Fotografie von Ivan Louis: Eine beeindruckende Luftaufnahme der Schweizer Stadt St. Gallen, die das urbane Stadtbild und die Struktur der Stadt zeigt.

Wo es heiß wird, ist Schatten gefragt – und in unseren immer dichteren Städten wird der kühle Ruhepol zur Mangelware. Doch wie plant man Schattenläufe präzise und zukunftssicher? Digitale Tools revolutionieren die Planung und Simulation von Verschattung, helfen Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität in Einklang zu bringen – vorausgesetzt, man weiß sie richtig einzusetzen. Willkommen im Zeitalter der intelligenten Schattenanalyse!

  • Warum die Planung von Schattenläufen für Stadtklima, Aufenthaltsqualität und Gesundheit immer wichtiger wird
  • Welche digitalen Tools und Softwarelösungen aktuell in der Verschattungsplanung eingesetzt werden
  • Wie professionelle Schattenanalysen funktionieren: Datenquellen, 3D-Modelle, Simulationen
  • Chancen und Grenzen digitaler Werkzeuge – von automatisierter Szenarienentwicklung bis zur Bürgerbeteiligung
  • Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum, die zeigen, was heute schon möglich ist
  • Wie sich Planungsprozesse durch digitale Schattenplanung verändern – und was das für die Zusammenarbeit bedeutet
  • Datensouveränität, Transparenz und der Umgang mit Unsicherheiten – worauf Profis achten sollten
  • Ein Ausblick: Was KI, Urban Digital Twins und neue Standards für die Zukunft der Verschattungsplanung bedeuten

Digitale Schattenläufe: Warum Verschattung zum Schlüsselthema der Stadtplanung wird

Es gibt Themen, die sind so offensichtlich, dass sie fast untergehen – und Schatten ist eines davon. Wer schon einmal im Hochsommer in einer dicht bebauten Innenstadt unterwegs war, kennt das Dilemma: Asphalt glüht, Fassaden speichern Hitze, und der einzige schattige Platz ist längst von Tauben besetzt. Doch hinter dem scheinbar banalen Wunsch nach Schatten steckt eine der großen Herausforderungen der Gegenwarts- und Zukunftsstadt. Der Klimawandel treibt die Temperaturen in unseren Städten nach oben, Hitzewellen werden häufiger und gefährlicher. Für Planer, Architekten und Kommunen wird Verschattung deshalb zum elementaren Baustein nachhaltiger Stadtentwicklung.

Traditionell wurde Verschattung eher intuitiv geplant – ein Baum hier, ein Vordach dort, vielleicht mal ein Sonnensegel. Heute reicht das nicht mehr. Die Anforderungen sind komplexer: Verschattung muss nicht nur Aufenthaltsqualität sichern, sondern auch mikroklimatische Effekte wie Hitzeinseln abmildern, die Aufenthaltsdauer auf öffentlichen Flächen verlängern und gesundheitliche Risiken reduzieren. Wer wissen will, wie sich ein Baum, ein Pavillon oder ein Gebäudekubus auf das Schattenspiel im Tages- und Jahresverlauf auswirkt, braucht mehr als Bauchgefühl – er braucht digitale Werkzeuge.

Inzwischen haben Schattenläufe ihren festen Platz in der städtebaulichen und landschaftsarchitektonischen Planung. Immer mehr Ausschreibungen verlangen explizite Verschattungskonzepte. Landesbauordnungen und Freiraumrichtlinien nehmen die Simulation von Sonneneinstrahlung und Verschattung auf. Und spätestens seit der Hitzesommer der letzten Jahre ist klar: Schatten ist kein Luxus mehr, sondern Teil der Daseinsvorsorge. Genau hier kommen digitale Tools ins Spiel. Sie ermöglichen es, das Zusammenspiel von Sonne, Bebauung, Vegetation und Topographie holistisch zu analysieren – und zwar nicht nur als schönen Screenshot, sondern datenbasiert, dynamisch und reproduzierbar.

Doch wie funktioniert das in der Praxis? Welche Software kann tatsächlich mehr als einen hübschen Schattenwurf generieren? Wo liegen die Grenzen automatisierter Analysen, und wie lassen sich Simulationsdaten strategisch in die Planung integrieren? Wer als Planer heute nicht nur kurzfristige Beschattungslösungen schaffen, sondern Stadt und Landschaft zukunftsfähig gestalten will, braucht fundiertes Wissen über die digitalen Methoden und Werkzeuge der Schattenplanung.

