Gebäudebegrünung 2.0 – neue Materialien, Systeme und Wartungsansätze

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Grüne Bäume und weiße Stadthochhäuser im Tageslicht – Foto von Babak Habibi

Grüne Fassaden, lebendige Dächer und smarte Wände: Gebäudebegrünung ist nicht mehr nur ein grünes Feigenblatt für das gute Stadtgewissen. Sie ist längst Hightech, Materialwissenschaft und nachhaltige Strategie in einem. Herkömmliche Systeme stoßen an Grenzen – Gebäudebegrünung 2.0 verspricht den Sprung vom Prestige-Objekt zur klimawirksamen Stadtinfrastruktur. Was ist wirklich neu? Wer setzt Maßstäbe? Und wie sieht die Zukunft der urbanen Vegetation aus?

  • Gebäudebegrünung 2.0: Der Wandel von der Zierde zur klimaaktiven Stadttechnik
  • Innovative Materialien: Substrate, Membranen und smarte Oberflächen auf dem Prüfstand
  • Systemlösungen: Modulare Begrünung, Fassadenmodule, Retentionssysteme und Biodiversitätsförderung
  • Neue Wartungsansätze: Digitalisierung, Sensorik und vorausschauende Pflegekonzepte
  • Praxisbeispiele aus DACH: Wo Gebäudebegrünung heute schon systemrelevant wird
  • Herausforderungen: Normen, Brandschutz, Bauphysik und urbane Klimaziele
  • Rolle für Stadtplanung und Landschaftsarchitektur: Synergien, Partizipation und Governance
  • Chancen und Risiken: Technologische Abhängigkeiten, Pflegeaufwand und Klimaanpassung
  • Fazit: Gebäudebegrünung als integraler Bestandteil der resilienten Stadtentwicklung

Gebäudebegrünung 2.0 – Von der grünen Zierde zur urbanen Infrastruktur

Gebäudebegrünung war einst das Sahnehäubchen auf dem ökologischen Stadtbild: ein paar Efeuranken, eine Dachwiese, vielleicht ein begrüntes Carport für die Unternehmensbroschüre. Heute ist das Thema sprichwörtlich aus den Kinderschuhen herausgewachsen – und zwar mit rasantem Tempo. Die urbanen Hitzeinseln wachsen, der Starkregen nimmt zu, die Anforderungen an die Klimaanpassung werden konkreter. Begrünte Gebäude sind kein ökologischer Luxus mehr, sondern ein Muss.

Die klassische Dach- oder Fassadenbegrünung – also extensiv bewachsene Flächen auf Dächern oder einfache Rankhilfen an Fassaden – stößt jedoch an ihre Grenzen. Gründe dafür sind nicht nur gestiegene Erwartungen an Wasserrückhalt, Temperaturdämpfung, Biodiversität und Langlebigkeit. Auch die Bauphysik stellt neue Anforderungen: Von Traglasten über Brandschutz bis zum Feuchtemanagement muss heute alles zusammenspielen. Gebäudebegrünung 2.0 bezeichnet eine neue Generation von Systemen, die über die rein dekorative Funktion hinauswachsen. Sie werden zu multifunktionalen Stadtbausteinen, die Regenwasser puffern, Feinstaub binden, Insekten schützen und gleichzeitig architektonische Akzente setzen.

Ein entscheidender Treiber dieses Wandels ist die Integration in städtische Klimaanpassungsstrategien. Immer mehr Kommunen in Deutschland, Österreich und der Schweiz schreiben Dach- oder Fassadenbegrünung nicht nur vor, sondern fördern gezielt innovative Ansätze. Förderprogramme, Bebauungspläne, aber auch Wettbewerbe für nachhaltige Quartiere setzen klare Zeichen. Doch diese Dynamik stellt Planer, Landschaftsarchitekten und Investoren vor neue Fragen: Welche Systeme bieten langfristige Sicherheit? Wie lassen sich Pflege und Wartung möglichst effizient gestalten? Und mit welchem technologischen Aufwand ist zu rechnen?

Die Branche antwortet mit einer bemerkenswerten Innovationsfreude. Neue Materialkombinationen, smarte Substrate, digitale Monitoringlösungen und modulare Bauweisen eröffnen Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Gebäudebegrünung wird zum Hightech-Feld, bei dem interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Stadtplanern, Bauingenieuren, Biologen und IT-Experten Voraussetzung ist.

