Hitze als Gestaltungsparameter in Freiraumwettbewerben

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Wunderschöne Aufnahme von Daniele Mason: Ein grünes Feld und eine Stadt treffen auf majestätische schneebedeckte Berge in der Schweiz.

Hitze ist längst kein Ausnahmephänomen mehr, sondern ein dominanter Parameter in der Gestaltung unserer Städte. Wer Freiraum plant, muss heute wissen: Der nächste Sommer kommt bestimmt – und mit ihm die Frage, wie wir urbane Lebensqualität in Zeiten der Überhitzung sichern. Zeit, dass Hitze als zentraler Gestaltungsparameter in Freiraumwettbewerben endlich ernst genommen wird. Denn die Stadt von morgen wird nicht nur gebaut, sie wird gekühlt, verschattet und – klug gestaltet – zu einer Oase gegen den Klimastress.

  • Warum Hitze heute zum entscheidenden Faktor in Freiraumwettbewerben avanciert
  • Die wichtigsten stadtklimatischen Grundlagen, die jeder Planer kennen muss
  • Innovative Strategien zur Hitzeminderung durch Gestaltung, Materialwahl und Vegetation
  • Wie Wettbewerbsverfahren Hitzeintegration systematisch fordern und fördern können
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Vorbildcharakter
  • Rechtliche und planerische Rahmenbedingungen für den Umgang mit Hitze
  • Werkzeuge, Simulationen und Bewertungsverfahren für hitzeangepasste Entwürfe
  • Chancen, Risiken und Herausforderungen – von der Akzeptanz bis zum Unterhalt
  • Warum Hitzeschutz mehr ist als Schattenspender und Sprühnebel

Hitzestress als urbaner Normalfall – Paradigmenwechsel in der Freiraumgestaltung

Die urbane Realität Mitteleuropas hat sich in den letzten Jahren fundamental gewandelt. Wo früher Sommerhitze als vorübergehendes Ärgernis galt, erleben Städte heute Temperaturspitzen, die nicht nur die Lebensqualität beeinträchtigen, sondern auch die Gesundheit der Bevölkerung bedrohen. Deutschland, Österreich und die Schweiz verzeichnen Rekordwerte: Nächte, in denen das Thermometer nicht unter 25 Grad fällt, sind in Innenstädten keine Seltenheit mehr. Die Hitzewellen von 2003, 2019 und 2022 sind längst nicht die letzten gewesen – und sie treffen vor allem die dicht bebauten Quartiere, in denen Versiegelung und fehlende Vegetation den sogenannten urbanen Wärmeinseleffekt massiv verstärken.

Was bedeutet das für die Planung? Hitze ist kein „Nice-to-have-Thema“ mehr, sondern ein Muss. Wer heute Wettbewerbe für Parks, Plätze oder Schulhöfe auslobt, wird mit der Frage konfrontiert: Wie lässt sich der Freiraum so gestalten, dass er auch bei 38 Grad noch als Aufenthaltsort taugt? Die Zeiten, in denen ein paar Bäume auf dem Lageplan als Hitzeschutz durchgingen, sind vorbei. Die Anforderungen an Entwürfe steigen rapide, weil Nutzer, Politik und Verwaltung zunehmend realisieren, dass jede Freiraumplanung auch eine Antwort auf den Klimawandel geben muss.

Die Ursachen für den Hitzestress sind vielschichtig. Neben der globalen Erwärmung spielen lokale Faktoren eine herausragende Rolle: Dichte Bebauung, dunkle Materialien, fehlende Verdunstungsflächen und der Rückgang von Grünstrukturen tragen maßgeblich dazu bei, dass sich Städte aufheizen und nachts kaum abkühlen. Die Folge: Hitzestress wird zum Dauerzustand, mit gravierenden Folgen für vulnerable Gruppen wie Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen.

Für Planer bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Es reicht nicht mehr, im Wettbewerb schöne Bilder zu liefern. Gefordert sind belastbare Konzepte, die das Thema Hitze systematisch adressieren – von der Analyse über die Strategie bis zur Detailausbildung. Das verlangt ein neues Selbstverständnis: Gestalten heißt heute auch, Resilienz gegenüber dem Klima zu schaffen. Wer das ignoriert, plant an der Realität vorbei.

