Reykjavik experimentiert mit geothermischer Stadtmöblierung

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Atemberaubende Luftaufnahme nachhaltiger Stadtarchitektur in Nepal während des Lockdowns, fotografiert von Sanjay Hona.

Heiß, innovativ, ein bisschen verrückt – und dabei zukunftsweisend für das urbane Europa: Reykjavik macht ernst mit geothermischer Stadtmöblierung. Islands Hauptstadt nutzt ihre einmalige Lage auf dem Vulkan, um Straßenbänke, Bushaltestellen und sogar Outdoor-Arbeitsplätze mit warmer Energie zu versorgen. Was steckt hinter dieser urbanen Spielwiese? Wie funktioniert das System technisch, sozial, gestalterisch? Und welche Chancen – oder auch Risiken – bietet das Modell für die Städte Mitteleuropas? Willkommen zu einer Reise an die heißen Quellen urbaner Gestaltung!

  • Reykjavik nutzt seine geothermischen Ressourcen, um Stadtmöbel wie Bänke, Bushaltestellen und öffentliche Plätze zu beheizen.
  • Geothermische Stadtmöblierung ist ein Experiment, das Technik, Gestaltung und nachhaltige Stadtentwicklung verbindet – mit einzigartigen Resultaten.
  • Die Umsetzung fordert interdisziplinäres Know-how: von Energieplanung über Materialwahl bis zur urbanen Soziologie.
  • Reykjaviks Modell hat Potenzial für Klimaresilienz, soziale Teilhabe und neue Formen der Stadtgestaltung – auch für den deutschsprachigen Raum.
  • Gleichzeitig werfen die Versuche Fragen nach Ressourcenverbrauch, Gestaltungshoheit und Skalierbarkeit auf.
  • Stadtmöblierung wird in Reykjavik zum Labor für innovative Beteiligung und klimasensible Entwurfsstrategien.
  • Die geothermische Infrastruktur prägt die Identität Reykjaviks und fordert das traditionelle Verständnis von Urbanität heraus.
  • Übertragbarkeit: Welche technischen, klimatischen und kulturellen Voraussetzungen wären für ähnliche Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz nötig?
  • Fazit: Reykjaviks Pioniergeist liefert Inspiration und Diskussionsstoff für die Zukunft der Stadtmöblierung im Zeichen der Energiewende.

Heiße Quellen der Innovation: Reykjaviks geothermische Stadtmöblierung im Überblick

Wer Reykjavik im Winter besucht, erlebt eine Stadt, in der die Kälte nicht zwingend dominiert. Schon beim Verlassen des Flughafens weht ein Hauch von Schwefel durch die Luft – ein olfaktorischer Gruß aus dem Erdinneren, das hier nicht nur Strom produziert, sondern wortwörtlich Stadt gestaltet. Die isländische Hauptstadt verfügt über eine der leistungsfähigsten geothermischen Infrastrukturen der Welt. Fast der gesamte Wärmebedarf der Gebäude wird durch heißes Wasser gedeckt, das aus vulkanischen Tiefen gewonnen wird. Was als Grundlage fürs Badewasser und die Fußbodenheizung begann, hat sich in den letzten Jahren zu einem Experimentierfeld für urbane Innovation entwickelt: die geothermische Stadtmöblierung.

Stadtmöblierung – darunter versteht man gemeinhin die Ausstattung öffentlicher Räume mit Bänken, Sitzgruppen, Fahrradständern, Leuchten, Wartehäuschen und ähnlichem Inventar. In Reykjavik jedoch erhält dieser Begriff eine ganz neue Dimension. Hier werden Bänke in Parks und an Bushaltestellen nicht nur aufgestellt, sondern mit geothermischer Wärme versorgt. An frostigen Wintertagen laden sie zum Sitzen ein, wo andernorts Metall und Stein zum Kälteschock werden. Die ersten Pilotprojekte entstanden im Zuge der Modernisierung von Bushaltestellen, wurden aber rasch auf weitere Stadtmöbel ausgeweitet. Auch Outdoor-Arbeitsplätze mit beheizten Tischen und Sitzflächen tauchen im Stadtbild auf – eine Einladung zum Arbeiten im Freien, mitten im Winter.

