Mexiko-Stadt simuliert Starkregenereignisse für Quartiersplanung

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Atemberaubende Stadtansicht bei Tag in Thới Bình, Cà Mau, Vietnam – Foto von Chanh Duong

In Mexiko-Stadt wird die Stadtentwicklung auf ein neues Level gehoben: Digitale Zwillinge simulieren Starkregenereignisse, um Quartiere klimaresilienter, sicherer und lebenswerter zu machen. Was können deutsche Städte von dieser datengetriebenen Revolution lernen? Und wie wandelt sich unsere Vorstellung urbaner Planung, wenn Algorithmen, Sensoren und Simulationen ins Zentrum der Quartiersentwicklung rücken?

  • Der Artikel erläutert den Einsatz digitaler Zwillinge zur Starkregensimulation in Mexiko-Stadt – und warum das für die Quartiersplanung bahnbrechend ist.
  • Es wird erklärt, wie solche Urban Digital Twins funktionieren, welche Daten einfließen und was sie leisten können.
  • Die Herausforderungen von Starkregen für Metropolen werden detailliert analysiert, inklusive Auswirkungen auf Infrastruktur, Gesellschaft und Planungskultur.
  • Konkrete Praxisbeispiele aus Mexiko-Stadt illustrieren, wie Simulationen Planungsentscheidungen beeinflussen und Partizipation ermöglichen.
  • Vergleiche zu deutschen, österreichischen und schweizerischen Ansätzen verdeutlichen Unterschiede und Potenziale.
  • Es geht um technische, rechtliche und kulturelle Hürden – und warum Mut, Offenheit und Datenkompetenz entscheidend sind.
  • Risiken wie algorithmische Verzerrung, Kommerzialisierung und Governance-Fragen werden kritisch beleuchtet.
  • Im Fokus steht das Potenzial für nachhaltige, zukunftsfähige Quartiere – und die Frage, wie digitale Zwillinge die urbane Planung herausfordern und bereichern.

Starkregen als urbanes Risiko: Warum Mexiko-Stadt digitale Zwillinge braucht

Wer an Mexiko-Stadt denkt, hat vielleicht Bilder von pulsierenden Straßen, monumentalen Plätzen und schier endlosen Siedlungsflächen vor Augen. Doch die über 20 Millionen Einwohner zählende Megacity ist nicht nur ein Schmelztiegel der Kulturen, sondern auch ein Paradebeispiel für die Herausforderungen moderner Stadtplanung. Kaum eine Metropole der Welt ist stärker von extremen Wetterereignissen betroffen. Insbesondere Starkregen stellt die Stadtverwaltung, Planer und Ingenieure regelmäßig vor existentielle Probleme. Innerhalb weniger Stunden können sintflutartige Niederschläge ganze Stadtviertel lahmlegen, Straßen in Flüsse verwandeln, die Stromversorgung unterbrechen und die ohnehin fragile Infrastruktur an ihre Belastungsgrenzen bringen.

Die Ursachen sind vielfältig: Neben dem geologischen Untergrund, der aus wasserundurchlässigem Lehmboden besteht, tragen die dichte Bebauung, das rasante Wachstum der Stadt und die fortschreitende Versiegelung der Flächen dazu bei, dass Regenwasser kaum versickern kann. Der Klimawandel verschärft die Situation zusätzlich, denn die Häufigkeit und Intensität von Starkregenereignissen nimmt nachweislich zu. Hinzu kommt: Die Kanalisation vieler Stadtteile stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert und ist auf die aktuellen Niederschlagsmengen schlicht nicht ausgelegt. Überschwemmungen, Erdrutsche, Schäden an Gebäuden und Infrastruktur sowie gesundheitliche Risiken sind die Folge – von den sozioökonomischen Kosten ganz zu schweigen.

