Welche Typologien trotzen der Hitze? – Baustrukturen im Klimawandel

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Ein beeindruckendes Hochhaus neben einem kahlen Baum – fotografiert von Louis Brändlin.

Hitzewellen in deutschen Städten sind längst keine temporären Ausreißer mehr, sondern ein Dauerstresstest für urbane Räume und ihre Bewohner. Die richtige Wahl der Baustruktur entscheidet heute darüber, ob ein Quartier zur Hitzefalle oder zur kühlen Oase wird. Welche Typologien trotzen der Hitze wirklich, und wie können Planer, Architekten und Städtebauer diesen Wandel intelligent gestalten? Willkommen zur wichtigsten Frage der klimagerechten Stadtentwicklung – und zu einer Reise durch die innovativsten, überraschendsten und wissenschaftlich fundiertesten Bauformen im Kampf gegen urbane Überhitzung.

  • Einführung in die Herausforderungen: Warum Hitzestress das Gesicht europäischer Städte verändert
  • Analyse der wichtigsten baulichen Typologien und ihrer klimatischen Vor- und Nachteile
  • Vergleich von Blockrand, Zeilenbau, Punktbebauung, Hochhaus und Hybridmodellen
  • Klimatische Mechanismen: Verdunstung, Verschattung, Durchlüftung und Wärmespeicherung
  • Praxisnahe Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Interdisziplinäre Ansätze: Stadtklimatologie, Materialwahl und Vegetation
  • Innovative Planungsinstrumente und Simulationen im Kontext des Klimawandels
  • Risiken, Zielkonflikte und sozialräumliche Aspekte
  • Strategien für die klimagerechte Transformation bestehender Quartiere
  • Abschließende Bewertung und Ausblick: Wie sich Städte resilient, lebenswert und adaptiv aufstellen können

Stadtklima unter Druck: Warum Typologien zum Schlüsselfaktor werden

Die europäischen Sommer der letzten Jahre haben es unmissverständlich gezeigt: Städte heizen sich auf, und zwar schneller und intensiver als ihr Umland. Während Landwirte über verdorrte Felder klagen, verwandeln sich urbane Plätze und Straßen in glühende Hitzeinseln. Dass dies nicht nur ein atmosphärisches Ärgernis, sondern ein ernstzunehmendes Gesundheits- und Infrastrukturproblem ist, steht außer Frage. Klimawandel, Urbanisierung und Nachverdichtung treffen in deutschen, österreichischen und Schweizer Städten frontal aufeinander. Die Suche nach der richtigen baulichen Antwort ist längst ein zentrales Thema der Stadtplanung – und sie ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.

Der Hitzestress in Städten hat viele Ursachen. Neben der dichten Bebauung und dem hohen Versiegelungsgrad spielen auch die verwendeten Baumaterialien, die Verfügbarkeit von Grünflächen, die Durchlüftungssituation und die soziale Nutzung eine Rolle. In der Diskussion um Anpassungsstrategien rücken daher die verschiedenen städtebaulichen Typologien in den Fokus. Welche Bauformen fördern Schattenwurf und Luftzirkulation? Wo staut sich die Wärme, und welche Quartierstrukturen bieten auch an heißen Tagen ein erträgliches Mikroklima? Die Antworten sind alles andere als trivial, denn sie hängen von zahlreichen Faktoren ab: von der städtischen Morphologie, den vorhandenen Nutzungen, dem Verhältnis von Dichte zu Offenheit und nicht zuletzt von der Fähigkeit, Vegetation und Wasser intelligent einzubinden.

Städtebau ist kein statisches Puzzle, sondern ein dynamisches Wechselspiel zwischen Raum, Klima und Gesellschaft. Die Herausforderung besteht darin, aus den vorhandenen Typologien die jeweils geeigneten auszuwählen oder weiterzuentwickeln, um sie an die klimatischen Herausforderungen anzupassen. Dabei zeigt sich: Es gibt kein Patentrezept. Die „eine“ hitzeresiliente Typologie existiert nicht. Vielmehr ist es die gezielte Kombination, die intelligente Transformation und die Bereitschaft zur Innovation, die den Unterschied machen. Wer heute noch in klassischen Rasterstrukturen denkt, plant an der Realität vorbei.

