Straßenraum fair verteilen – Planungslogik für multimodale Städte

eine-gruppe-von-menschen-die-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlang-gehen-6Ooq3GMvYIc
Urbane Straßenszene mit Fußgängern und Hochhäusern in Deutschland, fotografiert von Marek Lumi

Gerechte Straßenräume sind das Rückgrat lebendiger, nachhaltiger Städte. Doch wie teilt man Asphalt, Pflaster und Grünflächen eigentlich so auf, dass niemand zu kurz kommt – weder Fußgänger noch Radfahrer, weder Lieferverkehr noch Stadtbäume? Wer multimodale Mobilität und soziale Teilhabe fördern will, muss alte Planungslogiken hinterfragen. Zeit für einen Blick auf eine der spannendsten urbanen Baustellen: die faire Verteilung des Straßenraums.

  • Warum Straßenraumverteilung das Herzstück zukunftsfähiger Stadtentwicklung ist
  • Wie herkömmliche Planungslogiken an ihre Grenzen stoßen und neue Ansätze entstehen
  • Bedeutung multimodaler Städte für Mobilität, Klima und soziale Gerechtigkeit
  • Instrumente, Methoden und Governance-Strukturen für faire Straßenraumaufteilung
  • Best-Practice-Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum und international
  • Rolle digitaler Werkzeuge und Daten für partizipative und evidenzbasierte Planung
  • Herausforderungen: Interessenkonflikte, politische Rahmenbedingungen, Umsetzungsdefizite
  • Perspektiven für Planer, Kommunen und Landschaftsarchitekten

Warum Straßenraumverteilung mehr ist als Verkehrsplanung

Wer heute durch deutsche Innenstädte schlendert, stößt schnell auf ein scheinbar banales, aber hochpolitisches Thema: Den Straßenraum und seine Aufteilung. Jahrzehntelang lautete das Credo: Maximale Durchlässigkeit für den Autoverkehr, schnelle Wege für Lieferdienste, Parkflächen bis vor die Ladentür. Doch die Zeiten, in denen Verkehrsträger nach dem Prinzip „Wer am lautesten hupt, bekommt die meiste Fläche“ bedient wurden, sind vorbei. Die Klimakrise, der Flächenverbrauch, Lärm und Luftverschmutzung, aber auch der Wunsch nach lebenswerten Quartieren und urbaner Aufenthaltsqualität zwingen Städte und Planer zum Umdenken.

Der Straßenraum ist heute das Spielfeld zahlreicher Mobilitätsmodi: Fußgänger, Radfahrer, Roller, Busse, Bahnen, Lieferdienste, PKW, Rettungsfahrzeuge – alle konkurrieren um denselben, oft viel zu engen Raum. Hinzu kommen neue Anforderungen: Begrünung, Versickerung, Außengastronomie, Spielbereiche, barrierefreie Zugänglichkeit. Die Straße ist längst kein Transitraum mehr, sondern multifunktionaler Lebensraum. Genau hier beginnt die Herausforderung der fairen Verteilung: Welche Flächen stehen wem zu? Und wer entscheidet das eigentlich?

Die klassische Verkehrsplanung, die Flächen nach dem Prinzip von Fluss, Geschwindigkeit und Kapazität zuteilt, greift hier zu kurz. Sie blendet soziale und ökologische Ziele ebenso aus wie Fragen der Teilhabe und Gerechtigkeit. Straßenraumverteilung ist deshalb zu einer Querschnittsaufgabe geworden, die Stadtentwicklung, Landschaftsarchitektur, Mobilitätsmanagement, Sozialplanung und Klimaanpassung zwingend zusammenführt. Das verlangt nach neuen Planungslogiken, in denen nicht das Auto, sondern der Mensch und das Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen.

Wer Straßenraum heute neu denkt, muss sich von der Idee verabschieden, dass Flächen neutral und wertfrei sind. Im Gegenteil: Jede Entscheidung über die Breite eines Gehwegs, die Gestaltung einer Kreuzung oder die Anordnung von Parkplätzen ist Ausdruck politischer Prioritäten. Sie beeinflusst, wer sich wie und wo in der Stadt bewegen kann – und damit auch, wer teilhaben darf. Die Verteilung des Straßenraums ist im Kern eine Frage der urbanen Gerechtigkeit. Für Planer bedeutet das: Die Gestaltung und Umverteilung von Flächen wird zu einer Stellschraube für Integration, Klimaschutz und soziale Balance.

In der Praxis ist das leichter gesagt als getan. Bestehende Straßenquerschnitte, gewachsene Infrastrukturen, unterschiedliche Interessen und politische Widerstände machen die Transformation oft zäh. Doch der Druck wächst. Nicht zuletzt, weil Bürgerinitiativen, Umweltverbände und immer mehr Kommunen fordern, dass der öffentliche Raum endlich allen gehört – und nicht nur den schnellsten oder lautesten Verkehrsteilnehmern. Die Diskussion ist eröffnet, und sie ist längst auf dem Weg vom Nischenthema zum zentralen Handlungsfeld der Stadtentwicklung.

Die zentrale Frage bleibt: Wie gelingt es, Straßenraum so zu verteilen, dass urbane Vielfalt, nachhaltige Mobilität und Lebensqualität Hand in Hand gehen? Hier hilft ein Blick auf neue Planungslogiken und innovative Instrumente, die den Weg zu multimodalen Städten ebnen.

Neue Planungslogik: Vom monofunktionalen Verkehrsraum zur multimodalen Stadt

Die klassische Planung orientierte sich jahrzehntelang am Leitbild der autogerechten Stadt. Breite Fahrbahnen, getrennte Spuren, großzügige Parkflächen waren das Maß aller Dinge. Wer heute multimodale Städte fördern will, muss dieses Paradigma radikal hinterfragen. Die neue Planungslogik verlangt, Mobilität als System zu denken – und Straßenräume als flexible, soziale und ökologische Ressource zu verstehen. Das beginnt bei der Analyse der aktuellen Flächenaufteilung: Wie viel Raum beanspruchen Autos im Vergleich zu Radfahrern oder Fußgängern? Welche Flächen sind tatsächlich genutzt, welche werden nur bereitgehalten?

Multimodalität bedeutet, verschiedene Verkehrsträger gleichberechtigt zu behandeln und ein nahtloses Umsteigen zu ermöglichen. Das verlangt nach Straßenquerschnitten, die nicht nur funktional, sondern auch adaptiv sind. Flexible Flächen, temporäre Umnutzungen, Shared Spaces und Pop-up-Infrastrukturen werden zu zentralen Werkzeugen. Statt starrer Verkehrsführung entstehen Räume, die je nach Tageszeit, Wetter oder Veranstaltung unterschiedlich genutzt werden können. Das setzt eine hohe Bereitschaft zur Veränderung und eine neue Governance-Struktur voraus, in der Planer, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft auf Augenhöhe agieren.

