Microgrid-Management in Quartieren – Energieautonomie digital gedacht

Nahaufnahme eines Mikroprozessors mit der Aufschrift „AI“ auf einer hochkomplexen Platine, symbolisiert digitale Steuerung und intelligente Systeme.
Digitale Vernetzung und effiziente Energieverteilung im Quartier.

Energieautonomie im Quartier? Das klingt nach einer Utopie für technikverliebte Zukunftsromantiker – ist aber längst ein ernstzunehmendes Thema, das Quartiersentwicklung, Stadtplanung und Klimaschutz auf ein neues Level hebt. Microgrid-Management macht aus der Vision digital vernetzter, selbstbestimmter Energieversorgung einen konkreten Handlungsauftrag für Planer und Kommunen. Wer sich jetzt darauf einlässt, kann nicht nur Stromflüsse steuern, sondern auch politische und soziale Energien freisetzen. Willkommen im Quartier der digitalen Souveränität – und der urbanen Selbstermächtigung.

  • Definition und Funktionsweise von Microgrids im städtischen Quartierskontext
  • Digitale Tools und Datenplattformen für das Management dezentraler Energieflüsse
  • Potenziale und Herausforderungen energieautonomer Quartiere im DACH-Raum
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Von der Theorie zur Anwendung
  • Rechtliche, technische und soziale Aspekte der Umsetzung
  • Governance, Datensouveränität und Partizipation als Schlüsselfaktoren
  • Chancen für Klimaschutz, Resilienz und Wertschöpfung vor Ort
  • Risiken: Komplexität, Kommerzialisierung, soziale Spaltung und Technikgläubigkeit
  • Digitale Energieautonomie als Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung

Microgrids im Quartier: Definition, Potenzial und digitale Spielwiese

Wer in der Stadtentwicklung heute von Microgrids spricht, meint damit weit mehr als nur ein paar Solarpanels auf dem Dach und einen Batteriespeicher im Keller. Microgrids sind intelligente, lokal begrenzte Energienetze, die Stromquellen, Speicher und Verbraucher miteinander verknüpfen – und das alles digital gesteuert, flexibel und nachfrageorientiert. Im Unterschied zum klassischen, zentral gesteuerten Stromnetz können Microgrids im Idealfall autark funktionieren, sich also vom übergeordneten Netz abkoppeln (Inselbetrieb) oder als Teil eines größeren Systems agieren.

Gerade im Quartiersmaßstab entfalten Microgrids ihr volles Potenzial: Hier treffen Erzeugung, Verbrauch, Speicherung und Steuerung auf engem Raum zusammen. Photovoltaik-Anlagen, Blockheizkraftwerke, Wärmepumpen, E-Mobilität, smarte Haushaltsgeräte und Batteriespeicher – sie alle können in einem lokalen Energiekreislauf orchestriert werden. Das Ziel: Energie dort zu nutzen, wo sie erzeugt wird, Lastspitzen zu vermeiden, Netzstabilität zu sichern und Kosten zu senken. Und ja, natürlich: CO₂-Emissionen lassen sich so auch massiv reduzieren.

Was Microgrids für Planer, Stadtwerke und Kommunen so spannend macht, ist die neue Freiheit bei der Gestaltung von Quartieren. Plötzlich sind nicht mehr nur Flächen, Baufenster und Nutzungsarten die entscheidenden Parameter – sondern auch Energieflüsse, Netztopologien und Verbrauchsprofile. Die Planung wird multidimensional. Und sie wird digital. Denn ohne intelligente Steuerung, Datenanalyse und Prognosemodelle bleibt das Microgrid nur ein Puzzle aus Einzelteilen.

Hier kommt das digitale Microgrid-Management ins Spiel. Mittels IoT-Sensorik, Smart Metering, KI-gestützten Prognoseverfahren und offenen Datenplattformen lassen sich Energieflüsse in Echtzeit überwachen, steuern und optimieren. Das Quartier wird zur energetischen Spielwiese, auf der nicht nur Strom verteilt, sondern auch Wissen generiert und geteilt wird. Wer Zugriff auf die richtigen Daten hat, kann Lastverschiebungen managen, Eigenverbrauch maximieren und neue Geschäftsmodelle erschließen – von der Quartiersstrom-Community bis hin zum Peer-to-Peer-Handel zwischen Nachbarn.

