Stadtplanung aus Perspektive von Menschen mit Behinderungen

Ältere Dame im Rollstuhl blickt auf eine Straße mit Kopfsteinpflaster – Symbol für barrierefreie und inklusive Stadtplanung.
Barrierefreiheit jenseits von Rampe und Leitsystem. Foto von Steven Hwg auf Unsplash.

Stadtplanung für alle? Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Menschen mit Behinderungen werden in der urbanen Gestaltung oft übersehen – dabei ist ihre Perspektive der Lackmustest für wirklich zukunftsfähige, lebenswerte Städte. Wie gelingt Inklusion in der Stadtplanung jenseits von Rampe und Leitsystem? Ein Blick auf Prinzipien, Praxis und Potenziale einer barrierefreien Stadtentwicklung, die mehr ist als Pflichtprogramm – und warum sich gerade hier die Spreu vom Weizen trennt.

  • Warum Stadtplanung für Menschen mit Behinderungen ein entscheidender Indikator für urbane Qualität ist
  • Rechtliche Grundlagen und internationale Standards: Von der UN-Behindertenrechtskonvention bis zur deutschen Bauordnung
  • Barrierefreiheit als technisches, gestalterisches und kulturelles Prinzip: Begriffe, Missverständnisse und Anforderungen
  • Aktuelle Herausforderungen und blinde Flecken in der deutschen Stadtentwicklung
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz für wirklich inklusive Stadträume
  • Partizipative Planungsprozesse: Wie echte Mitwirkung gelingt und was Beteiligung verhindert
  • Innovative Ansätze und digitale Tools, die Barrieren abbauen – oder neue schaffen
  • Warum die Perspektive von Menschen mit Behinderungen neue Impulse für nachhaltige, resiliente Städte liefert
  • Konkrete Empfehlungen für Planer, Verwaltungen und Politik, die Barrierefreiheit als Querschnittsaufgabe etablieren wollen

Barrierefreiheit als Gradmesser urbaner Qualität

Stadtplanung, die Menschen mit Behinderungen konsequent mitdenkt, ist weit mehr als ein Akt der Fürsorge oder der gesetzlichen Pflichterfüllung. Sie ist ein Prüfstein für die Qualität, Innovation und Zukunftsfähigkeit städtischer Räume. Denn eine Stadt, die für alle funktioniert, funktioniert wirklich für alle – und nicht nur für eine vermeintliche Normgruppe. Barrierefreiheit ist dabei kein Nischenanliegen, sondern ein universelles Prinzip, das den Alltag von Millionen Menschen betrifft: Rollstuhlnutzer, Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung, kognitiven Einschränkungen, chronischen Erkrankungen oder temporären Mobilitätseinschränkungen. Nicht zu vergessen: Auch Eltern mit Kinderwagen, ältere Menschen oder Menschen mit schweren Einkaufstaschen profitieren von barrierefreien Lösungen. Die demografische Entwicklung macht deutlich, dass „Behinderung“ kein Randphänomen ist, sondern Teil des ganz normalen Lebenszyklus in der Stadt.

Die Diskussion um Inklusion in der Stadtplanung ist jedoch noch immer von Missverständnissen und Reduktionen geprägt. Oft wird Barrierefreiheit auf bauliche Details wie Aufzüge, Rampen oder Leitsysteme verkürzt. Dabei geht es um viel mehr: um soziale Teilhabe, um politische Sichtbarkeit, um gleichberechtigte Zugänglichkeit zu Wohnraum, Bildung, Arbeit, Freizeitangeboten, Mobilität und Naturerfahrung. Es geht um die Frage, wer überhaupt an der Stadtgesellschaft partizipieren kann und wer „draußen“ bleibt. Wer Barrierefreiheit systematisch ignoriert, produziert nicht nur Diskriminierung, sondern auch Kosten: für Nachrüstungen, für Pflege, für gesellschaftliche Spaltung. Die Integration der Perspektive von Menschen mit Behinderungen ist daher ein Innovationsmotor und ein ethischer Imperativ zugleich.

Der gesetzliche Rahmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist klar: Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet alle Vertragsstaaten, Barrierefreiheit in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens sicherzustellen. Nationale Gesetze wie das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) oder die jeweiligen Landesbauordnungen legen Anforderungen an öffentliche Gebäude, Wege, Plätze und Verkehrsanlagen fest. Die Realität hinkt jedoch meist hinterher. Viel zu oft bleibt es bei gut gemeinten Einzelmaßnahmen, die im Alltag versagen: weil sie nicht zu Ende gedacht, nicht gepflegt, nicht kommuniziert oder schlichtweg nicht genutzt werden können.

