Wie wirkt sich Hitze auf das Sozialverhalten aus? – Raumbeobachtung meets Klimaforschung

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Fotografie einer Menschengruppe vor einem städtischen Gebäude, aufgenommen von Shannia Christanty

Wenn der Sommer die Städte aufheizt, geraten nicht nur Asphalt und Fassaden ins Schwitzen – auch das Sozialverhalten schlägt Haken. Wie beeinflusst Hitze unser Zusammenleben? Wieso ist der öffentliche Raum plötzlich Konfliktzone oder Rückzugsort? Und was können Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Klimaforscher gemeinsam tun, um die Stadtgesellschaft abzukühlen? Willkommen zur spannenden Schnittstelle von Raumbeobachtung und Klimaforschung – und zu Einsichten, die man nicht im Schatten sitzen lassen sollte.

  • Hitze verändert das Sozialverhalten in Städten tiefgreifend – von Konflikthäufigkeit über Rückzugsverhalten bis zu neuen Formen urbaner Gemeinschaft.
  • Raumbeobachtung und Klimaforschung liefern gemeinsam präzise Analysen, wie Temperatur und Aufenthaltsqualität den öffentlichen Raum beeinflussen.
  • Städtische Infrastruktur, Gestaltung und Mikroklima bestimmen, ob Orte zur Hitzeoase oder zum sozialen Brennpunkt werden.
  • Soziale Gerechtigkeit und Vulnerabilität: Wer leidet besonders unter urbaner Hitze, und wie beeinflusst das die gesellschaftliche Teilhabe?
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie innovative Gestaltung und klimagerechte Planung das städtische Miteinander fördern können.
  • Technische Begriffe wie Urban Heat Island, thermische Komfortzonen, soziale Resilienz und adaptive Nutzung werden klar und anwendungsorientiert erklärt.
  • Partizipative Ansätze und Echtzeitdaten eröffnen neue Möglichkeiten für inklusive, klimaresiliente Städte.
  • Die Herausforderungen: Planung im Hitzestress, Unsicherheiten bei Prognosen und die Balance zwischen technischer Innovation und sozialer Empathie.
  • Schlussfolgerung: Stadtplanung muss Klima- und Sozialdaten als gleichberechtigte Planungsgrundlagen verankern – und dabei neue Formen der Ko-Produktion entwickeln.

Hitze und Sozialverhalten: Wenn das Thermometer das Miteinander steuert

Wer sich im Hochsommer durch deutsche Städte bewegt, erkennt rasch: Hitze ist mehr als ein meteorologisches Phänomen. Sie verwandelt Plätze, Straßen und Parks in vibrierende Bühnen sozialer Dynamik – oder in verwaiste Zonen, die niemand betreten will. Doch wie genau beeinflusst hohe Temperatur das Sozialverhalten? Die Forschung zeigt, dass steigende Temperaturen nicht nur das individuelle Wohlbefinden beeinträchtigen, sondern auch kollektive Interaktionen maßgeblich prägen.

Ein gut belegter Effekt ist die Zunahme von Stressreaktionen. Wenn das Quecksilber klettert, sinkt die Geduld. Studien aus der Umweltpsychologie belegen, dass sich Hitzewellen in einer höheren Konfliktbereitschaft, gereizteren Stimmung und geringerer Toleranz gegenüber Mitmenschen niederschlagen. Gleichzeitig beobachtet man in heißen Phasen eine Tendenz zum Rückzug: Viele Menschen meiden öffentliche Räume, sobald diese zur brutalen Hitze-Falle werden. Dies betrifft vor allem vulnerable Gruppen – ältere Menschen, Kinder, Schwangere oder Menschen mit Vorerkrankungen – die sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, wenn Schatten und Abkühlung fehlen.

Doch Hitze kann auch das Gegenteil bewirken: Wo attraktive, kühle Orte locken, entstehen neue soziale Treffpunkte. Öffentliche Brunnen, beschattete Plätze oder grüne Inseln werden zu Magneten für gemeinschaftliches Leben. Hier zeigt sich, dass Mikroklima und Aufenthaltsqualität untrennbar mit sozialem Verhalten verbunden sind. Wer es schafft, Hitzestress durch intelligente Gestaltung abzumildern, fördert nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die soziale Interaktion und Integration.

Ein weiterer spannender Aspekt: Hitze verschärft soziale Ungleichheiten. In dicht bebauten, wenig begrünten Stadtteilen steigen Temperaturen besonders stark an. Hier fehlt es oft an kühlenden Freiräumen, was die soziale Isolation verstärken kann. Wer sich klimatisch privilegiert fühlt – etwa durch Zugang zu privaten Gärten, Klimaanlagen oder exklusiven Grünflächen – kann sich dem Hitzestress besser entziehen. Für viele andere bleibt nur der Rückzug in überhitzte Wohnungen. Damit wird klar: Hitze ist nicht neutral, sondern ein Verstärker bestehender sozialer Disparitäten.