Doch wie lässt sich Hitze in Wettbewerben überhaupt bewerten? Wo liegen die größten Hebel für eine hitzetaugliche Gestaltung? Und wie kann der Fokus auf Klimaanpassung mit anderen Zielen wie Aufenthaltsqualität, Biodiversität und sozialer Teilhabe in Einklang gebracht werden? Fragen, die nicht nur Planungsbüros, sondern auch Auslober und Jurys vor neue Herausforderungen stellen.

Die zentrale Erkenntnis: Hitze ist kein nachrangiges Kriterium mehr, sondern ein Gestaltungsparameter auf Augenhöhe mit Ästhetik, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit. Wer Freiraum plant, muss heute wissen, wie die eigene Arbeit das Mikroklima beeinflusst – und bereit sein, dafür Verantwortung zu übernehmen.

Stadtklimatische Grundlagen – Warum jedes Grad zählt

Wer sich mit Hitze als Gestaltungsparameter beschäftigt, kommt an den stadtklimatischen Grundlagen nicht vorbei. Das Stadtklima ist das Ergebnis eines komplexen Wechselspiels zwischen Bebauung, Materialität, Vegetation, Gewässern und meteorologischen Faktoren. Besonders relevant ist der urbane Wärmeinseleffekt: Städte speichern durch ihre dichte Struktur und die hohe Versiegelung tagsüber enorme Mengen an Wärme, die sie nachts nur langsam wieder abgeben. Der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland kann in heißen Phasen bis zu 10 Grad betragen – ein Wert, der für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Bewohner alles andere als trivial ist.

Das Phänomen der tropischen Nächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt, ist ein direktes Resultat dieser Effekte. Besonders betroffen sind Innenstädte, Quartiere mit wenig Grün und Areale, die durch hohe Gebäude und enge Straßenräume geprägt sind. Hier entsteht eine gefährliche Mischung aus Hitzestau, fehlender Durchlüftung und zu wenig Verschattung. Wer einmal erlebt hat, wie sich ein asphaltierter Platz unter der Mittagssonne aufheizt, weiß: Ohne gezielte Gegenmaßnahmen wird der Freiraum zum Backofen.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bereits eine moderate Erhöhung der Vegetationsdichte signifikante Effekte auf das Mikroklima hat. Bäume, Sträucher und begrünte Fassaden kühlen nicht nur durch Verschattung, sondern vor allem durch Verdunstung. Dieser sogenannte Evapotranspirations-Effekt senkt die Umgebungstemperatur messbar – bis zu 3 Grad sind in begrünten Arealen möglich. Noch stärker wirken Wasserflächen und offene Bodenstrukturen, die ebenfalls Verdunstung fördern und damit für angenehme Temperaturen sorgen.

Die Materialität spielt eine weitere Schlüsselrolle. Dunkle, dichte Oberflächen speichern Wärme besonders effektiv, während helle, reflektierende Materialien und poröse Beläge die Aufheizung abmildern. Auch die Gestaltung der Freiräume beeinflusst das Stadtklima: Breite Straßenprofile, niedrige Gebäude und offene Plätze begünstigen die Durchlüftung, während enge Hofstrukturen und hohe Randbebauungen den Luftaustausch hemmen.

Für Wettbewerbe bedeutet das: Ohne fundierte Kenntnis der stadtklimatischen Zusammenhänge läuft jede Entwurfsstrategie ins Leere. Es braucht nicht nur ein Gefühl für den Ort, sondern auch ein Verständnis für Klimasimulationen, Bioklimakarten und die Wirkung unterschiedlicher Maßnahmen auf das Mikroklima. Erst dann kann Hitze gezielt als Parameter in die Gestaltung integriert werden – und zwar von Anfang an, nicht erst im Nachgang.

Wer heute Freiräume für das 21. Jahrhundert plant, muss jedes Grad ernst nehmen. Denn die Differenz zwischen angenehmem Stadtleben und unerträglicher Hitzebelastung entscheidet sich im Detail – und im Wettbewerb um die besten Ideen.

