Zonen für Gemeinwohl – neue Bausteine in der Flächennutzung

Menschen entspannen, gehen und fahren Rad im großzügigen Stadtpark mit alten Bäumen – ein lebendiger öffentlicher Freiraum für alle.
Begegnung, Teilhabe und Grünflächen als Herzstück nachhaltiger Stadtentwicklung.

Eine neue Ära in der Stadtentwicklung steht vor der Tür: Zonen für Gemeinwohl werden zum zentralen Baustein in der Flächennutzung. Sie versprechen mehr als grüne Inseln und Begegnungsräume – sie fordern ein radikales Umdenken in Planung, Recht und Verwaltung. Was steckt hinter diesem Paradigmenwechsel? Und warum führt an Gemeinwohlzonen in der nachhaltigen Stadtentwicklung kein Weg mehr vorbei?

  • Definition und historische Entwicklung von Gemeinwohlzonen in der Stadt- und Landschaftsplanung
  • Begründung ihrer Relevanz für klimaresiliente, soziale und zukunftsfähige Städte im DACH-Raum
  • Rechtliche und planerische Grundlagen: Wo steht Deutschland, Österreich und die Schweiz?
  • Innovative Nutzungsmodelle und Beispiele aus der Praxis – von Quartiersparks bis zu multifunktionalen Flächen
  • Planungsprozesse, Governance und Beteiligung: Wer entscheidet über das Gemeinwohl?
  • Konfliktfelder – von Flächendruck bis Partikularinteressen
  • Chancen für die Landschaftsarchitektur und Impulse für die integrierte Stadtplanung
  • Risiken der Kommerzialisierung und die Gefahr der „Schein-Gemeinwohlzonen“
  • Digitale Werkzeuge und Simulationen als Unterstützung für gemeinwohlorientierte Flächenstrategien
  • Fazit: Warum Gemeinwohlzonen der Schlüssel für resiliente und lebenswerte Städte sind

Vom grünen Traum zum urbanen Werkzeug: Was sind Zonen für Gemeinwohl?

Wer über städtische Flächen spricht, denkt oft reflexhaft an Parks, Plätze und Spielplätze – klassische öffentliche Räume, die scheinbar seit jeher dem Gemeinwohl dienen. Doch die eigentliche Idee von Gemeinwohlzonen geht weit über diese vertrauten Bilder hinaus. Gemeinwohlzonen sind als explizit ausgewiesene Flächen konzipiert, die nicht primär wirtschaftlichen, privaten oder rein infrastrukturellen Zwecken dienen, sondern dem kollektiven Nutzen verpflichtet sind. Sie werden gezielt im Städtebau, in der Landschaftsarchitektur und zunehmend auch in regionalen Entwicklungskonzepten als eigenständige Planungs- und Nutzungsform etabliert.

Historisch betrachtet ist das Konzept keineswegs neu. Bereits in den frühen Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts tauchten erste Ansätze auf – von den Allmenden über Volksgärten bis hin zu den legendären „Grünzügen“ der Nachkriegsmoderne. Doch mit dem wachsenden Flächendruck und den Herausforderungen durch Klimawandel, soziale Spaltung und den Verlust von Biodiversität erfahren Gemeinwohlzonen eine Renaissance. Sie sind heute weniger „grüne Kulisse“, sondern vielmehr multifunktionale Räume: Sie speichern Wasser, verbessern das Mikroklima, ermöglichen soziale Begegnung, bieten Raum für neue Mobilitätsformen und dienen nicht selten auch als Experimentierfelder für urbane Landwirtschaft oder kulturelle Nutzungen.

Im Kern zielen Gemeinwohlzonen darauf ab, das öffentliche Interesse explizit zu priorisieren – und dies sowohl in der räumlichen Planung als auch in der tatsächlichen Nutzung. Das unterscheidet sie von klassischen öffentlichen Flächen, die mitunter durch Events, Gastronomie oder private Zwischennutzungen faktisch teilweise vereinnahmt werden. Gemeinwohlzonen sind Orte, an denen die Regeln des Marktes und des individuellen Eigentums zumindest temporär außer Kraft gesetzt werden. Sie bedienen kein Konsumversprechen, sondern die Ansprüche einer inklusiven, resilienten und solidarischen Stadtgesellschaft.

Die Diskussion um Gemeinwohlzonen ist längst international angekommen. Städte wie Wien, Zürich, Kopenhagen oder Paris experimentieren mit neuen Flächentypologien – von temporären Nachbarschaftsplätzen über urbane Wälder bis hin zu multifunktionalen Dachlandschaften. Gemeinwohl wird hier nicht als moralischer Appell verstanden, sondern als planungsrechtlich verankertes Ziel. Die Herausforderung besteht darin, Gemeinwohlzonen nicht nur als schöne Schlagworte zu begreifen, sondern als integralen Bestandteil der Stadtstrategie – mit klaren Zielen, messbaren Indikatoren und dauerhafter Governance.

In den letzten Jahren hat sich das Vokabular in der Planung entsprechend erweitert: Begriffe wie „Common Space“, „Urban Commons“, „Allmende 2.0“ oder „solidarische Stadt“ prägen die Debatte. Allen gemeinsam ist die zentrale Frage: Wie können wir Flächen so gestalten, sichern und nutzen, dass sie dem Wohl der Vielen – und nicht nur der Wenigen – dienen? Wer diese Frage beantworten will, kommt an den Zonen für Gemeinwohl nicht mehr vorbei.

Rechtliche Grundlagen und planerische Strategien: Wie werden Gemeinwohlzonen umgesetzt?

