Abu Dhabi’s Smart Grid Districts – energieadaptive Quartiere als Blaupause

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Städtische Ansicht mit Gebäudereihe bei wolkenverhangenem Himmel, fotografiert von Wolfgang Weiser.

Stromnetze, die mitdenken, Quartiere, die ihren Energiebedarf selbst managen, und ganze Stadtteile, die sich an Klimabelastungen und Verbrauchsspitzen anpassen: Abu Dhabi hat mit seinen Smart Grid Districts einen neuen Maßstab gesetzt. Doch was steckt wirklich hinter diesen energieadaptiven Quartieren? Und was können Planer im deutschsprachigen Raum daraus lernen? Willkommen zu einer elektrisierenden Analyse, bei der Digitalisierung, Nachhaltigkeit und urbane Lebensqualität aufeinandertreffen – und die graue Theorie zur Blaupause für die Praxis wird.

  • Überblick über das Konzept der Smart Grid Districts in Abu Dhabi und deren technologische Basis
  • Analyse der energieadaptiven Quartiersentwicklung: Wie funktionieren selbstregulierende Stadtteile?
  • Einblick in die Vernetzung von Stromnetzen, Gebäudetechnik und erneuerbaren Energien
  • Bewertung der Nachhaltigkeit, Resilienz und Lebensqualität in Abu Dhabis energieadaptiven Quartieren
  • Vergleich mit aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen im deutschsprachigen Raum
  • Relevanz für Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und nachhaltige Stadtentwicklung
  • Chancen und Risiken der Übertragbarkeit: Technische, kulturelle und regulatorische Aspekte
  • Lessons Learned: Warum Abu Dhabis Smart Grid Districts als Blaupause dienen können – und wo Vorsicht geboten ist
  • Fazit: Wie der Weg zu energieadaptiven Quartieren in Deutschland, Österreich und der Schweiz aussehen könnte

Abu Dhabi als Pionier: Das Konzept der Smart Grid Districts

Wer heute an Abu Dhabi denkt, hat vielleicht noch immer Bilder von glitzernden Skylines, opulenten Boulevards und scheinbar grenzenlosen Ressourcen vor Augen. Doch die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ist längst mehr als nur ein Symbol für Öl und Überfluss. Sie ist zugleich ein Testfeld für urbane Innovationen, die weit über die Region hinausstrahlen. Mit den sogenannten Smart Grid Districts hat Abu Dhabi in den letzten Jahren ein zukunftsweisendes Modell geschaffen, das Stadtplanung, Energieversorgung und Digitalisierung auf eine neue Stufe hebt. Diese Quartiere sind nicht bloß mit intelligenter Technik ausgestattet – sie sind Ausdruck eines Paradigmenwechsels im Umgang mit Ressourcen, Klimabelastung und Lebensqualität.

Das Grundprinzip der Smart Grid Districts ist so einfach wie radikal: Anstatt Energie zentral zu produzieren und zu verteilen, setzen diese Stadtteile auf ein feinmaschiges, vernetztes Stromnetz – das sogenannte Smart Grid. Hier sind Gebäude, Infrastrukturen und sogar einzelne Haushalte in ein gemeinsames, digitales Netzwerk eingebunden. Sensoren, Steuerungssoftware und Datenanalysen sorgen dafür, dass Erzeugung, Verbrauch und Speicherung von Energie dynamisch aufeinander abgestimmt werden. Das Ziel: maximale Effizienz, minimale Verluste und eine neue Qualität der Versorgungssicherheit.

Eine der spektakulärsten Umsetzungen findet sich im neuen Stadtteil Masdar City. Ursprünglich als CO₂-neutrale Wissenschaftsstadt geplant, hat Masdar City das Konzept der energieadaptiven Quartiere perfektioniert. Hier werden Solardächer, Batteriespeicher, automatisierte Gebäudetechnik und sogar Elektromobilität zu einem flächendeckenden Energiesystem verwoben. Die Steuerung erfolgt nicht mehr nach starren Vorgaben, sondern auf Basis von Echtzeitdaten und vorausschauenden Algorithmen. Damit wird jede Kilowattstunde zur Ressource, die optimal genutzt oder gespeichert werden kann.

