Flächenversickerung: Grundlagen, Nutzen und Praxis

Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Flächenversickerung
Wasserkreise breiten sich ruhig auf der Oberfläche aus – ein stilles Naturspiel. (Foto: bielmorro / Unsplash)

Regenwasser, das auf versiegelten Flächen landet, ist in vielen Städten ein Problem, das sich mit jedem Starkregenereignis verschärft: Kanalnetze werden überlastet, Gewässer mit Mischwasser belastet, Grundwasser nicht mehr ergänzt. Die Flächenversickerung bietet einen der wirkungsvollsten Ansätze, um diesen Kreislauf zu unterbrechen. Sie leitet Niederschlagswasser dort in den Boden zurück, wo es fällt, dezentral, naturnah und mit einem breiten Nutzenspektrum, das weit über die reine Entwässerungsfunktion hinausgeht.

  • Was Flächenversickerung bedeutet und wie sie sich von anderen Versickerungsformen unterscheidet
  • Welche hydrologischen und bodenkundlichen Grundlagen die Funktionsfähigkeit bestimmen
  • Welche Bauformen und Systemtypen in der Praxis eingesetzt werden
  • Wie Flächenversickerung geplant, bemessen und in den Freiraum integriert wird
  • Welche Normen, Regelwerke und Zulassungsanforderungen gelten
  • Wo Flächenversickerung an ihre Grenzen stößt und welche Alternativen bestehen
  • Welche Rolle Flächenversickerung im Kontext blaugrüner Infrastruktur und Klimaanpassung spielt
  • Welche typischen Planungs- und Ausführungsfehler die Langzeitfunktion gefährden

Was ist Flächenversickerung? Definition und Einordnung

Flächenversickerung bezeichnet die gezielte, flächig verteilte Versickerung von Niederschlagswasser über die belebte Bodenzone in den Untergrund. Im Unterschied zur Muldenversickerung, bei der Wasser in einer geometrisch definierten Geländesenke gesammelt und von dort in den Boden abgegeben wird, erfolgt die Flächenversickerung auf ebenen oder schwach geneigten Flächen ohne ausgeprägte Eintiefung. Das Wasser wird großflächig aufgebracht, verteilt sich dünn über die Oberfläche und versickert durch die bewachsene oder belebte Deckschicht direkt in den Boden. Dieser Mechanismus entspricht weitgehend dem natürlichen Prozess der Infiltration auf unbefestigten Flächen.

In der Fachterminologie der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung, wie sie im deutschen Sprachraum durch das Arbeitsblatt DWA-A 138 der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) geregelt wird, ist die Flächenversickerung eine von mehreren anerkannten Versickerungsformen. Neben der Flächen- und Muldenversickerung kennt das Regelwerk die Mulden-Rigolen-Versickerung, die Rohr-Rigolen-Versickerung sowie Versickerungsschächte. Die Flächenversickerung gilt dabei als die naturnahste und in der Unterhaltung einfachste Variante, sofern die standörtlichen Voraussetzungen stimmen.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner ist die Flächenversickerung nicht nur eine technische Entwässerungslösung, sondern ein gestalterisches und ökologisches Instrument. Rasenflächen, extensiv begrünte Bereiche, Wiesen und Parkflächen können als Versickerungsflächen konzipiert werden, ohne ihren Nutzungscharakter zu verlieren. Die Fläche erfüllt dann mehrere Funktionen gleichzeitig: Aufenthaltsraum, Grünfläche, Lebensraum für Bodenorganismen und aktives Element des urbanen Wasserkreislaufs.

Hydrologische und bodenkundliche Grundlagen der Flächenversickerung

Die Leistungsfähigkeit einer Flächenversickerung hängt entscheidend von der Durchlässigkeit des Bodens ab. Der maßgebliche Parameter ist der gesättigte hydraulische Leitfähigkeitswert kf, angegeben in Metern pro Sekunde. Er beschreibt, wie schnell Wasser durch einen wassergesättigten Boden fließt. Für die Flächenversickerung gelten nach DWA-A 138 Böden mit kf-Werten zwischen etwa 1 x 10⁻⁶ m/s und 1 x 10⁻³ m/s als geeignet. Böden mit sehr hoher Durchlässigkeit (kf größer als 10⁻³ m/s) können Wasser zwar schnell ableiten, bieten aber kaum Filterwirkung und können bei kontaminiertem Zulaufwasser problematisch sein. Böden mit sehr geringer Durchlässigkeit (kf kleiner als 10⁻⁶ m/s), wie schwere Tone oder Böden mit hohem Schluffanteil, sind für die Versickerung in der Regel ungeeignet.

