Geofencing für urbane Logistikzonen

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Atemberaubende Luftansicht einer nachhaltigen Schweizer Stadt, fotografiert von Ivan Louis.

Logistikzonen in Städten – ein Paradebeispiel für urbane Komplexität: Hier treffen Lieferverkehre auf Fußgänger, Sharing-Angebote auf Anwohner, und Verkehrschaos auf den Anspruch an Nachhaltigkeit. Doch was wäre, wenn wir diese Zonen digital einzäunen, intelligent steuern und in Echtzeit optimieren könnten? Geofencing macht genau das möglich – und ist dabei weit mehr als ein hipper Tech-Trend. Wer urbane Logistik zukunftsfähig gestalten will, kommt an digitalen Geozäunen nicht mehr vorbei. Zeit, den Mythos zu entzaubern und das Potenzial auszupacken.

  • Geofencing als Schlüsseltechnologie für die Steuerung urbaner Logistikzonen
  • Funktionsweise, technische Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten von Geofencing
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Chancen für Verkehrsberuhigung, Flächenmanagement und Nachhaltigkeit
  • Rechtliche und planerische Herausforderungen im Umgang mit Geofencing
  • Integration von Geofencing in bestehende Stadtentwicklungskonzepte
  • Risiken, Grenzen und ethische Aspekte digitaler Zugangskontrolle
  • Strategien für eine erfolgreiche Implementierung in Kommunen
  • Ausblick: Geofencing als Baustein der smarten und resilienten Stadt

Geofencing im urbanen Kontext: Was steckt hinter den digitalen Zäunen?

Geofencing klingt nach Science-Fiction, ist aber in der Stadtentwicklung längst Realität. Der Begriff beschreibt digitale, meist unsichtbare Grenzen, die mithilfe von GPS, Bluetooth oder anderen Funktechnologien in der realen Welt gezogen werden. Betritt ein registriertes Objekt – ob LKW, E-Scooter oder Paketbote – diese Zone, werden automatisiert Aktionen ausgelöst: Schranken öffnen sich, Lieferzeitfenster werden aktiviert, Daten zur Ankunft werden erfasst, oder Push-Nachrichten an die Leitstelle versendet. Geofencing übersetzt also klassische Raumordnung in die Sprache der Echtzeitdaten und der smarten Infrastruktur. Das Faszinierende: Diese Technologie ist dynamisch, flexibel und kann auf wechselnde Anforderungen reagieren – ein entscheidender Unterschied zur starren physischen Schranke.

Im Kontext urbaner Logistikzonen bedeutet das, dass Städte erstmals in der Lage sind, Lieferverkehre punktgenau zu steuern, Flächen temporär zuzuweisen und die Nutzung von Straßenabschnitten zu regulieren. Klassischerweise werden Logistikzonen per Verkehrszeichen, Poller oder Baustellenabsperrung definiert – doch Geofencing schafft ein digitales Overlay, das viel feiner und situationsabhängiger funktioniert. Ein Lieferfahrzeug kann beispielsweise nur zu bestimmten Uhrzeiten eine Zone befahren, während zur Rushhour die Zufahrt gesperrt bleibt. Auch Sharing-Fahrzeuge lassen sich so auf erlaubte Abstellflächen begrenzen, und die Einhaltung der Regeln kann automatisch überprüft werden.

Doch Geofencing kann noch mehr. Es ermöglicht auch ein intelligentes Monitoring von Flächennutzung, Auslastung und Verkehrsflüssen. Sensorik und Datenplattformen liefern in Echtzeit Informationen darüber, wie viele Fahrzeuge sich in einer Zone befinden, wie lange sie verweilen und ob festgelegte Zeitfenster eingehalten werden. Diese Daten sind für die Stadtplanung Gold wert: Sie erlauben eine datenbasierte Optimierung der Logistikprozesse, unterstützen das Parkraummanagement und helfen, Konflikte zwischen Lieferanten, Anwohnern und anderen Verkehrsteilnehmern zu minimieren.