Die Relevanz des Themas ist auch politisch angekommen. Förderprogramme, Leitfäden und Normen werden angepasst, Städte schreiben Klimakonzepte aus und Bauherren fordern nachweisbare Klimaanpassung. Doch die Umsetzung ist anspruchsvoll. Sie erfordert interdisziplinäre Teams, belastbare Stadtklimaanalysen und einen kritischen Blick auf das, was bislang als „gute Stadt“ galt. Denn was gestern als verdichtete Urbanität gefeiert wurde, kann morgen zum Hitzekessel werden. Umgekehrt eröffnen neue Typologien und klimagerechte Transformationen ungeahnte Chancen für Lebensqualität, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit.

Wer heute mitreden will, braucht mehr als Bauchgefühl. Die Wahl der richtigen Baustruktur entscheidet darüber, ob ein Quartier in der Sommerhitze kollabiert oder floriert. Zeit für einen tiefen Blick auf die wichtigsten Typologien, ihre klimatischen Mechanismen und die Werkzeuge, mit denen sie sich zukunftsfähig gestalten lassen.

Blockrand, Zeile, Punkt: Wie klassische Typologien mit Hitze umgehen

Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind Blockrandbebauungen das Rückgrat vieler europäischer Städte. Ihr Vorteil liegt in der hohen Flächenausnutzung, der klaren Straßenraumfassung und der Möglichkeit, geschützte Innenhöfe zu schaffen. Doch wie bewähren sich diese Strukturen unter Extremhitze? Die Antwort ist zweischneidig. Blockrandquartiere bieten durch ihre Masse und Kompaktheit zunächst einen gewissen Schutz vor direkter Strahlung. Die Fassaden verschatten sich gegenseitig, die Höfe fungieren als Rückzugsorte. Allerdings speichern die massiven Gebäude enorme Mengen an Wärme, die nachts nur langsam abgegeben wird. Gerade in dicht bebauten Gründerzeitvierteln entsteht so eine charakteristische Wärmeinsel, in der die Temperaturen oft mehrere Grad über denen der Umgebung liegen.

Die Zeilenbauweise, populär geworden im sozialen Wohnungsbau der Nachkriegszeit, setzt hingegen auf aufgelockerte, längliche Baukörper mit großzügigen Grün- und Freiflächen zwischen den Gebäuden. Dieses Prinzip hat aus Sicht des Stadtklimas klare Vorteile: Es ermöglicht eine gute Durchlüftung, reduziert die Verschattung von Außenräumen und schafft Platz für Bäume, Wiesen und Verdunstungsflächen. Gleichzeitig kann eine zu starke Öffnung der Strukturen die Bildung von Windschneisen begünstigen, was im Winter zu Auskühlung und im Sommer zu unerwünschter Staubverfrachtung führen kann. Die Kunst besteht darin, Zeilen so anzuordnen, dass sie optimal von den vorherrschenden Windrichtungen profitieren, ohne dabei Komfortverluste zu erzeugen.

Punktbebauungen, also freistehende Solitäre oder Hochhäuser, sind aus klimatischer Sicht ein zweischneidiges Schwert. Einerseits werfen sie Schatten auf umliegende Flächen und können so für Kühlung sorgen. Andererseits bergen sie das Risiko, den städtischen Windfluss zu stören oder Turbulenzen zu erzeugen. Gerade Hochhäuser speichern zudem große Mengen an Wärme in ihren Fassaden und Dachflächen, die tagsüber aufheizen und nachts abstrahlen. Die Freiflächen zwischen den Gebäuden bieten zwar Potenzial für Begrünung und Verdunstung, werden jedoch häufig als versiegelte Parkflächen oder Verkehrsflächen genutzt – ein klassisches Eigentor im Kampf gegen urbane Hitze.

