Gewässerrenaturierung: Bedeutung, Maßnahmen und Praxis

Naturnahe, artenreiche Stadtnatur zum Thema Gewässerrenaturierung
Grüne Bäume säumen einen ruhigen Fluss unter strahlend blauem Himmel. (Foto: lenadenk / Unsplash)

Flüsse, Bäche und Seen, die über Jahrzehnte begradigt, eingedämmt und von ihrer natürlichen Dynamik abgeschnitten wurden, kehren durch Gewässerrenaturierung schrittweise in einen ökologisch funktionsfähigen Zustand zurück. Gewässerrenaturierung ist weit mehr als das Einbringen von Totholz oder das Rückversetzen eines Ufers: Sie ist ein planerischer, ingenieurbiologischer und ökologischer Prozess, der Hydrologie, Morphologie, Vegetation und Fauna in einem komplexen Wirkungsgefüge zusammendenkt. Wer diesen Prozess versteht, begreift, warum naturnahe Gewässer nicht nur Lebensräume für Fische und Libellen sind, sondern zentrale Infrastruktur für Hochwasserschutz, Grundwasserneubildung und urbane Klimaresilienz.

  • Was Gewässerrenaturierung bedeutet, wie sie definiert wird und worin sie sich von bloßer Gewässerpflege unterscheidet
  • Welche historischen Eingriffe den Ausgangszustand heutiger Gewässer geprägt haben und warum Renaturierung notwendig wurde
  • Welche rechtlichen Grundlagen und Planungsinstrumente die Gewässerrenaturierung in Deutschland rahmen
  • Welche Maßnahmen in der Praxis eingesetzt werden, von der Laufverlängerung bis zur Auenrevitalisierung
  • Wie Vegetation, Substrat und Gewässermorphologie zusammenwirken und was Ingenieurbiologie leistet
  • Welche Rolle Gewässerrenaturierung im Kontext von Hochwasserschutz, Grundwasser und Stadtklima spielt
  • Welche Fehler und Missverständnisse in der Praxis häufig auftreten
  • Wie Renaturierungsprojekte geplant, bewertet und langfristig gesichert werden

Definition und Einordnung: Was Gewässerrenaturierung bedeutet

Gewässerrenaturierung bezeichnet die Gesamtheit von Maßnahmen, die darauf abzielen, einem anthropogen veränderten Gewässer seine natürliche oder naturnahe Struktur, Dynamik und ökologische Funktionsfähigkeit zurückzugeben. Der Begriff umfasst sowohl Fließgewässer (Bäche, Flüsse, Ströme) als auch Stillgewässer (Seen, Teiche, Altwässer) sowie die unmittelbar angrenzenden Auen und Uferstreifen. In der Fachsprache wird häufig zwischen Renaturierung, Revitalisierung und Restaurierung differenziert: Renaturierung zielt auf die Wiederherstellung eines naturnahen Zustands, Revitalisierung auf die Verbesserung ökologischer Funktionen ohne vollständige Strukturveränderung, Restaurierung auf die Wiederherstellung eines historisch belegten Referenzzustands. In der deutschen Planungspraxis werden diese Begriffe oft synonym verwendet, wobei Renaturierung der gebräuchlichste und weiteste Begriff ist.

Abzugrenzen ist Gewässerrenaturierung von der reinen Gewässerunterhaltung, die auf die Aufrechterhaltung des Abflussvermögens und die Verkehrssicherheit ausgerichtet ist, ohne ökologische Ziele zu verfolgen. Auch die Gewässerentwicklung als langfristiger Planungsrahmen ist von der konkreten Renaturierungsmaßnahme zu unterscheiden: Gewässerentwicklungspläne (GEP) legen Ziele und Prioritäten für einen Gewässerabschnitt oder ein Einzugsgebiet fest, während Renaturierungsmaßnahmen die operative Umsetzung dieser Ziele darstellen. Das Ziel, das die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) seit ihrer Einführung vorgibt, ist der gute ökologische Zustand oder das gute ökologische Potenzial aller Oberflächengewässer. Gewässerrenaturierung ist das wichtigste Instrument, um dieses Ziel für morphologisch degradierte Gewässer zu erreichen.

Historischer Hintergrund: Wie Gewässer verändert wurden und warum

Die Geschichte der Gewässerveränderung in Mitteleuropa reicht weit zurück. Schon im Mittelalter wurden Bäche für Mühlen gestaut, Flussläufe für die Holztrift begradigt und Auen für Ackerbau und Siedlungserweiterung entwässert. Den entscheidenden Schub erhielt die systematische Gewässerregulierung jedoch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als Ingenieurwissenschaften und staatliche Verwaltung die Kontrolle über Wasserläufe als Aufgabe der Daseinsvorsorge begriffen. Begradigung diente der Schiffbarmachung, der Beschleunigung des Hochwasserabflusses und der Gewinnung von Kulturland. Der Rhein, die Isar, die Elbe und unzählige ihrer Nebenflüsse wurden in diesem Zuge in Kanäle verwandelt, die mit ihren ursprünglichen Laufformen kaum noch etwas gemein hatten.

Im 20. Jahrhundert verstärkte sich dieser Trend durch den Ausbau der Landwirtschaft, den Siedlungsflächenwachstum und den Straßenbau. Bäche wurden in Rohre verlegt, Ufer mit Betonschalen befestigt, Auen durch Deiche vom Fluss abgetrennt. Die Folgen waren gravierend: Verlust von Laichhabitaten für Fische, Rückgang von Amphibien und Wasservögeln, Absenkung des Grundwasserspiegels durch fehlende Auenüberflutung, Beschleunigung des Hochwasserabflusses und damit Verlagerung von Hochwasserschäden in flussabwärts gelegene Gebiete. Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge wuchs in der Bundesrepublik Deutschland ab den 1970er Jahren, als ökologische Bewegungen und eine neue Generation von Gewässerökologen begannen, die Schäden zu dokumentieren und Alternativen zu formulieren. Gewässerrenaturierung als planerische Disziplin entstand aus dieser Kritik heraus.

