Straßenbeläge im Hitzetest – Materialvergleich aus planerischer Sicht

eine-gruppe-von-gebauden-mit-roten-dachern-in-einer-stadt-xZe82eeE_S4
Die Skyline von Lublin mit roten Dächern und historischer Architektur, fotografiert von Piotr Figlarz.

Wenn der Asphalt in der Sommerhitze glänzt und der Beton zu flimmern beginnt, werden Straßenbeläge zum Brennpunkt der Stadtentwicklung. Materialwahl entscheidet längst nicht mehr nur über Optik und Kosten – sondern über Klima, Komfort und Zukunftsfähigkeit öffentlicher Räume. Wer hier nach Schema F plant, verbrennt mehr als nur Geld.

  • Einführung in die Bedeutung von Straßenbelägen für das urbane Mikroklima und die nachhaltige Stadtentwicklung.
  • Detaillierter Materialvergleich: Asphalt, Beton, Pflaster, innovative Beläge und ihre physikalischen Eigenschaften unter Hitzestress.
  • Analyse der Wechselwirkungen zwischen Material, Hitzeentwicklung und Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.
  • Planerische Herausforderungen: Von der Lebenszyklusanalyse bis zu Klimaanpassungsstrategien für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Praxisbeispiele, Pilotprojekte und aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema hitzeresiliente Straßenbeläge.
  • Kritische Bewertung von Kosten, Wartungsaufwand, Nachhaltigkeit und gestalterischen Möglichkeiten.
  • Relevanz für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Bauwesen.
  • Ausblick: Innovative Ansätze, smarte Materialien und die Rolle digitaler Planungstools für klimaangepasste Oberflächen.

Straßenbeläge im urbanen Hitzetest: Warum Materialwahl zur Klima-Frage wird

Wer im Hochsommer über einen frisch asphaltierten Platz läuft, kennt das Gefühl: Die Hitze steigt von unten auf, der Boden strahlt förmlich zurück. Doch was wie ein Nebenprodukt der modernen Stadt erscheint, ist in Wahrheit ein zentrales Planungsthema – und ein unterschätztes Steuerungsinstrument für das urbane Mikroklima. Straßenbeläge sind mehr als bloße Verkehrsflächen. Sie bilden die thermische Infrastruktur der Stadt und beeinflussen maßgeblich, wie stark sich der öffentliche Raum aufheizt oder abkühlt. Gerade in dicht bebauten Quartieren, wo Grünflächen rar und Schattenplätze begehrt sind, entscheidet die Wahl des Straßenbelags über Komfort und Aufenthaltsqualität.

Die physikalischen Prozesse dahinter sind schnell erklärt, aber in ihrer Wirkung komplex: Materialien absorbieren, speichern und reflektieren Sonnenenergie unterschiedlich stark. Asphalt zum Beispiel nimmt viel Wärme auf und gibt sie verzögert wieder ab, während helle Pflastersteine mehr Strahlung reflektieren. Beton speichert Hitze ähnlich wie Asphalt, kühlt aber nachts etwas schneller aus – ein Detail, das bei tropischen Nächten den Unterschied machen kann. Auch die Oberflächenrauheit, Porosität und Wasserdurchlässigkeit wirken sich auf das Temperaturverhalten aus. Kein Wunder also, dass sich immer mehr Städte fragen: Welcher Belag hält der Hitze stand – und wie können wir die Stadt abkühlen?

Für Planer sind das keine theoretischen Fragen. Die steigende Zahl von Hitzetagen, verlängerte Trockenperioden und die Zunahme extremer Wetterereignisse zwingen Kommunen und Landschaftsarchitekten, Straßenbeläge neu zu denken. Es reicht nicht mehr, nur auf Tragfähigkeit, Verkehrsbelastung und Frostbeständigkeit zu achten. Stattdessen rücken Kriterien wie Albedo (Rückstrahlvermögen), Wasseraufnahmefähigkeit und Klimaanpassung ins Zentrum der Materialauswahl. Innovative Beläge mit reflektierenden Zuschlägen, durchlässigen Strukturen oder kühlenden Oberflächen sind keine Spielerei, sondern notwendige Antwort auf den Klimawandel.

Doch die Sache hat Haken: Die perfekte Lösung existiert nicht. Jeder Belag bringt Vor- und Nachteile mit, die sich gerade in der Praxis oft erst im Zusammenspiel mit Umgebung, Nutzung und Pflege zeigen. Asphalt ist günstig und schnell eingebaut, aber thermisch problematisch. Pflaster bietet gestalterische Vielfalt und kann Wasser aufnehmen, ist aber wartungsintensiv und nicht überall einsetzbar. Beton ist langlebig und robust, aber energetisch teuer in der Herstellung. Hinzu kommen Aspekte wie Barrierefreiheit, Lärmschutz, Wartungsaufwand und städtebauliche Integration. Die Quadratur des Kreises droht – und verlangt nach intelligenten, kontextsensitiven Lösungen.

Die gute Nachricht: Der Hitzetest der Straße ist keine Einbahnstraße. Mit modernen Materialien, durchdachter Planung und interdisziplinärem Know-how lassen sich Beläge schaffen, die nicht nur befahrbar, sondern belebend wirken. Städte wie Zürich, Wien oder Freiburg machen vor, wie hitzeresiliente Straßenflächen gestaltet und in klimafitte Stadtplanung integriert werden können. Was dabei zählt, ist nicht die Suche nach dem einen „Supermaterial“, sondern das Verständnis der komplexen Wechselwirkungen – und der Mut, auch mal gegen den Mainstream zu planen.

Materialvergleich unter der Lupe: Asphalt, Beton, Pflaster & Co im Hitzestress

Kaum ein Material ist so allgegenwärtig im urbanen Raum wie Asphalt. Seine Beliebtheit verdankt er nicht zuletzt dem günstigen Preis, der schnellen Verarbeitung und seiner Flexibilität. Doch gerade unter Hitzestress offenbaren sich Schwächen. Asphalt besteht zu einem Großteil aus Bitumen, einem Erdölprodukt, das bei hohen Temperaturen weich wird und Hitze förmlich aufsaugt. Die dunkle Farbe sorgt für eine niedrige Albedo – das heißt, ein Großteil der eingestrahlten Sonnenenergie wird absorbiert und als Wärme gespeichert. Studien zeigen, dass sich Asphaltflächen an heißen Tagen auf über 60 Grad Celsius aufheizen können. Nachts geben sie die gespeicherte Energie langsam wieder ab – ein Hauptgrund für das Phänomen der „urbanen Wärmeinsel“.

Beton bietet auf den ersten Blick Vorteile: Er ist meist heller, hat also ein höheres Rückstrahlvermögen, und bleibt etwas kühler als Asphalt. Allerdings ist Beton ebenfalls ein Wärmespeicher, wenn auch mit leicht veränderten Eigenschaften. Seine hohe Druckfestigkeit macht ihn ideal für stark belastete Verkehrsflächen, gleichzeitig sorgt die geringe Porosität dafür, dass Wasser kaum aufgenommen wird – ein Nachteil in Sachen Kühlung durch Verdunstung. Die Herstellung von Beton ist energieintensiv und CO₂-lastig, was die Nachhaltigkeitsbilanz trübt. Dennoch setzen viele Städte auf Beton, insbesondere für Busspuren, Parkflächen und hochbelastete Kreuzungen.

Pflastersteine – ob aus Naturstein oder Beton – gelten als Klassiker im Städtebau. Sie bieten eine hohe gestalterische Vielfalt, lassen sich passgenau in das Stadtbild integrieren und wirken durch ihre Fugen wasserdurchlässig. Das ermöglicht nicht nur Regenwasserversickerung, sondern fördert auch die Verdunstungskühlung im Mikroklima. Helle Natursteine wie Granit oder Kalkstein reflektieren zudem einen Teil der Sonnenstrahlen und erhitzen sich weniger stark. Allerdings sind Pflasterflächen wartungsintensiv: Fugen müssen regelmäßig gepflegt werden, Unkraut und Verwerfungen sind ungeliebte Begleiter. Bei intensiver Nutzung – etwa durch Busse – stoßen Pflasterbeläge an ihre Grenzen.

Innovative Beläge wie sogenannte „Cool Pavements“ setzen auf spezielle Zuschläge und Beschichtungen, die das Rückstrahlvermögen erhöhen oder die Wärmespeicherfähigkeit reduzieren. Hierzu zählen etwa reflektierende Deckschichten, photokatalytische Oberflächen oder poröse Asphaltvarianten, die Wasser speichern und bei Hitze verdunsten lassen. Solche Systeme sind in Deutschland noch selten, in den USA und Asien jedoch bereits im Testeinsatz. Hinzu kommen smarte Materialien, die Temperaturverläufe über Sensorik erfassen und dynamisch auf Umwelteinflüsse reagieren können. Die Zukunft der Straße wird – im wahrsten Sinne des Wortes – intelligenter.

Doch auch traditionelle Materialien erleben ein Revival: Klinker, Holz oder wassergebundene Decken kehren als Gestaltungselemente zurück, vor allem in verkehrsberuhigten Zonen und Fußgängerbereichen. Sie punkten mit natürlicher Optik und teils günstigen thermischen Eigenschaften, sind aber nicht flächendeckend einsetzbar. Die Mischung macht’s: Immer häufiger werden verschiedene Materialien kombiniert, um Nutzung, Klimaresilienz und Gestaltung unter einen Hut zu bringen. Entscheidend bleibt, die Auswahl nicht allein nach Kosten oder Optik zu treffen – sondern nach einem integralen Kriterienkatalog, der Klima, Komfort und Stadtbild gleichermaßen berücksichtigt.

Planerische Herausforderungen: Von der Lebensdauer bis zur klimasensiblen Stadt

Die Wahl des richtigen Straßenbelags ist ein Balanceakt zwischen Anforderungen, Ressourcen und Zukunftsfähigkeit. Planer stehen vor der Aufgabe, nicht nur kurzfristige Baukosten, sondern auch Lebenszykluskosten, Wartungsaufwand und Umweltauswirkungen zu kalkulieren. Ein günstiger Asphalt mag auf den ersten Blick verlockend erscheinen, doch wenn er sich bei jedem Hitzetag verformt, Schlaglöcher produziert oder mit teuren Sanierungsmaßnahmen bedacht werden muss, relativiert sich der Preisvorteil schnell. Betonflächen halten oft länger, sind aber in der Herstellung CO₂-intensiv und schwierig zu reparieren. Pflaster ist flexibel und leicht auszubessern, benötigt aber eine sorgfältige Unterhaltspflege.

Ein zentrales Problem ist dabei die fehlende Standardisierung klimasensibler Kriterien in technischen Regelwerken. Zwar existieren zahlreiche Normen und Vorschriften zu Tragfähigkeit, Frostbeständigkeit oder Rutschfestigkeit – doch Anforderungen an das thermische Verhalten, Albedo oder Wasserdurchlässigkeit tauchen selten auf. Städte, die hier mutig vorangehen wollen, müssen eigene Kriterienkataloge entwickeln und mit Pilotprojekten Erfahrungen sammeln. Eine Herausforderung, die nicht nur planerisches Können, sondern auch rechtliche Kreativität erfordert. Denn Vergabeverfahren und Förderprogramme hinken oft hinterher, wenn es um innovative Beläge und klimaschützende Maßnahmen geht.

Hinzu kommt das Problem der Flächennutzung: Straßen sind nicht nur Verkehrswege, sondern immer häufiger auch Aufenthaltsräume, Spielorte, grüne Korridore oder Veranstaltungsflächen. Das erfordert flexible, multifunktionale Oberflächen, die ganzjährig nutzbar und zugleich klimaangepasst sind. Die Integration von begrünten Teilflächen, Baumstandorten, Wasserelementen oder Sitzmöglichkeiten verlangt nach Belägen, die diese Vielfalt unterstützen. Ein monotones Asphaltband genügt den Ansprüchen der Stadtgesellschaft von heute und morgen nicht mehr.

Auch die Wartung und Pflege der Straßenbeläge wird im Klimawandel zur planerischen Kernaufgabe. Extreme Hitze kann zu Materialversprödung, Oberflächenverformung oder Rissbildung führen, während Starkregenereignisse die Belastung durch Erosion und Ausspülung erhöhen. Die Auswahl hitzeresilienter Materialien ist daher immer auch eine Investition in die Zukunftsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit städtischer Infrastrukturen. Regelmäßige Inspektionen, innovative Reparaturtechniken und die Einbindung digitaler Monitoring-Systeme sind dabei mehr als nur nette Extras – sie werden zum Standardrepertoire moderner Stadtplanung.

Schließlich ist die Beteiligung verschiedener Disziplinen entscheidend. Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Bauingenieure und Umweltfachleute müssen an einem Tisch sitzen, um Lösungen zu entwickeln, die nicht nur technisch, sondern auch sozial und ökologisch überzeugen. Der Austausch mit Forschungseinrichtungen, Materialherstellern und internationalen Partnern bringt frische Impulse und eröffnet neue Perspektiven. Nur so entsteht eine Planungskultur, die Straßenbeläge nicht als „notwendiges Übel“, sondern als aktive Stellschraube für die klimafitte Stadt versteht.

Praxis und Perspektive: Forschung, Pilotprojekte und die smarte Straße

Ein Blick in die Praxis zeigt: Der Hitzetest der Straßenbeläge ist längst keine Laborübung mehr, sondern findet auf dem heißen Pflaster der Städte statt. In Freiburg etwa wurden verschiedene Oberflächen auf ihre thermischen Eigenschaften getestet, darunter helle Betonplatten, poröse Asphaltvarianten und innovative Pflasterbeläge. Die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Helle, reflektierende Beläge können die Oberflächentemperaturen um bis zu zehn Grad senken – ein Unterschied, der nicht nur fühlbar, sondern messbar ist. Gleichzeitig zeigte sich, dass poröse Beläge mit Verdunstungskühlung besonders effektiv sind, wenn sie ausreichend mit Wasser versorgt werden.

Auch Zürich setzt auf Experimentierfreude: Im Rahmen von Hitzeaktionsplänen werden Straßenabschnitte mit unterschiedlichen Materialien ausgestattet, Sensoren messen kontinuierlich Temperaturen und Feuchtigkeit. Die gewonnenen Daten fließen in digitale Zwillinge ein, die Szenarien für die künftige Stadtentwicklung simulieren. So wird nicht nur das beste Material im Labor, sondern im realen Stadtraum gefunden – ein Paradebeispiel für evidenzbasierte Planung.

In Wien wiederum ist die Kombination aus begrünten Verkehrsinseln, hellen Pflasterflächen und wassergebundenen Decken ein Erfolgsrezept gegen Hitzestress. Besonders in dicht besiedelten Gründerzeitvierteln sorgt diese Mischung für spürbare Abkühlung und steigert die Aufenthaltsqualität. Begleitende Studien belegen, dass die Aufenthaltsdauer auf entsprechend gestalteten Plätzen signifikant steigt – ein Indikator für gelungenes Mikroklima-Management.

Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut oder die Technische Universität München arbeiten an neuen Materialien, die nicht nur hitzeresilient, sondern auch ressourcenschonend sind. Rezyklierte Zuschläge, photokatalytische Oberflächen zur Luftreinigung oder adaptive Beschichtungen, die ihre thermischen Eigenschaften an Wetterlagen anpassen, stehen auf der Agenda. Der Sprung von der Teststrecke in die breite Anwendung ist allerdings noch eine Herausforderung – fehlende Normen, hohe Kosten und Unsicherheiten im Bauablauf bremsen die Innovation.

Die Digitalisierung eröffnet neue Horizonte: Mit GIS-basierten Planungstools, digitalen Zwillingen und Echtzeitdaten lassen sich Materialwahl, Temperaturverläufe und Wartungszyklen präzise simulieren und steuern. Städte, die hier investieren, sichern sich nicht nur einen Wissensvorsprung, sondern können Planung, Bau und Betrieb aus einer Hand koordinieren. Die smarte Straße ist keine Zukunftsmusik – sie entsteht dort, wo Planer mutig, informiert und vernetzt agieren.

Fazit: Der Straßenbelag als unterschätztes Klima-Tool

Wer Straßenbeläge weiterhin als reine Verkehrsflächen betrachtet, unterschätzt ihr Potenzial gewaltig. Sie sind Klimaakteure, Komfortgaranten, Gestaltungsfaktor und Innovationsträger zugleich. Die Materialwahl entscheidet über Temperatur, Aufenthaltsqualität, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Raums. Einfache Lösungen gibt es nicht – jede Stadt, jedes Quartier, jede Straße verlangt nach individuellen, kontextsensitiven Ansätzen. Der Materialvergleich offenbart: Asphalt, Beton, Pflaster und innovative Beläge haben alle ihre Stärken und Schwächen. Die Kunst liegt darin, sie klug zu kombinieren, lokale Gegebenheiten zu berücksichtigen und neue Technologien mutig zu integrieren.

Die Herausforderungen sind groß: Klimawandel, wachsende Anforderungen an Nachhaltigkeit und Lebensqualität, enge Budgets und komplexe Genehmigungsverfahren. Doch die Chancen sind ebenfalls enorm. Wer den Straßenbelag als aktives Steuerungsinstrument begreift, kann nicht nur das Stadtklima verbessern, sondern auch neue Maßstäbe für Gestaltung, Partizipation und Innovation setzen. Die Integration digitaler Tools, interdisziplinärer Teams und evidenzbasierter Planung eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Der Hitzetest der Straße ist kein Selbstzweck – er ist ein Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit der Stadtplanung.

Am Ende entscheidet nicht das Material allein, sondern der Mut, Neues zu wagen, Bestehendes zu hinterfragen und Planung als lernenden Prozess zu begreifen. Die Zukunft der Straße ist offen – und sie beginnt mit der nächsten Entscheidung am Zeichentisch. Wer heute klimaresilient plant, baut die Stadt von morgen. Und die wird nicht nur befahrbar, sondern lebenswert sein.

Das könnte Sie auch interessieren
Gärten des Jahres 2023 – Gewinner*innen
eine-gruppe-von-menschen-die-mit-dem-fahrrad-eine-strasse-entlang-fahren-1CGaSaK0DMg
Mikromobilitätsnetze strukturieren – Zonenlogik und Design
Olympiapark München (Christoph Keil/Unsplash)
München Zukunft: Stadtmacher*innen-Konferenz im Juli
ein-hohes-gebaude-an-dessen-seite-viele-pflanzen-wachsen-Mdawwgwkau8
Parkgestaltung durch generative KI – schön oder standardisiert?
Wettbewerbsübersicht September 2019 (2/2)
Gedenkort für den Turnertempel
Schwarze Pflanzenkohle als Symbol für Experimente und Potenziale im Städtebau, Stadtklima und Kreislaufwirtschaft.
Pflanzenkohle im Städtebau – Experimente und Potenziale
G+L 09/​20: Wohnquartiere
Rigole: Innovative Entwässerungskonzepte
So könnte die Helmut-Schmidt-Universität bald aussehen. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten BDA PartG mbB
Neuer Masterplan für Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg
Mit Okulus einen Überblick über das Gudbrandsdal gewinnen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Photo: Martin Vinje
Mit Okulus einen Überblick über das Gudbrandsdal gewinnen. Fotos: Rintala Eggertsson Architects, Martin Vinje

Okulus ist eine Landschaftsinstallation von Rintala Eggertsson Architects für die Harpefoss Kunstarena. Hier schlängeln sich Holzstege und -bauten durch einen abgelegenen Wald in Norwegen. Ein Wanderweg durch die kraftvolle Natur Skandinaviens wäre bereits szenisch eindrucksvoll genug, doch Okulus bietet weitaus mehr. Vergangenheit wird lebendig-, Natur erlebbar gemacht und es wird mit unserer Wahrnehmung gespielt. Mehr zu dieser spannenden Installation erfahren Sie hier. 

In die Natur eintauchen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Foto: Martin Vinje
In die Natur eintauchen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Foto: Martin Vinje

Okulus als ganzheitliches Waldobservatorium

Die Landschaftsinstallation Okulus liegt nahe des Dorfes Harpefoss im Gudbrandsdal-Tal am Nordufer des Gudbrandsdalslågen. Auf der einen Seite wird das Projekt von der Harpefoss-Schlucht gerahmt, auf der anderen von der wichtigsten Nord-Süd-Eisenbahnlinie Norwegens. Der Spazierweg befindet sich in einem abgeschiedenen Wald in der Nähe des Harpefoss-Hotels. Erreichen kann man ihn nur zu Fuß. Die Installation ist aber auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nutzbar.

Rintala Eggertsson Architects bietet mit Okulus die Möglichkeit, sich durch den Wald zu bewegen, ohne diesen anzutasten. Auch schafft die Installation Raum für temporäre Kunstwerke. Laut den Architekt*innen ist Okulus demnach ein „ganzheitliches Waldobservatorium“. Dem Architekturbüro war es wichtig, nicht die lokale Natur zu verändern. Die Installation ist demnach hundert Prozent rückbaubar. Der Pfad und die Gebäude fließen um die Bäume und Felsformationen, anstatt mit ihnen zu kollidieren. Der Wald bestimmte also maßgeblich das Aussehen und den Verlauf des Projekts. Okulus geht mit der Natur in einen Dialog. 

Erhöhte Wege für Perspektivwechsel

Der erhöhte Fußweg als Typologie ist keine neue Erfindung. Archäolog*innen fanden Überreste solcher Errichtungen, die bis in das Jahr 3 807 v. Chr. zurückdatieren. Damals wählte man die Art von Wegen, um leichter Moor- und Feuchtgebiete zu durchqueren. Heutzutage nutzt man erhöhte Wege in verschiedenen Kontexten. Dabei ist der gemeinsame Nenner das Kreieren einer erhöhten Situation im physischen und mentalen Sinne. Nutzende werden demnach aus dem lokalen Kontext und „primitiven“ Zustand der Natur herausgehoben. Dafür schafft man eine „reinere“, vom Menschen geschaffene, Erfahrung der Umgebung. Früher sah man Natur als was unkontrollierbares und dämonisches an. Der Mensch dagegen schuf göttliche Ordnung. Mit dem heutigen Wissen sollte man diese Einstellung wohl eher umkehren. Denn ist das Reine nicht in der Natur zu finden, während der Mensch mehr für Chaos sorgt? Okulus positioniert sich zwischen diesen Polen.

Erhöhte Holzstege führen durch den abgelegenen Wald. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Photo: Martin Vinje
Erhöhte Holzstege führen durch den abgelegenen Wald. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Photo: Martin Vinje

Dualität des „Auge des Betrachters“

Dieser Wanderweg hat also einen dualen Wert. Auf architektonischer Ebene zeigt er auf, wie unterschiedliche Positionen und Bewegungen die Perspektive der Nutzenden auf die Natur und ausgestellte Kunst verändern. Die Wegeführung an sich erlaubt es, mühelos über den Boden zu gleiten und somit die Umgebung aufmerksamer zu erfassen. Besuchende können subjektiv entscheiden, wie sehr sie die Natur erleben. Objektiv gesehen schafft der Wegetyp bereits eine gemeinsame Richtungswahl und Plattform für Erfahrung. Es liegt also im „Auge des Betrachters“ —  daher der Name der Installation.

Oculus bedeutet Auge auf Latein und ein Okular ist eine Linse, die Dinge vergrößert. Okulus bezieht sich demnach auf den Akt des Schauens und Beobachtens. In diesem Fall liegt der Fokus auf der Natur, der durch das Waldobservatorium geschaffen wird. Die Idee von Rintala Eggertsson Architects war es, eine Arena zu schaffen, in der Mensch und Natur co-existieren. Der Weg bildet hierbei den Rahmen und die Kunst das Mittel der Beobachtung. Die Grundidee existiert aber nicht nur in der Theorie, sondern ist auch visuell greifbar. Denn in der Draufsicht erkennt man, dass die Installation um einen kleinen Teich führt. Der Wasserspiegel wird dabei zur Pupille, die vom Boden in den Himmel blickt.

In der Draufsicht lässt sich das Auge erkennen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Foto: Martin Vinje
In der Draufsicht lässt sich das Auge erkennen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Foto: Martin Vinje

Ein Spiel mit Heterotopien

Rintala Eggertsson Architects haben also nicht nur eine Fortbewegungsmöglichkeit für einen Samstagnachmittag Spaziergang geschaffen. Okulus hat auch einen symbolischen Wert: „Das Auge als Denkfigur ist in dem Projekt Okulus auf mehreren Ebenen präsent. Auf architektonischer Ebene betont es, wie verschiedene Positionen und Bewegungen die Perspektive des Betrachters verändern und mit der künstlerischen Wahrnehmung interagieren“, so das Büro. Rintala Eggertsson Architects begründen die Konstruktion von Okulus auf dem Konzept der Heterotopien. Dieser Begriff stammt von dem französischen Philosophen Michel Foucault. Laut Foucault sind Heterotopien Orte, die sich am Rande der produktiven und sozialen Ordnung der Gesellschaft befinden. Anders als Utopien, sogenannte Nicht-Orte, sind Heterotopien konkrete, marginale Orte und Gebäude. Sie sind weder privat noch öffentlich, weder geschlossen noch offen, weder reguliert noch ungeregelt. An solchen Orten kann man also Grenzen als vorübergehend durchlässig erleben. Der philosophische Grundgedanke dieses Projekts kann also nicht nur im Wald existieren, sondern mehreren Raumtypen zugrunde liegen. 

