Hitzeökonomie – was kosten kühle Städte langfristig wirklich?

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Stimmungsvolle Luftaufnahme einer Schweizer Stadt mit Fluss, fotografiert von Carrie Borden

Hitzesommer, versiegelte Plätze, überhitzte Innenstädte: Die Kosten der Abkühlung werden zum entscheidenden Faktor für die Zukunftsfähigkeit unserer Städte. Doch was kostet es wirklich, Städte langfristig gegen Hitze zu wappnen – und was kostet es, es nicht zu tun? Eine Reise in die Hitzeökonomie zwischen ökologischen Notwendigkeiten, planerischer Verantwortung und finanziellem Realitätssinn.

  • Definition und Relevanz des Begriffs „Hitzeökonomie“ für die Stadtplanung im DACH-Raum
  • Analyse der kurz- und langfristigen Kosten von Hitzeanpassungsmaßnahmen im urbanen Raum
  • Vergleich zwischen präventiven Investitionen und Folgekosten von Hitzeinseln
  • Konkrete Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Strategien, Projekte, Fehlerquellen
  • Wirtschaftliche Bewertung von blau-grüner Infrastruktur, Begrünung, städtischer Wasserwirtschaft und Cool Roofs
  • Exkurs: Wie beeinflussen Klimawandel, Alterung der Bevölkerung und soziale Gerechtigkeit die Hitzeökonomie?
  • Die Rolle neuer Technologien, Datenanalyse und Echtzeit-Überwachung bei der Kostensteuerung
  • Rechtliche, politische und institutionelle Rahmenbedingungen: Wer zahlt, wer profitiert?
  • Weitblick: Warum kluge Investitionen heute die Versicherungs- und Gesundheitskosten von morgen senken
  • Fazit: Hitzeökonomie als Leitprinzip für resiliente, lebenswerte und wirtschaftlich nachhaltige Städte

Was ist Hitzeökonomie? – Begriffsdefinition und gesellschaftliche Relevanz

Die Diskussion um die Kosten und den Nutzen klimaresilienter Städte wird in Mitteleuropa immer lauter geführt. Im Zentrum steht dabei ein Begriff, der bislang vor allem in Fachkreisen kursiert: Hitzeökonomie. Was aber verbirgt sich dahinter? Im Kern beschreibt Hitzeökonomie die gesamtgesellschaftliche, volkswirtschaftliche und stadtplanerische Kosten-Nutzen-Bilanz rund um die Anpassung urbaner Räume an zunehmende Hitzebelastung. Es geht nicht nur um die Ausgaben für Stadtgrün oder Verdunstungsteiche, sondern um die langfristigen Kosten von Nicht-Handeln: Hitzetote, Krankenstände, Produktivitätsverluste, Schäden an Infrastruktur, Energieverbrauch für Kühlung, Wertverluste bei Immobilien – und, nicht zu unterschätzen, soziale Spannungen durch ungleich verteilte Hitzerisiken.

Die Notwendigkeit, Städte an das neue Temperaturregime anzupassen, ist unbestritten. Laut aktuellen Studien des Deutschen Wetterdienstes wird die Zahl der Hitzetage in deutschen Städten bis 2050 im Vergleich zu den 1990er Jahren um das Zwei- bis Dreifache steigen. Parallel dazu altern die Gesellschaften im DACH-Raum – ein Faktor, der die Vulnerabilität gegenüber Hitze weiter verstärkt. Die Kosten von Hitzewellen sind längst nicht mehr abstrakt, sondern messbar: In Frankfurt am Main etwa stiegen die Krankenhauseinweisungen an heißen Tagen nachweislich um bis zu 20 Prozent. In Zürich verdoppelte sich der Stromverbrauch für Klimaanlagen und Ventilatoren während Hitzesommer in den letzten zehn Jahren. Gleichzeitig werden städtische Immobilien ohne Kühlungs- und Verschattungsmaßnahmen zu Ladenhütern auf dem Mietmarkt.