Barrierefreiheit ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht. Sie ist auch kein Widerspruch zu anspruchsvoller Gestaltung, sondern eine Herausforderung an Kreativität und Präzision in der Planung. Wer sie als lästige Pflicht oder als nachträgliche Korrektur versteht, hat das Prinzip nicht verstanden – und verschenkt enormes Innovationspotenzial. Denn barrierefreie Lösungen sind in der Regel robuster, flexibler und nachhaltiger. Sie schaffen Mehrwert für alle und vermeiden teure Nachbesserungen. Nicht zuletzt fördern sie soziale Kohäsion, weil sie Teilhabe ermöglichen und Diskriminierung abbauen.

Die Perspektive von Menschen mit Behinderungen ist also kein Sonderfall, sondern ein Prüfstein für gutes urbanes Design. Wer wirklich innovative, resiliente und attraktive Städte entwickeln will, muss die Hürden im Alltag erkennen und beseitigen – nicht nur auf dem Papier, sondern im gelebten Stadtraum. Denn nur so entsteht eine Stadt, die ihrer Zeit voraus ist und ihre Bewohner wirklich ernst nimmt.

Regulatorische Grundlagen, Prinzipien und Praxisbarrieren

Die gesetzlichen und normativen Vorgaben zur Barrierefreiheit sind in Mitteleuropa vergleichsweise umfangreich – und doch bleibt die Umsetzung oft fragwürdig. In Deutschland ist die UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009 geltendes Recht. Sie verpflichtet Bund, Länder und Kommunen, in allen Bereichen des öffentlichen Lebens Barrieren abzubauen. Ergänzt wird sie durch das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), die einschlägigen DIN-Normen (vor allem DIN 18040 für barrierefreies Bauen) sowie zahlreiche Ländergesetze und Verwaltungsvorschriften. Ähnliche Regelwerke existieren in Österreich und der Schweiz, ergänzt durch regionale Besonderheiten und unterschiedliche Kontrolldichten. Was auf dem Papier klar wirkt, entpuppt sich in der Praxis jedoch oft als Flickenteppich. Nicht selten sind die Zuständigkeiten unklar, die Finanzierung nicht gesichert oder die Schnittstellen zwischen den Ressorts mangelhaft definiert.

Barrierefreiheit ist dabei keineswegs eine rein technische Aufgabe. Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus Gestaltung, Nutzung, Kommunikation und Pflege. Ein stufenloser Zugang nützt wenig, wenn die automatische Tür nicht funktioniert oder die Wegweisung unverständlich ist. Ein barrierefreier Spielplatz bleibt leer, wenn er nur mit dem Auto erreichbar ist. Und eine Bushaltestelle mit Niederflurbus ist nutzlos, wenn der Fahrer die Rampe nicht ausklappt oder der Bordstein zu niedrig ist. Die Praxis zeigt: Barrierefreiheit muss als durchgehendes Prinzip verstanden werden – von der ersten Skizze bis zum Betrieb, von der Ausschreibung bis zur Wartung.

Ein zentrales Problem ist der häufige Zielkonflikt zwischen unterschiedlichen Anforderungen: Denkmalschutz versus Barrierefreiheit, Kostendruck versus Universal Design, Gestaltungsideale versus Alltagsrealität. Viele Planer und Entscheider verstehen Barrierefreiheit immer noch als Verzicht auf gestalterische Qualität oder als Kompromisslösung. Dabei zeigt die internationale Forschung, dass inklusive Gestaltung zu besseren, kreativeren und wirtschaftlicheren Lösungen führen kann – wenn sie von Anfang an mitgedacht wird. Gute Beispiele sind etwa multifunktionale Möblierung, kontrastreiche Gestaltung, flexible Leitsysteme oder adaptive Beleuchtung.

