Gestaltplanungen als Steuerungsinstrument – zwischen Entwurf und Paragraph

luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-P2d8SKdbjEE
Luftaufnahme von Carrie Borden: Der Fluss schlängelt sich durch die Schweizer Stadt und bietet ein beeindruckendes Panorama aus Urbanität und Natur.

Gestaltplanungen sind das geheime Steuerpult der Stadtentwicklung – sie verbinden kreative Entwurfsfantasie mit knallharter Paragrafenrealität. Zwischen Vision und Verwaltung, zwischen Skizze und Satzung entfaltet sich ein Spielfeld, das weit mehr ist als bunte Renderings oder trockene Bauvorschriften. Wer heute erfolgreich Stadt gestalten will, muss Gestaltplanung als dynamisches Steuerungsinstrument verstehen – und lernen, mit ihren Möglichkeiten und Grenzen elegant zu jonglieren.

  • Was Gestaltplanungen in der Praxis ausmacht und wie sie Stadtentwicklung steuern
  • Die historische Entwicklung von der klassischen Entwurfsplanung zur modernen Gestaltplanung
  • Wie Gestaltplanung zwischen Kreativität und rechtlichen Vorgaben vermittelt
  • Beispiele für erfolgreiche Gestaltplanungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Chancen und Risiken beim Einsatz von Gestaltplanungen als Steuerungsinstrument
  • Der Einfluss von Digitalisierung und neuen Tools auf die Gestaltplanung
  • Die Rolle von Beteiligung, Akzeptanz und Kommunikation im Gestaltungsprozess
  • Rechtliche Rahmenbedingungen und ihre Herausforderungen für Planer
  • Wie Gestaltplanungen als Brücke zwischen Ideal und Machbarkeit funktionieren
  • Ein Ausblick auf die Zukunft der gestalterischen Steuerung im urbanen Kontext

Gestaltplanung im Wandel: Von der Entwurfsidee zum urbanen Steuerungshebel

Gestaltplanungen, oft als das Herzstück guter Stadtentwicklung tituliert, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten von der klassischen Entwurfsplanung mit hohem Künstlerethos zu einem vielschichtigen Steuerungsinstrument entwickelt. Ursprünglich war Gestaltplanung vor allem die Domäne visionärer Architekten und Landschaftsplaner, die mit Skizzen und Modellen inspirierende Zukünfte entwarfen. Doch spätestens seit den 1980er Jahren, mit dem Aufstieg der strategischen Stadtentwicklung und den immer komplexeren Anforderungen an unsere Städte, wurde klar: Reines Entwerfen reicht nicht mehr. Heute müssen Gestaltplanungen nicht nur Visionen liefern, sondern auch in der Lage sein, diese in einen rechtlich und politisch belastbaren Rahmen einzubetten.

Die Transformation verlief dabei keineswegs linear. Immer wieder standen Gestaltplaner vor der Frage, wie sie ihre Entwürfe nicht nur sichtbar, sondern auch wirksam machen konnten. Der Schlüsselbegriff wurde Steuerung: Städte brauchen Instrumente, die nicht nur Gestaltung qualifizieren, sondern auch Prozesse strukturieren, Akteure einbinden und Entwicklung dauerhaft absichern. Die klassische Entwurfsplanung hat sich damit zu einer Prozessarchitektur gewandelt, in der das Zusammenspiel von Regeln, Kommunikation und gestalterischer Leitidee essenziell ist.

Das heutige Verständnis von Gestaltplanung ist hybrid: Einerseits geht es um das Entwickeln und Kommunizieren einer starken gestalterischen Vision. Andererseits sind planerische Instrumente gefragt, die diese Vision über Jahre – manchmal Jahrzehnte – vor politischen, wirtschaftlichen und sozialen Schwankungen schützen. Das gelingt nur, wenn Gestaltplanung als intelligentes Steuerungsinstrument aufgestellt wird, das zwischen Flexibilität und Verbindlichkeit vermitteln kann. In der Praxis ist das oft ein Balanceakt zwischen gestalterischem Anspruch und normativer Absicherung.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich dabei unterschiedlich ausgeprägte Kulturtechniken entwickelt. Während in Deutschland der formalisierte Bebauungsplan oft das zentrale Instrument der Steuerung bleibt, setzen Städte wie Zürich oder Wien verstärkt auf informelle Gestaltleitpläne, die zwischen Entwurf und Paragraf vermitteln. In beiden Ansätzen wird deutlich: Gestaltplanung ist immer ein Aushandlungsprozess – zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen Ideal und Machbarkeit.