Eine weitere Besonderheit: Die Smart Grid Districts in Abu Dhabi sind nicht auf einzelne Leuchtturmprojekte beschränkt. Vielmehr werden ganze Stadtteile als „lebende Labore“ betrachtet, in denen Innovationen getestet, skaliert und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Das betrifft nicht nur die Technik, sondern auch die Einbindung von Bewohnern, Unternehmen und Stadtverwaltung. Die Quartiere werden so zu flexiblen Strukturen, die sich an veränderte Rahmenbedingungen, Verbrauchsspitzen oder Klimabelastungen adaptieren können.

Der Clou an der Sache ist die Kombination aus zentraler Steuerung und lokaler Autonomie. Während das übergeordnete Smart Grid die Grundversorgung und Stabilität sichert, können einzelne Gebäude oder Mikroquartiere ihre Energieflüsse eigenständig optimieren. Das eröffnet neue Wege für die Integration erneuerbarer Energien, die Nutzung von Speichern und die Flexibilisierung des Stromverbrauchs. Kurz gesagt: In Abu Dhabi wird die Energieversorgung zum Teil der urbanen DNA – und das Quartier zum intelligenten Organismus.

Wie funktioniert ein energieadaptives Quartier? Technologie, Steuerung und Alltag

Ein energieadaptives Quartier klingt auf den ersten Blick wie ein Science-Fiction-Szenario – doch in Abu Dhabi ist es längst Realität. Aber wie funktioniert das Ganze technisch und organisatorisch? Herzstück ist das digitale Stromnetz, das weit mehr kann als klassische Verteilernetze. Es sammelt kontinuierlich Daten von Solaranlagen, Batteriespeichern, Elektrofahrzeugen, Haushaltsgeräten und Klimaanlagen. Diese Daten werden in Echtzeit analysiert, sodass das System den Energiebedarf antizipieren und steuern kann.

Ein gutes Beispiel ist das Zusammenspiel zwischen Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, produzieren die Solarmodule oft mehr Strom, als die Gebäude verbrauchen. Anstatt diese Überschüsse ins Netz einzuspeisen (was in vielen Ländern ohnehin begrenzt ist), werden sie lokal gespeichert. Sobald der Verbrauch steigt – etwa am Abend oder während Hitzewellen, wenn Klimaanlagen auf Hochtouren laufen – geben die Speicher die Energie wieder ab. Das reduziert Lastspitzen, entlastet das Netz und spart Kosten.

Doch damit nicht genug: Das Smart Grid lernt mit. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen erkennt das System Muster im Verbrauchsverhalten, in der Wetterentwicklung oder in der Netzauslastung. Es kann beispielsweise voraussagen, wann besonders viel Strom benötigt wird, und entsprechende Kapazitäten vorhalten. Gleichzeitig werden Gebäudetechnik und Haushaltsgeräte in das System eingebunden. Intelligente Thermostate, automatisierte Verschattung oder zeitgesteuerte Ladevorgänge bei Elektroautos sorgen dafür, dass Energie möglichst dann verbraucht wird, wenn sie günstig und nachhaltig zur Verfügung steht.

Ein wichtiger Baustein ist dabei die sogenannte Demand Side Management-Technologie. Sie erlaubt es, den Energieverbrauch flexibel an Angebot und Nachfrage anzupassen. Wenn beispielsweise eine Wolkenfront aufzieht und die Solarproduktion einbricht, können nicht dringend benötigte Verbraucher kurzfristig heruntergeregelt werden. Umgekehrt können Elektroautos gezielt geladen werden, wenn ein Überschuss an Solarstrom vorhanden ist. Das alles geschieht im Hintergrund – die Bewohner merken davon nur, dass ihre Stromrechnung sinkt und die Versorgung stabil bleibt.