Die geothermische Stadtmöblierung ist dabei mehr als ein technisches Gimmick. Sie basiert auf einem ausgefeilten Netzwerk aus unterirdischen Leitungen, intelligenten Steuerungen und speziell entwickelten Werkstoffen, die die Wärme effizient übertragen und speichern. Die Bänke sind so konstruiert, dass sie auch bei zweistelligen Minusgraden noch angenehme Temperaturen bieten, ohne Energie zu verschwenden. Sensoren regeln die Temperatur je nach Witterung und Nutzung. Die technische Raffinesse wird flankiert von einer gestalterischen Handschrift, die den rauen Charme der isländischen Landschaft aufnimmt und mit urbaner Klarheit verbindet.

Doch Reykjaviks Ansatz geht noch weiter: Die Stadt betrachtet die geothermische Stadtmöblierung als Teil einer ganzheitlichen Strategie zur Förderung der Aufenthaltsqualität und sozialen Inklusion. Öffentliche Plätze werden so gestaltet, dass sie das ganze Jahr über nutzbar sind – auch für Gruppen, die ansonsten vom Winterwetter ausgeschlossen wären. Senioren, Familien, Jugendliche und Berufspendler profitieren gleichermaßen von den warmen Inseln im öffentlichen Raum. Die Aufenthaltsdauer steigt, neue soziale Interaktionen entstehen. Die Stadt wird zum Wohnzimmer, zum Treffpunkt, zum kreativen Labor – unabhängig von der Außentemperatur.

Für die Stadtplanung und Landschaftsarchitektur ist Reykjavik damit ein Paradebeispiel für die Verbindung von Ressourcenmanagement, Innovation und sozialer Stadtgestaltung. Die geothermische Stadtmöblierung ist hier kein Nice-to-have, sondern ein Statement: Urbane Räume können – und müssen – mit den lokalen Gegebenheiten experimentieren, um neue Lebensqualitäten zu schaffen. Für Planer in Mitteleuropa wirft das spannende Fragen auf: Wie lässt sich die Idee übertragen? Welche lokalen Ressourcen könnten ähnlich genutzt werden? Und wie verändert sich die Wahrnehmung und Nutzung öffentlicher Räume, wenn Technik und Gestaltung Hand in Hand gehen?

Technik trifft Gestaltung: Wie funktioniert geothermische Stadtmöblierung in Reykjavik?

Der Erfolg der geothermischen Stadtmöblierung in Reykjavik beruht auf einer seltenen Allianz aus Ingenieurkunst, Materialinnovation und urbanem Design. Im Zentrum steht die Nutzung des geothermischen Potenzials, das durch ein weitverzweigtes Fernwärmenetz erschlossen wird. Dieses Netz versorgt nicht nur Wohnungen und Büros, sondern wurde gezielt erweitert, um auch öffentliche Plätze und Stadtmöbel anzuschließen. Die Herausforderung: Während Gebäude relativ einfach mit Heizkreisläufen ausgestattet werden können, erfordert die Beheizung von Stadtmöbeln eine viel feinere Steuerung.

Die Bänke und Sitzgelegenheiten sind mit integrierten Rohrleitungen ausgestattet, durch die heißes Wasser mit Temperaturen von bis zu 80 Grad Celsius zirkuliert. Dank intelligenter Ventile und Temperaturfühler wird die Wärmeabgabe an die tatsächlichen Bedürfnisse angepasst. So heizen sich die Sitze nur dann auf, wenn sie tatsächlich genutzt werden oder wenn die Außentemperatur einen gewissen Schwellenwert unterschreitet. In besonders exponierten Lagen – etwa an Bushaltestellen mit hohem Publikumsverkehr – sorgen zusätzliche Wärmespeicher dafür, dass die Sitzflächen auch bei heftigen Kälteeinbrüchen nicht auskühlen.

Ein weiteres Highlight ist die Materialwahl: Statt klassischer Metallsitze kommen spezielle Verbundwerkstoffe, Steinbeton oder sogar Lavagestein zum Einsatz. Diese Materialien speichern die Wärme besonders effizient und geben sie langsam wieder ab. Gleichzeitig sind sie robust genug, um den harschen Witterungsbedingungen Islands zu trotzen. Die Oberflächengestaltung ist so gewählt, dass sie einerseits die Wärmeableitung optimiert, andererseits aber auch vandalismussicher und pflegeleicht bleibt. In den Designprozess flossen Erfahrungen aus der Architektur, dem Industriedesign und der Klimaforschung ein – eine interdisziplinäre Meisterleistung, die ihresgleichen sucht.