Ein wichtiger technischer Hebel ist die Integration von Daten und digitalen Werkzeugen, mit denen Verkehrsflüsse, Nutzungsintensitäten und Aufenthaltsqualitäten gemessen und visualisiert werden können. Sensorik, mobile Datenerhebung und Urban Digital Twins ermöglichen es, die Wirkung unterschiedlicher Flächenaufteilungen in Echtzeit zu simulieren. Das erleichtert evidenzbasierte Entscheidungen und macht die Auswirkungen von Umverteilungen transparent. Gleichzeitig fordert es Planer heraus, klassische Routinen und Bauchgefühle zu hinterfragen und Planung als offenen, iterativen Prozess zu begreifen.

Internationale Beispiele zeigen, wie vielfältig diese neue Planungslogik sein kann. In Kopenhagen etwa wurde das Radwegenetz systematisch ausgebaut und mit attraktiven Aufenthaltsflächen kombiniert. In Paris werden Straßen regelmäßig für den Autoverkehr gesperrt und als temporäre Parks oder Märkte genutzt. Auch deutsche Städte experimentieren: In Berlin entstehen Kiezblocks und Fahrradstraßen, in Hamburg werden Parkplätze in grüne Oasen verwandelt. Diese Ansätze sind keine Modeerscheinung, sondern Ausdruck eines Paradigmenwechsels – hin zu einer Stadt, in der Mobilität, Klima und sozialer Zusammenhalt zusammengedacht werden.

Die große Herausforderung bleibt die Umsetzbarkeit im Bestand. Eng gefasste Straßenräume, Denkmalschutz, Eigentumsfragen und politische Aushandlungsprozesse machen die Transformation oft mühsam. Doch gerade hier zeigt sich die Qualität innovativer Planung: Wer es schafft, bestehende Strukturen intelligent zu adaptieren und dabei alle Akteure mitzunehmen, legt den Grundstein für eine wirklich faire und zukunftsfähige Straßenraumverteilung.

Am Ende steht die Erkenntnis: Die multimodale Stadt ist kein fertiges Produkt, sondern ein dynamischer Prozess. Erfolgreiche Straßenraumverteilung ist deshalb weniger eine Frage der perfekten Planung als vielmehr des kontinuierlichen Lernens, Anpassens und Aushandelns. Genau hier liegt die Zukunft urbaner Mobilität und Lebensqualität.

Instrumente, Methoden und Governance: Der Werkzeugkasten für gerechte Straßenräume

Wer Straßenraum fair verteilen will, braucht mehr als gute Absichten. Gefragt sind robuste Instrumente, innovative Methoden und eine Governance-Struktur, die Konflikte moderieren und Lösungen ermöglichen kann. Im Zentrum steht das sogenannte Straßenraum-Assessment: eine systematische Analyse bestehender Flächen, Nutzungen und Bedarfe. Dabei werden nicht nur Verkehrsströme, sondern auch soziale, ökologische und ökonomische Kriterien bewertet. Flächengerechtigkeit ist messbar – etwa durch Indikatoren wie Aufenthaltsqualität, Barrierefreiheit, Grünanteil oder Unfallrisiko.

Ein bewährtes Instrument ist das „Shared Space“-Konzept, bei dem Verkehrsregeln minimiert und unterschiedliche Nutzergruppen gleichberechtigt auf einer Fläche agieren. In deutschen Städten wie Bohmte oder Hamburg-Ottensen wurden damit gute Erfahrungen gemacht, allerdings erfordert das eine hohe soziale Kommunikation und gegenseitige Rücksichtnahme. Ebenfalls etabliert sind temporäre Umnutzungen: Pop-up-Radwege, Parklets oder temporär autofreie Straßen schaffen Erfahrungsräume, in denen neue Aufteilungen getestet und evaluiert werden können. Diese Pilotprojekte dienen als Reallabore für spätere, dauerhafte Umgestaltungen.

Wesentlich ist die Beteiligung der Öffentlichkeit. Digitale Plattformen, Stadtteilforen und partizipative Planungswerkstätten ermöglichen es, unterschiedliche Interessen sichtbar zu machen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. Moderne Beteiligungsformate setzen auf Visualisierungen, Simulationen und spielerische Elemente, um abstrakte Planungsprozesse greifbar zu machen. So werden komplexe Flächenkonflikte transparent und verhandelbar, statt im Verwaltungsdschungel zu versanden.

Governance-Fragen sind dabei zentral. Wer entscheidet letztlich über die Flächenverteilung? Während Fachverwaltungen oft an rechtliche und technische Vorgaben gebunden sind, braucht es politische Führung und den Willen zur Prioritätensetzung. Interdisziplinäre Teams, ressortübergreifende Steuerungsgruppen und extern moderierte Aushandlungsprozesse helfen, Blockaden zu überwinden. Erfolgreiche Beispiele aus Zürich, Wien oder auch München zeigen, dass solche Strukturen den Weg zu konsensfähigen Lösungen ebnen können – vorausgesetzt, sie sind transparent und auf Augenhöhe organisiert.

Technische Innovationen wie Urban Digital Twins und Echtzeitdaten eröffnen neue Möglichkeiten: Sie machen die Auswirkungen von Umverteilungen sichtbar, ermöglichen Szenarien und belegen den Nutzen veränderter Straßenraumaufteilungen auch für skeptische Akteure. Damit wird Planung nicht nur objektiver, sondern auch nachvollziehbarer. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, dass Daten allein keine Konflikte lösen – am Ende entscheiden immer Aushandlung und demokratische Prozesse über die Verteilung des öffentlichen Raums.

Der Werkzeugkasten für gerechte Straßenräume ist also vielfältig. Er reicht von klassischen Planungstools über digitale Innovationen bis zu partizipativen Verfahren und moderner Governance. Entscheidend ist, dass Planer, Verwaltung und Zivilgesellschaft gemeinsam an einem Strang ziehen – und den Mut haben, neue Wege zu gehen, auch wenn der Gegenwind mal heftig bläst.

Best Practices und Stolpersteine: Was von Vorreitern zu lernen ist

Ein Blick auf Best-Practice-Beispiele zeigt, dass faire Straßenraumverteilung keine Utopie bleiben muss. In Wien etwa wurde mit dem Programm „Supergrätzl“ der Straßenraum systematisch umgestaltet: Fahrbahnen wurden verschmälert, Parkplätze reduziert, breite Gehwege und Grünflächen geschaffen. Das Ergebnis: Weniger Autoverkehr, mehr Lebensqualität, zufriedenere Anwohner. Auch Zürich setzt seit Jahren auf die konsequente Umverteilung von Verkehrsflächen zugunsten von Fußgängern und Radfahrern, unterstützt durch ein dichtes Netz an Mitwirkungsformaten und datenbasierte Simulationen.