Hybridlösungen, die Elemente verschiedener Typologien kombinieren, gewinnen an Bedeutung. Beispielsweise entstehen in vielen Neubauquartieren Blockrandstrukturen mit durchlässigen Höfen, aufgelockerte Zeilen mit Dachgärten oder Cluster aus Punkthäusern, die von großen Grünräumen durchzogen werden. Entscheidend ist stets die detaillierte Abstimmung auf das lokale Mikroklima. Hier setzen innovative Planungsprozesse und digitale Werkzeuge an, die Simulationen von Strömungsverhältnissen, Verschattung und Verdunstung ermöglichen – und so bereits in der Entwurfsphase aufzeigen, wie sich verschiedene Typologien im Hitzetest schlagen.

Die Wahl der Baustruktur bleibt also eine hochgradig orts- und nutzungsspezifische Frage. Blockrand, Zeile, Punkt oder Hybrid – jede Typologie hat ihre Vor- und Nachteile. Die Kunst besteht darin, die jeweiligen Stärken zu nutzen, Schwächen zu kompensieren und durch intelligente Maßnahmen wie Fassadenbegrünung, helle Materialien oder Wasserflächen gezielt nachzusteuern.

Klimatische Mechanismen und ihre Steuerung: Von Verschattung bis Verdunstung

Um zu verstehen, warum bestimmte Typologien hitzeresilienter sind als andere, lohnt sich ein Blick auf die klimatischen Mechanismen, die in urbanen Räumen wirken. Verschattung ist dabei der wohl offensichtlichste Faktor: Wer im Schatten sitzt, schwitzt weniger. Blockrandbebauungen und Hochhäuser werfen große Schatten, doch die Wirkung hängt maßgeblich davon ab, wie diese Schatten auf öffentliche und private Räume fallen. Eine durchdachte Anordnung der Baukörper kann die Aufenthaltsqualität auf Straßen, Plätzen und Höfen massiv verbessern – vorausgesetzt, die Verschattung wird nicht zum Dauerproblem und nimmt den Räumen ihre Nutzbarkeit.

Verdunstung spielt eine ebenso zentrale Rolle. Pflanzen und Wasserflächen kühlen ihre Umgebung durch die sogenannte Evapotranspiration, also die Verdunstung von Wasser über Blätter und Boden. Zeilen- und Punktbebauungen bieten hier naturgemäß mehr Potenzial, da größere Freiflächen für Bäume, Rasen und Teiche zur Verfügung stehen. Aber auch in Blockrandquartieren lassen sich durch begrünte Dächer, Fassaden und Innenhöfe wirksame Verdunstungskühlungen erzielen. Entscheidend ist die Kombination: Je mehr grüne und blaue Elemente integriert werden, desto besser kann das Mikroklima reguliert werden.

Die Durchlüftung ist ein oft unterschätzter, aber essenzieller Faktor. Frischluftschneisen und offene Baukörper ermöglichen es, dass kühlere Luft aus dem Umland in die Stadt strömt und heiße, belastete Luft abzieht. Zeilenbauweise und locker gestellte Punktbauten schneiden hier meist besser ab als kompakte Blockränder. Allerdings kann eine zu starke Durchlüftung im Winter zu Komfortverlusten führen. Planerische Werkzeuge wie Windfeldanalysen und Computational Fluid Dynamics (CFD) helfen dabei, optimale Baukörperstellungen zu finden und Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen.

Auch die Wärmespeicherung von Baumaterialien beeinflusst das Stadtklima. Massive, dunkle Fassaden speichern tagsüber große Mengen an Wärme, die nachts abgestrahlt werden und den sogenannten Urban Heat Island Effect verstärken. Helle, reflektierende Materialien sowie begrünte Flächen verringern die Aufheizung und verbessern die nächtliche Abkühlung. Die Materialwahl ist daher ein integraler Bestandteil jeder klimagerechten Typologie – und eröffnet Spielräume für innovative Architektur und Gestaltung.

Schließlich ist die Nutzung der Räume entscheidend: Ein begrünter Innenhof bleibt wirkungslos, wenn er nicht zugänglich oder nutzbar ist. Aufenthaltsqualität, soziale Kontrolle und Pflege müssen mitgedacht werden, damit hitzeresiliente Strukturen auch langfristig funktionieren. Echte Resilienz entsteht erst, wenn bauliche, klimatische und soziale Faktoren zusammenspielen – ein Paradigmenwechsel, der die klassische Typologie-Diskussion auf ein neues Level hebt.