Die Steuerung der Systeme erfolgt zentral über die städtische Leitwarte. Hier laufen die Daten der Temperatursensoren, Nutzerfrequenzen und Wettervorhersagen zusammen. Algorithmen prognostizieren die Auslastung der Stadtmöbel und passen die Wärmezufuhr entsprechend an. So gelingt es, den Energieverbrauch zu minimieren, ohne den Komfort der Nutzer zu beeinträchtigen. Für die Stadt bedeutet das: Nachhaltigkeit und Aufenthaltsqualität müssen keine Gegensätze sein, sondern können sich gegenseitig beflügeln.

Das technische Grundprinzip ist dabei erstaunlich einfach, die Umsetzung jedoch voller Tücken: Die Leitungen müssen frostfrei verlegt, die Anschlüsse gegen Feuchtigkeit geschützt und die Steuerungen regelmäßig gewartet werden. Besonders anspruchsvoll ist die Integration in den öffentlichen Raum – schließlich sollen die Stadtmöbel nicht wie technische Apparate wirken, sondern als selbstverständlicher Teil des Stadtbildes erscheinen. Dies gelingt in Reykjavik durch eine enge Abstimmung zwischen Stadtwerken, Planungsämtern und Gestaltern. Die Folge: Die geothermischen Bänke fügen sich harmonisch in Parks, Plätze und Straßenräume ein, ohne ihre technische Raffinesse zur Schau zu stellen.

Abseits der Bänke experimentiert Reykjavik auch mit weiteren Anwendungen: Beheizte Fahrradständer, die das Festfrieren verhindern, Outdoor-Arbeitsplätze mit USB-Anschluss und Wärmefunktion sowie überdachte Sitzinseln, die als kleine Wintergärten fungieren. Die Stadt versteht die geothermische Möblierung als offenes System, das ständig weiterentwickelt wird. Innovationsgeist, Pragmatismus und eine Prise isländischer Nonchalance machen aus der technischen Infrastruktur ein urbanes Erlebnis – und setzen Maßstäbe für eine neue Generation von Stadtmöbeln.

Soziale Wärme: Stadtmöblierung als Werkzeug für Teilhabe und Lebensqualität

Die geothermische Stadtmöblierung ist in Reykjavik weit mehr als eine technische Spielerei. Sie ist ein Instrument zur Förderung sozialer Teilhabe, zur Steigerung der Aufenthaltsqualität und zur Schaffung inklusiver öffentlicher Räume. Im Mittelpunkt steht die Idee, dass alle Bürger unabhängig von Wetter, Alter oder Mobilität die städtischen Räume nutzen können. Gerade in einem Klima, das lange Winter und häufige Kälteeinbrüche kennt, ist dies ein Quantensprung für die urbane Lebensqualität.

Die warmen Sitzgelegenheiten werden gezielt dort platziert, wo sie den größten sozialen Mehrwert stiften: an stark frequentierten Bushaltestellen, in Parkanlagen, auf Schulhöfen und an Plätzen mit hoher Aufenthaltsdauer. Hier fungieren sie als Katalysatoren für Begegnung und Austausch. Senioren, die sich sonst nicht mehr nach draußen trauen, können wieder am öffentlichen Leben teilnehmen. Familien nutzen die Bänke als Pausenstation beim Stadtbummel, Jugendliche treffen sich nach der Schule, Berufspendler warten entspannt auf den Bus. Die Statistik belegt: Die Aufenthaltsdauer an den beheizten Stadtmöbeln ist signifikant gestiegen – ein klarer Indikator für die soziale Wirksamkeit des Konzepts.

Auch für die Partizipation eröffnen sich neue Möglichkeiten. Die Stadt Reykjavik hat Bürger frühzeitig in die Planung der geothermischen Stadtmöblierung einbezogen. In Workshops, Online-Umfragen und Pilotprojekten konnten Anwohner ihre Wünsche und Ideen einbringen. Welche Orte eignen sich? Welche Funktionen werden benötigt? Wie sollen die Möbel gestaltet sein? Die Antworten flossen direkt in die Planung ein – ein Paradebeispiel für kooperative Stadtentwicklung. Die geothermische Infrastruktur wird so zum Medium, das Technik, Design und Bürgerinteressen miteinander verknüpft.