Rechtliche Grundlagen und Planungsinstrumente

Die Gewässerrenaturierung in Deutschland ist in ein dichtes Geflecht aus europäischem, Bundes- und Landesrecht eingebettet. Auf europäischer Ebene ist die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL, Richtlinie 2000/60/EG) der maßgebliche Rahmen: Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, für alle Oberflächengewässer den guten ökologischen Zustand zu erreichen oder zu erhalten, und definiert dafür biologische, hydromorphologische und physikalisch-chemische Qualitätskomponenten. Die Bewertung erfolgt über Referenzzustände, die den natürlichen oder naturnahen Zustand eines Gewässertyps beschreiben. Gewässer, die diesen Zustand nicht erreichen, müssen durch Maßnahmenprogramme verbessert werden, in denen Renaturierung eine zentrale Rolle spielt.

Auf Bundesebene regelt das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) die grundlegenden Anforderungen an Gewässerstruktur und Gewässerunterhaltung. Paragraph 67 WHG verpflichtet die Unterhaltungspflichtigen, Gewässer in einem naturnahen Zustand zu erhalten oder dorthin zu entwickeln, soweit keine überwiegenden Gründe des Wohls der Allgemeinheit entgegenstehen. Die Länder konkretisieren diese Vorgaben in ihren Wassergesetzen und legen fest, wer unterhaltungspflichtig ist (in der Regel Kommunen oder Wasser- und Bodenverbände) und welche Verfahren für Renaturierungsmaßnahmen gelten. Für größere Eingriffe in Gewässer und Auen sind wasserrechtliche Genehmigungen erforderlich, die eine Prüfung der Auswirkungen auf Abfluss, Hochwasserschutz und Nachbargrundstücke einschließen.

Gewässerentwicklungspläne (GEP) und Gewässerentwicklungskonzepte (GEK) sind die wichtigsten planerischen Instrumente auf der Maßstabsebene des Einzugsgebiets oder Gewässerabschnitts. Sie analysieren den Ist-Zustand, definieren Entwicklungsziele, priorisieren Maßnahmen und bilden die Grundlage für Fördermittelanträge. Ergänzt werden sie durch Bewirtschaftungspläne nach WRRL, die auf Ebene der Flussgebietseinheiten (zum Beispiel Rhein, Elbe, Donau) erstellt werden. Für die Umsetzung von Renaturierungsmaßnahmen stehen Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene zur Verfügung, unter anderem über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) sowie EU-Strukturfonds.

Maßnahmen der Gewässerrenaturierung: Von der Laufverlängerung bis zur Auenrevitalisierung

Das Spektrum der Renaturierungsmaßnahmen ist breit und reicht von kleinen, kostengünstigen Eingriffen bis zu komplexen Umgestaltungen ganzer Talräume. Die Wahl der Maßnahmen hängt vom Gewässertyp, dem Grad der Degradierung, den Flächenverfügbarkeiten und den Schutzzielen ab. Ein zentrales Prinzip ist dabei, dass Gewässer nach Möglichkeit zur Eigendynamik befähigt werden sollen: Statt jede Strukturveränderung durch Baumaßnahmen vorzuprogrammieren, schafft man die Rahmenbedingungen, unter denen das Gewässer seine Morphologie selbst entwickeln kann.

Die Laufverlängerung ist eine der häufigsten Maßnahmen bei begradigten Fließgewässern. Durch die Wiederherstellung von Mäandern oder die Anlage eines neuen, geschwungenen Laufs wird die Fließlänge erhöht, die Fließgeschwindigkeit verringert und die Gewässersohle stabilisiert. Gleichzeitig entstehen durch die Laufverlängerung wieder Prall- und Gleithänge, also jene morphologischen Elemente, die Erosion und Sedimentation räumlich differenzieren und damit Habitatvielfalt erzeugen. Voraussetzung ist ausreichend Raum: Ein Gewässer, das auf seiner gesamten Länge von Bebauung, Straßen oder intensiv genutztem Ackerland eingeengt wird, kann keine Eigendynamik entfalten.

Die Sohlanhebung ist bei eingetieften Gewässern notwendig, deren Sohle durch Begradigung und erhöhte Fließgeschwindigkeit abgesunken ist. Eine eingetiefte Sohle entkoppelt das Gewässer von seiner Aue: Das Wasser fließt tief im Einschnitt, ohne die angrenzenden Flächen zu überfluten, was die Grundwasserneubildung und die Auendynamik unterbricht. Sohlanhebungen können durch Einbau von Sohlschwellen, Kiesschüttungen oder durch die Anlage von Rauheitselementen (Totholz, Steinblöcke) erreicht werden. Entscheidend ist, dass die Maßnahmen den Geschiebetransport nicht dauerhaft unterbrechen, da sonst eine erneute Eintiefung unterhalb der Maßnahme droht.

Die Auenrevitalisierung geht über das eigentliche Gewässerbett hinaus und bezieht die angrenzenden Überschwemmungsflächen ein. Durch Rückverlegung oder Schlitzung von Deichen, Abtrag von Dämmen oder Öffnung von Flutmulden werden Auen wieder an das Gewässer angeschlossen. Überschwemmungsauen sind ökologisch außerordentlich produktive Lebensräume: Sie bieten Laichhabitate für Fische, Brutplätze für Vögel, Nahrungshabitate für Amphibien und speichern bei Hochwasser große Wassermengen, die sonst unkontrolliert abfließen würden. Die Auenrevitalisierung ist die wirkungsvollste, aber auch flächenintensivste und planungsaufwendigste Form der Gewässerrenaturierung.

Für Stillgewässer umfasst Gewässerrenaturierung Maßnahmen wie die Entschlammung von Sedimentablagerungen, die Entfernung von Uferbefestigungen, die Anlage von Flachwasserzonen, die Wiederherstellung von Röhricht- und Schwimmblattvegetation sowie die Reduzierung von Nährstoffeinträgen aus dem Einzugsgebiet. Besonders bei anthropogen stark veränderten Teichen und Seen ist die Trennung von internen Sanierungsmaßnahmen (Sedimentbehandlung, Belüftung) und externen Maßnahmen (Reduzierung der Nährstofffracht aus Landwirtschaft und Siedlung) für den langfristigen Erfolg entscheidend.