Doch trotz aller Euphorie bleibt die Frage: Wie viel Innovation verträgt die Praxis? Besonders in der Sanierung und im Bestand gibt es häufig Zielkonflikte zwischen gestalterischem Anspruch, technischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Effizienz. Wer Gebäudebegrünung auf die nächste Stufe heben will, braucht ein feines Gespür für diese Balance. Ein Blick auf die aktuellen Trends und Herausforderungen zeigt, in welche Richtung sich das Feld entwickelt.

Materialrevolution auf dem Dach und an der Fassade: Was wirklich neu ist

Die Auswahl geeigneter Materialien entscheidet heute über Erfolg oder Scheitern eines Begrünungsprojekts. Während früher oft Standard-Substrate und einfache Kunststoffwannen genügten, setzen die neuen Systeme auf Ingenieurskunst. Herzstück moderner Gründächer sind beispielsweise Substrate mit exakt definierten Kornzusammensetzungen, die nicht nur Pflanzenwachstum fördern, sondern auch Retentionsfähigkeit, Nährstoffmanagement und Dauerhaftigkeit optimieren. Mineralische Substrate mit Recyclinganteilen, kapillaraktive Speicherschichten und leichte, tragfähige Schäume sind dabei State of the Art.

Ein weiterer Innovationsschub kommt aus der Materialforschung für Fassadenbegrünungen. Hier reichen die Entwicklungen von Textilmodulen mit eingebetteten Bewässerungsschläuchen bis hin zu bioaktiven Membranen, die auf Mikroflora und Pilzsymbiosen setzen. Besonders spannend sind sogenannte „Living Walls“, bei denen Pflanzenmodule auf Trägersystemen befestigt und mit Sensorik überwacht werden. Diese Systeme regulieren Feuchtigkeit, Nährstoffversorgung und Lichtbedarf automatisiert und können sich so an wechselnde Klimabedingungen anpassen.

Neben den Substraten und Trägersystemen sind auch die Befestigungstechniken ein Feld für Innovationen. Neue Steckverbindungen, Leichtbaukonstruktionen und flexible Modulgrößen ermöglichen eine weitgehende Vorfertigung und damit schnellere Montagezeiten. Das reduziert nicht nur Kosten und Baustellenzeiten, sondern erhöht auch die Planungs- und Ausführungssicherheit – ein entscheidender Faktor bei der Integration in komplexe Stadtquartiere oder denkmalgeschützte Bausubstanz.

Auch das Thema Nachhaltigkeit wird auf Materialebene neu gedacht. Statt Primärrohstoffe kommen immer häufiger Recyclingmaterialien, nachwachsende Rohstoffe und biologisch abbaubare Komponenten zum Einsatz. In der Schweiz etwa werden Gründachsysteme aus aufbereiteten Ziegelschlämmen und mineralischen Industrieabfällen erprobt, die eine exzellente Wasserspeicherung bei minimalem Gewicht bieten. Für die langfristige Biodiversität werden zudem Saatgutmischungen mit lokal angepassten Wildpflanzenarten verwendet, um Monokulturen und invasive Arten zu vermeiden.

Die neuen Materialien und Systeme sind jedoch nicht ohne Herausforderungen. Sie erfordern ein tiefes Verständnis von Bauphysik, Pflanzenökologie und Stadtklima. Fehler in der Materialwahl können teure Folgeschäden verursachen – von Feuchteschäden über Algenbildung bis zum Totalausfall der Bepflanzung. Deshalb sind fachkundige Beratung, Testflächen und Pilotprojekte heute wichtiger denn je, bevor innovative Materialien großflächig in Serie gehen.

Systemlösungen und Digitalisierung: Begrünung als intelligente Stadtbausteine

Mit der Materialrevolution geht eine Systematisierung der Gebäudebegrünung Hand in Hand. Modulare Bausätze, vorkonfektionierte Begrünungselemente und digitale Schnittstellen machen die Planung und Umsetzung effizienter und sicherer. Besonders im Trend liegen sogenannte Plug-and-Play-Systeme für Dächer und Fassaden, bei denen Substrat, Bewässerung, Drainage und Bepflanzung als Einheit geliefert und installiert werden. Diese Systeme ermöglichen eine präzise Steuerung der wichtigsten Parameter – von der Wasserversorgung über das Nährstoffmanagement bis zur Temperaturregelung.