In Deutschland sorgt das Berliner Modell der „Kiezblocks“ für Aufmerksamkeit. Wohnquartiere werden durch Durchfahrtsperren vom Durchgangsverkehr befreit, Tempo 30 wird zur Regel, Parkraum wird zurückgebaut und durch Bäume, Bänke und Spielflächen ersetzt. Der Schlüssel zum Erfolg: eine enge Einbindung der Nachbarschaft, transparente Kommunikation und die Möglichkeit, neue Aufteilungen zunächst temporär zu testen. Die Erfahrungen zeigen, dass Akzeptanz und Qualität steigen, wenn Anwohner frühzeitig mitgestalten dürfen und die Vorteile für alle sichtbar werden.

Paris ist ein weiteres Paradebeispiel. Mit der Initiative „Paris Respire“ werden sonntags zahlreiche Straßen für den Autoverkehr gesperrt und als öffentliche Räume für Sport, Spiel und Kultur genutzt. Die temporäre Umgestaltung führt zu dauerhaften Änderungen, weil Menschen erleben, wie viel Lebensqualität im öffentlichen Raum steckt, wenn dieser nicht mehr vom Verkehr dominiert wird. Das fördert einen Mentalitätswandel und macht Mut für dauerhafte Umverteilungen.

Doch bei aller Begeisterung für Vorreiterprojekte: Die Umsetzung ist kein Selbstläufer. Politische Widerstände, Interessenskonflikte zwischen Einzelhandel, Anwohnern und Verkehrsteilnehmern, rechtliche Unsicherheiten und die Trägheit bestehender Verwaltungsstrukturen bremsen vielerorts den Fortschritt. Gerade in autofixierten Städten stoßen Planer oft auf starken Gegenwind. Hier hilft nur ein langer Atem, strategische Kommunikation und die Bereitschaft, Fehler als Lernchance zu begreifen. Pilotprojekte, temporäre Maßnahmen und eine konsequente Evaluation sind wichtige Bausteine, um Skeptiker zu überzeugen und dauerhafte Veränderungen zu verankern.

Die Lehre aus erfolgreichen wie gescheiterten Projekten: Straßenraumverteilung ist ein politischer Aushandlungsprozess, der Zeit, Geduld und Mut verlangt. Wer Beteiligung ernst nimmt, auf datenbasierte Argumente setzt und die Vorteile für alle sichtbar macht, erhöht die Chancen auf Akzeptanz und nachhaltigen Wandel. Nur so wird aus der Vision einer multimodalen, fairen Stadt gelebte Realität.

Gleichzeitig sollte nicht verschwiegen werden, dass auch die beste Planung an ihre Grenzen stößt, wenn übergeordnete Rahmenbedingungen – etwa die Straßenverkehrsordnung oder die Finanzierung nachhaltiger Mobilität – zu eng gefasst sind. Hier sind Bund, Länder und Kommunen gemeinsam gefordert, die Weichen für eine wirklich faire Verteilung des Straßenraums zu stellen.

Ausblick: Multimodale Städte als Labor für die urbane Zukunft

Die Debatte um die gerechte Verteilung des Straßenraums ist mehr als eine technische Frage der Verkehrsplanung. Sie ist ein zentrales Feld urbaner Transformation – und ein Gradmesser für die Innovationskraft und Gerechtigkeit unserer Städte. Multimodale Städte, in denen unterschiedliche Mobilitätsformen, soziale Ansprüche und ökologische Ziele gleichwertig berücksichtigt werden, sind weder Utopie noch bloße Vision. Sie sind vielerorts bereits Realität – und sie zeigen, wie viel Wandel möglich ist, wenn Planer, Verwaltung und Bürgerschaft gemeinsam anpacken.

Die Zukunft wird nicht in traditionellen Planungskategorien entschieden, sondern im Zusammenspiel von Daten, Beteiligung und politischen Entscheidungen. Digitale Werkzeuge, Urban Digital Twins und partizipative Methoden ermöglichen es, Straßenräume flexibel und adaptiv zu gestalten. Die Stadt wird zum Labor, in dem neue Formen der Mobilität, des Zusammenlebens und der Flächennutzung kontinuierlich erprobt und weiterentwickelt werden.

Für Planer, Landschaftsarchitekten und Kommunen eröffnen sich damit neue Rollen und Aufgaben. Sie werden zu Moderatoren komplexer Aushandlungsprozesse, zu Übersetzern zwischen Technik, Politik und Bevölkerung – und zu Gestaltern eines urbanen Gemeinwohls, das weit über den Verkehrssektor hinausreicht. Die gerechte Verteilung des Straßenraums wird so zum Prüfstein für die soziale, ökologische und ökonomische Zukunftsfähigkeit unserer Städte.

Doch bei aller Euphorie: Der Weg ist steinig. Interessenkonflikte, Unsicherheiten und Rückschläge gehören zum Alltag der Straßenraumtransformation. Entscheidend ist, dass Fehler nicht als Scheitern, sondern als Teil des Lernprozesses verstanden werden. Nur mit einer offenen, lernenden Haltung und dem Mut zur Veränderung kann die Vision der multimodalen Stadt Wirklichkeit werden.

Am Ende steht eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Straßenraum ist viel zu wertvoll, um ihn nur dem Verkehr zu überlassen. Wer ihn fair verteilt, schafft nicht nur bessere Mobilität – sondern auch mehr Stadt für alle.

Garten und Landschaft bleibt am Ball, damit Planer, Kommunen und alle, die urbane Räume gestalten, immer einen Schritt voraus sind – und Straßen nicht nur als Wege, sondern als Bühne für die urbane Zukunft begreifen.

Zusammenfassung: Die faire Verteilung des Straßenraums ist ein Schlüsselfaktor für die nachhaltige Entwicklung multimodaler Städte. Sie verlangt nach neuen Planungslogiken, die Mobilität, soziale Teilhabe und ökologische Ziele zusammendenken. Innovative Instrumente wie Straßenraum-Assessments, temporäre Umnutzungen, partizipative Formate und digitale Werkzeuge bilden den Werkzeugkasten für eine gerechte Aufteilung. Best-Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland zeigen, dass Transformation möglich ist – wenn alle Akteure an einem Strang ziehen und bereit sind, neue Wege zu gehen. Die Herausforderungen sind groß, doch die Chancen für lebenswerte, nachhaltige und gerechte Städte sind es auch. Wer den Straßenraum neu denkt, gestaltet die urbane Zukunft.

