Dynamic Curb Management – Wie der Bordstein digital regiert wird

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Dynamische Stadtansicht mit urbaner Architektur und nachhaltigen Elementen, fotografiert von Markus Spiske.

Vergessen Sie alles, was Sie über Bordsteine zu wissen glaubten: Im Zeitalter der Digitalisierung mutieren sie von stummen Randsteinen zu intelligenten Schnittstellen urbaner Mobilität. Dynamic Curb Management ist nicht nur ein technisches Schlagwort, sondern der Schlüssel für mehr Flexibilität, Nachhaltigkeit und flüssige Abläufe im öffentlichen Raum. Wer heute noch denkt, der Bordstein sei bloß der Rand zwischen Gehweg und Straße, hat die Zeichen der Zeit verschlafen – und riskiert, den Anschluss an die nächste Stufe smarter Stadtentwicklung zu verlieren.

  • Definition und Relevanz von Dynamic Curb Management für Stadtplanung und Mobilität
  • Technologische Grundlagen: Sensorik, Datenplattformen und digitale Steuerung
  • Praxisbeispiele aus Europa und Nordamerika: Was funktioniert, was bleibt Illusion?
  • Schnittstellen zu Klimaresilienz, Sharing Economy und Lieferverkehr
  • Deutsche Realitäten: Rechtliche Hürden, Pilotprojekte, kommunale Herausforderungen
  • Governance-Fragen: Wer kontrolliert den digitalen Bordstein?
  • Risiken: Kommerzialisierung, Überwachung, soziale Exklusion
  • Potenziale für nachhaltige, gerechte Stadtentwicklung und neue Beteiligungsformen
  • Strategien für Planer und Verwaltungen: Handlungsempfehlungen für den Einstieg

Dynamic Curb Management: Vom starren Randstein zur flexiblen Ressource

Der Bordstein – jahrzehntelang ein unscheinbares Element, das Fußgänger von Fahrbahnen trennt und bestenfalls als Parkplatzrand dient – steht plötzlich im Zentrum digitaler Transformationen. Dynamic Curb Management, also die dynamische Steuerung und Nutzung der Bordsteinzonen, ist weit mehr als ein weiteres Buzzword aus der Smart City-Toolbox. Es ist eine Antwort auf die multiplen Herausforderungen urbaner Mobilität: vom Lieferverkehr über Carsharing bis hin zu Mikro-Mobilität und nachhaltigen Logistikkonzepten. In Zeiten zunehmender Flächenkonkurrenz wird der Bordstein zur umkämpften Ressource. Wer darf halten, laden, stehen, abstellen oder verweilen – und wann? Die Antwort darauf liefert längst kein Schild mehr, sondern eine intelligente Orchestrierung, gespeist aus Sensorik, Echtzeitdaten und digitalen Buchungssystemen.

Die Wurzeln des Dynamic Curb Management reichen in die frühen 2010er Jahre zurück, als Städte wie San Francisco und New York erstmals versuchten, den Wildwuchs an Lieferfahrzeugen, Ride-Hailing-Diensten und E-Scootern in den Griff zu bekommen. Heute, mit exponentiell wachsendem Lieferverkehr und einer Flut neuer Mobilitätsangebote, ist die Herausforderung nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: Das klassische Parkplatzmanagement scheitert an den Anforderungen von Same-Day-Delivery, On-Demand-Sharing und flexibler Nutzung öffentlicher Flächen. Dynamic Curb Management setzt hier an – mit digitalen Reservierungen, flexibel umschaltbaren Nutzungszonen und datenbasierten Steuerungsmodellen. Der Bordstein wird zur Schnittstelle zwischen Straßenraum, Mobilitätsplattform und urbaner Infrastruktur.

Für Planer und Verwaltungen bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Es reicht nicht mehr, Zonierungen und Nutzungen statisch festzulegen. Vielmehr muss der Bordstein als dynamische Ressource gedacht werden, die sich je nach Tageszeit, Verkehrsaufkommen oder Wetterlage intelligent anpassen lässt. Das erfordert nicht nur technische Infrastruktur, sondern auch neue Kompetenzen in Dateninterpretation, Governance und Partizipation. Denn die Steuerung der Bordsteinzone entscheidet zunehmend darüber, wie gerecht, effizient und resilient städtische Mobilität funktioniert.