Kreative Strategien gegen die Hitze – Von der Vision zur konkreten Maßnahme

Die gute Nachricht: Der Werkzeugkasten für hitzeangepasste Freiraumgestaltung ist prall gefüllt. Es geht längst nicht mehr nur um die Anzahl der Bäume, sondern um ein kluges Zusammenspiel aus Vegetation, Wasser, Materialität und Raumstruktur. Wer Hitze als Gestaltungsparameter ernst nimmt, entwickelt multifunktionale Lösungen, die das Mikroklima verbessern und gleichzeitig die Aufenthaltsqualität steigern.

Einer der wirksamsten Ansätze ist die gezielte Verschattung. Hier sind Bäume immer noch die Champions: Sie spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen durch Verdunstung und tragen zur Luftreinigung bei. Entscheidend ist jedoch die richtige Auswahl der Arten, die Standortgerechtheit und der langfristige Erhalt. Urban erprobte Hitzetoleranz, ausreichend Wurzelraum und eine pflegeleichte Struktur sind ebenso wichtig wie die Anordnung – lineare Alleen, dichte Gruppen oder gezielte Einzelstellungen erzeugen jeweils unterschiedliche Mikroklimata.

Wasser spielt eine zunehmend zentrale Rolle. Offene Wasserflächen, Fontänen, Nebeldüsen oder – besonders clever – wasserdurchlässige Beläge mit integriertem Wasserspeicher sorgen für Verdunstungskühle und bieten Kindern wie Erwachsenen willkommene Abkühlung. Die Integration von Regenwassermanagement in die Freiraumgestaltung schafft zusätzliche Synergien: Versickerungsflächen, Mulden, Rigolen oder Retentionsflächen puffern Starkregen ab und verbessern gleichzeitig das Mikroklima.

Auch die Wahl der Materialien macht den Unterschied. Helle, reflektierende Oberflächen reduzieren die Aufheizung, während poröse, begrünte oder teilentsiegelte Flächen den Wasserhaushalt und die Verdunstung fördern. Innovative Lösungen wie kühlende Pflastersteine, begrünte Sitzmöbel oder mobile Schattenspender eröffnen neue Horizonte. Wichtig ist, dass diese Maßnahmen nicht als Einzelaktionen verstanden werden, sondern als Teil eines ganzheitlichen Konzepts, das auf die spezifischen Bedingungen des Ortes eingeht.

Die Gestaltung der Raumstruktur beeinflusst maßgeblich, wie Hitze erlebt wird. Offene, durchlüftete Plätze, kleinteilige Strukturen mit grünen Rückzugsorten, flexible Nutzungen und adaptive Elemente wie temporäre Beschattungssysteme machen den Unterschied zwischen Hitzehölle und Lieblingsplatz. Gerade in Wettbewerben lohnt es sich, mutige und experimentelle Lösungen vorzuschlagen – etwa modulare Begrünungssysteme, saisonale Wasserinstallationen oder partizipative Elemente, die Nutzer aktiv einbinden.

Zuletzt darf die Pflege und Entwicklung nicht vergessen werden. Hitzeangepasste Gestaltung ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess. Nur wenn die Maßnahmen langfristig erhalten und weiterentwickelt werden, bleibt der Freiraum auch in Zukunft lebenswert. Das verlangt eine enge Verzahnung von Planung, Betrieb und Nutzern – und eine neue Kultur der Kooperation zwischen allen Beteiligten.

Hitzeintegration im Wettbewerbsverfahren – Von der Auslobung bis zur Juryentscheidung

Der Umgang mit Hitze als Gestaltungsparameter beginnt nicht erst beim Entwurf, sondern schon bei der Auslobung. Wettbewerbsverfahren, die das Thema systematisch adressieren, schaffen die Grundlage für innovative Lösungen und sichern die Qualität der Ergebnisse. Das beginnt mit einer präzisen Aufgabenstellung: Welche stadtklimatischen Herausforderungen sind zu erwarten? Welche Anforderungen ergeben sich aus Klimaanalysen, Hitzekarten oder lokalen Erfahrungswerten? Je klarer die Vorgaben, desto zielgerichteter können Planer ihre Konzepte entwickeln.