Schließlich beeinflusst Hitze auch temporäre Phänomene wie das sogenannte „Urban Meltdown“: In Hitzewellen verschieben sich Aktivitäten in die kühleren Abendstunden, öffentliche Räume werden anders genutzt, neue temporäre Gemeinschaften entstehen. Für Stadtplaner und Landschaftsarchitekten ergibt sich daraus die Aufgabe, mit flexiblen Nutzungsangeboten und angepasster Infrastruktur auf diese Veränderungen zu reagieren. Das erfordert eine präzise Beobachtung des Raumnutzungsverhaltens – und die Bereitschaft, Planung als lernenden, adaptiven Prozess zu verstehen.

Raumbeobachtung und Klimaforschung: Zwei Disziplinen für eine komplexe Realität

Um die Wechselwirkungen zwischen Hitze und Sozialverhalten verstehen und gestalten zu können, braucht es ein Zusammenspiel von Raumbeobachtung und Klimaforschung. Diese beiden Disziplinen liefern das Instrumentarium, um nicht nur Temperaturverläufe zu messen, sondern auch die soziale Dimension urbaner Hitzebelastung sichtbar zu machen. Raumbeobachtung – klassisch als systematische Analyse der Nutzung und Wahrnehmung des öffentlichen Raums verstanden – erhält durch die Integration von Klimadaten eine völlig neue Tiefe.

Im Zentrum stehen sogenannte Urban Heat Islands, also städtische Hitzeinseln, die infolge dichter Bebauung, versiegelter Flächen und fehlender Vegetation entstehen. Klimaforscher kartieren diese Zonen mit Hilfe von Satellitenbildern, Sensorennetzwerken und mobilen Messfahrzeugen. Raumbeobachter wiederum erfassen, wie diese klimatischen Extreme das Verhalten der Menschen beeinflussen: Wann und wie werden öffentliche Orte genutzt? Wer zieht sich zurück, wer bleibt, wer sucht gezielt Abkühlung? Die Kombination beider Ansätze erlaubt es, Hotspots nicht nur physisch, sondern auch sozial zu identifizieren.

Thermische Komfortzonen sind ein weiterer Schlüsselbegriff. Sie beschreiben Bereiche, in denen sich Menschen trotz hoher Außentemperaturen wohlfühlen. Diese Zonen entstehen durch geschickte Verschattung, Wasserflächen, Durchlüftung oder den Einsatz reflektierender Materialien. Raumbeobachtung zeigt, dass Aufenthaltsqualität und Aufenthaltsdauer an solchen Orten signifikant steigen. Dies belegt, dass klimagerechte Gestaltung einen direkten Einfluss auf das soziale Miteinander hat – und dass mikroklimatische Interventionen mehr sind als schmückendes Beiwerk.

Die Rolle der sozialen Resilienz darf nicht unterschätzt werden. Sie beschreibt die Fähigkeit von Gemeinschaften, auf klimatische Belastungen flexibel und solidarisch zu reagieren. Raumbeobachtung kann hier wertvolle Hinweise liefern, wie Nachbarschaften in Hitzewellen zusammenrücken, neue Unterstützungsnetzwerke entstehen oder informelle Treffpunkte als soziale Ankerpunkte fungieren. Klimaforschung ergänzt dieses Bild durch die Analyse langfristiger Trends und die Entwicklung von Prognosemodellen, mit denen sich zukünftige Herausforderungen abschätzen lassen.

Zuletzt ermöglicht die Verknüpfung beider Disziplinen eine evidenzbasierte Planung. Statt auf reine Erfahrungswerte oder Bauchgefühl zu setzen, können Planer gezielt auf Daten zurückgreifen, die zeigen, wo Interventionen nötig sind und wie sie wirken. Innovative Technologien wie mobile Klimasensorik, Geo-Tracking oder partizipative Mapping-Tools eröffnen neue Möglichkeiten, um Hitze und Sozialverhalten in Echtzeit zu erfassen und darauf zu reagieren. Die Herausforderung liegt darin, diese Werkzeuge nicht als Selbstzweck, sondern als integralen Bestandteil einer klugen, menschenzentrierten Stadtentwicklung zu nutzen.