Praxis und Innovation: Typologien im Härtetest zwischen Simulation und Alltag

Wie sehen die besten Lösungen in der Praxis aus? Ein Blick auf aktuelle Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt: Die hitzeresiliente Stadt entsteht nicht zufällig, sondern durch gezielte Planung, Simulation und interdisziplinäre Zusammenarbeit. In Wien etwa werden bei der Entwicklung neuer Quartiere wie der Seestadt Aspern komplexe Stadtklimamodelle eingesetzt, um die optimale Mischung aus Blockrand, Zeile und offenen Freiräumen zu finden. Das Ziel: Maximale Verschattung, hohe Verdunstung und gute Durchlüftung – ohne dabei die städtische Dichte zu opfern.

In München wird im Quartier Freiham ein hybrides Typologiekonzept umgesetzt, das Blockrandstrukturen mit großzügigen Grünachsen kombiniert. Hier kommen digitale Tools wie Urban Digital Twins zum Einsatz, die es ermöglichen, verschiedene Entwurfsvarianten in Echtzeit auf ihre klimatischen Auswirkungen zu testen. Dabei wird nicht nur auf Temperaturverläufe, sondern auch auf Komfort, Biodiversität und soziale Nutzung geachtet. Das Ergebnis: Ein Quartier, das auch im Hochsommer lebenswerte Außenräume bietet und den Energieaufwand für Kühlung minimiert.

Auch Bestandsquartiere werden zunehmend klimagerecht transformiert. In Zürich beispielsweise werden typische Zeilenbauten aus den 1950er Jahren mit Fassaden- und Dachbegrünungen sowie entsiegelten Innenhöfen nachgerüstet. Dabei zeigt sich, dass selbst kleine Maßnahmen – wie der Austausch von Asphalt gegen Rasengitter oder die Pflanzung von schattenspendenden Bäumen – spürbare Effekte auf das Mikroklima haben. Entscheidend ist die systematische Analyse der bestehenden Typologie und die gezielte Nachbesserung mit klimatechnisch wirksamen Elementen.

Innovative Pilotprojekte setzen zudem auf adaptive Typologien, also Bauformen, die sich flexibel an unterschiedliche Klimabedingungen anpassen lassen. Temporäre Verschattung durch textile Elemente, saisonal nutzbare Wasserflächen oder Fassaden mit variabler Begrünung gehören hier zum Repertoire. Digitale Planungswerkzeuge wie parametrische Entwurfsprozesse und stadtklimatische Simulationsmodelle ermöglichen es, solche Lösungen präzise auf die lokalen Bedingungen zuzuschneiden und Zielkonflikte – etwa zwischen Dichte, Nutzbarkeit und Klimaschutz – transparent zu machen.

Auch Beteiligung und Governance werden neu gedacht: In Hamburg und Basel werden digitale Plattformen genutzt, um Bürger, Planer und Verwaltung gemeinsam an der Entwicklung hitzeresilienter Typologien zu beteiligen. Simulationen machen sichtbar, wie sich verschiedene Bauformen auf Schatten, Temperatur und Aufenthaltsqualität auswirken – und fördern so eine informierte, demokratische Entscheidungsfindung. Der Weg zur klimagerechten Stadt ist kein linearer, sondern ein iterativer Prozess, der Offenheit für Innovation und die Bereitschaft zur permanenten Anpassung verlangt.

Transformation und Ausblick: Von der hitzefesten Typologie zur resilienten Stadt

Die große Herausforderung der kommenden Jahre liegt in der Transformation bestehender Quartiere – denn Neubauflächen sind rar, und der größte Hebel liegt im Bestand. Hier gilt es, die oft als „unwandelbar“ geltenden Typologien intelligent weiterzuentwickeln. Blockrandquartiere können durch Entsiegelung, Hofbegrünung und klimafitte Materialwahl deutlich abgekühlt werden. Zeilenbauten profitieren von zusätzlicher Baumpflanzung, Regenwassermanagement und der Aufwertung von Zwischenräumen. Selbst Punktbauten und Hochhäuser lassen sich durch grüne Fassaden, helle Dächer und innovative Verschattungskonzepte an den Klimawandel anpassen.