Auch die Stadtverwaltung spielt eine zentrale Rolle. Sie definiert Rahmenbedingungen, koordiniert die Infrastruktur und sorgt für den Datenaustausch zwischen den beteiligten Akteuren. In Abu Dhabi werden diese Aufgaben von spezialisierten Stadtwerken und Innovationsagenturen übernommen, die eng mit Immobilienentwicklern, Technologieanbietern und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Das Ergebnis ist ein Quartier, das auf Knopfdruck auf neue Herausforderungen reagieren kann – sei es eine Hitzewelle, ein Stromausfall oder die Integration neuer Technologien.

Nachhaltigkeit, Lebensqualität und Resilienz: Die Wirkung der Smart Grid Districts

Die Einführung energieadaptiver Quartiere in Abu Dhabi ist kein Selbstzweck, sondern verfolgt klare stadtplanerische und gesellschaftliche Ziele. Im Zentrum steht der Anspruch, nachhaltige und resiliente Lebensräume zu schaffen, die auch in Zeiten von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Urbanisierung zukunftsfähig bleiben. Aber wie schlägt sich das im Alltag nieder – und was können Planer in Mitteleuropa daraus lernen?

Ein zentraler Effekt ist die drastische Reduktion des Energieverbrauchs und der CO₂-Emissionen. Durch die intelligente Vernetzung von Erzeugung, Verbrauch und Speicherung wird der Anteil erneuerbarer Energien maximiert, während fossile Spitzenlasten minimiert werden. Das Smart Grid sorgt dafür, dass keine Kilowattstunde verloren geht und dass Energie möglichst lokal verbraucht wird. In Masdar City etwa sind die CO₂-Emissionen pro Kopf heute schon um ein Vielfaches niedriger als in vergleichbaren Stadtteilen ohne Smart Grid – trotz extremer klimatischer Bedingungen.

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Steigerung der Versorgungssicherheit und Resilienz. Energieadaptive Quartiere sind in der Lage, sich selbst zu versorgen, wenn zentrale Netze ausfallen oder überlastet sind. Dank dezentraler Speicher und flexibler Steuerung können sie Lastspitzen abfedern, Engpässe ausgleichen und sogar als „Inseln“ im Netz operieren. Das macht sie besonders widerstandsfähig gegenüber Störungen, Naturkatastrophen oder Angriffen auf die Infrastruktur – ein Thema, das auch für europäische Städte immer wichtiger wird.

Auch die Lebensqualität profitiert. Durch die Integration von Gebäudetechnik, Mobilität und Energieversorgung entstehen Quartiere mit angenehmem Mikroklima, sauberer Luft und hoher Aufenthaltsqualität. Intelligente Steuerungssysteme reduzieren Lärm, Hitzeinseln und Umweltbelastungen. Gleichzeitig eröffnen digitale Plattformen neue Möglichkeiten für Bürgerbeteiligung und Transparenz: Bewohner können ihren Energieverbrauch verfolgen, aktiv steuern und sich an Quartiersprojekten beteiligen.

Schließlich sind die Smart Grid Districts auch ein Motor für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung. Sie schaffen neue Märkte für Technologien, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle – von der dezentralen Energieversorgung bis hin zur Quartiers-App. Stadtplaner und Landschaftsarchitekten erhalten Werkzeuge, um Quartiere dynamisch zu gestalten, Szenarien zu simulieren und nachhaltige Lösungen zu testen. Abu Dhabi zeigt damit, wie eine konsequent digitalisierte Stadtentwicklung zur Blaupause für die Städte von morgen werden kann.

Übertragbarkeit und Herausforderungen: Was kann der deutschsprachige Raum lernen?

