Landschaft als Klimaanlage – Planungsintegration von Frischluftschneisen

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Luftaufnahme moderner und nachhaltiger Stadtarchitektur in Berlin. Foto von Adam Vradenburg.

Die Stadt ächzt, die Temperaturen steigen, Hitzewellen werden zum neuen Normal – doch die Lösung liegt viel näher, als viele glauben: Die Landschaft selbst kann zur wirkungsvollsten Klimaanlage der Stadt werden. Wer Frischluftschneisen richtig plant, integriert und schützt, sorgt nicht nur für angenehmere Temperaturen, sondern für lebenswertere, gesündere Städte. Warum das kein Zufallstreffer, sondern eine Königsdisziplin der Planung ist, erklärt dieser Artikel mit dem geballten Know-how der G+L-Redaktion.

  • Definition und Bedeutung von Frischluftschneisen in der Stadtklimatologie
  • Funktionsweise und wissenschaftliche Grundlagen: Wie Landschaft als natürliche Klimaanlage wirkt
  • Planungsintegration: Von der GIS-Analyse bis zum Bebauungsplan
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Rechtliche Rahmenbedingungen und planerische Herausforderungen
  • Innovative Werkzeuge und Methoden zur Identifikation und Sicherung von Frischluftschneisen
  • Konflikte, Mythen und häufige Fehler in der Planung
  • Potenziale für nachhaltige Stadtentwicklung und Resilienz
  • Ausblick: Was die Zukunft für die klimafitte Stadt bedeutet

Frischluftschneisen: Die unterschätzten Lebensadern der Stadt

Wer an Klimaanlagen denkt, hat selten eine Wiese, einen Grünzug oder ein Flusstal vor Augen. Doch genau diese Landschaftselemente übernehmen in der Stadt eine Schlüsselrolle: Sie sind natürliche Frischluftschneisen, durch die kühle, sauerstoffreiche Luft aus dem Umland in die aufgeheizten urbanen Räume strömt. Der Begriff „Frischluftschneise“ bezeichnet dabei keine willkürliche grüne Lücke, sondern einen gezielt geplanten und erhaltenen Korridor, der den Luftaustausch zwischen Stadt und Land ermöglicht. Ohne diese Schneisen entwickelt sich die Stadt zum Hitzestau, mit gravierenden Folgen für Gesundheit, Wohlbefinden und Energieverbrauch. Stadtklimatologen sprechen hier gerne von der „thermischen Entlastungsfunktion“ – und meinen damit nicht weniger als die Luft zum Atmen.

Dass Frischluftschneisen elementar sind, ist kein Geheimnis. Schon seit den 1970er Jahren gibt es Klimaanalysen, die auf ihre Wirkung hinweisen. Was sich jedoch verändert hat, ist die Dringlichkeit: Durch den Klimawandel nehmen Hitzeperioden, Tropennächte und Überhitzungsphasen in mitteleuropäischen Städten massiv zu. Städte wie Frankfurt, Stuttgart oder Wien machen seit Jahren vor, wie eine kluge Integration von Frischluftschneisen das Klima in dicht bebauten Gebieten spürbar verbessert. Die Schneisen wirken dabei wie eine unsichtbare Infrastruktur – unspektakulär, aber lebenswichtig. Sie verbinden offene Landschaftsräume, Gewässer, Parks und Straßenräume zu einem atmenden System. Und sie sind weit mehr als nur ein „grünes Sahnehäubchen“ im Städtebau: Ohne sie droht der Kollaps der urbanen Klimabilanz.

Doch wie funktioniert das Ganze physikalisch? Die Antwort ist so einfach wie faszinierend: Nachts kühlen unbebaute, begrünte Flächen deutlich stärker aus als versiegelte Stadtquartiere. Die dabei entstehende kalte Luft „fließt“ hangabwärts in die Stadt – sofern keine Barrieren im Weg stehen. Gebäude, Mauern oder falsch platzierte Quartiere können diese natürliche Ventilation regelrecht abriegeln. Experten sprechen dann von einer „Verschneidung“ der Frischluftschneise. Mit fatalen Folgen: Hitzestaus, schlechte Luftqualität, erhöhte Feinstaubwerte und ein sprunghafter Anstieg der Hitzebelastung für die Bevölkerung. Die Schneisen sind also keine Kür, sondern Pflicht im Werkzeugkasten der nachhaltigen Stadtplanung.

