Echtzeit-Lichtmanagement für Straßenbeleuchtung

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Lichtergeschmückte Straße in Salzburg, stimmungsvoll eingefangen von Dmitrii E.





Echtzeit-Lichtmanagement für Straßenbeleuchtung: Revolution der urbanen Nacht



Die Straßenlaterne wird zum Sensor, der Gehweg zum smarten Lichtteppich: Echtzeit-Lichtmanagement katapultiert die Straßenbeleuchtung ins digitale Zeitalter und macht aus einer unscheinbaren Infrastruktur das Rückgrat der nachhaltigen, sicheren Stadt. Wie weit sind wir wirklich? Wer profitiert – und wo lauern die Fallstricke?

  • Definition und technische Grundlagen von Echtzeit-Lichtmanagement für Straßenbeleuchtung
  • Die Rolle von Sensorik, IoT und Urban Digital Twins im Lichtsystem der Zukunft
  • Praxisbeispiele: Wie Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits intelligente Lichtsteuerung nutzen
  • Vorteile für Energieeffizienz, Sicherheit, Aufenthaltsqualität und Klimaschutz
  • Herausforderungen: Datenschutz, Interoperabilität, Kosten und Governance
  • Planerische Implikationen und neue Anforderungen für Stadtplanung und Landschaftsarchitektur
  • Chancen für Bürgerbeteiligung und innovative Quartiersentwicklung
  • Kritische Reflexion: Wer kontrolliert die Daten und Algorithmen?
  • Ausblick: Die Zukunft der urbanen Nacht im Zeichen digitaler Lichtintelligenz

Echtzeit-Lichtmanagement: Von der starren Laterne zur lernenden Infrastruktur

Die Straßenbeleuchtung war jahrzehntelang eine unspektakuläre, aber verlässliche Begleiterin urbaner Nacht. Sie flammte pünktlich bei Sonnenuntergang auf, brannte die ganze Nacht – und verschwand morgens wieder im Tageslicht. Planung, Betrieb und Wartung erfolgten nach festen Zeitplänen, oft mit großem energetischem und finanziellem Aufwand. Doch diese Zeiten neigen sich ihrem Ende zu, denn die Digitalisierung der Stadt macht auch vor dem Licht nicht halt. Unter dem Begriff Echtzeit-Lichtmanagement verbirgt sich ein radikaler Wandel: Aus starren, analogen Netzen werden intelligente, vernetzte Systeme, die sich permanent an wechselnde Anforderungen anpassen können.

Im Zentrum dieser Transformation stehen Sensoren, Aktoren, drahtlose Netzwerke und zentrale Steuerungsplattformen. Sie messen kontinuierlich Parameter wie Verkehrsaufkommen, Wetter, Helligkeit, Bewegungen oder sogar Luftqualität. Die Daten werden in Echtzeit ausgewertet, und die Lichtleistung wird dynamisch angepasst: Fußgängerzonen werden heller, wenn Menschen unterwegs sind. Fahrradwege dimmen auf Standby, sobald sie leer sind. Bei Nebel oder Regen steigt die Lichtintensität automatisch, während nachts in ruhigen Wohngebieten Energie gespart wird. Das alles geschieht nicht mehr nach starren Schaltzeiten, sondern bedarfsgerecht – und sekundenschnell.

Technisch betrachtet ist das kein Hexenwerk, sondern ein cleveres Zusammenspiel bewährter und neuer Technologien. LED-Leuchten mit digitaler Steuerung bilden das Rückgrat, ergänzt um Funkmodule (oft auf Basis von LoRaWAN oder ZigBee), die mit einer zentralen Managementplattform kommunizieren. Dort laufen alle Sensordaten zusammen, Algorithmen berechnen optimale Lichtprofile, und Wartungsteams erhalten bei Ausfällen oder Defekten sofort eine Benachrichtigung. Die Folge: Licht wird zu einer Dienstleistung, die sich flexibel an Nutzer, Umwelt und stadtplanerische Ziele anpasst.