Hitzeökonomie ist also weit mehr als ein Modewort für Förderanträge oder politische Sonntagsreden. Sie ist der Schlüsselbegriff für eine neue strategische Denkrichtung in der Stadtplanung, die langfristige Resilienz nicht nur als ökologisches, sondern auch als wirtschaftliches und soziales Ziel begreift. Der Begriff zwingt Kommunen, Eigentümer und Investoren dazu, Kosten und Nutzen über Jahrzehnte hinweg zu betrachten – und zwar deutlich jenseits der klassischen Planungszeiträume.

Die gesellschaftliche Relevanz der Hitzeökonomie lässt sich auch an der politischen Debatte ablesen. Immer mehr Städte begreifen die Anpassung an extreme Temperaturen als Pflichtaufgabe, nicht als freiwillige Kür. Fördermittel werden an konkrete Kennzahlen zur Hitzeminderung geknüpft. Die Versicherungswirtschaft ruft nach belastbaren Daten zur Risikobewertung. Und Bürgerinitiativen klagen erfolgreich gegen unzureichende Verschattungsmaßnahmen auf Schulhöfen und Plätzen. Die Hitzeökonomie ist da – und sie bleibt.

Doch wie misst man eigentlich die Kosten und den Nutzen von Abkühlung in der Stadt? Welche Stellschrauben haben Planer, Investoren und Kommunen wirklich in der Hand? Und wie lassen sich kurzfristige Baukosten gegen langfristige Gesundheit und Lebensqualität aufrechnen? Genau hier beginnt das komplexe Wechselspiel von Investitionen, Innovationen und institutionellen Rahmenbedingungen, das die Hitzeökonomie im Detail ausmacht.

Die Kosten der Abkühlung: Investitionen, Betrieb und Folgeschäden im Vergleich

Die zentrale Frage der Hitzeökonomie lautet: Lohnt es sich, heute in kühle Städte zu investieren – und wie stehen diese Investitionen im Verhältnis zu den Folgekosten ungebremster Aufheizung? Um das zu beantworten, muss zwischen drei Kostenblöcken unterschieden werden: Erstens die Investitionen in präventive Maßnahmen, zweitens die laufenden Betriebskosten und drittens die Folgekosten von Hitzeereignissen, die nicht oder nur unzureichend abgefedert werden.

Beginnen wir mit den Investitionen. Maßnahmen wie Fassaden- und Dachbegrünungen, schattenspendende Baumpflanzungen, Entsiegelung von Plätzen, der Bau von Wasserflächen und die Nachrüstung von Cool Roofs kosten Geld – oft viel Geld. Eine Baumpflanzung inklusive Substrat, Bewässerung und Pflege kostet in deutschen Großstädten laut aktuellem BGL-Index zwischen 2.500 und 7.000 Euro pro Exemplar. Die Umgestaltung eines 1.000 Quadratmeter großen Platzes mit Entsiegelung, Bewässerung und Verschattung kann schnell sechsstellige Summen verschlingen. Doch dieser Aufwand ist kein Selbstzweck: Untersuchungen aus Wien und Basel zeigen, dass eine einzige ausgewachsene Linde an einem heißen Tag bis zu 500 Liter Wasser verdunstet und damit die Umgebungstemperatur lokal um bis zu vier Grad senken kann.

Betriebskosten sind der zweite große Posten. Sie umfassen die Pflege städtischer Grünanlagen, die Wartung von Bewässerungssystemen, den Energiebedarf von Pumpen für Wasserspiele oder Verdunstungsflächen und die regelmäßige Kontrolle der Pflanzen. In Zürich etwa kalkuliert das Tiefbauamt mit jährlichen Betriebskosten von rund 18 Euro pro Quadratmeter für gut gepflegte Grünflächen mit hoher Kühlleistung. Hinzu kommt: Je intensiver die Nutzung – etwa auf beliebten innerstädtischen Plätzen –, desto höher die Pflege- und Instandhaltungskosten.