Vegetation, Substrat und Ingenieurbiologie: Das ökologische Handwerkszeug

Gewässerbegleitende Vegetation ist kein dekoratives Element, sondern eine funktionale Komponente des Gewässersystems. Ufergehölze beschatten das Gewässer, regulieren die Wassertemperatur, liefern organisches Material (Falllaub, Totholz) als Nahrungsgrundlage für das aquatische Nahrungsnetz, stabilisieren Ufer durch Wurzelgeflecht und mindern durch Beschattung das Algenwachstum. Für Fließgewässer in Mitteleuropa sind Erlen-Eschen-Auenwälder und Weidengalerien die typischen natürlichen Begleitgesellschaften. Bei Renaturierungsmaßnahmen wird die Ufervegetation entweder der natürlichen Sukzession überlassen oder durch gezielte Bepflanzung mit standorttypischen Gehölzen und Stauden initiiert.

Die Ingenieurbiologie (auch Ingenieurbiologie oder Biotechnischer Wasserbau genannt) nutzt lebende Pflanzen als Baustoffe zur Ufersicherung und Böschungsstabilisierung. Typische ingenieurbiologische Bauweisen sind Weidenstecklinge und Weidenspreitlagen, Röhrichtpflanzungen in Flachwasserzonen, Faschinen aus Weidenzweigen sowie Steinschüttungen mit eingebetteten Pflanzungen. Diese Methoden verbinden technische Stabilität mit ökologischer Wirksamkeit: Sie sichern Ufer in der Anwachsphase mechanisch und entwickeln sich mit zunehmendem Pflanzenwachstum zu selbsttragenden, strukturreichen Lebensräumen. Im Vergleich zu reinen Steinschüttungen oder Betonverbau sind ingenieurbiologische Bauweisen in der Regel kostengünstiger im Unterhalt und ökologisch deutlich wertvoller.

Das Gewässersubstrat, also die Zusammensetzung der Gewässersohle aus Kies, Sand, Schotter, Feinsediment oder organischem Material, ist ein entscheidender Faktor für die biologische Besiedlung. Kiesige Sohlen mit gut durchströmtem Lückensystem (dem sogenannten hyporheischen Interstitial) sind Lebensraum für Makroinvertebraten (wirbellose Kleintiere) und Laichhabitat für kieslaichende Fische wie Bachforelle und Äsche. Feinsedimenteinträge aus landwirtschaftlichen Flächen oder von unbefestigten Wegen kolmatieren (verstopfen) dieses Lückensystem und beeinträchtigen die Sauerstoffversorgung der Eier und der Interstitialfauna erheblich. Renaturierungsmaßnahmen müssen deshalb nicht nur die Struktur des Gewässerbetts verbessern, sondern auch die Sedimentquellen im Einzugsgebiet adressieren, sonst ist der Erfolg kurzfristig.

Gewässerrenaturierung im Kontext von Hochwasserschutz, Grundwasser und Stadtklima

Gewässerrenaturierung und Hochwasserschutz werden in der öffentlichen Debatte manchmal als Gegensätze dargestellt, was einem grundlegenden Missverständnis entspricht. Naturnahe Gewässer mit intakten Auen sind keine Hochwasserrisiken, sondern Hochwasserretentionsräume. Eine mäandrierende Gewässerstrecke mit angeschlossener Aue speichert bei Hochwasser erhebliche Wassermengen, verlangsamt die Abflusswelle und verringert den Scheitelabfluss flussabwärts. Begradigung und Eindeichung dagegen beschleunigen den Abfluss, erhöhen den Scheitelabfluss und verlagern das Hochwasserproblem in flussabwärts gelegene, oft dicht besiedelte Bereiche. Renaturierung ist damit eine Form des dezentralen, naturbasierten Hochwasserschutzes, der technischen Maßnahmen wie Rückhaltebecken oder Deicherhöhungen ergänzt und in vielen Fällen kostengünstiger ist.

Die Wechselwirkung zwischen Gewässer und Grundwasser ist für die Wasserversorgung und die Vegetation der Auen von zentraler Bedeutung. In natürlichen Systemen speist das Gewässer bei Hochwasser das Grundwasser der Aue (Infiltration) und wird in Niedrigwasserperioden vom Grundwasser gespeist (Exfiltration). Dieser Austausch ist in kanalisierten, eingetieften Gewässern weitgehend unterbrochen. Renaturierung, insbesondere Sohlanhebung und Auenrevitalisierung, stellt diesen Austausch wieder her, hebt den Grundwasserspiegel in der Aue an und verbessert die Wasserversorgung der auetypischen Vegetation. In Zeiten zunehmender Trockenperioden gewinnt dieser Aspekt erheblich an Bedeutung.

Im urbanen Kontext hat Gewässerrenaturierung eine zusätzliche Dimension. Städtische Bäche und Flüsse, die aus Rohren oder Kanälen befreit und renaturiert werden, leisten einen messbaren Beitrag zur Verdunstungskühlung und damit zur Minderung des städtischen Wärmeinseleffekts. Offene Wasseroberflächen und feuchte Ufervegetation kühlen durch Evapotranspiration die Umgebungsluft. Gleichzeitig bieten renaturierte Gewässer in der Stadt Aufenthaltsqualität, Erholungswert und Biodiversität in einem Maß, das kein technisches Gewässer erreicht. Projekte wie die Renaturierung der Isar in München oder die Öffnung verrohrter Stadtbäche in zahlreichen deutschen Städten zeigen, dass urbane Gewässerrenaturierung Stadtentwicklung, Klimaanpassung und Naturschutz produktiv verbindet.

Häufige Fehler und Missverständnisse in der Renaturierungspraxis

Ein verbreiteter Fehler ist die Konzentration auf das Gewässerbett bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Einzugsgebiets. Wer einen Bach morphologisch renaturiert, ohne die Sediment- und Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft oder aus Mischwasserüberläufen zu reduzieren, schafft zwar eine verbesserte Struktur, die aber unter dem Druck der Einträge schnell wieder degradiert. Gewässerrenaturierung muss immer im Kontext des gesamten Einzugsgebiets gedacht werden, auch wenn die Maßnahmen lokal begrenzt sind.