Die Bodenart bestimmt nicht nur die Durchlässigkeit, sondern auch die Filterwirkung und die biologische Aktivität. Sandige Böden versickern schnell, filtern aber wenig. Lehmige Böden mit einem ausgewogenen Anteil an Sand, Schluff und Ton bieten eine gute Kombination aus Versickerungsleistung und Schadstoffrückhalt. Die belebte Bodenzone, also die oberen dreißig bis sechzig Zentimeter mit ihrem Netz aus Wurzeln, Bodenorganismen und Humuspartikeln, ist dabei der eigentliche Reinigungsreaktor. Schwermetalle, Kohlenwasserstoffe und Feinstpartikel werden hier adsorbiert, biologisch abgebaut oder physikalisch zurückgehalten, bevor das Wasser tiefer in den Untergrund gelangt.

Neben der Bodenart spielen der Grundwasserstand und die Mächtigkeit der ungesättigten Zone eine zentrale Rolle. Das DWA-A 138 fordert in der Regel einen Mindestabstand von einem Meter zwischen dem Boden der Versickerungsanlage und dem höchsten zu erwartenden Grundwasserstand. Dieser Abstand sichert die Filterstrecke und verhindert, dass Schadstoffe ungefiltert ins Grundwasser gelangen. In Gebieten mit flachem Grundwasser, wie in Niederungen, Auen oder Küstennähe, ist Flächenversickerung daher häufig nicht oder nur eingeschränkt möglich.

Ebenso relevant ist die Topographie. Flächenversickerung funktioniert auf ebenen oder sehr schwach geneigten Flächen. Bei Geländeneigungen über etwa zwei bis drei Prozent besteht die Gefahr, dass das aufgebrachte Wasser nicht gleichmäßig versickert, sondern hangabwärts abfließt, bevor es in den Boden eindringen kann. In solchen Situationen sind Mulden, Terrassen oder Kombinationssysteme die geeigneteren Lösungen.

Bauformen und Systemtypen: Von der Rasenfläche bis zum Versickerungsrasen

Die einfachste Form der Flächenversickerung ist die direkte Aufbringung von Niederschlagswasser auf eine bewachsene, durchlässige Fläche. Rasenflächen in Parks, auf Schulhöfen oder in Wohnquartieren können so konzipiert werden, dass das von angrenzenden Dächern, Wegen oder Plätzen abfließende Wasser flächig auf sie geleitet wird. Voraussetzung ist, dass die Rasenfläche nicht verdichtet ist, eine ausreichende Bodenpermeabilität aufweist und nicht dauerhaft überstaut wird. Ein gut gepflegter, nicht verdichteter Rasen auf sandigem Lehmboden kann Versickerungsraten erzielen, die für normale Regenereignisse vollständig ausreichen.

Eine technisch weiterentwickelte Variante ist der sogenannte Versickerungsrasen oder Rasengitterstein-Belag. Hier wird ein Rasengitterstein oder ein Rasenwabenelement aus Beton oder Kunststoff auf einem durchlässigen Substrataufbau verlegt. Die Öffnungen werden mit Boden und Rasen befüllt. Diese Bauform erlaubt eine moderate Befahrbarkeit, beispielsweise für Stellplätze oder Feuerwehrzufahrten, und versickert gleichzeitig das anfallende Niederschlagswasser. Der Versickerungsrasen ist damit eine Hybridlösung zwischen Befestigung und Versickerungsfläche, die in der Freiraumplanung häufig für Stellplätze in Wohngebieten, Parkplätze an Schulen oder Randbereiche von Sportanlagen eingesetzt wird.