Der dritte Kostenblock ist der eigentliche Joker der Hitzeökonomie: die Folgekosten nicht getroffener oder zu spät getroffener Maßnahmen. Dazu zählen direkte Schäden wie der Ausfall von Verkehrs- und Strominfrastruktur, Hitzeschäden an Gebäuden, Gesundheitskosten durch Hitzschläge, Kreislaufbeschwerden und Todesfälle, Produktivitätsverluste durch geringere Leistungsfähigkeit sowie der Rückgang von Einzelhandelsumsätzen in überhitzten Quartieren. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung schätzt allein die Gesundheitskosten eines durchschnittlichen Hitzesommers in Deutschland auf rund 1,3 Milliarden Euro. In Österreich und der Schweiz sind die Pro-Kopf-Kosten ähnlich hoch.

Das ökonomische Paradoxon: Die Kosten für präventive Maßnahmen sind zwar auf den ersten Blick hoch und im Haushalt sichtbar. Die Folgekosten hingegen sind diffus, treten oft zeitverzögert auf und werden von unterschiedlichen Akteuren getragen – von Kommunen, Sozialversicherungen, Energieversorgern und letztlich der Allgemeinheit. Eine ganzheitliche Hitzeökonomie rechnet daher nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten – und setzt auf Lebenszyklusanalysen statt kurzfristiger Rendite.

Strategien und Beispiele: Wie Städte in der DACH-Region Hitze managen

Wie gehen Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz konkret mit den Herausforderungen der Hitzeökonomie um? Ein Blick auf die Praxis zeigt: Zwischen visionären Masterplänen, kleinteiligen Pilotprojekten und fatalen Versäumnissen liegen oft nur wenige Straßenzüge. Doch die besten Beispiele liefern wertvolle Blaupausen für eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Hitzeresilienz.

Wien gilt europaweit als Vorreiter. Die Stadt investiert systematisch in „Coole Straßen“, also temporär gesperrte, entsiegelte Abschnitte mit mobilen Bäumen, Sprühnebelanlagen und Sitzgelegenheiten. Die Kosten pro Straße belaufen sich auf ca. 50.000 bis 150.000 Euro, die akute Kühlwirkung ist enorm. Gleichzeitig laufen in Wien großflächige Programme zur Dachbegrünung: Wer die Dachfläche von Mehrfamilienhäusern begrünt, erhält bis zu 70 Prozent der Investitionskosten zurück – ein Anreiz, der die Begrünungsquote in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat.

In Zürich setzt man auf blau-grüne Infrastruktur. Das Projekt „Schwammstadt Zürich“ kombiniert Entsiegelung, Regenwassermanagement und Baumpflanzungen in einem stringenten Masterplan. Die Kosten für die Umwandlung eines typischen Wohnquartiers liegen bei rund 5 bis 8 Millionen Euro, dafür werden Überflutungen und Hitzestaus langfristig vermieden. Die Stadt rechnet mit einer Amortisation der Investitionen in weniger als 15 Jahren – allein durch vermiedene Schäden und geringeren Kühlbedarf.

Hamburg und München verfolgen unterschiedliche, aber ebenfalls beispielhafte Ansätze. Hamburg setzt auf die gezielte Nachverdichtung mit „grünen Fugen“: Zwischen Neubauten werden intensiv begrünte Höfe und Wege angelegt, die als Frischluftschneisen dienen. München wiederum investiert massiv in die Nachrüstung von Bestandsquartieren, etwa mit kühlem Asphalt, bewässerten Baumscheiben und öffentlichen Trinkwasserspendern. Die Stadt beziffert die Einsparungen an Gesundheitskosten und Produktivitätsverlusten auf jährlich mehrere Millionen Euro – ein Wert, der bisher in keiner klassischen Haushaltsstatistik auftaucht.