Verschattung wird damit zum Prüfstein für die Innovationskraft der Branche. Wer es schafft, digitale Schattenläufe klug mit gestalterischer Qualität, technischer Machbarkeit und gesellschaftlichen Erwartungen zu verknüpfen, setzt Maßstäbe für die resiliente Stadt von morgen. Und das beginnt – wie immer – mit der richtigen Frage: Was macht guten Schatten aus, und wie lässt er sich digital planen?

Von 3D-Modellen zu Echtzeitsimulation: Die wichtigsten Tools für digitale Schattenanalyse

Wer heute Schattenläufe plant, hat die Qual der Wahl. Die Bandbreite digitaler Tools reicht von spezialisierten Verschattungsprogrammen bis hin zu komplexen Urban Digital Twins, die ganze Quartiere in Echtzeit simulieren. Doch wie unterscheiden sich die Werkzeuge, und welches Tool eignet sich für welchen Anwendungsfall? Grundsätzlich lassen sich die verfügbaren Lösungen in drei Kategorien einteilen: klassische CAD- und BIM-Software mit Schattenmodul, spezialisierte Verschattungs- und Klimasimulationsprogramme sowie umfassende urbane Simulationsumgebungen.

Im CAD- und BIM-Bereich gehören Programme wie Autodesk Revit, ArchiCAD oder Vectorworks zu den Platzhirschen. Sie ermöglichen präzise 3D-Modelle von Gebäuden und Freiräumen und bieten oft integrierte Werkzeuge zur Simulation von Sonnenständen und Schattenwürfen. So lassen sich etwa Verschattungsszenarien für verschiedene Tages- und Jahreszeiten durchspielen, ohne das Modell zu verlassen. Die Ergebnisse sind anschaulich – reichen für komplexe Klimaanalysen aber selten aus.

Für detaillierte Verschattungs- und Klimastudien kommen spezialisierte Programme wie Ladybug Tools (Grasshopper/Rhino), ENVI-met oder DIALux ins Spiel. Sie erlauben es, nicht nur den Schattenwurf von Objekten zu berechnen, sondern auch mikroklimatische Effekte wie Lufttemperatur, Strahlung, Verdunstung und Windströmungen einzubeziehen. Besonders Ladybug hat sich im urbanen Kontext etabliert: Hier können Planer parametrische Studien erstellen, verschiedene Vegetationsszenarien durchspielen und die Auswirkungen von Verschattung auf das thermische Komfortempfinden simulieren.

Die Königsklasse sind urbane Simulationsumgebungen und Digital Twins, wie sie etwa in Wien, Zürich oder Singapur eingesetzt werden. Hier werden Verschattung, Mobilität, Energie und Klima in einem dynamischen Modell verknüpft, das sich kontinuierlich mit neuen Daten speist. Solche Systeme ermöglichen es, Verschattung in Relation zu anderen Stadtfaktoren zu sehen – etwa wie sich neue Bäume auf das Mikroklima, den Energieverbrauch von Gebäuden und das Wohlbefinden auswirken. In Deutschland stehen solche Systeme noch am Anfang, erste Pilotprojekte laufen vor allem in größeren Städten.

Allen Tools gemeinsam ist: Sie leben von guten Eingangsdaten. Ohne präzise Geodaten, aktuelle Vegetationsinformationen und zuverlässige Wetterdaten bleibt jede Simulation ein schönes Bild ohne praktischen Mehrwert. Profis investieren deshalb Zeit in die Datenaufbereitung – und in die Auswahl des richtigen Tools für die jeweilige Planungssituation. Wer die Stärken und Schwächen der Programme kennt, kann nicht nur überzeugende Simulationen erstellen, sondern sie auch in den Planungsprozess integrieren und gegenüber Auftraggebern, Entscheidern und Öffentlichkeit schlüssig vermitteln.

Praxis, Potenziale und Stolpersteine: Was digitale Schattenläufe leisten – und was nicht

Die Möglichkeiten digitaler Schattenplanung sind heute beeindruckend – aber nicht grenzenlos. In der Praxis zeigt sich schnell, dass Simulationen genauso gut sein können wie die Annahmen, die ihnen zugrunde liegen. Das beginnt bei der Modellierung: Nur wenn Gebäude, Vegetation, Topographie und Materialien realitätsnah abgebildet sind, liefern Tools wie Ladybug, ENVI-met oder städtische Digital Twins sinnvolle Ergebnisse. Wer etwa den Kronendurchmesser von Bäumen unterschätzt, kann den kühlenden Effekt dramatisch falsch einschätzen. Umgekehrt gilt: Eine zu detaillierte Modellierung ist rechenintensiv und kann die Auswertung unnötig erschweren.