Das könnte Sie auch interessieren
Die Kiellinie soll im Rahmen eines Wettbewerbs neu gestaltet werden. Bild: Studio RW Berlin
Kiellinie – Wettbewerb zur Uferpromenade entschieden
gruner-baum-in-der-nahe-von-gewassern-tagsuber-7hYENxsanNY
Solar-Hochhäuser in Nairobi – vertikale Energieautarkie im Test
indem sie Eingriffe in den Vegetationsbestand vorsieht und die intensiven Nutzungen den Siedlungsrändern zuordnet.
Nachwuchsideen ausgezeichnet
Gamification in der Stadtentwicklung: Wie digitale Spiele Bürgerbeteiligung fördern können
Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Material für Wassergebundene Wegedecke
Material für Wassergebundene Wegedecke: Eigenschaften, Verlegung und Einsatz
Schwetzinger Terrasse in Heidelberg
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Planung lehren im 21. Jahrhundert – neue Anforderungen an die Ausbildung
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Digitale Schattenplaner für temporäre Märkte und Events
Eine IBA für die Großregion
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
IoT-Sensoren für Feinstaub‑Heatmaps – Urbane Luft in Echtzeit sichtbar machen

Trockenmauer Grauwacke: Material, Detail und Praxis

Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Trockenmauer Grauwacke
Alte Backsteinmauer mit kleinen Fenstern spiegelt sich im Wasser darunter. Foto: irrabagon/Unsplash

Grauwacke gehört zu den ältesten Baumaterialien der mitteleuropäischen Kulturlandschaft, und wer heute eine Trockenmauer aus Grauwacke plant oder baut, arbeitet mit einem Stein, der seine Qualitäten über Jahrhunderte unter Beweis gestellt hat. Die Trockenmauer Grauwacke verbindet geologische Robustheit mit handwerklicher Präzision: Sie ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein technisches Bauwerk, das ohne Mörtel auskommt, weil die Geometrie, das Gewicht und die Schichtung der Steine selbst die Stabilität erzeugen. Wer die Eigenheiten des Materials kennt, wer versteht, wie Grauwacke bricht, liegt und verwittert, kann damit Stützmauern, Böschungssicherungen und Geländeabstufungen bauen, die Jahrzehnte überdauern und gleichzeitig als Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten dienen.

  • Was Grauwacke geologisch ist und wie sie sich von anderen Mauersteinmaterialien unterscheidet
  • Welche Qualitätskriterien bei der Materialauswahl für Trockenmauern entscheidend sind
  • Wie eine Trockenmauer aus Grauwacke konstruktiv aufgebaut wird: Fundament, Binder, Neigung, Abschluss
  • Welche Normen, Regelwerke und Planungsgrundlagen für Trockenmauern relevant sind
  • Wie Trockenmauern aus Grauwacke in der Freiraumplanung eingesetzt werden
  • Welche ökologischen Funktionen Trockenmauern erfüllen und wie sie gezielt gefördert werden können
  • Welche Fehler beim Bau und bei der Pflege häufig auftreten und wie sie sich vermeiden lassen
  • Wie Trockenmauern langfristig unterhalten und instand gesetzt werden

Grauwacke als Gestein: Entstehung, Eigenschaften und Abgrenzung

Grauwacke ist ein klastisches Sedimentgestein, das aus dem Abtrag älterer Gebirge entstand und in tiefen Meeresbecken abgelagert wurde. Der Name leitet sich von der charakteristischen graubraunen bis blaugrauen Farbe frischer Bruchflächen ab, die durch den hohen Anteil dunkler Mineralien wie Chlorit, Feldspat und Quarz entsteht. Geologisch gehört Grauwacke zu den paläozoischen Gesteinen, also zu jenen Formationen, die vor mehreren hundert Millionen Jahren unter hohem Druck und unter Einfluss tektonischer Kräfte verfestigt wurden. In Mitteleuropa treten die bedeutendsten Grauwackevorkommen im Rheinischen Schiefergebirge, im Harz, im Sauerland und in Teilen des Thüringer Waldes auf, wo der Stein seit Jahrhunderten lokal gebrochen und verarbeitet wird.

Die mechanischen Eigenschaften der Grauwacke machen sie zu einem herausragenden Baumaterial für Trockenmauern. Das Gestein ist ausgesprochen druckfest, frostbeständig und verwitterungsresistent, weil seine dichte Kornbindung kaum Wasser aufnimmt. Die Wasseraufnahme liegt bei qualitativ hochwertiger Grauwacke deutlich unter einem Prozent des Trockengewichts, was Frostsprengung an der Oberfläche weitgehend ausschließt. Im Vergleich zu Sandstein, der poröser ist und stärker verwittert, oder zu Kalkstein, der in sauren Böden und unter Säureregen chemisch angegriffen wird, zeigt Grauwacke eine bemerkenswerte Langzeitstabilität. Gegenüber Granit, der ebenfalls hart und frostbeständig ist, hat Grauwacke den praktischen Vorteil, dass sie entlang natürlicher Schichtflächen bricht und damit plattige bis blockige Stücke mit weitgehend ebenen Lagerflächen liefert, die sich für das Schichten ohne Mörtel besonders gut eignen.

Für die Praxis der Trockenmauer Grauwacke ist die Schieferung des Gesteins von zentraler Bedeutung. Grauwacke weist häufig eine ausgeprägte Schichtung auf, die beim Brechen und Spalten genutzt wird, um Steine mit definierten Lagerflächen zu erzeugen. Diese Schichtflächen sind die natürlichen Auflageflächen im Mauerwerk; sie bestimmen, wie sicher ein Stein liegt, wie groß die Kontaktfläche zum benachbarten Stein ist und wie gut Lasten abgetragen werden. Steine, die quer zur Schichtung gebrochen wurden, zeigen unregelmäßigere Oberflächen und sind schwieriger zu versetzen, können aber als Binder, also als Quersteine, die die Mauerschalen verbinden, sinnvoll eingesetzt werden.