Doch nicht alle Beispiele sind Erfolgsmodelle. In vielen Städten scheitern ambitionierte Pläne an der Finanzierung, fehlender Akzeptanz oder politischen Blockaden. Ein Negativbeispiel liefert ein mittleres Oberzentrum in Baden-Württemberg: Trotz klarer Hitzestudien entschied sich der Stadtrat gegen die geplante Entsiegelung des zentralen Marktplatzes – mit der Folge, dass der Platz an heißen Tagen wie ausgestorben ist, Geschäfte schließen und die Stadt bei der nächsten Hitzewelle erneut teuer nachbessern muss.

Die Lektion aus diesen Beispielen: Hitzeökonomie ist eine Querschnittsaufgabe. Sie erfordert die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtplanung, Gesundheitswesen, Klimaschutz, Immobilienwirtschaft und Finanzen. Wer sie ernst nimmt, investiert nicht nur in Steine und Bäume, sondern in die langfristige Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit der Stadt.

Technologien, Daten und politische Rahmenbedingungen: Der lange Atem der Hitzeökonomie

Während die Kosten-Nutzen-Bilanz von Begrünung und Entsiegelung inzwischen gut erforscht ist, beginnt die eigentliche Innovationswelle der Hitzeökonomie erst. Neue Technologien, präzise Datenanalysen und smarte Steuerungssysteme verändern die Spielregeln – und machen aus der klassischen Stadtplanung eine Echtzeitdisziplin. Wer nicht mitzieht, verliert nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch den Anschluss.

Sensorbasierte Klimamonitoringsysteme, wie sie etwa in Basel, Wien und Berlin im Einsatz sind, liefern minutengenaue Daten zu Temperatur, Luftfeuchte, Wind und Verdunstung. Diese Informationen fließen in digitale Stadtmodelle ein, mit deren Hilfe sich die Wirkung verschiedener Maßnahmen simulieren und optimieren lässt. Der Clou: Investitionen werden dadurch zielgenauer, ineffiziente Ausgaben lassen sich vermeiden. So kann etwa die Bewässerung von Stadtbäumen automatisiert und bedarfsgerecht gesteuert werden – das spart Wasser und Betriebskosten.

Auch die Digitalisierung der Bürgerbeteiligung spielt eine wachsende Rolle. In Hamburg wurde ein Beteiligungsportal entwickelt, über das Bewohner Hitze-Hotspots melden und Vorschläge für Abkühlungsmaßnahmen machen können. Die Verwaltung nutzt diese Daten, um Prioritäten zu setzen und Ressourcen effizient einzusetzen – ein Paradebeispiel für partizipative Hitzeökonomie, bei der die Kosten-Nutzen-Bilanz durch Schwarmintelligenz optimiert wird.

Rechtliche und politische Rahmenbedingungen sind jedoch oft der Flaschenhals. Viele Kommunen schrecken vor langfristigen Investitionen zurück, weil Förderprogramme zu kurzfristig angelegt oder zu bürokratisch sind. Gleichzeitig fehlt es an verbindlichen Standards und Kennzahlen für die Bewertung von Hitzeschutzmaßnahmen. Die Folge: Während Fördergelder für Neubauprojekte fließen, bleiben die hitzegeplagten Bestandsquartiere häufig außen vor. Hier wäre ein Paradigmenwechsel gefragt, der die Hitzeökonomie als Querschnittsaufgabe versteht und entsprechende Ressourcen bereitstellt.

Ein weiterer Knackpunkt ist die soziale Gerechtigkeit: Wer profitiert von kühlen Quartieren – und wer bleibt auf der heißen Strecke? Die Erfahrung zeigt, dass wohlhabende Stadtteile meist besser mit Grün und Wasser versorgt sind als sozial benachteiligte Viertel. Die langfristigen Kosten dieser Ungleichverteilung sind enorm: Höhere Gesundheitsausgaben, sinkende Standortattraktivität und wachsende soziale Spannungen drohen. Eine kluge Hitzeökonomie muss daher gezielt in benachteiligte Quartiere investieren – nicht nur aus moralischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen.