Doch die technische Revolution ist nur die halbe Wahrheit. Echtzeit-Lichtmanagement verändert auch das Selbstverständnis von Stadtplanung und öffentlichem Raum. Plötzlich wird Licht nicht mehr nur als Sicherheitsaspekt oder Gestaltungselement betrachtet, sondern als strategischer Hebel für Lebensqualität, Klimaschutz und soziale Teilhabe. Wer heute Straßenbeleuchtung plant, muss Sensorik, Datenarchitektur und digitale Schnittstellen mitdenken – und sich fragen, wie viel Kontrolle und Transparenz das System den Stadtbewohnern bietet.

Die Chancen sind enorm: Städte können Energieverbräuche drastisch senken, Lichtverschmutzung minimieren, nachts für mehr Sicherheit sorgen und neue Spielräume für temporäre Nutzungen oder künstlerische Inszenierungen schaffen. Aber es entstehen auch neue Fragen: Wem gehören die gewonnenen Daten? Wie werden Algorithmen trainiert? Und wie lassen sich technische Standards setzen, die von Hamburg bis Zürich funktionieren? Antworten darauf sind gefragt – und setzen eine enge Zusammenarbeit von Planern, Technikern, Stadtverwaltungen und Bürgern voraus.

Sensorik und IoT: Die unsichtbaren Dirigenten der urbanen Lichtsinfonie

Wer das Potenzial von Echtzeit-Lichtmanagement versteht, muss sich mit dem technologischen Unterbau beschäftigen. Die eigentliche Magie findet im Verborgenen statt: Sensoren registrieren Bewegungen, Kameras erkennen Verkehrsdichte, Mikrofone erfassen ungewöhnliche Geräusche, und Umweltsensoren messen Feuchtigkeit, Temperatur oder Feinstaubbelastung. Diese Daten werden in Sekundenschnelle über drahtlose Netzwerke an zentrale Steuerungsplattformen übermittelt, wo sie von Algorithmen verarbeitet werden. Hier entsteht aus Millionen von Einzelwerten ein präzises, dynamisches Bild der nächtlichen Stadt.

Die Straßenbeleuchtung wird so zu einem urbanen Nervensystem. Besonders relevant ist dabei die Integration ins „Internet of Things“: Jede Laterne, jeder Mast, jeder Sensor wird Teil eines riesigen, vernetzten Ökosystems, das nicht nur Licht steuert, sondern auch Verkehrsdaten liefert, Umweltmonitoring ermöglicht und sogar als Ladepunkt für E-Bikes oder Drohnen dienen kann. Die smarte Leuchte wird zur Plattform, auf der unterschiedlichste Anwendungen aufsetzen können – von der intelligenten Mülltonne bis zum Notrufsystem.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Schnittstelle zu Urban Digital Twins. Digitale Zwillinge urbaner Infrastrukturen bilden nicht nur Straßen, Plätze und Gebäude ab, sondern auch ihre Betriebszustände und Umweltdaten in Echtzeit. Das Lichtmanagement wird dadurch zum integralen Bestandteil der städtischen Prozessarchitektur. Lichtprofile lassen sich simulieren, Auswirkungen neuer Bebauungspläne auf die Lichtbedarfe im Quartier können getestet werden, und bei temporären Veranstaltungen wie Stadtfesten passt sich das Lichtsystem flexibel an die veränderten Anforderungen an.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Interoperabilität. Damit die Systeme wirklich skalierbar und zukunftssicher sind, müssen offene Standards verwendet werden. Proprietäre Insellösungen mögen auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, führen aber langfristig zu Abhängigkeiten und erschweren die Integration neuer Dienste. Offenheit und Modularität sind daher oberste Gebote – und eine Herausforderung für die öffentliche Hand, die Ausschreibungen und Beschaffung neu denken muss.