Ein spannender Nebeneffekt: Die geothermischen Stadtmöbel prägen das Selbstverständnis Reykjaviks als innovative, soziale und nachhaltige Hauptstadt. Sie werden zum Symbol für eine Stadt, die ihre natürlichen Ressourcen nicht nur effizient nutzt, sondern kreativ in die Gestaltung des Alltags einbindet. Das fördert den Stolz der Einwohner auf ihre Stadt und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Zugleich positioniert sich Reykjavik international als Vorreiterin für urbane Resilienz und innovative Stadtgestaltung – und zieht damit Aufmerksamkeit von Planern aus aller Welt auf sich.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen: Die Wartung und Pflege der Systeme ist anspruchsvoll, der Energieverbrauch muss ständig optimiert werden, und nicht alle Standorte eignen sich für eine geothermische Anbindung. Trotzdem steht fest: Die soziale Dimension der Stadtmöblierung wird durch die Technik nicht verdrängt, sondern erweitert. Reykjavik zeigt, wie Infrastruktur, Gestaltung und soziale Innovation zu einem neuen Verständnis von Urbanität verschmelzen können – und liefert damit wertvolle Impulse für Städte im deutschsprachigen Raum.

Übertragbarkeit und Perspektiven: Was kann Mitteleuropa von Reykjavik lernen?

Die Faszination für Reykjaviks Modell ist groß – doch wie realistisch ist eine Übertragung auf Städte in Deutschland, Österreich oder der Schweiz? Klar ist: Die geologischen Voraussetzungen Islands sind einzigartig. Kaum eine mitteleuropäische Stadt sitzt auf einem derart ergiebigen geothermischen Reservoir. Dennoch gibt es durchaus Potenziale für eine Adaption – wenn auch in abgewandelter Form.

Technisch gesehen verfügen einige Städte im deutschsprachigen Raum längst über geothermische Anlagen, etwa in München, Unterhaching oder St. Gallen. Die Nutzung beschränkt sich meist auf Gebäudeheizung und Warmwasser, doch innovative Pilotprojekte könnten das Spektrum erweitern. Die Anbindung öffentlicher Plätze und Stadtmöbel an bestehende Netze wäre ein logischer nächster Schritt – vorausgesetzt, die Infrastruktur lässt sich kosteneffizient und ohne große Eingriffe erweitern. Auch alternative Wärmequellen – wie Abwärme aus Industrieprozessen oder Solarthermie – könnten ähnliche Effekte erzielen.

Gestalterisch und organisatorisch bietet Reykjaviks Ansatz eine Fülle von Anregungen. Die Integration technischer Innovationen in urbane Gestaltungsprozesse, die enge Zusammenarbeit von Ingenieuren, Architekten, Designern und Stadtverwaltungen, sowie die frühzeitige Einbindung der Bürger – all das sind Erfolgsfaktoren, die auch in Mitteleuropa übertragbar sind. Entscheidend ist die Bereitschaft, Infrastruktur nicht nur als technische Notwendigkeit, sondern als gestalterische Chance zu begreifen. Stadtmöbel werden so zu Schnittstellen zwischen Technik und Alltag, zwischen Nachhaltigkeit und Lebensqualität.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kommunikation: Die geothermische Stadtmöblierung lebt davon, dass ihre Funktionsweise und ihr Mehrwert sichtbar und nachvollziehbar sind. Informationskampagnen, partizipative Aktionen und eine offene Fehlerkultur sind essenziell, um Akzeptanz und Identifikation zu schaffen. Gerade in Deutschland, wo technologische Großprojekte oft mit Skepsis betrachtet werden, ist Transparenz der Schlüssel zum Erfolg.

Natürlich gibt es auch Grenzen. Die flächendeckende Umsetzung geothermischer Stadtmöblierung bleibt in Mitteleuropa eine Vision, solange die natürlichen Ressourcen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht passen. Doch einzelne Pilotprojekte – etwa beheizte Sitzgelegenheiten an zentralen Plätzen, Outdoor-Arbeitsinseln oder smarte Bushaltestellen – könnten als Testfelder dienen, um Technik, Gestaltung und soziale Wirkung im lokalen Kontext zu erproben. Die Erfahrungen aus Reykjavik zeigen: Es lohnt sich, mutig zu experimentieren und dabei die Eigenheiten des Standorts kreativ zu nutzen.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Innovation in der Stadtmöblierung weit mehr ist als eine Frage der Technik. Sie ist ein Spiegelbild der urbanen Kultur – und ein Werkzeug, um gesellschaftliche, ökologische und gestalterische Ziele miteinander zu verbinden. Reykjavik liefert dafür das beste Beispiel: Eine Stadt, die aus ihrer geologischen Lage nicht nur Strom, sondern auch Lebensqualität gewinnt – und damit Maßstäbe für die Stadtentwicklung von morgen setzt.

Fazit: Heiße Impulse für die urbane Zukunft

Reykjaviks Experiment mit geothermischer Stadtmöblierung ist mehr als ein origineller PR-Coup. Es ist ein mutiges, ganzheitliches Konzept, das Technik, Gestaltung und soziale Teilhabe auf neuartige Weise verknüpft. Die isländische Hauptstadt zeigt, wie lokale Ressourcen kreativ genutzt werden können, um das urbane Leben zu bereichern und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum spürbar zu erhöhen. Die Beheizung von Bänken, Bushaltestellen und Outdoor-Arbeitsplätzen ist dabei nicht bloß ein Komfort-Feature, sondern ein Ausdruck von Innovationsgeist, Pragmatismus und sozialer Verantwortung.

Für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Reykjavik Vorbild und Herausforderung zugleich. Die geothermischen Voraussetzungen sind hier selten vergleichbar, doch die Grundidee – die Verschmelzung von Energieinfrastruktur, Gestaltung und sozialer Innovation – lässt sich übertragen. Pilotprojekte, die auf lokale Ressourcen, intelligente Technik und partizipative Prozesse setzen, könnten die Stadtmöblierung auch in Mitteleuropa revolutionieren. Entscheidend ist der Mut, Infrastruktur nicht nur funktional, sondern als gestalterische und soziale Ressource zu denken.

Die geothermische Stadtmöblierung eröffnet neue Perspektiven für die klimaresiliente, inklusive und lebenswerte Stadt. Sie fordert Planer heraus, interdisziplinär zu arbeiten, urbane Räume als dynamische Systeme zu verstehen und Technik als Teil des sozialen Miteinanders zu begreifen. Reykjavik liefert nicht nur ein technisches Modell, sondern einen Impuls für ein neues urbanes Selbstverständnis – und damit jede Menge Diskussionsstoff für die Stadtplanung der Zukunft.

Wer jetzt noch glaubt, Stadtmöbel seien nur Bänke und Papierkörbe, sollte dringend einen Flug nach Island buchen. Oder besser noch: den eigenen Stadtraum zum Labor für innovative, nachhaltige und soziale Stadtmöblierung machen. Die Zukunft ist heiß – und sie beginnt direkt vor unserer Haustür.

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Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
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Für Roth bei Nürnberg schreitet das größte Städtebauprojekt der letzten Jahrzehnte voran. Es handelt sich hierbei um die Konversion des stillgelegten Leoni-Fabrikgeländes in das sogenannte Rother Neuland. Dafür lobte die Stadt dieses Jahr einen städtebaulichen und freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb aus. Jetzt stehen der Siegerentwurf fest.

KlimaQuartier statt Fabrikgelände

Her mit der Transformation vom brachen Industriestandort zum lebendigen Zukunftsquartier Rother Neuland! Für dieses Vorhaben wird Roth seit 2022 durch das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr innerhalb „Landstadt Bayern“ gefördert. Des Weiteren gab es Anfang diesen Jahres eine enthusiastisch aufgenommene Büger*innenbeteiligung. Dabei kristallisierten sich die wichtigsten Themen heraus, zum Beispiel Mobilität und Ökologie. Darüber hinaus hat das Gelände eine besondere Lage. Es befindet sich im Stadtzentrum. Mit sieben Hektar liegt es außerdem zwischen Bahnhof und Marktplatz sowie an zwei Fließgewässern. Jetzt ging das Team um SCHIRMER Architekten + Stadtplaner, planetz Architektenpartnerschaft und deBuhr LA Landschaftsarchitektur als Sieger hervor. Wie überzeugte also der Entwurf „klimaPARKquartier“? 

Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Städtebauliche Struktur und Flexibilität 

Die Gebietsentwicklung des Rother Neulands wird über einen langen Zeitraum erfolgen. Deshalb ist die Grundstruktur robust. Aber es wird ausreichend flexiblen Entwicklungsspielraum geben. Die Jury lobte dabei die angemessen dichte, bauliche Struktur. Richtung Innenstadt präsentiert sich das Viertel mit urbaner Atmosphäre aus gefassten Räumen und Blockstrukturen. Die angrenzenden Wohnhöfe haben dagegen einen Gartenstadt-Charakter. Im Nordosten liegt ein großzügiges, freiräumliches Entree. 

Grünstruktur

Das Privatgelände wird zum öffentlichen Landschaftspark. Das Konzept des Rother Neulands sieht eine Bebauung in der Grundstücksmitte vor. Dafür wird es in ein breites, durchgehendes Landschaftsband eingebettet. Durch räumliche und visuelle Bezüge erhalten das Schloss, die Kulturfabrik und Fließgewässer so neue Wertigkeit im Stadtgefüge. Anstelle einer Zäsur gibt es nun eine Verbindung zwischen der Stadt, der Rednitzinsel und den umgebenden Landschaftsräumen. Der Entwurf führt dabei die bestehenden ökologisch und erholungstechnisch wertvollen Landschaftsstrukturen fort. „Mit den großzügigen Grünräumen und zusätzlichen Baumpflanzungen wird ein sehr guter Beitrag zur klimatischen Verbesserung der umliegenden Stadtquartiere geschaffen“ sagte das Preisgericht. Auch der Luftaustausch wird berücksichtigt. Die Wiesen sind gleichzeitig Überschwemmungszonen und die Belagsflächen dränfähig. Künftig interessant wird der detailliertere Umgang mit dem oberflächennahen Grundwasser. Auch das Thema Altlasten bereitet allen Beteiligten Sorgen.

Identität und Ressourcenschutz

Neben den Naturräumen bleibt auch die bauliche Geschichte des Ortes ablesbar. Zur Identitätsstiftung des Rother Neulands werden dafür Teile der Bausubstanz erhalten (zum Beispiel Drei-Bogenhalle, Pförtnerhaus). Deren Integration erhält aber nicht nur den Charakter des Ortes. So lässt sich auch die graue Energie nutzen.

Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Nutzungsmischung

Ein lebendiges Stadtquartier braucht Nutzungsmix. Um Arbeiten und Wohnen näher zu bringen plant das Siegerteam zum einen emissionsarme Produktionsprozesse und digitalisierte Arbeitsformen. Zum anderen schaffen sie soziale und kulturelle Angebote im Rother Neuland.

Mobilität

Einen weiteren vorbildlichen Umgang mit Ressourcen sieht man im nachhaltigen Erschließungskonzept. Die Infrastruktur baut nämlich auf dem Bestand auf. Dazu wird ein autofreies bzw. autoarmes Stadtquartier geschaffen. Hierfür plant man am Quartierseingang eine Großgarage als Mobilitätszentrale. Dagegen werden im Quartiersinneren der ÖPNV, Mobilitätsstationen und Sharing-Angebote ausgebaut. Außerdem schafft der Entwurf eine große innere Durchwegung und Verknüpfung mit der Umgebung.

Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Weiteres Vorgehen

Die sieben Wettbewerbsergebnisse sind bis zum 28. Juli 2023 in der Kulturfabrik Roths ausgestellt. Der Stadtrat beauftragte bereits das Planungsteam mit der Fortschreibung des Entwurfs. Die Ergebnisse aus einer Online-Umfrage im Rahmen von „Landstadt Bayern“ müssen dabei im weiteren Planungsprozess berücksichtigt werden.

Auch in einem ehemaligen Industriegebiet findet das „Quartier der tanzenden Paare“ in der Schweiz auf dem Erni-Areal Platz. Das Besondere: Studio Vulkan gestalten zusammen mit KCAP einen Raum in der Siedlung nach dem Schwammstadt-Prinzip.

Parc des Ateliers

Der spektakuläre Neubau der Stiftung Luma Arles ist ein Kunstwerk für die Kunst: Frank Gehrys Turm ist Museum und Atelierbau zugleich. Er bildet den Höhepunkt eines Kunst- und Kulturareals, das die Luma-Gründerin Maja Hoffmann im Verlauf von 15 Jahren verwirklicht hat.

Luma Arles eröffnet „Parc des Ateliers“

Arles und Kunst – da ist natürlich der erste Gedanke van Gogh, der hier seinen Traum vom Atelier des Südens im Künstlergemeinschaft mit Gauguin zu verwirklichen suchte. Doch der Aufenthalt in Arles wurde für van Gogh zum Debakel. Nicht nur, dass die Zusammenarbeit mit Gauguin im Zerwürfnis endete – in Arles begann er auch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden, bis er sich schließlich in die Nervenheilanstalt im nahegelegenen Saint-Rémy begeben musste.

Fast erscheint es ein wenig, als habe sich Maja Hoffmann vorgenommen, van Goghs erlittenes Schicksal in Arles im Nachhinein zu heilen. Hoffmann, die der gleichnamigen Basler Großindustriellendynastie entstammt, ist eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen und -förderinnen weltweit. Seit beinahe 20 Jahren wirkt sie als Kulturinitiatorin und Mäzenin in Arles. Im Jahr 2004 gründete sie dort die Luma-Stiftung, die zeitgenössische Kunst fördert und beauftragt.

 

Drei Jahre später begann Maja Hoffmann gemeinsam mit dem Architekten Frank Gehry, dem Kurator Hans-Ulrich Obrist und einer Reihe bedeutender zeitgenössischer Künstler einen Arbeitsprozess. Die Beteiligten entwickelten gemeinsam Ideen für ein neuartiges Kunst- und Kulturzentrum für das 21. Jahrhundert. Als Standort für dieses Projekt wählte Hoffmann den „Parc des Ateliers“. Ein Gelände des seit den Achtzigerjahren aufgelassenen Bahnbetriebswerk der SNCF an Rande der historischen Altstadt von Arles. Die historischen Werkstattgebäude wurden in Verlauf der letzten Jahre von der Architektin Annabelle Selldorf renoviert. Nun beherbergt das Gebäude Ausstellungsräume, Künstlerateliers und -wohnungen sowie ein Restaurant.

Galerie, Atelier und eine öffentliche Aussichtsterrasse

Den krönenden Abschluss fand die Neugestaltung des „Parc des Ateliers“ nun mit der Eröffnung des „Towers“, eines 56 Meter hohen Ausstellungs- und Ateliergebäudes nach dem Entwurf von Frank Gehry. Die ersten Vorarbeiten zu dem Projekt begannen bereits 2009. 2013 begannen die Bauarbeiten. Das Ergebnis ist unübersehbar ein Werk Gehrys – der hier jedoch die für sein Werk so charakteristischen freien Formen mit gewaltigen geometrischen Volumina verbindet. So gestaltete der Architekt eine drei Stockwerke hohe Sockelzone als gewaltigen gläsernen Zylinder. Ein Verweis auf das römische Amphitheater von Arles.

Nachhaltige Baumaterialien entwickelt von Atelier Luma

 

Aus dem Zylinder empor wächst der eigentliche Turm. Dessen auf die Innenstadt ausgerichtete Seite präsentiert sich als glänzende und wild bewegte Metallhaut mit rechteckigen Fenstererkern. Auf der stadtabgewandten Seite scheint der Turm dagegen aus zwei kubischen Körpern zusammengesetzt, die leicht angewinkelt nebeneinanderstehen. Im Innern des Glaszylinders sind scheinbar frei im Raum verteilt die Volumina der unterschiedlichen Galerien untergebracht. Eine Organisationsform, die sich ähnlich auch in Gehrys Fondation Louis Vuitton in Paris findet. Auch mehrere Atelierräume für Künstler finden sich hier. Im Turm dagegen sind hauptsächlich die Verwaltungsräume der Stiftung untergebracht. Eine öffentliche Aussichtsterrasse bildet den oberen Abschluss.

Zahlreiche Kunstwerke, unter anderem von Philippe Parreno und Olafur Eliasson, sind wichtiger Bestandteil des Towers. Sie wurden speziell für diesen Ort geschaffen. Ebenfalls Teil der Arbeit der Luma-Stiftung ist übrigens das Atelier Luma. Diese Werkstätte hat verschiedene nachhaltige Bau- sowie Einrichtungsteile aus heimischen Materialien für das Projekt entwickelt: So finden sich im Gebäude unter anderem textile Wandverkleidungen aus Bioplastik, mit Algen gefärbte Fliesen und Akustikelemente aus Sonnenblumen.

Ein weiteres Museum geschmückt mit gelungenen architektonischen Details sehen Sie hier.