Ein weiterer Fehler ist die Übergestaltung: Wenn Renaturierungsmaßnahmen jede Strukturveränderung vorwegnehmen und das Gewässer in eine fertige Form bringen, statt Raum für Eigendynamik zu lassen, entsteht zwar ein optisch ansprechendes, aber ökologisch statisches Ergebnis. Naturnahe Gewässer sind dynamisch, sie verlagern ihre Sohle, erodieren Ufer, lagern Kiesbänke ab und verändern ihren Lauf. Diese Dynamik ist kein Planungsfehler, sondern das Ziel. Renaturierungsplanung muss deshalb Toleranzbereiche für Gewässerentwicklung definieren und Flächen bereitstellen, innerhalb derer das Gewässer sich frei entwickeln kann.

Häufig unterschätzt wird auch die Bedeutung der Vernetzung. Ein renaturierter Abschnitt inmitten eines ansonsten verbauten Gewässers hat eingeschränkten ökologischen Wert, weil er für Organismen, die auf Wanderung angewiesen sind (Fische, Makroinvertebraten), nicht erreichbar ist oder keine Verbindung zu anderen Lebensräumen herstellt. Querbauwerke wie Wehre und Sohlschwellen, die nicht mit Fischpässen ausgestattet sind, unterbrechen die longitudinale Durchgängigkeit und begrenzen den Erfolg von Renaturierungsmaßnahmen erheblich. Die Herstellung der Durchgängigkeit ist deshalb oft die erste und wichtigste Maßnahme, bevor aufwendige morphologische Umgestaltungen beginnen.

Planung, Erfolgskontrolle und langfristige Sicherung

Eine fachgerechte Gewässerrenaturierung beginnt mit einer fundierten Zustandsanalyse, die Gewässerstruktur, Hydrologie, Biologie und Nutzungskonflikte erfasst. Das Gewässerstrukturgüteverfahren der Länder, das auf einem bundesweit einheitlichen Bewertungsrahmen basiert, liefert eine standardisierte Grundlage für die Einschätzung des morphologischen Zustands. Biologische Qualitätskomponenten nach WRRL (Fische, Makroinvertebraten, Makrophyten, Phytobenthos) ergänzen die strukturelle Bewertung um die ökologische Dimension. Aus dieser Analyse leiten sich Maßnahmenziele ab, die messbar und überprüfbar formuliert sein sollten.

Erfolgskontrolle ist ein integraler Bestandteil jedes Renaturierungsprojekts, wird aber in der Praxis häufig vernachlässigt oder aus Kostengründen auf ein Minimum reduziert. Dabei ist die Beobachtung der Gewässerentwicklung nach einer Renaturierungsmaßnahme nicht nur für die Bewertung des einzelnen Projekts wichtig, sondern auch für die Weiterentwicklung der Planungspraxis insgesamt. Monitoring sollte die morphologische Entwicklung (Sohllage, Laufentwicklung, Substrat), biologische Besiedlung und hydrologische Parameter umfassen und über mehrere Jahre angelegt sein, da sich ökologische Reaktionen oft erst mit Verzögerung einstellen.

Die langfristige Sicherung von Renaturierungsergebnissen erfordert eine angepasste Gewässerunterhaltung, die die ökologischen Ziele nicht konterkariert. Klassische Unterhaltungsmaßnahmen wie Krautung (Entfernung von Wasserpflanzen) und Räumung (Entfernung von Sedimenten und Totholz) können Renaturierungserfolge innerhalb kurzer Zeit zunichte machen, wenn sie undifferenziert angewendet werden. Gewässerunterhaltungspläne, die auf die spezifischen Ziele des jeweiligen Gewässerabschnitts abgestimmt sind, sind deshalb ein unverzichtbares Instrument. Ebenso wichtig ist die Flächensicherung: Renaturierte Gewässer und ihre Auen müssen dauerhaft vor erneuter Inanspruchnahme durch Bebauung, intensive Landwirtschaft oder Infrastruktur geschützt werden, sei es durch Flächenerwerb, Grunddienstbarkeiten oder Schutzgebietsausweisung.

Gewässerrenaturierung als Baustein einer zukunftsfähigen Landschaftsplanung

Gewässerrenaturierung ist keine Reparaturmaßnahme an einzelnen Bächen und Flüssen, sondern ein strukturelles Element einer Landschaftsplanung, die Ökosystemleistungen ernst nimmt. Naturnahe Gewässer liefern Trinkwasser, regulieren Hochwasser, kühlen Städte, erhalten Biodiversität und bieten Erholungsräume. Diese Leistungen sind nicht kostenlos zu haben: Sie erfordern Fläche, Planung, Investition und einen langen Atem. Aber sie sind dauerhaft und selbsttragend, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, während technische Substitute wie Rückhaltebecken, Klimaanlagen und Wasseraufbereitungsanlagen dauerhaften Betrieb und Unterhalt erfordern.

Die Dringlichkeit von Gewässerrenaturierung hat durch den Klimawandel zugenommen. Häufigere und intensivere Starkregenereignisse, längere Trockenperioden und steigende Wassertemperaturen belasten degradierte Gewässer stärker als naturnahe Systeme, die durch ihre Strukturvielfalt und ihre Verbindung zur Aue eine höhere Resilienz besitzen. Renaturierung ist damit nicht nur eine Antwort auf vergangene Eingriffe, sondern eine Investition in die Anpassungsfähigkeit von Landschaften und Städten an künftige Klimabedingungen.

Für Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Freiraumplaner bedeutet das: Gewässerrenaturierung gehört zum Kernrepertoire einer nachhaltigen Freiraumplanung, nicht als Sonderaufgabe für Gewässerökologen, sondern als integraler Bestandteil von Stadtentwicklung, Grünplanung und Klimaanpassung. Wer Gewässer in Planungsprozesse einbezieht, wer Auen als Freiraumressource begreift und wer die Eigendynamik von Wasser als Gestaltungsprinzip akzeptiert, schafft Landschaften, die nicht nur schön sind, sondern funktionieren.