Schließlich darf die Datensicherheit nicht vernachlässigt werden. Wo Sensoren im öffentlichen Raum Daten erheben, stehen auch Fragen des Datenschutzes und der anonymisierten Verarbeitung im Raum. Transparenz über Erhebung, Nutzung und Löschung der Daten ist essenziell, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Hier können Planer und Kommunen mit gutem Beispiel vorangehen und offene Kommunikationsstrategien entwickeln, die Technik und Gesellschaft zusammenbringen.

Praxisbeispiele: Wie smarte Beleuchtung die Stadtlandschaft neu erfindet

Die Theorie klingt beeindruckend – aber wie sieht es in der Praxis aus? In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben in den letzten Jahren zahlreiche Städte und Gemeinden begonnen, Pilotprojekte für Echtzeit-Lichtmanagement umzusetzen. Ein Blick auf die Pioniere zeigt: Der Weg zur intelligenten Lichtstadt ist steinig, aber machbar – und die Erfolge sprechen für sich.

Hamburg etwa setzt seit 2020 im Rahmen des Projekts „Smart Lighting Hamburg“ auf adaptive LED-Systeme, die Licht bedarfsgerecht steuern. Über 2.000 intelligente Leuchten sind inzwischen im Einsatz, ausgestattet mit Bewegungssensoren und drahtloser Vernetzung. Die Energieeinsparungen liegen laut städtischer Auswertung bei bis zu 70 Prozent gegenüber herkömmlicher Technik – ohne Abstriche bei der Sicherheit. Besonders in Parkanlagen und auf wenig frequentierten Nebenstraßen wurde das Lichtniveau gesenkt, während Hauptverkehrswege weiterhin optimal ausgeleuchtet bleiben.

In Zürich wiederum hat die Stadtverwaltung gemeinsam mit der ETH Zürich ein Echtzeit-Lichtmanagement für den öffentlichen Raum im Quartier Oerlikon installiert. Hier erfassen Sensoren nicht nur Bewegungen, sondern auch Umweltdaten und Lärmpegel. Die Lichtsteuerung reagiert flexibel auf Veranstaltungen, Wetterumschwünge und das saisonale Aufkommen von Passanten. Die Bevölkerung wurde in Workshops und Online-Plattformen eingebunden, um Schwellenwerte und Lichtprofile mitzugestalten. Das Ergebnis: Eine deutlich höhere Akzeptanz und ein messbarer Rückgang von Beschwerden über Lichtverschmutzung.

Wien testet seit 2022 im Rahmen des „Smart City Wien Framework“ ein integriertes Lichtmanagement entlang wichtiger Radwege und in ausgewählten Wohnquartieren. Ziel ist es, den CO₂-Fußabdruck der städtischen Beleuchtung zu minimieren und gleichzeitig die Aufenthaltsqualität zu steigern. Durch die Einbindung in den Wiener Digital Twin können Planer verschiedene Szenarien simulieren und die Auswirkungen neuer Bauvorhaben auf die Lichtbedarfe in Echtzeit prüfen. Die Stadt setzt dabei konsequent auf offene Schnittstellen und fördert Kooperationen mit Start-ups und Forschungseinrichtungen.

Selbst kleinere Städte wie Ulm oder Graz haben erkannt, dass intelligente Lichtsysteme ein Schlüssel zur nachhaltigen Stadtentwicklung sind. Sie nutzen Echtzeit-Lichtmanagement nicht nur zur Energieeinsparung, sondern auch zur Erprobung neuer Mobilitätskonzepte, zur Verbesserung der nächtlichen Wegesicherheit und zur Schaffung von Erlebnisräumen im öffentlichen Raum. Stadtfeste, Märkte oder Pop-up-Boulevards profitieren von temporär anpassbaren Lichtinszenierungen, die das Stadtbild flexibel verändern – und damit auch neue Möglichkeiten für die Gestaltung des öffentlichen Raums eröffnen.

Natürlich gibt es noch Hürden: Viele Kommunen kämpfen mit knappen Budgets, Unsicherheiten bei der Datenintegration und dem Mangel an qualifiziertem Personal für Betrieb und Wartung der Systeme. Dennoch zeigt die Entwicklung deutlich: Die Städte, die den Sprung ins Echtzeit-Lichtmanagement wagen, gewinnen nicht nur an Effizienz und Innovationskraft, sondern profilieren sich auch als attraktive, zukunftsorientierte Lebensräume.