Am Ende entscheidet der lange Atem: Wer heute vorausschauend investiert, zahlt vielleicht mehr im ersten Schritt – spart aber in den kommenden Jahrzehnten ein Vielfaches an Folgekosten. Die Herausforderung besteht darin, diese Langfristperspektive in politische Entscheidungsprozesse, Haushaltspläne und Förderlogiken zu integrieren. Die Hitzeökonomie ist kein Sprint, sondern ein Marathon – und die Startlinie ist längst überschritten.

Fazit: Hitzeökonomie als Leitprinzip für die resiliente Stadt der Zukunft

Die Kostenfrage rund um die Abkühlung der Städte ist keine rein technische oder finanzielle, sondern eine strategische Grundsatzentscheidung. Hitzeökonomie zwingt Stadtplaner, Investoren und Kommunen dazu, über den Tellerrand kurzfristiger Haushaltslogik hinauszublicken und die wahren Kosten urbaner Hitze in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen. Präventive Investitionen in Grün, Wasser und Verschattung sind kein Luxus, sondern eine ökonomische Notwendigkeit, die sich durch vermiedene Gesundheits-, Energie- und Infrastrukturkosten vielfach auszahlt.

Die Beispiele aus Wien, Zürich, Hamburg und München zeigen: Mit kluger Planung, gezielten Investitionen und partizipativer Steuerung lassen sich nicht nur die Temperaturen, sondern auch die gesellschaftlichen Konflikte in der Stadt signifikant senken. Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten, die Wirkung von Maßnahmen zu messen und Ressourcen effizienter zu steuern. Doch der Weg zur hitzeresilienten Stadt führt über institutionelle Reformen, verbindliche Standards und einen langen politischen Atem.

Die größte Gefahr besteht darin, die Hitzeökonomie als Nischenthema oder Modewort abzutun. In Wahrheit ist sie das Leitprinzip für die nachhaltige, lebenswerte und wirtschaftlich erfolgreiche Stadt der Zukunft. Wer heute in kühle Quartiere investiert, verschafft sich nicht nur einen Wettbewerbsvorteil auf dem Immobilienmarkt, sondern sichert die Gesundheit, Produktivität und Lebensqualität der gesamten Stadtgesellschaft.

Es ist an der Zeit, Hitzeökonomie in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung zu rücken – als verbindliches Kriterium für alle Investitionen, Förderprogramme und Planungsentscheidungen. Nur so gelingt der Spagat zwischen ökologischer Notwendigkeit, sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Vernunft. Die Städte von morgen werden nicht nur gebaut, sondern auch gekühlt – und zwar mit kühlem Kopf und heißem Herzen für die Zukunft.

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Barbara Steiner wechselt zu Bauhaus-Stiftung

Barbara Steiner Portraet

Porträt von Barbara Steiner (Foto: J.J. Kucek)

Gemeinsam mit Topotek 1 gastkuratierte Barbara Steiner vergangenes Jahr die Juliausgabe der Garten + Landschaft. Nun verkündete die Stiftung Bauhaus Dessau: Ab dem 1. September übernimmt Barbara Steiner die Position als Direktorin und Vorstand der Stiftung. Was Sie über die promovierte Kunsthistorikerin wissen sollten, das lesen Sie hier.