Die Umsetzung von Gemeinwohlzonen ist kein Selbstläufer, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Recht, Planung und politischem Willen. Im deutschen Planungsrecht etwa gibt es bislang keine explizite Kategorie „Zone für Gemeinwohl“. Allerdings existieren zahlreiche Instrumente, die das Gemeinwohl fördern – von der Festsetzung von Grünflächen über die Ausweisung von öffentlichen Spielplätzen bis hin zu Sondernutzungsrechten für soziale oder kulturelle Projekte. Die entscheidende Innovation besteht darin, diese einzelnen Elemente unter dem Dach einer strategischen Gemeinwohlpolitik zusammenzuführen und dabei bewusst neue Flächenkategorien zu schaffen.

Die rechtliche Verankerung von Gemeinwohlzonen ist in Österreich und der Schweiz ähnlich fragmentiert wie in Deutschland. Während etwa Wien mit dem „Grün- und Freiraumkonzept“ oder Zürich mit dem „Stadtentwicklungskonzept“ Gemeinwohlaspekte betont, fehlt bislang oft eine verbindliche Kategorie im Flächenwidmungsplan. Der Trend geht jedoch eindeutig in Richtung einer stärkeren rechtlichen Absicherung gemeinwohlorientierter Nutzungen, etwa durch Bebauungsplanauflagen, Zweckbindungen bei der Grundstücksvergabe oder durch die Förderung von Genossenschaften und Stiftungen, die Flächen dauerhaft dem Markt entziehen.

Planerisch setzt die Entwicklung von Gemeinwohlzonen ein Umdenken voraus. Es reicht nicht, Restflächen zu begrünen oder Hinterhöfe zu entsiegeln. Vielmehr müssen Gemeinwohlzonen schon in der frühesten Phase der Stadt- oder Quartiersentwicklung als zentrales Element mitgedacht werden. Das bedeutet, sie erhalten eine eigene Planungslogik, ein eigenes Pflichtenheft und – ganz entscheidend – eine klare Governance-Struktur. Wer ist für Pflege, Betrieb und Entwicklung zuständig? Wie werden Nutzungskonflikte gelöst? Und wie kann die Flexibilität erhalten bleiben, damit Gemeinwohlzonen auf veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse reagieren können?

Innovative Städte setzen dabei zunehmend auf kooperative Planungsprozesse. Das reicht von Bürgerhaushalten und partizipativen Budgetierungen bis hin zu „Reallaboren“, in denen verschiedene Nutzungsmodelle temporär getestet werden. Auch digitale Werkzeuge halten Einzug: GIS-basierte Flächenanalysen, digitale Beteiligungsplattformen und Simulationsmodelle helfen, Bedarfe zu ermitteln und Nutzungsszenarien durchzuspielen. Die große Kunst besteht darin, rechtliche, planerische und digitale Instrumente so zu verzahnen, dass Gemeinwohlzonen nicht zum Lippenbekenntnis, sondern zur gelebten Praxis werden.

Allerdings gibt es auch erhebliche Hürden. Flächenkonkurrenz, Investitionsdruck und kurzfristige Haushaltslogik stehen der Entwicklung von Gemeinwohlzonen oft im Weg. Hier sind kreative Lösungen gefragt – von der Zwischennutzung brachliegender Areale über die Mobilisierung von Unternehmensflächen (Corporate Commons) bis hin zur Einführung von Flächenfonds, die gezielt Grundstücke für gemeinwohlorientierte Zwecke sichern. Entscheidend ist: Gemeinwohlzonen müssen rechtlich robust, planerisch durchdacht und gesellschaftlich breit legitimiert sein.

Gemeinwohlzonen als Experimentierfeld: Beispiele, Chancen und Herausforderungen aus der Praxis

Die Praxis zeigt: Gemeinwohlzonen sind keine Theorie, sondern längst Teil der städtischen Realität – wenn auch oft im Experimentierstatus. Ein prominentes Beispiel ist der Wiener „Nordbahnhofpark“, der als multifunktionaler Freiraum für alle Generationen konzipiert wurde. Hier treffen urbane Landwirtschaft, Sportflächen, Spielangebote, Wasserlandschaften und Gemeinschaftsgärten aufeinander – und das mitten in einem der dynamischsten Entwicklungsgebiete der Stadt. Die Governance ist kooperativ organisiert, Anwohner und lokale Initiativen sind aktiv in Planung und Betrieb eingebunden.

Auch Zürich setzt Maßstäbe: Die „Grünstadt-Initiative“ zielt darauf ab, in jedem Stadtquartier hochwertige Freiräume zu schaffen, die explizit dem Gemeinwohl dienen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Durchgrünung von dichtbesiedelten Quartieren und der Verbindung von ökologischen und sozialen Funktionen. Neue Planungsinstrumente wie „Freiraumquoten“ oder „Grünflächenregister“ sorgen für Transparenz und sichern die dauerhafte Zugänglichkeit.

In Deutschland greifen Städte wie Freiburg, Leipzig oder München innovative Ansätze auf, indem sie Gemeinwohlzonen als Teil von urbanen Transformationsprozessen etablieren. Das reicht von temporären Spielstraßen über Nachbarschaftsgärten bis hin zu sogenannten „Dritten Orten“, die in ehemaligen Gewerbehallen entstehen. Entscheidend ist hier die Flexibilität: Gemeinwohlzonen sind nie fertig, sondern entwickeln sich als dynamische Räume weiter – angepasst an die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft.