Doch Dynamic Curb Management ist kein Allheilmittel. Die Flächenkonkurrenz wird nicht kleiner, nur weil Algorithmen sie verteilen. Vielmehr verschiebt sich der Verteilungskonflikt auf eine neue Ebene – die der digitalen Steuerung. Wer Zugang zum digitalen Bordstein hat, wer Nutzungsrechte buchen kann, wer überhaupt sichtbar wird, das sind Fragen, die künftig nicht nur technische, sondern auch politische Antworten verlangen.

Im Ergebnis steht der Bordstein heute für eine der spannendsten Herausforderungen der urbanen Transformation. Er ist Testfeld für neue Geschäftsmodelle, Arena für Beteiligungsprozesse – und Bühne, auf der sich entscheidet, wie Städte mit der Digitalisierung umgehen. Wer den Bordstein versteht, versteht die Stadt von morgen.

Technologische Basis: Sensoren, Daten und Plattformen als Rückgrat der digitalen Bordsteinverwaltung

Das Herzstück des Dynamic Curb Managements ist die technologische Infrastruktur. Sensoren, Kameras, IoT-Geräte und digitale Plattformen bilden das Rückgrat einer Steuerung, die weit über klassische Verkehrszeichen hinausgeht. Moderne Bordsteinzonen sind ausgestattet mit Parkraumsensoren, QR-Codes, Echtzeitüberwachung und automatisierten Schranken. Sie liefern Daten über Belegung, Nutzungsdauer, Fahrzeugtyp und sogar über die Art der Nutzung – ob Lieferfahrzeug, Ride-Hailing-Service, privater Pkw oder Lastenrad. Diese Daten werden in urbanen Datenplattformen aggregiert, analysiert und mit anderen städtischen Systemen – wie Verkehrsleitstellen, Wetterdaten oder Mobilitätsplattformen – verknüpft.

Die Steuerung erfolgt zunehmend digital und automatisiert: Nutzer buchen Zeitfenster für das Be- und Entladen, Lieferdienste erhalten digitale Zufahrtsrechte, Sharing-Fahrzeuge werden gezielt zu freien Flächen dirigiert. Über Apps oder Online-Portale ist die Information in Echtzeit abrufbar, für Bürger ebenso wie für Unternehmen. Die technische Komplexität wächst mit dem Grad der Vernetzung: Je mehr Akteure und Nutzungsszenarien, desto anspruchsvoller die Algorithmen, die Prioritäten, Konflikte und Kapazitäten steuern.

Eine besondere Rolle spielen Schnittstellen zu anderen urbanen Systemen. Dynamic Curb Management ist kein Inselsystem, sondern Teil einer umfassenden Smart-City-Architektur. So können etwa Verkehrsprognosen, Wetterdaten oder Großveranstaltungen automatisch in die Belegungsplanung einfließen. Auch die Integration mit Urban Digital Twins – digitalen Abbildern der Stadt, die in Echtzeit mit Daten gefüttert werden – bietet enormes Potenzial: Simulationen können vorab zeigen, wie sich eine neue Regelung auf Verkehrsflüsse, Emissionen oder Flächenverteilung auswirkt.

Datensicherheit und Datenschutz sind zentrale Themen. Die Erhebung und Verarbeitung von Echtzeitdaten am Bordstein wirft Fragen nach Anonymisierung, Zugriffsrechten und Governance auf. Wer darf die Daten nutzen, wie werden sie gespeichert, und wie wird Missbrauch verhindert? Städte stehen vor der Herausforderung, technische Innovation und gesellschaftliche Akzeptanz in Einklang zu bringen. Offene Schnittstellen und transparente Algorithmen sind dabei so wichtig wie technische Zuverlässigkeit und Ausfallsicherheit.

Der technologische Fortschritt macht den Bordstein nicht nur intelligenter, sondern auch flexibler. Künftig könnten Bordsteinzonen per LED-Markierung oder Augmented Reality je nach Bedarf umdefiniert werden – morgens Ladezone, mittags Parkfläche, abends Außengastronomie. Die Technik ist bereit. Die Frage ist: Sind es auch die Städte?