Die Integration von Grün- und Blauinfrastruktur ist dabei keine Kür, sondern Pflicht. Stadtbäume, Wasserflächen, begrünte Dächer und Fassaden sind die effektivsten Waffen gegen urbane Hitze – vorausgesetzt, sie werden systematisch und dauerhaft gepflegt. Planerische Instrumente wie Klimafunktionskarten, digitale Zwillinge und partizipative Planungsprozesse helfen dabei, die richtigen Maßnahmen am richtigen Ort zu ergreifen und die Wirkung regelmäßig zu überprüfen. Die Transformation zur resilienten Stadt ist kein Einmalprojekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der Flexibilität und Lernbereitschaft erfordert.

Auch Zielkonflikte müssen offen adressiert werden: Nachverdichtung ist aus wohnungspolitischen Gründen oft unverzichtbar, erhöht aber das Risiko von Hitzestress. Mehr Grünflächen bedeuten weniger versiegelte Flächen, können aber Nutzungskonflikte mit Parken, Verkehr oder Freizeitinteressen auslösen. Die Kunst der klimagerechten Typologieentwicklung liegt darin, diese Konflikte transparent zu machen und gemeinsam mit allen Akteuren tragfähige Kompromisse zu finden. Hier sind neue Formen der Zusammenarbeit gefragt – zwischen Planern, Architekten, Stadtklimatologen, Politik und Zivilgesellschaft.

Die Zukunft gehört adaptiven, hybriden und multifunktionalen Strukturen, die flexibel auf wechselnde Klimabedingungen reagieren können. Typologien werden dabei nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt: Blockrand bleibt Blockrand, doch mit grünem Innenhof und reflektierender Fassade. Zeile bleibt Zeile, aber mit durchlässigen Erdgeschosszonen und integriertem Regenwassermanagement. Punktbauten werden zu vertikalen Gärten, Hochhäuser zu Kühltürmen mit Windlenkung und Wasserverdunstung. Die resiliente Stadt ist keine Utopie, sondern ein ambitioniertes, aber erreichbares Ziel.

Der Weg dorthin ist anspruchsvoll, aber unvermeidlich. Wer heute in Typologien denkt, muss sie unter den Bedingungen des Klimawandels neu interpretieren. Hitzeresilienz ist keine Option mehr, sondern die zentrale Voraussetzung für Lebensqualität, Gesundheit und städtische Attraktivität. Die Werkzeuge sind vorhanden, das Know-how wächst – jetzt braucht es Mut, Kreativität und einen langen Atem. Die Stadt der Zukunft wird nicht nur gebaut, sondern auch gekühlt, begrünt und immer wieder neu erfunden.

Fazit: Die Frage, welche Typologien der Hitze trotzen, ist so alt wie der Städtebau selbst – und doch aktueller denn je. Blockrand, Zeile, Punkt oder Hybrid: Jede Struktur hat ihre Stärken und Schwächen. Entscheidend ist die Fähigkeit, klassische Typologien klimagerecht weiterzudenken, innovative Werkzeuge zu nutzen und alle Akteure in die Transformation einzubeziehen. Verschattung, Verdunstung, Durchlüftung und Materialwahl sind die Stellschrauben, an denen sich die hitzeresiliente Stadt entwickelt. Die Zukunft gehört flexiblen, cleveren und gut gemanagten Stadtquartieren, die den Klimawandel nicht fürchten, sondern ihm mit Expertise, Kreativität und Teamgeist begegnen. Wer jetzt klug plant, baut nicht nur für den Sommer – sondern für eine lebenswerte urbane Zukunft. Kein Ort, an dem dieses Wissen so gebündelt, so fundiert und so praxisnah diskutiert wird wie hier. Willkommen in der Champions League der Stadtplanung.

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Slow Food Landscape bei Turin

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Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.