Technisch betrachtet setzt Geofencing auf mehrere Säulen. Zentral ist die präzise Erfassung von Standortdaten, meist über GPS, ergänzt durch Funktechnologien wie Bluetooth Low Energy (BLE) oder WLAN, die auch in dichten Innenstädten funktionieren. Hinzu kommen Softwareplattformen, die Geozonen definieren, regeln und mit bestehenden IT-Systemen der Stadt oder privater Logistikdienstleister verbinden. Die Integration in Apps, Navigationssysteme und Verkehrsleittechnik macht den digitalen Zaun schließlich für Nutzer und Betreiber intuitiv bedienbar – und für die Stadt steuerbar.

Damit wird Geofencing zum Gamechanger für urbane Logistik. Es verschiebt die Kontrolle von der physischen in die digitale Welt, ermöglicht neue Geschäftsmodelle und eröffnet der Stadtplanung völlig neue Steuerungsoptionen. Klar ist aber auch: So leichtfüßig wie die Technologie daherkommt, so tiefgreifend sind die Veränderungen, die sie im städtischen Gefüge auslöst – und die Fragen, die sie in Sachen Recht, Datenschutz und Akzeptanz aufwirft.

Praxis und Potenziale: Geofencing in der urbanen Logistiksteuerung

Während Geofencing in der Privatwirtschaft – etwa für Flottenmanagement oder Marketing – schon seit Jahren genutzt wird, steckt der Einsatz im städtischen Logistikkontext vielerorts noch in den Kinderschuhen. Doch die Zahl der Pilotprojekte wächst. In Hamburg etwa steuert die Stadt gemeinsam mit Partnern aus der Logistikbranche die Zufahrt zu Mikro-Depots und Lieferzonen digital. Lieferfahrzeuge erhalten Zeitfenster und digitale Berechtigungen, die automatisch überprüft werden. Wer zu früh oder zu spät kommt, muss warten oder wird umgeleitet. Das reduziert nicht nur Staus, sondern beugt auch Konflikten mit Anwohnern und anderen Verkehrsteilnehmern vor.

Ein weiteres Beispiel liefert Wien: Hier werden Geofencing-Lösungen eingesetzt, um die Nutzung von Ladezonen für Lastenräder und E-Transporter zu priorisieren. Sensoren erfassen, ob Stellflächen tatsächlich von berechtigten Fahrzeugen genutzt werden – und ob die Verweildauer eingehalten wird. Verstöße werden automatisch dokumentiert und können in die Bußgeldsysteme eingespielt werden. Für die Stadtverwaltung bedeutet das eine massive Entlastung bei der Überwachung, für die Logistikunternehmen eine höhere Planungssicherheit und für die Bevölkerung weniger Verkehrschaos.

Auch Zürich experimentiert: In ausgewählten Stadtteilen regelt Geofencing, welche Fahrzeuge zu welchen Zeiten in bestimmte Logistikzonen einfahren dürfen. Über eine zentrale Plattform werden alle Bewegungen erfasst, ausgewertet und in die Verkehrssteuerung eingespeist. Besonders spannend: Die Stadt nutzt die gesammelten Daten nicht nur zur Überwachung, sondern auch zur dynamischen Anpassung der Regeln. Wenn etwa zu viele Fahrzeuge unterwegs sind, werden Zufahrten kurzfristig beschränkt oder alternative Routen vorgeschlagen.

Das Potenzial für nachhaltige Stadtentwicklung ist enorm. Geofencing erlaubt es, Flächen flexibel zu nutzen, temporäre Lieferzonen einzurichten und Verkehrsströme so zu lenken, dass Luftqualität, Sicherheit und Lebensqualität in der Stadt steigen. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für das Parkraummanagement, etwa durch die gezielte Freigabe oder Sperrung von Flächen für verschiedene Nutzergruppen. Besonders im Kontext der wachsenden Paketlogistik durch den Onlinehandel gewinnt diese Flexibilität an Bedeutung – denn starre Lösungen stoßen hier schnell an ihre Grenzen.

Natürlich bleibt die Frage, wie Bürger, Unternehmen und Verwaltung mit dieser neuen digitalen Steuerung umgehen. Akzeptanz entsteht nur, wenn Geofencing transparent, nachvollziehbar und fair eingesetzt wird. Wer die Chancen der Technologie ausloten will, muss daher auch die Herausforderungen ansprechen – von Datenschutz über technische Standards bis zur sozialen Gerechtigkeit. Nur so wird Geofencing zum echten Hebel für die urbane Transformation.

Rechtliche, planerische und ethische Herausforderungen von Geofencing

Geofencing öffnet der Stadtplanung Türen, stellt aber auch klassische Gewissheiten infrage. Beginnen wir mit dem Recht: Wer digitale Zäune in öffentlichen Räumen errichtet, bewegt sich unweigerlich im Spannungsfeld von Datenschutz, Zugangsrechten und Verkehrsbeschränkungen. Die DSGVO verlangt, dass Standortdaten von Fahrzeugen, Fahrern und Nutzern nur mit klarer Einwilligung und zu legitimen Zwecken verarbeitet werden dürfen. Stadtverwaltungen müssen daher sicherstellen, dass Geofencing nicht zur lückenlosen Überwachung ausartet – und dass Daten anonymisiert, sicher und nur so lange wie nötig gespeichert werden.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die rechtliche Verbindlichkeit von Geofencing-Regeln. Während eine physische Schranke oder ein Verkehrsschild eindeutig ist, muss die digitale Zugangskontrolle rechtssicher gestaltet werden. Was passiert, wenn ein Fahrzeug trotz Geofencing eine Zone befährt? Wer haftet bei Fehlfunktionen? Hier sind klare Regelungen, Standards und Schnittstellen gefragt – sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Kommunen, IT-Anbietern und Logistikunternehmen.

Auch die Integration von Geofencing in bestehende Planungs- und Beteiligungsprozesse ist eine Herausforderung. Urbanistische Leitbilder wie die „Stadt der kurzen Wege“ oder die „15-Minuten-Stadt“ setzen auf offene, flexible Räume. Geofencing kann diese Konzepte unterstützen, indem es temporäre oder bedarfsgerechte Nutzungen ermöglicht – birgt aber auch das Risiko, neue digitale Zugangshürden zu schaffen. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Die Technologie darf nicht zur digitalen Ausgrenzung oder Kommerzialisierung öffentlicher Räume führen.

Ethik und Akzeptanz sind weitere zentrale Themen. Wer entscheidet, welche Flächen wann und wie genutzt werden dürfen? Werden bestimmte Nutzergruppen bevorzugt oder benachteiligt? Und wie lässt sich verhindern, dass Geofencing zur dauerhaften Kontrolle und Einschränkung urbaner Freiheiten wird? Nur wenn diese Fragen offen diskutiert und beantwortet werden, kann Geofencing zum Motor für eine gerechtere, nachhaltigere Stadt werden – statt zum Instrument technokratischer Kontrolle.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Langfristigkeit der Lösungen. Geofencing ist ein Werkzeug, kein Allheilmittel. Es muss in eine ganzheitliche Strategie eingebettet werden, die auch analoge Maßnahmen, Bürgerbeteiligung und klassische Planungselemente umfasst. Nur so kann die Technologie ihr volles Potenzial entfalten – und die Stadt von morgen resilient, lebenswert und zugänglich machen.

Geofencing in der Stadtentwicklung: Integration, Skalierung, Zukunftsperspektiven

Wie lässt sich Geofencing strategisch in die Stadtentwicklung integrieren? Die Antwort beginnt mit einem Perspektivwechsel: Weg von der klassischen Flächenzuweisung, hin zu einer dynamischen, datengestützten Steuerung urbaner Infrastrukturen. Geofencing kann dabei als „digitales Rückgrat“ für die Verwaltung von Logistikzonen, Lieferverkehren und Verkehrsflüssen dienen. Voraussetzung ist jedoch ein durchdachtes Zusammenspiel von Technik, Recht, Organisation und Kommunikation.

Erste Schritte sind die Identifikation sinnvoller Anwendungsfälle – etwa in besonders belasteten Innenstadtbereichen, bei Großveranstaltungen oder für temporäre Lieferkonzepte. Hier können Pilotprojekte wertvolle Erkenntnisse liefern, um Skalierbarkeit, Nutzerakzeptanz und technische Machbarkeit zu testen. Wichtig ist die frühzeitige Einbindung aller relevanten Akteure: Verwaltung, Logistikunternehmen, IT-Anbieter, aber auch lokale Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Nur so gelingt es, die Anforderungen praxisnah und zukunftsfähig zu gestalten.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Interoperabilität. Geofencing darf kein Insellösung bleiben, sondern muss mit bestehenden Systemen wie Parkraummanagement, Verkehrssteuerung und urbanen Datenplattformen harmonieren. Offene Schnittstellen, Standardisierung und ein modularer Ansatz sind essenziell, um spätere Ausbaustufen und neue Anwendungsfälle zu ermöglichen. Gerade in wachsenden Städten, die sich ständig verändern, ist Flexibilität das Gebot der Stunde.

Skalierung bedeutet auch, Geofencing als Teil einer umfassenden Smart-City-Strategie zu denken. Die Verbindung mit digitalen Zwillingen, Echtzeitdatenanalysen und partizipativen Plattformen eröffnet zusätzliche Mehrwerte. So können Städte nicht nur die Logistik effizienter steuern, sondern auch Auswirkungen auf Umwelt, Klima und Stadtleben besser verstehen und steuern. Das Ziel: Eine resiliente, adaptive Stadt, die auf Herausforderungen reagieren und Chancen proaktiv nutzen kann.

Langfristig wird Geofencing zum Baustein der urbanen Governance. Es ermöglicht eine neue Form der Stadtsteuerung, in der Daten, Algorithmen und menschliche Entscheidungen Hand in Hand gehen. Die große Kunst besteht darin, Technik und Teilhabe zu verbinden, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen und die Stadt als gemeinsames Projekt zu begreifen. Nur dann wird Geofencing nicht zum digitalen Zaun, sondern zur Brücke in die urbane Zukunft.

Fazit: Der digitale Zaun als Hoffnungsträger und Herausforderung

Geofencing für urbane Logistikzonen ist keine Science-Fiction, sondern längst Teil der Realität – zumindest in den Städten, die bereit sind, klassische Planungskonzepte zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Die Technologie bietet enorme Chancen für Verkehrsberuhigung, Flächenmanagement und nachhaltige Stadtentwicklung. Sie ermöglicht es, Logistikprozesse flexibel, effizient und datengestützt zu steuern – und dabei die Bedürfnisse von Anwohnern, Wirtschaft und Umwelt in Einklang zu bringen.

Doch Geofencing ist kein Selbstläufer. Es verlangt nach klaren rechtlichen Rahmenbedingungen, nach technischen Standards und nach einer offenen, partizipativen Umsetzung. Nur wenn Städte, Unternehmen und Bürger gemeinsam an der Gestaltung dieser digitalen Infrastruktur arbeiten, können die Potenziale voll ausgeschöpft werden. Die Risiken – von Datenschutz über digitale Ausgrenzung bis hin zu technokratischer Steuerung – müssen dabei stets im Blick bleiben. Am Ende entscheidet nicht die Technik, sondern der Umgang mit ihr über Erfolg oder Scheitern.

Wer als Planer, Stadtverwaltung oder Entwickler heute in Geofencing investiert, investiert in die Zukunft der urbanen Logistik – und damit in die Lebensqualität der Stadtgesellschaft. Die digitale Grenze wird so zum Möglichkeitsraum für Innovation, Nachhaltigkeit und smarte Governance. Und zeigt einmal mehr: Die Stadt von morgen entsteht dort, wo Mut auf Technologie trifft – und beides auf kluge Planung.

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Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

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Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

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BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.