Eine wichtige Rolle spielen verbindliche Bewertungskriterien. Werden Maßnahmen zur Hitzeminderung explizit gefordert und gewichtet? Gibt es Mindeststandards für Verschattung, Verdunstung oder Durchlüftung? Wird die langfristige Entwicklung des Mikroklimas berücksichtigt? Wettbewerbe, die solche Kriterien transparent machen, fördern nicht nur die Qualität der Entwürfe, sondern auch die Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Juryentscheidung.

Immer häufiger kommen Klimasimulationen und Bewertungswerkzeuge zum Einsatz, mit denen die Wirkung von Entwürfen auf das Mikroklima bereits in der Frühphase analysiert werden kann. Tools wie ENVI-met, stadtklimatische Karten oder Simulationen der thermischen Behaglichkeit liefern wertvolle Daten – vorausgesetzt, sie werden fachkundig interpretiert und in den Planungsprozess integriert. Auch die Einbindung von Klimaexperten in die Jury wird zunehmend zum Standard, um die fachliche Bewertung zu sichern.

Die Einbindung von Nutzern und Öffentlichkeit kann dazu beitragen, die Akzeptanz hitzeangepasster Maßnahmen zu erhöhen. Partizipative Elemente – etwa Bürgerworkshops, Feedbackrunden oder temporäre Testinstallationen – machen die Wirkung von Verschattung, Wasser oder Begrünung unmittelbar erfahrbar und schaffen ein gemeinsames Verständnis für die Notwendigkeit des Hitzeschutzes. Gerade in dicht besiedelten Quartieren können solche Ansätze helfen, Konflikte zu entschärfen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Zuletzt ist auch die Kommunikation entscheidend. Wettbewerbe, die die Bedeutung des Hitzeschutzes klar und verständlich vermitteln, setzen ein Zeichen – nicht nur für die Planungsbüros, sondern auch für Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Sie machen deutlich: Hitze ist nicht das Problem der anderen, sondern eine zentrale Gestaltungsaufgabe, die nur gemeinsam gelöst werden kann. Wer dies ignoriert, riskiert nicht nur Fehlplanungen, sondern langfristigen Verlust an Lebensqualität.

Die Integration von Hitze als Gestaltungsparameter im Wettbewerbsverfahren ist damit mehr als eine technische Herausforderung. Sie ist Ausdruck eines neuen Planungsverständnisses, das den Klimawandel als Ausgangspunkt und nicht als Randnotiz begreift. Wer hier mutig vorangeht, prägt die Freiräume von morgen – widerstandsfähig, lebenswert und zukunftsfähig.

Praxis, Perspektiven und Herausforderungen – Was wirklich zählt

Erfolgreiche Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, dass die Integration von Hitze als Gestaltungsparameter kein Wunschtraum, sondern machbare Realität ist. Der neue Stadtpark in Wien-Favoriten, die Umgestaltung des Münchner Elisabethmarkts oder der Zürcher Turbinenplatz setzen Maßstäbe für eine Kombination aus Verschattung, Verdunstung und innovativer Materialwahl. Sie machen vor, wie Wettbewerbe gezielt auf Mikroklima, Aufenthaltsqualität und soziale Nutzbarkeit ausgerichtet werden können – und dabei trotzdem unverwechselbare Orte entstehen.

Gleichzeitig stehen Planer vor erheblichen Herausforderungen. Die Unsicherheit über künftige Klimaszenarien erschwert langfristige Prognosen, während enge Budgets, unterschiedliche Interessenlagen und oft widersprüchliche Anforderungen an Flächennutzung, Naturschutz und Infrastruktur die Umsetzung erschweren. Hinzu kommt der Spagat zwischen kurzfristiger Attraktivität und langfristiger Klimaresilienz: Was heute als cooles Gestaltungselement gilt, kann morgen wartungsintensiv oder gar kontraproduktiv sein, wenn es nicht gut durchdacht ist.