Bei der Bewerbung als neue Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau setzte sich die Österreicherin Barbara Steiner gegen 32 internationale Bewerber*innen durch. Im offiziellen Statement beschreibt der Stiftungsratsvorsitzende Rainer Robra die promovierte Kunsthistorikerin als „herausragende Persönlichkeit mit profundem Wissen über die Auseinandersetzung mit der Moderne“. Er betont ihre langjährige Leitungserfahrung in Kultureinrichtungen sowie auch ihre Praxiserfahrungen in Ostdeutschland. Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt Robra traue ihr zu, „lokal relevante Themen an globale Diskurse zu knüpfen und damit die Stiftung Bauhaus Dessau und den Kulturstandort Sachsen-Anhalt weiterzuentwickeln.“

Barbara Steiner will Stiftungsarbeit ausbauen

Barbara Steiner wird ihre neue Position zum 1. September 2021 antreten. Sie gibt damit ihre aktuelle Position als Direktorin des Kunsthauses Graz auf. Sie hat diese inzwischen seit 2016 inne. Zuvor arbeitete sie zwei Jahre als Vertretungsprofessorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig für den Master „Kulturen des Kuratorischen“. In den 1990er- und 2000-Jahren leitete sie Kunstvereine in Ludwigsburg und Wolfsburg. Ebenso war sie für die Stiftung Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) in Leipzig aktiv. Zudem bringt sie mehrjährige Lehrerfahrung aus Lehrtätigkeiten in Linz, Kopenhagen und Wien mit. Studiert hat Barbara Steiner außerdem Kunstgeschichte und Politikwissenschaften an der Universität Wien. Sie promovierte zur „Ideologie des weißen Ausstellungsraumes“.
Sie selber freue sich auf die neue Aufgabe, so Steiner und darauf, die bislang geleistete hervorragende Arbeit der Stiftung Bauhaus Dessau weiterzuführen beziehungsweise auszubauen.

„Feine Sahne Fischfilet“-Diskussion 2018

Apropos bislang geleistete Arbeit: Barbara Steiner folgt in ihrer neuen Position im Übrigen auf Dr. Claudia Perren. Die Stelle war damit knapp ein Jahr vakant. Perren war von 2014 bis 2020 Direktorin der Stiftung Bauhaus-Dessau. Sie verließ die Stiftung zum 31. Juli 2020 auf eigenen Wunsch. Dr. Perren ist vermutlich vielen noch ein Begriff. Die deutsche Architekturtheoretikerin stand 2018 im Fokus einer Debatte zwischen Rechts- und Linksextremismus sowie der Frage, wie politisch das Bauhaus sei. Unter Perrens Leitung hatte die Stiftung Bauhaus Dessau den Auftritt der Band „Feine Sahne Fischfilet“ abgesagt. Dieser sollte in der Konzertreihe zdf@bauhaus auf der Bauhaus-Bühne stattfinden. Im Oktober 2018 interviewten die Kolleg*innen von der ZEIT Claudia Perren hierzu. Inzwischen ist Perren seit dem August 2020 Direktorin der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel.

G+L arbeitete 2020 mit Barbara Steiner und Topotek 1 zusammen

Uns, in der G+L Redaktion, freut die neue Besetzung der Bauhaus-Direktion sehr. Gemeinsam mit Topotek 1 gastkuratierte Barbara Steiner die Juliausgabe 2020 der Garten + Landschaft. Das Heftthema: die Kunst. Mit Barbara Steiner holten sich die beiden Büropartner Martin Rein-Cano und Lorenz Dexler Unterstützung hierfür. Gemeinsam mit ihr hatten sie bereits unter anderem die Monografie „Creative Infidelities“ entwickelt und geschrieben. Diese entstand anlässlich des 20-jährigen Bürojubiläums von Topotek 1 im Jahr 2016 .
Kunst spielt in der Arbeit der Berliner Landschaftsarchitekt*innen seit Beginn an auch eine bedeutende Rolle. Kunst und die regelmäßige Zusammenarbeit mit Künstler*innen inspiriert zudem Topotek 1.  So entstand auch die Idee, die Ausgabe gemeinsam mit der Direktorin des Kunsthaus Graz, Barbara Steiner, zu machen.