Risiken und Herausforderungen: Zwischen Technikeuphorie und planerischer Verantwortung

So verheißungsvoll die Vision der intelligenten Lichtstadt auch klingt: Sie wirft eine Vielzahl neuer Herausforderungen auf, die weit über technische Details hinausgehen. Einer der zentralen Knackpunkte ist die Governance der Systeme. Wer trifft die Entscheidungen über Algorithmen und Lichtprofile? Wer kontrolliert die Datenflüsse und stellt sicher, dass Bürgerrechte gewahrt bleiben? Die Gefahr, dass private Anbieter oder undurchsichtige Plattformen zu viel Macht über die städtische Infrastruktur erlangen, ist real – und erfordert klare rechtliche, organisatorische und ethische Leitplanken.

Auch der Datenschutz ist ein Minenfeld. Bewegungsdaten im öffentlichen Raum sind hochsensibel, und auch anonymisierte Datensätze bergen Risiken für Rückschlüsse auf individuelle Verhaltensmuster. Kommunen und Planer müssen daher höchste Standards bei Datensparsamkeit, Verschlüsselung und Transparenz einhalten. Die Einbindung von Datenschutzbeauftragten und die regelmäßige Überprüfung der Systeme sind Pflicht, keine Kür.

Interoperabilität ist ein weiteres Schlüsselelement. Viele Städte haben in der Vergangenheit auf Insellösungen gesetzt, die schlecht skalierbar oder kaum mit anderen Systemen kompatibel sind. Wer heute in Echtzeit-Lichtmanagement investiert, muss auf offene Schnittstellen, modulare Architekturen und Standardisierung setzen. Nur so können neue Anwendungen und Dienste integriert werden, ohne die Stadt in technologische Abhängigkeit zu treiben.

Nicht zuletzt ist die Akzeptanz in der Bevölkerung ein entscheidender Faktor. Smarte Lichtsysteme können nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie von den Bürgern akzeptiert, verstanden und mitgestaltet werden. Beteiligungsformate, Erklärangebote und offene Datenplattformen sind daher essenziell, um Vertrauen zu schaffen und Partizipation zu ermöglichen. Die intelligente Stadt darf keine Black Box sein, sondern muss einladend, transparent und erklärbar bleiben.

Last but not least: Die Finanzierung. Intelligente Lichtsysteme erfordern erhebliche Anfangsinvestitionen, deren Amortisation oft erst nach Jahren eintritt. Förderprogramme auf Landes- und Bundesebene, Kooperationen mit Energieversorgern und die konsequente Nutzung von Synergien mit anderen Smart-City-Projekten können helfen, diese Hürde zu überwinden. Doch der Mut, neue Wege zu gehen und in die Zukunft zu investieren, bleibt unverzichtbar – sonst überholen uns die Städte, die schon heute den Wandel gestalten.

Planerische Perspektiven und der Ausblick: Die urbane Nacht wird zum Experimentierfeld

Für Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Urbanisten eröffnet das Echtzeit-Lichtmanagement ungeahnte Chancen – und neue Verantwortlichkeiten. Licht wird zum dynamischen Gestaltungselement, das nicht nur Sicherheit und Orientierung bietet, sondern Aufenthaltsqualität, soziale Interaktion und ökologische Nachhaltigkeit beeinflusst. Die Planung der urbanen Nacht wird damit zur Querschnittsaufgabe, bei der technischer Sachverstand, gestalterische Kreativität und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein Hand in Hand gehen müssen.

