Gabione Befüllt: Aufbau, Vorteile und Anwendung

Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Gabione Befüllt
Gabionenwand aus Steinen und Drahtgeflecht als robuste Gestaltungslösung im Außenraum. Foto: yi2026 / Unsplash

Eine befüllte Gabione ist weit mehr als ein aufgeschichteter Steinhaufen hinter Draht. Das Prinzip, einen Gitterkorb aus verzinktem oder beschichtetem Stahldraht mit Naturstein, Recyclingmaterial oder gestalterisch gewählten Füllstoffen zu füllen und damit tragfähige, flexible und ästhetisch wirksame Bauwerke zu errichten, hat sich in der Landschaftsarchitektur, im Ingenieurbau und in der Freiraumplanung als eigenständige Bautechnik etabliert. Wer gabione befüllt plant, entwirft, baut oder bewertet, bewegt sich an der Schnittstelle von Geotechnik, Materialwahl, Vegetationstechnik und Stadtgestaltung.

  • Was eine befüllte Gabione konstruktiv und materialwirtschaftlich ausmacht
  • Welche Füllmaterialien für welche Anforderungen geeignet sind und wie sie sich unterscheiden
  • Wie der Aufbau einer Gabionenkonstruktion fachgerecht geplant und ausgeführt wird
  • Welche statischen, entwässerungstechnischen und ökologischen Eigenschaften befüllte Gabionen besitzen
  • Wo Gabionen im Freiraum, im Straßenbau und in der Stadtplanung sinnvoll eingesetzt werden
  • Welche Normen, Richtlinien und Qualitätsanforderungen für Gabionenbauwerke gelten
  • Welche Fehler bei Planung, Befüllung und Unterhalt häufig auftreten und wie sie vermieden werden
  • Wie befüllte Gabionen im Kontext von Klimaanpassung, Biodiversität und nachhaltiger Freiraumgestaltung bewertet werden

Was eine befüllte Gabione ist: Definition, Konstruktionsprinzip und Abgrenzung

Der Begriff Gabione leitet sich vom italienischen Wort „gabbione“ ab, was so viel wie großer Käfig bedeutet. Eine Gabione ist ein Drahtkorb, der mit Steinen oder anderen Schüttgütern befüllt wird und als Bauelement für Stützmauern, Böschungssicherungen, Lärmschutzwände, Geländemöblierungen oder Wasserbauwerke dient. Das Prinzip ist denkbar einfach: Der Korb gibt der Füllung Form und Zusammenhalt, während die Füllung dem Korb Masse, Gewicht und Stabilität verleiht. Erst das Zusammenwirken beider Komponenten ergibt ein funktionsfähiges Bauteil.

Gabionen unterscheiden sich von konventionellen Betonmauern oder Natursteinmauern in einem entscheidenden Merkmal: Sie sind flexibel. Während eine starre Mauer auf Setzungen mit Rissen reagiert, kann eine Gabionenkonstruktion geringe Verformungen aufnehmen, ohne ihre Tragfähigkeit zu verlieren. Diese Eigenschaft macht sie besonders geeignet für Standorte mit inhomogenem Untergrund, für Hanglagen mit Rutschgefahr und für Uferbefestigungen, wo Wasserdruck und Erosion wechselnde Belastungen erzeugen. Gleichzeitig sind befüllte Gabionen wasserdurchlässig, was sie im Unterschied zu undurchlässigen Stützbauwerken für viele entwässerungstechnische Aufgaben prädestiniert.

Abzugrenzen sind Gabionen von einfachen Steinkörben ohne statische Funktion, wie sie manchmal als dekorative Gartenmöblierung verwendet werden, sowie von Sandsäcken oder Geotextilsäcken, die zwar ähnliche Schüttgutprinzipien nutzen, aber andere Materialeigenschaften und Anwendungsbereiche haben. Im professionellen Kontext bezeichnet gabione befüllt immer ein Bauteil mit definierten Anforderungen an Korb, Füllung, Fundament und Einbausituation.