Doch mit der Transformation der Städte zu immer komplexeren, vielschichtigeren Organismen wächst auch der Anspruch an die gestalterische Steuerung. Es reicht nicht mehr, einzelne Plätze oder Quartiere zu entwerfen. Gefragt sind übergeordnete Gestaltkonzepte, die ganze Stadtlandschaften prägen, multifunktionale Räume schaffen und auf globale Herausforderungen wie Klimawandel, Urbanisierung und gesellschaftlichen Wandel reagieren können. Die Gestaltplanung ist damit endgültig im Zeitalter des urbanen Managements angekommen – und wird zu einem strategischen Hebel, der weit über den klassischen Entwurf hinausreicht.

Regeln, Räume, Realitäten: Gestaltplanung zwischen Entwurf und Paragraf

Die eigentliche Kunst der Gestaltplanung liegt darin, zwischen kreativer Entwurfsfreiheit und rechtlicher Bindungslinie zu vermitteln. Das klingt nach einem trockenen Spagat, ist in Wirklichkeit aber ein raffinierter Tanz auf dem Seil der Stadtentwicklung. Wer hier erfolgreich agieren will, muss sowohl die Sprache der Gestaltung als auch die der Verwaltung beherrschen – und die jeweiligen Codes in beide Richtungen übersetzen können.

Rein formal betrachtet, sind Gestaltplanungen oft als informelle Instrumente angelegt. Sie ersetzen keine Bauleitplanung, sie schaffen keine eigenständigen Rechtsgrundlagen. Ihr Einfluss entsteht aus der Qualität des Entwurfs, der Überzeugungskraft der Argumente und der Fähigkeit, unterschiedliche Akteure hinter einer gemeinsamen Leitidee zu versammeln. Doch genau darin liegt ihre Stärke: Gestaltplanungen schaffen Orientierung, sie geben Projekten eine erkennbare Handschrift und können als Steuerungsinstrument genutzt werden, um Prozesse zu moderieren und Entscheidungen zu kanalisieren.

In der Praxis zeigt sich, dass die Kombination aus Entwurfsleitbild und gestalterischen Festsetzungen besonders wirksam ist. Städte wie Hamburg, München oder Basel arbeiten mit Gestaltleitplänen, die in frühen Phasen große Linien sichtbar machen und im weiteren Verlauf durch konkrete Regelwerke ergänzt werden. Dabei werden zum Beispiel Materialpaletten, Höhenstaffelungen, Freiraumstrukturen oder Fassadengestaltungen festgelegt, ohne die planerische Flexibilität komplett abzuwürgen. Der Clou: Viele Gestaltplanungen sind so formuliert, dass sie auch auf neue Herausforderungen reagieren können, ohne bei jedem kleinen Änderungswunsch wieder das gesamte Verfahren neu aufzurollen.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Nicht selten geraten Gestaltplanungen in Konflikt mit geltendem Recht, stoßen bei Investoren auf Widerstand oder werden von politischen Veränderungen überrollt. Die Kunst besteht darin, die gestalterische Leitidee so zu verankern, dass sie nicht zum bloßen Feigenblatt verkommt, sondern tatsächlich handlungsleitend bleibt. Dafür braucht es eine kluge Verknüpfung von informellen und formellen Instrumenten – und ein wachsames Auge für die Dynamik politischer Prozesse.

In jüngster Zeit spielt außerdem die Digitalisierung eine zunehmend wichtige Rolle. Digitale Tools, parametrische Modelle und partizipative Plattformen eröffnen neue Möglichkeiten, Gestaltplanungen transparent zu machen, Varianten schnell zu simulieren und unterschiedliche Szenarien durchzuspielen. Das erhöht die Akzeptanz, fördert die Verständlichkeit und schafft eine ganz neue Qualität des Dialogs zwischen Planung und Öffentlichkeit. Gleichzeitig wächst jedoch das Risiko, dass Gestaltplanungen durch algorithmische Vorgaben oder zu enge digitale Raster an Flexibilität verlieren. Wer das Steuerungsinstrument der Zukunft gestalten will, muss also nicht nur gestalterisch, sondern auch technologisch auf der Höhe sein.