Materialauswahl und Qualitätskriterien für die Trockenmauer Grauwacke

Die Qualität des angelieferten Steinmaterials entscheidet maßgeblich über die Dauerhaftigkeit und das handwerkliche Ergebnis einer Trockenmauer. Bei der Auswahl von Grauwacke für Trockenmauern sind mehrere Kriterien zu beachten, die über den bloßen Preis pro Tonne hinausgehen. Zunächst ist die Herkunft des Steins relevant: Regional gebrochene Grauwacke aus dem Rheinischen Schiefergebirge oder dem Harz hat sich über Generationen bewährt und ist in ihrer Qualität gut dokumentiert. Importiertes Material aus Fernost, das gelegentlich als Grauwacke oder unter ähnlichen Bezeichnungen angeboten wird, weicht in seiner mineralogischen Zusammensetzung und seinen Frostbeständigkeitswerten oft erheblich ab und ist für Trockenmauern im mitteleuropäischen Klima nicht ohne weiteres geeignet.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die Steinform. Für Trockenmauern eignen sich am besten Steine mit mindestens einer weitgehend ebenen Lagerfläche, einer erkennbaren Längsachse und einem Verhältnis von Länge zu Höhe von mindestens zwei zu eins. Zu kubische Steine, also solche, deren Länge, Breite und Höhe annähernd gleich sind, lassen sich zwar verbauen, bieten aber weniger Verzahnung und neigen dazu, aus der Mauerflucht zu kippen. Zu dünne, plattige Stücke mit geringer Höhe brechen unter Last oder bei Frosteinwirkung leichter. Das ideale Steinspektrum für eine Trockenmauer Grauwacke umfasst Stücke verschiedener Größen, von kleinen Füllsteinen mit wenigen Kilogramm bis zu Bindersteinen, die zwanzig Kilogramm und mehr wiegen können.

Fachleute unterscheiden bei der Lieferung zwischen Bruchsteinen, also unbearbeiteten Steinen direkt aus dem Steinbruch, und gespaltenen oder bearbeiteten Steinen, bei denen mindestens eine Fläche durch maschinelles oder händisches Spalten definiert wurde. Für naturnahe Trockenmauern in der Freiraumplanung werden überwiegend Bruchsteine verwendet, weil sie das authentische Erscheinungsbild erzielen und ökologisch wertvoller sind: Die unregelmäßigen Oberflächen und Hohlräume bieten Kleinlebewesen mehr Strukturvielfalt als glatt gespaltene Flächen. Für Stützmauern mit höheren statischen Anforderungen oder für repräsentative Gestaltungsaufgaben kann bearbeitetes Material sinnvoll sein, das eine gleichmäßigere Schichtung erlaubt.

  • Frostbeständigkeit nach DIN EN 12371 oder gleichwertiger Prüfung sicherstellen
  • Druckfestigkeit: für Stützmauern mindestens 80 N/mm² empfohlen
  • Wasseraufnahme unter 1 % des Trockengewichts anstreben
  • Steinform mit erkennbarer Lagerfläche und Länge-Höhe-Verhältnis von mindestens 2:1
  • Gemischtes Größenspektrum bestellen: Füllsteine, Läufer und Binder in ausgewogenem Verhältnis
  • Herkunftsnachweis und Steinbruchbezeichnung beim Lieferanten einfordern

Konstruktiver Aufbau: Fundament, Schichtung, Neigung und Abschluss

Eine Trockenmauer ist kein einfacher Steinhaufen, sondern ein durchdachtes Gefüge, das seine Stabilität aus dem Zusammenspiel von Eigengewicht, Reibung, Verzahnung und Neigung bezieht. Das Fundament bildet die Grundlage jeder dauerhaften Trockenmauer. Es wird in der Regel als frostfreie Schüttung aus grobkörnigem, gut drainiertem Material angelegt, typischerweise aus Schotter oder Kies mit einer Körnung von 16 bis 32 Millimetern. Die Frosttiefe in Mitteleuropa liegt je nach Region zwischen 60 und 80 Zentimetern; das Fundament der Trockenmauer sollte diese Tiefe erreichen oder zumindest so weit in den gewachsenen Boden einbinden, dass Frostbewegungen die Mauer nicht heben. Für niedrige Trockenmauern bis etwa 60 Zentimeter Höhe genügt häufig eine Fundamentschüttung von 20 bis 30 Zentimetern Tiefe, wenn der Untergrund tragfähig und gut drainiert ist.

Die erste Steinlage, die sogenannte Fundamentlage oder Sohlschicht, wird aus den größten und schwersten verfügbaren Steinen gebildet. Diese Steine werden tief in den Boden eingebettet, sodass sie nicht kippen können, und möglichst mit ihrer Längsachse senkrecht zur Mauerflucht verlegt. Damit wirken sie bereits in der untersten Lage als Binder, die den Erddruck aufnehmen und die Mauer mit dem Untergrund verzahnen. Jede folgende Lage wird so versetzt, dass die Stoßfugen der darunterliegenden Lage von den Steinen der nächsten Lage überdeckt werden. Dieses Prinzip des Verbandes, das aus dem Mauerwerksbau bekannt ist, gilt auch für die Trockenmauer und ist entscheidend für ihre Standfestigkeit.

Die Böschungsneigung der Trockenmauer, also der Winkel, um den die Mauervorderseite gegenüber der Senkrechten zurückweicht, ist ein zentrales statisches Merkmal. Für Stützmauern aus Grauwacke empfehlen erfahrene Handwerker und die einschlägige Fachliteratur eine Neigung von etwa 10 bis 20 Prozent, also eine Rückneigung von 10 bis 20 Zentimetern pro Meter Höhe. Diese Neigung bewirkt, dass der Erddruck hinter der Mauer nicht senkrecht auf die Mauerfläche drückt, sondern schräg nach unten abgeleitet wird, was die Standsicherheit erheblich verbessert. Eine zu geringe Neigung erhöht das Risiko des Ausbauchens oder Kippens; eine zu starke Neigung ist optisch unschön und erschwert das Versetzen der Steine.

Binder sind Steine, die quer zur Mauerlängsachse verlegt werden und beide Schalen einer zweischaligen Trockenmauer miteinander verbinden. Bei einer einfachen, einschaligen Trockenmauer, die nur als Abgrenzung oder Beetbegrenzung dient, entfällt diese Funktion; bei Stützmauern ab etwa 50 Zentimetern Höhe sind Binder unverzichtbar. Sie sollten in einem Abstand von etwa einem Meter in der Längsrichtung und in jeder zweiten bis dritten Lage in der Höhe eingebaut werden. Der Abschluss der Mauer, die sogenannte Deckschicht oder Abdeckung, besteht aus besonders flachen, schweren Steinen, die ohne Mörtel aufgelegt werden und durch ihr Eigengewicht die darunter liegenden Lagen zusammenhalten. Diese Decksteine sollten möglichst breit und eben sein, damit sie nicht durch Fußtritt oder Windlast verschoben werden.

Hinterfüllung und Drainagefunktion

Hinter der Trockenmauer wird kein bindiger Boden, sondern eine Drainageschicht aus grobkörnigem Material eingebaut. Diese Hinterfüllung, häufig aus Schotter oder Recyclingmaterial, hat zwei Funktionen: Sie leitet Niederschlagswasser, das hinter der Mauer anfällt, schnell nach unten ab, ohne Staudruck aufzubauen, und sie verhindert, dass feines Bodenmaterial durch die Fugen der Mauer gespült wird. Letzteres Phänomen, das Ausschwemmen von Feinkorn, ist eine der häufigsten Schadensursachen bei Trockenmauern: Wenn der Boden hinter der Mauer durch Wasser mobilisiert wird und durch die Fugen austritt, verliert die Mauer ihren Rückhalt und beginnt sich zu setzen oder auszubauchen. Eine Filterschicht aus Vlies oder eine Kiespackung zwischen Erdreich und Drainageschüttung verhindert diesen Prozess zuverlässig.