Wassergebundene Wegedecken und Schotterrasen stellen weitere Varianten dar. Eine wassergebundene Wegedecke aus mineralischem Gemisch ohne Bindemittel ist bei richtiger Ausführung und geeignetem Untergrund vollständig wasserdurchlässig. Schotterrasen, also eine Mischung aus grobem Kies oder Schotter mit eingesätem Gras, bietet hohe Versickerungsraten und ist gleichzeitig begehbar und befahrbar. Beide Bauformen haben ihre Grenzen: Bei starker Beanspruchung, mangelhafter Pflege oder ungeeignetem Untergrundmaterial können sie verdichten und ihre Versickerungsleistung verlieren.

Für größere Flächen mit erhöhtem Versickerungsbedarf oder bei Böden mit mittlerer Durchlässigkeit wird die Flächenversickerung häufig mit einer flachen Mulde kombiniert. Die Fläche wird leicht eingetieft, sodass Wasser kurzzeitig zwischengespeichert werden kann, bevor es vollständig versickert. Diese Übergangsform zur Muldenversickerung erhöht die hydraulische Leistungsfähigkeit erheblich und erlaubt die Bewirtschaftung größerer Einzugsgebiete. In der Praxis sind die Grenzen zwischen Flächen- und Muldenversickerung fließend; entscheidend ist die Eintiefungstiefe, die bei der reinen Flächenversickerung unter etwa zehn Zentimetern bleibt.

Planung, Bemessung und normative Grundlagen

Die Planung einer Flächenversickerung beginnt mit der Standortanalyse. Neben der Bodenuntersuchung zur Bestimmung des kf-Werts sind die Größe des Einzugsgebiets, die Art der angeschlossenen Flächen und die Beschaffenheit des Niederschlagswassers zu ermitteln. Das DWA-A 138 bildet in Deutschland die zentrale normative Grundlage für Planung, Bau und Betrieb von Versickerungsanlagen. Es definiert Anforderungen an die Bemessung, die Mindestabstände zu Gebäuden, Grundwasser und Grundstücksgrenzen sowie die Anforderungen an die Qualität des einzuleitenden Wassers.

Die hydraulische Bemessung einer Flächenversickerung erfolgt über den Vergleich der Versickerungsleistung der Fläche mit dem zu erwartenden Zulauf aus dem Einzugsgebiet. Maßgeblich ist das Bemessungsregenereignis, das in der Regel einem Wiederkehrintervall von zwei Jahren entspricht, für sensible Bereiche auch fünf oder zehn Jahre. Die Versickerungsleistung ergibt sich aus dem kf-Wert, der wirksamen Versickerungsfläche und einem Sicherheitsbeiwert, der Unsicherheiten in der Bodenmessung und Alterungseffekte berücksichtigt. Das Arbeitsblatt empfiehlt, den gemessenen kf-Wert für die Bemessung durch einen Faktor von zwei zu dividieren, um eine konservative und langzeitsichere Auslegung zu gewährleisten.

Neben dem DWA-A 138 sind je nach Bundesland weitere Regelwerke relevant. Viele Bundesländer haben eigene Leitfäden zur Niederschlagswasserbewirtschaftung herausgegeben, die spezifische Anforderungen an Versickerungsanlagen enthalten. In einigen Bundesländern ist die Versickerung von Niederschlagswasser wasserrechtlich als erlaubnisfreie Benutzung eingestuft, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. In anderen Ländern ist eine wasserrechtliche Erlaubnis oder Anzeige erforderlich. Planer müssen die jeweilige Landeswassergesetzgebung und die zugehörigen Verwaltungsvorschriften kennen und berücksichtigen.

Ein wichtiger Aspekt der Planung ist die Qualität des zulaufenden Wassers. Niederschlagswasser von Dachflächen gilt in der Regel als gering belastet und ist für die Flächenversickerung in den meisten Fällen geeignet. Wasser von stark befahrenen Straßen, Parkplätzen oder industriell genutzten Flächen kann erhebliche Mengen an Schwermetallen, Kohlenwasserstoffen, Reifenabrieb und anderen Schadstoffen enthalten. Das DWA-A 138 enthält eine Klassifizierung von Einzugsgebietsflächen nach ihrer Belastung und gibt Empfehlungen, welche Versickerungsformen für welche Flächenklassen geeignet sind. Bei stark belasteten Flächen ist eine Vorbehandlung, etwa durch Abscheider oder Filtersubstrate, vor der Versickerung erforderlich.