Die Smart Grid Districts in Abu Dhabi sind beeindruckend, aber sind sie wirklich übertragbar auf Deutschland, Österreich oder die Schweiz? Die Antwort ist komplex – und sie offenbart sowohl Chancen als auch Stolpersteine. Einerseits bietet das Modell eine Fülle von Inspirationen für die Entwicklung nachhaltiger, resilienter und lebenswerter Quartiere. Andererseits gibt es technische, regulatorische und kulturelle Unterschiede, die einen direkten „Copy-Paste“-Ansatz erschweren.

Technisch gesehen verfügen viele Städte im deutschsprachigen Raum bereits über leistungsfähige Stromnetze, fortschrittliche Gebäudetechnik und einen hohen Anteil erneuerbarer Energien. Die Herausforderung liegt jedoch in der Integration: Oft sind Netze, Gebäude und Nutzer noch zu wenig vernetzt, Datensilos verhindern ganzheitliche Steuerung, und die regulatorischen Rahmenbedingungen sind nicht auf dynamische, adaptive Systeme ausgelegt. Hier könnten die Erfahrungen aus Abu Dhabi wertvolle Impulse liefern – etwa durch die Einführung offener Datenplattformen, standardisierter Schnittstellen und smarter Steuerungssysteme.

Ein zweiter Punkt ist die Governance. Während in Abu Dhabi zentrale Akteure viele Entscheidungen treffen und Innovationen schnell skalieren können, herrscht in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine kleinteilige, föderale Struktur. Das hat Vorteile für die Beteiligung und Kontrolle, erschwert aber oft die Umsetzung großflächiger Innovationen. Erfolgreiche Pilotprojekte wie die Smart Grids in Hamburg, München oder Wien zeigen jedoch, dass Fortschritte möglich sind – sofern Kommunen, Stadtwerke, Unternehmen und Bürger an einem Strang ziehen.

Kulturell und sozial gibt es ebenfalls Unterschiede. Die Akzeptanz digitaler Steuerungssysteme, die Bereitschaft zur Datennutzung und die Offenheit für neue Geschäftsmodelle sind in Mitteleuropa noch ausbaufähig. Hier braucht es Aufklärung, Beteiligung und transparente Prozesse, um Vertrauen zu schaffen und die Vorteile energieadaptiver Quartiere sichtbar zu machen. Abu Dhabi zeigt, dass technologische Lösungen nur dann funktionieren, wenn sie in ein ganzheitliches Stadtentwicklungskonzept eingebettet sind – ein Prinzip, das auch für den deutschsprachigen Raum gilt.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Während in Abu Dhabi großzügige Investitionen aus der öffentlichen Hand und von Großinvestoren fließen, müssen Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz oft mit knapperen Budgets und komplexeren Förderbedingungen arbeiten. Hier wären neue Finanzierungsmodelle, Partnerschaften und Anreize gefragt – von Contracting-Lösungen bis hin zu öffentlich-privaten Kooperationen. Die gute Nachricht: Die technologische Basis ist vorhanden, die Nachfrage nach nachhaltigen Stadtquartieren wächst – was fehlt, ist der Mut, die Dinge konsequent anders zu denken.

Fazit: Energieadaptive Quartiere als Zukunft der Stadtentwicklung

Was bleibt nach der elektrisierenden Reise durch Abu Dhabis Smart Grid Districts? Vor allem die Erkenntnis, dass energieadaptive Quartiere weit mehr sind als ein technisches Gimmick oder ein grünes Feigenblatt. Sie sind ein Versprechen auf eine Stadt, die mitdenkt, sich anpasst und Ressourcen intelligent nutzt. Abu Dhabi hat vorgemacht, wie sich Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Lebensqualität zu einem neuen urbanen Ideal verbinden lassen – und wie Quartiere zu flexiblen, resilienten und lebenswerten Räumen werden können.