Aufbau und Materialien: Korb, Füllung und Fundament

Der Drahtkorb bildet das tragende Gerüst jeder Gabionenkonstruktion. Er besteht in der Regel aus verzinktem Stahldraht, der zu einem Geflecht oder einem geschweißten Gitter verarbeitet wird. Für dauerhaft beanspruchte Bauwerke wird zusätzlich eine Kunststoffbeschichtung (PVC oder Polyester) aufgebracht, die den Korrosionsschutz erhöht. Die Maschenweite des Gitters richtet sich nach der Korngröße des Füllmaterials: Sie muss kleiner sein als das kleinste verwendete Steinkorn, damit kein Material austreten kann. Gängige Maschenweiten liegen zwischen 60 und 100 Millimetern für Standardanwendungen. Die Drahtdicke variiert je nach statischer Anforderung, typische Werte liegen zwischen 2,7 und 4,0 Millimetern für das Hauptgeflecht.

Das Füllmaterial ist die entscheidende Variable, die Funktion, Optik und Ökologie einer befüllten Gabione bestimmt. Naturstein ist das klassische und am häufigsten verwendete Füllmaterial. Geeignet sind harte, frostbeständige Gesteine wie Granit, Gneis, Basalt, Kalkstein oder Sandstein, sofern dieser ausreichend verwitterungsbeständig ist. Weiche oder poröse Gesteine, die unter Frost-Tau-Wechsel zerfallen, sind ungeeignet, da sie langfristig zu Setzungen und Stabilitätsverlust führen. Die Korngröße des Füllsteins sollte deutlich größer als die Maschenweite des Korbs sein; empfohlen werden in der Regel Korngrößen zwischen 100 und 300 Millimetern, je nach Korbgröße und Anwendung.

Neben Naturstein werden in der Praxis auch Recyclingmaterialien eingesetzt. Recyceltes Betonbruch, Ziegelbruch oder Schlacken können unter bestimmten Bedingungen als Füllung dienen, erfordern aber eine sorgfältige Prüfung auf Schadstofffreiheit, Frostbeständigkeit und Formstabilität. Für gestalterisch anspruchsvolle Anwendungen in der Freiraumplanung werden auch Gabionen mit Holzscheiten, Glas, Kork oder sogar Pflanzenmaterial befüllt, wobei diese Varianten in der Regel keine statischen Funktionen übernehmen und einem deutlich schnelleren Alterungsprozess unterliegen. Für Stützmauern und Böschungssicherungen bleibt Naturstein die fachlich empfohlene Wahl.

Das Fundament einer Gabionenkonstruktion wird häufig unterschätzt. Befüllte Gabionen sind schwer: Ein Kubikmeter Gabione mit Natursteinfüllung wiegt je nach Gestein und Packungsdichte zwischen 1.500 und 2.000 Kilogramm. Dieses Gewicht muss gleichmäßig auf den Untergrund abgetragen werden. Bei weichem oder setzungsempfindlichem Boden ist ein Fundament aus Magerbeton, einer verdichteten Schotterschicht oder einer Gabionenlage als Sohlschicht erforderlich. Fehlt eine ausreichende Gründung, entstehen Differenzsetzungen, die die Körbe verformen, die Verbindungselemente belasten und langfristig die Standsicherheit gefährden.

Statik, Entwässerung und Ökologie: Was befüllte Gabionen leisten

Die Standsicherheit einer Gabionenstützmauer beruht auf dem Eigengewicht der Konstruktion. Gabionen sind Schwergewichtsbauwerke: Sie widerstehen dem Erddruck des Hinterfüllbodens durch ihre Masse, nicht durch Biegefestigkeit oder Verankerung. Das bedeutet, dass die Standsicherheit mit zunehmender Wandhöhe überproportional von der Basisbreite abhängt. Für freistehende Gabionenwände gilt als Faustregel, dass die Basisbreite mindestens die Hälfte bis zwei Drittel der Wandhöhe betragen sollte. Für Wandhöhen über zwei Meter ist eine statische Berechnung durch einen Fachingenieur zwingend erforderlich, da die Erddruckverhältnisse, die Fundamenttragfähigkeit und die Verbindungsdetails zwischen den einzelnen Körben einer genauen Analyse bedürfen.