Ein Schlüsselfaktor für die Funktionsfähigkeit dieser Systeme ist die Digitalisierung. Sensoren erfassen in Echtzeit Bodenfeuchte, Substrattemperatur, Lichtverhältnisse und Nährstoffgehalte. Die Daten werden über IoT-Schnittstellen an zentrale Steuerungen weitergeleitet, wo Algorithmen die optimale Bewässerung und Düngung berechnen. Für Wartungsteams bedeutet das: weniger Kontrollgänge, gezieltere Eingriffe und eine erhebliche Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Gerade bei großflächigen oder schwer zugänglichen Gebäuden – etwa Hochhäusern oder Industrieanlagen – ist dieser Ansatz ein Game Changer.

Auch die Integration in die städtische Infrastruktur wird durch digitale Tools erleichtert. Neue Software-Lösungen erlauben es, Begrünungssysteme in das Gebäudemanagement einzubinden, Wartungsintervalle zu dokumentieren und die ökologische Wirkung in Echtzeit zu überprüfen. Städte wie Berlin oder Zürich testen bereits Plattformen, die Gebäudebegrünungen stadtweit erfassen, deren Zustand überwachen und so gezielt Fördermittel oder Sanierungsmaßnahmen steuern können.

Die Systematisierung ermöglicht zudem eine stärkere Ausrichtung auf unterschiedliche ökologische Zielsetzungen. Es gibt Begrünungssysteme, die auf maximale Biodiversität, andere, die auf Retentionsleistung und wieder andere, die auf mikroklimatische Effekte optimiert sind. Auch Kombinationen sind möglich, etwa wenn Retentionsdächer mit Solar-Panels und extensiver Vegetation kombiniert werden – eine Symbiose, die sowohl Energiegewinnung als auch Kühlung maximiert.

Gleichzeitig wächst die Komplexität der Planung. Systemlösungen müssen mit Brandschutzkonzepten, Statik, Wartungslogistik und den Anforderungen der Nutzer abgestimmt werden. Die Rolle von Landschaftsarchitekten und Stadtplanern verschiebt sich – sie werden zu Schnittstellenmanagern, die Technik, Ökologie und Nutzerbedürfnisse koordinieren und die Integration in die Stadtstruktur sichern.

Neue Wartungsstrategien: Von der Handarbeit zum datengetriebenen Service

Die beste Begrünung nützt nichts, wenn sie nach wenigen Jahren vertrocknet, veralgt oder zur Insektenwüste verkommt. Wartung und Pflege sind die Achillesferse vieler Projekte – und der entscheidende Faktor für langfristige Funktion. Gebäudebegrünung 2.0 setzt deshalb auf ein völlig neues Verständnis von Wartung, das weit über klassische Gießdienste oder Rückschnitte hinausgeht.

Der Schlüssel liegt in der vorausschauenden, datenbasierten Pflege. Moderne Begrünungssysteme nutzen Sensorik, um frühzeitig Stressfaktoren wie Trockenheit, Nährstoffmangel oder Schädlingsbefall zu erfassen. Über cloudbasierte Dashboards erhalten Wartungsteams exakte Hinweise, wann und wo Handlungsbedarf besteht. Das spart nicht nur Kosten, sondern erhöht auch die Lebensdauer und ökologische Wirksamkeit der Anlagen. Selbstlernende Algorithmen werten historische Daten aus, erkennen Muster und schlagen automatische Anpassungen bei Bewässerungs- oder Düngeplänen vor.

Auch die Organisation der Wartung verändert sich. Immer häufiger werden spezialisierte Serviceunternehmen eingebunden, die nicht mehr nur nach Aufwand abrechnen, sondern erfolgsabhängige Wartungsverträge anbieten. Hierbei werden ökologische Indikatoren wie Artenvielfalt, Blühintensität oder Insektenvorkommen als Erfolgskriterien definiert. Das verändert die Anreizstrukturen und sorgt dafür, dass Pflege nicht als Kostenfaktor, sondern als Wertschöpfung verstanden wird.