Für Planer, Stadtentwickler und Landschaftsarchitekten in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet dieses Modell eine wertvolle Blaupause – aber auch eine Mahnung. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, die Notwendigkeit ist unbestritten. Was es jetzt braucht, sind Mut, Kooperation und die Bereitschaft, Stadtentwicklung als dynamischen, datenbasierten Prozess zu begreifen. Die Zukunft gehört den Quartieren, die nicht nur gebaut, sondern auch programmiert, gesteuert und kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Abu Dhabis Smart Grid Districts zeigen, wie Transformation gelingen kann – mit offenen Daten, vernetzten Infrastrukturen und einer neuen Kultur der Zusammenarbeit. Wer jetzt in die richtige Richtung plant, kann das urbane Energiesystem der Zukunft mitgestalten. Wer zögert, bleibt im Schatten von gestern. Die Blaupause liegt bereit – es liegt an uns, sie mit Leben zu füllen.

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Die Einladung zur Vortragsreihe Stadtgrün 3D im DAM

Die Einladung zur Vortragsreihe. Grafik: © L+ Landschaftsarchitektur PartG mbB

Grün in der Stadt ist kein zweidimensionales Thema mehr. Gebäude, Fassaden und Dächer werden vermehrt begrünt. Damit leisten sie wichtige Beiträge zur Anpassung der Städte an den Klimawandel. Über innovative Planungsansätze und Projekte vertikaler Begrünung berichtet die Vortragsreihe Stadtgrün 3D im DAM in Frankfurt.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt widmet sich dem Schnittbereich von Architektur und Grün. In Kooperation mit dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten in Hessen lädt das Frankfurter Museum zu verschiedenen Vorträgen ein. Im Rahmen der Reihe „Internationale Landschaftsarchitektur 2021“ kommen Expert*innen unterschiedlicher Disziplinen zu Wort. Sie berichten über Ansätze, Projekte und Innovationen im Bereich Grün. Dabei richten sie den Blick auf Grün in der dritten Dimension – auf Stadtgrün 3D.

Nasser und trockener zugleich

Das Klima in unseren Städten verändert sich. Mit diesen Worten wird die Vortragsreihe Stadtgrün 3D eingeleitet. Diese Beschreibung ist heute fast überflüssig. Nach einem Sommer mit extremen Hochwassern und verheerenden Folgen für viele Menschen ist der Wandel des Klimas unübersehbar. Das ist leider nicht alles: Das Klima wird auch wärmer und trockener. Es ist also an der Zeit auf allen Ebenen zu reagieren; auch in der dritten Dimension, dem Stadtgrün 3D.

Vortragsreihe Stadtgrün 3D

Die Vortragsreihe Stadtgrün 3D bringt nun verschiedene Blickwinkel ins Deutsche Architekturmuseum nach Frankfurt. An Beispielen und Projekten erläutern Expert*innen unterschiedliche Strategien zum vermehrten Einsatz von Grün in der Vertikalen. Sie alle geben entsprechend Einblick in Projekte international tätiger Landschaftsarchitekt*innen. Sie alle wollen ihre Erfahrungen in einer Welt teilen, die unter den Folgen extremen Klimas leidet.

Grün in der Vertikale

Insbesondere in der dritten Dimension schlummert großes Potenzial für weitere Begrünung unserer Städte. In diesem Aufgabenfeld bedarf es ebenfalls neuer Kooperationen. Denn hier ist nicht nur Fachwissen aus dem Bereich der Vegetation gefragt. Hier gilt es die gesamte Konzeption von Gebäuden zu überdenken. Denn Begrünung in der vertikalen Ebene hat Auswirkungen auf den Entwurf eines Gebäudes, sein Tragwerk, seine Materialien und seine Ausführung. Neben der Anpassung von Entwurf und Architektur bedarf es folglich aber auch des Fachwissens aus der Vegetationskunde. Neugedachte, grüne Gebäude verlangen also eine schöpferisch kreative Leistung, die eng mit technischer Planung verzahnt ist.