Ein zentrales Risiko ist die Tendenz zur Symbolpolitik. Ein paar zusätzliche Bäume, ein Sprühnebel-Feature oder schicke Sonnensegel reichen nicht aus, um echte Hitzeminderung zu erreichen. Entscheidend ist die Systematik: Es braucht eine fundierte Analyse, eine konsistente Strategie und die Bereitschaft, auch unbequeme Maßnahmen zu ergreifen – etwa den Rückbau von Parkplätzen oder die Umverteilung von Flächen zugunsten von Grün und Wasser.

Die rechtlichen und planerischen Rahmenbedingungen entwickeln sich weiter. Kommunale Klimaanpassungskonzepte, Förderprogramme und neue Bauleitplanungsinstrumente schaffen Spielräume, stellen aber auch neue Anforderungen an die Dokumentation und Nachweisführung. Planungsbüros sind gefordert, ihre Kompetenzen im Bereich Stadtklima, Simulation und Monitoring laufend zu erweitern – und sich aktiv in die Entwicklung neuer Bewertungsmaßstäbe einzubringen.

Perspektivisch steht die Freiraumplanung vor einer doppelten Aufgabe: Sie muss kurzfristig auf die zunehmende Hitze reagieren und gleichzeitig Strukturen schaffen, die auch in 30 Jahren noch funktionieren. Dazu braucht es Mut zu Innovation, eine offene Fehlerkultur und die Bereitschaft, aus Pilotprojekten zu lernen. Denn klar ist: Die Hitzeproblematik wird nicht verschwinden. Aber sie lässt sich gestalten – kreativ, intelligent und im besten Sinne lebensnah.

Was zählt, ist letztlich der Mehrwert für die Menschen: Freiräume, die auch an heißen Tagen Aufenthaltsqualität bieten, die Gesundheit schützen und soziale Begegnung ermöglichen. Wer Hitze als Gestaltungsparameter versteht, plant nicht gegen den Klimawandel, sondern mit ihm – und macht die Stadt zur Bühne für eine lebenswerte Zukunft.

Fazit – Hitze als Chance für eine neue Planungskultur

Hitze ist mehr als ein lästiges Randthema. Sie ist der Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit der Freiraumplanung. Wer Hitze als Gestaltungsparameter in Wettbewerben ernst nimmt, übernimmt Verantwortung für Lebensqualität, Gesundheit und urbane Resilienz. Das verlangt neue Kompetenzen, kreative Lösungen und den Mut, Altbewährtes zu hinterfragen. Die Werkzeuge sind da, die Beispiele vorhanden – jetzt gilt es, die Erkenntnisse in die Breite zu tragen und konsequent umzusetzen.

Die Freiraumwettbewerbe von morgen werden nicht mehr nur nach Schönheit und Funktionalität entscheiden, sondern auch danach, wie gut sie mit den Herausforderungen der Überhitzung umgehen. Das ist keine Einschränkung, sondern eine Einladung zu Innovation und Exzellenz. Wer jetzt die richtigen Fragen stellt, die besten Strategien entwickelt und den Dialog mit Nutzern, Verwaltung und Politik sucht, kann die Stadt nicht nur kühler, sondern auch lebenswerter, gerechter und zukunftsfester machen.

Am Ende ist Hitze kein Gegner, sondern ein Katalysator für eine neue Planungskultur. Die Stadt der Zukunft wird nicht gebaut, sie wird gestaltet – mit kühlem Kopf, kreativen Ideen und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Garten und Landschaft bleibt Ihr Wegweiser auf diesem Weg: fachlich, kritisch, inspirierend. Denn nirgendwo sonst finden Sie so geballte Expertise und so viel Leidenschaft für die Freiraumgestaltung von morgen.

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Pop-up-Radwege: Vor- und Nachteile

Foto: Phil Hearing/Unsplash

Sie waren als kurzfristige Lösung zu Beginn der Corona-Pandemie gedacht, nun sollen sie dauerhaft bleiben – die Pop-up-Radwege in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg und in München. Welche Vor- und Nachteile bringen die Fahrradstreifen? Und wie kann städtischer Raum fahrradfreundlicher werden? Wir haben es untersucht.