Das könnte Sie auch interessieren
Make City in Berlin
Stadtplanung par excellence: Barcelona. Während die Superblocks der Stadt gerne positives Beispiel sind, konnte die Landschaftsbiennale Barcelona 2023 nicht überzeugen. Foto: Kaspars Upmanis / Unsplash
12. Internationale Landschaftsbiennale Barcelona
Nachruf auf Hannelore Kossel
„Man traut der Eigenverantwortung der Bürger nicht“
Grüner leben mit der Klima-App
Fairtiq hat bereits den öffentlichen Nahverkehr in der Schweiz und Österreich deutlich vereinfacht. Nun kommt die Technologie nach Deutschland. Bildquelle: Fairtiq
Fairtiq: Ein einziges Ticket für den ÖPNV
Verregnete Straße mit grell reflektierten Autolichtern auf nassem Asphalt.
Regenwassernutzung im öffentlichen Raum – Potentiale, Beispiele, Technik
Futuristisches Baumhaushotel
Eine durchdachte Pflanzung im Freiraum zum Thema Präriegarten
Präriegarten: Planung, Arten und Praxis
Die COP27 im November 2022. Bildquelle: UNFCCC via Flickr, CC BY-NC-SA 2.0
COP27 – Ergebnis und Durchbruch
Blick auf Athen mit langen Schatten der Gebäude als Symbol für urbane Hitzeschutzstrategien und geplante Stadtschatten.
Athen plant den Schatten: Urbane Strategien gegen Hitze. Foto von Dimitris Kiriakakis auf Unsplash.

Wer Schatten spendet, spendet Leben – zumindest in Städten wie Athen, wo sich die sommerliche Hitze mit aller Macht in den Asphalt frisst. Doch anstatt sich auf spontane Baumpflanzungen oder archaische Sonnensegel zu verlassen, setzt die griechische Hauptstadt auf systematische, datenbasierte Schattenspender. Warum die Planung von Stadtschatten in Athen als Vorbild für den urbanen Hitzeschutz gilt, welche Werkzeuge und Strategien zum Einsatz kommen und was deutsche Städte lernen können, zeigt dieser Beitrag: ein Streifzug durch urbane Überlebenskunst – und eine Einladung, Schatten neu zu denken.

  • Systematische Planung von Stadtschatten als Kernelement moderner Stadtentwicklung in Athen
  • Hintergründe: Klimawandel, Hitzestress und die Notwendigkeit ganzjähriger Verschattungskonzepte
  • Werkzeuge: Von digitalen Klimamodellen und GIS-Analysen bis zur Beteiligung der Stadtbewohner
  • Realisierung: Pilotprojekte, Strategien für öffentliche Räume und innovative Baumpflanzungen
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Planern, Landschaftsarchitekten und Forschern
  • Konflikte: Flächenknappheit, Denkmalschutz, Infrastruktur und gesellschaftliche Akzeptanz
  • Lessons learned: Was Athen deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten voraus hat
  • Risiken und Grenzen: Von Wartungsproblemen bis zu sozialen Herausforderungen
  • Ausblick: Wie systematisch geplanter Stadtschatten die Zukunft urbaner Resilienz prägt

Warum Athen auf Stadtschatten setzt – und wie der Klimawandel die Stadtplanung aufmischt

Athen, die antike Metropole am Rande des Mittelmeers, ist längst zur urbanen Klimaküche geworden. Während Touristen lieber auf der Akropolis selfieren, kämpfen die Bewohner gegen Temperaturen, die im Sommer regelmäßig jenseits der Vierzig-Grad-Marke liegen. Die städtische Hitze ist kein launischer Wettergott, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Versiegelung, dicht bebauter Quartiere und eines Mangels an Grünflächen. Der Klimawandel wirkt dabei wie ein Brandbeschleuniger: Die Zahl der Hitzetage steigt, die Nächte kühlen kaum noch ab. Die Folgen? Von gesundheitlichen Risiken über Ernteausfälle bis zu einer spürbaren Verschlechterung der Lebensqualität reicht das Repertoire.

Genau deshalb hat die Stadtverwaltung Athens das Thema Stadtschatten zur Chefsache gemacht. Es geht nicht mehr nur darum, an besonders heißen Tagen provisorische Sonnensegel aufzuspannen oder mobile Bäume auf die Plätze zu rollen. Vielmehr ist der Schutz vor Überhitzung ein strategisches Anliegen geworden, das langfristige Planung, Investitionen und den Willen zum Wandel erfordert. Wer Schatten spendet, schützt nicht nur die empfindlichen Einwohner, sondern auch die urbane Infrastruktur: Asphalt, Schienen, Fassaden, Stromleitungen – alles leidet, wenn die Sonne erbarmungslos zuschlägt.

Das Problem ist dabei so alt wie die Stadt selbst, doch die Werkzeuge sind neu. Klassische Methoden wie die Pflanzung von Platanen oder die Begrünung von Innenhöfen genügen nicht mehr, wenn Straßenschluchten, Plätze und Verkehrsachsen aufheizen. Die Stadtverwaltung setzt daher auf eine systematische Analyse von Hitzeinseln, die Kombination von digitalen Klimamodellen und Echtzeitdaten sowie die Integration von Verschattungskonzepten in alle Bereiche der Stadtentwicklung. Die Planung von Stadtschatten ist keine Nebensache, sondern ein zentraler Bestandteil der urbanen Überlebensstrategie.

Doch damit nicht genug: Schatten ist in Athen auch ein sozialer Faktor. Wer kann es sich schon leisten, den ganzen Tag im klimatisierten Büro zu verbringen? Öffentliche Räume, Parks, Spielplätze und Bushaltestellen müssen so gestaltet werden, dass sie allen zugutekommen – unabhängig vom Geldbeutel. Der Zugang zu kühlenden Schatteninseln ist eine Frage der Gerechtigkeit, der öffentlichen Gesundheit und der sozialen Teilhabe. In dieser Hinsicht ist die Planung von Stadtschatten weit mehr als eine technische Disziplin; sie ist eine politische Aufgabe.

Die Herausforderung besteht darin, kurzfristige Maßnahmen mit langfristigen Strategien zu verbinden. Ein paar extra Sonnenschirme aufzustellen, mag im Hochsommer helfen – doch wer die Stadt wirklich resilient machen will, muss weiter denken. Deshalb setzt Athen auf systematische, wissenschaftlich fundierte Verschattungskonzepte, die weit über das hinausgehen, was in vielen mitteleuropäischen Städten bislang Standard ist.