Der Beitrag von Landschaftsarchitekt*innen

Im disziplinenübergreifenden Handlungsfeld Stadtgrün 3D liefert darauf die Profession der Landschaftsarchitektur wichtige Beiträge. Ihre Mitglieder verfügen über viel Wissen zu Vegetation. Die Landschaftsarchitek*innen sind aber auch diejenigen, die Grün im Verbund sehen. Sie haben die Freiräume in der ersten und zweiten Ebene im Blick und können dann Verbindungen zur dritten Dimension herstellen. Denn im besten Fall wird jedes begrünte Gebäude Teil eines übergreifenden Grünkonzepts einer Stadt.

Stadtgrün 3D: Die Vortragenden

Die Vortragsreihe Stadtgrün 3D startete im September mit einem Beitrag von Dieter Grau, einem Landschaftsarchitekten von Ramboll Studio Dreiseitl zum Thema: „Die natürliche Stadt — Urbane Atmosphären und Naturperformance“. Im Laufe des Herbstes folgt der Vortrag „Die Zukunft urbaner Landschaften: Dach- und Fassadenbegrünung des Bunkers St. Pauli“ von Felix Holzapfel-Herziger, Freier Landschaftsarchitekt und Mitglied von L+ Landschaftsarchitektur aus Hamburg. Dann folgt ein Vortrag von Prof. Thomas Fenner, Freier Landschaftsarchitekt und Mitglied des studio grüngrau Landschaftsarchitektur in Düsseldorf. Er wird über „grün statt grau — Neues aus der Innenstadt“ referieren. Zum Jahresende berichtet schließlich Felix Münch, Architekt und Immobilienökonom von Groß & Partner in Frankfurt über: „FOUR Frankfurt — Urbanes Quartier der Zukunft“.

Stadtgrün angewandt: Das Projekt ALTMARKTgarten verbindet Büronutzung und gebäudeintegrierte Landwirtschaft. Ein vertikaler Garten ergänzt die beiden Nutzungen. Alles zum Projekt lesen Sie bei uns. 

Außerdem stellt Ihnen die Oktoberausgabe der GARTEN + LANDSCHAFT  die spannendsten Gebäudegrün-Projekte in der Mache vor. 

Zunehmend werden Pflaster und Platten auf Straßen, Wegen und Plätzen im öffentlichen Raum gebunden geplant und verlegt. Grund für diese Bauweise sind eine entsprechend hohe Belastung der Flächen, der Wunsch nach stabilen und maschinell problemlos zu reinigenden Fugen sowie die höhere Stabilität bei Überflutungen. So sind etwa die gesamte Rheinuferpromenade in Koblenz sowie Wege und Plätze in St. Goar am Rhein gebunden verlegt. Die gebundene Bauweise im Außenraum ist eine Sonderbauweise, sie ist durch keine DIN geregelt. Deshalb muss man sie vertraglich mit dem Bauherrn vereinbaren. Außerdem empfiehlt es sich, die Planung des Belagsaufbaus, Wahl und Dicke der gebundenen Tragschicht, des Bettungsmörtels und des Fugenmörtels durch einen Sachverständigen gutachterlich begleiten zu lassen. So lassen sich einerseits Haftungsrisiken und das Risiko eines Ausfalls der Versicherung im Schadensfall reduzieren; andererseits gewährleistet die externe Exepertise den fachgerechten Schichtenaufbau und den sicheren Lastenabtrag. Denn der Abstimmung zwischen Tragschicht, Bettung sowie der Fuge kommt eine besondere Bedeutung zu. Doch auch Gutachter sind verschiedener Meinung. Dies gilt besonders bei der Wahl des Materials der gebundenen und drainfähigen Tragschicht. Die einen verfechten die Drainbetontragschicht, die anderen befürworten die Drainasphalttragschicht.