Der Wert von Frischluftschneisen geht dabei weit über das Klima hinaus. Sie schaffen Biotopverbünde, fördern Biodiversität, bieten Erholungsräume und steigern die Lebensqualität im Quartier. Gerade in Zeiten von Nachverdichtung, Wohnraummangel und Flächendruck werden sie jedoch oft zu Gunsten kurzfristiger Bauinteressen geopfert. Umso wichtiger ist es, dass Planer, Verwaltungen und Politik ihre Bedeutung nicht nur anerkennen, sondern aktiv schützen und weiterentwickeln. Das erfordert Mut, Weitsicht und ein tiefes Verständnis für die Wechselwirkungen von Stadt und Landschaft.

In der Praxis zeigt sich immer wieder: Der unterschätzte Wert der Frischluftschneise liegt in ihrer Unsichtbarkeit. Sie funktioniert nur, wenn sie nicht zugebaut, nicht zerschnitten, nicht zugestellt wird. Ihre Wirkung entfaltet sie nachts, leise und verlässlich – ohne sichtbare Technik, ohne Wartungsaufwand, ohne Energiekosten. Eine bessere Klimaanlage kann sich keine Stadt wünschen.

Wissenschaftliche Grundlagen: Wie Landschaft die Stadt kühlt

Wer von Frischluftschneisen spricht, muss die physikalischen und meteorologischen Prozesse kennen, die sie ermöglichen. Zentrale Begriffe sind hier Kaltluftbildung, Luftaustausch und Stadt-Umland-Gradient. Kaltluft entsteht vor allem nachts über offenen, vegetationsreichen Flächen – etwa Feldern, Wiesen, Wäldern oder Wasserflächen. Durch die Abstrahlung von Wärme kühlt sich diese Luftschicht ab, wird schwerer und beginnt, in die tiefer gelegenen städtischen Räume zu strömen. Dieser Vorgang – in der Fachsprache als „Kaltluftabfluss“ bezeichnet – ist in Mitteleuropa ein wichtiger Klimafaktor.

Der Clou: Die städtische Bebauung wirkt wie ein Wärmespeicher. Asphalt, Beton und Ziegel halten die Hitze des Tages fest und geben sie nur langsam wieder ab. Dadurch bildet sich ein Temperaturgefälle zwischen Umland und Stadt, das die Kaltluft regelrecht ansaugt. Die Frischluftschneise ist also nicht nur ein passiver Korridor, sondern ein aktiver Motor für den Luftaustausch. Entscheidend ist, dass dieser Motor nicht durch Bebauung oder Barrieren blockiert wird. Schon kleine Versiegelungen, Mauern oder dichte Hecken können die Strömung abbremsen oder sogar ganz verhindern.

Stadtklimatologische Untersuchungen – etwa mit mobilen Messungen, Drohnen oder Strömungssimulationen – zeigen eindrucksvoll, wie sensibel diese Systeme sind. Bereits eine einzelne zusätzliche Baureihe kann den Luftfluss um bis zu 80 Prozent reduzieren. Daher ist es essenziell, die Topographie, Vegetation und Bebauungsstruktur präzise zu erfassen und in die Planung einzubeziehen. GIS-gestützte Analysewerkzeuge, wie sie in vielen Kommunen eingesetzt werden, ermöglichen heute eine hochdetaillierte Bewertung potenzieller Frischluftschneisen.

Eine besondere Rolle spielen dabei sogenannte „Kaltluftentstehungsgebiete“ am Stadtrand. Sie dienen als Generatoren für kühle Luft, die durch die Schneisen in die Stadt transportiert wird. Ohne ausreichende Verbindung zwischen Entstehungsgebiet und Innenstadt verpufft dieser Effekt jedoch. Deshalb gilt: Frischluftschneisen müssen als Kontinua gedacht und geplant werden, nicht als isolierte Einzelmaßnahmen. Nur so kann die Landschaft ihre Klimaanlagenfunktion voll entfalten.

Ein weiteres zentrales Konzept ist die „thermische Belastung“. Sie beschreibt die Kombination aus Temperatur, Luftfeuchte, Sonneneinstrahlung und Windverhältnissen, die das Wohlbefinden und die Gesundheit der Stadtbevölkerung beeinflusst. Frischluftschneisen senken die thermische Belastung, indem sie nicht nur kühle Luft zuführen, sondern auch für eine Durchmischung und Verdünnung von Schadstoffen sorgen. Gerade vulnerable Gruppen – Kinder, ältere Menschen, chronisch Kranke – profitieren direkt von einer guten Durchlüftung der Stadt. Die Landschaft ist damit ein elementarer Baustein der urbanen Resilienz.

Planungsintegration: Von der Analyse zur Sicherung im Bebauungsplan

Die große Kunst der Stadt- und Landschaftsplanung liegt darin, Frischluftschneisen nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie systematisch zu identifizieren, zu analysieren, zu sichern und weiterzuentwickeln. Der erste Schritt ist die klimatologische Bestandsaufnahme: Wo entstehen Kaltluftmassen? Wie verlaufen die natürlichen Luftströme? Welche Flächen sind besonders wertvoll? Moderne GIS-gestützte Stadtklimaanalysen liefern hierzu präzise Karten, Strömungsmodelle und Gefährdungsanalysen. Sie machen sichtbar, was dem bloßen Auge verborgen bleibt – und schaffen eine belastbare Grundlage für alle weiteren Planungsschritte.

Ist das Potenzial identifiziert, folgt die Integration in die räumliche Planung. Das beginnt auf der Ebene des Flächennutzungsplans, wo Frischluftschneisen als besondere Schutzbereiche ausgewiesen werden können. Im Bebauungsplan können dann konkrete Vorgaben zur Freihaltung, Begrünung und Durchlässigkeit einzelner Korridore festgelegt werden. Hier gilt: Je früher die Klimafunktion in den Planungsprozess einfließt, desto einfacher lässt sie sich sichern. Nachträgliche Korrekturen sind teuer, konfliktträchtig und oft kaum noch realisierbar.

Ein bewährtes Instrument ist die sogenannte „Klimafunktionskarte“. Sie zeigt auf, welche Flächen welche Funktion für das Stadtklima übernehmen – von der Luftleitbahn bis zum Kaltluftentstehungsgebiet. In Städten wie Stuttgart oder Kassel sind solche Karten längst Standard und werden regelmäßig aktualisiert. Sie dienen als Leitplanke für alle späteren Bau- und Nutzungsentscheidungen. Planerische Konflikte sind dabei vorprogrammiert: Wohnraumbedarf, Gewerbeentwicklung und Verkehrsinfrastruktur konkurrieren oft mit dem Schutz der Frischluftschneisen. Hier braucht es eine klare Priorisierung und eine konsequente Abwägung. Nicht jede Bebauung ist an jedem Ort sinnvoll – das Klima hat Vorrang.

Doch Planung endet nicht beim Plan. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, die gesicherten Frischluftschneisen langfristig zu erhalten und vor schleichender Verschneidung zu schützen. Immer wieder kommt es vor, dass scheinbar kleine Eingriffe – eine neue Straße, ein Parkplatz, ein Gewerbebau – den Korridor nachhaltig beeinträchtigen. Daher sollten Frischluftschneisen als „Tabuflächen“ behandelt werden, für die besondere Schutzzonen und Nutzungseinschränkungen festgelegt werden. Städte wie Frankfurt oder Graz zeigen, wie das in der Praxis funktionieren kann: Dort werden Schneisen regelmäßig auf ihre Funktion überprüft und nötigenfalls renaturiert, erweitert oder wiederhergestellt.

Innovative Ansätze setzen zudem auf multifunktionale Lösungen. Eine Frischluftschneise kann zugleich als Fahrradroute, Naherholungsgebiet oder Biotopverbund dienen. Wichtig ist, dass ihre Hauptfunktion – der Luftaustausch – nicht eingeschränkt wird. Hier ist interdisziplinäre Zusammenarbeit gefragt: Stadtklimatologen, Landschaftsarchitekten, Verkehrsplaner und Verwaltung müssen an einem Strang ziehen. Nur so lassen sich die komplexen Anforderungen moderner Stadtentwicklung mit den Bedürfnissen der Klimaanpassung in Einklang bringen.

Praxisbeispiele und Herausforderungen: Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Die Integration von Frischluftschneisen in die Stadtplanung ist keine rein theoretische Übung, sondern wird in vielen Städten bereits mit großem Erfolg umgesetzt – allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. Ein prominentes Beispiel ist Stuttgart, das aufgrund seiner Talkessellage besonders auf eine funktionierende Durchlüftung angewiesen ist. Seit den 1980er Jahren arbeitet die Stadt mit einem fein abgestimmten Netz aus Frischluftschneisen, Klimafunktionskarten und restriktiven Bauvorgaben. Das Ergebnis: Selbst während extremer Hitzewellen bleibt die Innenstadt vergleichsweise gut durchlüftet, die Zahl der Tropennächte ist deutlich geringer als in vergleichbaren Großstädten.

Auch Frankfurt am Main setzt seit Jahren auf den Schutz und die Entwicklung von Frischluftschneisen. Hier werden regelmäßig Messflüge und bodengestützte Klimaanalysen durchgeführt, um die Wirksamkeit der Schneisen zu überprüfen. Neubauprojekte müssen ihre Auswirkungen auf das Stadtklima nachweisen; bei negativen Effekten wird nachgesteuert. Das ist ein Paradigmenwechsel: Nicht mehr das Baurecht, sondern die Klimaverträglichkeit entscheidet über die Zulässigkeit von Vorhaben. Ähnliche Ansätze finden sich in Graz, Zürich und Wien. In all diesen Städten gilt: Die Landschaft ist integraler Bestandteil der Klimapolitik – und wird entsprechend priorisiert.

Doch der Weg zur perfekten Frischluftschneise ist steinig. Häufige Probleme sind mangelnde Akzeptanz, fehlende Priorisierung und unzureichende Kommunikation zwischen den beteiligten Fachbereichen. Oft wird der Wert einer Schneise erst erkannt, wenn sie bereits verschneidet ist – dann ist es meist zu spät. Hinzu kommen rechtliche Hürden: Nicht überall ist der Schutz von Frischluftschneisen explizit im Baugesetzbuch verankert. Viele Kommunen arbeiten mit informellen Instrumenten, die zwar wirksam sein können, aber keine absolute Rechtssicherheit bieten.

Ein weiteres Problem ist der Flächendruck. Gerade in wachsenden Städten konkurriert der Schutz von Frischluftschneisen mit der Nachfrage nach Wohnraum, Gewerbeflächen und Infrastrukturprojekten. Hier hilft nur eine klare politische Haltung: Klimafunktion ist nicht verhandelbar. Städte, die diese Linie durchhalten, profitieren langfristig – durch niedrigere Gesundheitskosten, höhere Lebensqualität und größere Resilienz gegenüber Klimawandel und Extremwetter.

Auch die Bürgerbeteiligung spielt eine wichtige Rolle. Wer die Funktion von Frischluftschneisen verständlich macht, kann Akzeptanz und Unterstützung gewinnen. Innovative Visualisierungen, Simulationen und partizipative Planungsprozesse helfen, das unsichtbare System sichtbar und erlebbar zu machen. So wird aus der abstrakten Klimaanlage Landschaft ein gemeinsames Zukunftsprojekt.

Ausblick: Klimaresilienz braucht Mut zur Landschaft

Der Klimawandel ist kein fernes Szenario mehr, sondern prägt längst den Alltag in deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten. Hitzewellen, Tropennächte und Überhitzung werden zur neuen Realität – und verlangen nach entschlossenen, kreativen und klugen Antworten. Die Integration von Frischluftschneisen in die Stadt- und Landschaftsplanung ist dabei eines der wirksamsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Instrumente. Wer sie schützt, entwickelt und richtig nutzt, schafft nicht nur ein besseres Stadtklima, sondern legt die Grundlage für nachhaltige, resiliente und lebenswerte Städte.

Doch das erfordert mehr als technische Expertise. Es braucht Mut, Prioritätensetzung und ein neues Verständnis für Landschaft als Teil der urbanen Infrastruktur. Frischluftschneisen dürfen nicht länger als Restflächen oder Luxus betrachtet werden, sondern sind zentrale Bausteine der Klimaanpassung. Das verlangt nach klaren rechtlichen Regelungen, innovativen Planungsinstrumenten und einer konsequenten Einbindung aller relevanten Akteure – von der Verwaltung über die Politik bis zur Zivilgesellschaft.

Die Zukunft der Stadt liegt in der kreativen Verbindung von Technik, Natur und Gemeinschaft. Landschaft als Klimaanlage ist kein romantisches Ideal, sondern eine wissenschaftlich belegte, praktisch erprobte und ökonomisch sinnvolle Strategie. Wer sie beherrscht, hat den Schlüssel für die Stadt von morgen in der Hand. Die Herausforderung liegt darin, das unsichtbare Rückgrat der Stadt sichtbar, verständlich und unantastbar zu machen.

Dabei ist klar: Der Weg ist lang, die Konflikte zahlreich und der Widerstand oft groß. Aber der Nutzen überwiegt bei weitem. Jede Frischluftschneise, die gesichert, entwickelt oder wiederhergestellt wird, ist ein Gewinn für das Klima, die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung. Es ist Zeit, Landschaft nicht länger als schmückendes Beiwerk, sondern als unverzichtbares Element der Stadtentwicklung zu verstehen.

Die G+L-Redaktion bleibt dran – und liefert das Know-how, die Argumente und die Inspiration für alle, die die Stadt der Zukunft nicht nur bauen, sondern auch atmen lassen wollen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frischluftschneisen weit mehr sind als ein planerisches Feigenblatt. Sie sind die unsichtbare, aber unverzichtbare Klimaanlage moderner Städte. Ihre Integration erfordert Expertise, Weitsicht und Durchsetzungsvermögen – und ist die vielleicht größte Herausforderung und Chance der nachhaltigen Stadtentwicklung. Wer sie versteht und schützt, schafft die Grundlage für eine klimafitte, gesunde und lebenswerte Stadt. Und genau das ist es, was die G+L-Community antreibt: die Landschaft zum Motor der Zukunft zu machen.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.