Herausfordernd ist zudem die Vielfalt der Behinderungsformen. Was für Rollstuhlnutzer funktioniert, kann für Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Sehbehinderung problematisch sein. Barrierefreiheit verlangt daher differenzierte, aufeinander abgestimmte Lösungen und eine gute Balance zwischen Standardisierung und Individualisierung. Digitale Tools wie inklusive Stadtmodelle, 3D-Simulationen oder partizipative Apps können hier wertvolle Dienste leisten – wenn sie nutzerorientiert entwickelt werden. Zu oft entstehen jedoch neue Barrieren durch schlecht programmierte Websites, unverständliche Apps oder fehlende Schnittstellen zwischen digitalen und analogen Angeboten.

Ein weiteres Hindernis liegt in der mangelnden Beteiligung der Betroffenen. Zu viele Projekte werden über die Köpfe der Nutzer hinweg geplant, evaluiert und gebaut. Die Folge: Maßnahmen, die am Bedarf vorbeigehen und im Alltag versagen. Wer Barrierefreiheit ernst meint, muss Menschen mit Behinderungen als Experten in eigener Sache einbeziehen – nicht nur als Alibi, sondern als zentralen Bestandteil des Planungsprozesses. Partizipation ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für nachhaltige, akzeptierte und langlebige Lösungen.

Best Practices und innovative Ansätze im DACH-Raum

Es gibt sie, die Leuchttürme barrierefreier Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum – auch wenn sie noch zu selten sind. Ein Paradebeispiel ist die Stadt Zürich, die frühzeitig eine umfassende Strategie zur Barrierefreiheit entwickelt und umgesetzt hat. Hier werden nicht nur alle öffentlichen Gebäude, Plätze und Verkehrsanlagen systematisch auf Barrieren geprüft und nachgerüstet, sondern auch digitale Angebote konsequent barrierefrei gestaltet. Besonders hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden, die regelmäßig an Planungsprozessen beteiligt werden. Die Ergebnisse sprechen für sich: Zürich gilt heute als eine der zugänglichsten Städte Europas – und profitiert von zufriedenen Bürgern, Touristen und steigender Attraktivität für Unternehmen.

Auch in Deutschland gibt es Vorzeigeprojekte: Die Stadt Erfurt hat mit dem „Inklusionsplan Innenstadt“ ein umfassendes Maßnahmenpaket geschnürt, das bauliche, kommunikative und soziale Barrieren abbaut. Dazu zählen nicht nur die Umgestaltung von Haltestellen, Straßen und öffentlichen Toiletten, sondern auch inklusive Spielplätze, Leitsysteme und Schulungen für Verwaltung und Planer. In Hamburg wurde das Großprojekt Elbphilharmonie von Beginn an unter Einbeziehung von Experten für Barrierefreiheit geplant. Das Ergebnis: ein Konzertsaal, der sowohl architektonisch als auch inklusiv Maßstäbe setzt und als Vorbild für zukünftige Kulturbauten gilt.

Wien wiederum punktet mit dem „Masterplan Barrierefreies Wien“, der seit Jahren konsequent umgesetzt wird. Hier werden alle städtischen Bauprojekte, ÖPNV-Angebote und digitalen Services auf Barrierefreiheit geprüft, und es existiert eine zentrale Koordinationsstelle, die als Ansprechpartner für Bürger, Bauträger und Verwaltung fungiert. Die Stadt setzt zudem auf innovative Lösungen wie taktile Stadtmodelle, digitale Audioguides und smarte Ampelsysteme, die sich automatisch an die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung anpassen. Auch temporäre Maßnahmen wie barrierefreie Pop-up-Parks oder mobile Rampensysteme werden erprobt und evaluiert.

Ein weiteres spannendes Beispiel liefert Basel mit dem Programm „Basel rollt“, das barrierefreie Mobilität und Teilhabe in den Mittelpunkt stellt. Hier werden nicht nur bestehende Haltestellen und Fahrzeuge nachgerüstet, sondern auch neue Mobilitätskonzepte wie On-Demand-Shuttles, barrierefreie Sharing-Angebote und digitale Routenplaner für Menschen mit Behinderungen entwickelt. Die Stadt arbeitet eng mit Start-ups und Forschungseinrichtungen zusammen, um innovative Lösungen zu erproben und zu skalieren.

Diese Beispiele zeigen: Gelungene Inklusion ist kein Zufall, sondern Ergebnis von Strategie, Beteiligung, Innovation und politischem Willen. Sie beweisen, dass Barrierefreiheit und Exzellenz kein Gegensatz sind – im Gegenteil. Wer hier investiert, gewinnt nicht nur rechtlich, sondern auch gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell. Die Herausforderung liegt darin, diese Ansätze zu verstetigen, zu skalieren und als Standard für alle Städte zu etablieren – nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Bestandteil guter Stadtentwicklung.

Partizipation, Digitalisierung und der Weg zur inklusiven Stadt

Die zentrale Erkenntnis aus erfolgreichen Projekten: Ohne echte Partizipation ist Barrierefreiheit nicht erreichbar. Menschen mit Behinderungen müssen als Expertengruppe in den gesamten Planungsprozess eingebunden werden – von der Bedarfsanalyse über die Entwurfsphase bis hin zur Evaluation. Dies erfordert neue Formen der Beteiligung: niedrigschwellige Formate, barrierefreie Kommunikation, transparente Entscheidungswege und Feedbackschleifen, die nicht nur symbolisch, sondern wirksam sind. Digitale Tools bieten hier enorme Chancen: Online-Beteiligungsplattformen, 3D-Visualisierungen, Virtual-Reality-Simulationen oder Apps, mit denen Nutzer Barrieren melden oder Verbesserungsvorschläge einbringen können. Doch Digitalisierung ist kein Selbstläufer – sie kann ebenso neue Barrieren schaffen, etwa durch komplizierte Bedienung, fehlende Kompatibilität oder mangelnde Barrierefreiheit von Webangeboten. Umso wichtiger ist eine konsequente Anwendung der Prinzipien des Universal Design – sowohl digital als auch analog.

Ein weiteres Schlüsselelement ist die Verknüpfung von Barrierefreiheit mit anderen Zielen der Stadtentwicklung: Klimaanpassung, nachhaltige Mobilität, soziale Integration und Digitalisierung sind keine Gegensätze, sondern können sich gegenseitig verstärken. Beispielsweise führen barrierefreie Rad- und Fußwege nicht nur zu mehr Teilhabe, sondern auch zu weniger Autoverkehr und besserer Luftqualität. Multifunktionale Räume, adaptive Möblierung oder flexible Leitsysteme sind nicht nur inklusiv, sondern auch resilient und zukunftsfähig. Wer hier in Silos denkt, verschenkt Synergien und bleibt im Klein-Klein stecken.

Die Rolle der Verwaltung ist dabei ambivalent: Einerseits braucht es klare Vorgaben, Standards und Kontrollen, damit Barrierefreiheit nicht zur freiwilligen Leistung wird. Andererseits erfordert echte Inklusion Mut zu Experimenten, Offenheit für neue Methoden und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Viele Kommunen setzen inzwischen auf interdisziplinäre Teams, Innovationslabore oder Kooperationen mit Hochschulen und Zivilgesellschaft. Entscheidend ist, dass Barrierefreiheit nicht als isoliertes Projekt, sondern als Querschnittsaufgabe verstanden wird – mit klaren Verantwortlichkeiten, ausreichender Finanzierung und politischer Rückendeckung.

Die Wirtschaft spielt eine zunehmend wichtige Rolle: Immobilienentwickler, Verkehrsbetriebe, IT-Unternehmen und Start-ups entdecken Barrierefreiheit als Marktchance und Innovationsfeld. Das reicht von barrierefreien Smart-Home-Lösungen über inklusive Mobilitätsdienste bis zu digitalen Stadtführern und adaptiven Beleuchtungssystemen. Kooperationen zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft können die Entwicklung beschleunigen – sofern die Interessen der Nutzer im Mittelpunkt stehen und Standards eingehalten werden. Die Gefahr der Kommerzialisierung besteht immer dann, wenn Barrierefreiheit als „Nice-to-have“ vermarktet und nicht als Grundanforderung verstanden wird.

Schließlich ist Bildung ein entscheidender Hebel: Planer, Architekten, Verwaltungsmitarbeiter und Politiker müssen für die Belange von Menschen mit Behinderungen sensibilisiert und qualifiziert werden. Lehrpläne, Fortbildungen und Zertifizierungen sollten Barrierefreiheit als festen Bestandteil integrieren. Nur so entsteht ein neues Verständnis von Stadtplanung, das Vielfalt als Stärke begreift und Inklusion zur Selbstverständlichkeit macht – nicht als Pflichtübung, sondern als Qualitätsmerkmal urbanen Lebens.