Doch so faszinierend die Idee ist: Ohne klare Zielsetzung, abgestimmte Schnittstellen und eine durchdachte Governance-Architektur bleibt das Microgrid-Management schnell im Pilotstatus stecken. Die technische Machbarkeit ist längst gegeben – die Herausforderung liegt in der Integration in bestehende Planungs-, Rechts- und Beteiligungsstrukturen. Es braucht Mut, Know-how und einen langen Atem, um aus der digitalen Energieautonomie im Quartier ein tragfähiges, replizierbares Modell zu machen.

Digitale Tools und Datenplattformen: Der unsichtbare Dirigent im Energienetz

Wer Microgrid-Management digital denkt, betritt eine Welt, in der Daten das neue Öl sind – nur sauberer und (meistens) konfliktfrei. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Fähigkeit, komplexe Datenströme aus unterschiedlichsten Quellen zu erfassen, zu verknüpfen und in handhabbare Steuerungsimpulse zu übersetzen. Im Zentrum steht dabei die Plattformökonomie: Offene, interoperable Systeme, die Energieerzeuger, -verbraucher, Speicher und Netze miteinander verbinden und flexibel anpassen.

Ein modernes Microgrid-Management-System arbeitet mit einer Vielzahl von Sensoren, Messstellen und Datenquellen. Dazu zählen Smart Meter, Wetterdaten, Erzeugungsprognosen, Verbrauchsprofile, Netzzustände, Ladezustände von E-Autos und vieles mehr. Diese Informationen werden in Echtzeit aggregiert, analysiert und zur Optimierung der Energieflüsse eingesetzt. Die Plattform ist dabei das digitale Gehirn des Quartiers: Sie entscheidet, ob gerade Strom eingespeist, gespeichert oder verbraucht werden soll – und das alles nach ökonomischen, ökologischen und sozialen Kriterien.

Besonders spannend wird es, wenn Künstliche Intelligenz ins Spiel kommt. KI-Algorithmen können Muster im Energieverbrauch erkennen, Lastspitzen antizipieren, wetterabhängige Erzeugung prognostizieren und sogar den Handel mit Flexibilitäten automatisieren. Im Idealfall entsteht so ein selbstlernendes System, das sich kontinuierlich an veränderte Rahmenbedingungen anpasst – von der Wetterlage bis zum Nutzerverhalten. Für Planer eröffnet das neue Möglichkeiten, um Szenarien durchzuspielen und die Quartiersentwicklung dynamisch zu begleiten.

Ein weiteres Herzstück digitaler Microgrids sind offene Schnittstellen und standardisierte Protokolle. Nur so lassen sich unterschiedliche Komponenten – vom Solarmodul bis zum Carsharing-Fahrzeug – nahtlos integrieren. Plattformen wie die Open Urban Platform, die in einigen deutschen Städten bereits getestet wird, zeigen, wie Daten aus verschiedenen Infrastrukturbereichen (Energie, Mobilität, Gebäude) zusammengeführt und für innovative Anwendungen nutzbar gemacht werden können. Die Interoperabilität entscheidet darüber, ob das Microgrid als geschlossenes Inselsystem oder als Teil eines größeren, urbanen Energieökosystems funktioniert.

Doch so vielversprechend die Technik ist: Ohne Vertrauen, Transparenz und klare Verantwortlichkeiten bleibt das digitale Microgrid-Management eine Black Box. Wer steuert die Plattform? Wem gehören die Daten? Wer profitiert von Einsparungen oder neuen Geschäftsmodellen? Diese Fragen sind nicht nur technischer, sondern vor allem politischer und gesellschaftlicher Natur – und sie müssen frühzeitig in die Quartiersentwicklung integriert werden.