Die Chancen liegen auf der Hand. Gemeinwohlzonen fördern soziale Integration, reduzieren Flächenversiegelung, steigern die Aufenthaltsqualität und bieten Raum für neue Formen von Mobilität, Kultur und Naturerfahrung. Sie sind ein Joker im Kampf gegen urbane Hitzeinseln, leisten einen Beitrag zur Wasserrückhaltung und können als Testfeld für innovative Begrünungs- und Klimaanpassungsmaßnahmen dienen. Nicht zuletzt stärken sie die Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier und schaffen Orte, an denen Gemeinsinn auch tatsächlich erlebt werden kann.

Doch es gibt auch Herausforderungen. Der Flächendruck in den Städten ist enorm, und nicht selten geraten Gemeinwohlzonen in Konflikt mit Investoreninteressen, Verkehrsprojekten oder kurzfristigen Haushaltszielen. Zudem besteht die Gefahr, dass sogenannte „Schein-Gemeinwohlzonen“ entstehen – also Flächen, die zwar als öffentlich deklariert sind, aber de facto kaum zugänglich oder nutzbar sind. Hier braucht es klare Kriterien, Transparenz und eine kontinuierliche Überprüfung, ob die Gemeinwohlziele tatsächlich erreicht werden.

Governance, Partizipation und Digitalisierung: Wer gestaltet das Gemeinwohl in der Flächennutzung?

Die Frage, wer über Gemeinwohlzonen verfügt, ist alles andere als trivial. Klassischerweise lag die Verantwortung bei der öffentlichen Hand – also bei Stadtverwaltungen, kommunalen Betrieben oder städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Doch mit der Vielfalt der Nutzungsansprüche und der zunehmenden Komplexität urbaner Räume hat sich die Governance von Gemeinwohlzonen stark verändert. Heute setzen viele Städte auf kooperative Modelle, in denen Verwaltung, Zivilgesellschaft, Unternehmen und Wissenschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Partizipation spielt dabei eine Schlüsselrolle. Gemeinwohlzonen entfalten ihr Potenzial nur, wenn sie von den Menschen angenommen und mit Leben gefüllt werden. Das erfordert neue Beteiligungsformate – von klassischen Bürgerdialogen über digitale Beteiligungsplattformen bis hin zu partizipativen Planungswerkstätten oder Reallaboren. Entscheidend ist, dass Beteiligung nicht als Pflichtübung verstanden wird, sondern als kontinuierlicher Prozess, der die Bedürfnisse und Ideen der Nutzer ernst nimmt und in konkrete Planungsschritte übersetzt.

Eine spannende Entwicklung ist die Digitalisierung der Beteiligung und Steuerung von Gemeinwohlzonen. Digitale Tools wie Urban Digital Twins, GIS-gestützte Flächenanalysen oder Online-Simulationswerkzeuge bieten neue Möglichkeiten, Bedarfe sichtbar zu machen, Nutzungsszenarien durchzuspielen und die Wirkung von Maßnahmen zu evaluieren. Sie helfen, Entscheidungen transparent zu machen und die Auswirkungen von Flächenumwidmungen oder neuen Nutzungen in Echtzeit zu simulieren. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Tools offen zugänglich, erklärbar und nachvollziehbar bleiben – nur so wird digitale Planung zum Motor für mehr Gemeinwohl.

Die Governance von Gemeinwohlzonen verlangt neue institutionelle Arrangements. In einigen Städten gibt es inzwischen sogenannte „Flächenfonds“ oder „Gemeinwohlagenturen“, die gezielt Flächen akquirieren, entwickeln und langfristig sichern. Andere setzen auf Stiftungen, Genossenschaften oder temporäre Zweckverbände, um die Verantwortung für Betrieb und Entwicklung auf mehrere Schultern zu verteilen. Was alle erfolgreichen Beispiele eint: Gemeinwohlzonen werden als gemeinsames Projekt verstanden, das dauerhafte Aufmerksamkeit, Engagement und manchmal auch Kompromissbereitschaft erfordert.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko ist die Kommerzialisierung von Gemeinwohlzonen. Wo öffentliche Flächen von Events, Gastronomie oder Sponsoring dominiert werden, droht das Gemeinwohl in den Hintergrund zu treten. Hier braucht es klare Leitplanken, die die Balance zwischen Nutzungsoffenheit, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und dem Primat des Gemeinwohls sichern. Andernfalls laufen Städte Gefahr, ihre wertvollsten Räume zu verlieren – an die Interessen einiger weniger.

Gemeinwohlzonen als Zukunftslabor: Impulse für die Landschaftsarchitektur und integrierte Stadtentwicklung

Für die Landschaftsarchitektur und die integrierte Stadtentwicklung eröffnen Gemeinwohlzonen ein faszinierendes Zukunftslabor. Sie ermöglichen neue Formen der Zusammenarbeit, des Experimentierens und des Lernens – und stellen die klassische Rollenverteilung zwischen Planung, Verwaltung und Nutzung auf den Kopf. Landschaftsarchitekten sind nicht mehr nur Gestalter von Parks, sondern Prozessmoderatoren, Flächenbroker und Impulsgeber für innovative Nutzungskonzepte.

In der Praxis bedeutet das: Gemeinwohlzonen werden immer öfter als hybride Räume konzipiert, die ökologische, soziale und kulturelle Funktionen intelligent verschränken. Das können temporäre Spiel- und Begegnungsräume in wachsenden Quartieren sein, urbane Ackerflächen auf Dächern, mobile Grüninseln auf Parkplätzen oder multifunktionale Wasserflächen, die sowohl der Erholung als auch dem Hochwasserschutz dienen. Die Kunst besteht darin, diese unterschiedlichen Ansprüche kreativ zu verbinden und gleichzeitig flexibel auf Veränderungen zu reagieren.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Resilienz. Gemeinwohlzonen sind prädestiniert, um innovative Ansätze des Klimaschutzes und der Klimaanpassung zu testen – etwa durch Extensive Begrünung, wassersensible Gestaltung oder die Integration von Biodiversitätsinseln. Hier können Landschaftsarchitekten ihre Expertise einbringen und als Brückenbauer zwischen Technik, Ökologie und Gesellschaft agieren. Der Schlüssel liegt darin, Gemeinwohlzonen als lebendige Systeme zu begreifen, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln und immer wieder neu erfunden werden.