Planung, Gestaltung, Gerechtigkeit: Hitze als Prüfstein urbaner Resilienz

Stadtplanung und Landschaftsarchitektur stehen angesichts zunehmender Hitzewellen vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen nicht nur technische Lösungen für Kühlung und Verschattung entwickeln, sondern auch die soziale Dimension von Klimaanpassung in den Fokus rücken. Die Gestaltung des öffentlichen Raums entscheidet maßgeblich darüber, ob Städte zu sozialen Hitzefallen oder zu Orten der Begegnung und Erholung werden.

Ein zentrales Instrument ist die klimaadaptive Gestaltung. Dazu zählen grüne Infrastruktur wie Parks, urbane Wälder oder begrünte Dächer ebenso wie Wasserflächen, Nebelinstallationen oder innovative Verschattungssysteme. Praxisbeispiele aus Wien, Zürich oder Freiburg zeigen, dass solche Maßnahmen nicht nur das Mikroklima verbessern, sondern auch Anlässe für soziale Interaktion schaffen. Wo sich Menschen gerne aufhalten, entstehen neue Formen des Miteinanders, spontane Nachbarschaftshilfe und gemeinschaftliche Aktivitäten.

Doch Planung im Hitzestress ist mehr als die Addition technischer Lösungen. Es geht um soziale Gerechtigkeit. Wer Zugang zu kühlen, attraktiven Freiräumen hat, profitiert doppelt – klimatisch und sozial. Deshalb müssen vulnerable Gruppen gezielt in den Blick genommen werden: Menschen mit geringem Einkommen, ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Hier sind partizipative Ansätze gefragt, bei denen Betroffene aktiv in Planungsprozesse eingebunden werden. Nur so lassen sich bedarfsgerechte, inklusive Lösungen entwickeln.

Ein weiteres Thema ist die adaptive Nutzung: Hitze verändert Gewohnheiten, verschiebt Tagesabläufe und schafft neue Anforderungen an Infrastruktur und Betrieb. Parks werden abends statt mittags genutzt, Straßenfeste wandern in kühlere Jahreszeiten, und temporäre Wasserspiele oder mobile Verschattungselemente gewinnen an Bedeutung. Stadtplanung muss diese Dynamik antizipieren und flexible, anpassungsfähige Räume schaffen, die mit den Bedürfnissen der Nutzer wachsen.

Schließlich steht die Frage im Raum, wie sich die Planungskultur selbst wandeln muss. Klassische Planungsinstrumente wie Bebauungspläne oder Gestaltungssatzungen greifen oft zu kurz, wenn es um die Komplexität von Klima und Sozialverhalten geht. Gefragt ist ein Paradigmenwechsel hin zu prozessorientierten, lernenden Planungsansätzen, die auf kontinuierlicher Beobachtung, Datenintegration und interdisziplinärer Zusammenarbeit basieren. Nur so kann urbane Resilienz im Zeitalter der Hitze gelingen.

Praxis, Innovation und Forschung: Wege zu einer sozial-klimatischen Stadt

Wie kann die Verbindung von Raumbeobachtung und Klimaforschung konkret in der Praxis aussehen? Ein Blick auf innovative Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt: Es gibt zahlreiche Ansätze, die das Zusammenspiel von Mikroklima, Sozialverhalten und Stadtgestaltung produktiv nutzen. In Zürich etwa werden mobile Klimasensoren eingesetzt, um Temperaturprofile öffentlicher Räume in Echtzeit zu messen. Die Daten fließen direkt in die Planung ein und helfen, Hotspots gezielt zu entschärfen.

In Wien wurde das Projekt „Cool Streets“ ins Leben gerufen: Straßen werden temporär für den Autoverkehr gesperrt, mit mobilen Bäumen, Sitzgelegenheiten und Wasserspielen ausgestattet und als kühle Aufenthaltsorte für alle zugänglich gemacht. Raumbeobachtung dokumentiert, wie sich das Verhalten der Menschen verändert: Die Aufenthaltsdauer steigt, neue soziale Kontakte entstehen, Konflikte nehmen ab. Das zeigt, dass niedrigschwellige, temporäre Interventionen große Wirkung entfalten können – vorausgesetzt, sie werden kontinuierlich evaluiert und angepasst.

Auch in deutschen Städten entstehen spannende Pilotprojekte. In Mannheim etwa untersucht ein interdisziplinäres Team, wie sich bauliche Maßnahmen wie helle Bodenbeläge, Fassadenbegrünung oder Trinkwasserbrunnen auf das Mikroklima und die soziale Nutzung von Plätzen auswirken. Die Kombination aus Klimadaten, Beobachtungen vor Ort und Befragungen schafft eine solide Basis für evidenzbasierte Entscheidungen. Besonders erfolgreich sind Ansätze, die Bürger aktiv einbinden – sei es durch partizipative Kartierung von Hitzeinseln oder durch Beteiligung an der Entwicklung neuer Gestaltungsmaßnahmen.