Praxisbeispiele, Hürden und Erfolgsfaktoren im DACH-Raum

Ein Blick in die Praxis zeigt: Energieautonome Quartiere mit digitalem Microgrid-Management sind längst keine graue Theorie mehr. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es zahlreiche Pilotprojekte, die zeigen, wie die Transformation gelingen kann – und wo die Stolpersteine liegen. Ein prominentes Beispiel ist das „Reallabor Smart Quarter“ in Freiburg, wo mehrere Wohngebäude, Gewerbeflächen und ein Kindergarten über ein gemeinsames Microgrid verbunden sind. Hier steuert eine digitale Plattform die Energieflüsse, optimiert den Eigenverbrauch und bindet auch E-Mobilität in das Gesamtsystem ein. Das Ergebnis: Deutlich niedrigere CO₂-Emissionen, eine höhere Eigenversorgungsquote und ein gestärktes Gemeinschaftsgefühl im Quartier.

In der Schweiz setzt das Projekt „Quartierstrom Walenstadt“ auf Blockchain-basierte Peer-to-Peer-Energiehandelsplattformen. Die Bewohner können überschüssigen Solarstrom direkt an ihre Nachbarn verkaufen – transparent, automatisiert und ohne zwischengeschaltete Energieversorger. Hier zeigt sich, wie digitale Technologien nicht nur technische, sondern auch soziale Innovationen ermöglichen. In Wien wiederum experimentiert das Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern mit einem hybriden Energiemanagementsystem, das verschiedene erneuerbare Quellen, Speicher und Verbraucher miteinander koppelt. Die Ergebnisse sind vielversprechend, aber der Weg dorthin ist steinig: Unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen, Eigentumsverhältnisse und Datenschutzanforderungen erschweren die Skalierung.

Was alle Projekte eint, sind drei zentrale Erfolgsfaktoren: Erstens eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadt, Wohnungswirtschaft, Netzbetreibern und Technologieanbietern. Zweitens eine frühzeitige Beteiligung der Nutzer, um Akzeptanz zu schaffen und das System an reale Bedürfnisse anzupassen. Drittens eine flexible, offene technische Architektur, die zukünftige Entwicklungen – etwa den massiven Zubau von E-Ladeinfrastruktur oder neue Speichertechnologien – problemlos integrieren kann.

Die Hürden sind allerdings nicht zu unterschätzen. Deutschlands Energierecht hinkt der technologischen Entwicklung oft hinterher. Die Abgrenzung zwischen Netzbetreiber, Stromlieferant und Prosumer ist rechtlich komplex. Hinzu kommen hohe Anforderungen an Datenschutz, IT-Sicherheit und Haftung. Viele Kommunen scheuen zudem den Aufwand für Betrieb und Wartung der digitalen Systeme – und setzen lieber auf klassische Lösungen. Wer hier auf Dauer erfolgreich sein will, braucht nicht nur technisches Verständnis, sondern auch juristischen und organisatorischen Weitblick.

Trotz aller Herausforderungen zeigt sich: Digitale Microgrids sind ein mächtiges Werkzeug für die urbane Energiewende. Sie schaffen neue Spielräume für Klimaschutz, Resilienz und lokale Wertschöpfung – vorausgesetzt, sie werden sorgfältig in die Quartiersentwicklung eingebettet und kontinuierlich weiterentwickelt.

Governance, Partizipation und soziale Dimension: Wer steuert die Energieautonomie?

Die beste Technik nützt wenig, wenn sie an den Menschen vorbeigeht. Microgrid-Management im Quartier ist deshalb immer auch eine Frage der Governance: Wer entscheidet, wie das System funktioniert? Wer hat Zugriff auf Daten und Steuerungsfunktionen? Und wie werden die Bewohner in Entscheidungsprozesse eingebunden? Antworten auf diese Fragen entscheiden darüber, ob das Quartier zur digitalen Diktatur oder zur demokratischen Energiegenossenschaft wird.

Ein Schlüsselfaktor ist die Datensouveränität. Bewohner müssen nachvollziehen können, welche Daten erhoben, wie sie verarbeitet und wofür sie genutzt werden. Transparente Datenschutzkonzepte, offene Schnittstellen und verständliche Erläuterungen sind Pflicht, keine Kür. Nur wenn das Vertrauen in die Technik und die Betreiber gegeben ist, entsteht die Bereitschaft, sich aktiv am Microgrid zu beteiligen – sei es durch flexible Verbrauchsanpassung, die Bereitstellung von Speichern oder den Handel mit Überschussstrom.

Partizipation ist dabei kein Selbstläufer. Sie muss aktiv gestaltet werden – etwa durch digitale Beteiligungsplattformen, Quartiers-Apps oder regelmäßige Austauschforen. Auch die Integration von Fachwissen aus Stadtplanung, Energiewirtschaft und Sozialwissenschaft ist essenziell, um ein System zu schaffen, das nicht nur technisch, sondern auch sozial robust ist. Wer hier auf reine Technikgläubigkeit setzt, riskiert soziale Spaltung und Akzeptanzprobleme – und verspielt das Potenzial der digitalen Energieautonomie.

Blickt man auf internationale Vorreiter, zeigt sich: Erfolgreiche Microgrid-Projekte zeichnen sich durch eine klare Governance-Struktur aus. Häufig übernehmen Genossenschaften, Stadtwerke oder eigens gegründete Quartiersgesellschaften die Verantwortung für Betrieb und Weiterentwicklung. Damit bleibt die Wertschöpfung im Quartier, und die Bewohner profitieren direkt von Kosteneinsparungen oder Erlösen aus dem Energiehandel. Diese Modelle sind jedoch kein Selbstläufer – sie erfordern kontinuierliche Kommunikation, transparente Entscheidungswege und einen langen Atem bei der Umsetzung.

Am Ende steht die Erkenntnis: Digitale Energieautonomie ist kein rein technisches Projekt. Sie ist ein sozialer, politischer und kultureller Transformationsprozess. Wer ihn gestaltet, kann die Stadt von morgen nicht nur nachhaltiger, sondern auch gerechter und resilienter machen.

Fazit: Microgrid-Management als Blaupause für die urbane Energiezukunft

Microgrid-Management im Quartier ist weit mehr als ein Hype für Technikfans. Es ist ein Paradigmenwechsel, der Planung, Betrieb und Governance von Stadtquartieren grundlegend verändert. Die digitale Steuerung dezentraler Energieflüsse eröffnet neue Chancen für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und lokale Wertschöpfung. Aber sie ist auch eine Herausforderung: Technisch, rechtlich, organisatorisch und sozial.

Die Praxis zeigt, dass energieautonome Quartiere mit intelligentem Microgrid-Management funktionieren können – wenn die richtigen Partner zusammenarbeiten, die Architektur offen und flexibel bleibt und die Bewohner aktiv eingebunden werden. Digitale Tools und Datenplattformen sind dabei das Rückgrat der Transformation, doch sie entfalten ihre Wirkung nur im Zusammenspiel mit klarer Governance, Transparenz und Partizipation.

Wer Microgrid-Management konsequent denkt, verankert Energieautonomie als Leitbild der Quartiersentwicklung. Das Quartier wird zum Reallabor für innovative Geschäftsmodelle, zur Plattform für soziale Innovation und zum Motor der urbanen Energiewende. Gleichzeitig gilt es, Risiken wie Kommerzialisierung, soziale Spaltung oder Technikfehler im Blick zu behalten – und aktiv gegenzusteuern.

Für Planer, Stadtwerke und Kommunen ist jetzt der Moment, die Weichen zu stellen: Weg vom Pilotprojekt, hin zur systematischen Integration digitaler Microgrids in die Stadtentwicklung. Die Werkzeuge sind da, das Wissen wächst – fehlt nur noch der Mut, die Energiezukunft im Quartier digital und selbstbestimmt zu gestalten.

Microgrid-Management ist kein Selbstzweck, sondern eine Einladung: zu mehr Souveränität, mehr Nachhaltigkeit und mehr Zusammenarbeit in der Stadt von morgen. Wer sich darauf einlässt, kann nicht nur Energieflüsse steuern, sondern auch gesellschaftliche Energien freisetzen – und das Quartier zur Blaupause für eine neue urbane Energieordnung machen.

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Die Sommer werden heißer, die Nächte wärmer, die Städte dichter – mit der fortschreitenden Klimaerwärmung stehen urbane Räume vor einer wachsenden Herausforderung: der städtischen Hitzebelastung. Während konventionelle Klimatisierung auf aktive Systeme wie Klimaanlagen setzt – oft teuer, energieintensiv und emissionsreich – rückt ein alternatives Konzept zunehmend in den Fokus von Architekt:innen, Stadtplaner:innen und Klimaforscher:innen: Passive Kühlung.

Was ist passive Kühlung?

Der Begriff „Passive Kühlung“ beschreibt Maßnahmen, die ohne aktive Energiezufuhr – also ohne elektrische Kühlgeräte – Räume, Gebäude oder sogar ganze Stadtquartiere abkühlen. Im Gegensatz zur aktiven Kühlung nutzt die passive Variante natürliche physikalische Prozesse wie Verdunstung, Wärmestrahlung oder Luftzirkulation.

Ziel ist es, Hitze aufzuhalten, bevor sie eindringt, beziehungsweise sie effizient abzuleiten. Dabei stehen drei Prinzipien im Mittelpunkt:

  • Sonnenschutz und Verschattung

  • Wärmedämmung und Reflexion

  • Verdunstungskühlung und Luftaustausch

Gerade in dicht bebauten Innenstädten, wo der sogenannte „Urban Heat Island“-Effekt auftritt – also eine deutlich höhere Temperatur im Vergleich zum Umland –, können diese Methoden den Unterschied zwischen einer unerträglichen und einer erträglichen Sommernacht ausmachen.

Methoden der passiven Kühlung

 Verschattung und Reduktion solarer Einstrahlung

Sonneneinstrahlung ist eine der Hauptquellen für die Erwärmung von Gebäuden und Asphaltflächen. Effektiver Sonnenschutz reduziert die aufgenommene Wärme erheblich.

  • Dach- und Fassadenbegrünung: Pflanzen absorbieren Sonnenlicht und kühlen durch Verdunstung. Eine extensive Begrünung senkt die Oberflächentemperatur eines Dachs um bis zu 40 °C.

  • Sonnenschutzlamellen und Vordächer: Architektonische Elemente wie Lamellen, Balkone oder auskragende Dachflächen spenden Schatten und reduzieren die direkte Einstrahlung.

  • Textile Verschattungen: Urbanes Mobiliar, Sonnensegel und textile Überdachungen über Straßen oder Plätzen können Mikroklimata gezielt beeinflussen.

Reflektierende Materialien und helle Oberflächen

Dunkle Oberflächen absorbieren bis zu 90 % der Sonnenstrahlung, helle hingegen reflektieren sie zu einem großen Teil. Der sogenannte „Albedo-Effekt“ spielt dabei eine zentrale Rolle.

  • Cool Roofs: Spezielle Dachbeschichtungen mit hoher Reflexionsfähigkeit (z. B. Titandioxid-basiert) reduzieren die Dachtemperatur und damit die Innenraumerwärmung.

  • Helle Straßenbeläge: Statt schwarzem Asphalt werden zunehmend helle oder sogar kühlende Pflasterungen eingesetzt, die das Stadtklima nachweislich entlasten.

 Verdunstung und Wasser als Kühlmedium

Wasserflächen und feucht gehaltene Oberflächen erzeugen durch Verdunstungskälte spürbare Abkühlung – ein Prinzip, das seit der Antike Anwendung findet.

  • Wasserinstallationen im öffentlichen Raum: Brunnen, Nebeldüsen und Wasserläufe erhöhen die Luftfeuchtigkeit lokal und senken die Umgebungstemperatur.

  • Permeable Böden: Materialien wie Rasengittersteine oder offenporige Pflaster lassen Wasser versickern und fördern die Bodenverdunstung.

  • Blau-grüne Infrastruktur: Die Kombination aus Begrünung und Wassermanagement – etwa über Retentionsdächer oder bepflanzte Versickerungsmulden – kühlt mehrfach: durch Verdunstung, Verschattung und Reduktion versiegelter Flächen.

 Natürliche Belüftung und thermische Trennung

Durchdachte Architektur kann natürliche Luftströmungen nutzen und Hitzestau vermeiden.

  • Kamineffekt und Querlüftung: In Gebäuden mit Öffnungen auf mehreren Seiten kann durch Druckunterschiede Luft zirkulieren. Der sogenannte „Stack-Effekt“ nutzt die Tatsache, dass warme Luft aufsteigt.

  • Innenhöfe und Lüftungsschächte: Historisch bewährte Bauformen wie Riads oder Atrien fördern die Luftzirkulation und schaffen schattige, kühle Zonen.

  • Thermische Zonierung: Durch gezielte Trennung wärmeexponierter Bereiche von kühlen Rückzugsorten kann das Innenraumklima optimiert werden.

Materialien für passive Kühlung

Nicht nur die Methode, auch die Materialwahl entscheidet über die Effektivität passiver Kühlung. Einige Schlüsselmaterialien:

  • Lehm und Ton: Sie speichern Feuchtigkeit und geben diese langsam wieder ab, ideal für Verdunstungskühlung.

  • Keramische Fassadenplatten: Sie reflektieren Sonnenstrahlung und halten thermische Belastungen stand.

  • Photokatalytische Oberflächen: Neue Entwicklungen setzen auf Materialien, die nicht nur kühlend wirken, sondern auch Luftschadstoffe abbauen (z. B. mit Titandioxid).

  • Phase-Change-Materials (PCM): Diese innovativen Werkstoffe speichern überschüssige Wärme und geben sie verzögert wieder ab – ideal für Tag-Nacht-Temperaturausgleich.

Praxisbeispiele weltweit

Barcelona: Superblocks und kühlende Infrastruktur

In Barcelonas „Superblocks“ wird der Autoverkehr massiv eingeschränkt, Asphalt durch helle Beläge ersetzt und der öffentliche Raum begrünt. Wassernebelanlagen an zentralen Plätzen tragen zur passiven Kühlung bei.

Singapur: Blau-grüne Vorzeigestadt

Singapur verbindet konsequent Stadtentwicklung mit Ökosystemen: Skygardens, bepflanzte Fassaden, künstliche Seen und smarte Wasserwiederverwendung sorgen für ein kühlendes Mikroklima – trotz tropischer Temperaturen.

Wien: „Cool Streets“ und mobile Verdunstungselemente

In der österreichischen Hauptstadt werden temporäre „Cool Streets“ eingerichtet: mit Sprühnebelanlagen, schattenspendenden Elementen und entsiegelten Flächen als Testlabore für dauerhafte Maßnahmen.

Herausforderungen und Potenziale

Trotz nachweisbarer Wirksamkeit wird die passive Kühlung in vielen Städten noch zu wenig genutzt. Gründe sind:

  • Investitionskosten und Förderlücken: Obwohl sich passive Maßnahmen langfristig rechnen, schrecken viele Akteur:innen vor den initialen Kosten zurück.

  • Mangelndes Bewusstsein: Oft fehlt das Wissen über einfache, effektive Maßnahmen, sowohl bei Bauherr:innen als auch in der Verwaltung.

  • Baurechtliche Hürden: In dichten Innenstädten sind Begrünungen oder Veränderungen der Dachlandschaft oft genehmigungspflichtig.

Gleichzeitig liegt in der passiven Kühlung enormes Potenzial – sowohl für den Klimaschutz als auch für die soziale Resilienz. Denn gerade vulnerable Gruppen leiden besonders unter der urbanen Hitze. Maßnahmen zur passiven Kühlung verbessern nicht nur das Stadtklima, sondern auch die Lebensqualität, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit.

Passive Kühlung als urbane Notwendigkeit

Passive Kühlung ist weit mehr als ein architektonischer Trend. Sie ist eine strategische Antwort auf die größte Herausforderung städtischer Räume im 21. Jahrhundert: die zunehmende Hitzebelastung. Städte, die heute in klimagerechte, passive Kühlstrategien investieren, sichern sich nicht nur einen Vorsprung in Sachen Nachhaltigkeit – sie sichern auch das Wohlbefinden ihrer Bürger:innen.

Ob durch begrünte Dächer, kühlende Wassernebel oder reflektierende Materialien – die Lösungen liegen längst bereit. Was fehlt, ist der konsequente politische Wille, diese auch flächendeckend umzusetzen.

Denn die Zukunft der Stadt ist nicht nur eine Frage des Wachstums. Sie ist eine Frage der Kühlung.

Mehr zu Beat the Heat erfahren Sie hier.

G+L 09/​20: Wohnquartiere

die das neue Erlenmattquartier in Basels Norden maßgeblich prägen. Foto: Ariel Huber

Schwarzbrot als Kür

Ohne Grün geht es nicht – weder im Stadt- noch im Wohnraum. Das hält uns die Corona-Pandemie deutlich vor Augen. Vor welchen Herausforderungen Landschaftsarchitekten und Planerinnen bei der Realisierung grüner Wohnquartiere stehen und wie das Ergebnis aussieht, damit beschäftigen wir uns in der Septemberausgabe. Das Editorial der G+L 9 von Redakteurin Tanja Gallenmüller.

Corona war das beherrschende Thema der vergangenen Monate, auch in Garten + Landschaft. Und auch in dieser Ausgabe spielt das Virus wieder eine wesentliche Rolle, obwohl der aktuelle Hefttitel schon Ende 2019 feststand, wo Covid-19, zumindest hierzulande, noch kein Thema war. Der Lockdown offenbarte deutlich: Ohne Grün geht es nicht in unseren Städten. Und ohne wohnungsnahes Grün schon gar nicht. Wenn Ausgangsbeschränkungen unseren Bewegungsradius, unsere Freizeitaktivitäten und den sozialen Austausch auf ein Minimum reduzieren, rückt das direkte Wohnumfeld mehr denn je ins Bewusstsein. Glücklich diejenigen, die einen Garten, einen grünen Innenhof oder gar einen öffentlichen Park in unmittelbarer Nachbarschaft haben. Oder zumindest einen Balkon. Doch nicht jedem ist dieses Glück vergönnt. Je dichter unsere Städte werden, umso größer wird der Kampf um jeden Quadratmeter Freiraum. Bebauen bringt Geld, Grün kostet.

Vielen Landschaftsarchitekten mag es daher wie Michael Kaschke von WES aus Hamburg gehen: Mehr Schwarzbrot als Kür scheint es ihm, den Freiraum von Wohnquartieren zu planen. Das liegt vor allem an dem meist geringen Budget, das die Wohnungsbaugesellschaften für den Außenraum bereitstellen. Da gilt es kreativ zu sein und aus dem Schwarzbrot trotzdem eine Kür zu machen. Die nötigen Herausforderungen dafür bietet dieses Arbeitsfeld jedenfalls: Man muss nicht nur mit kleinen Budgets und immer weniger Platz klarkommen. Darüber hinaus heißt es, den Bedürfnissen nach Spiel, Sport und Erholung möglichst aller Anwohner und Anwohnerinnen gerecht zu werden, eine gute Anbindung an die öffentliche Infrastruktur zu gewährleisten und die Anpassung an den Klimawandel sowie ökologische Aspekte zu berücksichtigen.

Zuschlag für das beste Konzept: Projekt Wohnquartier

Das verlangt nicht nur Planern viel ab, auch Politik und Verwaltung sind mehr denn je gefragt. Den Landschaftsarchitekten, deren Projekte wir in dieser Ausgabe vorstellen, gelingt der Spagat: Im Berliner Möckernkiez haben die Planer von hochC zum Beispiel viel erreicht: Jeder Hof ist individuell ausgestattet, die Anwohner identifizieren sich mit ihrem Grün und helfen bei der Pflege kräftig mit. Und gruppe F machte aus der Not überschwemmter Keller in der dänischen Siedlung Kirkebjerg vielseitige und Artenvielfalt fördernde Außenanlagen, deren Basis ein kostensparendes landschaftsbasiertes Regenwassermanagement ist. Auch viele Städte haben erkannt, worauf es ankommt: So zählen in Heilbronn zum Beispiel bestimmte Klimaanpassungsmaßnahmen bereits zum Standard im Bebauungsplan und nicht mehr allein der Grundstückspreis entscheidet über die Nutzung eines Areals, sondern das beste Konzept bekommt den Zuschlag. So geschehen beim Neckarbogen, über den wir unter anderem mit dem Baubürgermeister der Stadt, Wilfried Hajek, sprechen.

Das höchste Ziel sollte sein, ein für alle Bewohner und Bewohnerinnen einer Stadt lebenswertes Wohnumfeld zu schaffen. Hoffen wir, dass auch hier Corona bei all seinen negativen Auswirkungen etwas Gutes mit sich bringt und uns langfristig die Augen öffnet für das Wesentliche: das Grün vor unserer Haustür.

Die G+L zu den Wohnquartieren finden Sie ab dem 4.9. bei uns im Shop.