Auch die integrierte Stadtentwicklung profitiert: Gemeinwohlzonen sind Katalysatoren für Kooperation – zwischen Quartieren, Fachämtern, Investoren und der Zivilgesellschaft. Sie brechen Silodenken auf und fördern eine ganzheitliche Sicht auf Flächennutzung, Mobilität, Soziales und Umwelt. Digitale Werkzeuge unterstützen diesen Wandel, indem sie komplexe Zusammenhänge sichtbar machen und neue Allianzen ermöglichen. Hier kann die Landschaftsarchitektur als Impulsgeberin für innovative Planungsprozesse und als Fürsprecherin des Gemeinwohls auftreten.

Die Zukunft der Gemeinwohlzonen wird davon abhängen, ob es gelingt, die bestehenden Widersprüche zwischen Flächendruck, Investitionsinteressen und Gemeinwohlorientierung produktiv zu machen. Es braucht Mut, neue Wege zu gehen, und die Bereitschaft, auch einmal Unbequemes auszuprobieren. Wer heute den Grundstein für starke Gemeinwohlzonen legt, schafft die Grundlage für eine resiliente, inklusive und lebenswerte Stadt von morgen. Und eines ist klar: In diesem Zukunftslabor gibt es keinen Platz für Langeweile.

Fazit: Gemeinwohlzonen – Schlüsselbaustein für die Stadt der Zukunft

Der Siegeszug der Zonen für Gemeinwohl ist kein modischer Spleen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels in der Stadtentwicklung. Sie sind Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit: Klimawandel, soziale Spaltung, Flächenknappheit und den Wunsch nach mehr Teilhabe. Gemeinwohlzonen sind mehr als hübsche Parks oder temporäre Spielstraßen – sie sind das Labor, in dem die Stadt von morgen erfunden wird.

Ihre rechtliche, planerische und gesellschaftliche Verankerung steht noch am Anfang, doch die Richtung ist klar: Städte, die den Mut haben, Gemeinwohlzonen als zentralen Baustein ihrer Flächenstrategie zu begreifen, werden resilienter, gerechter und lebenswerter. Die Landschaftsarchitektur gewinnt durch Gemeinwohlzonen an Bedeutung – als Mittlerin, Impulsgeberin und Innovatorin. Die größte Herausforderung bleibt, Gemeinwohlzonen nicht zur leeren Hülle verkommen zu lassen, sondern sie mit echten Rechten, Ressourcen und Verantwortung auszustatten.

Digitale Werkzeuge, partizipative Prozesse und neue Governance-Modelle unterstützen diesen Wandel. Aber sie können nur dann ihr Potenzial entfalten, wenn Gemeinwohl mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Es braucht klare Leitplanken, transparente Kriterien und eine dauerhafte Verankerung in Planungs- und Entscheidungsprozessen. Die Stadt der Zukunft wird nicht nur gebaut – sie wird gemeinschaftlich gestaltet, genutzt und weiterentwickelt. Zonen für Gemeinwohl sind dafür der Schlüssel. Und wer jetzt noch zögert, dem bleibt nur, den anderen beim Gestalten zuzusehen.

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Zum achten Mal trugen die Arketipos Association und der Bezirksrat der norditalienischen Stadt Bergamo die internationale Veranstaltung i maestri del paesaggi – Meister der Landschaft – aus. Die Ausgabe 2018 befasste sich mit der Grundlage jeder Landschaft: Pflanzen. Traditioneller Höhepunkt und gleichzeitiger Schlussakt war das zweitägige International Meeting am 21. und 22. September im Teatro Sociale mit Vorträgen namhafter Landschaftsarchitekten und -designern.

Die Verbindung von rural und urban, von gebautem Stein und Pflanze hätte besser nicht funktionieren können als beim diesjährigen i maestri del paesaggio: Zwei Schauplätze dominierten – die inhaltlichen Vorträge im historischen Teatro Sociale wechselten sich mit Pausen auf der grün gestalteten Piazza Vecchia ab.

Die grüne Metamorphose der Piazza Vecchia – ein Modell historisch gewachsener, urbaner Baukultur – war Kern und omnipräsentes Bindeglied der diesjährigen Veranstaltung mit dem Thema „Plant Landscape“. Da liegt es nahe, dass der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf für die temporäre Intervention angefragt wurde. Vor der Gestaltung des sogenannten Green Square hatte Oudolf allerdings Bedenken: „Normalerweise entfaltet sich ein Garten erst über eine gewisse Zeit hinweg. Dieses Mal musste alles pünktlich zum Event funktionieren.“ Trotz all seiner Planung gehört laut Piet Oudolf ebenfalls viel Improvisation dazu. Das ist die große Kunst des Designers, der zur New Perennial-Bewegung gehört: Er plant, überlegt vorab, welche Pflanzen sich eignen, an welcher Stelle er welche Sorte pflanzt, er skizziert, konzipiert – und am Ende wirkt es umso naturalistischer, impulsiver, lebendiger. Dass es so fließend aussieht, liegt an der Art und Weise, wie er die Pflanzen, vor allem Stauden und Gräser, anordnet – in sogenannten „Drifts“ (engl. To drift: sich treiben lassen). Es ist ihm geglückt, das Atmosphärische einer wilden Landschaft einzufangen und in den urbanen Raum zu integrieren.