Corona sorgt für mehr Radler*innen – und Pop-up-Radwege

Auf Deutschlands Straßen tobt ein Territorialkrieg: Während Radfahrer*innen in jüngster Zeit urbane Raumgewinne in Form von Pop-up-Radwegen verzeichnen, verschanzen sich Autofahrer*innen im befestigten Straßengraben. Pop-up-Radwege, das sind temporär eingerichtete Radwege, um einen kurzfristig höheren Bedarf an Fahrradinfrastruktur zu bedienen. Dabei werden ehemalige Kfz-Spuren durch gelbe Fahrbahnmarkierungen oder Leitbaken zum Radweg.

Während der Covid-19-Pandemie waren Pop-up-Radwege die Reaktion auf zweierlei Dinge. Zum einen sollte Radfahrer*innen durch die breiteren Fahrradstreifen erleichtert werden, zwischenmenschliche Mindestabstände einzuhalten. Zum anderen stieg die Zahl der Radfahrenden in der Pandemie rapide an. Allein durch diese Tatsache bedingt, war schon mehr Platz fürs Zweirad notwendig.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur haben im Juli 2020 25 Prozent der Deutschen angegeben, häufiger Rad zu fahren, als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig ist der öffentliche Personennahverkehr der größte Krisenverlierer und über 30 Prozent der befragten Personen gaben an, den ÖPNV weniger zu nutzen, als im Jahr zuvor.

Für das Zweirad jedenfalls scheint die Corona-Pandemie ein Katalysator bester Güte zu sein. Was sich seit Jahren abzeichnet, nämlich dass die Deutschen immer mehr mit dem Rad fahren, hat seit Mitte 2020 eine grandiose Beschleunigung erfahren. So grandios, dass Fahrradhersteller*innen mit der Produktion nicht mehr hinterherkommen und Fahrradhändler*innen schulterzuckend vor leeren Verkaufsflächen stehen.

Pop-Up-Radwege sorgen für Ärger

Und das hat Auswirkungen auf die zeitgenössisch automobilzentrierte Stadt. Das Verhältnis zwischen Auto- und Radfahrenden war zur Rushhour in der Innenstadt schon immer spannungsgeladen. Pop-up-Radwege und damit das Einbüßen einer ganzen Spur an neuralgischen Punkten in der Innenstadt dürften vielen Autofahrer*innen als bittere Sahnehaube im Streit um immer enger werdende Verkehrsflächen vorkommen.

Doch nicht nur die finden sich auf der sprichwörtlichen Palme ein. Geschäftstreibende zum Beispiel müssen durch Pop-up-Radwege unter Umständen auf die gesamten Parkflächen vor ihrem Laden und damit auf Teile ihres Umsatzes verzichten.

Die Radler*innen hingegen freut’s. Mit mehr Abstand zum motorisierten Verkehr fühlen sie sich sicherer und mancherorts schafft ein Pop-up-Radweg auch mehr Platz für die Fußgänger*innen auf dem Gehweg. Der Erfolg scheint so groß, dass sich Städte wie München und Berlin dafür entschieden, einige der Pop-up-Radwege sowohl rechtlich als auch baulich zum dauerhaften Radweg zu machen.

Ob man ihnen aber nun gewogen ist oder nicht: Pop-up-Radwege können, wenn man einen großen Ausschnitt des Ganzen betrachtet, vielleicht ein bisschen in die richtige Richtung stupsen, aber eine gewünschte Verkehrswende braucht mehr Ideen. Schon ohne Pop-up-Radwege kommt der Autoverkehr zur Stoßzeit in deutschen Großstädten fast zum Erliegen. Da hilft es kaum, jetzt auch noch weniger Spuren befahren zu dürfen.

Deutsche Fahrradinfrastruktur ist, so scheint es zumindest, immer nur aufgesetzt, niemals integraler Bestandteil der Verkehrsplanung gewesen und wurde erst dann behandelt, wenn die sonstige Infrastruktur schon fertig war. Zusätzlich gewichten verschiedene Kommunen die Notwendigkeit von Fahrradwegen unterschiedlich, und so endet mancher Fahrradweg an der Gemeindegrenze schon mal im Nichts.