Ein zentrales Thema bleibt die Integration ins städtebauliche Gesamtkonzept. Lichtsysteme dürfen nicht losgelöst von Verkehrsplanung, Freiraumgestaltung oder Klimaanpassung betrachtet werden. Im Idealfall werden sie Teil von Digital Twins, die sämtliche Infrastrukturen und Nutzungsprofile in Echtzeit abbilden. So lassen sich Zielkonflikte frühzeitig erkennen, Synergien nutzen und Quartiersentwicklungen proaktiv steuern. Wer Lichtsysteme als strategisches Werkzeug versteht, kann urbane Räume flexibler, sicherer und lebenswerter gestalten – auch und gerade nachts.

Auch für die Bürgerbeteiligung eröffnen sich neue Wege. Wenn Lichtprofile simuliert und virtuell erfahrbar gemacht werden, können Anwohner, Gewerbetreibende und andere Nutzergruppen aktiv an der Gestaltung ihres Quartiers mitwirken. Digitale Beteiligungsplattformen, augmented-reality-gestützte Visualisierungen und offene Datenportale machen die komplexen Zusammenhänge verständlich und fördern einen informierten Dialog zwischen Stadt, Planern und Bevölkerung.

Für die Landschaftsarchitektur bedeutet das Echtzeit-Lichtmanagement einen Paradigmenwechsel. Licht wird nicht länger als statisches Beiwerk betrachtet, sondern als integrativer Bestandteil nachhaltiger Freiraumgestaltung. Die Minimierung von Lichtverschmutzung, die Förderung von Biodiversität und die Schaffung atmosphärischer Erlebnisräume werden zu zentralen Planungszielen. Flexible, kontextsensitiv gesteuerte Lichtinszenierungen können zur Identität eines Quartiers beitragen und neue Narrative für den öffentlichen Raum schaffen.

Schließlich ist klar: Die urbane Nacht wird zum Experimentierfeld für Innovationen. Wer mutig ist und den digitalen Wandel als Chance begreift, kann die eigene Stadt an die Spitze der nachhaltigen, lebenswerten Metropolen katapultieren. Doch der Weg ist anspruchsvoll – und verlangt nach exzellenter Planung, interdisziplinärer Zusammenarbeit und einer gehörigen Portion Pioniergeist.

Fazit: Die smarte Lichtstadt braucht Mut, Strategie und echte Beteiligung

Echtzeit-Lichtmanagement für Straßenbeleuchtung markiert einen epochalen Wandel in der Stadtentwicklung. Aus einer träge vor sich hinleuchtenden Infrastruktur wird ein lernendes, flexibles System, das Sicherheit, Nachhaltigkeit und Lebensqualität neu definiert. Der technische Fortschritt allein reicht jedoch nicht. Entscheidend ist die Integration in ganzheitliche Planungsprozesse, die Offenheit für neue Beteiligungsformate und die Bereitschaft, Verantwortung für Daten, Algorithmen und Governance zu übernehmen.

Für Planer, Kommunen und Landschaftsarchitekten bedeutet das: Wer heute den Schritt wagt, kann morgen eine Stadt gestalten, die intelligent, effizient und lebenswert ist – auch und gerade bei Nacht. Aber nur, wenn die Technik nicht zum Selbstzweck verkommt, sondern als Werkzeug für eine sozial und ökologisch gerechte Stadt verstanden wird. Die urbane Nacht wartet auf ihre Gestalter – und sie wird nicht warten, bis alle bereit sind.


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Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.

Deutschland 2050 Cover © Kiepenheuer & Witsch
Deutschland 2050, Cover: Kiepenheuer & Witsch

Warum nehmen die meisten Menschen den Klimawandel als zeitlich und räumlich weit von ihnen entfernt wahr? Dieses Phänomen lässt sich durch „psychologische Distanz“ erklären. In dem dokumentarischen Buch „Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“ zeigen die deutschen Journalisten Nick Reimer und Toralf Staud, dass der Klimawandel im menschlichen Leben allgegenwärtig ist und unbemerkt alles verändert.