Besonders spannend sind Ansätze aus dem Bereich Predictive Maintenance, also der vorausschauenden Instandhaltung. Sie ermöglichen es, Wartungseinsätze exakt zu planen und teure Notfalleinsätze zu vermeiden. Beispielsweise können Sensoren Feuchteverluste im Substrat erkennen, bevor Pflanzen Schaden nehmen. Oder Algorithmen melden, wenn sich Algenbefall anbahnt und eine frühzeitige Reinigung notwendig wird. Dadurch verschiebt sich die Rolle der Pflegekräfte: Sie werden zu Datenmanagern, die mit Tablets und Drohnen arbeiten und die Gebäudevegetation aus der Ferne steuern.

Natürlich bleiben Herausforderungen: Die Systeme sind anfällig für Störungen, benötigen Schulung und Akzeptanz, und nicht jede Immobilie ist für datengetriebene Wartung geeignet. Gerade im Bestand oder bei kleinen Projekten kann der Aufwand für Sensorik und Vernetzung den Nutzen übersteigen. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt, um den richtigen Technologiemix zu finden – und die Wartung so zu organisieren, dass sie ökologisch und wirtschaftlich Sinn macht.

Praxis, Governance und Zukunft: Gebäudebegrünung als Schlüssel zur resilienten Stadt

Die neuen technischen Möglichkeiten machen Gebäudebegrünung attraktiver, effizienter und nachhaltiger. Doch sie werfen auch Fragen zur Governance, zur Verantwortung und zu den gesellschaftlichen Zielsetzungen auf. Wer entscheidet, welche Systeme zum Einsatz kommen? Wer kontrolliert die Qualität? Und wer trägt die langfristigen Kosten und Risiken?

Ein Blick in die Praxis zeigt, dass erfolgreiche Projekte fast immer das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Planern, Eigentümern, Kommunen und Nutzern sind. Städte wie Wien und Basel setzen auf verbindliche Vorgaben für Dach- und Fassadenbegrünung, flankiert von Förderprogrammen und klaren Qualitätsstandards. In Hamburg gibt es eine stadtweite Gründachstrategie, die von der Wirtschaftsförderung bis zum Gebäudemanagement reicht. Entscheidend ist dabei, dass Gebäudebegrünung nicht als isolierte Maßnahme, sondern als integraler Bestandteil der Stadtentwicklung verstanden wird – verankert in Bebauungsplänen, Klimaschutzkonzepten und Mobilitätsstrategien.

Die Rolle der Partizipation wird wichtiger. Begrünte Gebäude bieten Flächen für Urban Gardening, Biodiversitätsprojekte oder soziale Treffpunkte. In Zürich etwa werden Dachgärten als Gemeinschaftsflächen geplant, die von Anwohnern gepflegt und genutzt werden. Das erhöht nicht nur die Akzeptanz, sondern schafft auch Identifikation und Verantwortungsbewusstsein – ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor für die Langlebigkeit von Begrünungsanlagen.

Technologische Innovationen bergen allerdings auch Risiken. Je komplexer die Systeme, desto größer die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern, digitalen Plattformen oder Wartungsdienstleistern. Hier ist Transparenz gefragt: Offene Standards, nachvollziehbare Monitoringdaten und klare Verantwortlichkeiten sind die Voraussetzung für Vertrauen und Nachhaltigkeit. Auch die Gefahr einer „Greenwashing“-Welle ist real: Nicht jede modische Pflanzenwand leistet einen Beitrag zum Stadtklima oder zur Artenvielfalt. Es braucht klare Kriterien und unabhängige Bewertungssysteme, um echten Mehrwert von Scheinlösungen zu unterscheiden.

Die Zukunft der Gebäudebegrünung liegt in der Verschränkung von Technik, Ökologie und Sozialem. Begrünte Gebäude werden zu Lernorten für Klimaanpassung, zu Experimentierflächen für neue Materialien und zu Symbolen für eine lebenswerte Stadt. Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Bauherren sind gefordert, diese Entwicklung aktiv zu gestalten – mit Mut zu Innovation, aber auch mit dem Blick für die Realität vor Ort.