Die Forschung arbeitet derweil an intelligenten Prognosemodellen, die nicht nur Temperaturverläufe, sondern auch soziale Effekte simulieren können. Hier fließen Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammen: Wetterstationen, Social Media Analysen, Bewegungsprofile und klassische Raumbeobachtung. Ziel ist es, Planern Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sich die Auswirkungen von Hitzewellen auf das soziale Gefüge vorhersagen und steuern lassen. Die Herausforderung bleibt, Datenschutz und Transparenz zu gewährleisten und algorithmische Verzerrungen zu vermeiden.

Innovative Praxis und Forschung zeigen: Die Integration von Klima- und Sozialdaten eröffnet völlig neue Horizonte für die Planung. Sie ermöglicht es, Maßnahmen zielgenau zu steuern, vulnerable Gruppen zu schützen und die Stadt als lebendigen, anpassungsfähigen Organismus zu begreifen. Entscheidend ist, dass diese Erkenntnisse nicht in Fachzirkeln verharren, sondern in die tägliche Planungspraxis, die Verwaltung und die politische Diskussion einfließen. Nur so kann die sozial-klimatische Stadt Wirklichkeit werden.

Ausblick: Die Zukunft der Stadt liegt im Zusammenspiel von Raum, Klima und Gesellschaft

Die Erkenntnisse an der Schnittstelle von Raumbeobachtung und Klimaforschung zeigen deutlich: Hitze ist ein sozialräumliches Phänomen, das weit über technische Fragen hinausweist. Sie fordert Planer, Architekten, Verwaltungen und die Stadtgesellschaft gleichermaßen heraus. Wer die Zukunft der Stadt gestalten will, darf sich nicht auf technische Klimaanpassung beschränken, sondern muss das soziale Gefüge als gleichwertigen Planungsfaktor verstehen.

Die Stadt der Zukunft braucht multifunktionale, klimaresiliente Räume, die soziale Teilhabe fördern und Exklusion verhindern. Sie muss flexibel genug sein, um auf veränderte Nutzungsgewohnheiten und extreme Wetterlagen schnell reagieren zu können. Evidenzbasierte Planung, partizipative Ansätze und die kontinuierliche Integration von Echtzeitdaten werden dabei zu unverzichtbaren Werkzeugen.

Technischer Fortschritt bietet enorme Chancen – von digitalen Zwillingen bis zu KI-gestützten Analysen –, darf aber nie die soziale Dimension aus dem Blick verlieren. Die beste Simulation nützt wenig, wenn ihre Ergebnisse nicht verständlich gemacht oder in der Praxis umgesetzt werden. Deshalb sind neue Formen der Ko-Produktion gefragt: Planung als gemeinsames, lernendes Projekt von Experten, Verwaltung und Bürgern.

Die Herausforderungen sind groß: Unsicherheiten bei Prognosen, Zielkonflikte zwischen Klimaschutz und Nutzungsinteressen, begrenzte Ressourcen und die Notwendigkeit, neue Planungskulturen zu etablieren. Doch die Chancen sind größer: Wer es schafft, Klima- und Sozialdaten als komplementäre Grundlagen der Stadtentwicklung zu begreifen, legt den Grundstein für lebenswerte, gerechte und zukunftsfähige Städte.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Hitze ist Prüfstein und Motor zugleich – für Innovation, soziale Gerechtigkeit und eine neue urbanistische Praxis. Wer sie ernst nimmt, kann die Stadt nicht nur abkühlen, sondern auch als Ort des Miteinanders neu erfinden.

Zusammenfassung: Der Artikel hat gezeigt, dass Hitze das Sozialverhalten in Städten tiefgreifend beeinflusst – von Konflikten über Rückzug bis zu neuen Formen urbaner Gemeinschaft. Die Verbindung von Raumbeobachtung und Klimaforschung eröffnet einzigartige Möglichkeiten, diese Wechselwirkungen zu analysieren und gezielt zu gestalten. Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum verdeutlichen, dass klimaadaptive Gestaltung, soziale Gerechtigkeit und partizipative Ansätze der Schlüssel zu resilienten Städten sind. Die Zukunft urbaner Planung liegt im intelligenten Zusammenspiel von Technik, Daten, sozialer Empathie und einer neuen Kooperationskultur. Wer diese Herausforderungen annimmt, kann Städte schaffen, die auch im Hitzestress lebendig, inklusiv und zukunftsfähig bleiben. Nirgendwo sonst findet die Branche so fundierte, praxisnahe und inspirierende Analysen wie bei Garten und Landschaft – der Plattform für die Stadt von morgen.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.