Von konkreter Gartengestaltung zu globalen Klimaanpassungen

Von dieser gefühlt wilden Landschaft, in der die Besucher lockere Gespräche führten, Entspannung und Atmosphäre italienischer Baukultur fanden, ging es im Inneren des Teatro Sociale, dem imposanten Bau mit Holzgeländer und Deckenbalken, über zu den Inhalten. In einer Talkshow diskutierten der niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf, der US-amerikanische Gartenarchitekt und Autor Thomas Rainer sowie Nigel Dunnett, Professor für Pflanzendesign und Urbaner Gartenbau an der Sheffield University, unter anderem über ihr Verständnis eines Landschaftsdesigners. Dunnett ist Pionier eines neuen ökologischen Ansatzes bei der Anlage von Gärten und öffentlichen Räumen. Im Mittelpunkt von Nigel Dunnetts Arbeit steht die Integration von Ökologie und Gartenbau, um eine dynamische und vielfältige abgestimmte Landschaft mit geringem Aufwand und hohen Belastungen zu erreichen. Auch wenn die erhoffte feurige Diskussionen und spannende Gegenpositionen ausblieben, bildete die Talkshow eine inhaltsstarke Grundlage .

Während Louis Benech – ein Superstar unter Frankreichs Landschaftsarchitekten, der erste, der ein Stück des weltberühmten Versailles neu gestalten durfte – und Filippo Pizzoni, ein italienischer Landschaftsarchitekt, ihre Arbeitsethos und ihre bisher realisierten Gärten thematisierten, fokussierten sich Kristina Knauf, Stadtplanerin bei MVRDV, und Sandra Piesik, britische Architekten, auf eine weitgefasstere, grüne Stadtentwicklung in Zeiten des Klimawandels. Die Männer kümmerten sich um konkrete Beispiele, während die Frauen das Große und Ganze in den Blick nahmen.
Als Leiterin verschiedener Projekte erklärte Knauf, dass es dem Büro darum gehe, genügend Grün in ihren Plänen und Realisierungen bereitzustellen. „Es ist äußerst dringend, auf die Klimaanpassung einzugehen“, sagt Knauf. In einem aktuellen Projekt soll der Stadtkern Eindhovens in ein grünes Verbindungsstück zwischen drei Grünflächen verwandelt werden. Dafür sollen Wände und Dächer als Grünflächen ausgestaltet werden. „Es soll am Ende so aussehen, als hätten wir die Stadt einmal umgedreht und in einen grünen Farbtopf gedippt.“ Wichtig sei es aber, produktives Grün zu schaffen, zu überlegen, an welcher Stelle es sinnvoll ist.
Die Architektin Sandra Piesik ist Autorin von HABITAT: Vernacular Architecture for a Changing Planet. Ihre Publikation bringt ein internationales Team von mehr als hundert führenden Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Die Autoren untersuchen die vernakuläre Architektur im Kontext von Klimazonen, Ökosystemen, erneuerbaren Ressourcen und Stadtentwicklungen. Ihr Buch unternimmt einen Streifzug durch achtzig Länder und die fünf Klimazonen der Erde. Entstanden ist das Werk im Umfeld der UN-Klimarahmenkonvention.

Symbiose von Architektur und Landschaft

Ein Beispiel für das mögliche Gelingen einer Symbiose von Architektur und Landschaft ist der Projektentwurf des dänischen Architekturbüros BIG. Im vergangenen Jahr gewann die Bjarke Ingels Group den Wettbewerb zur Erweiterung der Fabrikanlage in San Pellegrino Terme. Dieses Werk befindet sich seit 1899 in San Pellegrino und ist umgeben von malerischer Natur, Flusswasser und Bergen. Die Marke San Pellegrino ist auch Teil der italienischen Wirtschaft und Kultur.
Es ist offensichtlich, dass Architekten bei der Realisierung von Projekten den kulturellen und sozialen Kontext respektieren müssen. Natürlich können neue Perspektiven einfließen, aber der Ort und sein Erscheinungsbild sollten nicht verdeckt werden. Die Bjarke Ingels Group verspricht, genau das mit dem Design der neuen Flagship Factory San Pellegrino zu tun. Das neue Design überlagert die Fabrik nicht mit fremden Elementen: Der Entwurf kombiniert die modulare Architektur der Fabrik mit repetitiven Elementen des italienischen Klassizismus und Rationalismus. Der Raum variiert durch die Erweiterung und Reduzierung der Spannweite der Bögen. Demnach bewegt und fließt die Architektur in gleicher Weise wie der Fluss vor Ort. Alles scheint eine fließende Struktur zu haben.

A dopo, Bergamo

Während Mailand Mode und Venedig Kunst und Architektur zu bieten haben, verschreibt sich Bergamo der Landschaftsarchitektur und Gartenkunst. Die Veranstaltung dient dem Austausch unterschiedlicher Disziplinen, die sich jedoch alle in irgendeiner Form der Landschaft verschrieben haben. In der diesjährigen Ausgabe war vor allem die Verschränkung zwischen Architektur und Landschaft sowie der Blick auf die Rolle von Pflanzen im Rahmen von Städtezuwachs, Nachverdichtung und Klimaanpassung impulsgebend.

Mehr zum Thema finden Sie in der Novemberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.