Der Wandel ist dabei spürbar. Die Stadtverwaltung hat den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel in ihre Leitlinien aufgenommen. Stadtschatten ist dort kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Baustein einer nachhaltigen, lebenswerten und zukunftsfähigen Stadt. Und das macht Athen zum Labor für urbane Hitzebewältigung – mit einer Strahlkraft, die weit über Griechenland hinausreicht.

Von der Theorie zur Praxis: Digitale Werkzeuge, interdisziplinäre Teams und neue Planungsroutinen

Die systematische Planung von Stadtschatten in Athen beruht auf einer beeindruckenden Mischung aus Hightech-Methoden, bewährten Planungskonzepten und pragmatischer Innovationslust. Am Anfang steht die Datenerhebung: Sensoren, Satellitenbilder und mobile Messstationen liefern ein detailliertes Bild der aktuellen Temperaturverteilung, der Sonneneinstrahlung und der Oberflächentemperaturen in verschiedenen Stadtteilen. Diese Daten werden in Geoinformationssystemen (GIS) gebündelt und mit weiteren Informationen wie Gebäudestrukturen, Verkehrsflüssen und dem Baumbestand verknüpft.

Wesentlich für die Athener Strategie ist die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Disziplinen. Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Klimaforscher, IT-Experten und Vertreter der Verwaltung bilden Teams, die gemeinsam an Verschattungskonzepten arbeiten. Dabei werden die traditionellen Grenzen zwischen Planung und Betrieb, zwischen Forschung und Praxis gezielt aufgehoben. Der Austausch mit internationalen Experten ist ebenfalls Teil des Programms: Athen ist Mitglied diverser europäischer Klimanetzwerke und lässt sich regelmäßig von Best-Practice-Beispielen aus Städten wie Barcelona oder Singapur inspirieren.

Herzstück der Athener Stadtschatten-Offensive sind digitale Simulationsmodelle, die verschiedene Verschattungsoptionen durchspielen. Mithilfe von sogenannten „Urban Digital Twins“ – digitalen Zwillingen der Stadt – werden die Auswirkungen neuer Bäume, Pergolen, Fassadenbegrünungen oder temporärer Schattenspender auf das Mikroklima in Echtzeit berechnet. Die Modelle berücksichtigen dabei nicht nur die aktuelle Vegetation, sondern auch verschiedene Wachstumsstadien der Pflanzen, saisonale Unterschiede und städtebauliche Veränderungen. So lässt sich vorhersagen, wie ein neu gepflanzter Baum in fünf, zehn oder zwanzig Jahren zur Kühlung beiträgt – ein enormer Vorteil in der Planung.

Die Beteiligung der Stadtbevölkerung ist dabei kein Feigenblatt, sondern fester Bestandteil des Prozesses. Über Online-Plattformen, mobile Apps und öffentliche Workshops werden Bewohner eingeladen, Hitze-Hotspots zu melden, Vorschläge für neue Verschattungsmaßnahmen einzubringen oder Pilotprojekte zu bewerten. Die Stadt nutzt diese Rückmeldungen, um Prioritäten zu setzen und Maßnahmen dort umzusetzen, wo sie den größten Nutzen bringen. So entstehen Projekte, die nicht nur am Reißbrett überzeugen, sondern auch im Alltag funktionieren.

Ein weiteres Merkmal der Athener Strategie ist die Integration von Verschattungskonzepten in alle Bereiche der Stadtentwicklung. Ob bei der Umgestaltung von Straßen, der Planung neuer Quartiere oder der Sanierung öffentlicher Plätze – Schatten ist immer mitgedacht. Die Stadtverwaltung arbeitet eng mit privaten Investoren, Architekturbüros und Bauunternehmen zusammen, um Verschattung als Standard zu etablieren. In Förderprogrammen und Ausschreibungen werden klare Vorgaben für Verschattungsquoten, Baumarten und Pflegekonzepte gemacht. Wer bauen will, muss Schatten liefern – und zwar nach Plan.

Damit die Maßnahmen Wirkung zeigen, setzt Athen auf eine kontinuierliche Evaluation. Über mobile Messstationen und digitale Feedbackschleifen werden die Effekte der Verschattung auf Temperatur, Luftqualität und Aufenthaltsqualität regelmäßig überprüft. So lässt sich schnell erkennen, wo nachjustiert werden muss. Die Stadt bleibt dadurch flexibel und kann auf neue Herausforderungen – wie etwa extreme Hitzewellen – rasch reagieren. Die Planung von Stadtschatten wird so zum lernenden, adaptiven Prozess.

Konflikte, Hürden und Aha-Momente: Was Athen deutschen Städten voraushat

Natürlich läuft auch in Athen nicht alles glatt. Die systematische Planung von Stadtschatten stößt immer wieder an ihre Grenzen – sei es durch enge Straßenräume, Denkmalschutzauflagen, konkurrierende Nutzungsansprüche oder schlichte Ressourcenknappheit. Besonders in historischen Vierteln ist die Integration neuer Bäume oder Pergolen eine planerische Gratwanderung: Wie viel Eingriff ins Stadtbild ist erlaubt? Wie lassen sich Wurzelschäden an antiken Bauwerken vermeiden? Und wie bringt man moderne Verschattungssysteme mit jahrhundertealten Gassen in Einklang?

Hinzu kommt das Problem der Flächenknappheit. In dicht bebauten Quartieren ist jeder Quadratmeter heiß umkämpft – im wahrsten Sinne des Wortes. Verkehrsflächen, Versorgungsleitungen, Parkplätze und Freisitze konkurrieren mit dem Wunsch nach mehr Grün und Schatten. Die Lösung liegt oft in kreativen Kompromissen: mobile Bäume, temporäre Schattenspender, multifunktionale Möblierungen und vertikale Begrünungen sind gefragt. Athen zeigt, dass es keine Patentrezepte gibt, sondern dass Flexibilität und Pragmatismus entscheidend sind.

Ein weiteres Thema ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Nicht jeder freut sich über neue Bäume vor der Haustür – etwa, weil sie den Blick versperren oder Laub auf Autos rieseln. Die Stadt begegnet solchen Bedenken mit Transparenz, Kommunikation und Bürgerbeteiligung. Informationskampagnen, partizipative Planungsprozesse und die Einbindung lokaler Initiativen helfen, Konflikte frühzeitig zu entschärfen und die Vorteile von Verschattung sichtbar zu machen. Schatten wird dadurch zum Gemeinschaftsprojekt.