Deutschland 2050 – Die Zeit als Spiegel

In den letzten 30 Jahren hat die Umweltverschmutzung zu erheblichen Veränderungen der Lebensweise geführt. Obwohl Deutschland und die Welt daran arbeiten, die Schadstoffe zu reduzieren, werden die angesammelten Treibhausgase die Lufttemperatur erhöhen. Mit der Zeit als Spiegel nehmen die Autoren die Leser*innen in diesem 374 Seiten umfassenden, bildfreien Buch mit auf eine Reise durch die kommenden 30 Jahre.

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die Durchschnittstemperatur bis 2050 um mindestens zwei Grad Celsius ansteigen. Die Art und Weise, wie die Menschen in Deutschland leben, arbeiten, sich erholen und reisen, wird sich verändern. Die Menschen werden zudem mit neuen Viren kämpfen und zurechtkommen müssen. Naturkatastrophen werden häufiger vorkommen und Flora und Fauna werden gefährdet sein. Auch Städte und Landschaften werden ihr Gesicht verändern. Das Buch zeigt, dass die Reaktionen der Menschen auf historischen Erfahrungen beruhen. Währenddessen stellt der Klimawandel ein völliges Versagen des erworbenen Wissens dar. Daher wird dieser die Zukunft noch mehr gefährden.

Psychologische Perspektive

Das Buch ist keine Science-Fiction, sondern eine Dokumentation über die durch den Klimawandel verursachten Katastrophen der Vergangenheit. Das breite Publikum machte es sofort zu einem Bestseller, denn ein jeder fragt sich, was das Morgen bringen wird. Die Autoren nutzen die Gelegenheit, das Wissen über viele relevante Themen zu popularisieren. Dabei betonen sie auf subtile Weise das Klima als den wichtigsten Einflussfaktor. In ihrem vorherigen Buch, „Wir Klimaretter“ (2007), schlugen die Autoren praktische Maßnahmen vor, um die Hälfte der Kohlenstoffemissionen bis 2020 zu reduzieren. Leider hat die Realität ihre Erwartungen nicht erfüllt. In diesem neuen Buch wählen die Autoren daher einen neuen Ansatz aus einer psychologischen Perspektive, anstatt den Menschen vorzuschreiben, was sie tun sollen.

Inhalt

Durch die Nennung von Zahlen und Fakten machen die Autoren den Menschen den Klimawandel bewusst. Zudem nehmen sie ihnen die Angst, damit die sogenannte „psychologische Distanz“ verringert werden kann. Zahlreiche Aspekte sind für die Zukunft eines Landes relevant: Mensch und Natur, Stadtbild, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Das kategorisierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht es dem*der Leser*in, auf einen Blick die Themen zu finden, die ihn am meisten interessieren. Die negativen Fakten im Buch sind verblüffend. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Temperaturen steigen werden. Neben der physischen Gesundheit und der sozialen Sicherheit sollten auch psychologische Aspekte stärker berücksichtigt werden. Dies soll die Menschen dazu befähigen, sich den Veränderungen und Gefahren zu stellen.

Dieses Buch ist prophetisch und mahnend zugleich. Es wird Fachleuten aus so unterschiedlichen Bereichen wie Architektur, Industrie- und Produktdesign, Unternehmensinvestitionen und politischen Initiativen zweifellos Einblicke in künftige Herausforderungen bieten. Vor allem Landschaftsarchitekt*innen und Stadtplaner*innen sollten sich Gedanken darüber machen, wie Städte der Zukunft angesichts der Entwicklung von Flüssen und Wäldern, der Nutzung neuer Energieressourcen, der Veränderungen im Verkehrswesen und in den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung aussehen sollten.

Der Text entstand in der „wissenschaftlichen Schreibwerkstatt Landschaftsarchitektur“ am TUM-Lehrstuhl Landschaftsarchitektur und Transformation bei Prof. Udo Weilacher. Im Rahmen des Seminars wählen Student*innen Fachliteratur aus und erarbeiten gemeinsam individuelle Buchrezensionen.

Passend zum Thema beschäftigt sich auch Elke Mertens Buch „Die Resisliente Stadt“ mit dem Klimawandel – und damit, welche Rolle dabei die Landschaftsarchitektur spielt.