Wo entsiegeln? KI trifft Rückbaupotenzial punktgenau

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Stimmungsvolle Luftaufnahme einer österreichischen Stadt mit Fluss von Carrie Borden





Wo entsiegeln? KI trifft Rückbaupotenzial punktgenau – Fachbeitrag für Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und urbane Transformation




Wo entsiegeln – und vor allem wie gezielt? Die urbane Debatte um Rückbaupotenziale und hitzegestresste Stadtquartiere ist längst kein akademisches Planspiel mehr. Mit nie dagewesener Präzision bringt Künstliche Intelligenz jetzt Licht in den Flickenteppich versiegelter Flächen. Der Schlüssel: Daten, Simulationen und digitaler Weitblick. Wer meint, die Entsiegelung urbaner Räume sei ein reines Operieren mit dem Presslufthammer, wird sich wundern, wie leise und elegant Rückbau künftig orchestriert wird – und wie die KI schon heute punktgenau zeigt, wo sich der Einsatz wirklich lohnt.

Zusammenfassung

  • Warum Entsiegelung das große Zukunftshema für Städte und Landschaftsarchitektur ist – und warum punktgenaue Flächenauswahl entscheidend ist
  • Wie Künstliche Intelligenz neue Maßstäbe bei der Analyse von Rückbaupotenzialen setzt
  • Welche Datenquellen und digitalen Modelle die Grundlage für smarte Entsiegelungsstrategien bilden
  • Wie Urban Digital Twins, Geodaten und Machine Learning zusammenwirken
  • Welche kommunalen und rechtlichen Hürden bestehen – und wie Planer sie meistern können
  • Praktische Einblicke: Pilotprojekte und Lessons Learned aus DACH-Städten
  • Risiken, Bias und ethische Fragen: Wer entscheidet, wo entsiegelt wird?
  • Transparenz, Partizipation und Governance als Schlüsselfaktoren für nachhaltigen Erfolg
  • Warum KI-gestützte Entsiegelung nicht nur Technik-, sondern auch Kulturwandel bedeutet

Punktgenau entsiegeln: Warum Rückbau nicht mehr auf Verdacht funktioniert

Die Diskussion um Entsiegelung und Rückbau urbaner Flächen hat in den letzten Jahren eine Dringlichkeit erreicht, die ihresgleichen sucht. Städte ächzen unter Hitzeinseln, Starkregen und versiegelten Böden – und die klassischen Methoden des Rückbaus wirken plötzlich wie Werkzeuge aus einer anderen Epoche. Wo früher nach dem Gießkannenprinzip Straßen, Plätze und ehemalige Industriebrachen aufgebrochen wurden, verlangt die heutige Stadtgesellschaft nach Präzision. Denn längst ist klar: Nicht jede entsiegelte Fläche bringt den erhofften ökologischen, klimatischen oder sozialen Mehrwert. Wo also ansetzen, wenn Ressourcen knapp, Flächen umkämpft und Zielkonflikte komplex sind?

Hier setzt die datenbasierte Stadtplanung an – und stellt mit Künstlicher Intelligenz das bisherige Entsiegelungsdogma fundamental auf den Kopf. Während das Bauchgefühl vieler Planer durchaus immer noch ein wichtiger Impulsgeber ist, fordern Fördermittelgeber, Politik und Öffentlichkeit zunehmend nachvollziehbare, effiziente und vor allem messbare Entsiegelungsentscheidungen. Flächen müssen nicht nur punktgenau lokalisiert, sondern auch auf ihr Rückbaupotenzial hin bewertet werden: Wie hoch ist die Bodenversiegelung? Wie hoch der ökologische Gewinn bei Rückbau? Welche Konflikte entstehen mit Infrastruktur, Eigentum oder Nutzung?

Die klassische Kartierung und Priorisierung stößt hier rasch an ihre Grenzen. Manuelle Erhebungen, Luftbilder und Einzelstudien liefern zwar wichtige Hinweise, doch die Dynamik und Vielschichtigkeit urbaner Systeme bleibt oft außen vor. Vor allem, wenn es um die Verknüpfung von Klimaresilienz, sozialer Infrastruktur, Mobilität und Stadtökologie geht, merken viele Kommunen: Wir brauchen ein Update – und zwar dringend.

Genau an dieser Schnittstelle entfaltet sich das Potenzial von KI-gestützten Analysetools. Sie transformieren Entsiegelung von einer starren Maßnahme zum lernenden, adaptiven Stadtentwicklungsprozess. Die entscheidende Frage lautet ab jetzt nicht mehr: Wo ist irgendetwas versiegelt? Sondern: Wo und wann bringt Rückbau den maximalen Systemnutzen? KI kann diese Frage in Echtzeit beantworten – und zwar auf Basis von Daten, die deutlich tiefer und breiter reichen als alles, was klassische Planungswerkzeuge leisten.

Für die Praxis bedeutet das: Entsiegelung wird zum maßgeschneiderten Eingriff. KI hilft, Zielkonflikte vorherzusehen, Synergien zu heben und Szenarien durchzuspielen. Planer gewinnen eine neue Souveränität im Umgang mit Unsicherheiten – und können Rückbaupotenziale nicht nur objektivieren, sondern auch gezielt kommunizieren. Wo früher der Presslufthammer regierte, wird heute mit Algorithmen ausgewählt, simuliert und priorisiert. Willkommen in der neuen Ära der urbanen Entsiegelung.

Die Datenrevolution: Wie KI Rückbaupotenziale sichtbar macht

Die technologische Grundlage der KI-gestützten Entsiegelungsplanung ist eine bislang unerreichte Datenfülle und deren intelligente Auswertung. Moderne Städte verfügen heute über ein komplexes Gewebe aus Geodaten, Fernerkundungsbildern, Sensordaten, Open Data Sets und historischen Bestandsdaten. Diese Datenströme bilden das Rohmaterial für Machine Learning und KI-Algorithmen, die in der Lage sind, Muster zu erkennen, Korrelationen herzustellen und bislang unsichtbare Rückbaupotenziale ans Licht zu bringen.

Ein zentrales Werkzeug in diesem Kontext sind Urban Digital Twins, also digitale Abbilder der Stadt, die in Echtzeit mit Daten aus unterschiedlichsten Quellen gespeist werden. Während klassische 3D-Stadtmodelle vor allem der Visualisierung dienten, können heutige Urban Digital Twins Flächenversiegelung und Rückbaupotenziale dynamisch analysieren. Sie berücksichtigen dabei nicht nur die aktuelle Flächen­nutzung, sondern auch mikroklimatische Effekte, Oberflächenabflüsse, Vegetationspotenziale und die Auswirkungen auf die urbane Biodiversität.

Künstliche Intelligenz geht noch einen Schritt weiter: Sie kann etwa Satellitendaten mit kommunalen Bebauungsplänen, Verkehrsdaten und Klimaprognosen verknüpfen. So entstehen Prognosen, die aufzeigen, wo Flächenentsiegelung das größte Potenzial zur Hitzereduktion, zur Verbesserung des Stadtklimas oder zur Entlastung der Kanalisation hat. Über neuronale Netze werden dabei nicht nur offensichtliche, sondern auch latent wirksame Versiegelungen erkannt – beispielsweise unter Asphalt verborgene Altlasten oder schlecht dokumentierte Hof- und Nebenflächen.

Ein weiterer Vorteil: KI-Modelle können verschiedene Szenarien durchspielen und auf ihre Wirksamkeit testen, bevor überhaupt eine einzige Baumaßnahme beginnt. So lassen sich Zielkonflikte frühzeitig erkennen: Vielleicht bringt die Entsiegelung eines Parkplatzes weniger ökologischen Gewinn als der Rückbau einer wenig genutzten Industriebrache? Oder der Rückbau einer Verkehrsfläche führt zu neuen Nutzungskonflikten, die im Vorfeld berechenbar werden. Die Fähigkeit, diese Situationen realitätsnah zu simulieren, bedeutet eine neue Planungsqualität – und einen entscheidenden Vorsprung für alle, die Entsiegelung als Teil einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung verstehen.

Kurz: Die Datenrevolution macht Rückbau nicht nur sichtbar, sondern strategisch steuerbar. Wer heute die richtigen Schnittstellen zwischen Geodaten, Urban Digital Twins und KI-Algorithmen schafft, kann Entsiegelung erstmals wirklich punktgenau orchestrieren – und schafft damit die Grundlage für eine klimaresiliente, lebenswerte Stadt von morgen.

Von der Vision zur Praxis: Pilotprojekte und Pioniererfahrungen

Wie sieht das Ganze in der Praxis aus? In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es inzwischen mehrere spannende Pilotprojekte, die zeigen, wie KI-gestützte Entsiegelung Realität wird. Ein Vorreiter ist die Stadt München, die im Rahmen ihres Smart City Programms eine KI-basierte Flächenanalyse entwickelt hat. Mithilfe von Machine Learning und Urban Digital Twins werden hier Verkehrsflächen, Parkplätze und Zwischenräume auf ihr Rückbaupotenzial hin durchleuchtet. Das System bewertet nicht nur die technische Machbarkeit, sondern auch ökologische, soziale und wirtschaftliche Effekte. Erste Ergebnisse zeigen: Viele Potenziale liegen dort, wo sie bislang niemand vermutet hätte – etwa in ehemaligen Lieferzonen oder kaum genutzten Randstreifen.

Auch Zürich setzt auf KI, allerdings mit einem besonderen Fokus auf Klimaanpassung. Hier werden Daten aus Wetterstationen, Bodenfeuchtesensoren und Verkehrszählungen in Echtzeit in ein Urban Digital Twin eingespeist. Das Ziel: Hotspots der Versiegelung identifizieren, an denen Rückbau besonders hohe Klimawirkung entfaltet. Die Stadt hat so nicht nur ihre Entsiegelungsstrategie überarbeitet, sondern auch die Priorisierung von Fördermitteln und baulichen Maßnahmen komplett neu aufgestellt.

Wien wiederum geht einen partizipativen Weg. Hier können Bürger über eine Open-Data-Plattform potenzielle Entsiegelungsflächen melden. Die Vorschläge werden von einer KI analysiert und mit städtischen Datenquellen abgeglichen. Besonders spannend: Die Plattform gibt Rückmeldung, wie hoch das Rückbaupotenzial tatsächlich ist und welche Nebeneffekte – etwa für Mobilität oder Mikroklima – zu erwarten sind. Das schafft Transparenz und steigert die Akzeptanz für spätere Maßnahmen.

In der Schweiz arbeitet Basel an einem KI-gestützten System, das mit Hilfe von Drohnenbildern und Machine-Learning-Algorithmen versiegelte Flächen kartiert und automatisch Vorschläge für Rückbau macht. Hier zeigt sich, wie schnell und effizient die Technologie inzwischen arbeitet: Wo früher monatelange Kartierungen nötig waren, liefert das System heute binnen Tagen eine Prioritätenliste – inklusive Handlungsempfehlungen für die Stadtplanung.

Übergreifend wird jedoch deutlich: Die Technologie ist zwar reif, doch die eigentlichen Herausforderungen liegen im Zusammenspiel von Technik, Recht und Organisation. Datenhoheit, Datenschutz und offene Schnittstellen sind zentrale Themen – ebenso wie die Frage, wer letztlich entscheidet, wo tatsächlich zurückgebaut wird. Aber klar ist auch: Die Pilotprojekte zeigen, wie groß das Potenzial ist, wenn KI und Stadtplanung an einem Strang ziehen. Die Entsiegelungswelle rollt – und sie wird smarter, leiser und zielgenauer als je zuvor.

Herausforderungen, Risiken und Governance: Wer steuert den Rückbau?

Die Euphorie rund um KI-gestützte Entsiegelung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Technik allein noch keinen nachhaltigen Wandel garantiert. Im Gegenteil: Je smarter die Systeme, desto größer die Anforderungen an Governance, Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz. Ein zentrales Thema ist die Datenhoheit. Wem gehören die Daten, auf deren Basis Rückbauentscheidungen getroffen werden? Wer kontrolliert die Algorithmen, die Flächen priorisieren? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Empfehlungen der KI nicht zu neuen sozialen oder ökologischen Schieflagen führen?

Hier zeigt sich schnell: KI kann bestehende Ungleichheiten reproduzieren, wenn sie auf lückenhaften oder einseitigen Daten basiert. Beispielsweise könnten ärmere Quartiere übersehen werden, weil sie schlechter dokumentiert sind – oder kommerziell attraktive Flächen erhalten Priorität, weil sie leichter zugänglich sind. Auch besteht die Gefahr, dass KI-basierte Entscheidungen als objektiv und unanfechtbar wahrgenommen werden, obwohl sie letztlich auf Annahmen, Gewichtungen und Zielkonflikten beruhen, die von Menschen vorgegeben wurden.

Die Lösung liegt in einer klugen Governance. Offene Schnittstellen, transparente Algorithmen und nachvollziehbare Entscheidungswege sind kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für Akzeptanz. Kommunen müssen die Hoheit über ihre Digital Twins und KI-Systeme behalten – und gleichzeitig für externe Prüfungen und Bürgerbeteiligung offenbleiben. Nur so lassen sich Fehlsteuerungen vermeiden und die Qualität der Rückbauplanung langfristig sichern.

Rechtliche Fragen spielen dabei eine ebenso große Rolle wie organisatorische. Datenschutz, Eigentumsrechte und die Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und individuellen Ansprüchen müssen in jedem Planungsschritt mitgedacht werden. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn KI-Empfehlungen in bestehende Planungsprozesse integriert werden: Wer trägt die Verantwortung, wenn sich ein Rückbau als Fehler erweist? Und wie werden Zielkonflikte zwischen verschiedenen Fachbereichen, etwa zwischen Verkehrsplanung und Stadtökologie, gelöst?

Am Ende bleibt festzuhalten: KI-gestützte Entsiegelung ist kein Selbstläufer. Sie verlangt nach einem neuen Verständnis von Planung, bei dem Technik, Transparenz und Teilhabe Hand in Hand gehen. Wer diese Balance schafft, kann die Chancen der Technologie heben – und die Risiken in den Griff bekommen. Wer sich allein auf den Algorithmus verlässt, riskiert gesellschaftliche Akzeptanz, ökologische Wirkung und letztlich die Legitimation des gesamten Rückbauprozesses.

Fazit: KI-gestützte Entsiegelung als Gamechanger für die Stadtentwicklung

Die Entsiegelung urbaner Räume steht vor einem Paradigmenwechsel. Was bislang vor allem als mühselige Pflichtübung galt, wird durch Künstliche Intelligenz zum strategischen Werkzeug intelligenter Stadtentwicklung. Nie zuvor konnten Rückbaupotenziale so präzise, transparent und dynamisch identifiziert werden. Die Verbindung von Urban Digital Twins, Machine Learning und partizipativen Plattformen eröffnet Städten, Landschaftsarchitekten und Planern ungeahnte Möglichkeiten – von der Hitzereduktion über Biodiversität bis zur Steigerung der Aufenthaltsqualität.

Die Praxis zeigt jedoch: Technologie ist nur so gut wie ihr Einsatzrahmen. Ohne offene Governance, kluge Schnittstellen und gesellschaftliche Einbettung bleibt das Potenzial der KI ungenutzt oder wird gar zum Risiko. Die Pilotprojekte aus München, Zürich, Wien und Basel machen Mut – sie zeigen, dass der Wandel möglich ist, wenn Mut zur Innovation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Transparenz zusammenkommen.

Für Planer, Landschaftsarchitekten und kommunale Entscheider heißt das: Es gilt, die neuen Werkzeuge nicht nur technisch zu beherrschen, sondern auch ethisch und organisatorisch zu steuern. KI-gestützte Entsiegelung ist kein Ersatz für gute Planung, sondern ihr wichtigstes Update. Wer jetzt einsteigt, kann den Rückbau von morgen mitgestalten – smarter, gezielter und nachhaltiger als je zuvor.

Die größte Herausforderung bleibt: den Menschen mitzunehmen. Entsiegelung ist mehr als eine technische Aufgabe. Sie ist eine Frage der Stadtgesellschaft, der Kommunikation und der Mitwirkung. Aber genau hier bietet die neue Generation digitaler Werkzeuge die Chance, Entsiegelung als gemeinsames Projekt zu denken – sichtbar, nachvollziehbar und wirksam.

Das Fazit ist eindeutig: Wo KI trifft Rückbaupotenzial, entsteht ein neues Kapitel der Stadtplanung. Die Zeit der Entsiegelung auf Verdacht ist vorbei. Jetzt beginnt die Ära der punktgenauen, datenbasierten und partizipativen Flächenentwicklung. Wer das verschläft, verpasst nicht nur die Zukunft der Stadt – sondern die Chance, urbane Lebensqualität nachhaltig neu zu erfinden.