Technisch anspruchsvoll ist die Pflege und Wartung der neuen Verschattungsstrukturen. Gerade in einem heißen, trockenen Klima wie in Athen sind Bewässerung, Baumpflege und die Instandhaltung von Pergolen oder Sonnensegeln eine Daueraufgabe. Die Stadt setzt daher auf robuste, pflegeleichte Baumarten, intelligente Bewässerungssysteme und langfristige Wartungsverträge. Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle: In benachteiligten Stadtteilen werden gezielt Ausbildungsprogramme für die Pflege urbaner Grünstrukturen aufgelegt, um Arbeitsplätze zu schaffen und das Bewusstsein für den Wert von Stadtschatten zu stärken.

Und doch: Trotz aller Hürden hat Athen einen entscheidenden Vorsprung vor vielen deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten. Der Unterschied liegt weniger in der Technik, sondern im Mut zur Strategie. Während in Mitteleuropa Verschattung oft als Zusatzaufgabe behandelt wird – nach dem Motto „Wenn noch Geld übrig ist, pflanzen wir halt ein paar Bäume“ – ist sie in Athen ein zentrales Steuerungsinstrument. Die Stadt denkt Verschattung von Anfang an mit, statt sie im Nachhinein zu reparieren. Das ist der eigentliche Gamechanger – und ein Vorbild für urbane Resilienz.

Der vielleicht größte Aha-Moment für mitteleuropäische Planer: Die systematische Planung von Stadtschatten funktioniert nur, wenn sie als Querschnittsaufgabe verstanden wird. Sie betrifft nicht nur Landschaftsarchitekten, sondern auch Verkehrsplaner, Sozialarbeiter, Energieexperten und die Zivilgesellschaft. Wer Schatten systematisch plant, plant eine bessere Stadt – für alle.

Neue Perspektiven für den deutschsprachigen Raum: Was lernen, was wagen?

Was können Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz von der Athener Schattenstrategie lernen? Erstens: Der Klimawandel ist längst da – und mit ihm die Notwendigkeit, urbane Räume systematisch gegen Hitze zu wappnen. Spontane Einzelmaßnahmen sind gut, aber keine Lösung. Es braucht langfristige, datenbasierte und adaptive Konzepte, die Verschattung als Grundrecht urbanen Lebens begreifen. Wer die Stadt der Zukunft plant, muss Schatten mitdenken – überall.

Zweitens: Die Zeit der Silo-Planung ist vorbei. Interdisziplinäre Teams, digitale Simulationsmodelle und echte Bürgerbeteiligung sind kein Luxus, sondern Voraussetzung. Die Werkzeuge sind vorhanden – von hochauflösenden Klimadaten über Urban Digital Twins bis hin zu partizipativen Apps. Was fehlt, ist manchmal einfach nur der Wille, diese Werkzeuge konsequent einzusetzen und ressortübergreifend zu denken.

Drittens: Mut zur Innovation zahlt sich aus. Städte wie Athen zeigen, dass es möglich ist, auch unter schwierigen Bedingungen urbane Räume lebenswerter, kühler und sozial gerechter zu gestalten. Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel aus strategischer Planung, technischer Expertise und gesellschaftlichem Engagement. Wer Verschattung als zentrale Aufgabe der Stadtentwicklung begreift, kann nicht nur das Mikroklima verbessern, sondern auch die Aufenthaltsqualität, die soziale Integration und das Image der Stadt stärken.

Viertens: Herausforderungen gibt es genug – von Flächenkonkurrenz über Denkmalschutz bis zu Finanzierungslücken. Doch wer den Weg nicht geht, bleibt im Hitzestau stecken. Die Zukunft gehört den Städten, die bereit sind, Verschattung zum integralen Bestandteil ihrer DNA zu machen. Förderprogramme, Leitlinien und Ausschreibungen müssen Verschattungskonzepte einfordern und belohnen – nicht als Kür, sondern als Pflicht.

Fünftens – und das ist vielleicht das Wichtigste: Die Planung von Stadtschatten ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Beitrag zur urbanen Lebenskunst, zur Klimagerechtigkeit und zur Attraktivität des öffentlichen Raums. Wer Schatten systematisch plant, investiert in Gesundheit, Wohlbefinden und urbane Resilienz. Das sollten sich auch Städte jenseits des Mittelmeers auf die Agenda schreiben.

In der Summe zeigt das Beispiel Athen: Mit Strategie, Daten und Mut lässt sich selbst die größte Hitze bändigen. Die systematische Planung von Stadtschatten ist kein modisches Add-on, sondern die Eintrittskarte in die Stadt der Zukunft.

Fazit: Schatten ist Strategie – und Athen ist das Labor der Zukunft

Die Erfahrung aus Athen beweist: Wer urbane Räume lebenswert halten will, muss Schatten systematisch, datenbasiert und interdisziplinär planen. Der Klimawandel macht keine Pause, und die Städte können es sich nicht leisten, weiter auf zufällige Verschattung zu setzen. Die griechische Hauptstadt zeigt, wie digitale Werkzeuge, engagierte Stadtbewohner und kreative Planung zu einer neuen urbanen Qualität führen. Konflikte und Hürden bleiben nicht aus – doch mit Pragmatismus, Bürgerbeteiligung und dem Mut zur Strategie lassen sie sich meistern. Für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet das Athener Beispiel eine klare Botschaft: Wer Schatten sät, erntet Zukunft. Und das ist alles andere als ein bloßer Sommertrend, sondern ein Muss für die resiliente, lebenswerte und gerechte Stadt von morgen.

Nach architects4future nun Bürger*innen4future?

Advertorial Artikel Parallax Article

Unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler nahm der „Bürgerrat Klima“ diesen Montag seine Arbeit auf. Wie die insgesamt 160 ausgelosten Bürger*innen die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommen retten könnten, lesen Sie hier.