Planung und Regelwerke: Was Freiraumplaner wissen müssen

Trockenmauern sind im deutschen Planungsrecht keine normierte Bauwerksklasse mit eigenem Regelwerk, aber sie unterliegen je nach Höhe und Funktion den allgemeinen Anforderungen an Stützbauwerke und Einfriedungen. In den meisten Bundesländern sind Trockenmauern bis zu einer bestimmten Höhe, häufig 1,0 bis 1,5 Meter, verfahrensfrei, also ohne Baugenehmigung errichtbar, sofern sie nicht an öffentliche Verkehrsflächen grenzen oder in Überschwemmungsgebieten liegen. Für höhere Mauern oder Mauern in sensiblen Lagen ist eine statische Berechnung und gegebenenfalls eine Baugenehmigung erforderlich. Freiraumplaner sollten die jeweiligen Landesbauordnungen und kommunalen Regelungen frühzeitig prüfen.

Fachlich orientieren sich Planer und Handwerker an der Literatur des Deutschen Instituts für Normung sowie an den Merkblättern der Deutschen Gesellschaft für Geotechnik. Für Natursteinmauerwerk gibt die DIN EN 1996 (Eurocode 6) Hinweise auf Bemessungsansätze, die jedoch primär für Mörtelmauerwerk entwickelt wurden und für Trockenmauern nur eingeschränkt anwendbar sind. Praxisnäher sind die Empfehlungen des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) sowie die Fachliteratur zu Natursteinarbeiten im Landschaftsbau, die konkrete Hinweise zu Steinformaten, Neigungen und Fundamenttiefen geben. Die FLL, die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau, hat Regelwerke für verschiedene Bereiche des Landschaftsbaus erarbeitet, die als Grundlage für Leistungsverzeichnisse und Qualitätssicherung dienen.

Für die ökologische Planung von Trockenmauern sind naturschutzrechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Trockenmauern gelten in vielen Bundesländern als Biotopstruktur, die unter bestimmten Bedingungen dem gesetzlichen Biotopschutz nach Paragraph 30 des Bundesnaturschutzgesetzes unterliegen kann. Bestehende Trockenmauern in der Agrarlandschaft, in Weinbergen oder an historischen Wegeböschungen dürfen ohne Genehmigung nicht beseitigt werden, wenn sie als geschützte Biotope eingestuft sind. Für Neuanlagen in Schutzgebieten oder im Bereich von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bieten Trockenmauern aus Grauwacke eine anerkannte Möglichkeit, Sekundärlebensräume für Reptilien, Wildbienen, Spinnen und Moose zu schaffen.

Ökologische Funktion: Trockenmauer Grauwacke als Lebensraum

Die ökologische Bedeutung von Trockenmauern ist in der Fachliteratur gut belegt und in der Naturschutzpraxis anerkannt. Das Fugensystem einer Trockenmauer aus Grauwacke schafft ein Mosaik aus Mikrohabitaten mit extrem unterschiedlichen Bedingungen: Sonnenexponierte Außenflächen erreichen im Sommer Oberflächentemperaturen von über 50 Grad Celsius und bieten wärmeliebenden Tierarten wie der Mauereidechse, verschiedenen Wildbienen und Heuschrecken einen Lebensraum, der in der modernen Kulturlandschaft selten geworden ist. Im Inneren der Mauer herrschen dagegen konstant kühlere und feuchtere Bedingungen, die anderen Arten als Überwinterungsquartier oder Rückzugsraum dienen.

Grauwacke ist als Substrat für Moose und Flechten besonders geeignet, weil die raue, leicht saure Oberfläche des Gesteins eine gute Anhaftung ermöglicht. Pioniermoose wie Grimmia-Arten und Krustenflechten besiedeln frische Grauwackemauern innerhalb weniger Jahre und schaffen damit die Grundlage für eine sukzessive Besiedelung durch Gefäßpflanzen. Arten wie Mauerraute (Asplenium ruta-muraria), Zerbrechlicher Blasenfarn (Cystopteris fragilis) und Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) sind typische Mauerpflanzen, die in den Fugen von Trockenmauern ohne jede Pflanzung erscheinen können, wenn das Substrat und die Exposition stimmen. Für eine gezielte Besiedelung können Fugen mit einer Mischung aus Magersubstrat und Kompost befüllt und mit vorgezogenen Pflanzen bestückt werden.

Die Vernetzungsfunktion von Trockenmauern in der Landschaft ist ein weiterer ökologischer Aspekt, der in der Freiraumplanung zunehmend berücksichtigt wird. Lineare Trockenmauern entlang von Weinbergen, Feldwegen oder Hangkanten wirken als Leitstrukturen für wandernde Tierarten und verbinden isolierte Biotopflächen miteinander. In der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmenplanung werden Trockenmauern deshalb als Maßnahme zur Aufwertung des Biotopverbunds eingesetzt, besonders in Gebieten, in denen historische Trockenmauerkulturen durch Flurbereinigung verloren gegangen sind.

Häufige Fehler beim Bau und bei der Instandhaltung

Der verbreitetste Fehler beim Bau einer Trockenmauer Grauwacke ist das Vernachlässigen des Verbandes. Wer Steine ohne Rücksicht auf die Stoßfugen der darunterliegenden Lage setzt, erzeugt durchgehende senkrechte Fugen, die die Mauer in einzelne, unverbundene Segmente aufteilen. Solche Mauern versagen unter Last oder bei Frostbewegungen zuverlässig, weil keine Kraftübertragung zwischen den Segmenten stattfindet. Das Prinzip „eine Fuge deckt zwei“ gilt für die Trockenmauer ebenso wie für jedes andere Mauerwerk und muss konsequent eingehalten werden.

Ein weiterer häufiger Fehler ist das Fehlen oder die falsche Ausführung der Hinterfüllung. Wenn bindiger Lehmboden direkt hinter der Mauer eingebracht wird, staut sich Wasser, der Erddruck steigt bei Nässe erheblich an, und die Mauer wird nach vorne gedrückt. Besonders nach Starkregenereignissen zeigen sich dann Ausbauchungen oder Abschnitte, die aus der Flucht geraten sind. Die Drainageschicht hinter der Mauer ist kein optionales Detail, sondern eine konstruktive Notwendigkeit, die in der Planung und Ausführung dieselbe Aufmerksamkeit verdient wie die Mauer selbst.