Das Fahrrad: in hohem Maße gefährlich

„Nüchtern betrachtet, sind Fahrräder in hohem Maße unpraktisch und gefährlich“. Dies gab Anfang 2020 Dirk Spaniel, verkehrspolitischer Sprecher der AfD, im Bundestag zum Besten. Auch wenn er das mit der Gefährlichkeit so nicht meinte, denn er bezog sich auf die von den Fahrradfahrer*innen verursachte Gefahr, hat er unfreiwillig Recht: Das Fahrrad ist gefährlich. Doch dem Fahrrad und seinen Fahrer*innen kann man die Schuld daran kaum zuschieben.

Auf dem Rad sterben mehr Menschen im Straßenverkehr, als mit jedem anderen Verkehrsmittel, einschließlich der eigenen Füße. Zwar sinkt die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland insgesamt seit Jahren, beim Radfahren jedoch zeigt der Trend nach oben. Dass das unter anderem mit der gestiegenen Anzahl von Radfahrer*innen zu tun hat, ist klar, aber eben auch nicht akzeptabel und außerdem deutet es auf Planungsmängel hin.

Ein Beispiel ist das Rechtsabbiegen: Seit jeher erlauben deutsche Ampelschaltungen längsverkehrenden Fahrrädern und Autos mit Rechtsabbiegewunsch das gleichzeitige Einfahren in eine Kreuzung. Die Folge dieser absurden Verkehrsführung: Autofahrer*innen verrenken sich die Hälse, um hinter den Fahrzeugsäulen heranrasende Zweiräder zu erkennen und Radler*innen geraten unter Auto- und Lastwagenreifen. Was täglich tausendfach Stress bei Autofahrenden verursacht, ist in der Statistik als Vorfahrts- und Abbiegefehler für mehr als die Hälfte aller radelnden Verkehrstoten verantwortlich.

Kopenhagen zeigt gelungenes Fahrradkonzept

Um zu sehen, wie eine gelungene urbane Fahrradintegration aussehen kann, lohnt sich der Blick nach Kopenhagen. Gefährliche Rechtsabbiegesituationen vermeiden die Dän*innen durch eine simple Maßnahme: Fahrräder und Autos werden in getrennten Ampelzyklen durch Kreuzungen geführt. Auf Kopenhagens Hauptverkehrsstraßen zieht sich teilweise eine grüne Ampelwelle bis zu zwei Kilometer lang durch die Stadt. Ihre Geschwindigkeit ist mit 25 Stundenkilometern auf Radfahrer*innen eingestellt und ja: Auch Autos müssen sich dieser Geschwindigkeit unterordnen.

Falls Ihnen das quälend langsam vorkommt, fahren Sie mal zur Hauptverkehrszeit in einer deutschen Großstadt herum. Sie mögen zwischen den vielen roten Ampeln hier und da in den Genuss von etwas Geschwindigkeit kommen, doch die meiste Zeit werden Sie stehen. Das Deutsche Verkehrsforum hat so auch in einer Ende 2019 herausgegebenen Studie eine Durchschnittsgeschwindigkeit auf Hauptverkehrsstraßen in zehn deutschen Großstädten werktags zwischen 16 und 17 Uhr von etwa 22 Stundenkilometern festgestellt.

Kopenhagen macht es für seine Bürger*innen auch mit vielen weiteren Details einfach, aufs Rad zu steigen. Stadtmobiliar wie angeschrägt montierte Mülleimer, die die Entsorgung aus der Fahrt erleichtern oder Fahrradgeländer an Kreuzungen, an denen man sich festhalten kann und die das schnelle Anfahren erleichtern, sind nur zwei der vielen Beispiele. Die Kopenhagener Bürger*innen fahren infolge der Maßnahmen nicht etwa mit dem Rad, weil sie besonders grün sind, sondern weil es in vielen Fällen die günstigste, schnellste und sogar bequemste Möglichkeit ist, von einem Ort zum anderen zu kommen.

„Was die damals gemacht haben!“

In Deutschland sind wir von solchen Zuständen noch ein gutes Stück entfernt. Der Deutschen liebstes Kind, das Kraftfahrzeug, nimmt schon historisch einen viel zu wichtigen Stellenwert ein, als dass es von heute auf morgen von den Straßen verschwindet. Und es gibt Fälle – das sei unbestritten –, da ist eine Form von Auto einfach notwendig. Aber das private Automobil wird keine lange Zukunft mehr haben können. Und Planer*innen müssen beginnen, alternative Verkehrsinfrastruktur zu kreieren und nicht Radwege „aufzupoppen“.