Ein weiteres Praxisproblem ist die Unsicherheit der Eingangsdaten. Winddaten, Sonnenstände, Wachstumsprognosen der Vegetation – alles unterliegt Schwankungen und Annahmen. Professionelle Tools bieten deshalb oft die Möglichkeit, Szenarien mit Bandbreiten zu simulieren. So lässt sich nicht nur der „wahrscheinlichste“ Schattenlauf analysieren, sondern auch die Bandbreite möglicher Entwicklungen. Das erhöht die Aussagekraft und unterstützt robuste Entscheidungsprozesse.

Die größte Stärke digitaler Schattenanalyse liegt in der Szenarienentwicklung. Verschiedene Entwurfsvarianten können vergleichend simuliert werden – etwa die Verschattung eines Platzes bei Baumpflanzungen unterschiedlicher Art und Größe oder die Wirkung von Sonnensegeln und Pergolen im Tagesverlauf. Die Ergebnisse werden in anschaulichen Grafiken, Heatmaps oder Animationen visualisiert, die nicht nur Fachleute, sondern auch Laien verstehen. Das schafft Transparenz, erleichtert die Diskussion in Planungsrunden und unterstützt die Bürgerbeteiligung.

Doch es gibt auch Stolpersteine: Die Automatisierung von Verschattungsanalysen verführt mitunter zu einer Scheinpräzision, die in der Realität nicht einlösbar ist. Wer etwa nur auf die maximal mögliche Verschattung optimiert, übersieht schnell andere wichtige Faktoren – etwa Blickbeziehungen, Nutzungsvielfalt oder den Bedarf an sonnigen Flächen in der Übergangszeit. Gute Planung bleibt deshalb immer ein Balanceakt zwischen Simulation und Erfahrung, zwischen Zahlen und Bauchgefühl.

Auch die Integration in bestehende Planungsprozesse ist eine Herausforderung. Nicht jede Kommune oder jedes Büro ist technisch und personell so aufgestellt, dass sie mit den neuesten Simulationsumgebungen arbeiten kann. Es braucht Investitionen in Software, Hardware und vor allem in Know-how. Gleichzeitig wächst der Druck, digitale Verschattungsanalysen als Standard zu etablieren – nicht zuletzt, weil sie in immer mehr Wettbewerben und Förderprogrammen gefordert werden.

Transparenz, Datensouveränität und Partizipation: Die neue Qualität digitaler Schattenplanung

Mit der Digitalisierung der Verschattungsplanung gewinnen Themen wie Datensouveränität, Transparenz und Beteiligung an Bedeutung. Denn digitale Werkzeuge sind nicht nur Hilfsmittel für Planer, sondern haben das Potenzial, die Planungskultur grundsätzlich zu verändern. Wer Verschattung nicht mehr als statischen Entwurf, sondern als dynamischen Prozess versteht, öffnet die Tür zu mehr Teilhabe und besseren Entscheidungen.

Der größte Vorteil digitaler Tools ist ihre Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge anschaulich zu machen. Ein animierter Schattenlauf für verschiedene Tageszeiten, ein Farbverlauf, der die Aufenthaltsqualität visualisiert, eine interaktive Karte, auf der Bürger eigene Vorschläge einbringen können – all das schafft Transparenz und Nachvollziehbarkeit. In immer mehr Städten werden Simulationen aus Wettbewerben oder Bebauungsplänen öffentlich zugänglich gemacht, um Diskussionen zu versachlichen und Beteiligung zu fördern.

Doch mit der Sichtbarkeit wächst auch die Verantwortung. Datensouveränität wird zum Schlüsselfaktor: Wer hat Zugriff auf die Modelle, wer darf sie verändern, wie werden sensible Geodaten geschützt? Gerade bei urbanen Digital Twins, die auf offene Schnittstellen und Cloud-Plattformen setzen, stellen sich neue Fragen. Profis müssen nicht nur technisch fit, sondern auch datenschutzrechtlich versiert sein. Die Einbindung externer Softwareanbieter, die Nutzung von Open Data oder die Auslagerung von Simulationen in die Cloud – all das will geregelt sein.

Neben der Technik rücken neue Formen der Partizipation in den Fokus. Digitale Verschattungsmodelle machen es möglich, Bürger frühzeitig einzubinden, Varianten gemeinsam zu diskutieren und Vorschläge unmittelbar auf ihre Wirkung zu prüfen. Pilotprojekte in Wien, Zürich oder München zeigen, wie digitale Tools als Dialoginstrument zwischen Verwaltung, Planern und Öffentlichkeit funktionieren können. Das Ergebnis: mehr Akzeptanz, bessere Lösungen und eine Planungskultur, die auf Offenheit und Dialog setzt.