Praxis und Pilotprojekte: Was Städte aus Europa und Nordamerika vormachen – und wo Deutschland steht

International gibt es bereits zahlreiche Beispiele für Dynamic Curb Management in Aktion. Städte wie Seattle oder Toronto haben digitale Plattformen eingeführt, über die Lieferdienste und Ride-Hailing-Anbieter kurzfristig Nutzungsrechte für Bordsteinzonen buchen können. Sensoren melden freie Flächen an Plattformen, die wiederum Routing-Apps oder Navigationssysteme der Fahrzeuge steuern. In London werden Bordsteine mit LED-Leisten und digitalen Anzeigen ausgestattet, die je nach Verkehrsaufkommen zwischen Lieferzone, Fahrradspur und Parkfläche umschalten. Paris experimentiert mit flexibel nutzbaren Flächen für Mikro-Depots und urbane Logistik, um den Lieferverkehr in engen Straßenzügen effizienter und emissionsärmer zu gestalten.

Auch in deutschsprachigen Städten gibt es erste Gehversuche. In Hamburg wird im Rahmen des Projekts „Smart Loading Zones“ getestet, wie Lieferdienste über Apps Zeitfenster für das Be- und Entladen reservieren können. München setzt auf intelligente Parkraumsensorik und digitale Steuerung für Sharing-Angebote. In Wien und Zürich laufen Pilotprojekte zur dynamischen Umwidmung von Bordsteinzonen für Carsharing, E-Ladestationen und temporäre Lieferflächen. Die Ergebnisse sind ermutigend, aber auch ernüchternd: Technisch machbar ist vieles, doch die Integration in bestehende Verwaltungsstrukturen, Rechtslagen und Bürgerbeteiligung bleibt eine Herausforderung.

In Deutschland bremst vor allem das komplexe Straßen- und Verkehrsrecht. Die Hoheit über den Bordstein liegt oft bei unterschiedlichen Behörden, die Koordination zwischen Verkehrsplanung, Ordnungsamt und IT-Abteilung ist mühsam. Hinzu kommen Datenschutzbedenken, fehlende Standards und eine gewisse Skepsis gegenüber datengetriebenen Steuerungsmodellen. Dennoch wächst das Interesse – nicht zuletzt, weil der Druck durch Lieferverkehr, Sharing-Angebote und die Verlagerung von Aufenthalts- und Erholungsflächen zunimmt.

Erfolgreiche Pilotprojekte zeigen: Dynamic Curb Management kann Verkehrsflüsse glätten, Lieferzeiten verkürzen und Flächen effizienter auslasten. Die Akzeptanz steigt, wenn die Systeme transparent, nutzerfreundlich und fair gestaltet werden. Entscheidend ist die frühzeitige Einbindung aller relevanten Akteure – von Logistikunternehmen über die lokale Wirtschaft bis hin zu Anwohnern und Fußgängern. Der Bordstein ist eben keine exklusive Domäne der Verkehrsplanung, sondern ein Querschnittsthema par excellence.

Für Planer und Verwaltungen stellt sich die Frage, wie sie aus Pilotprojekten in den Regelbetrieb kommen. Es braucht Mut, klare politische Leitplanken und die Bereitschaft, tradierte Zuständigkeiten zu hinterfragen. Dynamic Curb Management ist kein kurzfristiges Projekt, sondern Teil einer langfristigen Strategie für lebenswerte, resiliente und gerechte Städte.

Chancen und Risiken: Nachhaltigkeit, Teilhabe und die Gefahr der Kommerzialisierung

Dynamic Curb Management birgt enormes Potenzial für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Durch die flexible Steuerung von Flächen lassen sich Lieferverkehre bündeln, Emissionen reduzieren und Flächen für Rad- und Fußverkehr sowie Aufenthaltsqualität zurückgewinnen. Insbesondere für die Sharing Economy und neue Logistikkonzepte entstehen Chancen, den öffentlichen Raum effizienter und gerechter zu nutzen. Gleichzeitig kann die Digitalisierung der Bordsteinzone Transparenz schaffen: Wer nutzt wann, wie intensiv und mit welchen Folgen? Diese Informationen sind Gold wert für Stadtplanung, Mobilitätsmanagement und Umweltmonitoring.