Integration in die Freiraumplanung und blaugrüne Infrastruktur

Flächenversickerung entfaltet ihren vollen Nutzen, wenn sie nicht als isoliertes technisches Element, sondern als integraler Bestandteil des Freiraums geplant wird. In der Praxis bedeutet das: Versickerungsflächen werden als Grünflächen, Spielwiesen, Sportflächen oder Parkbereiche gestaltet, die gleichzeitig Entwässerungsfunktionen übernehmen. Diese Doppelnutzung ist stadtplanerisch und wirtschaftlich attraktiv, weil sie Fläche spart und Synergien zwischen Grünplanung und Wasserwirtschaft erzeugt.

Im Kontext blaugrüner Infrastruktur, also der Vernetzung von Wasserinfrastruktur und Grünflächen im Stadtgefüge, ist die Flächenversickerung ein Baustein unter mehreren. Sie ergänzt Gründächer, die den Abfluss verzögern und reduzieren, Retentionsmulden, die Wasser zwischenspeichern, und offene Gewässer, die als Vorfluter dienen. Ein gut geplantes blaugrünes Netz kombiniert diese Elemente so, dass Niederschlagswasser auf seinem Weg vom Dach bis zum Gewässer mehrfach verlangsamt, gereinigt und teilweise versickert wird. Die Flächenversickerung übernimmt dabei die Funktion der dezentralen Grundwasserneubildung und der Entlastung des Kanalnetzes.

Für die Klimaanpassung in Städten ist die Flächenversickerung aus einem weiteren Grund bedeutsam: Versickerndes Wasser steht der Vegetation als Bodenwasser zur Verfügung und ermöglicht Verdunstungskühlung. Bäume und Rasenflächen, die Zugang zu versickertem Niederschlagswasser haben, sind in Trockenphasen deutlich widerstandsfähiger als Pflanzen auf versiegeltem oder stark verdichtetem Untergrund. Die Flächenversickerung ist damit nicht nur ein Instrument der Entwässerung, sondern auch ein Beitrag zur Hitzeresilienz des Stadtgrüns.

Stadtplanerisch setzt die Flächenversickerung voraus, dass ausreichend unversiegelte oder gering befestigte Fläche im Einzugsgebiet vorhanden ist. In dicht bebauten Innenstadtlagen ist das oft nicht der Fall. Hier sind Kombinationslösungen gefragt: Dachbegrünungen mit Retentionsfunktion, Rigolensysteme unter Parkflächen oder Baumrigolen, die Niederschlagswasser unter Baumstandorten versickern. Die Flächenversickerung im eigentlichen Sinne ist vor allem in Stadtrandlagen, Neubaugebieten, Gewerbegebieten mit großen Grünflächen und in der Umgestaltung von Schulhöfen und Wohnquartieren ein realistisches und wirkungsvolles Instrument.

Grenzen, Risiken und typische Planungsfehler

Trotz ihrer Vorzüge hat die Flächenversickerung klare Grenzen. Der häufigste Grund für das Versagen einer Versickerungsanlage ist die Bodenverdichtung, die entweder bereits vor dem Bau vorhanden war oder durch Baustellenverkehr und unsachgemäße Ausführung entstand. Verdichtete Böden verlieren ihre Makroporen, also die großen Hohlräume, durch die Wasser schnell in tiefere Schichten abfließt. Der kf-Wert kann durch Verdichtung um mehrere Größenordnungen sinken. Wer eine Flächenversickerung plant, muss sicherstellen, dass die Versickerungsfläche während der Bauphase konsequent vor Befahrung und Überbelastung geschützt wird.

Ein weiterer häufiger Fehler ist die Unterschätzung des Einzugsgebiets. Wenn nachträglich weitere Flächen an eine Versickerungsanlage angeschlossen werden, die ursprünglich nicht in der Bemessung berücksichtigt wurden, kann die Anlage hydraulisch überlastet werden. Stehendes Wasser über mehrere Tage nach Regenereignissen ist ein Indikator für Überlastung oder Kolmation. Kolmation bezeichnet die Verstopfung der Bodenoberfläche durch Feinstpartikel, die mit dem Zulaufwasser eingetragen werden und die Poren der obersten Bodenschicht verschließen. Regelmäßige Pflege, insbesondere das Entfernen von Feinsedimenten und die Lockerung der Oberfläche, ist deshalb für den langfristigen Betrieb unerlässlich.