Aus den verschiedensten Lebensverhältnissen stammen die Bürger*innen des kürzlich gegründeten „Bürgerrat Klima“. Sie sollen so einen guten Querschnitt der Bevölkerung darstellen, eine Art „Mini-Deutschland“ nennen es die Initiator*innen. Auf wen die Wahl in den verschiedenen Bevölkerungsschichten letztendlich fiel, entschied das Los. Die Initiator*innen schließen dadurch aus, dass die Arbeit des Klima-Bürgerrats von Wiederwahlinteressen beeinflusst wird. Zwölf Mal wird sich der „Bürgerrat Klima“ zwischen April und Juni 2021 treffen. Dabei diskutiert der Bürgerrat Themen, deren inhaltlicher Rahmen von einem Kuratorium aus ca. 25 Wissenschaftler*innen festgelegt wird.

Neuer Schwung für die Klimapolitik erhofft

Neuen Schwung, so erhoffen sich seine Organisator*innen, sollen die Ideen des Bürgerrats Klima in die Politik bringen. Dabei diskutieren die Mitglieder des Rats über vier Handlungsfelder. Die Leitfrage ist, wie Deutschland die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens unter Berücksichtigung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Gesichtspunkte erreichen kann.

Handlungsfeld Mobilität
Die Teilnehmenden stellen sich hier die Frage, wie der Umstieg auf alternative und klimafreundliche Transportkonzepte in der Stadt und auf dem Land gelingen kann. Ihr Ziel ist es, Treibhausgasemissionen aus dem Straßenverkehr zu verringern, gleichzeitig überall in Deutschland Mobilität zu gewährleisten.

Handlungsfeld Energie
In diesem Handlungsfeld diskutieren die Teilnehmer*innen Wege, durch die der Umbau der deutschen Energieversorgung schneller und sozial verträglich gestaltet werden kann. Der Anteil von ca. 80 Prozent der Energie, der hierzulande aus Kohle, Öl und Gas stammt, soll verringert werden, der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben.

Handlungsfeld Gebäude und Wärme
Hier diskutieren die Teilnehmenden das Thema Gebäudesanierung, wie man die Kosten dafür sozial gerecht verteilen könnte und wie eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien möglich wäre. Um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern, steht die Isolation von Gebäuden gegenüber Hitze und Kälte in diesem Handlungsfeld im Vordergrund.

Handlungsfeld Ernährung
Mit der Frage, wie die Produktion und der Konsum von Nahrungsmitteln klimaschonender und nachhaltig gestaltet werden kann, beschäftigen sich hier die Teilnehmer*innen. Den größten Anteil am Ausstoß von Treibhausgasen im Bereich der Ernährung hat die Haltung von Tieren. Wegen seiner Zusammenhänge mit Ernährungsgewohnheiten ist dieser Punkt einer der sensibelsten in der gesamten Klimadebatte.

Corona hilft Deutschland, Klimaschutzziele einzuhalten

Bemerkenswert ist: Der Bürgerrat Klima wurde von der Initiative „Scientists for Future“ und dem „BürgerBegehren Klimaschutz e.V.“ über eine online-Petition ins Leben gerufen, in deren Anschluss der Petitionsausschuss des Bundestags dazu verpflichtet war, sich des Themas anzunehmen. Die Bundesregierung musste als sozusagen dazu gezwungen werden, einen Bürger*innenrat zum Thema Klimaschutz anzuhören. Dabei hinkt die deutsche Klimapolitik ihren selbst gesteckten Zielen noch hinterher. Bis zum Jahr 2030 sollen die Treibhausgasemissionen in Deutschland um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden. Zwar wurden in den letzten Jahren die Treibhausgasemissionen stetig weniger und im Jahr 2020 das Zwischenziel von 40 Prozent sogar knapp übererfüllt, aber an einer besonders gelungenen Klimapolitik scheint das nicht zu liegen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes zeigen die Daten nämlich, dass etwa ein Drittel der Reduzierung im Jahr 2020 auf das Konto des pandemiebedingten Lockdowns geht. Höchste Zeit also für neue Ideen und vor allem Taten.

Dass die Empfehlungen des Bürgerrats Klima tatsächlich dazu beitragen können, dass Deutschland das Pariser Klimaschutzziel erreicht, dürfte nicht unwahrscheinlich sein. Schließlich können die Teilnehmer*innen des Bürger*innenrats ihre vielfältigen Alltagserfahrungen mit einbringen und sind in der Lage auch die kleinen Details ihrer Lebensrealitäten in den Fragestellungen zu berücksichtigen. Dass sie aber tatsächlich umgesetzt werden, ist aber fragwürdig, denn letztendlich gibt der Bürgerrat Klima auch nur das: Empfehlungen. Und ob die tatsächlich zur Anwendung kommen, wird sich zeigen müssen. „Hallo Deutschland – wir müssen reden“, so beginnt ein Video des Bürgerrats Klima. Hoffen wir, dass es beim lediglichen Reden nicht bleibt.

Die Sitzungstermine von „Bürgerrat Klima“

Mehr Informationen zum Bürgerrat Klima können Sie hier finden.

Hier geht es zum Youtube-Kanal, auf dem Sie die Sitzungen des Bürgerrats Klima im Livestream verfolgen und Aufzeichnungen vergangener Sitzungen ansehen können.

26.04.2021: Einführung in das Thema Klimawandel und Kennenlernen (zur Aufzeichnung)
28.04.2021: Handlungsoptionen und Zukunftsbilder (zur Aufzeichnung)
05.05.2021: Austausch zu Zukunftsbildern und Erarbeitung von Leitsätzen
08.05.2021: Thematische Einführung zu den Handlungsfeldern
12.05.2021: Austausch zwischen den Handlungsfeldern
19.05.2021: Erste Empfehlungen
29.05.2021: Rückmeldung aus Wissenschaft und Politik
05.06.2021: Diskussionen
09.06.2021: Austausch zwischen den Handlungsfeldern
16.06.2021: Überarbeitung von Empfehlungen
19.06.2021: Erstellung der finalen Empfehlungen
23.06.2021: Abstimmung und Feier

Wie sich Andere mit Klimaschutz auseinander setzen, zeigt zum Beispiel Nord Stream 2. Erfahren Sie hier mehr über den deutschen Klimaschutzverein Nord Stream 2.