Die Wasserdurchlässigkeit ist eine der herausragenden technischen Eigenschaften befüllter Gabionen. Das Hohlraumvolumen zwischen den Steinen beträgt je nach Packungsdichte und Kornform zwischen 25 und 40 Prozent des Gesamtvolumens. Wasser kann durch diese Hohlräume frei abfließen, ohne Staudruck aufzubauen. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber undurchlässigen Stützmauern, die bei Starkregen oder Schneeschmelze durch hydrostatischen Druck belastet werden. Für Uferbefestigungen, Regenrückhaltebecken und Entwässerungsanlagen in der Landschaftsarchitektur ist diese Eigenschaft von unmittelbarer Bedeutung. Im Kontext der Schwammstadt und der blaugrünen Infrastruktur können Gabionenbauwerke gezielt als versickerungsfähige Elemente in Entwässerungskonzepte integriert werden.

Ökologisch bieten befüllte Gabionen mit Natursteinfüllung erhebliche Potenziale. Die Hohlräume zwischen den Steinen schaffen Lebensraum für Insekten, Spinnen, Eidechsen und Kleinsäuger. Trockenmauern und Steinschüttungen gelten in der Naturschutzpraxis als wertvolle Sekundärhabitate in der Kulturlandschaft, und Gabionen mit grober Natursteinfüllung erfüllen ähnliche ökologische Funktionen. Wenn die Körbe an der Oberfläche oder in Fugen mit Erde und Saatgut trockenheitstoleranter Pflanzen ergänzt werden, entstehen Vegetationsstrukturen, die Biodiversitätsziele in der Freiraumplanung unterstützen. Einige Hersteller bieten speziell für Begrünungsanwendungen konzipierte Gabionensysteme an, bei denen die Körbe mit Substrat und Pflanzenmaterial kombiniert werden.

Anwendungsfelder in der Landschaftsarchitektur und im Städtebau

Gabione befüllt findet in einem breiten Spektrum von Planungsaufgaben Anwendung. Im Straßen- und Wegebau dienen Gabionenwände der Böschungssicherung an Einschnitten und Dämmen, wo der Platzbedarf für flachere Böschungsneigungen nicht vorhanden ist. Im Vergleich zu Betonwinkelstützmauern sind Gabionen oft kostengünstiger herzustellen, einfacher zu transportieren und auf der Baustelle ohne schweres Schalungsgerät zu errichten. Ihr Erscheinungsbild fügt sich in naturnahe Landschaften besser ein als glatte Betonoberflächen.

In der städtischen Freiraumplanung werden Gabionen als Sitzmauern, Treppenwangen, Geländer, Sichtschutzwände und Lärmschutzbauten eingesetzt. Ihre Materialität, die Textur des Steins durch das Drahtgeflecht sichtbar, verleiht Plätzen, Schulhöfen, Parkanlagen und öffentlichen Räumen eine robuste, handwerklich anmutende Qualität, die sich von industriell gefertigten Betonfertigteilen abhebt. Besonders in der Gestaltung von Schulfreiflächen, Sportanlagen und Quartiersplätzen haben sich Gabionen als langlebige und vandalismussichere Möblierungselemente bewährt.

Im Wasserbau und in der Renaturierung von Fließgewässern gehören Gabionen zu den etablierten Sicherungsmethoden. Uferbefestigungen aus befüllten Gabionenkörben können Erosion verhindern, ohne die Gewässerdynamik vollständig zu unterbinden. Wenn die Körbe mit standortgerechten Weidenstecklingen oder anderen Ufergehölzen bepflanzt werden, entsteht eine ingenieurbiologische Kombination, bei der die Gabione die Initialstabilisierung übernimmt und die Vegetation langfristig die Sicherungsfunktion mit übernimmt. Diese Methode ist in der Regelwerkssammlung der deutschen Ingenieurbiologie beschrieben und in der Praxis der Gewässerrenaturierung weit verbreitet.

Lärmschutzwände aus Gabionen kombinieren die akustische Wirksamkeit massiver Schüttgutbauwerke mit gestalterischen und ökologischen Vorteilen. Die unregelmäßige Steinoberfläche streut Schallwellen diffus, was die akustische Wirkung gegenüber glatten Flächen verbessert. Gleichzeitig bieten begrünte Gabionenlärmschutzwände entlang von Verkehrswegen Lebensraum und Vernetzungskorridore für Kleintiere in der fragmentierten Stadtlandschaft.

Normen, Richtlinien und Qualitätsanforderungen

Für Gabionenbauwerke mit statischer Funktion gelten in Deutschland und im europäischen Raum verschiedene normative Grundlagen. Die europäische Produktnorm EN 10223-3 regelt die Anforderungen an Drahtgeflechte für Gabionen, einschließlich Drahtdurchmesser, Zugfestigkeit und Korrosionsschutz. Für die Bemessung von Stützbauwerken aus Gabionen sind die allgemeinen geotechnischen Normen der Eurocode-Reihe, insbesondere EN 1997 (Eurocode 7, Geotechnik), heranzuziehen. In der Praxis arbeiten Planer und Ingenieure häufig mit den technischen Lieferbedingungen und Bemessungsanleitungen der Hersteller, die auf diesen Normen aufbauen und produktspezifische Kennwerte liefern.

Die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) hat im Bereich der Ingenieurbiologie und der Freiraumplanung Regelwerke erarbeitet, die auch den Einsatz von Gabionen in Kombination mit Begrünungsmaßnahmen behandeln. Für den Wasserbau und die Gewässerrenaturierung liefern die Regelwerke der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) sowie die Merkblätter der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) relevante Hinweise für die Planung und Ausführung von Gabionenbauwerken an Gewässern.

Qualitätsanforderungen an das Füllmaterial sind in der Praxis nicht immer normativ geregelt, sollten aber in der Ausschreibung und im Leistungsverzeichnis klar definiert werden. Relevante Parameter sind die Druckfestigkeit des Gesteins, die Frostbeständigkeit (geprüft nach einschlägigen Prüfnormen), die Korngrößenverteilung und die Kornform. Plattige oder splittrige Steine mit ungünstiger Kornform können die Stabilität der Füllung beeinträchtigen, weil sie sich unter Last verschieben. Rundliche bis gebrochene Steine mit einer Länge-Breite-Relation von maximal 3:1 sind für die Befüllung von Gabionen geeignet.

Häufige Planungs- und Ausführungsfehler bei befüllten Gabionen

Der häufigste Fehler bei der Planung von Gabionenkonstruktionen ist die Unterschätzung der Gründungsanforderungen. Weil Gabionen optisch leicht und handlich wirken, wird das Fundament oft vernachlässigt. Tatsächlich erzeugen schwere Gabionenwände erhebliche Sohldrücke, die ohne ausreichende Gründung zu Setzungen, Schiefstellungen und im schlimmsten Fall zum Versagen der Konstruktion führen. Eine geotechnische Voruntersuchung des Baugrundes ist bei Wandhöhen über einem Meter grundsätzlich empfehlenswert.

Ein weiterer verbreiteter Fehler betrifft die Verbindung zwischen einzelnen Gabionenkörben. Körbe, die lediglich nebeneinandergestellt werden, ohne durch Verbindungsdrähte, Klammern oder Verbindungsspiralen miteinander verbunden zu sein, können unter Erddruck auseinanderweichen. Fachgerechte Ausführung erfordert, dass benachbarte Körbe an allen Kontaktflächen systematisch verbunden werden, sodass die Konstruktion als monolithisches Schwergewichtsbauwerk wirkt.

Beim Befüllen selbst entstehen Fehler, wenn die Steine unkontrolliert in den Korb geschüttet werden. Das führt zu einer ungleichmäßigen Packungsdichte, zu Hohlräumen nahe der Sichtfläche und zu einem unruhigen Erscheinungsbild. Fachgerechte Ausführung sieht vor, dass die Sichtflächen von Hand geschichtet werden, während der Kern maschinell oder von Hand befüllt werden kann. Dabei sollten die Steine möglichst eng gepackt sein, um Nachsetzungen zu minimieren. Besonders bei gestalterisch anspruchsvollen Anwendungen in der Freiraumplanung ist die Qualität der Sichtfläche ein wesentliches Qualitätsmerkmal.

Schließlich wird die Hinterfüllung hinter Gabionenstützmauern häufig fehlerhaft ausgeführt. Wenn der Hinterfüllboden nicht lagenweise verdichtet wird, entstehen Hohlräume, die sich nach Regenfällen setzen und die Gabionenwand durch ungleichmäßigen Erddruck belasten. Eine Filterschicht aus grobem Kies oder ein Geotextil zwischen Hinterfüllboden und Gabionenwand verhindert, dass Feinmaterial in die Hohlräume der Gabione gespült wird und diese langfristig verstopft, was die Wasserdurchlässigkeit beeinträchtigen würde.

Unterhalt, Lebensdauer und Nachhaltigkeit befüllter Gabionen

Befüllte Gabionen aus hochwertigen Materialien sind bei fachgerechter Ausführung sehr langlebig. Der Naturstein selbst ist praktisch wartungsfrei; er verwittert über Jahrzehnte kaum merklich. Das schwächste Glied der Konstruktion ist der Drahtkorb. Verzinkter Stahl korrodiert unter aggressiven Umweltbedingungen, insbesondere in Bereichen mit hoher Luftfeuchtigkeit, Salzbelastung (Küstenlagen, Straßenstreusalz) oder chemischer Belastung. Zusätzliche Kunststoffbeschichtungen verlängern die Lebensdauer erheblich; für Bauwerke in Salzwassernähe oder im direkten Kontakt mit Streusalz sollten besonders widerstandsfähige Beschichtungen oder Edelstahldraht gewählt werden.

Regelmäßige Inspektionen sollten die Korrosion des Drahtes, die Integrität der Verbindungselemente und mögliche Setzungen oder Verformungen der Körbe erfassen. Einzelne beschädigte Körbe können in der Regel repariert oder ausgetauscht werden, ohne die gesamte Konstruktion demontieren zu müssen. Das ist ein Vorteil gegenüber Betonbauwerken, bei denen lokale Schäden oft aufwendige Eingriffe erfordern.

Aus Nachhaltigkeitsperspektive schneiden Gabionen mit Natursteinfüllung gut ab. Naturstein ist ein nahezu unbegrenzt verfügbares, nicht brennbares, nicht toxisches Material, das am Ende der Nutzungsdauer vollständig wiederverwendet oder recycelt werden kann. Der Energieeinsatz für die Herstellung ist im Vergleich zu Beton oder Stahl gering. Wenn regionale Steine verwendet werden, sinken Transportaufwand und Transportemissionen weiter. Die Verwendung von Recyclingmaterialien als Füllung verbessert die Ökobilanz zusätzlich, sofern die Materialqualität den Anforderungen entspricht.

Befüllte Gabionen im Kontext der klimaangepassten Freiraumplanung

Die Klimaanpassung städtischer Freiräume stellt Planende vor die Aufgabe, Bauwerke zu entwickeln, die gleichzeitig robust, wasserdurchlässig, ökologisch wertvoll und gestalterisch integrierbar sind. Befüllte Gabionen erfüllen mehrere dieser Anforderungen gleichzeitig. Ihre Wasserdurchlässigkeit macht sie zu einem geeigneten Element in Konzepten der Schwammstadt, wo Regenwasser möglichst nah am Ort des Anfalls versickert, gespeichert oder verdunstet werden soll. Gabionenwände entlang von Parkwegen, Schulhöfen oder Plätzen können als versickerungsfähige Randeinfassungen dienen, die Oberflächenwasser aufnehmen und in den Untergrund ableiten.

Die thermische Masse von Natursteingabionen trägt zur Abmilderung von Hitzeereignissen in städtischen Räumen bei. Schwere Steinkonstruktionen speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts langsam ab, was die Temperaturschwankungen im direkten Umfeld dämpft. Dieser Effekt ist zwar geringer als bei großflächigen Begrünungsmaßnahmen, aber in Kombination mit Bepflanzung und Bewässerungskonzepten ein nützlicher Beitrag zur Hitzeminderung.

Gabione befüllt ist, wenn sie fachgerecht geplant, mit geeignetem Material befüllt und in ein durchdachtes Gesamtkonzept eingebettet wird, ein Bauteil von hoher Vielseitigkeit und langer Lebensdauer. Es verbindet ingenieurwissenschaftliche Präzision mit gestalterischer Qualität und ökologischer Wirksamkeit. Planer, die diese Eigenschaften kennen und gezielt nutzen, verfügen über ein Werkzeug, das in der Landschaftsarchitektur, im Ingenieurbau und in der Stadtplanung gleichermaßen zu Hause ist und das die Anforderungen an zukunftsfähige, klimaangepasste Freiräume auf überzeugende Weise erfüllen kann.

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Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

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Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

S
BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.