Best Practice und Stolpersteine: Gestaltplanung als urbanes Steuerungsinstrument

Wie sieht eine gelungene Gestaltplanung aus, die tatsächlich als Steuerungsinstrument wirkt? Werfen wir einen Blick auf einige Fallstudien, die exemplarisch zeigen, wie Städte den Spagat zwischen Entwurf und Paragraf meistern. In München etwa wurde mit dem Leitbild „Grüne Stadt am Wasser“ ein Rahmen geschaffen, der alle Planungsprozesse entlang der Isar bündelt. Der Leitbildprozess war keine einmalige Kreativübung, sondern ein kontinuierlicher Steuerungsprozess, der politische Beschlüsse, Bürgerbeteiligung und konkrete Bauleitplanung miteinander verzahnt. Das Resultat: eine nachhaltige Stadtentwicklung, die sowohl gestalterisch als auch rechtlich überzeugt.

Ein anderes Beispiel liefert Zürich mit dem Stadtraumkonzept Zürich-West. Hier wurde ein städtebaulicher Entwurf zu einem flexiblen, mehrstufigen Gestaltungsleitfaden weiterentwickelt, der sowohl kurzfristige Maßnahmen als auch langfristige Transformationen steuert. Der Clou: Die Gestaltplanung wurde in mehreren Werkstattverfahren gemeinsam mit Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit entwickelt – und laufend angepasst. Das Ergebnis: hohe Akzeptanz, klare Orientierung, verlässliche Steuerung.

Doch nicht jeder Versuch ist von Erfolg gekrönt. In vielen Städten scheitern Gestaltplanungen an mangelnder Integration in die formale Bauleitplanung, an unklaren Zuständigkeiten oder an fehlender politischer Rückendeckung. Gerade in kleineren Kommunen fehlt oft das Know-how, Gestaltplanung als verbindliches Steuerungsinstrument zu etablieren. Hier sind Weiterbildung, Erfahrungsaustausch und die Entwicklung leicht adaptierbarer Werkzeuge gefragt.

Ein weiteres Problemfeld ist die Schnittstelle zu privaten Investoren. Werden Gestaltplanungen zu rigide oder zu vage formuliert, drohen entweder Innovationsstau oder Beliebigkeit. Erfolgreiche Städte setzen deshalb auf dialogische Verfahren: Sie laden Investoren frühzeitig ein, an der Entwicklung von Gestaltleitbildern mitzuwirken – und schaffen so ein gemeinsames Verständnis für Qualität und Machbarkeit. Das erfordert allerdings Fingerspitzengefühl, klare Kommunikation und die Bereitschaft, im Zweifel auch Kompromisse einzugehen.

Schließlich spielt auch die Einbindung der Öffentlichkeit eine zentrale Rolle. Moderne Gestaltplanung ist kein Elitenprojekt mehr, sondern lebt vom Austausch mit Bürgern, Fachleuten und Interessengruppen. Beteiligungsformate, digitale Plattformen und transparente Entscheidungswege sind heute Standard – und machen aus der Gestaltplanung ein demokratisches Steuerungsinstrument, das weit über die klassische Expertenrunde hinausreicht. Wer es schafft, die unterschiedlichen Interessen zu bündeln und in eine gemeinsame Gestaltidee zu übersetzen, setzt die entscheidenden Weichen für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung.

Chancen, Risiken und die Zukunft der gestalterischen Steuerung

Die Potenziale der Gestaltplanung als Steuerungsinstrument sind enorm – aber sie sind kein Selbstläufer. Richtig eingesetzt, ermöglicht sie eine ganzheitliche, nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung. Sie kann helfen, Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen, transformierbare Stadträume zu schaffen und den Spagat zwischen individuellen Interessen und Gemeinwohl zu meistern. Doch sie birgt auch Risiken: Wenn Gestaltplanungen zu unverbindlich bleiben, verlieren sie ihre Steuerungswirkung. Werden sie zu starr, ersticken sie Innovation und Vielfalt.

Eine der größten Herausforderungen bleibt die rechtliche Absicherung. In Deutschland ist die Verbindlichkeit informeller Gestaltplanungen oft begrenzt – umso wichtiger ist es, sie frühzeitig in formelle Instrumente wie Bebauungspläne, städtebauliche Verträge oder Gestaltungssatzungen zu überführen. Gleichzeitig müssen Spielräume erhalten bleiben, um auf neue Entwicklungen flexibel reagieren zu können. Die Kunst liegt darin, das richtige Maß zu finden – zwischen Verbindlichkeit und Offenheit, zwischen Steuerung und Kreativität.