Drainbetontragschicht mit Vorteilen

Nach unseren Erfahrungen mit beiden Tragschichten spricht die Theorie für die Drainbetontragschicht. Die hohe Sensibilität dieses lockeren Gefüges gegenüber Sonneneinstrahlung, Zugluft und die kurze Zeitspanne, in der sich der Drainbeton verarbeiten lässt, können dieses Material aber zur Herausforderung auf der Baustelle werden lassen. Das Material muss bei entsprechender Witterung abgedeckt werden, es ist empfindlich gegen mechanische Belastung und hat auch unter Zuhilfenahme von Beschleunigern eine Mindestabbindezeit von acht Tagen. Wir haben schon mehrfach erfahren müssen, dass die meisten Firmen noch keine Routine im Einbau des Drainbetons haben – deshalb sollte man den Gutachter auch auf die Baustelle bestellen. Aus unserer Sicht ist es empfehlenswert, die Firmen auch durch den Sachverständigen in die Ausführung der Sonderbauweise nach dessen Vorgaben einzuweisen. Hier liegt der klare Vorteil des Drainasphalts, dessen maschineller Einbau jeder Straßenbauer beherrscht. Zudem ist Drainasphalt weniger sensibel gegenüber der Witterung und er härtet auch wesentlich schneller aus. Das straßenähnliche Erscheinungsbild verleitet aber dazu, dass diese Flächen häufig befahren und verschmutzt werden, was dazu führt, dass die Hohlräume der Draintragschicht schon vor der Fertigstellung verschlossen sind.

Der lückenlose Verbund ist die Stärke der gebundenen Bauweise, aber auch die häufigste Fehlerquelle. Das vollflächige Aufbringen einer Haftschlämme auf die Unterseite jedes Pflastersteins oder der Platte vor dem Versetzen in das Mörtelbett, ist elementar für diese Bauweise; viele Pflasterverleger empfinden dies aber als Strafe. Die Bettungsmörtel selbst sind aber auf Grund ihres geringen Bindemittelanteils und der oftmals sehr trockenen Konsistenz ohne Haftbrücken nicht in der 
Lage, einen ausreichenden Verbund sicherzustellen. Auch ein kräftiges, hammerfestes Versetzen der Steine in den Bettungsmörtel erreicht nicht den erforderlichen Verbund. Nicht nur der Drain-beton, sondern auch die Bettungsmörtel sind in ihren Abbindemechanismen empfindlich. Die gewünschten Eigenschaften wie Druck-, Biegezug- und Haftzugfestigkeit werden nur dann erfüllt, wenn der Mörtel ungestört abbinden kann. Um die Haftzugfestigkeit des Mörtels im Verbund mit dem Stein zu verbessern, haben wir bei dem Projekt in Koblenz neben dem Aufbringen der Haftschlämme zusätzlich noch die etwas glatte Grauwacke an den Seitenflächen gerillt.

Fugenmörtel auf den Stein abstimmen

Nicht nur der Bettungsmörtel muss zum Stein passen, auch der Fugenmörtel muss auf die Festigkeitswerte des Steines abgestimmt sein. Wichtig ist hier der Druckfestigkeitswert. Eine bewährte Bauweise ist es, eine sogenannte weiche Fuge auszubilden: Dabei ist der Fugenmörtel immer „weicher“ als der Stein, da sonst der schwächere Stein bei Spannungen reißen kann. Speziell Betonpflastersteine sind hierbei sensibel zu bewerten. Wichtig 
ist auch, dass alle Fugen vollkommen gefüllt sind, was nur geschieht, wenn die Fugengrößen ausreichend in Abhängigkeit zur Steindicke gewählt sind.

Nicht nur der Schichtenaufbau und die Qualität der Materialien muss abgestimmt und entsprechend der Belastung gewählt werden. Auch die perspektivische Verlegung von Infrastrukturtrassen sollte im Vorfeld ausführlich geplant und abgestimmt werden. Denn ein technisch gelungenes Bauwerk könnte dann das Verlegen einer neuen Leitung ohne Leerrohrtrassen sehr mühevoll werden lassen.

Mario Sommer, Stephan Lenzen: Handbuch gebundene Bauweise. Wissen kompakt für Büro und
Baustelle. 120 Seiten, 100 Abbildungen. Broschur. Callwey Verlag, München 2014. 19,80 Euro

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