Bei der Instandhaltung bestehender Trockenmauern wird häufig der Fehler gemacht, lose oder herausgefallene Steine einfach wieder einzusetzen, ohne die Ursache des Versagens zu analysieren. Wenn ein Mauerabschnitt wiederholt an derselben Stelle versagt, liegt meist ein strukturelles Problem vor: unzureichende Drainage, fehlende Binder, zu geringe Neigung oder ein Untergrund, der sich setzt. Die Reparatur muss dann tiefer ansetzen, als es auf den ersten Blick scheint, und erfordert das partielle Abtragen und Neuaufbauen des betroffenen Abschnitts. Oberflächliche Flickarbeiten ohne Ursachenanalyse verlängern das Problem, lösen es aber nicht.

Trockenmauer Grauwacke im Kontext der Freiraumplanung

Die Trockenmauer aus Grauwacke ist weit mehr als ein handwerkliches Relikt aus vorindustrieller Zeit. Sie ist ein Bautypus, der in der zeitgenössischen Freiraumplanung eine klare Funktion hat: als Stützbauwerk, das ohne Beton auskommt, als Gestaltungselement, das regionale Materialkultur sichtbar macht, und als ökologische Infrastruktur, die Biodiversität fördert, ohne aufwendige Pflege zu erfordern. In einer Planungskultur, die zunehmend auf Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und Klimaanpassung ausgerichtet ist, fügt sich die Trockenmauer aus regionalem Naturstein organisch ein.

Die Wahl von Grauwacke als Material ist dabei keine sentimentale Entscheidung, sondern eine fachlich begründete: Das Gestein ist in weiten Teilen Mitteleuropas regional verfügbar, seine Verarbeitung erfordert keine energieintensive Produktion, und seine Lebensdauer übertrifft die der meisten Alternativmaterialien bei weitem. Trockenmauern aus Grauwacke, die vor hundert Jahren in Weinbergen oder an Feldwegen errichtet wurden, stehen heute noch und erfüllen ihre Funktion, wenn sie regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf punktuell instand gesetzt werden. Diese Langlebigkeit ist ein Argument, das in der Lebenszyklusbetrachtung von Freiraumanlagen zunehmend Gewicht bekommt.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner, die mit Trockenmauern aus Grauwacke arbeiten, ist das Wissen um Material, Konstruktion und Ökologie keine Spezialdisziplin, sondern Grundlage einer handwerklich und ökologisch verantwortungsvollen Planung. Wer versteht, warum ein Stein so liegt, wie er liegt, wer die Drainagefunktion hinter der Mauer ebenso plant wie die Steinauswahl, und wer die Mauer als Teil eines Biotopverbunds denkt, schafft Bauwerke, die ihren Zweck erfüllen und gleichzeitig zur Qualität des Freiraums beitragen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber es ist das Ziel, dem eine sorgfältige Planung und Ausführung der Trockenmauer Grauwacke verpflichtet ist.

Der Schulhof der Havelmüller Grundschule in Berlin-Reinickendorf von kre_ta. © kre_ta Landschaftsarchitekten

Der neu gestaltete Schulhof der Havelmüller Grundschule in Berlin-Reinickendorf kombiniert Funktionalität, Ästhetik und Nachhaltigkeit. Die Planer*innen von Kretschmer Tauscher Sander Landschaftsarchitekten (kre_ta) schufen hier ein Freiraum, der den vielfältigen Bedürfnissen der Schulgemeinschaft gerecht wird. In dieser Projektvorstellung geben die Planer*innen Einblicke in den Entstehungsprozess eines Schulhofs, der sowohl funktionale als auch ästhetische Kriterien erfüllt.

Vielseitiger, moderner und nachhaltiger Freiraum

Die Neugestaltung des Schulhofs der Havelmüller Grundschule in Berlin-Reinickendorf zeichnet sich durch eine beeindruckende Kombination aus Funktionalität, Nachhaltigkeit und ästhetischem Anspruch aus. Das Gelände sowohl den Bereich um den neuen Erweiterungsbau als auch den bestehenden Schulhof. Die Umgestaltung verfolgte mit einer klaren Vision, das Gelände in zwei Hauptbereiche zu gliedern. Ziel ist es, den Schüler*innen, Lehrer*innen und der Schulgemeinschaft einen vielseitigen, modernen und nachhaltigen Freiraum zu bieten.

Ein Platz für Begegnung und Veranstaltungen

Im Zentrum der Gestaltung steht der Freiraum um den neu errichteten Erweiterungsbau der Havelmüller Grundschule. Hier entstand ein Platz, der als Aufenthalts- und Veranstaltungsbereich fungiert. Zwischen dem Neubau und dem Bestandsgebäude entwickelt sich eine lebendige Begegnungszone, die durch ihre klare Struktur überzeugt. Die befestigten Flächen aus Betonsteinpflaster verbinden Funktion und Ästhetik, indem vorhandenes Material wiederverwendet wurde. Diese nachhaltige Herangehensweise wird durch den Einsatz farblicher Akzente ergänzt, die dem Platz einen modernen und einladenden Charakter verleihen.

Neben erweiterten Fahrradstellplätzen beinhaltet das Konzept auch eine Anlieferzone für die Mensa. Dadurch entsteht ein harmonisches Gesamtbild, das gleichzeitig die praktischen Anforderungen des Schulalltags erfüllt.

Eine neue Ordnung für den restlichen Schulhof

Der größere Teil des Schulhofs der Havelmüller Grundschule erfuhr eine grundlegende Neugestaltung. Die verschiedenen Funktionsbereiche unterteilen sich in Spiel-, Ruhe- und Aktivzonen. Um die Wegeführung zu optimieren, wurden nicht erforderliche Versiegelungsflächen entfernt und die Wege bedarfsgerecht angelegt. Neben der Wiederverwendung von Pflastermaterialien berücksichtigt das Gestaltungskonzept, dass alle Regen- und Oberflächenwässer auf dem Gelände versickern. Grüninseln, die sich in die befestigten Flächen schieben, sorgen nicht nur für visuelle Auflockerung. Sie  erfüllen auch funktionale Aufgaben wie Rückhaltung und -versickerung von Regenwasser – ein wichtiges Element im Sinne nachhaltiger Stadtplanung.

Besonders die farbige Pflasterung verleiht den Platz- und Aktionsräumen einen eigenständigen Charakter. Sie definiert klar die Bereiche, in denen sich die Schulgemeinschaft frei bewegen und aktiv sein kann.

Vielfältige Nutzungsorte für Bildung und Freizeit

Ein Highlight der Gestaltung ist das sogenannte grüne Klassenzimmer. Dieses bietet sowohl für den Unterricht als auch für andere Aktivitäten wie Hortprogramme, Feste oder freie Spielzeiten eine inspirierende Umgebung. Multifunktionale Holzpodeste ergänzen die Nutzungsmöglichkeiten und schaffen zusätzliche Aufenthaltsorte für Schüler*innen undLehrer*innen.

Eine im südlichen Bereich des Schulhofs errichtete Kletterstruktur markiert die Grenze zwischen dem Spiel- und Hofbereich und den Sportflächen. Hier trifft Kreativität auf Bewegung: Die Schüler*innen können sich körperlich betätigen und gleichzeitig ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Sport- und Spielflächen nach Berliner Standards

Die Gestaltung der Sportflächen sowie der Schulgarten entspricht den Mustervorgaben des Landes Berlin. Eine Laufbahn wurde zusammen mit einer Weitsprunganlage kombiniert und mit einer farbigen Oberfläche ausgeführt, um sowohl funktionale als auch ästhetische Anforderungen zu erfüllen. Auf Wunsch der Schule wurden zudem Ballspielfelder und Tischtennisbereiche integriert, die den Schüler*innen ein vielfältiges Angebot an Bewegung und Spiel ermöglichen.

Die Lage im Wasserschutzgebiet sowie das Vorhandensein kartierter Altlasten stellten besondere Herausforderungen an die Planung und Ausführung. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, wurden nachhaltige Lösungen wie ein ausgewogenes Bodenmanagement oder die gezielte Integration von Grünflächen zur Regenwasserversickerung entwickelt. Zudem wurde der Boden sorgfältig untersucht und nach detailliertem Austausch mit der Abfall- und Bodenbehörde Berlin die benötigte Menge an neuem Boden aufgetragen, um eine sichere Nutzung des Geländes zu gewährleisten. Diese durchdachten Maßnahmen sorgen dafür, dass sowohl die Sicherheits- als auch die Umweltaspekte des Projekts Berücksichtigung finden, ohne die Ästhetik und Funktionalität des Schulhofs zu beeinträchtigen.

Ein respektvoller Umgang mit der Natur

Ein besonderes Augenmerk lag auf dem vorhandenen Baumbestand. Die bestehenden Bäume wurden so weit wie möglich in die Planung integriert. Somit blieben sie nicht nur erhalten, sondern gewannen im neuen Kontext an Bedeutung. Sie bieten Schatten und natürliche Aufenthaltsqualität, die durch neue und ausgleichende Pflanzungen ergänzt werden. Punktuell, als Rahmung oder in Gruppen angeordnet, verleihen sie den Grünflächen mehr Struktur.

Ein Schulhof mit Zukunft

Die Neugestaltung des Schulhofs der Havelmüller Grundschule zeigt eindrucksvoll, wie modernes Design, Funktionalität und Nachhaltigkeit miteinander verbunden werden können. Die Schüler*innen profitieren von einem vielseitigen und inspirierenden Umfeld, das Raum für Lernen, Bewegung und Gemeinschaft bietet.

Durch die klare Strukturierung, die Verwendung hochwertiger und nachhaltiger Materialien sowie die Integration vielseitiger Zonen entsteht ein Schulhof, der den Anforderungen des modernen Schulalltags gerecht wird. Gleichzeitig einen Ort schafft, an dem die Schulgemeinschaft aufblühen kann.

„Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel, wie etwas Schönes und Kreatives entstehen kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen – Behörden, Entscheidungsträger*innen, Nutzer*innen und Planer*innen.“ – Corinna Böwingloh, Projektleitung kre_ta

Projektinfos

Planer*innen: Kretschmer Tauscher Sander Landschaftsarchitekten PartGmbB, Schönhauser Allee 146A, 10435 Berlin; Projektleitung: Corinna Böwingloh

Auftraggeber: Bezirksamt Reinickendorf von Berlin

Mitwirkende Unternehmen:

Thomas Hillig Architekten GmbH BDA; Reinhold Fehmer GmbH

Ort: Berlin-Reinickendorf

Leistungsphasen nach HOAI: 1 bis 8

Planungszeit: 2018 bis 2021

Gesamtkosten: 1,5 Millionen Euro

Besonderheit: Vielseitiges und inspirierendes Umfeld, das Raum für Lernen, Bewegung und Gemeinschaft bietet

Büroprofil

Seit über 20 Jahren gestalten wir, das Team von Kretschmer Tauscher Sander Landschaftsarchitekten (kre_ta), urbane Räume durch innovative und nachhaltige Konzepte. Als Landschaftsarchitekten verbinden wir kreative Entwürfe mit den aktuellen Anforderungen der Stadtentwicklung und schaffen Lösungen, die nicht nur ansprechend, sondern auch funktional und zukunftsweisend sind. Wir integrieren und nutzen die landschaftsarchitektonischen Gestaltungselemente, die den Außenraum durch den gezielten Einsatz von Topografie, Pflanzen, Wasser, Licht und Material formen. Hierbei gestalten wir Freiräume, die sowohl ökologisch als auch ästhetisch wertvoll sind. Mit dem Einsatz vor allem von Pflanzen schaffen wir nicht nur atmosphärische Räume, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas und der Biodiversität.

In unserem Büro in der Schönhauser Allee, arbeiten wir in einer inspirierenden Atmosphäre, die kreative Ideen fördert. Die Kastanienallee, die uns in den Pausen als Ort zum Durchatmen und Auftanken dient, spiegelt unsere Verbundenheit mit dem urbanen Raum wider. Mit unserem Team von 21 engagierten Landschaftsarchitektinnen und -architekten bringen wir nicht nur Leidenschaft und Erfahrung in jedes Projekt ein, sondern auch eine Vielfalt an Persönlichkeiten und Kompetenzen. Jeder von uns bringt unterschiedliche Stärken und Hintergründe mit, die wir in der täglichen Zusammenarbeit gezielt nutzen. Dieser positive Teamgeist spiegelt sich in der Atmosphäre unseres Büros wider. Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem jeder gehört wird und jede Idee zählt. Diese Kultur der Offenheit und Zusammenarbeit ermöglicht es uns, Freiräume zu schaffen, die nicht nur den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden, sondern auch die Natur respektieren und fördern – heute und für kommende Generationen.

Hier geht es zur Website des Büros. 

Die Märzausgabe der G+L widmet sich dem Thema Schulen: Wie ein Schulhof im Jahr 2025 aussehen sollte, was sich Schüler*innen und Leher*innen wünschen und wie es an Deutschlands Schulen um digitale Bildung bestellt ist, erfahren Sie in den Projektvorstellungen, Interviews und Kommentaren der Märzausgabe. Das Heft ist hier im Shop erhältlich.

Ergänzend zum Heft gibt es auf der Webseite der G+L hier weitere Schulhofprojekte zu entdecken.