Topotek 1 im Gespräch mit Barbara Steiner

Bereits bei den ersten Redaktionsterminen in Graz Anfang 2020 konnte die G+L Redaktion miterleben, mit welcher Intensität Barbara Steiner und Martin Rein-Cano über das Verhältnis, die Gemeinsamkeiten, aber auch die Missverständnisse zwischen Landschaftsarchitektur und Kunst diskutierten. Die Idee lag nahe, ein ganzes Heft mit einem Gespräch zwischen den beiden zu füllen. Sie diskutieren im Heft darüber, was Martin Rein-Cano stellvertretend für Topotek 1 an der Kunst fasziniert und in der Landschaftsarchitektur fehlt.

Das Ergebnis ist ein Gespräch zwischen Martin Rein-Cano und Barbara Steiner, das sich durch das komplette Heft zieht. Die beiden diskutieren hier, wie gefakte und tatsächliche Realität zueinanderstehen. Sie sprechen darüber, wo die Landschaftsarchitektur ins Spiel kommt und wie unehrlich der Englische Landschaftsgarten ist.

Ein Plädoyer in Pink

Martin Rein-Cano und Barbara Steiner besprechen auch Gleichungen wie Barock=Bauhaus. Sie diskutieren Rein-Canos Bedürfnis nach einer „Grundnervosität“. Sie philosophieren das Projekt „Bahn­deckel Theresienhöhe“, das Topotek 1 gemeinsam mit der Künstlerin Rosemarie Trockel umsetzten.

Das Endprodukt des ersten gastkuratierten Ausgabe der Garten+Landschaft? Ein Plädoyer für mehr Freiheit und weniger Utilitarismus in der Planung. Ein Plädoyer für den Mut, Widersprüche zu erzeugen und auch einmal zu scheitern. In Pink. Hier können Sie das Heft im Shop erwerben.

bauchplan ).( folgt auf Topotek 1

Die nächste gastkuratierte Garten + Landschaft erscheint im Übrigen mit der Juli-Ausgabe 2021 unter Federführung des Planungs-Kollektivs bauchplan).(. Mehr zu der G+L kuratiert von bauchplan).( lesen Sie hier.

Das Kollektiv machte mit Projekten wie dem Wohnbauprojekt „wagnisART“ in München oder seinem Entwurf für den Londoner Highline-Park auf sich aufmerksam. Es kann national und international, den kleinen wie auch großen Maßstab, Landschaftsarchitektur wie auch Stadtplanung.

bauchplan).( lässt sich in keine Schublade packen. Vielmehr stehen das Büro und sein vielseitiges Projektportfolio für intelligente Ansätze. Das Kollektiv findet stets raumplanerische und lokalspezifische Lösungen auf aktuelle Herausforderungen wie Klimawende, Inklusion oder Flächenkonkurrenz.

Und wir, wir sind gespannt, was dann die neue Bauhaus-Direktorin Barbara Steiner zur bauchplan-G+L sagen wird. Sie auch?

Mit einem Bundesverdienstkreuz am Bande wurde die Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard in München ausgezeichnet.

Seit vielen Jahren setzt sich die Landschaftsarchitektin als Mitglied und Vorsitzende in verschiedenen Gremien für Stadtentwicklung, Landschaftsarchitektur und Landschaftsökologie ein. Sie leitete im Planungsreferat der Stadt München die Abteilung Grünplanung und arbeitete als Geschäftsführerin der BUGA 2005 GmbH das Konzept der Bundesgartenschau für die Messestadt Riem erfolgreich mit aus. Dabei waren die Aspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales für Sie stets ein zentrales Thema.
Darüber hinaus fördert sie Städtebau und Landesplanung in Wissenschaft und Praxis. Beispielsweise im Stiftungsrat der Bundesstiftung Baukultur, im Bundeskongress zur Nationalen Stadtentwicklungspolitik des Bundesbauministeriums oder als Vorsitzende der Landesgruppe Bayern der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL).