Ideen Japanischer Garten: Definition, Geschichte und Beispiele

Eine gestaltete Garten- und Parkanlage zum Thema Ideen Japanischer Garten
Japanischer Tempel am stillen Wasser vor einer Bergkulisse – ein Bild ruhiger Gartenkunst. (Foto: cjoudrey/Unsplash)

Wer sich mit Ideen für einen japanischen Garten beschäftigt, stößt schnell auf ein Paradox: Die Gestaltungsform, die auf den ersten Blick schlicht und reduziert wirkt, ist in Wahrheit eines der komplexesten und philosophisch tiefgründigsten Gartenkonzepte der Welt. Der japanische Garten ist kein Dekorationssystem, sondern eine räumliche Philosophie, die Natur, Zeit, Stille und menschliche Wahrnehmung in ein präzises Verhältnis setzt. Für Landschaftsarchitekten, Freiraumplaner und alle, die sich professionell mit Außenräumen beschäftigen, bietet er ein unerschöpfliches Reservoir an Gestaltungsprinzipien, die weit über den kulturellen Kontext Japan hinausweisen.

  • Was einen japanischen Garten definiert und welche Grundprinzipien ihn von anderen Gartentraditionen unterscheiden
  • Welche historischen Epochen und Stile die Entwicklung des japanischen Gartens geprägt haben
  • Welche Haupttypen es gibt: Teichgarten, Trockengarten, Teegarten, Wandelgarten und ihre jeweiligen Merkmale
  • Welche Gestaltungselemente wie Stein, Wasser, Moos, Pflanzung und Wegeführung die Sprache des japanischen Gartens ausmachen
  • Wie Ideen des japanischen Gartens in westliche Planungskontexte übertragen werden können, ohne zu verfälschen
  • Welche Pflanzen, Materialien und Detaillierungen für authentische oder inspirierte Gestaltungen geeignet sind
  • Welche Fehler bei der Übertragung japanischer Gartenideen in europäische Projekte häufig entstehen
  • Welche bekannten Beispiele japanischer Gärten weltweit als Referenz für Planung und Entwurf dienen

Definition und Grundprinzipien: Was einen japanischen Garten ausmacht

Der Begriff „japanischer Garten“ bezeichnet keine einheitliche Gestaltungsform, sondern eine Familie verwandter Gartentraditionen, die sich über mehr als tausend Jahre auf der japanischen Inselgruppe entwickelt haben. Gemeinsam ist ihnen ein Grundverständnis: Der Garten ist kein Abbild der Natur, sondern ihre Destillation. Er zeigt nicht, wie Natur aussieht, sondern wie sie sich anfühlt, wie sie wirkt, was sie bedeutet. Dieser Unterschied ist für das Verständnis aller Ideen japanischer Garten fundamental.

Drei philosophische Strömungen haben die Ästhetik japanischer Gärten entscheidend geformt. Der Shintoismus, die indigene Naturreligion Japans, sieht in bestimmten Steinen, Bäumen und Gewässern die Gegenwart von Geistern (Kami) und begründet damit die sakrale Aufladung von Naturmaterialien im Garten. Der Buddhismus, der ab dem sechsten Jahrhundert aus China und Korea nach Japan gelangte, brachte Vorstellungen von Vergänglichkeit, Leere und Erleuchtung mit, die sich direkt in Raumkomposition und Pflanzenwahl niederschlugen. Der Zen-Buddhismus schließlich, der ab dem zwölften Jahrhundert in Japan Fuß fasste, radikalisierte diese Tendenzen zur äußersten Reduktion und schuf mit dem Trockengarten (Karesansui) eine der abstraktesten Gartenformen überhaupt.

Aus diesen Quellen speisen sich die ästhetischen Leitbegriffe, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Ideen japanischer Garten kennen sollte. Ma bezeichnet den bedeutsamen Zwischenraum, die Pause, das Nichts zwischen den Dingen, das selbst Form und Inhalt hat. Wabi meint die stille Schönheit des Unvollkommenen, des Vergänglichen, des Einfachen. Sabi beschreibt die Patina der Zeit, den Wert des Gealterten. Miegakure ist das Prinzip des Zeigens und Verbergens, das den Garten durch Sichtachsen und Sichtblenden in eine Folge von Enthüllungen verwandelt. Diese Begriffe sind keine poetischen Ornamente, sondern operative Planungsprinzipien, die sich in konkreten Entwurfsentscheidungen niederschlagen.

Geschichte des japanischen Gartens: Von der Nara-Zeit bis zur Moderne

Die ältesten dokumentierten Gartenanlagen Japans entstanden in der Nara-Zeit (710 bis 794) unter starkem Einfluss der chinesischen Tang-Dynastiekultur. Chinesische Palastgärten mit großen Teichen, Inseln und Pavillons dienten als Vorbild für die Anlagen des japanischen Kaiserhofs. Der Teich (Ike) mit einer Insel in der Mitte, die Glückseligkeit und Unsterblichkeit symbolisiert, ist ein Motiv, das bis heute in japanischen Gärten präsent ist. Diese frühen Anlagen waren Orte höfischer Repräsentation und ritueller Feste, nicht der privaten Kontemplation.

Die Heian-Zeit (794 bis 1185) brachte eine erste eigenständige Japanisierung der Gartenkunst. Die Hauptstadt Kyoto, damals Heian-kyo, wurde nach chinesischem Stadtgrundriss angelegt, doch die Gärten der Aristokratie entwickelten eine eigene Sensibilität. Der Shinden-Stil, benannt nach dem zentralen Wohngebäude der Adelshöfe, kombinierte einen großen Teich mit Stegen, Booten und Sandstränden. Das Gartenhandbuch Sakuteiki, das im elften Jahrhundert verfasst wurde und als ältestes erhaltenes Gartenbauwerk der Welt gilt, kodifizierte erstmals Regeln für Steinanordnung, Wasserführung und Pflanzenwahl. Seine Anweisungen sind bis heute eine Primärquelle für das Verständnis japanischer Gartenideen.

Mit dem Aufstieg der Kriegerklasse in der Kamakura- und Muromachi-Zeit (1185 bis 1573) verlagerte sich das Zentrum der Gartenkultur von der höfischen Aristokratie zu buddhistischen Tempeln und dem Kriegeradel. Der Zen-Buddhismus prägte nun die Ästhetik entscheidend. In Kyoto entstanden die berühmten Trockengärten der Zen-Tempel, darunter der Ryoanji mit seinem weltbekannten Steingarten, der fünfzehn Steine auf weißem Kies zeigt, von denen immer nur vierzehn gleichzeitig sichtbar sind. Diese Anlagen waren keine Gärten zum Begehen, sondern zum Betrachten und Meditieren, Räume der inneren Einkehr, die mit minimalen Mitteln maximale Tiefe erzeugen.

Die Momoyama- und frühe Edo-Zeit (spätes 16. bis frühes 17. Jahrhundert) brachte mit dem Teegarten (Roji) eine neue Typologie. Der Teemeister Sen no Rikyu entwickelte den Weg zum Teehaus als eigenständige Gartenform: ein schmaler, mit Trittsteinplatten (Tobi-ishi) gepflasterter Pfad durch eine bewusst schlichte, moosige Landschaft, der den Gast schrittweise aus der Alltagswelt herauslöst und auf die Stille der Teezeremonie vorbereitet. Der Roji ist kein Garten im üblichen Sinne, sondern ein räumlicher Übergang, ein Schwellenerlebnis. Die Edo-Zeit (1603 bis 1868) schließlich schuf mit den großen Wandelgärten (Kaiyushiki-teien) der Feudalfürsten eine weitere Haupttypologie: weitläufige Anlagen, die auf einem Rundweg verschiedene Landschaftsbilder und literarische Zitate entfalten.

Haupttypen japanischer Gärten und ihre Gestaltungslogik

Die Unterscheidung der wichtigsten Gartentypen ist für jeden, der mit Ideen japanischer Garten arbeitet, unverzichtbar, weil jeder Typ einer eigenen inneren Logik folgt und nicht beliebig kombiniert werden kann.