Fazit: Gebäudebegrünung 2.0 – Die grüne Infrastruktur von morgen entsteht heute

Gebäudebegrünung hat den Sprung von der dekorativen Nische zur systemrelevanten Stadttechnik geschafft. Neue Materialien, intelligente Systeme und datengetriebene Wartungskonzepte machen sie leistungsfähiger, nachhaltiger und planbarer denn je. Doch die Technik allein reicht nicht – es braucht auch mutige Stadtplanung, klare Governance und eine breite gesellschaftliche Unterstützung. Wer jetzt auf Gebäudebegrünung 2.0 setzt, investiert nicht nur in die ökologische Resilienz der Stadt, sondern auch in Lebensqualität, soziale Innovation und architektonische Vielfalt. Die grüne Infrastruktur von morgen entsteht heute – und sie wird so lebendig, intelligent und zukunftsfähig sein, wie wir es wagen, sie zu gestalten. Das ist keine Vision mehr, sondern eine anspruchsvolle Aufgabe für alle, die Städte wirklich lebenswert machen wollen.

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Mit seinem einzigartigen Look verbindet der Experimenta-Platz in Heilbronn, gestaltet von uniola AG und von K GmbH, die prägnanten Bauten und die Parkflächen der Kraneninsel. Foto: von K GmbH
Mit seinem einzigartigen Look verbindet der Experimenta-Platz in Heilbronn, gestaltet von uniola AG und von K GmbH, die prägnanten Bauten und die Parkflächen der Kraneninsel. Foto: von K GmbH

Von der repräsentativen Freifläche zur grünen Stadtoase: Seit 2019 entwickelt sich der zentrale Platz auf der Kraneninsel in Heilbronn kontinuierlich weiter. Mit Nebelanlage und Klimawald ist er jetzt ein urbaner Ort zum Durchatmen. Die Büros von K GmbH und uniola AG berichten in ihrer Projektvorstellung über dessen Gestaltung.

Kontinuierliche Weiterentwicklung

Die experimenta im baden-württembergischen Heilbronn gilt mit rund 25 000 Quadratmeter Fläche als das größte Science Center Deutschlands. Menschen aller Alternsgruppen bekommen hier die Möglichkeit, Naturwissenschaft und Technik zu entdecken und zu begreifen. Verortet ist die Lern- und Erlebniswelt mitten im Stadtzentrum von Heilbronn auf der Kraneninsel im Neckaruferpark. Dabei wurde die ursprüngliche Wissensausstellung im historischen Hagenbucher-Speicher im Jahr 2019 zur Bundesgartenschau (BUGA) um einen Neubau – ebenfalls auf der Neckarinsel – erweitert.

Zwischen dem alten und neuen experimenta-Gebäude spannt sich jetzt ein rund 7 000 Quadratmeter großer Platz. Die repräsentative Fläche, die zur Eröffnung der Bundesgartenschau 2019 fertiggestellt wurde, stellt mit ihrer Gestaltung die visuelle Verbindung zwischen dem ursprünglichen Gebäude und dem futuristischen Neubau dar. Seither entwickelt sich der Platz optisch als auch in seiner Funktionalität kontinuierlich weiter, wie die folgende Beschreibung der gestalterischen Etappen zeigt – vom charakteristischen Look bis hin zur klimawirksamen Begrünung.

Architektonisches Bindeglied

Die erste gestalterische Planung des Experimenta-Platzes entwarfen die Landschaftsarchitekt*innen der uniola AG anhand des Wettbewerbskonzeptes, das durch das Büro von K GmbH baulich umgesetzt wurde. Seit der Fertigstellung 2019 hat das Team der von K GmbH die Freianlagen mehrfach auf Basis der ursprünglichen Gestaltung weiterentwickelt. Optisch präsentiert sich der Platz mit Wiedererkennungswert: Als homogener Teppich verbindet er die Parkflächen der Kraneninsel mit den beiden prägnanten Bauten und nimmt mit dem Neckar über terrassierte Sitzstufen Kontakt im Kontext der angrenzenden Wasseranlagen auf. Das Kleinsteinpflaster aus Basanitgestein wurde im wilden Verband (Passe) verlegt und erstreckt sich bis an die westlich angrenzende Kranenstraße, die in enger Abstimmung mit der Stadt umgewidmet wurde. In Anlehnung an die Gebäudeform sind fünfeckige Intarsien aus sandsteinartigem Betonwerkstein in die Pflasterfläche integriert, die der Außenfläche einen eigenständigen Charakter mit Wiedererkennungswert verschaffen. Über den Platz verteilt befinden sich mehrere Bauminseln mit lichten Bäumen. Die polygonalen Randeinfassungen, die gleichzeitig als Sitzgelegenheiten dienen, greifen den architektonischen roten Faden auf und führen ihn stimmig fort. Bei Nacht wird die Außenfläche stimmungsvoll in Szene gesetzt: Unterschiedlich hohe Mastleuchten illuminieren die Gebäude und den gesamten Platz.