Kontaminationsrisiken werden in der Planungspraxis manchmal unterschätzt. Besonders bei Versickerungsflächen, die Wasser von Parkplätzen oder Straßen aufnehmen, kann sich über Jahre eine Anreicherung von Schwermetallen und organischen Schadstoffen in der oberen Bodenzone aufbauen. Regelmäßige Bodenuntersuchungen sind daher nicht nur bei der Planung, sondern auch im Betrieb sinnvoll. Das DWA-A 138 gibt Orientierungswerte für die Belastung des Zulaufwassers, die nicht überschritten werden sollten.

Schließlich ist die Lage im Einzugsgebiet von Trinkwasserschutzzonen zu beachten. In Schutzzone I und II sind Versickerungsanlagen in der Regel nicht zulässig oder nur unter sehr strengen Auflagen erlaubt. In Schutzzone III gelten abgestufte Anforderungen. Planer müssen die Schutzgebietsverordnungen der jeweiligen Wasserschutzzonen kennen und frühzeitig mit den zuständigen Wasserbehörden abstimmen.

Flächenversickerung als Baustein einer resilienten Wasserwirtschaft

Die Flächenversickerung steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel in der urbanen Wasserwirtschaft: weg von der schnellen Ableitung von Niederschlagswasser in die Kanalisation, hin zur dezentralen Bewirtschaftung am Entstehungsort. Dieser Wandel ist nicht nur technisch begründet, sondern auch ökologisch und stadtplanerisch notwendig. Städte, die konsequent auf dezentrale Versickerung setzen, reduzieren die Überflutungsgefahr bei Starkregen, entlasten ihre Kanalnetze, fördern die Grundwasserneubildung und verbessern das Stadtklima durch erhöhte Verdunstung und vitales Stadtgrün.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner bietet die Flächenversickerung eine Möglichkeit, Entwässerungsfunktionen gestalterisch sinnvoll in den Freiraum zu integrieren, ohne auf technische Einbauten angewiesen zu sein, die Flächen versiegeln oder einschränken. Eine gut geplante Versickerungswiese, ein durchlässiger Parkplatz mit Versickerungsrasen oder ein begrünter Schulhof mit flächiger Niederschlagswasserbewirtschaftung sind keine Kompromisse zwischen Funktion und Gestaltung, sondern Beispiele dafür, wie beides zusammenwächst.

Die Voraussetzung für dauerhaft funktionierende Flächenversickerung ist eine sorgfältige Standortanalyse, eine normgerechte Bemessung, eine fachgerechte Ausführung ohne Bodenverdichtung und eine konsequente Pflege im Betrieb. Wer diese Grundsätze beachtet, erhält eine Anlage, die über Jahrzehnte zuverlässig arbeitet, wenig Unterhalt erfordert und einen messbaren Beitrag zur Resilienz des urbanen Wasserkreislaufs leistet. Flächenversickerung ist kein Allheilmittel für alle Entwässerungsprobleme, aber dort, wo die Standortbedingungen stimmen, ist sie eine der wirkungsvollsten, naturnahsten und gestalterisch attraktivsten Lösungen, die die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung zu bieten hat.

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Kann man aus Pilzen Häuser bauen?

ETH Zürich unterstützt Unternehmen

Ein indonesisches Jungunternehmen will die Baubranche verändern. „Mycotech“ lässt aus Pilzen Baustoffe „wachsen“, nicht zuletzt dank tatkräftiger, wissenschaftlicher Unterstützung aus der Schweiz. Das flexible Baumaterial kann in jede beliebige Form gepresst werden.

In der indonesischen Stadt Badung hat sich ein kleines Unternehmen niedergelassen: das Technologie-Start-up Mycotech, das hier nicht wie üblich Tee, sondern Pilze anbaut. Doch keine zum Essen, sondern solche, aus denen irgendwann mal Häuser wachsen sollen.

Die Gründer sind Architekten, die Nachhaltigkeit in die Bauindustrie bringen wollen. Seit 2013 forschen sie an dem pilzbasierten Baustoff, seit 2015 sind sie offiziell ein Unternehmen. Zunächst unterstützte sie das indonesische Forschungszentrum, an dem auch der erste Prototyp des Materials entstand. Mittlerweile bekommen sie Hilfe von renommierten internationalen Universitäten, wie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) und der nationalen Universität Singapur.

Die Wurzeln sind es

Mycotech produziert einen Baustoff, der auf landwirtschaftlichen Abfällen basiert und mit Pilzmyzel verbunden wird. Das Myzel ist ein feines Geflecht im Boden, eine Art Wurzelsystem der Pilze. „Das macht unser Produkt zu 100 Prozent frei von Chemikalien“, sagt Ronaldiaz Hartantyo, einer der Gründer der Firma. Heraus käme ein erstaunlich flexibles und druckfestes Material, das haltbar und erschwinglich sei und zudem feuerfest und wasserabweisend.

Das Myzel herzustellen, dauert etwa einen Monat. Dazu reichern die Mitarbeiter Sägemehl mit verschiedenen Nährstoffen an, um einen optimalen Nährboden zu schaffen. Damit die Sporen keimen können, wird die Mischung zusammen mit Pilzsporen in einzelne Plastiktüten gefüllt, die dicht verschlossen in einem kühlen und dunklen Raum lagern. Bevor die Sporen austreiben, wird das Gemisch mit den gebildeten Pilzwurzeln zerkleinert, im Ofen erhitzt und schließlich in die gewünschte Form heiß gepresst.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Laut Firmengründer könne man mit dem Material formen, was auch immer man wolle.
Die Pilzzüchter haben aus dem beliebig formbaren Material neben Ziegelsteinen schon dekorative Fliesen und Möbel hergestellt. Noch produziert das Unternehmen das Baumaterial nicht in Serie, es fertigt es nur für spezifische Projekte an. Angedacht sind auch größere Module wie Wandisolierungen, Paneele und Fertigwände.

Momentan verwendet die indonesische Firma ihr neues Material nur für den Innenausbau, da Tests in unterschiedlichen klimatischen Bedingungen noch ausstehen. Sie träumen aber davon, irgendwann ganze Häuser aus dem nachhaltigen Material herzustellen. Dirk Hebel, Professor für nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie, ist überzeugt, dass sich nachhaltige Baustoffe wie Mycotech in der Zukunft durchsetzen. Der Experte, der zuvor an der ETH Zürich gelehrt und die Indonesier dort bei ihrer Arbeit unterstützt hat, glaubt, dass wir „in Zukunft eine Verschiebung hin zu gewachsenen oder kultivierten Baumaterialien erleben“. Grund dafür sei, dass „die Ressourcen für Beton rapide ausgehen“. Sand sei in Deutschland inzwischen schon knapp. „Pilzstrukturen wachsen auf biologischen Abfällen, und zwar überall, ohne in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion zu stehen, da hierfür keine Felder oder Boden in Anspruch genommen werden“, sagt Hebel.

Trend zu nachwachsenden Baumaterialien

Auch andere Firmen arbeiten mit pilzbasierten Materialen. Zum Beispiel eine Firma in den USA: Das in New York ansässige Ecovative produziert nachhaltiges Verpackungsmaterial und bietet zudem eine Selbstanbauversion für kreative Köpfe zu Hause an.

„Sugar Valley“: Münchens neues Stadtquartier

Im Südwesten von München soll ein neues, nachhaltiges Stadtquartier namens Sugar Valley entstehen. ©Salvis Consulting AG
Im Südwesten von München soll ein neues, nachhaltiges Stadtquartier namens Sugar Valley entstehen. ©Salvis Consulting AG

Rund um die ehemalige Sendlinger Betonfabrik im Münchener Südwesten befand sich bisher vor allem ein Industriegebiet. Doch mit dem geplanten Stadtquartier „Sugar Valley“ möchte die Stadt dies nun in Rekordzeit ändern. Jetzt gibt es erste architektonische Einblicke in das Fünf-Minuten-Quartier.

Das Sugar Valley, entwickelt von der Salvis Consulting AG, soll auf etwa 150.000 Quadratmetern Mietfläche und 20.000 Quadratmetern Freifläche als neues, stilbildendes Quartier in der bayerischen Hauptstadt entstehen. Angedacht ist eine „moderne Arbeits- und Lebenswelt, in der Architektur und Außenanlagen sowie Nachhaltigkeit, Mobilität, Digitalisierung, Nutzungsmix und New Work miteinander verbunden sind“, so die Salvis Consulting AG, ein Entwickler aus München.

Dabei soll Sugar Valley auch eines der nachhaltigsten Quartiere Deutschlands werden. Das Energiekonzept basiert ausschließlich auf natürlichen Ressourcen. Weder beim Bau noch beim Betrieb soll das Projekt zusätzliches CO2 ausstoßen und sich tatsächlich ganz auf erneuerbare Energien konzentrieren.

Besser als daheim

Die Stadt München zeigte von Anfang an viel Interesse für die Bebauung des Areals rund um die alte Sendlinger Betonfabrik. Der Aufstellungsbeschluss erfolgte im Mai 2019, gefolgt vom ersten stadtplanerischen Workshop für ein derartiges Projekt in der Stadt. Innerhalb kurzer Zeit konnte die Stadt einen Bebauungsplan verabschieden und so ihrem Ziel, die gut an den ÖPNV angebundene städtische Brache zu entwickeln, ein Stück näherkommen.

Das Sugar Valley soll laut Stadtbaurätin Prof. Dr. Elisabeth Merk ein zukunftsfestes Stadtquartier werden, „welches Impulsgeber für die gesamte Stadt und für Obersendling ein identitätsstiftender und vielfältig nutzbarer Ort sein wird“.

Im ersten Bauabschnitt sollen bis 2027 drei Gebäude mit Büroflächen, öffentlichen Funktionen und eine Veranstaltungs- und Markthalle entstehen. Im Vergabeverfahren setzten sich die Architekturbüros J.MAYER.H und Partner, Architekten mbH aus Berlin und Cobe aus Kopenhagen gegen zehn andere internationale Büros durch. Laut Jury konnten beide Büros die Blaupause für eine positive Work-Life-Integration sehr gut umsetzen. Die beiden Entwürfe unterstützen damit das Motto von Sugar Valley: „besser als daheim“. Die Herausforderung wird darin bestehen, Menschen durch außergewöhnlich hohe Aufenthaltsqualität dazu einzuladen, ihr Homeoffice zu verlassen.

Die Aufenthaltsqualität in dem neuen Stadtteil mit seinen vielseitigen Nutzungen soll sehr hoch werden. ©Salvis Consulting AG
Die Aufenthaltsqualität in dem neuen Stadtteil mit seinen vielseitigen Nutzungen soll sehr hoch werden. ©Salvis Consulting AG

Eine Fünf-Minuten-Stadt in Bayern

Das Sugar Valley ist ein Leuchtturmprojekt für München. Unter anderem macht es 20.000 Quadratmeter Grün- und Freifläche für die Bevölkerung zugänglich – an einem Ort, wo früher täglich 175 Lkws verkehrten. Die voll versiegelte, leerstehende Industriebrache mit ihren Ruinen wird zu einer blühenden, nachhaltigen Landschaft. Dies soll laut Ulrich O. Fischer, Vorstand der Salvis Consulting AG, ein „architektonisches Ausrufezeichen auf internationalem Niveau“ werden und den Münchener*innen zugleich mehr Freiraum mit über 150 neu gepflanzten Bäumen geben.

Angedacht ist eine Fünf-Minuten-Stadt innerhalb der bayerischen Hauptstadt. Möglich wird dies durch die durchdachte Mischnutzung mit Bereichen für Arbeiten, Wohnen und Freizeitgestaltung. Obersendling bietet gute Voraussetzungen: Der Stadtteil ist sehr gut an das ÖPNV-Netzwerk angebunden, befindet sich fußläufig zur Isar und punktet mit schönen Blicken auf die Alpen sowie die Stadtsilhouette von München.

Weiterlesen: München streitet darüber, wie hoch Neubauten in der Stadt sein dürfen. Der Knackpunkt: Sollen die Türme der Frauenkirche mit ihren 99 Metern die Obergrenze darstellen?

Zwischennutzungsaspekte werden weitergeführt

Zum Sugar Valley gehört auch der Sugar Mountain, eine Anspielung auf den Zuckerhut in Rio de Janeiro. Rund um die alte Betonfabrik in Sendling befindet sich bereits dieses Areal, das im Rahmen einer Zwischennutzung zum Anwohnertreffpunkt für Kultur und Freizeit geworden ist. In Teilen soll diese Idee in das neue Konzept integriert werden.

Aber der beliebte bunte Turm, der derzeit den Sugar Mountain markiert, wird im September 2024 abgerissen. Danach beginnt der Neubau des neuen Quartiers Sugar Valley. Ein lachendes und ein weinendes Auge begleiten den geplanten Abriss. So erfreut sich etwa der bisherige Basketballplatz des Sugar Mountain einer intensiven Nutzung. Er könnte demnächst auf eines der neuen Dächer umziehen. Auch ein Pool sowie begrünte Dachterrassen sind auf den Türmen geplant. Denn die Aspekte Kunst, Kultur, Freizeit und Sport, die die Zwischennutzung definierten, sollen auch im Sugar Valley eine zentrale Rolle haben.

Aus dem bisherigen Sugar Mountain wird ab 2027 das Sugar Valley, wobei der sportlich-kulturelle Charakter der Zwischennutzung nach Möglichkeit erhalten bleiben soll. ©Salvis Consulting AG
Aus dem bisherigen Sugar Mountain wird ab 2027 das Sugar Valley, wobei der sportlich-kulturelle Charakter der Zwischennutzung nach Möglichkeit erhalten bleiben soll. ©Salvis Consulting AG

Sugar Valley könnte bis 2031 fertig sein

Insgesamt werden im Sugar Valley elf Gebäude entstehen, drei davon Hochhäuser mit Co-Working, Gastro, Fitness und Büros sowie Wohnungen. Über 30 Nutzungsarten aus allen Lebensbereichen und für alle Bevölkerungsgruppen sind vorgesehen. Dabei stehen die Mischnutzung und die Idee einer 5-Minuten-Stadt im Vordergrund. Soziale Begegnungsräume, Arbeitsplätze und direkte Einkaufsmöglichkeiten sollen leicht erreichbar sein.

Auch nachhaltig soll es zugehen: In einem 100-Punkte-Plan sind 100 Einzelmaßnahmen vorgesehen, die die Nachhaltigkeit des Projektes von Anfang an sichern sollen. Dazu gehören etwa Prinzipien der Kreislaufwirtschaft, die Nutzung oberflächennaher Geothermie, Sonne und Wind, der Einsatz von Wärmepumpen sowie ein klimaneutraler Bau. So könnte das Sugar Valley Münchens erstes Quartier werden, das beim Heizen und Kühlen CO2-neutral vorgeht.

Das Mobilitätskonzept klingt sehr modern: Oberirdisch soll das Sugar Valley autofrei sein. Parken ist in einer neuen Tiefgarage möglich, die Platz für 1.200 Autos bietet und auch E-Ladesäulen hat. 1.500 Radstellplätze sowie ein Radweg mitten durch das Quartier, der bis an die Isar führt, bieten Alternativen. Und mit der U-Bahn ist der Marienplatz in 13 Minuten erreicht.

2027 sollen für einen Preis von 300 Millionen die ersten drei Gebäude, inklusive einem 80 Meter hohen Büroturm, stehen. Bis zum letzten Bauabschnitt des Vorhabens könnte es 2031 werden. Es braucht also noch etwas Geduld, um das ganze Ergebnis zu sehen. Die 250 geplanten Mietwohnungen, davon 80 gefördert und 170 frei finanziert, werden gegen Ende des Projektes fertiggestellt.

Übrigens: Auch am Münchner Dreilingsweg soll ein neues Quartier entstehen, das aus einer vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Fläche eine attraktive Nachbarschaft macht.