Am Ende gilt: Die Qualität digitaler Schattenplanung bemisst sich nicht nur an der Präzision der Simulation, sondern an ihrer Anschlussfähigkeit an gesellschaftliche, rechtliche und gestalterische Anforderungen. Wer das versteht, macht aus dem digitalen Werkzeug einen echten Mehrwert für die Stadt von morgen – und bleibt nicht beim schönen Bild stehen.

Blick in die Zukunft: KI, Urban Digital Twins und die nächste Generation der Verschattungsplanung

Die Entwicklung digitaler Verschattungsplanung steht erst am Anfang. Mit dem Siegeszug von Künstlicher Intelligenz, Cloud-Plattformen und Urban Digital Twins eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten – aber auch neue Herausforderungen. KI-gestützte Tools können heute schon komplexe Verschattungsszenarien automatisiert durchrechnen, Muster in großen Datenmengen erkennen und Optimierungsvorschläge generieren. Gleichzeitig wächst die Gefahr der „Black Box“: Wer versteht noch, wie das Ergebnis zustande kam, wenn Algorithmen die Simulation steuern?

Urban Digital Twins bringen die Verschattungsplanung auf eine neue Ebene. Sie ermöglichen es, Verschattung nicht isoliert, sondern als Teil eines dynamischen Stadtmodells zu sehen – verknüpft mit Mobilität, Energie, Klima und Nutzung. So lassen sich etwa die Auswirkungen von Baumpflanzungen auf das gesamte Quartier, die Energieersparnis durch Verschattung oder die Kombination von Schatten und Regenwassermanagement simulieren. Besonders spannend: Die Integration von Echtzeitdaten, etwa aus Sensoren oder Satelliten, erlaubt es, Schattenläufe tagesaktuell zu analysieren und auf veränderte Bedingungen zu reagieren.

Neue Standards und Schnittstellen fördern die Interoperabilität zwischen verschiedenen Tools und Disziplinen. Initiativen wie das Open Geospatial Consortium oder nationale Forschungsprojekte arbeiten daran, Datenformate und Simulationsmodelle zu vereinheitlichen. Das Ziel: eine offene, zugängliche und transparente Verschattungsplanung, die allen Akteuren – von Planern über Verwaltung bis zur Zivilgesellschaft – zur Verfügung steht.

Gleichzeitig verändert sich das Berufsbild. Wer heute in der Verschattungsplanung vorne mitspielen will, braucht nicht nur gestalterisches Feingefühl, sondern auch Datenkompetenz, Verständnis für Simulationen und den Mut, mit Unsicherheiten umzugehen. Die Zusammenarbeit zwischen Landschaftsarchitekten, Stadtplanern, IT-Experten und Klimawissenschaftlern wird zur neuen Normalität. Projekte werden iterativer, Planungsprozesse flexibler, und die Grenzen zwischen Entwurf, Simulation und Umsetzung verschwimmen.

Doch bei aller Euphorie gilt: Die beste Simulation ersetzt nicht das kritische Nachdenken, den Dialog mit Nutzern und die Erfahrung aus der Praxis. Wer digitale Verschattungsplanung als Werkzeug begreift, das Kreativität, Transparenz und Beteiligung fördert, setzt den Standard für die resiliente Stadt von morgen. Die Technik ist da – jetzt liegt es an uns, sie klug und verantwortungsvoll einzusetzen.

Fazit: Schattenplanung wird digital – und entscheidend für die Stadt von morgen

Digitale Tools für die Planung von Schattenläufen sind längst mehr als ein technisches Gimmick. Sie sind das Rückgrat einer klimaangepassten, lebenswerten und zukunftsfähigen Stadtgestaltung. Von der präzisen Simulation einzelner Bäume bis zum vernetzten Urban Digital Twin: Wer heute Verschattung plant, hat Zugang zu Werkzeugen, die vor wenigen Jahren noch Science-Fiction waren. Doch mit der Technik wachsen auch die Anforderungen an Datenqualität, Partizipation, Transparenz und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Die Praxis zeigt: Gute Verschattungsplanung ist immer ein Balanceakt zwischen Simulation und Erfahrung, zwischen digitaler Präzision und gestalterischer Intuition. Digitale Tools helfen, Szenarien zu entwickeln, Entscheidungen robuster zu machen und Beteiligung zu stärken – vorausgesetzt, sie werden verantwortungsvoll eingesetzt. Die Zukunft der Verschattungsplanung ist offen, dynamisch und voller Möglichkeiten. Wer sie nutzt, gestaltet nicht nur den Schatten, sondern das Gesicht der Stadt im Klimawandel. Und das, liebe Leser, ist alles andere als ein Schattendasein.

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Slow Food Landscape bei Turin

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Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.