Man muss kein Physikgenie sein, um zu erkennen, dass es schwerlich effizient sein kann, 80 Kilogramm Mensch in den 1 200 Kilogramm Stahl eines (leichten) Autos zu befördern. Man muss auch kein Geometriegenie sein, um zu erkennen, dass es schwerlich platzsparend sein kann, wenn die fünf Quadratmeter, die ein (kleines) Auto an urbaner Fläche einnimmt und die von sonst niemandem genutzt werden können, durch die Stadt bewegt werden und dort die meiste Zeit des Tages doch nur herumstehen.

Die Verkehrswende muss her, wenn der Mensch seine Städte lebenswert erhalten möchte. Dazu braucht es Konzepte, die weit über Pop-up-Radwege hinausgehen und die planerisch weit tiefer ansetzen. Für den motorisierten Individualverkehr ist heute schon zu wenig Platz in vielen Städten. Er wird vielleicht – für uns kaum vorstellbar – schon einer der nächsten Generationen von Planer*innen als graues Konzept alter Leute aus der Vergangenheit vorkommen, über dessen Torheit man nur den Kopf schütteln kann: „Was die damals gemacht haben!“.

Zum Thema: Ist der Rheinuferweg der teuerste Radweg der Welt?

Hügel mit Charakter

The Hills – Hügel mit Eigenschaften

Im Juli eröffnete auf der Governors Island in New York City die Parkerweiterung “The Hills” – ein Jahr früher als erwartet. “Dank des ungewöhnlich warmen Herbsts und dem straff organisierten Baumanagement konnten wir The Hills schon dieses Jahr eröffnen,” freute sich Leslie Koch, Präsident des Trust for Governors Island, bei der Eröffnung.

The Hills sind der Höhepunkt des preisgekrönten Governors Island Park und dem Master Plan für den öffentlichen Raum, das die Landschaftsarchitekten von West 8 geplant haben. Der Masterplan für den Park wurde 2010 vorgestellt.

Die ersten 12 Hektar der neuen Parkanlage wurden 2014 eröffnet. Die vier Hügel von The Hill bestehen im Kern aus recyceltem Abbruchmaterial und Erde, sie sind zwischen sieben und 21 Meter hoch. Jede der Hügel trägt der Funktion entsprechend einen eigenen Namen: Outlook Hill, Slide Hill, Discovery Hill und Grassy Hill. Der Slide Hill bietet die längste Rutsche in New York city, den Discovery Hill prägt eine eigens angefertigte Skulptur von Rachel Whiteread, der grasbewachsene Grassy Hill bietet einen Blick auf die neue und historische Landschaft der Governors Island und der Manhattan Skyline. Der Outlook Hill wird wohl der beliebteste Hügel für Touristen, er bietet einen 360 Grad Blick auf Sehenswürdigkeiten wie die Freiheitsstatue, den New York Harbor und die Lower Manhattan Skyline.

Weitere Pläne für die Governors Island

Durch die Parkerweiterung wurden vier Hektar neue Grünfläche geschaffen und über 860 neue Bäume gepflanzt. Der Trust und die Landschaftsarchitekten hoffen, dass The Hills zum neuen Must-See für Bürger und Touristen werden. Die Governors Island ist damit aber noch nicht am Ende ihrer Entwicklung, die Hügel sind von 13 Hektar Brachflächen umgeben. Der Governors Island Trust plant, die Insel in eine All-Wetter-Attraktion zu verwandeln, ein Zeitplan wurde allerdings bislang noch nicht entwickelt.

Die Governors Island ist insgesamt etwa 70 Hektar groß und ist ein ehemaliger Stützpunkt der US-Armee und der Küstenwache. Als die USA noch eine englische Kolonie waren, war die Nutzung ausschließlich dem königlich-britischen Gouverneur von New York vorbehalten.

Fotos: Timothy Schenk