Karesansui: Der Trockengarten

Der Karesansui (wörtlich: trockene Berglandschaft) verzichtet vollständig auf Wasser und bildet es stattdessen durch gerechten Kies oder Sand nach. Kreisförmige oder wellenförmige Harkmuster im hellen Kies symbolisieren Wasser, Wellen oder Unendlichkeit; einzelne oder gruppierte Steine stehen für Berge, Inseln oder Lebewesen. Die Komposition ist streng asymmetrisch und folgt dem Prinzip der ungeraden Zahlen: Steine werden in Gruppen von drei, fünf oder sieben angeordnet, nie in geraden Zahlen, die als statisch und abgeschlossen gelten. Der Karesansui ist ein Meditationsobjekt und ein Raumkunstwerk zugleich. Seine Übertragung in westliche Kontexte gelingt nur dann, wenn der kontemplativen Dimension Raum gegeben wird, also wenn der Garten nicht als Spielfläche oder Durchgangsraum behandelt wird.

Chisen-kaiyushiki-teien: Der Teich-Wandelgarten

Der Teich-Wandelgarten ist die repräsentativste und räumlich aufwendigste Form. Ein zentraler Teich mit Inseln, Brücken, Pavillons und einem Rundweg bildet das Grundgerüst. Der Weg erschließt nacheinander sorgfältig inszenierte Aussichtspunkte, von denen jeder eine andere Perspektive auf denselben Raum eröffnet. Das Prinzip der Borrowed Scenery (Shakkei) ist hier besonders wirksam: Berge, Bäume oder Gebäude außerhalb des Gartens werden durch Rahmung in die Komposition einbezogen, als wären sie Teil des Entwurfs. Bekannte Beispiele sind der Kinkakuji-Garten in Kyoto, der Koraku-en in Okayama und der Kenroku-en in Kanazawa, der zu den drei klassisch schönsten Gärten Japans gezählt wird.

Roji: Der Teegarten

Der Roji ist ein Pfadgarten, dessen Gestaltung auf die Vorbereitung einer inneren Haltung ausgerichtet ist. Trittsteine aus Naturstein, Steinlaternen (Toro), eine Steinwasserrinne (Tsukubai) zum rituellen Händewaschen und dichter Moosbewuchs unter alten Bäumen sind die charakteristischen Elemente. Die Bepflanzung ist bewusst dunkel und feucht gehalten, um eine Atmosphäre der Abgeschiedenheit zu erzeugen. Für Planungsaufgaben im Bereich von Eingangssequenzen, Zugangswegen zu öffentlichen Gebäuden oder Übergangsräumen zwischen Außen und Innen bietet der Roji ein konzeptuell starkes Vorbild.

Tsukiyama und Hiraniwa

Tsukiyama bezeichnet einen Garten mit künstlich aufgeschütteten Hügeln (Yama), der eine Berglandschaft im Kleinen nachbildet. Hiraniwa ist der flache Garten ohne Geländemodellierung, der besonders in der Zen-Tradition verbreitet ist. Beide Typen können mit Teich oder als Trockengarten ausgeführt werden und bezeichnen eher die topografische Grundstruktur als eine eigenständige Stilform.

Gestaltungselemente und Materialien: Die Sprache des japanischen Gartens

Stein ist das primäre Material des japanischen Gartens. Er wird nicht als inertes Baumaterial behandelt, sondern als lebendes Wesen mit Charakter, Ausrichtung und Energie. Das Sakuteiki unterscheidet verschiedene Steintypen nach ihrer Form und schreibt vor, wie sie aufzustellen sind: Ein Stein, der „gegen seinen Willen“ gesetzt wird, also dessen natürliche Ausrichtung ignoriert wird, bringt Unglück. Diese animistische Sichtweise hat eine praktische Konsequenz: Steine werden so gesetzt, dass ihre natürliche Hauptachse, die durch Schichtung, Verwitterung oder Wuchsform erkennbar ist, respektiert und betont wird. Das Ergebnis ist eine Natürlichkeit, die paradoxerweise durch höchste handwerkliche Sorgfalt entsteht.

Wasser erscheint im japanischen Garten entweder als stilles Teichwasser, als bewegtes Bachbett oder als symbolisches Kiesbett. Stilles Wasser spiegelt den Himmel und verdoppelt den Raum; bewegtes Wasser erzeugt Klang und Lebendigkeit. Die Einleitung von Wasser in einen Teich erfolgt traditionell über einen Stein, der das Wasser bricht und verteilt, nie als direkter Strahl. Wasserläufe folgen dem Prinzip, von Osten oder Norden kommend nach Süden oder Westen zu fließen, was auf geomantische Überlieferungen zurückgeht, aber auch ästhetisch begründbar ist, weil es die Lichtführung im Garten unterstützt.

Moos (Koke) ist in vielen japanischen Gärten das eigentliche Bodenmaterial und kein Zufallsprodukt. Kyotos berühmter Kokedera (Moosgarten) zeigt über hundert verschiedene Moosarten auf einer einzigen Anlage. Moos wächst unter bestimmten Bedingungen: hohe Luftfeuchtigkeit, diffuses Licht, saurer, humoser Boden und Abwesenheit von Tritt. Diese Bedingungen herzustellen und zu erhalten ist eine anspruchsvolle gärtnerische Aufgabe, die in mitteleuropäischen Klimaten mit höherer Sonneneinstrahlung und trockeneren Sommern besonderer Planung bedarf.

Die Pflanzenwahl folgt dem Primat der Ganzjährigkeit und der Textur über die Blütenfarbe. Immergrüne Gehölze wie Kiefern (Pinus), Stechpalmen (Ilex), Bambus und Kamelien (Camellia japonica) bilden das Grundgerüst. Laubgehölze wie Japanischer Ahorn (Acer palmatum) werden wegen ihrer Herbstfärbung und ihrer filigranen Aststruktur im Winter geschätzt. Kirschbäume (Prunus serrulata und Verwandte) sind kulturell bedeutsam, spielen aber in der klassischen Gartenkomposition eine weniger dominante Rolle als im westlichen Bild des japanischen Gartens oft angenommen. Schnitt (Karikomi) ist ein zentrales Gestaltungsmittel: Gehölze werden zu organischen, wolkenartigen Formen geschnitten, die Hügel, Wellen oder Wolken evozieren.

Ideen japanischer Garten im westlichen Planungskontext: Möglichkeiten und Grenzen

Die Übertragung von Ideen japanischer Garten in europäische oder nordamerikanische Planungskontexte ist ein heikles Unterfangen, das zwischen produktiver Inspiration und kultureller Oberflächlichkeit balanciert. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass es nicht darum geht, japanische Gärten zu kopieren, sondern ihre Prinzipien zu verstehen und in einen neuen Kontext zu übersetzen. Der Landschaftsarchitekt Günter Nitschke, der jahrzehntelang in Japan forschte und lehrte, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der japanische Garten ohne seinen kulturellen und religiösen Kontext leicht zu einem Requisitenlager verkommt, in dem Steinlaternen und Torii-Tore als exotische Dekorationsobjekte missbraucht werden.

Produktiv sind japanische Gartenideen dort, wo ihre Prinzipien, nicht ihre Symbole, angewendet werden. Das Prinzip des Miegakure, des Zeigens und Verbergens, lässt sich in jede Freiraumplanung übersetzen, die mit Sichtachsen, Raumfolgen und Überraschungsmomenten arbeitet. Das Prinzip der Asymmetrie und der ungezwungenen Natürlichkeit (Fukinsei) ist ein Korrektiv gegen die Tendenz zur Überplanung und Übersymmetrisierung in westlichen Freianlagen. Das Prinzip der Materialehrlichkeit und der Patina als Qualität ist eine Antwort auf die Tendenz zu immer glatteren, wartungsarmen Oberflächen im öffentlichen Raum.

Bekannte westliche Anlagen, die japanische Prinzipien ernsthaft aufnehmen, sind etwa der Japanische Garten im Bremer Rhododendronpark, der Japanische Garten in Kaiserslautern, der als einer der authentischsten in Deutschland gilt und in Zusammenarbeit mit japanischen Gartenbaumeistern entstand, sowie der Portland Japanese Garden in Oregon, der von Kengo Kuma erweitert wurde. Diese Anlagen zeigen, dass Authentizität nicht durch geografische Herkunft der Materialien entsteht, sondern durch die Tiefe des Verständnisses der zugrunde liegenden Prinzipien.

Häufige Fehler bei der Übertragung sind: die Verwendung von Kies als bloßem Pflegeersatz ohne kompositorische Absicht; das wahllose Aufstellen von Steinlaternen und Brücken ohne räumlichen Zusammenhang; die Bepflanzung mit asiatischen Exoten ohne Rücksicht auf Standortbedingungen; und die Vernachlässigung der Wegeführung als primäres Erlebnismedium. Ein japanischer Garten, der nicht begangen werden kann oder nicht zum Verweilen einlädt, hat sein wichtigstes Merkmal verloren.