Okulus soll uns die Augen öffnen

Nicht jeder hat eine ausgeprägte Beziehung zur Natur. Vielmehr scheint sie mit den neuen Generationen schwächer zu werden. Diese Landschaftsinstallation hat mehrere Funktionen, da sie ein breites  Publikum ansprechen möchte. Dabei zielt sie darauf ab, ein Verständnis für Kunst, Natur und sensorische Erfahrungen zu schaffen. Rintala Eggertsson Architects erhoffen sich, dass Okulus-Besuchende die Ambivalenz und die Notwendigkeit zur Reflexion über unser modernes Verhältnis zur Natur näher bringt.

Mit Okulus einen Überblick über das Gudbrandsdal gewinnen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Foto: Martin Vinje
Mit Okulus einen Überblick über das Gudbrandsdal gewinnen. Foto: Rintala Eggertsson Architects, Foto: Martin Vinje

Sehen Sie hier ein Video mit dem Architekten Dagur Eggertson vor Ort:

Auch in New York City kann man einen besonderen Spaziergang im Einklang mit der Natur erleben: Alles zum Moynihan Connector lesen Sie hier.

Quatsch mit Skype

Okay, okay, okay, wir geben es zu: Wir, die Garten+Landschaft-Redakteurinnen, wir schauen alle unglaublich gerne in die Häuser und Wohnungen anderer Leute. Aber hey, tut das nicht irgendwie jeder? Es ist einfach zu faszinierend zu sehen, wie andere Menschen wohnen und leben. Die Corona-Krise ist ernst, aber sie und der mit ihr verbundene Homeoffice-Alltag eröffnen uns auch neue Perspektiven auf die Lebenswelten unserer Kolleginnen und Kollegen. Und weil das so viel Spaß macht, haben wir ausgewählte Landschaftsarchitekturbüros und ihre Mitarbeiter in ihren vier Wänden besucht – natürlich virtuell und ganz virenfrei. Heute sind wir zuhause bei: böhm benfer zahiri landschaftsarchitekten.


Foto bbzl
Frische Tulpen erhalten den Teamgeist. (Foto: Ulrike Böhm)

Wann habt ihr gemerkt, dass die Corona-Situation ernst wird?

Schrittweise im Berliner Straßenbild: Kunstpelzmantel mit Do-It-Yourself Masken, viel Blaulicht auf hochtouriger Viren-Jagd und zuletzt wurde der büronahe Supermarkt zum neuen „Berghain“ – der Türsteher lässt die Wartenden einzeln ein. Mittelfristig ist die Situation ernst: berufsständisch und persönlich. Wir würden uns Möglichkeiten wünschen, um erforderliche Maßnahmen zu unterstützen.

Homeoffice – Neuland oder bei euch sowieso Standard?

Wir planen und realisieren Projekte in unterschiedlichen Teilen Deutschlands. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten zusätzlich an Hochschulen, zeitweise auch im Ausland. Entsprechend sind wir geübt im dezentralen Arbeiten und hatten die erforderliche Hard- und Software zur Verfügung. Daran ließ sich gut anknüpfen.

Was hätte beim Übergang ins Homeoffice für euch besser laufen können?

Verteiltes Arbeiten mit großen Datenmengen braucht professionelle Netzverbindungen mit gleicher Up- und Download-Geschwindigkeit. Zudem fehlen vielen professionellen Anwendungen Schnittstellen zur Kollaboration.

Wie erhaltet ihr in diesen Zeiten den Teamgeist?

Frische Tulpen, Quatsch mit Skype, manchmal Geschenke via Kurier …

Habt ihr schon ein Ritual, das ihr beibehaltet, wenn der Büro-Alltag wieder ansteht?

Gemeinsames desinfizieren von Tastaturen, Telefonen und Mäusen zu lauter Musik.

Was macht ihr als erstes, wenn all die Einschränkungen wieder aufgehoben werden?

Wir gehen tanzen und schwimmen. Und reisen ins Ausland.

bbzl – böhm benfer zahiri landschaften städtebau wurde 2003 von Ulrike Böhm, Katja Benfer (Landschaftsarchitektinnen) sowie Cyrus Zahiri (Architekt) in Berlin gegründet. Das Team ist interdisziplinär zusammengesetzt aus Architekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplanern, derzeit mit 8 Mitarbeitern. Ulrike Böhm und Katja Benfer sind als Professorinnen seit 2012 in Lehre und Forschung tätig an der Universität Stuttgart bzw. der Leibniz Universität Hannover.