Wie Addis Abeba Fußwege als Primärinfrastruktur aufwertet

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Menschen auf dem Gehweg neben einem braunen Betongebäude am Tag in der nachhaltigen Stadt. Foto von Miguel A Amutio.

Wer glaubt, Fußwege seien nur schmales Beiwerk der Stadt, irrt gewaltig: In Addis Abeba gilt der Trottoir als sozialer und ökonomischer Hauptschlagader – und ist auf dem besten Weg, zur Primärinfrastruktur einer neuen, nachhaltigen Stadtentwicklung zu avancieren. Was steckt hinter dieser urbanen Fußweg-Offensive? Und was können deutschsprachige Städte davon lernen?

  • Fußwege in Addis Abeba werden erstmals als strategische Primärinfrastruktur behandelt – mit politischer Rückendeckung und umfassender Investition.
  • Historische und soziale Hintergründe: Warum Fußwege in der äthiopischen Hauptstadt eine Schlüsselrolle spielen.
  • Innovative Planungsansätze, die Fußgänger priorisieren und nachhaltige Mobilität fördern.
  • Technische und gestalterische Lösungen: Von der Materialwahl bis zur Integration von Grünflächen und urbaner Möblierung.
  • Soziale, wirtschaftliche und ökologische Effekte einer aufgewerteten Gehweginfrastruktur.
  • Die Herausforderungen: Flächenkonkurrenz, Finanzierung und kulturelle Akzeptanz.
  • Vergleich mit Entwicklungen im DACH-Raum – und Impulse für eine neue Fußwegkultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Schlussfolgerungen für Planer, Stadtverwaltungen und Entscheidungsträger.

Vom Nebenschauplatz zur Lebensader: Die Renaissance der Fußwege in Addis Abeba

In Addis Abeba, der dynamisch wachsenden Metropole am Horn von Afrika, erleben Fußwege ein unerwartetes Comeback. Was jahrzehntelang als Restfläche am Rande von Straßen wahrgenommen wurde, rückt nun ins Zentrum der Stadtplanung. Der Wandel beginnt mit einer schlichten Erkenntnis: In einer Stadt, in der ein Großteil der Bevölkerung auf das Zufußgehen angewiesen ist, dürfen Gehwege keine nachrangige Infrastruktur sein. Sie sind das Rückgrat des urbanen Alltags, die Bühne für sozialökonomische Interaktion und Mobilitätsgrundlage für Millionen.

Die Geschichte der Fußwege in Addis Abeba ist eng verknüpft mit der kolonial geprägten Stadtentwicklung und den Herausforderungen der rasanten Urbanisierung. Jahrzehntelang galt der motorisierte Individualverkehr als Leitbild moderner Mobilität, während Fußgänger auf improvisierte, oft unzusammenhängende Trampelpfade verwiesen wurden. Das Resultat: Verkehrschaos, Unfallhäufigkeit und eine fragmentierte Stadtstruktur, die den Alltag vieler Menschen erschwerte.

Mit dem Regierungswechsel der letzten Jahre und wachsendem internationalem Interesse an nachhaltigen Mobilitätslösungen vollzieht Addis Abeba nun eine radikale Kehrtwende. Fußwege werden gezielt als Primärinfrastruktur eingeordnet – nicht als kosmetische Ergänzung, sondern als zentrale Komponente der städtischen Daseinsvorsorge. Diese Neubewertung drückt sich in politischen Programmen, Fördermitteln und ambitionierten Masterplänen aus, die den öffentlichen Raum neu denken.

Der Paradigmenwechsel ist dabei alles andere als symbolisch. Die Stadt investiert systematisch in die Sanierung, Erweiterung und Gestaltung von Gehwegen, verfolgt eine eng getaktete Umsetzung und setzt auf messbare Verbesserungen der Lebensqualität. Fußwege werden als Orte der Begegnung, des Handels, der Bewegung und des sozialen Austauschs verstanden – und das mit einer Ernsthaftigkeit, die in europäischen Städten oft noch fehlt.

Gleichzeitig eröffnet diese Entwicklung neue Chancen für die Stadtgesellschaft. Fußwege avancieren zu multifunktionalen Räumen, in denen Mobilität, Klimaanpassung, lokale Ökonomie und soziale Inklusion Hand in Hand gehen. Addis Abeba zeigt, dass die Aufwertung des Gehwegs weit mehr ist als Stadtbildpflege: Sie ist ein politisches Bekenntnis zur nachhaltigen, inklusiven und resilienten Stadt.

Planung mit Weitblick: Innovative Strategien und technische Lösungen für urbane Gehwege

Die Aufwertung der Fußwege in Addis Abeba ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer strategisch angelegten, komplexen Planung. Im Zentrum stehen dabei die Integration von Fußwegen in sämtliche Ebenen der Stadtentwicklung und die konsequente Priorisierung nicht-motorisierter Mobilität. Wo andernorts noch das Auto dominiert, wird in Addis Abeba gezielt in die Infrastruktur für Zufußgehende investiert – von der politischen Willensbildung bis hin zu konkreten baulichen Maßnahmen.

Die Planer setzen dabei auf einen systemischen Ansatz. Fußwege werden nicht isoliert gedacht, sondern als Teil einer vernetzten, multimodalen Mobilitätsstrategie. Sie bilden die Verbindung zwischen Wohnquartieren, Arbeitsplätzen, Märkten, Schulen und öffentlichen Verkehrsknoten. Dieser Verknüpfungslogik liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Mobilität erst dann nachhaltig und gerecht ist, wenn sie für alle funktioniert – unabhängig von Einkommen, Alter oder physischen Voraussetzungen.

Technisch spiegelt sich die neue Wertschätzung in der Wahl robuster, lokal angepasster Materialien wider. Betonplatten, Naturstein und innovative Versickerungslösungen sorgen für Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen Belastungen. Gleichzeitig wird großer Wert auf Barrierefreiheit gelegt: Niveaugleiche Übergänge, taktile Leitsysteme und ausreichend breite Gehwege sind Standard in neuen Planungsrichtlinien. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Inklusion geleistet und das städtische Leben für alle zugänglich gemacht.

Ein weiteres zentrales Element ist die Integration von Grünstrukturen. Bäume, Hecken und bepflanzte Mulden übernehmen nicht nur gestalterische Funktionen, sondern verbessern das Mikroklima, reduzieren die städtische Hitzeinselwirkung und fördern Biodiversität. In Kombination mit urbaner Möblierung – von Sitzbänken bis zu Beleuchtungslösungen – entstehen attraktive Aufenthaltsräume, die den öffentlichen Raum aufwerten und zur sozialen Belebung beitragen.

Gleichzeitig nutzt Addis Abeba digitale Werkzeuge zur Bedarfsanalyse und Planung. GIS-basierte Erhebungen, partizipative Mapping-Projekte und die Integration von Echtzeitdaten zu Fußgängerströmen ermöglichen es, gezielt Engpässe zu identifizieren und Maßnahmen nach Dringlichkeit zu priorisieren. Der Einsatz solcher Technologien steigert die Effizienz der Umsetzung und macht die Fußwegplanung resilient gegenüber zukünftigen Herausforderungen.

Die soziale, wirtschaftliche und ökologische Dimension der neuen Fußwegkultur

Die Aufwertung der Gehwege in Addis Abeba wirkt weit über den reinen Mobilitätsaspekt hinaus. Sie verändert das soziale Gefüge der Stadt und bringt neue Impulse für die lokale Wirtschaft. Fußwege sind in Addis Abeba traditionell nicht nur Verkehrsflächen, sondern auch soziale Treffpunkte, Marktplätze, Orte der informellen Ökonomie und kultureller Ausdruck. Ihre systematische Verbesserung erschließt diese Potenziale neu und stärkt die urbane Gemeinschaft.

Soziale Teilhabe ist ein zentrales Ziel der neuen Fußwegstrategie. Barrierefreie, sichere und durchgängig gestaltete Gehwege ermöglichen es auch Kindern, Senioren und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, am städtischen Leben teilzuhaben. Die Präsenz von Fußgängern erhöht wiederum die soziale Kontrolle und trägt zur Reduzierung von Kriminalität bei. Aufenthaltsqualität, Sichtbarkeit und soziale Interaktion werden gezielt gefördert – ein wichtiger Beitrag zu einer offenen und lebendigen Stadtgesellschaft.

Auch wirtschaftlich sind die Effekte beachtlich. Der Einzelhandel profitiert von erhöhter Passantenfrequenz, informelle Händler finden neue, bessere Rahmenbedingungen und der öffentliche Raum wird zum Katalysator für lokale Wertschöpfung. In Addis Abeba zeigt sich, dass gut gestaltete Fußwege nicht nur Kosten verursachen, sondern als Wirtschaftsfaktor fungieren, der Investitionen, Arbeitsplätze und Innovationen anzieht.

Ökologisch leisten die neuen Gehwege einen Beitrag zur Klimaanpassung und zur Reduktion des motorisierten Verkehrs. Durch die Förderung des Zufußgehens werden CO₂-Emissionen gesenkt, Lärm und Luftverschmutzung reduziert und die Lebensqualität insgesamt gesteigert. Insbesondere die Integration von Grün- und Versickerungsflächen hilft, städtische Überhitzung zu vermeiden und die Resilienz gegenüber Extremwetterereignissen zu stärken.

Die Transformation der Fußwege befördert damit eine neue, ganzheitliche Perspektive auf urbane Infrastruktur. Sie verdeutlicht, wie eng Mobilität, Soziales, Ökologie und Ökonomie im öffentlichen Raum miteinander verwoben sind – und wie vielschichtig die Wirkung von Investitionen in scheinbar unscheinbare Infrastrukturelemente sein kann.

Herausforderungen und Lehren für den deutschsprachigen Raum

Natürlich verläuft die Fußweg-Offensive in Addis Abeba nicht ohne Widerstände. Flächenkonkurrenz, begrenzte Haushaltsmittel, informelle Nutzungen und die Herausforderung, unterschiedlichste Interessen unter einen Hut zu bringen, stellen die Planer vor komplexe Aufgaben. Besonders die Umverteilung von Straßenraum zugunsten des Fußgängerverkehrs trifft auf Widerstände bei Autofahrern und etablierten Interessengruppen, die ihre Privilegien schwinden sehen.

Ein weiteres Problemfeld ist die nachhaltige Finanzierung. Während internationale Fördermittel und Entwicklungsbanken zu Beginn große Projekte unterstützen, bleibt die dauerhafte Unterhaltung und Pflege der Infrastruktur eine Herausforderung. Addis Abeba setzt hier auf neue Modelle der Public-Private-Partnership, lokale Steuerfinanzierung und eine stärkere Einbindung der Stadtgesellschaft in die Verantwortung für den öffentlichen Raum.

Kulturell gilt es, das Image des Zufußgehens aufzuwerten. In vielen wachsenden Metropolen wird das Auto nach wie vor als Statussymbol verstanden, während Zufußgehen mit Armut assoziiert wird. Hier ist ein Mentalitätswandel gefragt, der den öffentlichen Raum als Gemeingut und das Zu-Fuß-Gehen als erstrebenswerte, gesunde und moderne Mobilitätsform etabliert. Öffentlichkeitsarbeit, partizipative Projekte und sichtbare Erfolge sind Schlüsselfaktoren, um diese Transformation zu verankern.

Für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet die Entwicklung in Addis Abeba wichtige Impulse. Während der Fußverkehr in vielen europäischen Städten bereits einen hohen Stellenwert genießt, fehlt es oft an einer strategischen, stadtweiten Priorisierung und an Mut zur Flächenumverteilung. Das Beispiel Addis Abeba zeigt, dass der Fußweg nicht nur ein Nebenschauplatz, sondern ein zentrales Planungsfeld mit enormem Hebel für Nachhaltigkeit, Resilienz und soziale Integration sein kann.

Die Lehre für den deutschsprachigen Raum: Es braucht nicht nur punktuelle Verbesserungen, sondern eine neue Denkweise, die den Fußweg als Primärinfrastruktur begreift – mit eigener Strategie, eigenem Budget und politischer Rückendeckung. Nur so wird der öffentliche Raum zu einem Ort, an dem Mobilität, Teilhabe und Lebensqualität tatsächlich für alle möglich werden.

Fazit: Von Addis Abeba lernen – Fußwege als Schlüssel zur resilienten Stadt

Die Aufwertung der Gehwege in Addis Abeba ist mehr als ein Infrastrukturprojekt – sie ist ein urbanes Labor für zeitgemäße Stadtentwicklung. Die äthiopische Metropole demonstriert, dass nachhaltige Mobilität, soziale Inklusion und wirtschaftliche Vitalität nur dann gelingen, wenn der Fußweg ins Zentrum der Planung rückt. Mit innovativen Strategien, technischer Finesse und politischem Willen erhebt Addis Abeba den Gehweg zur Primärinfrastruktur – und setzt damit Maßstäbe, die bis nach Europa ausstrahlen.

Für Planer, Stadtverwaltungen und Entscheidungsträger im deutschsprachigen Raum ist das eine Einladung, den Blick zu weiten und den öffentlichen Raum neu zu denken. Es gilt, den Fußweg nicht länger als nachrangige Restfläche zu betrachten, sondern als Schlüssel zur nachhaltigen, resilienten und lebenswerten Stadt. Die Herausforderungen sind vielfältig – von der Flächenumverteilung über die Finanzierung bis zur kulturellen Akzeptanz. Doch das Beispiel Addis Abeba zeigt: Mit Mut, Kreativität und einer klaren Strategie ist eine urbane Zukunft möglich, in der der Fußweg mehr ist als nur ein Weg – sondern eine Lebensader für die Stadt von morgen.

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Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

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Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

S
BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.