Vom blühenden Park zur Dauervegetation

Auch nach der BUGA 2019 haben die Landschaftsarchitekt*innen der von K GmbH maßgeblich an der sukzessiven gestalterischen Weiterentwicklung des experimenta-Geländes und der Kraneninsel mitgewirkt. Das Büro wurde mit der Ausarbeitung der neuen Pflanz- und Pflegekonzepte beauftragt: Es galt, die rund 900 Quadratmeter große Wechselflorflächen auf dem stark frequentierten Platz in eine Daueranlage umzuwandeln und die Arbeiten zu koordinieren. Dazu haben die von-K-Planer*innen die Anordnung der Beete modifiziert und mit naturnahen Gehölzen, Stauden und frühblühenden Blumenzwiebeln bepflanzt. Auch die bestehenden Bauminseln haben sie überarbeitet und die Wege neu strukturiert. Die repräsentative, ökologisch hochwertige Anlage ist dank zentraler Lage auch nach der BUGA ein viel frequentierter Ort in Heilbronn mit hoher Aufenthaltsqualität.

Um den durchschnittlichen Pflegeaufwand zu optimieren, werden die Vegetationsflächen auf dem Experimenta-Platz jetzt mit einem intelligenten System bewässert: Die moderne Steuerung erfolgt nicht über eine gängige Zeitschaltuhr, sondern nutzt meteorologische Wetterdaten. Die Bewässerung der Pflanzen erfolgt somit nur dann, wenn sie wirklich gebraucht wird – also beispielsweise nicht, wenn starke Regenfälle erwartet werden. So wird auch der Wasserverbrauch minimiert.

Weichen neu stellen fürs städtische Klima

Städte und Gemeinden – besonders die dicht bebauten Innenstädte – stellen durch den Klimawandel-bedingten Temperaturanstieg zunehmend Hitzeinseln dar, vor allem in den Sommermonaten. Eine nachhaltige und dynamische Stadtentwicklung braucht deshalb zahlreiche durchdachte Maßnahmen, die den Klimaschutz und die Klimaresilienz im Blick haben: Mehr Grün, mehr Wasser, weniger Asphalt und Beton tragen zu einem besseren Mikroklima bei und sorgen damit für mehr Lebensqualität. Mit der Entscheidung der Bauherren, einen sogenannten AI-Pavillon am Experimanta-Platz zu errichten, konnte auch der gesamte Freiraum mit Fokus auf die klimaresilienten Bedingungen neu gedacht werden. In bewährter Zusammenarbeit zwischen der uniola AG und von K GmbH entstand in kürzester Zeit eine Platzaufwertung, die ihresgleichen sucht. Nach dem Motto „Der Experimenta-Platz soll grüner werden“ trägt die Umgestaltung den klimatischen und nachhaltigen Anforderungen Rechnung und leistet ebenfalls einen Beitrag dazu, das innerstädtische Klima in Heilbronn gesamthaft zu verbessern. Im neuen AI-Pavillon dreht sich jetzt alles rund um das Thema Künstliche Intelligenz (KI). Besucherinnen und Besucher erhalten dort einen spannenden Einblick in die Technologie und können vor Ort KI-Anwendungen testen.

Über den Experimenta-Platz verteilt befinden sich mehrere Inseln mit lichten Bäumen. Foto: von K GmbH
Über den Experimenta-Platz verteilt befinden sich mehrere Inseln mit lichten Bäumen. Foto: von K GmbH

Zukunftsbäume und Blühwiese für mehr Klimaschutz

Die dafür erforderliche Umgestaltung des Platzes basiert erneut auf einem Konzept der Landschaftsarchitekt*innen der uniola AG; die federführende Umsetzung aller Leistungsphasen oblag dem Büro von K in einer Arbeitsgemeinschaft. Um die Lebens- und Luftqualität in der Stadtmitte nachhaltig zu verbessern, wurden die bisherige Belagsfläche weitmöglichst entsiegelt, um Raum zu schaffen für grüne Inseln mit kühlendem Waldcharakter.