Pflege und Unterhalt: Warum japanische Gärten keine pflegeleichten Anlagen sind

Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, japanische Gärten wegen ihrer scheinbaren Schlichtheit für pflegeleicht zu halten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Wirkung eines Karesansui hängt von täglich gehartem Kies ab; die Wirkung eines Moosgartens von konsequenter Unkrautfreiheit und präziser Feuchteregulierung; die Wirkung eines Kiefernbaums von jahrzehntelanger, handwerklich anspruchsvoller Formschnittarbeit (Niwaki). Japanische Gärtner (Niwashi) durchlaufen eine mehrjährige Ausbildung, die dem Handwerk eines Baumeisters vergleichbar ist.

Für die Planung bedeutet das: Wer japanische Gartenideen in ein Projekt einbringt, muss von Anfang an die Pflegekosten und die Qualifikation des Pflegepersonals mitdenken. Ein Karesansui, der nicht regelmäßig geharkt wird, verliert seine Wirkung innerhalb weniger Wochen. Ein Formgehölz, das nicht von geschulten Händen geschnitten wird, verliert seine Kontur innerhalb einer Saison. Die Beauftragung von Pflegeplänen, die diese Anforderungen explizit benennen, und die Ausbildung oder Beauftragung von Fachpersonal mit entsprechender Kenntnis sind keine optionalen Extras, sondern Voraussetzungen für das Gelingen.

Japanische Gartenideen als Ressource für zeitgenössische Freiraumplanung

Die Auseinandersetzung mit Ideen japanischer Garten ist für die zeitgenössische Landschaftsarchitektur keine nostalgische Übung, sondern eine produktive Konfrontation mit Fragen, die in der westlichen Planungstradition oft zu kurz kommen. Wie viel Abstraktion verträgt ein Außenraum, bevor er kalt wirkt? Wie kann Reduktion Tiefe erzeugen statt Leere? Wie lässt sich Vergänglichkeit, also der Wechsel der Jahreszeiten, das Altern von Materialien, das Wachsen von Pflanzen, als Qualität statt als Problem begreifen? Wie kann ein Weg nicht nur von A nach B führen, sondern eine Erfahrung sein?

Diese Fragen sind universell. Die japanische Gartenkultur hat auf sie über Jahrhunderte hinweg mit außerordentlicher Konsequenz geantwortet. Ihre Antworten sind nicht kopierbar, aber übersetzbar. Wer die Prinzipien versteht, wer Ma, Wabi-Sabi, Miegakure und Shakkei nicht als exotische Vokabeln, sondern als operative Entwurfskonzepte begreift, gewinnt ein Instrumentarium, das in jedem Planungskontext wirksam sein kann: im Stadtpark ebenso wie im Innenhof, im Klinikgarten ebenso wie im Wohnquartier. Die Stärke japanischer Gartenideen liegt nicht in ihrer Fremdheit, sondern in ihrer Präzision.

Das könnte Sie auch interessieren
Neuer Weg, neues Image
Der Energiesektor ist einer der sieben Systeme
McKinsey-Bericht: der Weg zur Netto-Null
Arbeiten unter offenem Himmel
Die neue Holz-Beton-Verbundbrücke in Baiersbronn – ein Beispiel für nachhaltige Brückenbauweise und moderne Ingenieurskunst im Schwarzwald. Foto: ©Simon Kennedy
Nachhaltige Brückenbauweise in Baiersbronn
Die Stadt als Pacemaker?
stadtbild-mit-wolkenkratzern-an-einem-bewolkten-tag-xaDY2kbsYr0
Virtuelle Baustellenplanung für emissionsarmes Bauen
Bewirb dich jetzt für den Lenné-Preis 2018
Stadtgarten mit verschiedenen Baumarten als Symbol für Baumartenvielfalt und Resilienz gegen Klimawandel.
Was bringt die Baumartenvielfalt für Resilienz? – Fachliche Einordnung
Drei Jugendliche springen in einen blauen See. Didi Sattmann, Seestadt Aspern, 2014, Sammlung Wien Museum © Didi Sattmann
Wien Museum – Sommer in der Stadt
Wettbewerbsübersicht März 2020 (1/2)
Cover: Ina Bunge, Redaktionsteam
Cover: Ina Bunge, Redaktionsteam

Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

Facebook

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Facebook.
Mehr erfahren

Beitrag laden

Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

S
BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.