Doch es gibt auch Risiken. Die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums droht, wenn Plattformunternehmen exklusive Zugriffsrechte erhalten oder datenbasierte Steuerung zur Wettbewerbsverzerrung führt. Wer keinen Zugang zu digitalen Buchungssystemen oder Kreditkarten hat, könnte von der Nutzung wichtiger Flächen ausgeschlossen werden. Auch Überwachung und Datenschutz sind brisante Themen – wenn jede Nutzung des Bordsteins digital erfasst wird, entstehen neue Formen der Kontrolle und potenziell unerwünschte Überwachungsszenarien.

Ein weiteres Risiko ist die algorithmische Verzerrung. Wenn Algorithmen entscheiden, wer bevorzugt eine Fläche nutzen darf, müssen diese Regeln transparent und nachvollziehbar sein. Sonst drohen technokratische Entscheidungen, die soziale Gerechtigkeit untergraben. Hier sind Governance-Modelle gefragt, die Beteiligung, Fairness und Kontrolle sicherstellen. Kommunale Souveränität darf nicht auf der Strecke bleiben, nur weil Softwareanbieter mit standardisierten Lösungen locken.

Auf der anderen Seite bietet Dynamic Curb Management neue Möglichkeiten für Beteiligung und Mitgestaltung. Wenn Bürger über Apps oder Online-Plattformen Feedback zu Bordsteinregelungen geben oder selbst Nutzungsbedarfe anmelden können, entstehen neue Formate der Partizipation. Der Bordstein wird zur Schnittstelle zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – und damit zum Experimentierfeld für eine demokratische, digital unterstützte Stadtentwicklung.

Die Balance zwischen Innovation und Regulierung, zwischen wirtschaftlichen Interessen und Gemeinwohl ist entscheidend. Nur wenn Dynamic Curb Management als Instrument für mehr Nachhaltigkeit, Teilhabe und Lebensqualität verstanden wird, kann es sein volles Potenzial entfalten. Die Gestaltungshoheit muss bei den Städten und ihren Bürgern bleiben – nicht bei Algorithmen oder Plattformunternehmen.

Wege in die Zukunft: Handlungsempfehlungen für Planer, Verwaltungen und Politik

Dynamic Curb Management ist kein Selbstläufer. Es braucht eine klare Strategie, politische Rückendeckung und den Willen, auch unbequeme Fragen zu stellen. Für Planer und Verwaltungen empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen: Zunächst gilt es, die bestehende Flächenverteilung und Nutzungsmuster detailliert zu analysieren – nicht nur für Autos, sondern für alle Mobilitätsformen und Aufenthaltstypen. Darauf aufbauend lassen sich Pilotzonen definieren, in denen neue Technologien, Buchungssysteme und flexible Nutzungen getestet werden. Wichtig ist die frühzeitige und kontinuierliche Einbindung aller Akteure – von Logistikunternehmen über Sharing-Anbieter bis zu Nachbarschaften und Gewerbetreibenden.

Technisch sollten offene Schnittstellen und modulare Systeme bevorzugt werden, um Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern zu vermeiden und spätere Erweiterungen zu erleichtern. Datenschutz, IT-Sicherheit und Transparenz müssen von Anfang an mitgedacht werden. Die Einrichtung von Beiräten oder Gremien für die Governance der digitalen Bordsteinverwaltung kann helfen, gesellschaftliche Kontrolle und Legitimität zu sichern.

Rechtlich und politisch ist eine stärkere Standardisierung und Harmonisierung der Zuständigkeiten geboten. Das Straßenverkehrsrecht sollte so weiterentwickelt werden, dass digitale, flexible Steuerungsmodelle möglich werden – ohne die kommunale Souveränität zu gefährden. Förderprogramme können helfen, die nötige technische und personelle Infrastruktur aufzubauen und Erfahrungen aus erfolgreichen Pilotprojekten zu verbreiten.

Für die Politik gilt: Dynamic Curb Management ist kein technisches Detail, sondern ein Schlüsselthema der nachhaltigen Stadtentwicklung. Es ist eng verknüpft mit Fragen der Klimaanpassung, Flächengerechtigkeit und sozialen Teilhabe. Die Steuerung des Bordsteins darf nicht an kommerzielle Interessen delegiert werden, sondern muss im Sinne des Gemeinwohls gestaltet werden. Nur so wird aus dem digitalen Bordstein ein Instrument für lebenswerte und zukunftsfähige Städte.

Am Ende entscheidet die Haltung: Wer den Bordstein als digitale Ressource begreift, kann neue Wege für urbane Mobilität, Nachhaltigkeit und Teilhabe eröffnen. Wer an starren Regeln festhält, verpasst die Chance, den öffentlichen Raum zeitgemäß und gerecht zu gestalten. Die Zukunft des Bordsteins ist dynamisch – es liegt an den Städten, wie sie diese Dynamik nutzen wollen.

Fazit: Der Bordstein regiert – aber nur, wenn Städte ihn digital demokratisieren

Dynamic Curb Management ist weit mehr als ein technisches Update am Straßenrand. Es ist eine neue Perspektive auf urbane Räume, die den Bordstein als Herzstück eines flexiblen, datenbasierten und partizipativen Stadtmanagements begreift. Die technologischen Möglichkeiten sind beeindruckend, doch sie müssen verantwortungsvoll, transparent und gemeinwohlorientiert genutzt werden. Nur so wird aus dem digitalen Bordstein ein Hebel für nachhaltige, gerechte und lebenswerte Städte. Die Herausforderungen sind groß – von der Technologie über das Recht bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Doch der Gewinn ist ebenso groß: Mehr Platz für Menschen, bessere Mobilität, weniger Emissionen und eine Stadt, die wirklich versteht, was an ihrem Rand passiert. Wer den Bordstein digital regiert, regiert die Stadt von morgen intelligenter, flexibler und menschlicher. Garten und Landschaft wird diesen Wandel weiter kritisch begleiten – und die Debatte um die Zukunft des öffentlichen Raums immer wieder neu entfachen. Denn beim Bordstein, da trennt sich die Spreu vom Weizen der urbanen Innovation.

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Klimaschutz in der Denkmalpflege – Die G+L im August 2024!
Die Einladung zur Vortragsreihe Stadtgrün 3D im DAM

Die Einladung zur Vortragsreihe. Grafik: © L+ Landschaftsarchitektur PartG mbB

Grün in der Stadt ist kein zweidimensionales Thema mehr. Gebäude, Fassaden und Dächer werden vermehrt begrünt. Damit leisten sie wichtige Beiträge zur Anpassung der Städte an den Klimawandel. Über innovative Planungsansätze und Projekte vertikaler Begrünung berichtet die Vortragsreihe Stadtgrün 3D im DAM in Frankfurt.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt widmet sich dem Schnittbereich von Architektur und Grün. In Kooperation mit dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten in Hessen lädt das Frankfurter Museum zu verschiedenen Vorträgen ein. Im Rahmen der Reihe „Internationale Landschaftsarchitektur 2021“ kommen Expert*innen unterschiedlicher Disziplinen zu Wort. Sie berichten über Ansätze, Projekte und Innovationen im Bereich Grün. Dabei richten sie den Blick auf Grün in der dritten Dimension – auf Stadtgrün 3D.

Nasser und trockener zugleich

Das Klima in unseren Städten verändert sich. Mit diesen Worten wird die Vortragsreihe Stadtgrün 3D eingeleitet. Diese Beschreibung ist heute fast überflüssig. Nach einem Sommer mit extremen Hochwassern und verheerenden Folgen für viele Menschen ist der Wandel des Klimas unübersehbar. Das ist leider nicht alles: Das Klima wird auch wärmer und trockener. Es ist also an der Zeit auf allen Ebenen zu reagieren; auch in der dritten Dimension, dem Stadtgrün 3D.

Vortragsreihe Stadtgrün 3D

Die Vortragsreihe Stadtgrün 3D bringt nun verschiedene Blickwinkel ins Deutsche Architekturmuseum nach Frankfurt. An Beispielen und Projekten erläutern Expert*innen unterschiedliche Strategien zum vermehrten Einsatz von Grün in der Vertikalen. Sie alle geben entsprechend Einblick in Projekte international tätiger Landschaftsarchitekt*innen. Sie alle wollen ihre Erfahrungen in einer Welt teilen, die unter den Folgen extremen Klimas leidet.

Grün in der Vertikale

Insbesondere in der dritten Dimension schlummert großes Potenzial für weitere Begrünung unserer Städte. In diesem Aufgabenfeld bedarf es ebenfalls neuer Kooperationen. Denn hier ist nicht nur Fachwissen aus dem Bereich der Vegetation gefragt. Hier gilt es die gesamte Konzeption von Gebäuden zu überdenken. Denn Begrünung in der vertikalen Ebene hat Auswirkungen auf den Entwurf eines Gebäudes, sein Tragwerk, seine Materialien und seine Ausführung. Neben der Anpassung von Entwurf und Architektur bedarf es folglich aber auch des Fachwissens aus der Vegetationskunde. Neugedachte, grüne Gebäude verlangen also eine schöpferisch kreative Leistung, die eng mit technischer Planung verzahnt ist.

Der Beitrag von Landschaftsarchitekt*innen

Im disziplinenübergreifenden Handlungsfeld Stadtgrün 3D liefert darauf die Profession der Landschaftsarchitektur wichtige Beiträge. Ihre Mitglieder verfügen über viel Wissen zu Vegetation. Die Landschaftsarchitek*innen sind aber auch diejenigen, die Grün im Verbund sehen. Sie haben die Freiräume in der ersten und zweiten Ebene im Blick und können dann Verbindungen zur dritten Dimension herstellen. Denn im besten Fall wird jedes begrünte Gebäude Teil eines übergreifenden Grünkonzepts einer Stadt.

Stadtgrün 3D: Die Vortragenden

Die Vortragsreihe Stadtgrün 3D startete im September mit einem Beitrag von Dieter Grau, einem Landschaftsarchitekten von Ramboll Studio Dreiseitl zum Thema: „Die natürliche Stadt — Urbane Atmosphären und Naturperformance“. Im Laufe des Herbstes folgt der Vortrag „Die Zukunft urbaner Landschaften: Dach- und Fassadenbegrünung des Bunkers St. Pauli“ von Felix Holzapfel-Herziger, Freier Landschaftsarchitekt und Mitglied von L+ Landschaftsarchitektur aus Hamburg. Dann folgt ein Vortrag von Prof. Thomas Fenner, Freier Landschaftsarchitekt und Mitglied des studio grüngrau Landschaftsarchitektur in Düsseldorf. Er wird über „grün statt grau — Neues aus der Innenstadt“ referieren. Zum Jahresende berichtet schließlich Felix Münch, Architekt und Immobilienökonom von Groß & Partner in Frankfurt über: „FOUR Frankfurt — Urbanes Quartier der Zukunft“.

Stadtgrün angewandt: Das Projekt ALTMARKTgarten verbindet Büronutzung und gebäudeintegrierte Landwirtschaft. Ein vertikaler Garten ergänzt die beiden Nutzungen. Alles zum Projekt lesen Sie bei uns. 

Außerdem stellt Ihnen die Oktoberausgabe der GARTEN + LANDSCHAFT  die spannendsten Gebäudegrün-Projekte in der Mache vor. 

Zunehmend werden Pflaster und Platten auf Straßen, Wegen und Plätzen im öffentlichen Raum gebunden geplant und verlegt. Grund für diese Bauweise sind eine entsprechend hohe Belastung der Flächen, der Wunsch nach stabilen und maschinell problemlos zu reinigenden Fugen sowie die höhere Stabilität bei Überflutungen. So sind etwa die gesamte Rheinuferpromenade in Koblenz sowie Wege und Plätze in St. Goar am Rhein gebunden verlegt. Die gebundene Bauweise im Außenraum ist eine Sonderbauweise, sie ist durch keine DIN geregelt. Deshalb muss man sie vertraglich mit dem Bauherrn vereinbaren. Außerdem empfiehlt es sich, die Planung des Belagsaufbaus, Wahl und Dicke der gebundenen Tragschicht, des Bettungsmörtels und des Fugenmörtels durch einen Sachverständigen gutachterlich begleiten zu lassen. So lassen sich einerseits Haftungsrisiken und das Risiko eines Ausfalls der Versicherung im Schadensfall reduzieren; andererseits gewährleistet die externe Exepertise den fachgerechten Schichtenaufbau und den sicheren Lastenabtrag. Denn der Abstimmung zwischen Tragschicht, Bettung sowie der Fuge kommt eine besondere Bedeutung zu. Doch auch Gutachter sind verschiedener Meinung. Dies gilt besonders bei der Wahl des Materials der gebundenen und drainfähigen Tragschicht. Die einen verfechten die Drainbetontragschicht, die anderen befürworten die Drainasphalttragschicht.

Drainbetontragschicht mit Vorteilen

Nach unseren Erfahrungen mit beiden Tragschichten spricht die Theorie für die Drainbetontragschicht. Die hohe Sensibilität dieses lockeren Gefüges gegenüber Sonneneinstrahlung, Zugluft und die kurze Zeitspanne, in der sich der Drainbeton verarbeiten lässt, können dieses Material aber zur Herausforderung auf der Baustelle werden lassen. Das Material muss bei entsprechender Witterung abgedeckt werden, es ist empfindlich gegen mechanische Belastung und hat auch unter Zuhilfenahme von Beschleunigern eine Mindestabbindezeit von acht Tagen. Wir haben schon mehrfach erfahren müssen, dass die meisten Firmen noch keine Routine im Einbau des Drainbetons haben – deshalb sollte man den Gutachter auch auf die Baustelle bestellen. Aus unserer Sicht ist es empfehlenswert, die Firmen auch durch den Sachverständigen in die Ausführung der Sonderbauweise nach dessen Vorgaben einzuweisen. Hier liegt der klare Vorteil des Drainasphalts, dessen maschineller Einbau jeder Straßenbauer beherrscht. Zudem ist Drainasphalt weniger sensibel gegenüber der Witterung und er härtet auch wesentlich schneller aus. Das straßenähnliche Erscheinungsbild verleitet aber dazu, dass diese Flächen häufig befahren und verschmutzt werden, was dazu führt, dass die Hohlräume der Draintragschicht schon vor der Fertigstellung verschlossen sind.

Der lückenlose Verbund ist die Stärke der gebundenen Bauweise, aber auch die häufigste Fehlerquelle. Das vollflächige Aufbringen einer Haftschlämme auf die Unterseite jedes Pflastersteins oder der Platte vor dem Versetzen in das Mörtelbett, ist elementar für diese Bauweise; viele Pflasterverleger empfinden dies aber als Strafe. Die Bettungsmörtel selbst sind aber auf Grund ihres geringen Bindemittelanteils und der oftmals sehr trockenen Konsistenz ohne Haftbrücken nicht in der 
Lage, einen ausreichenden Verbund sicherzustellen. Auch ein kräftiges, hammerfestes Versetzen der Steine in den Bettungsmörtel erreicht nicht den erforderlichen Verbund. Nicht nur der Drain-beton, sondern auch die Bettungsmörtel sind in ihren Abbindemechanismen empfindlich. Die gewünschten Eigenschaften wie Druck-, Biegezug- und Haftzugfestigkeit werden nur dann erfüllt, wenn der Mörtel ungestört abbinden kann. Um die Haftzugfestigkeit des Mörtels im Verbund mit dem Stein zu verbessern, haben wir bei dem Projekt in Koblenz neben dem Aufbringen der Haftschlämme zusätzlich noch die etwas glatte Grauwacke an den Seitenflächen gerillt.

Fugenmörtel auf den Stein abstimmen

Nicht nur der Bettungsmörtel muss zum Stein passen, auch der Fugenmörtel muss auf die Festigkeitswerte des Steines abgestimmt sein. Wichtig ist hier der Druckfestigkeitswert. Eine bewährte Bauweise ist es, eine sogenannte weiche Fuge auszubilden: Dabei ist der Fugenmörtel immer „weicher“ als der Stein, da sonst der schwächere Stein bei Spannungen reißen kann. Speziell Betonpflastersteine sind hierbei sensibel zu bewerten. Wichtig 
ist auch, dass alle Fugen vollkommen gefüllt sind, was nur geschieht, wenn die Fugengrößen ausreichend in Abhängigkeit zur Steindicke gewählt sind.

Nicht nur der Schichtenaufbau und die Qualität der Materialien muss abgestimmt und entsprechend der Belastung gewählt werden. Auch die perspektivische Verlegung von Infrastrukturtrassen sollte im Vorfeld ausführlich geplant und abgestimmt werden. Denn ein technisch gelungenes Bauwerk könnte dann das Verlegen einer neuen Leitung ohne Leerrohrtrassen sehr mühevoll werden lassen.

Mario Sommer, Stephan Lenzen: Handbuch gebundene Bauweise. Wissen kompakt für Büro und
Baustelle. 120 Seiten, 100 Abbildungen. Broschur. Callwey Verlag, München 2014. 19,80 Euro

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