Für die bepflanzten Oasen bestand der Wunsch, dass sie mit abwechslungs- und möglichst blütenreicher Optik das ganze Jahr begeistern und eine große Artenvielfalt bieten. Bei der Auswahl der Gehölze galt es zudem zu berücksichtigen, dass sie den extremen Standortfaktoren gewachsen sein müssen: Teile des Experimenta-Platzes sind unterbaut und bieten damit wenig Wurzelraum. Die Versiegelung sowie rückstrahlende Fassadenwände sorgen zudem für eine hohe Hitzeentwicklung besonders in der heißen Jahreszeit. Die beiden Waldoasen wurden deswegen auf modelliertem Gelände erhöht angelegt (rund 1,20 Meter). Ein spezielles Leichtsubstrat versorgt das eingepflanzte Grün zuverlässig dank hoher Wasserhaltekapazität. Bei der Auswahl der Gehölze hatte das Büro von K sowohl die heimische Flora und Fauna als auch den Klimawandel im Blick: In den beiden Baum-Arealen des Platzes wurden sogenannte „Zukunftsgehölze“ gepflanzt – also solche, die sich den wandelnden Klimabedingungen anpassen können oder bekanntermaßen mit extremem Klima wie Trockenheit gut zurechtkommen. Wo es möglich war, fiel die Wahl auf heimische Pflanzen. Entstanden ist ein sogenannter „Klimawald“, in dem sich zum Teil die ursprünglichen Weiden wiederfinden, aber auch Waldkiefern, die Himalaja-Birke, die Mehlbeere oder der Rot-Ahorn für farbliche Akzente. Als Kleingehölze ergänzen beispielsweise die Kupferfelsbirne und die Winter-Heckenkirsche die Bepflanzung sowie trockenheitsresistente Gräser. Immergrüne Gehölze wie die Duftblüte sorgen zudem für Attraktivität im Winter.

Nebelanlage für Abkühlung

Neben der Gehölzpflanzungen wurde auch eine Blühwiese zum Erhalt der Biodiversität angelegt. Die bunten Weiden – teilweise mit Wildblumen sowie mit Kräutern und Gräsern aus heimischer Saat – bieten Insekten und anderen Kleinstlebewesen den dringend benötigten Nist- und Lebensraum sowie ein großes Nahrungsangebot; gleichzeitig sind sie eine Augenweide für Spaziergänger*innen und Passant*innen. Durch die teilweise Entsiegelung des Platzes entstanden zudem mehr offene Flächen, die eine bessere Regenwasserversickerung ermöglichen.

Ebenfalls mit Blick auf die Verbesserung der Klimaresilienz sorgt jetzt eine Nebelanlage für Abkühlung der Passant*innen an heißen Tagen. Auch die Umwelt wird durch die feuchte Luft positiv beeinflusst: Durch den zeitlich gesteuerten Wassernebel können die Außentemperaturen in der direkten Umgebung um mehrere Grade gesenkt werden – gerade in der Nähe von steinernen Oberflächen wie Böden und Fassaden ist der positive Effekt besonders spürbar und nützlich.

Intelligente Zufahrtssteuerung

Im Zuge der Neugestaltung des Experimenta-Platzes hat von K auch die Verkehrsanlagenplanung für die Kraneninsel (Belastungsklasse 3,2) übernommen: Dazu zählt die Planung einer Ampelanlage, die Optimierung der Fahrbahnbreite im Zuge der Entsiegelungsmaßnahmen und die Schaffung von Ausweichstellen für LKW. Die von-K-Landschaftsarchitekt*innen haben in ihrem Konzept zudem eine Stellplatzanlage für autonome Busse integriert und – in Abstimmung mit der Feuerwehr, der Stadt Heilbronn sowie den Betreibern der experimenta – eine sichere Zufahrtskontrolle entwickelt, welche nur den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der experimenta und der Stadtverwaltung die Zufahrt auf die Kraneninsel gestattet. Durch die Nutzung von Senkpollern wird die Zufahrt von Lieferfahrzeugen gesteuert und deren Zugang zur Platzfläche ermöglicht. Wer dorthin möchte, muss sich per Chip authentifizieren oder klingeln. Auch die automatische Erkennung des Fahrzeugkennzeichens ist möglich.

Seit der Einweihung des neugestalteten Experimenta-Platzes im Juni 2024 zeigen die Besucherinnen und Besucher, dass die lokalen Verbesserungen des Klimas gelungen sind und gut ankommen: An den heißen Tagen im Sommer haben sich die Passant*innen in den Sprühnebel gestellt, um die kühle Erfrischung zu genießen. Wer eine kurze Pause zum Ausruhen braucht, findet jetzt einen Sitzplatz im Schatten eines Baumes. Zudem ist eine Langzeitmessung der Temperatur- und Klimaentwicklung auf dem Platz geplant; diese wird neben den subjektiv fühlbaren Verbesserungen auch messbare Ergebnisse zur Abkühlung des Areals ergeben.

Unternehmensporträt

Außenräume nachhaltig gestalten, Grün- und Freiflächen zum Wohlfühlen schaffen sowie individuelle Gärten planen – das macht von K Landschaftsarchitektur mit Leidenschaft und Know-how. Gegründet 2017 im baden-württembergischen Ostfildern, ist das junge Unternehmen auf der Filderebene beheimatet. Von dort aus und remote arbeiten rund 20 Mitarbeitende für Projekte weit über den Ballungsraum Stuttgart hinaus; seit 2024 auch am zweiten Standort in Denkendorf, wo von K Platz geschaffen hat für ein dynamisch wachsendes Team.

Mit einem hohen Anspruch an Qualität, Kreativität und der Liebe zum Detail haben sich die von-K-Landschaftsarchitekt*innen einen Namen gemacht. Auch deren zentralen Werte und ihre Arbeitsweise kommen gut an: Von K punktet mit Zuverlässigkeit, Termintreue, Professionalität und Fairness. Private, gewerbliche und kommunale Bauherren schätzen das Büro als erfahrene Berater*innen und Planer*innen von wirtschaftlich durchdachten und authentischen Landschaftskonzepten. Große Vorzeigeprojekte belegen dies. Dazu gehören beispielsweise die Gestaltung des Bildungscampus und des Platzes rund um die Lern- und Erlebniswelt experimenta in Heilbronn für die Dieter-Schwarz-Gruppe.

Ungenutzte Brückenkonstruktionen können im urbanen Umfeld ungeahnte Möglichkeiten bieten. Berühmtestes Vorbild für eine aufgeständerte Nachnutzung ist wohl der New Yorker High Line Park, gelegen auf einer stillgelegten Hochbahntrasse. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Stadtverwaltung von Seoul: ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprogramm soll die Stadt grüner und für Fußgänger attraktiver gestalten. Herzstück der Planung ist dabei der kürzlich eröffnete Seoullo 7017 Skygarden von MVRDV.

Transformation einer Hochstraße zum Park

Freiräume sind in Seoul ein seltenes Gut. Die Bevölkerungsdichte ist rund viermal so hoch wie in Berlin und das Zentrum ist von versiegelten Verkehrsflächen geprägt. Nach der Umsetzung des städtischen Programms, wurde eine rund einen Kilometer lange Hochstraße vom Verkehr befreit. Die Architekten des niederländischen Büros MVRDV gewannen die Ausschreibung im Jahr 2015 und verwandelten die ehemalige Stadtautobahn in einen attraktiven städtischen Park. Das verästelte, geschwungene Brückenbauwerk stellt damit eine wichtige Fußgängerverbindung im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs dar.

Pflanzenbibliothek aus 24 000 Pflanzen

Der Seoullo 7017 Skygarden zieht seine Besucher in erster Linie durch seine einzigartigen Blickbeziehungen aus 16 Metern Höhe an. 228 verschiedenen Pflanzenarten sind nach dem südkoreanischen Alphabet sortiert und verdeutlichen die Vielfalt heimischer Gewächse. Die insgesamt 24 000 Pflanzen sind in mehreren kleinen Gärten zusammengefasst, welche jeweils einen eigenen Charakter haben. Die Zahlenkombination „7017“ bezieht sich auf die Eröffnungsjahre der Stadtautobahn 1970 und des Parks 2017.