Die Digitalisierung eröffnet dabei neue Spielräume. Mit Hilfe von GIS-Systemen, 3D-Stadtmodellen, parametrischen Entwurfswerkzeugen und datenbasierten Analysen können Gestaltplanungen heute dynamischer, transparenter und dialogorientierter gestaltet werden als je zuvor. Szenario-Tools ermöglichen es, die Auswirkungen verschiedener Entwurfsoptionen in Echtzeit zu simulieren – und so bessere, fundiertere Entscheidungen zu treffen. Doch auch hier gilt: Technik ist nur so gut wie das Konzept dahinter. Ohne kluge Steuerung droht der digitale Overkill.

Ein weiteres Zukunftsthema ist die Rolle von Beteiligung und Kommunikation. Gestaltplanungen werden nur dann als Steuerungsinstrument akzeptiert, wenn sie transparent, nachvollziehbar und partizipativ entwickelt werden. Das erfordert neue Kompetenzen bei Planern: Moderation, Konfliktmanagement und Kommunikationsfähigkeit werden genauso wichtig wie klassisches Entwurfs-Know-how. Erfolgreiche Städte investieren deshalb in Fortbildung, Dialogformate und innovative Beteiligungswerkzeuge.

Zum Schluss bleibt die Frage: Wie sieht die Gestaltplanung der Zukunft aus? Sicher ist: Sie wird noch stärker zum Steuerungsinstrument werden, das nicht nur Räume formt, sondern Prozesse, Akteure und Ziele in Einklang bringt. Sie wird digitaler, partizipativer, resilienter – und bleibt doch immer auch ein kreativer Akt. Wer sich dieser Herausforderung stellt, gibt der Stadtentwicklung einen klaren Kurs und macht aus Visionen gebaute Realität.

Fazit: Gestaltplanung als Schlüssel zur urbanen Zukunft

Gestaltplanungen sind weit mehr als schöne Skizzen oder lästige Pflichtübungen – sie sind das strategische Steuerungsinstrument moderner Stadtentwicklung. Im Spannungsfeld zwischen Entwurfsfreiheit und Paragrafenrealität definieren sie die Leitplanken für nachhaltiges, lebenswertes und zukunftsfähiges Stadtwachstum. Sie vermitteln zwischen kreativen Visionen und pragmatischer Umsetzung, bündeln Interessen und schaffen Orientierung in einer immer komplexeren Planungswelt.

Wer Gestaltplanung als reinen Entwurf begreift, verschenkt enormes Potenzial. Erst im Zusammenspiel mit rechtlicher Absicherung, digitaler Unterstützung und dialogischer Beteiligung entfaltet sie ihre ganze Kraft. Die Zukunft der Stadt liegt nicht in starren Plänen, sondern in flexiblen, intelligenten Steuerungsinstrumenten, die auf Veränderungen reagieren können, ohne ihre Gestaltidee zu verlieren.

Für Planer, Verwaltungen und alle, die an der Stadt von morgen mitarbeiten, heißt das: Es lohnt sich, die Gestaltplanung als zentrales Werkzeug im eigenen Repertoire zu schärfen und weiterzuentwickeln. Denn nur so lassen sich die Herausforderungen der Gegenwart und die Chancen der Zukunft gleichermaßen gestalten. In diesem Sinne ist Gestaltplanung nicht nur ein Instrument – sondern eine Haltung. Und wer sie beherrscht, steuert nicht nur Projekte, sondern prägt ganze Stadtlandschaften.

Das könnte Sie auch interessieren
Ausstellung The Gift: Großzügigkeit und Gewalt in der Architektur
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-GLnZNGNCqj4
Digitale Rückbauprognosen für Flächenumnutzung
bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Wie Planetare Gesundheit zum Leitbild der Planung wird
ein-schwarz-weiss-foto-eines-gebaudes-mit-balkon-A7xJWw8Ahhc
Kühlleistung von Stadtgewässern – Simulation flacher vs. tiefer Systeme
Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Dachbegrünung Satteldach
Dachbegrünung Satteldach: Funktion, Vorteile und Umsetzung
Panorama von Bogotá mit urbanen Quartieren, Symbol für Wandel durch partizipative Planung.
Wie Bogotá mit partizipativer Infrastrukturplanung neue Sozialräume schafft
Piet Oudolf privat
Bundespreis Stadtgrün 2022
Bundespreis Stadtgrün 2022
Publikumsvoting gestartet: Bayerischer Landschaftsarchitektur-Preis 2026
Im Hintergrund Bergpanorama, davor ein See und grüne Wiesen. Im Vordergrund blüht eine lilafarbene Blume. Der schöne Schein trügt? Das Landesentwicklungsprogramm Bayern braucht einen Neustart. Foto: Mario Dobelmann via Unsplash
Neustart für Landesentwicklungsprogramm Bayern

Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.