Fazit: Inklusive Stadtplanung ist Innovation mit Mehrwert

Die Perspektive von Menschen mit Behinderungen ist keine Randnotiz, sondern ein Schlüssel zur Transformation unserer Städte. Wer Barrierefreiheit ernst nimmt, plant nicht nur für eine Minderheit, sondern für die Gesellschaft als Ganzes – und gewinnt dabei an Attraktivität, Resilienz und Innovationskraft. Die Beispiele aus Zürich, Wien, Erfurt und Basel beweisen: Inklusive Stadtentwicklung ist machbar und lohnend, wenn sie strategisch angegangen, partizipativ gestaltet und konsequent umgesetzt wird. Digitalisierung, Universal Design und multiperspektivische Beteiligung sind die Werkzeuge der Stunde – sie müssen mit Mut, Kompetenz und Weitblick eingesetzt werden.

Noch ist der Weg zur wirklich inklusiven Stadt steinig – zu viele Barrieren sind unsichtbar, zu viele Prozesse halbherzig. Doch der Trend ist eindeutig: Inklusion wird zum Qualitätsstandard, an dem sich Städte messen lassen müssen. Wer jetzt investiert, profitiert doppelt – durch zufriedene Bürger, wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Stadt der Zukunft ist offen, vielfältig und barrierefrei. Wer das verschläft, bleibt im 20. Jahrhundert stecken. Wer es gestaltet, setzt Maßstäbe für Generationen. Es lohnt sich, die Perspektive zu wechseln. Die Zeit für inklusive Stadtplanung ist jetzt.

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Die Ausstellung Nordic Urban Spaces in den Nordischen Botschaften Berlin zeigt nordische Architektur und Städtebau. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. September zu sehen. 

Wie gutes skandinavisches Design fallen auch die Stadtgestaltungsprojekte der Ausstellung„Nordic Urban Spaces“ in Berlin durch zurückhaltende, markante Formen und pragmatische Ansätze auf. Es sind keine Zweckbauten. Ihre Planer haben die Herausforderung angenommen über den reinen Nutzwert hinaus Mehrwert zu schaffen, sei es gestalterisch, funktional, ökologisch, energetisch oder partizipativ. Ein simples Beispiel dafür ist die 2014 eröffnete „Cykelslangen”, eine 230 Meter lange und vier Meter breite Fahrradrampe. Die schlanke, stählerne Brücke schlängelt sich durch den Kopenhagener Hafen. Die Konstruktion des Kopenhagener Büros Dissing+Weitling architecture ermöglicht Radfahrern den Bereich am Fisketorvet-Einkaufszentrum zügig zu durchqueren, ohne dabei mit den Fußgängern in Konflikt zu geraten. Neben dem Erlebnis die Rampe komplett für sich zu haben, eröffnet sie Radfahrern dabei einen spektakulären Ausblick über den Hafen. Zwischen den modernen Gebäudefassaden und über der Wasserfläche liegt sie als ikonisches Gestaltungselement.

Best-Practice

Wesentlich eindrücklicher als die sparsam beschriebenen Fotos, Pläne und Schemata auf Tafeln vermitteln an eine Wand projizierte Videos die Projektinhalte. Sie erlauben, auch dank Kopfhörer, in die teils sehr atmosphärischen und gut erläuterten Imagevideos einzutauchen. Schade, mehr davon hätte der Ausstellung gutgetan, um die Essenz der Planungen schneller zu erfassen. Als aktuelle Sammlung skandinavischer Best-Practice-Beispiele ist die Projektschau aber unbedingt besuchenswert.

In Kooperation mit dem Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin zeigen die Nordischen Botschaften in Berlin noch bis 28. September 41 Projekte unterschiedlichen Maßstabs: städtebauliche Planungen, Parks und Uferpromenaden, Brücken, öffentliche Gebäude, Wohnungsbau und U-Bahnstationen sind darunter. Aber auch Beispiele für Partizipation und ökologische Initiativen für Erwachsene und Kinder. Gemeinsam haben sie, dass die Konzepte in Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark oder Island großteils schon realisiert wurden oder manche noch umgesetzt werden sollen.

Wichtige Antworten

Wo: Nordische Botschaften, Rauchstraße 1, 10787 Berlin

Wann: 6. Juni bis 28. September 2018, Montag bis Freitag 10–19.00 Uhr, Samstag und Sonntag: 11-16.00 Uhr

 

Der Deutsche Städtebaupreis 2025 sucht nach innovativen, zukunftsweisenden Projekten. Die Bewerbung ist bis zum 30.09.2024 möglich.
Der Deutsche Städtebaupreis 2025 sucht nach innovativen, zukunftsweisenden Projekten. Die Bewerbung ist bis zum 30.09.2024 möglich.

Der mit 25.000 Euro dotierte Deutsche Städtebaupreis dient schon seit 40 Jahren der Förderung einer zukunftsweisenden Planungs- und Stadtbaukultur. Bis zum 30. September können sich Interessierte für den Deutschen Städtebaupreis 2025 bewerben. Das Thema des Sonderpreises 2025: „Umbaukultur in der zirkulären Stadt“.

Der Deutsche Städtebaupreis, ausgelobt von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) und gefördert von der Wüstenrot Stiftung, prämiert städtebauliche Projekte, die sich durch nachhaltige, innovative Beiträge zur Stadtbaukultur auszeichnen. Die Projekte sollen den aktuellen Anforderungen an zeitgemäße Lebensformen Rechnung tragen. Zudem sollen sie Herausforderungen an die Gestaltung des öffentlichen Raums, dem sparsamen Ressourcenverbrauch sowie Verpflichtungen gegenüber der Orts- und Stadtbildpflege gerecht werden.

Als Ideengenerator gilt der begehrte Sonderpreis, der besonders dringliche Handlungsfelder im Städtebau und der Stadtplanung betont. Beim Deutschen Städtebaupreis 2025 lautet das Thema dieses Preises „Umbaukultur in der zirkulären Stadt“. Die Bewerbung ist vom 1. April bis 30. September 2024 möglich.

Das Gesamtkonzept zählt

Der Deutsche Städtebaupreis ist mit insgesamt 25.000 Euro dotiert. Er wird schon seit über 40 Jahren verliehen und soll so eine innovative Planungs- und Stadtbaukultur in Deutschland fördern. Bewerbungen sind ab jetzt bis Ende September unter www.staedtebaupreis.de möglich.

Die Auslobung des Städtebaupreises bietet eine gute Gelegenheit, Projekte einem breiten Publikum zu präsentieren und sich mit Expert*innen und Fachleuten auszutauschen. Die Bekanntgabe der prämierten Projekte erfolgt im Rahmen einer Oscar-inspirierten Preisverleihung im Mai 2025 in der Berliner Akademie der Künste.

Teilnehmende Projekte müssen nach dem 1. Januar 2019 an Orten in der Bundesrepublik Deutschland realisiert worden sein. Dabei dürfen Konzeption und Entwurf weiter zurückliegen. Auch teilrealisierte Projekte können am Deutschen Städtebaupreis 2025 teilnehmen, wobei es möglich sein muss, von den realisierten Abschnitten auf das Gesamtkonzept zu schließen.

Die Bewerbung muss bis zum 30. September 2024 (Datum des Poststempels) eingehen. Teilnehmen können freischaffende und angestellte Stadtplaner*innen, Architekt*innen, Landschaftsarchitekt*innen sowie öffentliche und private Planungsträger*innen. Bewerber*innen müssen ihr Projekt online registrieren und die erforderlichen Unterlagen für die jeweilige Preiskategorie einreichen.

Verkündung des Deutschen Städtebaupreises 2025 im Mai

Die Jury des Deutschen Städtebaupreises 2025 wird die eingereichten Projekte nach ihrer stadtfunktionalen, stadträumlichen, sozialen und architektonischen Qualität bewerten. Zudem blickt sie darauf, inwieweit Projekte ein Gebiet für die dort wohnenden und arbeitenden Menschen verbessern. Siegerprojekte basieren auf integrierten Konzepten und einer beispielhaften Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren. Auch der Prozess einer gelungenen Kooperation fließt in die Bewertung mit ein.

Die folgenden Preiskategorien gibt es beim Deutschen Städtebaupreis 2025:

  • Deutscher Städtebaupreis: 15.000 Euro
  • Sonderpreis„Umbaukultur in der zirkulären Stadt“: 5.000 Euro
  • Bis zu fünf Auszeichnungen à 1.000 Euro
  • Belobigungen

Die Preisträger*innen, Ausgezeichneten und Belobigten erhalten als Zeichen der besonderen Anerkennung eine Urkunde im Rahmen der Festveranstaltung im Mai 2025. Sowohl die Siegerarbeiten als auch die anderen eingereichten Arbeiten werden im Rahmen einer bundesweiten Wanderausstellung und einer Dokumentation der Öffentlichkeit präsentiert. Die Preise werden in der Regel ungeteilt vergeben.

Mutige Akteur*innen gesucht

Der Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises ist besonders beliebt und hat oft eine impulsgebende Wirkung. Er dient als Ideengenerator und akzentuiert dringliche Handlungsfelder im deutschen Städtebau. Unter dem Titel „Umbaukultur in der zirkulären Stadt“ zeichnet er im Jahr 2025 Stadtbausteine aus, die städtebauliche Wandlungsfähigkeit zeigen und neue Impulse für das Quartier setzen.

Zu oft werden Nutzungen und Infrastrukturen aufgegeben. Sie hinterlassen Stadtbausteine, die auf den ersten Blick „sperrig“ erscheinen. Zugleich beinhalten sie aber auch vielfältige, meist unentdeckte Potenziale für die Umbaukultur in der zirkulären Stadt. Das können zum Beispiel leerstehende Kaufhäuser und Bürokomplexe, ehemalige Parkhäuser, aufgelassene Stadtautobahnen oder Gasthäuser im Dorf sein.

Der Preis fragt, wie durch eine Umbaukultur städtebauliche Impulse entstehen und welchen Beitrag Konzepte leisten können, um Monofunktionalität zu durchbrechen und die Gestaltungsqualität von Quartieren zu verbessern. Besonders wichtig ist, dass das Siegerprojekt das Konzept der zirkulären Stadt konkret umsetzt.

Der Deutsche Städtebaupreis 2025 formuliert den Aufruf für Bewerbungen auf den Sonderpreis wie folgt: „Wir suchen neue Blicke auf die Begabungen von Gebäuden und der gebauten Umwelt, mutige Akteur:innen in den Prozessen des Städtebaus sowie innovative Planungs-, Finanzierungs- und Umsetzungsmodelle. Willkommen sind Projekte, die bereits fertiggestellt oder soweit fortgeschritten sind, dass die zu erwartenden Impulse für das Quartier erkennbar sind.“

Der Sonderpreis sucht nach Vorzeigebeispielen für die Umbaukultur in der zirkulären Stadt. Credit: Josh Power
Der Sonderpreis sucht nach Vorzeigebeispielen für die Umbaukultur in der zirkulären Stadt. Credit: Josh Power

Münchner Werksviertel gewann 2023

Die erste Jurysitzung für den Deutschen Städtebaupreis 2025 wird im November 2024 stattfinden, gefolgt von der Bereisung der Projekte durch die Jury im November und Dezember. Im Januar 2025 folgt eine zweite Jurysitzung und die Entscheidung wird Mitte Februar beim Berlin-Symposium getroffen.

Die Jury des Deutschen Städtebaupreises 2025 setzt sich wie folgt zusammen:

  • Juryvorsitzender: Dipl.-Ing. Tim von Winning, Bürgermeister für Stadtentwicklung, Bau und Umwelt, Ulm
  • Dr. Thomas Drachenberg, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum
  • Sabine Müller, SMAQ Architektur und Stadt, Berlin
  • Marie-Theres Okresek, bauchplan ).( landschaftsarchitekten und stadtplaner
  • -Ing. Jórunn Ragnarsdóttir, LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
  • PD Dr. Anja Reichert-Schick, Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg
  • -Ing. Monika Thomas, Präsidentin DASL, Hamburg und Ständiger Gast für den Wissenschaftlichen Beirat
  • Dr. Christina Simon-Philipp, Hochschule für Technik Stuttgart

Der Deutsche Städtebaupreis wird seit 1980 alle zwei Jahre vergeben. Er hat einen ganzheitlichen Anspruch und fordert die Teilnehmenden so heraus, wegweisende, interdisziplinäre und weitsichtige Projekte zu entwickeln, die den Ansprüchen der Gesellschaft entsprechen und diese zugleich formen.

Der letzte Deutsche Städtebaupreis ging im Jahr 2023 nach München und ehrte das Werksviertel, ein Projekt, das auf Grundlage des Bestands ein buntes Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungen generiert. Der Ort soll zu allen Tages- und Nachtzeiten belebt werden und hat dabei einen experimentellen Charakter.

Mehr zum Münchner Werksviertel lesen Sie hier.