Traditionelle Ansätze zur Bewältigung dieser Probleme stoßen längst an ihre Grenzen. Klassische hydrologische Gutachten, Hochwasserkarten und Maßnahmenkataloge sind in einer Megastadt wie Mexiko-Stadt weder schnell noch flexibel genug, um auf die Dynamik urbaner Starkregenereignisse zu reagieren. Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel – und damit ein Paradigmenwechsel in der städtischen Entscheidungsfindung. Durch den Einsatz von digitalen Zwillingen werden komplexe hydrologische Prozesse nicht nur realitätsnah abgebildet, sondern auch in Echtzeit simuliert. Das ermöglicht eine vorausschauende, proaktive Planung, die potenzielle Gefahren erkennt, bevor sie zu Katastrophen werden.

Die Möglichkeit, Starkregenereignisse virtuell durchzuspielen, ist für die Quartiersplanung in Mexiko-Stadt ein echter Gamechanger. Denn damit lassen sich nicht nur Risiken minimieren, sondern auch Chancen erkennen: Wo kann die Versickerungsfähigkeit verbessert werden? Welche Straßen oder Plätze sollten umgestaltet werden, um Wasser gezielt abzuleiten? Wo sind Notfallwege zu sichern, welche Gebäude besonders zu schützen? Die Antworten auf diese Fragen liegen nicht mehr im Bereich der Spekulation, sondern ergeben sich aus datenbasierten, dynamischen Simulationen – ein Quantensprung gegenüber der klassischen Planungsmethodik.

Der Einsatz von digitalen Zwillingen zur Starkregensimulation ist daher kein technischer Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit in einer Stadt, die täglich mit den Folgen des Klimawandels ringt. Er eröffnet nicht nur neue Wege für die Quartiersentwicklung, sondern fordert auch ein neues Denken: weg vom reinen Reagieren, hin zum vorausschauenden, resilienzorientierten Gestalten urbaner Räume. Und genau das macht Mexiko-Stadt zu einem Vorreiter, von dem europäische Städte viel lernen können.

Wie funktionieren digitale Zwillinge für die Starkregensimulation?

Digitale Zwillinge sind weit mehr als virtuelle Stadtmodelle in 3D. Sie sind die digitale Essenz der gebauten Umwelt: ein intelligentes, dynamisches Abbild der realen Stadt, gespeist aus einer Vielzahl von Datenquellen, Sensoren und Algorithmen. Im Kontext der Starkregensimulation bedeutet das, dass jedes Gebäude, jede Straße, jede Grünfläche und jeder Kanalabschnitt digital repräsentiert und mit spezifischen Attributen versehen wird. Diese Attribute umfassen etwa die Durchlässigkeit des Bodens, die Kapazität der Entwässerungssysteme, Höhenlagen, Gefälleanordnungen und vieles mehr. Hinzu kommen Echtzeitdaten aus Wetterstationen, Niederschlagsradaren, Pegelmessungen und sogar aus Social-Media-Feeds, die Hinweise auf lokale Überschwemmungen liefern können.

Der eigentliche Clou liegt in der Verbindung dieser Daten zu einem kohärenten, simulationsfähigen Gesamtmodell. Hier kommen komplexe hydrodynamische Algorithmen zum Einsatz, die das Verhalten von Wasser in urbanen Strukturen realitätsnah nachbilden. Sie berücksichtigen, wie Regenwasser auf verschiedenen Oberflächen abfließt, wie es sich in Senken sammelt, wo es auf Hindernisse stößt und in welcher Geschwindigkeit es durch das Kanalsystem transportiert wird. Die Modelle sind so fein granuliert, dass sie selbst kleinste Unterschiede in der Oberflächengestaltung oder im Gefälle abbilden können – und damit eine Präzision erreichen, die für die Quartiersplanung bislang unerreichbar war.

Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Möglichkeit, verschiedene Szenarien durchzuspielen: Was passiert, wenn ein Starkregenereignis mit einer statistischen Wiederkehrwahrscheinlichkeit von 100 Jahren auftritt? Wie verändert sich die Situation, wenn gleichzeitig ein Hauptabwasserkanal verstopft ist? Welche Auswirkungen haben Maßnahmen wie die Entsiegelung von Parkflächen oder die Begrünung von Dächern? Digitale Zwillinge erlauben es, solche Fragen nicht nur hypothetisch, sondern ganz konkret zu beantworten – und das weit schneller als jede herkömmliche Studie.

Die Integration von digitalen Zwillingen in die Quartiersplanung eröffnet zudem völlig neue Möglichkeiten der Partizipation. Über intuitive Visualisierungstools können Planer, Verwaltung und sogar Bürger gemeinsam Entscheidungen treffen, Risiken abwägen und Maßnahmen priorisieren. Plötzlich wird sichtbar, wie sich Eingriffe in die gebaute Umwelt auswirken – nicht nur auf dem Papier, sondern als interaktive Simulation mit echtem Erkenntnisgewinn.

Technisch betrachtet ist die größte Herausforderung die Interoperabilität der Systeme. Daten aus verschiedenen Quellen, oft in unterschiedlichen Formaten und Qualitäten, müssen harmonisiert und zusammengeführt werden. Standardisierte Schnittstellen, offene Datenplattformen und leistungsfähige Cloud-Infrastrukturen sind daher unerlässlich. In Mexiko-Stadt arbeitet man eng mit internationalen Forschungseinrichtungen, Technologieunternehmen und lokalen Behörden zusammen, um einen gemeinsamen Datenraum zu schaffen – ein Modell, das auch für europäische Städte von großem Interesse ist.

Mexikos digitale Praxis: Von der Simulation zur Quartiersumgestaltung

Mexiko-Stadt hat aus der Not eine Tugend gemacht und setzt digitale Zwillinge gezielt als strategisches Planungsinstrument ein. Ein zentrales Beispiel ist das Projekt „Ciudad Futura“, das in mehreren besonders hochwassergefährdeten Stadtteilen implementiert wurde. Hier wurden zunächst umfassende Geodaten erhoben: Drohnenaufnahmen, Laserscans, Sensorendaten und klassische Vermessungen bilden die Basis des digitalen Stadtmodells. Anschließend erfolgte die Integration hydrologischer Modelle, die auf die lokalen Gegebenheiten angepasst wurden. Das Ergebnis: Ein hochdetaillierter digitaler Zwilling, der Starkregenereignisse in Echtzeit simulieren kann – und zwar bis auf die Ebene einzelner Häuserblocks.

Im Rahmen von Workshops und Bürgerdialogen wurden die Simulationsergebnisse öffentlich gemacht und diskutiert. Anhand von Visualisierungen konnte jeder erkennen, welche Straßen bei Starkregen überflutet werden, wo Rückstauungen drohen und wie sich Wasserflüsse verändern, wenn bestimmte Maßnahmen umgesetzt werden. Auf dieser Grundlage wurden konkrete Projekte entwickelt: Entsiegelung von Parkplätzen, Anlage von Regengärten, Installation von Rückhaltebecken und die Umgestaltung von Straßen zu sogenannten „blauen Korridoren“, die bei Starkregen gezielt Wasser aufnehmen und ableiten können.

Ein besonderer Fokus lag auf der Integration von Grünflächen und multifunktionalen öffentlichen Räumen. Diese dienen nicht nur als soziale Treffpunkte, sondern übernehmen auch wichtige Aufgaben im Regenwassermanagement. Die Simulationen zeigten deutlich, dass schon kleine Veränderungen – etwa die Begrünung von Dächern oder die Umwandlung versiegelter Flächen in Pocket Parks – große Effekte auf das lokale Überschwemmungsrisiko haben können. Diese Erkenntnisse flossen direkt in die Quartiersplanung ein und wurden in enger Abstimmung mit Anwohnern umgesetzt.

Die Erfahrung aus Mexiko-Stadt zeigt: Erst durch die Kombination aus digitaler Simulation, partizipativer Planung und konsequenter Umsetzung entsteht eine neue Qualität urbaner Resilienz. Die digitalen Zwillinge sind dabei nicht nur Analysewerkzeug, sondern Motor eines gemeinsamen Lernprozesses. Sie machen deutlich, dass urbane Transformationsprozesse heute dynamisch, transparent und datenbasiert gestaltet werden können – und dass technologische Innovation und soziale Beteiligung kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig verstärken.

Auch die Verwaltung hat von der Einführung der digitalen Zwillinge profitiert. Entscheidungsprozesse wurden beschleunigt, Verantwortlichkeiten klarer definiert und die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren verbessert. Die Simulationen dienen heute als gemeinsame Referenz und erleichtern die Abstimmung zwischen Stadtplanung, Katastrophenschutz und Infrastrukturbetreibern. Kurzum: Der digitale Zwilling ist in Mexiko-Stadt zum Rückgrat einer modernen, klimaresilienten Quartiersentwicklung geworden.

Was deutsche, österreichische und schweizerische Städte jetzt lernen können

Der Blick nach Mexiko-Stadt ist für deutschsprachige Städte eine Einladung, die Möglichkeiten digitaler Zwillinge für die eigene Quartiersplanung radikal neu zu denken. Denn auch in Mitteleuropa sind Starkregenereignisse längst keine Seltenheit mehr. Die Zunahme von Extremwetter, die Verdichtung der Städte und die wachsenden Anforderungen an nachhaltige Infrastrukturen machen einen Paradigmenwechsel in der Planung unausweichlich. Doch bislang bleibt der Einsatz digitaler Zwillinge in Deutschland, Österreich und der Schweiz häufig auf Pilotprojekte und Forschungslabore beschränkt – eine breite Integration in die kommunale Praxis steht noch aus.

Ein Grund dafür sind technische und organisatorische Hürden. Viele Kommunen verfügen weder über die notwendigen Datenressourcen noch über das Know-how, um komplexe Simulationen selbst durchzuführen. Hinzu kommen rechtliche Unsicherheiten, etwa im Hinblick auf Datenschutz, Verantwortlichkeiten und die Governance digitaler Stadtmodelle. Oft fehlt es auch an der Bereitschaft, tradierte Planungsprozesse zu hinterfragen und für neue, datenbasierte Methoden zu öffnen. Das Beispiel Mexiko-Stadt zeigt jedoch, dass diese Hürden überwindbar sind – vorausgesetzt, es gibt den politischen Willen, die erforderlichen Investitionen und eine klare Strategie für die Digitalisierung der Stadtplanung.

Ein weiterer Lernaspekt betrifft die Integration von Bürgerwissen und Partizipation. Die mexikanische Erfahrung belegt, dass digitale Zwillinge nicht nur technokratische Instrumente sind, sondern auch als Brücke zwischen Verwaltung und Gesellschaft fungieren können. Indem Simulationen transparent und verständlich kommuniziert werden, steigt die Akzeptanz für notwendige Maßnahmen – und es entsteht ein gemeinsames Verständnis für die Herausforderungen und Chancen urbaner Resilienz. Deutsche, österreichische und schweizerische Städte sollten diese Chance nutzen, um die Digitalisierung als Motor für mehr Mitbestimmung und Kooperation zu begreifen.

Gleichzeitig müssen die Risiken im Blick behalten werden. Digitale Zwillinge sind nur so gut wie die Daten und Algorithmen, auf denen sie basieren. Verzerrungen in den Modellen, unzureichende Datenqualität oder einseitige Interessen können zu Fehlentscheidungen führen. Deshalb ist es unverzichtbar, die Entwicklung und Nutzung dieser Systeme offen, nachvollziehbar und demokratisch zu gestalten. Nur so kann verhindert werden, dass digitale Stadtmodelle zu „Black Boxes“ werden, in denen wichtige Weichenstellungen ohne ausreichende Kontrolle und Teilhabe getroffen werden.

Abschließend bleibt festzuhalten: Die Zukunft der urbanen Quartiersplanung liegt in der intelligenten Verknüpfung von Technologie, Daten und gesellschaftlicher Verantwortung. Mexiko-Stadt zeigt, wie digitale Zwillinge dabei als Katalysatoren für Innovation, Resilienz und Lebensqualität wirken können. Jetzt ist es an der Zeit, diesen Weg auch in Mitteleuropa mutig und konsequent zu beschreiten.

Fazit: Simulieren, partizipieren, transformieren – die neue urbane Planungskultur

Das Beispiel Mexiko-Stadt macht deutlich: Der Einsatz digitaler Zwillinge zur Simulation von Starkregenereignissen ist weit mehr als ein technisches Upgrade. Es ist der Auftakt zu einer neuen Planungskultur, in der Daten, Algorithmen und gesellschaftliche Mitwirkung Hand in Hand gehen. Die Fähigkeit, komplexe Umweltprozesse in Echtzeit abzubilden und ihre Auswirkungen auf die Quartiersentwicklung verständlich zu machen, verleiht Städten eine nie dagewesene Handlungsmacht. Risiken werden frühzeitig erkannt, Maßnahmen gezielter und effizienter umgesetzt, Ressourcen nachhaltiger genutzt.

Doch der Weg dahin ist anspruchsvoll. Er verlangt nach Offenheit für Innovation, nach Mut zu Veränderung und nach einer Kultur des kontinuierlichen Lernens. Digitale Zwillinge fordern das klassische Planungsverständnis heraus: Sie machen aus Planern, Verwaltungen und Bürgern Mitgestalter einer gemeinsamen urbanen Zukunft. Die Simulation von Starkregenereignissen wird so zum Prüfstein für die Resilienz unserer Städte – und zum Lackmustest für die Fähigkeit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden.

Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen vor der Aufgabe, die Erfahrungen aus Mexiko-Stadt aufzugreifen und für die eigenen Herausforderungen zu adaptieren. Das bedeutet: Daten erheben, Kompetenzen aufbauen, offene Plattformen schaffen und die Beteiligung aller Akteure sicherstellen. Es bedeutet aber auch, die Risiken im Blick zu behalten und digitale Zwillinge als Werkzeug zu begreifen, nicht als Selbstzweck. Nur dann können sie ihr volles Potenzial entfalten und dazu beitragen, unsere Städte klimaresilient, lebenswert und zukunftsfähig zu machen.

Am Ende ist die Botschaft klar: Die Zukunft der Quartiersplanung liegt im intelligenten Zusammenspiel von Simulation, Partizipation und Transformation. Digitale Zwillinge sind dabei nicht das Ziel, sondern das Mittel – ein mächtiges Instrument, das uns hilft, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Wer jetzt mutig vorangeht, gestaltet nicht nur die Stadt von morgen, sondern definiert auch, was urbane Exzellenz im digitalen Zeitalter wirklich bedeutet.

Der digitale Zwilling ist kein statisches Modell, sondern ein lebendiger Prozess. Er fordert uns heraus, fordert uns auf – und gibt uns die Mittel an die Hand, um aus Risiken Chancen, aus Problemen Lösungen und aus Quartieren lebenswerte, resiliente Stadträume zu machen. Das ist die neue Realität der Stadtplanung. Und es ist höchste Zeit, sie zu gestalten.

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Atlas of Landscapes in a Room – Landschaften in Innenräumen

Architektur
Architektur

Wie eine Ausstellung gestalten, deren Fokus Landschaft ist? Wie etwas in begrenzten Räumlichkeiten ausstellen, dessen Essenz doch die Grenzenlosigkeit ist? Kunst- und Kulturschaffende sowie (Landschafts-)Architekt*innen finden seit immer wieder Antworten auf diese Fragen und präsentieren neue Landschaftserlebnisse in Innenräumen. So etwa der isländische Künstler Olafur Eliasson, der kurzum die Fondation Beyeler in Basel mehrerer Aussenwände beraubte und sie unter Wasser setzte. Welche weiteren Möglichkeiten es gibt, Landschaft auszustellen, zeigt Fanny Brandauer mit ihrem Projekt „Atlas of Landscapes in a Room“.

„Wie etwas ausstellen, das nicht nur ‚zu groß‘, sondern bereits öffentlich ist? Wie etwas in einem Ausstellungsraum adäquat vermitteln, das räumliche, körperliche Erfahrungen voraussetzt?“

 

(Margareth Otti in Ruhl, C., & Dähne, C. (2015). Architektur ausstellen: Zur mobilen Anordnung des Immobilen (S. 6–13). Berlin: Jovis)

 

Landschaft ist immobil, kontextabhängig und vielschichtig und auf Grund ihrer Komplexität nur schwer in einem Innenraum vor- und noch weniger ausstellbar. Doch das Hereinholen von Landschaft in den Innenraum erzeugt ein ungewohntes Spannungsfeld. Außerdem birgt es Potenziale, die es sich näher zu betrachten lohnt. Das Entkoppeln und Isolieren eines Landschaftsteils und dessen Rekontextualisierung im Innenraum erschliesst neue Spielräume zur (Re-)Präsentation und inhaltlichen Vermittlung von Landschaft. Der Betrachtungsfokus verschiebt sich dadurch und wird neu ausgerichtet. Raumgefühl, Naturphänomene, Geräusche und Gerüche lassen sich entsprechend inszenieren und erlebbar machen. Dadurch wird man als Besucher*in auf imaginative Reisen an nahe und ferne Orte geschickt.

Atlas of Landscapes in a Room soll Diskurs anregen

Doch wie gelingt es, Landschaft in ihrer Komplexität im Innenraum festzuhalten? In welcher Weise muss man Landschaft verändern und umformen, verkleinern, vergrößern, symbolisieren oder abstrahieren, um sie in den Ausstellungsraum transferieren zu können? Wie bleibt ihre räumliche Erfahrbarkeit im Innenraum bestehen?

Antworten darauf lassen sich in den Arbeiten von Landschaftsarchitekt*innen und Architekt*innen, Kunst- und Kulturschaffenden finden, die auf vielfältige Art und Weise neue Landschaften im Innenraum kreieren. Um einen Überblick über jenes breite Spektrum zu geben, entstand das Projekt Atlas of Landscapes in a Room. (Dem Projekt liegt übrigens die im Jahr 2018 verfasste Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ zu Grunde.)

Atlas of Landscapes in a Room macht es sich zur Aufgabe, ausgewählte historische und zeitgenössische Arbeiten zu kuratieren und miteinander zu verknüpfen. Er dient folglich als digitales indexiertes Nachschlagewerk und als Archiv. Denn Atlas of Landscapes in a Room möchte einen transdisziplinären Diskurs anregen und Denkanstöße initiieren, wie Landschaft und Natur im Innenraum eingefangen und wiedergegeben werden können.

Robert Smithons Konzept des Site/Non-Site

„Und als Resultat habe ich entschieden, dass es, statt etwas in die Landschaft zu stellen, interessanter sei, die Landschaft nach drinnen zu holen, an den Nicht-Ort, in den abstrakten Behälter.“

Robert Smithson in Schmidt, E., & Vöckler, K. (Hrsg.). (2000). Erde. Ein Symposium am White Museum, Cornell University.

Im Jahr 1968 präsentierte der Land-Art-Künstler Robert Smithson seine Arbeit „Site/Non-Site“ und wirkte wegbereitend für heutige Betrachtungen, wie Landschaft im Innenraum räumlich erfahrbar gemacht werden kann. Denn Smithson‘s Arbeit handelte vom Dialog zwischen dem Außen- und dem Innenraum. Mithilfe von Fotografien und Kartenmaterial sowie entnommenen Mineral- und Gesteinsproben dokumentierte er einen Landschaftsteil der geschützten Wälder Pine Barrens an der Atlantikküste New Jerseys. Er erzählte damit von einem realen Ort in der Landschaft, aber repräsentierte diesen unerwarteterweise im Innenraum.

Ausgestellte Landschaften im zeitlichen Wandel

 

Die zweidimensionalen Träger (Karten, Fotos) ergänzte er zudem um ein dreidimensionales Bild (Mineral- und Gesteinsproben). Der reale Ort, an dem er das Material entnommen hatte, war dabei genauso Teil der künstlerischen Arbeit wie das Material selbst, das im Ausstellungsraum gezeigt wurde und auf den physischen Ort verwies. (vgl. Schmidt, E., & Vöckler, K. (Hrsg.) (2000). Erde. Ein Symposium am White Museum, Cornell University. Übersetzt aus dem Original: Earth, Nachlass, 1969. In: Gesammelte Schriften (S. 217–227). Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.)

Robert Smithson leistete damit Pionierarbeit im räumlichen Sichtbarmachen und Zeigen von Landschaften, doch das generelle Darstellen von Natur und Landschaft im Innenraum findet seinen Ursprung weitaus früher als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die wohl früheste gezielte Zurschaustellung exotischer Kostbarkeiten, Naturalien und anderer Artefakte (meist Errungenschaften kolonialer Entdeckungsreisen) vollzog sich in den Wunderkammern und Naturalienkabinetten europäischer Fürstenhöfe des 15. und 16. Jahrhunderts. In Schränken und Schaukästen wurden Kuriositäten aus aller Welt aufbewahrt, wissenschaftlich untersucht und klassifiziert.

 

Infolgedessen, im darauffolgenden 17. Jahrhundert hielt das Landschaftsmotiv Einzug in die Malerei. Maler aus den Niederlanden, Flandern und Italien setzten sich erstmals grundlegend mit der Landschaft als selbstständiges Bildsujet auseinander und zauberten sublime Landschaften nach Vorbild des antiken Arkadiens auf ihre Leinwände (welche später in den englischen Landschaftsgärten verwirklicht wurden).

 

Anfang des 19. Jahrhunderts dann prägte der deutsche Maler Caspar David Friedrich mit seinen melancholischen und imaginativen Natur- und Landschaftsdarstellungen die zeitgenössische Landschaftsmalerei, bevor sich Mitte des 19. Jahrhunderts die „Schule von Barbizon“ formierte und eine neue Ära einläutete. Mit Palette und Staffelei verließen die KünstlerInnen die vier Wände ihrer Ateliers und arbeiteten in der freien Natur. Sie verzichteten in ihren Bildern auf eine realitätsgetreue Motivdarstellung und fingen lieber Formen, Farben und Lichtsituationen auf ihren Gemälden ein. (vgl. Van den Berg, K. (2010). Zur Welt kommen. Landschaft als Resonanzraum. In S. von Berswordt-Wallrabe & V. Rattemeyer (Hrsg.), Landschaft als Weltsicht: Kunst vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (S. 13–27). Köln: Wienand.)

Landschaftsausstellung gibt Einblick in Arbeitspraxis und -philosophie von Planer*innen

 

Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich wurde der Begriff der Installation geprägt: raumgreifende, orts- und situationsbezogene Kunstwerke, die in ihrer medialen Ausrichtung, Erfahrbarkeit und Materialität äußerst vielseitig sind. Mit dem Auflodern der Ökologiebewegung etablierte sich ein neues Verständnis von Natur und Kultur als korrelierende Einheit. Der anthropogene Einfluss wurde viel stärker in die Betrachtung von Landschaft miteinbezogen und Natur- und Landschaftsfragmente nicht mehr als romantisierte oder isolierte Objekte ästhetisiert.

Das Landschaftsmotiv kehrt in beinahe allen Kunststilen und -epochen, in der Fotografie genauso wie im Film, wieder und hat auch in der zeitgenössischen Kunst nicht an Relevanz verloren. Kunst- und Kulturschaffende knüpfen heute an die Positionen der vorhergegangenen Generationen an und erweitern diese. Sie setzen immaterielle und flüchtige Materialien wie Licht, Klang oder Geruch ein, um Atmosphären aufzubauen und die sinnliche Wahrnehmung anzuregen.

Das Projekt Atlas of Landscapes in a Room

 

Mit steigender Tendenz rückt das inhaltliche Arbeiten mit Natur und Landschaft auch immer mehr ins Interesse von Museen und Kunsträumen. Sie kuratieren z.B. Fachausstellungen und Werkschauen, welche entweder spezifische Fragestellungen unter Setzung eines übergeordneten Themenschwerpunkts ergründen oder geben Einblick in die Arbeitspraxis und -philosophie einzelner Kunstschaffender und Planer*innen geben.

Atlas of Landscapes in a Room veranschaulicht wie Ausstellungsräume zu Orten des Geschichtenerzählens und der (Re-)Präsentation von Landschaft werden. Außerdem wie sie es vermögen, der Landschaft einen Wirkungsraum außerhalb ihres eigentlichen „Habitats“ zu geben.

 

Der digitale Atlas gliedert sich denn auch über einen klaren und stringenten Aufbau, der einer Kategorisierung in sieben Bereiche folgt: Collage (COL), Diorama (DIO), Exhibition (EXH), Installation (INS), Photography (PHO), Painting (PAI) und Wunderkammer (WUN). Die Kategorisierung nimmt sowohl Bezug auf den eben beschriebenen historischen Wandel ausgestellter Landschaften als auch auf die unterschiedlichen Medien der Darstellung. Das Navigieren durch den Atlas und die kuratierten Beiträge funktioniert primär über die Willkür des subjektiven visuellen Blicks und sekundär über ein Index-System, welches mit dem Aspekt der Wissenschaftlichkeit spielt.

 

Doch vor allen Dingen soll Atlas of Landscapes in a Room zum Stöbern, Entdecken, Erforschen und Sich-inspirieren-lassen einladen, neue Denkanstöße geben und zudem eine Grundlage für weiterführende Untersuchungen zu diesem spannenden Themenkomplex bilden.

Fanny Brandauer schloss 2018 mit der Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ ihr Studium an der TU München ab. 2021 rief sie Atlas of Landscapes in a Room ins Leben. Sie lebt und arbeitet in Berlin und München und ist als Teamleiterin bei Studio Vulkan München tätig. Hier geht es zum Instagram-Account von Atlas of Landscapes in a Room.

Wir präsentierten Fanny Brandauers Masterarbeit in der G+L 09/19. Im September 2021 richten wir den Fokus erneut auf Studierende der Planung: Die G+L 09/21 stellt herausragende studentische Arbeiten vor.

Weitere studentische Arbeiten finden Sie außerdem hier – es lohnt sich!

Planer mit Rosenschere

Kurz vor Weihnachten 2016 starb Uwe Isterling mit 85 Jahren in Hamburg. Mit ihm ging einer der Landschaftsarchitekten, die von ihren Hochbaukollegen als „Gärtner“ betitelt werden. Doch verliehen sie Isterling diesen Titel nie abschätzig, sondern mit großem Respekt und er war stolz darauf. Eine feine, nie vordergründige, nie modische Entwurfssprache kennzeichnete sein Schaffen.

Von Günther Schulze, bei dem er bis zur Gründung seines eigenen Büros 1964 arbeitete, lernte er den gekonnten Einsatz der Pflanze, um das gemauerte und gepflasterte Rückgrat eines Gartens spannend zu überspielen. Mit Privatgärten für bekannte Persönlichkeiten wie Karl Lagerfeld oder Rudolf Augstein wurde Isterling in der Hansestadt und überregional bekannt. Doch hinterließ er auch im öffentlichen Raum Hamburgs seine Spuren, unter anderem mit dem Sternschanzenpark und der Landschaftsgestaltung entlang der Ortsumgehung für den Flughafen in Fuhlsbüttel (mit Jan M. Runge). Im bdla war er sowohl in der Landesgruppe Hamburg wie im Bundespräsidium aktiv.

Nachdem Isterling 1997 mit Gordon Evans und Dirk Junker zwei jüngere Partner in sein Büro geholt hatte (IPL), stieg er 2001 aus der Partnerschaft aus. Mit Unterstützung eines Mitarbeiters arbeitete er an verschiedenen Projekten allein weiter. Sein letztes großes Werk waren die Außenanlagen zum Kurhotel Oberwaid in St.Gallen. Die vergangenen drei Jahre verbrachte er in einem Pflegestift. Bei seinem letzten Besuch brachte ihm sein langjähriger Freund und Kollege Jan Michael Runge ein Dokument mit: Ein Isterling-Garten an der Elbchaussee war unter Denkmalschutz gestellt worden – ein würdevoller Schlusspunkt eines langen Planerlebens.